Jehuda Halevi war zum Manne gereift. Die Zeit der Irrfahrten war
vorüber. Die Kämpfe freilich noch nicht. Noch manchen Sturm mußte seine
Seele ertragen. Um das Jahr 1120 finden wir ihn in Sevilla wieder, wo er
zum erstenmal eine Art Heimat gefunden zu haben scheint. Hier wird es
wohl auch gewesen sein, daß er jene Frau heiratete, von der wir nichts
wissen, als daß sie ihm eine einzige Tochter schenkte und daß sie vor
ihm starb. Selbst ihr Name ist uns unbekannt. Hier schloß er auch die
Freundschaft mit dem erheblich jüngeren Abul Hasan Meîr ibn Kammiâl, der
-- wahrscheinlich 1121 -- an den Hof des Almoraviden Alî als Leibarzt
berufen wurde. Er scheint Jehuda Halevi materiell unterstützt zu haben.
Die Freundschaft zu ihm aber hat dem Dichter auch einen inneren Halt
gewährt. Er fühlte sich nämlich in Sevilla durchaus nicht wohl. Er
scheint damals aus sich herausgegangen zu sein, um für seine religiöse
Ueberzeugung, die ja dem Judentum seiner Zeit ebenso fremd war wie
Gazzâlîs Lehre der islamischen Theologie, Anhänger zu gewinnen. Es
gelang ihm nicht, seine Stammesgenossen zu der Tiefe und Innigkeit
seines Glaubens zu bekehren. Sie plapperten weiter ihre Gebete an der
Wand stehend »wie die Ochsen an der Krippe«. Man nahm ihm sogar übel,
daß er ein anderes Judentum wollte als die anderen, und sprach ihm die
Berechtigung ab, mitzureden, indem man ihn auf seine materielle Notlage
hinwies. Was unterstand der arme Teufel sich, die reichen Juden aus den
Palästen Sevillas zu meistern? -- So entlud sich sein ganzer Zorn über
das dickfellige Protzentum dieser Menschen, die nur »den Baum mit den
Aepfeln aus Gold als Baum der Erkenntnis anerkennen wollten«. Damals
gewährte ihm der Umgang mit dem jungen, hochbegabten Kamniâl eine große
Beruhigung. Es war eine innige Freundschaft, welche die beiden verband,
in der allerdings Jehuda Halevi, obgleich erheblich älter als Ibn
Kamniâl, wie immer der beherrschte Teil war.
Viel mehr können wir aus den Tagen von Sevilla freilich nicht erzählen.
Auch dauerten sie nicht allzulange. Wir schätzen die Zeit seines
dortigen Aufenthalts auf ungefähr fünf Jahre. Danach weist uns eine
verwischte Spur auf ein kurzes Verweilen in Cordova hin, wo er den Tod
des Rabbi Baruch ben Isak Albalia (st. 1125) erlebt zu haben scheint.
Dann finden wir den bereits grau werdenden Dichter in Granada. Aber auch
dort hielt er es nicht aus, sondern verließ schließlich Andalusien ganz
und zog nach dem Norden in die Heimat zurück, von der er ausgezogen:
Toledo.