Wenn nun besonders Windmühlen gebaut wurden, so hat das seinen Grund in

der Tatsache, daß die Gegend von Neugersdorf, Hetzwalde, Leutersdorf,

Eibau und Kottmarsdorf arm an natürlichen _triebkräftigen_ Gewässern

ist. Der alte Chronist sagt: »An Gewässern fehlt es uns ebenso; denn

wir haben hier in Altgersdorf blos 1. den Spreegraben, 2. den Mühl-

und Fluthgraben, 3. den Rothen-Mühlteich, 4. den Bleichteich und 5.

die Kranichpfütze. Ein Fluß, oder auch nur ein Bach, geht leider durch

unsre Fluren nicht. An Gewässern ist auch Neugersdorf ziemlich arm,

weshalb ja auch seine Erbauung so lange Zeit problematisch blieb, denn

es hat nur zwei große und einen kleinen Teich, nebst einigen Teicheln

und Dorfgraben, welche bereits bei Angabe der Spreequellen erwähnt

worden sind. Daß die Dorfgraben bei Weitem noch nicht die Breite eines

Baches erreichen, ist bekannt. Am wasserärmsten ist die Vorderecke

und der Berg. Es sind da nur einige von den Teicheln, von denen die

Gründungsschrift sagt: man solle ›wieder Gruben und ausgebohlte

Wasserkasten‹ machen, um Wasser zu sammeln, weshalb namentlich am

Berge leicht Wassermangel eintritt.« Die genannten stehenden Gewässer

reichten oft nicht aus, um einer Wassermühle das ganze Jahr hindurch

Triebkraft zu liefern, denn sie waren meist nur Sammelbehälter des

Regenwassers, lagen also in Bodenmulden. In der neuen Chronik von

Neugersdorf lesen wir: »Da, wo jetzt der von dem Brauereibesitzer

Bundesmann erbaute Eiskeller steht und oberhalb des Röthigschen, jetzt

Rotheschen Hauses, befand sich früher der obere Mühlteich. Dort stand

eine Mühle mit unterschlägigem Gange. Da aber zur heißen Sommers- und

zur kalten Winterszeit wenig Wasser zum Betriebe vorhanden war, ist

diese sogenannte Obermühle in der Zeit von 1740 bis 1750 außer Betrieb

gesetzt, der Teich zugefüllt und in Wiese verwandelt worden.« Und die

»Teichel« waren angelegt, um bei Feuersgefahr Wasser zu haben oder als

Viehtränke zu dienen, wie aus folgender Nachricht ersichtlich ist.

»Außerdem fand sich auf der Langewiese ein Teich vor, welcher zum

Tränken des Viehes benutzt wurde. Als der Rat zu Zittau im Jahre 1775

ein Geräumigt von 1 Scheffel an Gottfried Gocht verkaufen wollte, in

welchem dieser Teich gelegen war, erhoben die Altgersdorfer dagegen

Protest, da die Pfütze mit ihrem laufenden Wasser zum Tränken des

Viehes diene, ›sie seien keine Bauern und keine Gärtner, sondern nur

reine Leineweber, mithin die Milch und Butter ihr größtes Labsal sei.‹

Außerdem wird Repert. III., Kap. 1, 3 der Kranichpfütze Erwähnung

getan, welche ebenfalls zum Viehtränken benutzt wurde. Es waren

von 3 Seiten Dämme errichtet, von der Westseite aus wurde das Vieh

hineingetrieben. Als der Teich einmal geschlemmt worden war, wurde

die Benutzung desselben von Zittau verboten, später aber auf Ansuchen

des Richters und Gemeindeältesten im Jahre 1819 gestattet.« Für

_neue_ Wassermühlen in Neugersdorf waren außerordentlich kostspielige

Kunstteiche nötig, um dauernde Triebkraft zu erhalten, denn die

vorhandenen standen bereits an den Plätzen im Gelände, die von Natur

aus zur Wasserstauung günstig lagen, um den »Mühlteich«, den Lebensnerv

für die Mühle, das ganze Jahr hindurch triebkräftig zu haben. Ähnlich

lagen die Verhältnisse in Hetzwalde, Neueibau, Oberleutersdorf,

Spreedorf und Kottmarsdorf. Den neuerrichteten Mühlen in dieser

Landschaft blieb in jenen Zeiten nur der Wind als Antriebskraft übrig.

In den vielen Hügeln war eine Vorbedingung für den Windmühlenbetrieb

erfüllt.

Abbildung 1 zeigt uns eine von den noch in Betrieb befindlichen

Windmühlen. Es ist die Windmühle zu Hetzwalde, im Munde der

Einheimischen »Hetzemühle« genannt. Eine Besonderheit trug und trägt

sie an sich. Hatte sie ehedem acht Flügel, so läßt sie zur Stunde

_fünf_ Flügel vom Winde bewegen. Ihre in nächster Umgebung noch

»gehende« Windmühle, die Zimmermannmühle bei Oberleutersdorf, hat

gegenwärtig auch fünf Flügel, seit 1917, bis dahin deren vier. Abb.

2 u. 3. Vier ist die gewöhnliche Flügelzahl. Auf die Frage, warum

die Flügelzahl von acht auf fünf gebracht wurde, antwortete der

»Hetzemüller«, es sei unpraktisch gewesen, der Wind habe sich »darin

verfangen«. Die Flügel sind aus kleinen Brettern, den Windklappen,

zusammengesetzt. Unser Bild 2 zeigt, daß jeder Flügel eine schmale und

eine breite Reihe Windklappen aufweist. Bei der schmalen Reihe ist

jede Klappe 60 Zentimeter, bei der breiten 1 Meter 10 Zentimeter lang.

Die Windklappen sind beweglich. Starker Wind öffnet die »geschlossene«

Fläche. Auch vom Innern der Windmühle aus kann der Müller mit Hilfe

des Regulierkastens die Windklappen so stellen, daß der Windaufprall

so geschieht, wie er ihn für seine Arbeit gerade braucht. Daß mitunter

der Wind der Windmühle gegenüber ein gewalttätiger Herr werden kann,

beweist die Tatsache, daß er der »Hetzemühle« 1921 drei Flügel, 1922

einen Flügel und 1923 wieder einen Flügel abbrach, so daß innerhalb

drei Jahren alle fünf Flügel erneuert werden mußten. Damit sich die

Flügel drehen, muß der Wind immer senkrecht auf sie auftreffen, nie

von links oder rechts. Um dabei den Anprall auf das »Windmühlenhaus«

etwas zu mildern, ist die Flügelwand möglichst schmal und mit den

Seitenwänden durch abgeschrägte Flächen verbunden (siehe Abb. 4).

Der Wind wechselt seine Richtung. Die Flügel müssen also so gestellt

werden können, daß er sie senkrecht trifft. Aus diesem Grunde ist die

ganze Windmühle drehbar. Sie ruht auf einem ungeheuer starken Balken,

der senkrecht auf einem in die Erde eingelassenen Steinblock steht.

Gestützt wird der Balken durch einige andere fast ebenso starke. Dies

Grundgerüst heißt Bock, die Windmühle eine Bockwindmühle. Abbildung 5

zeigt die »Hetzemühle« von hinten. Aus der Windmühle ragen zwei Balken,

einer schräg, der andere wagerecht. Der wagerecht herausstehende ist

mit einem zweiten, der auf einem eisernen Rad ruht, verbunden. Diese

Vorrichtung nennt der Windmüller den »Sterz«. Um ihn vor schädigenden

Witterungseinflüssen zu schützen, wurde er mit einem Bretterverschlag

umgeben. Das Ganze macht den Eindruck eines offenen Tores, besonders

wenn man sich auf unserm Bild etwas nach links gestellt denkt. Auch

aus der Ferne gesehen, wundert sich so mancher Wanderer über das

»offene Tor« an der Windmühle. Bei anderen Windmühlen ragt der »Sterz«

nur als ein langer Balken schräg aus der Mühle heraus. Der schräg

herausstehende Balken auf unserm Bild ist ein Stützbalken. Um nun die

Flügel in senkrechte Stellung zum Winde zu bringen, geht der Windmüller

an den »Drehwagen« (siehe Abb. 4). Auf einem fahrbaren Gestell steht

senkrecht die Achse eines Wellrades. Oben ist die Walze durchbohrt.

Durch das Loch steckt der Windmüller eine Stange, die die Speiche eines

Rades darstellt. Vom »Sterz« aus führt eine eiserne Kette (auf dem Bild

5 am eisernen Rad sichtbar) zur Walze und wickelt sich darum, wenn

der Windmüller mit Hilfe der Stange sie dreht. Dann nähert sich der

»Sterz« dem Drehwagen, die Windmühle wird »gedreht«, in unserm Falle

rechts herum. Das Gesetz am Wellrad ausnutzend, nach dem die Kraft nur

der sovielte Teil der Last zu sein braucht, wie der Halbmesser der

Welle vom Halbmesser des Rades, um einer Last das Gleichgewicht zu

halten, läßt er die Stange (Speiche des Rades, Halbmesser!) auf der

einen Seite möglichst weit aus dem Walzenloch herausstehen. So wird

es ihm möglich, die Windmühle, die mit ihrer Inneneinrichtung eine

bedeutende Last darstellt, nach Bedarf zu drehen. Der Drehwagen wird

an einem der vorspringenden Steine, die im Kreise um die Mühle in die

Erde gelassen sind, während des Drehens verankert. Ist der »Sterz« bis

ziemlich an den Drehwagen gekommen, dann wird dieser bis zum nächsten

vorspringenden Steine gefahren, festgemacht, und die Arbeit des Drehens

beginnt von neuem. Dies wiederholt sich solange, bis die Windmühle die

gewünschte Stellung einnimmt. Da ein großer Teil der Windmühlenlast auf

dem Sterz ruht, so drückt das eiserne Rad erheblich auf den Erdboden.

Um ein Eindrücken in denselben zu verhindern, was ja ein Neigen der

Windmühle zur Folge hätte, läuft das Rad auf Steinfließen, die einige

Zentimeter breiter als das Rad sind und einen Steinkreis um die Mühle

bilden.

[Illustration: Abb. 4 =Hetzemühle= von der Flügelseite gesehen. Müller

am Drehwagen]

Unser Bild 5 zeigt eine Mühle, die durch die vielen Fenster

bemerkenswert ist. Vierzehn große Fenster sind zu sehen, auf der

uns abgekehrten rechten Seite weist sie ebenfalls sechs auf, gibt

zwanzig Stück. Dazu kommen noch drei kleine, zwei über, eins unter

dem vorspringenden Dache. Sie ist die größte von den noch »gehenden«

Windmühlen. Auch im Innern weist sie eine Sonderheit im Vergleich zu

andern auf, indem außer Spitzgang und Mahlgang noch ein Walzenstuhl

aufgestellt ist. Eine beherrschende Stellung nimmt die »Hetzemühle« in

dieser Windmühlenlandschaft ein, da sie einmal ziemlich in der Mitte

derselben liegt und zum andern auf einem in diesem Gelände besonders

hervortretendem Hügel (Abb. 1). Siebzehn Windmühlenstandorte sind von

ihm aus zu sehen. Aber nur noch fünf Windmühlen, und davon wieder nur

vier kann der »Hetzemüller« gegenwärtig beim Mahlen beobachten.

[Illustration: Abb. 5 =Hetzemühle= mit torartigem Sterz]

Wie behaglich ist es, mit dem Windmüller im kleinen Mahlstübchen der

Zimmermannmühle auf dem staubigen »Kanapee« zu sitzen. Am Fenster

huschen die Flügel vorbei. Das Gebälk knarrt. Das Mahlstübchen mit dem

Kanapee und uns schaukelt ganz merklich. Der Lehrbursche besorgt für

eine Viertelstunde des Meisters Arbeit.

[Illustration: Abb. 6 =Hetzemühle im Innern: Mahlpumpe mit Kühlschiff=

(rechts der runde offene Behälter)]

Auf die Frage, warum soviele Windmühlen »eingegangen« seien, erzählt

der Windmüller vom Aufkommen der _Dampfmühlen_, daß viele Windmühlen

zum Aufstellen von _modernen_ Mahleinrichtungen nicht geeignet

gebaut waren, daß die _Eisenbahn_ viel Mehl ins Dorf brachte und mit

Wichtigkeit von schlechten _Windjahren_. Oft brachte der Bauer sein

Korn erst zur Mühle, wenn er das letzte Mehl gerade verbrauchte. Nun

sollte der Müller gleich mahlen. Ja, gern, aber der Wind blieb aus!

Viele Bauern gingen zum Bäcker, der ihnen aus seinem Vorrat sogleich

Brot und Mehl gegen ihre Körner eintauschte. Dadurch zogen die Bäcker

die Bauern an sich. Der Windmüller hatte das »Zugucken«, er kam um

seine Arbeit.

[Illustration: Abb. 7 =Burgmühle in Kottmarsdorf.= Kottmar im

Hintergrund

Höchstgelegene Windmühle in der südlichen Oberlausitz]

Und auf die zweite Frage, warum trotz dieser Umstände sich einige

Windmühlen bis auf den heutigen Tag gerettet haben, gibt er uns den

Bescheid: »Das ist durch den Krieg geworden.« In den Kriegsjahren waren

die meisten Bauern »Selbstversorger«. Der Bäcker konnte ihnen kein Mehl

und kein Brot für ihr Getreide geben; denn sein »zugeteilt bekommenes«

Mehl mußte ja mit den von ihm »abgegebenen« Brotmarken übereinstimmen.

Der Selbstversorger bekam keine Brotmarken, mithin war mit dem Bäcker

»nichts zu machen«. Schaffte er seine Körner in die Mühle, so bekam

er dafür sein ihm zustehendes Mehl und Brot, da der Windmüller in den

meisten Fällen auch einen Backofen hat. Während der Inflationszeit

kamen dem Windmüller die Kohlenteuerung (Dampfmühlen!) und die hohen

Frachtsätze der Eisenbahn und Lastautos zugute; denn der Bauer fuhr

sein Getreide in die Mühle, anstatt beim »teuren« Bäcker zu kaufen

oder zu handeln. So lebte ein Stück Windmühlenzeit noch einmal auf.

Wie lange? Ist es ein letztes Aufflackern? Dann gehört auch Julius

Lohmeyers Reim vom Windmüller der Vergangenheit an:

Der Wind fegt über Berg und Tal

Und treibt die Wolken sonder Zahl,

Er saust und braust durch Feld und Wald,

Da ruft der kluge Müller: »Halt,

Du fauler, fahrender Gesell,

Jetzt mach dich an die Arbeit schnell,

Blas’ in die Flügel, dreh’ den Stein,

Mahl’ mir das Korn hübsch zart und fein,

Damit der wackere Bäckersmann

Uns Brot und Semmeln backen kann

Und süße Mandelplätzchen

Für unsere beiden Schätzchen.«

Zur Steinkreuzfrage

Von Dr. _Kuhfahl_, Dresden

Auf meine ausführlichen Schilderungen im Heft 7/8 ist mir eine sehr

große Zahl von Zuschriften zugegangen, für die ich zunächst nur

hierdurch danken möchte. Wenn wirklich neue Entdeckungen vorliegen, so

werde ich mit den Einsendern noch selbst in Verbindung treten. In den

meisten Meldungen werden mir jedoch Steinkreuze genannt, die bereits

in meinen früheren Verzeichnissen von 1914 erwähnt waren; ich bitte

hierfür den Dank im allgemeinen entgegenzunehmen.

Bei dem großen Interesse, das der Steinkreuzforschung allgemein

entgegengebracht wird, erscheint es wünschenswert, meine längst

vergriffenen früheren Aufsätze mit dem Ergebnis der neueren Forschungen

zusammenzuarbeiten und in Form einer geschlossenen Veröffentlichung

herauszubringen. Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz

beabsichtigt, hierzu die Möglichkeit zu schaffen.

Warum muß der Dresdner Zwinger erhalten werden!?

Von Dr.-Ing. _Hubert Ermisch_

[Illustration:

Aufnahme von Dr. Ermisch, Dresden

Abb. 1 =Putte als Giebelbekrönung am Wallpavillon= (Wallseite)

Die beiden Gesichtshälften sind durch Frost abgesprengt.]

Zur Leipziger Messe, dem Treffpunkt von Nord und Süd, sprach ich mit

einem norddeutschen Maler, der kunstgewerbliche Arbeiten ausgestellt

hatte, über die Wiederherstellung des Zwingers. Ich hatte ihm erzählt,

daß man mir voraussichtlich diese Arbeiten anvertrauen wollte. »Nun,

das werden Sie doch unbedingt ablehnen.« – »Warum? Im Gegenteil, ich

freue mich über diese interessante Aufgabe.« – »Beim Heidelberger

Schloß ist man doch auch dagegen, daß der Ott-Heinrichbau wieder

erneuert wird.« – »Ja, das ist doch etwas ganz anderes, das ist eine

Ruine.« – »Nun dann schmeißen Sie ein paar Bomben hinein, daß der

Zwinger auch eine Ruine wird.« – »Aber hören Sie mal, was hat Ihnen

unser Dresdner Zwinger angetan?« – »Solange uns diese scheußlichen

überlebten Formen wie Klötzer an den Beinen hängen, werden wir keine

Fortschritte in der neuen deutschen Kunst erreichen!« – »Aha, der

berühmte Bolschewistenstandpunkt,« dachte ich, »erst mal alles kurz

und klein schlagen und dann hinterher nicht annähernd Gleichwertiges

schaffen können.« Und doch ging mir dies Gespräch, besonders der

Vergleich mit dem Heidelberger Schloß lange Zeit durch den Kopf. Aber

es ist _doch_ ein Unterschied. In Heidelberg ist es eine Fassade,

die man übrigens auch hin und wieder ausbessert, Vierungen einsetzt

und Teile ergänzt. Man hat aber abgelehnt, das zu dieser Fassade

gehörige Haus mit Dach usw. zu erneuern. Man wollte die Idee der

Fassade erhalten, den _Kunstgedanken_, ohne ihn durch moderne Zutaten

beeinträchtigen zu lassen. Zu diesen Zutaten hätten die Fenster,

Türen, Dachrinnen und schließlich vor allem das Dach gehört. Beim

Zwinger liegt die Sache ja wesentlich anders: Der Zwinger ist das

Gehäuse überaus wertvoller Sammlungen, die kaum in absehbarer Zeit

den erhofften Neubau werden bekommen können. Schon aus diesem rein

praktischen Grunde muß der Zwinger erhalten bleiben.

[Illustration:

Aufnahme von Dr. Ermisch, Dresden

Abb. 2 =Putte vom Pavillon ~F~= (Mathemat. Salon) wurde provisorisch

mit Seilen festgehalten, um ein Abstürzen zu verhüten]

[Illustration:

Aufnahme von Dr. Ermisch, Dresden

Abb. 3 =Pfeilerfigur von Permoser am Wallpavillon=

Der rechte Arm war in Zement ausgeflickt und wurde in Sandstein

ergänzt, Blattschmuck über der Volute, der nur mit Kalkweiße angeklebt

war, wird durch ein Vierungsstück, das auf dem Bilde fertig zu sehen

ist, ersetzt]

Aber auch der _Kunstgedanke_ muß hier erhalten bleiben, der

Kunstgedanke dieses einzigartigen, formenvollendeten Bauwerkes des

Dresdner Barock. Der Gedanke des Bauwerkes: Ein Rahmen für »alle Arten

öffentlicher Ritterspiele, Gepränge und andere Lustbarkeiten des Hofes«

konnte schöner und überzeugender nicht zum Ausdruck gebracht werden.

Dabei die wohltuende klare Grundrißentwicklung. Bedauerlich ist nur,

daß spätere Zutaten den Gesamteindruck beeinträchtigen und daß die

umgebenden Bauten so wenig Rücksicht auf dieses Kunstwerk genommen

haben. Aber trotzdem können wir stolz sein auf dieses Meisterwerk

des deutschen Barock. Es ist wahrlich erhaltenswert. Es war aber

auch allerhöchste Zeit, daß mit aller Energie dem weiteren Verfall

entgegengearbeitet wurde. Das Schicksal schreitet unheimlich schnell.

Besonders in der kalten Jahreszeit bringt jeder Frost neue Schäden an

den Tag. Wie gewöhnlich kommt kein Unglück allein. Die Geldnot der

letzten zehn Jahre, die alle Vorbeugungsmaßnahmen unmöglich machte, der

unglückselige Ölfarbenanstrich, mit dem man im vorigen Jahrhundert

den Bau zu schützen suchte, und nicht zum wenigsten auch die bodenlose

Leichtsinnigkeit mit der vor zweihundert Jahren der Bau errichtet

wurde und die wohl schon oft denen zu denken gegeben hat, die mit dem

Schutz des Bauwerkes betraut waren. Noch ist der Gesamteindruck nicht

zerstört, aber eine Figur nach der anderen fällt um, ein Zierat nach

dem anderen bröckelt ab. Wie soll aber der Bau erneuert werden, wenn

man vom alten Bestand nur kümmerliche Bruchstücke überliefert bekommt.

Im Januar 1924 fiel eine der reizvollsten Putten vom Pavillon ~F~ – dem

Mathematischen Salon – herunter, eine weitere liegt z. Zt. zertrümmert

in der Dachrinne, eine dritte hatte man zur Sicherheit mit Stricken

an die Esse angebunden. Da gilt es rasch handeln und dauernd auf dem

Posten zu sein, weiteres Unheil zu verhüten. Alle gefährdeten Teile

werden photographisch festgelegt und danach in Sicherheit gebracht um

dann, wenn die Wiederherstellungsarbeiten an diesem Punkt angelangt

sind, ganz oder teilweise erneuert wieder an die alte Stelle zu

kommen. Bei allen Erneuerungsarbeiten wird mit peinlichstem Abwägen

darauf gesehen, daß möglichst viel »Altes« erhalten werden kann. Georg

Wrba wacht über der Schar der Bildhauer, daß der Charakter des Baues

durch die Erneuerung nicht verlorengehe. Besonders alle Ergänzungen,

die ja leider nicht zu umgehen sind, werden unter seiner Leitung und

nach seinen Angaben ausgeführt. Die Arbeiten der Wiederherstellung

werden im Frühjahr außer am Wallpavillon, noch an der Langgalerie

nach der Ostraallee zu, und im Sommer voraussichtlich am Pavillon ~F~

(dem Mathematischen Salon) in Angriff genommen werden. Ein gut Teil

der Mittel für diese Instandsetzung soll aus der Geldlotterie des

Heimatschutzes fließen. Möchten alle Freunde unseres schönen Dresden,

möchten alle, die für Kunst und Denkmalpflege ein warmes Herz haben,

an ihrem Teil zum Erfolge der Lotterie beitragen und so helfen, daß

dem völligen Zerfall dieses Meisterwerkes deutscher Barockbaukunst

erfolgreich entgegengearbeitet werden kann.

[Illustration:

Aufnahme von Dr. Bachmann, Dresden

Abb. 4 =Zustand des Schmuckfeldes über einem Bogen des Wallpavillons

nach Ablaugen der Ölfarbe=]

Bücherbesprechung

1923 ist bei der Franckh’schen Verlagshandlung in Stuttgart ein

Heft erschienen: R. H. Francé, Die Entdeckung der Heimat. Wenn das

Büchlein infolge seines beschränkten äußeren Umfanges auch mehr

anregend als erschöpfend darstellen kann, so hat es doch eine besondere

Bedeutung: war »Heimat« bisher nur ein starkes, jedoch auch dunkles

Gefühlserlebnis vieler – durch dieses Buch wird uns das bloße Gefühl

zu klarem (wer brauchte heute nicht Klarheit!) Erkennen. Das heißt:

Wer es noch nie gefühlt haben sollte (es gibt solche Großstädter), der

muß es beim Lesen dieses Buches erkennen, und wer es bisher dunkel

fühlte, der »entdeckt« es jetzt klar und deutlich: Heimat ist eine

Großmacht, unbesieglich und letzten Endes auch unzerstörbar. Wenn

wir sie zerstören, dann zerstören wir uns nur selbst. – Es gibt kein

größeres Unglück als heimatlos zu sein. Heimatkunde ist die Königin

alles Wissens und Heimatkunst die Krone alles Schaffens. – Eine

Schule, die den ihr Anvertrauten die Fertigkeiten des Berufs und dazu

als Untergrund und Erdreich aller seelischen Blüten eine richtige

Heimatkunde mitgibt, kann nicht mehr übertroffen werden. – Das sind

keine Schlagworte. Durch sachliche, objektive Anschauung in der Natur

(Pflanze und Tier, Klima und Bodenbeschaffenheit) gelangt der Verfasser

– und mit ihm muß das jeder ehrliche Leser tun – zu den angeführten

Folgerungen. Zu ihnen will das Büchlein jeden führen. Ein solches

grundlegendes, Klarheit schaffendes Werk müßte in jedes Heimatfreundes

Hände gelangen (zumal es nur 1.20 M. kostet); und wer noch kein

»Heimatfreund« ist, der sollte es erst recht lesen!

Das ist des Buches besonderer Wert: Heimat bleibt nicht nur ein Teil

unsrer Gefühlserlebnisse, sondern Heimat wird uns auch die wichtigste

Entdeckung unsres Erkenntnisvermögens.

Günther Lamm.

Naturdenkmal

[Illustration:

Aufnahme von Josef Ostermaier, Blasewitz-Dresden

=Eiche im Schloßpark zu Großgraupa=]

[Illustration:

Aufnahme von Josef Ostermaier, Blasewitz-Dresden

=Bergahorn in Rehefeld=]

Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt –

Druck: Lehmannsche Buchdruckerei

Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden

Helft den

Dresdner Zwinger

erhalten!

Kauft Geldlose zu 1 Mark

Ziehung 2. und 3. Februar 1925

_Bestellkarte inliegend_

Vertrieb durch alle Kollekteure

Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Lange

Reihen von Gedankenstrichen wurden verkürzt. Die doppelte

Werbeseite am Ende des Buches wurde entfernt.

Korrekturen:

S. 425: 1887 → 1787

welches ich am 28. Sept. {1787} sah und des großen Gegenstandes

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 11-12 · 第 7 / 7 段