Was ihn zu diesem Schritte veranlaßte, ist zweifelhaft. Möglich, daß ihn
der 1126 erfolgte Regierungsantritt des Königs Alfonso VII. Raimundez
von Kastilien dazu bewog. Dieser war den Juden freundlich gesonnen.
Seitdem er gar den edlen Jehuda Hanassi ibn Esra mit einem hohen
Staatsamte betraut hatte (1129), wurde Kastilien für die Juden geradezu
ein Asyl. Die Zeit, in der Jehuda Halevi nach Toledo kam, würde nach
dieser Auffassung um 1130 anzusetzen sein, was mit seinen übrigen
Lebensverhältnissen in Einklang stehen würde. Jehuda Halevi ließ sich in
Toledo als Arzt nieder und entfaltete bald eine große Tätigkeit. Zu groß
für ihn. Er fühlte sich nach kurzer Zeit als ein Knecht seines Berufes.
Zudem empfand er die Nichtigkeit seines Wissens und Könnens, klagte über
die Wertlosigkeit seiner Kunst und über die Dummheit der Leute, die zu
jeder möglichen und unmöglichen Stunde zu ihm gelaufen kamen, um Heilung
zu verlangen, und brutal wurden, wenn er nicht heilen konnte. Trotzdem
war er ein besserer Arzt, als er selber glaubte. Die natürliche
Behandlung, die er anwandte, indem er das Hauptgewicht auf die Hygiene,
auf Luft und Licht, Essen und Trinken, Bewegung und Ruhe, Schlafen und
Wachen legte, verschaffte ihm viel Vertrauen. Und wenn ihm die
angestrengte Tätigkeit auch lästig war, so hat sie ihm doch aller
Wahrscheinlichkeit nach das gebracht, was ihm immer gefehlt hatte, die
materielle Sorglosigkeit. Als er einige Jahre später nach dem Süden
zurückkehrt, ist er ein unabhängiger Mann.
X
Um 1135 wird es gewesen sein, daß Jehuda Halevi über die Brücke von
Cordova schritt, um nie wieder diese Stadt zu verlassen bis zu dem
Augenblicke, wo er seine Wallfahrt nach Palästina antrat.
Cordova! Dieser Name bedeutet die letzte und reichste Epoche im Leben
Jehuda Halevis. Eine glückliche Epoche. Wohl war er äußerlich ein
alternder Mann geworden, als er seinen Einzug in die herrliche Stadt
Andalusiens hielt. Aber er selber wollte es nicht wahr haben. Denn er
fühlte sich jung wie am ersten Tag. Die schwarze Locke war ergraut, aber
darunter blühten frische, jugendliche Züge, und es war seine Eitelkeit,
auf den anmutigen Gegensatz zwischen dem weißen Haar und den braunen vom
Barte umrahmten Wangen hinzuweisen. Die Unstetheit seines Lebens hatte
ihn nicht beugen können. Spät war die Ruhe gekommen, aber nun war sie da
und trug herrliche Blüten und Früchte.
Cordova! Hier lernte er kennen, was Ruhm heißt. »Ganz Israel bekennt
sich zu dir,« rief ein Freund ihm zu. Und selbst konnte er von sich
sprechen: »Jehuda Sohn Samuels! Enkel Samuels! Sein Zelt ist bekannt von
den Enden Edoms bis zum Flachlande, von Kastilien bis Andalusien.« Man
hörte auf ihn. Es sammelten sich Schüler um ihn, die er »als seines
Gartens Blumen« liebte und pflegte, und die mit Andacht am Munde des
Meisters hingen, der ihnen seine Religion predigte und den Glauben
seines Lebens.
Von vielen umworben, gewährte er doch nur wenigen das Glück seiner
Freundschaft. 1138 wurde Joseph ibn Zadîk Dajan[2] von Cordova. Er war
es, der unserem Dichter am nächsten stand, in seinem Hause weilte er am
liebsten, ihm Ehrenlieder weihend, die auf den Gastereien Ibn Zadîks
vorgetragen wurden. Aber auch ein spätes Familienglück erblühte ihm
noch. Er konnte seine Tochter verheiraten und wiegte noch ein
Enkelsöhnlein auf den Knien, das denselben Namen trug wie er.
Im Scheine dieses abendlichen Glückes setzte sich Jehuda Halevi noch
einmal nieder, um in einem umfangreichen Werke die letzten Schlüsse
seines Lebens zu ziehen. Das ist die philosophische Schrift Al Chazârî,
»das Buch des Argumentes und Beweises zur Verteidigung des verachteten
Glaubens«. Als er im Jahre 1140 dieses Werk begann, da sollte es eine
Streitschrift werden, eine Streitschrift gegen die Feinde von außen und
die Feinde von innen. Seine weithin hallende Stimme sollte vom Ruhme
Israels zeugen. Als er es beschloß, war es viel mehr geworden: Das
persönlichste Bekenntnis seines Lebens. Und schreibend war er selbst ein
anderer geworden.
Al Chazârî ist ein philosophisches Werk, geschrieben von einem Verächter
der Philosophie, das sagt alles. Ein Werk des Verstandes, in
Leidenschaft begonnen und vollendet, ein Werk des Beweises, dessen
Argumente allein in seinem Pathos liegen. Dem kritischen Geiste hält es
nicht stand, aber dennoch ist es stärker als er; um so viel stärker, wie
Jeremia stärker ist als Aristoteles. Al Chazârî ist das Werk eines
Dichters. Schon die Form ist eine dichterische: Der Dialog. Der König
der Chazaren ringt um die Wahrheit. Eine Stimme war im Traume über ihn
gekommen: »Dein Wille gefällt mir, doch nicht die Tat!« Da geht er, die
Tat zu suchen. Aber er findet sie nicht. Der Philosoph, der Christ, der
Muslim lassen ihn im Dunkel. Schließlich kommt er zum Juden, den er
verachtet. Der lehrt ihn die Tat. Lehrt ihn die realste aller
Religionen, das unmittelbarste Wissen von Gott: Offenbarung. Offenbarung
ist das A und das O dieses Werkes. Und seine verschwiegene Predigt ist,
daß Offenbarung gesucht und erkämpft werden muß und -- kann. Wohl hat
die arme Zeit nichts als Ueberlieferung, die Tradition von Mund zu Mund,
die ihr die Wahrheit aller göttlichen Offenbarungen verbürgt. Aber diese
Ueberlieferung ist selbst Offenbarung, weil es die Ueberlieferung der
Adelsmenschen dieser Welt ist, die Ueberlieferung derer, die am Fuß der
Himmelsleiter stehen. Es ist das Kleinod Gottes, Israel, das die
Gottesschau der Sechsmalhunderttausend kündet. Wer redet da? Wer wagt es
zu zweifeln? Weh dem, der die Kette zerreißt, die uns mit den
Jahrtausenden rückwärts verknüpft! --
Werden wir noch einmal Gott schauen? Ist es möglich, zu ihm zu dringen?
Wer trägt uns zu seinem Throne? -- Der denkende Geist? Nimmermehr.
Tausendmal heiler als das Auge der Spekulation ist das Auge der
Prophetie. Wer beweisen will, geht in die Irre. -- Die Selbstkasteiung?
Allein wird sie uns niemals Gott näher bringen. Eines muß hinzukommen:
Die gute Tat. Sie ist die Kraft, die uns helfen wird. Nur durch Gottes
Wort kommt man zu Gott. Sein Gebot ist die Brücke, die zu ihm führt. --
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