mit seinen duftenden Wiesen, arkadischen Häuschen, üppigsten Laub- und
Buschwerken, gebieterischen Baumgruppen, ernsten Ruinen und Thürmen des
Denkmahl-reichen Mittelalters. Alles erfinderische Natur, ohne neue sich
aufdringende Kunst, und doch so unnachahmlich, so bezaubernd!
Der Abend sollte mir den Preis des himmlisch Schönen spenden; ach! noch
itzt zittert mein Herz bei der süssen Erinnerung jener unvergeßlichen
Stunden! Eine Mauer umschließt den
Thiergarten, Kapuzinerberg,
(die ehemalige Besitzung des Grafen _Lodrone_); ich trat nächst dem
Kalvarienberge in die Pforte desselben, und schritt den steilen Pfad
hinan; dichte Bäume und undurchdringliches Gebüsch schützen vor
Sonnenhitze, und vereiteln jeden noch so sehr neugierigen Blick; Bänke
und wohlangebrachte Schießstände verkürzen die halbstündige Wanderung,
welche man fast im Dunkel zurücklegt. Auf einmal steht man vor dem
veralteten, mit einem niederen Graben umfriedigten Schlößchen; ein
marmorner Kapuziner knieet in der Mauer ober dem Eingange, doch das
Himmlische ahndend, würdigt man diesen kaum des Blickes, und eilt zur
Terasse; nun still gehalten -- der Erde freundlichster Punkt ist
erreicht! Hier, auf einem Berge von nicht 150° über Salzburg, könnte
fünfmal höher der dann ermattete Fuß kein prächtigeres Ziel erreicht
haben. Rings der ummauerten, mässigen Wiesenfläche vor dem Schlosse,
wählt sich das lüsterne Auge die trefflichsten Prospekte: Rechts erkennt
es an den Felsenwänden des botanischen Mönchsberges eine Reihe
zutraulich sich anschmiegender Häuser von Salzburg; dann alle die
Palläste, Klöster und Kirchen, welche das österreichische Rom erheben.
Mitten durch die Stadt eilt die mit Schiffen belastete Salza, um
nördlich ein Meer von Inseln mit ihren kristallenen Wellen zu befluthen;
hinter ihren dunklen Auen blicket des gesegneten Baiern weiter
Getreideboden zur Höhe; Städte, Dörfer und Schlösser freuen sich der
glücklichen Ebene. Oestlich trotzen die Schlösser _Plain_ und _Neuhaus_
auf ihren duftenden Hügeln jedem sie treffenden Neide. Südlicher winket
der Thurm vom Anmuth spendenden _Aigen_, ihm, der Salza gegenüber, lockt
_Hellbrunn’s_ künstliches Wasserwerk; _Hallein’s_ finsteres Städtchen
scheint sogar heute vergnügt! Und in der Runde umher seh ich die Alpen
nun wieder, welche mich jüngst so erfreuten. Ruhig stehen sie da die
Kolosse, das Auge in ihrem Ueberblicke ermüdend. Schön kleiden dich
ernsten Gaisberg deine männlichen Wälder; nicht schreckt mich dein
Haupt, o Tänengebirg! mit frostigem Eise und Schnee; Watzmann du prahlst
dich zu kühn, als einer der höchsten des Landes!
Nun aber glüht die Abendsonne jenseits der Salza über den Gebirgen; die
Felsen des Hohenstauffen, die Alpenhütten am Untersberg kleiden sich in
Rubin. Goldstreife schweben über die diamantenen Eisglätscher des
Teufelhorns; die weiteste Ferne malt die der Schluß-Scene veilchenblau;
bald ändern aber bunt herumzitternde Wölkchen die farbige Kleidung nach
Willkühr.
O lasse mich saugen, gütiger Schöpfer! die Wollust an der Mutterbrust
reiner Natur! Erhalte mir das Gefühl des wunschlos-kindlichen Sinnes,
von deiner Güte beglückt! und gönne diese Abendlandschaft mir als
Sinnbild des einstigen Abends meines glücklichsten Lebens.
Hier, hier ist der Punkt, wo jedem Herzen sich der bewährte Ausspruch
entpressen muß: es gibt nur ein Salzburg!
Der folgende -- ein Sonntag gab mir Gelegenheit, itzt, da ich die
Umgebungen Salzburgs so ziemlich durchsah, nun auch von den eilf
Tausenden der Bewohner der Hauptstadt mehrere näher kennen zu lernen.
Bald genoß ich die Ueberzeugung, daß selbe im Allgemeinen mit den Fluren
nicht im Einklange ständen. Gewöhnliche, ausdruckslose Phisiognomien
eilten, mehr oder weniger städtisch gekleidet, den Kirchen zu. Zwar
würde manches hübsche Mädchen mit ihrem netten Anzuge und gut sie
formender goldreicher Haube, einem glücklich sie kopierenden
Miniaturmaler Ehre machen, doch wird durch einige gelungene Gestalten
noch nicht ein ganzer Menschenschlag veredelt. Vom Parke
Aigen,
Schlosse Mirabell, hört Jeder zu Wien schon genug, und selbst in
Salzburg werden sie schön gepriesen; kein Wunder, daß ich meine Füsse
beflügelte, dieselben zu besehen. Doch gewöhnlich, wenn man sich etwas
sonderlich Schönes verspricht, wird die Erwartung getäuscht. In Salzburg
müßte Natur und Kunst sich übertreffen, um als Garten sein Lob zu
verdienen! Ich will darum nicht sagen, daß der Park zu _Aigen_ keine
Schönheiten besitze, im Gegentheile dürfte er zu Wien um den ersten Rang
streiten; doch hier, wo die Natur alles gethan, erschuf die Kunst desto
weniger.
Eine kleine Stunde ausser Salzburg, am rechten Ufer der Salza, liegt in
sanfter Erhöhung der Park zu Aigen; gekrümmte Wege, die theils über
Wiesen, theils über Bäche-bedeckende Stege im natürlichen Wäldchen sich
fortwinden, führen bald zu einsamen, mit Moos bekleideten Hüttchen, bald
neben Felsenstücken zu einer Grotte und murmelndem Wasserfall; hin und
wieder biethen sich von Terassen einzelne Prospekte auf die romantische
Umgebung. Endlich kommt man durch eine steil bergan führende Kluft auf
die ausgebreitete Fläche des Berges. Eine Einsiedelei schützt vor
brennender Sonnenhitze oder Ungewitter, weiter davon erheben ungeheuere
Buchen das noch kraftvolle Greisenhaupt; eine dieser Geschwister mußte
dem Beile erliegen, um ihren breiten Rumpf als Tisch munteren
Gesellschaften zu biethen. Treppelwege führen jenseits wieder zum
Badhause und Schlößchen hinab, welches so wie die Kirche, in Eintracht
von dem Parke umarmt wird.
Dieses ganze Wäldchen huldigt nur der Natur, ist aber zu klein, zu
unvermögend, erhabene Eindrücke einzuflössen, besonders Einem, der wie
ich erst kürzlich aus dem ungeheueren Labyrinthe des pittoreskesten
Welttheaters geschritten. Da sinken nun freilich diese Bäche, Grotten,
Wasserfälle und Felsenstückchen, im Vergleich mit jenen Riesenklippen,
Urwäldern, donnernden _Cascaden_ entfesselter Ströme etc. zum blossen
Spielzeuge herab.
Hellbrunn.
Dieser zweite Erlustigungsort, besuchter als der vorige, liegt am linken
Ufer der Salza. Als fürstliches Lustschloß wäre er (die Wasserwerke
jedoch ausgenommen,) selbst meine Wenigkeit zu ergetzen nicht im Stande.
Wenn mich schon die natürliche Anmuth von _Aigen_ zu besonderen
Lobeserhebungen nicht hinriß, so fand ich dagegen die jämmerlich
zugestutzten Alleen und verstümmelten Gebüsche, welche mit der üppigen
Natur um Salzburg so auffallend disharmoniren, wirklich erbarmungswerth.
Schade, daß man diese schöne Gegend nicht etwas mehr sich selbst
überließ! Die kleinen Wohnstätten der Dienerschaft, das nette
Schlößchen, würden zwischen den Teichen und Bächen besser gefallen!
Uebrigens sind die Wasserkünste (einmal gesehen) hinlänglich im Stande,
die Schaulust der Neugierde zu befriedigen. In mehreren Gängen des
Gartens lauern unvermerkt, unter den Füssen der Hinschreitenden, kleine
verdeckte Röhrchen, um nach Wunsche des Direktors die Ueberraschten
allenthalben anzuspritzen, sie mögen sich wohin immer wenden. In einer
der schönen Grotten hört man unter bemoosten Steinen sehr getreulich
Frösche quacken, bald zwitschern wieder Vögel auf dürren Reisern nächst
einem Wasserfalle. Nun kommt man in ein Häuschen, welches auf Pfeilern
neben einem Bache ruht. Orgelspiel verlautet darin seine harmonischen
Töne, kleine niedliche Figürchen drehen sich im Takte munter herum;
nebenan sieht man Weiber, wie sie spinnen, Schmiede die ihr Eisen
hämmern, Schneider die emsig nähen u. d. gl. Am interessantesten
schienen mir zwei sich gegenüber ruhende Schildkröten, deren eine den
kristallenen Wasserfaden im halben Zirkel aus dem Munde goß, und die
andere ihn wieder unvermindert empfing, und zwar so sicher und genau,
daß man anfänglich gar nicht weiß, welche das Wasser auswirft und welche
es empfängt.
Eine aus majestätischen Buchen und Linden bestehende Allee, welche mehr
der Freiheit huldigt, als die gezwungenen Gartenbäume, führt in einer
Stunde neben fetten Ackergründen wieder nach Salzburg zurück.
Untersberger Marmorbrüche.
Ich folgte nicht diesem schattigen Wegweiser, sondern wanderte über
bezaubernde Hügel-, Wiesen- und Ackerpfade dem Alben- oder Achenbache
entgegen, welcher aus Berchtesgaden gutmüthig herbeieilt, um im
Salzburgischen Mühlen und Maschinen in Bewegung zu setzen. Ueber der
Brücke, beim Dorfe _Gröding_, kommt man in die Nähe des Untersberges.
Mehrere Lastwägen mit rothen Marmorplatten holperten mir vorüber, und
da, nach meiner Anfrage, nur zwei Stunden die Brüche zu besehen
hinreichen, so unterlasse ich nicht, diese in ihrer Art wirklich
interessanten Sprengwerke, woraus die Steine bis nach der Türkei
verführt werden, in ihrem Geburtsorte zu betrachten. Einer dieser
Marmorbrüche übertrifft an Höhe und Weite selbst den grossen
Sandsteinbruch zu Höflein bei Wien[20]; die übrigen sind mehr oder
weniger ergibig, doch sollen selten schwerere als zu 100 bis 200 Zentner
in einem Stücke brechen[21].
[20] Woher auch die schönen Quadern zu den beiden neuen Brücken über
den Donaukanal, in die Leopoldstadt führend, genommen wurden.
[21] Bei Höflein löste sich 1822 Nachts, während eines Regens, von
selbst ein Stück pr. 8000 Zentner, ohne einiges Unglück, und wurde
erst später durch Pulver gesprengt.
Hier sah ich auch eine Mühle, worauf die kleinen, für die Kinder zum
Spielen bestimmten Kügelchen, in mehreren Hunderten zugleich aus rohen
Steinen verfertigt werden, daher der niedrige Preis derselben!
Noch dürfte Manchen die Bemerkung interessiren, daß der Marmor bei
seinem Bruche ungemein weicher und deßhalb leichter zu bearbeiten sey,
als nur nach kurzer Verwitterung. Leider vermeisselte man diesen schönen
Stein zu Kanälrinnen, Thorbögen, Ecksteinen und sonstig gemeinen Sachen;
die Käufer fragen aber weniger um die Gattung, als um den Preis des
Steines, welcher hier mit dem gemeinsten in gleichem Range steht.
Das Theater am Hannibalplatze war geschlossen. Ich benützte daher die
Abendstunde zur Besichtigung der am Kapuzinerberge ausgegrabenen und zu
Rosenegg bei ihrem Besitzer aufbewahrten römischen Alterthümer und
sonstiger Antiquen. Kunstverständigen dürften diese eine neue Ernte
ihrer Wißbegierde anbiethen.
Abreise, Verderben drohet die Salza.
Ich hatte Salzburg nun wieder gesehen, fühlte den Eindruck erneuert des
einstig ersten Besuches, und gleicher Dank schnürte meine Brust beim
nunmehrigen -- vielleicht bleibenden Abschiede in diesem Leben. Stunden
und Jahreszeit drangen auf mich Zaudernden, _Neptun_ und _Aeolus_
schienen beifällig ihren Zorn vergessen zu haben, und schnellere Reise
dem Wanderer anzurathen.
Salzschiffe laufen in später Jahreszeit von Hallein oder Salzburg nicht
mehr ab, dagegen lag eine mit Marmorplatten und Kalk befrachtete Plette
zur Abfahrt bereit. Fort flog auf den durch letzthinnigen Regen
geschwängerten Wellen das gebrechliche Fahrzeug mit verdoppelter Eile,
wenig nur wirkten die Ruder, desto behutsamer schienen ihre Lenker; man
traute dem Wüthenden nicht, welcher so schnell seine Grösse vermehrte;
wild rieb sich der Fluß an dem buntfärbigen Flurenteppich und zerriß
zerstörungssüchtig die kürzlich gebauten Inseln. Ein Schiffmann im Kahne
auf halbstündiger Strecke vorauseilend, deutete mit ausgestecktem Reisig
die fahrbaren Wasserplätze.
Bald mußten wir links, bei Salzburghofen landen; die königl. baier.
Gränzaufseher leisteten uns und der Schiffsladung Besuch. Flach und
unerheblich breiten sich beiderseits die sandigen Ufer; man fühlt
zunehmend deutlicher, was man an Salzburg verlor, welches, wie die frohe
Jugend dem Greise, in Einzelnheiten erinnerlich bleibt; die Schloß- und
Kirchthürme, der Mönchs- und Kapuzinerberg wollen sobald von dem
Reisenden nicht scheiden, und erringen sich ein Plätzchen im Kopfe des
Fremdlings, wenn Auen und Berge sie ihm endlich entziehen.
Schon schielte der Kirchthurm näher und näher von _Lauffen’s_ Städtchen,
die fünf Stunden Weges hätten daher kaum die Hälfte erfordert: da kracht
und zittert der Schiffboden -- dieß war mir nichts Ungewöhnliches; nun
aber seh ich die Schiffleute ängstlich herumspringen, einander zurufen,
die Ruder lüften, einen Hebbaum in das Wasser senken, vergebens! wir
sitzen wie angenagelt. Ich ahndete keine Gefahr, bald aber mehret sich
der Schreck; die angstvollen, vielleicht unwissenden Schiffleute, wollen
dem Wasserzuge mehr Gewalt geben, und treiben das Schiff in die Quere.
Unglücklicher Weise aber ist selbes zu tief getaucht, es drückt sich
zusammen, ohne zu weichen. Der reissende Fluß drängt den lockeren Sand
an die dämmende Schiffswand, und nun stürzen darüber die
emporgetriebenen Wogen in die rauchende Plette. Fürchterliches Geschrei
der Knechte fordert einige Landleute auf, um Hülfe zu eilen, die jede
Minute dringender wird; denn obgleich wir insgesammt unsere Kräfte im
Wasserausschöpfen überspannten, so drangen doch immer neue und neue
Wellen durch Löcher und über die Wand in den schon entzündeten Kalk. Wir
sind nahe daran, lebendig verbrannt zu werden, oder in den beiderseits
tief reissenden kalten Wogen zu ersäufen. Zwei Knaben mit einer alten
Aufseherin, welche zu Lauffen ihre Verwandte besuchen wollten, scheinen
denselben nun ihr Begräbniß zu überlassen; in Todesangst auf dem
Hüttendache winselnd, werden sie noch von den verzweifelnden
Schiffleuten als Hinderniß herumgeschleudert. Meine letzte Hoffnung, der
vorfahrende wasserprüfende Knecht, kann auch nicht zu Hülfe eilen, indem
er ohne Seil den Kahn nicht so schnell am reissenden Fluß herauf zu
bringen vermag. Da fällt mir bei, einige der rohen Marmorplatten, das
Schiff zu erleichtern, hinauszuwerfen; mit Hohngelächter fragen mich
aber die Kerlen, ob ich bereit wäre, alle zu bezahlen? Sie wollen also
lieber zu Grunde gehen, als etwas aufopfern!
Itzt springt mein Wolfshund, die Hitze nicht mehr ertragend, aus dem
Schiffe; pfeilschnell reissen die entfesselten Wogen diesen Geübten
hinab, hohe Ufer bannen ihn, ich glaube das Thier verloren und wende den
Blick. Freudiger Schreck überrascht mich, als ich nun am linken Ufer
eine grosse Zille mit zwei rüstigen Pferden bespannt, im eilendsten
Gallopp heraufstürmen seh, klafterhoch schäumen die gebrochenen Wellen
an dieser vordringenden Gewalt; kein armer Sünder kann ängstlicher der
möglichen Begnadigung entgegen harren, als wir vielleicht insgesammt die
Sekunden der Näherung abwogen. Wir schwingen die Hüte, drücken einander
die Hände, und sind nun wieder versöhnt. Auch ein zweites Schiffchen
naht sich itzt am rechten Ufer, es ist der vorbemeldete Kahn; gutmüthige
Menschen ziehen ihn an Stricken in möglichster Schnelle herbei.
Hier wünschte ich ein Nabob zu seyn, um diese edle Dienstfertigkeit nach
Würde zu lohnen, ich half noch zuerst denen Armen, die Marmorplatten in
das grössere Hülfsschiff hinüber fördern; ob und wie viel sie aber von
dem Kalk retten konnten, war ich unvermögend abzuwarten, da Rauch und
Hitze beinahe den Schiffboden angriff, und dieser Dunst mir unerträglich
war. Ich fuhr im Kahne an das rechte Ufer hinaus, und reichte denen
Wasserhelden herzlichst meinen Dank; hundertmal mehr hatte ihnen mein
Herz gewünscht! Sie schienen dieses zu wissen, und waren wie gute
Menschen, vergnügt.
Noch einmal sandte ich Blicke auf den traurigen Qualm, auf die am Ufer
weinenden, vom Schreck noch nicht erholten Kinder, welche mit zwei
andern Passagiers früher ans Land befördert wurden, und dann auf den
herbei eilenden Duna, der, mich wieder zu sehen, liebkosend seine ganze
Nässe meiner Schulter und Brust aufdrückte; ich konnte diesem Treuen
nichts übel nehmen, und streichelte ihn für seine Fröhlichkeit.
In Lauffen-Oberndorf, dem österr. Gränzorte (denn das eigentliche
Städtchen Lauffen befindet sich jenseits der langen hölzernen Brücke, am
linken Salzaufer, und ist baierisch), werden alljährig viele Pletten
gezimmert und Kähne verfertigt, wie man sich auf dem bedeutenden
Schiffswerftplatze baldigst überzeugt; überdieß wird hier starker
Verkehr mit Salz und Holz getrieben. Einige Häuser des Städtchens
reichen bis in den Fluß, die heimlichen Stellen, welche an ihnen sich
herabziehen, geben vom jenseitigen Ufer ein widerliches Ansehen. Nach
stündigem Verweilen bestieg ich abermal eine, der vorigen ähnliche, mit
Kalk und Marmor beladene Plette. Dießmal ging die Fahrt glücklicher.
Obgleich nach stündiger Strecke die Salza in einem wahren Inselmeere
sich theilt, so wußten doch die klügeren Schiffleute oder der findige
Fluß dazwischen eine Hauptpassage zu erhalten.
Wahrhaft langweilig bleibt unwiderruflich die zehnstündige Gehstrecke
von Lauffen über Dittmaning und Burghausen bis zum Dorfe Winkelheim,
wenn man sie auch zu Wasser in vier Stunden zurücklegt. Denn Auen und
Felder, zwischen denen sich nur spärlich Häuschen hervorwagen, und die
immer Gefahr drohenden Sandbänke des bisweilen viertelstundenweit sich
ausbreitenden Flusses, ohne ein stattlich Schloß oder dessen erübrigte
gedächtnißwerthe Ruine an seinen Ufern, ja selbst ohne denen, auf
Wasserfahrten sich so herrlich darstellenden Felshöhen, machen den
Wunsch rege, je eher je lieber das gewohnte Einerlei verändert zu sehen.
Daß die beiderseitigen Feldungen von dem willkürlich sich überlassenen
Fluß nicht wenig bekriegt werden, daß die Grundeigenthümer um einige
hundert Joch Sandäcker mehr, nichts fragen, und daß, ob die Schifffahrt
besser oder gefährlicher von Statten gehe, Niemanden zu kümmern
scheinet, ist, was sich dem beobachtenden Reisenden hier allzu fühlbar
aufdringt.
Fortsetzung der Innfahrt.
Unter dem Dorfe Haiming werden die Wellen der Salza unruhig, sie
sprudeln, zaudern im Vordrange, blau und grüne Fluthen jagen sich um das
ausgedehnte Inselreich bei Winkelheim -- die Salza ist nicht mehr! Der
gewaltige Inn raubte ihr Daseyn; feierlich und groß übergeht er den
kleinlichen Kampf mit Stillschweigen, als würde die Erinnerung daran
seinen Stolz herabsetzen. Tiefer umgräbt er Kanäle grösseren Inseln,
während sein Gang die vorige Schnelle behält, und diesen Bau nur als
Kurzweil zu betreiben scheint. Die Salza, welche ich von ihrer Geburt
bis zu deren Untergange fortwährend begleitete, sank in ihrer Grösse
plötzlich und unerwartet, gleich manchem durch innere Kraft und Talent
empor gestiegenen Manne, welchen Neid von schöner Stelle in Abgrund
hinabdrängt.
Braunau.
In einer Stunde darauf landeten wir nächst der hölzernen
Braunauer-Innbrücke. Diese freundliche Gränzstadt, weniger seiner
verfallenen Festungswerke wegen, als der Bierbrauereien und
Tuchmanufakturen berühmt, gewährt einen herrlichen Erholungsplatz. Die
ungemein breite, mit Springbrunnen versehene Hauptgasse, welche das
Städtchen in gerader Linie von West nach Südost durchreicht, und mit
hinlänglicher Quantität elender Kiessteine, den Wanderer zu quälen,
ausgestattet ist, strotzet von guten Wirthshäusern. So oft ich noch
Braunau besuchte, fand ich diese, dann die Gässen und Krambuden ziemlich
belebt, was hinlängliche Nahrungsquellen und Betriebsamkeit der munteren
Einwohner folgern läßt. Das Strenge, die Thore -- besonders jenes am Inn
zeitlich Abends zu sperren, legt den Bewohnern keinen Zwang in ihren
Neigungen auf, da sie nach Verlangen geöffnet werden, und die
militärische Untersuchung dabei nicht ins Lästige übergeht.
Eine Seltenheit, auf welche sich die Braunauer nicht wenig zu Gute
rechnen, macht der Bart eines ihrer einstigen Magistratsräthe, des Hanns
_Steininger_, welcher, wie die Abbildung und Jahreszahl am
Salzburgerthor zu Braunau weiset, im Jahre 1567 der Stadt vielleicht
weniger mit seiner Einsicht, wie mit dem bis an die Zehenspitzen dicht
herabreichenden Barte zum Ruhme half. Schöner und bleibender erhält sich
dieses Bartwunder an der Pfarrkirche, auf einer grossen Marmorplatte
halb erhaben in Lebensgrösse ausgehauen.
Dieser Hanns _Steininger_ mußte das Opfer seiner angestaunten
Merkwürdigkeit werden; denn, als er einst einem durchreisenden Fürsten
seine Ergebenheit zu bezeigen, den gewöhnlich abgemessenen Schritt
übereilte, trat er sich selbst auf den Bart, und durch den Fall im Leibe
etwas abschlagend, starb er baldigst an den Folgen der Verletzung -- als
Märterer seiner eingebildeten Schönheit!
Letzte Inn-Station.
Ich hatte folgenden Morgens die Freiheit, unter den vielen zum Ablaufe
bestimmten Lastschiffen, das passendste zu meiner Reise zu wählen.
Scheiterschiffe gehen am schnellsten, wenn sie tief getaucht sind, und
man hat auf ihren hohen Ladungen die schönste Gelegenheit, von der
Umgebung den besten Nutzen zu ziehen; jedoch haben wieder diese, mehr,
wie andere flach belasteten Schiffe, vom leisesten Windzuge zu besorgen,
und müssen schnell landen, wenn kleine Fahrzeuge noch lange dem
Wasserfeinde _Aeolus_ trotzen. Uebrigens, wenn ein hoch beladenes Schiff
zuerst abläuft, kann man es immerhin unbesorgt besteigen, weil bei
desselben allenfälliger Fahrt-Unterbrechung die nachfolgenden das
Weiterreisen auf ihnen anbiethen.
Vierzehn Ruderer strengten ihre Kräfte an, um nur etwas dem Eigensinne
des frostigen Stromes abzugewinnen; als aber das Schiff den gehörigen
Zug hatte, war auch nimmer auf Zaudern und Tändeln zu denken.
Jeden, der schon viele Flüsse befahren, muß auf dieser Strecke die
besondere Schnelligkeit entzücken. Die 6½ Meile von Braunau bis Passau,
welche man gewöhnlich in 5 Stunden zu Wasser ausführt, biethen dabei
alles Interessante und Schöne einer mondenlangen Wasserfahrt. Man hat
Alles in Allem, und zürnt, daß man zu wenig gewinnt; denn allzuflüchtig
scheiden die herrlichen Bilder. Man fühlt sich wie ein Durstiger, langt
immer nach dem Glase, und wird nie ganz erquickt. Die Dörfchen, Märkte,
Schlösser, Inseln, Auen, Berge und Flächen fliehen, als scheuten sie
sich, erkannt zu werden, und doch liegen sie da, so festlich geschmückt,
so bezaubernd!
Die erste Nymphe, welche gleich unter Braunau am rechten Ufer uns
bewillkommte, war die kleine Mattich; sie glaubte mit ihrem Flüßchen
unseren Lauf zu beflügeln. In einer Stunde darauf rauschte gleichfalls
von Osten, aus Bewohner-reichen Thalgründen, das durch die Henhart- und
Waldzellen-Bäche groß gezogene Altheimer Flüßchen zum Inn herbei. Ein
Regiment von kleineren Bächen, die bis Schärding beiderseits zu ihrem
Hauptquartiere -- dem Inn stossen, zeichnen sich weder durch Namen noch
Vorfälle aus, den als Unteroffizier zu betrachtenden Antesen-Bach
ausgenommen, welcher bei Bodenhöfen, jenem reissenden Landesgebiether
alle im ausgreifenden Bezirke entdeckten Vorfälle überbringt. Eben so
unbedeutend schiene dem Wasserreisenden das Heer der bunten
Ansiedelungen, welche das rechte Innufer sattsam bedecken, wenn nicht
ihre Lage sie zu Ehren brächte, und dabei lauter Feenstätten wähnen
liesse. Obernberg, ein ansehnlicher Markt, und etwas unterhalb
Reigersberg, wo sich ein schön gebautes Augustinerkloster befindet, sind
die auffallendsten und wichtigsten Figuren bis Schärding, da man von
unbedeutenden, wenn auch zahlreichen Dörfern, gleich einer Heerde
gewöhnlicher Schafe, nichts Wesentliches sagen kann. Das linke,
baierische Ufer, trägt weit weniger Ortschaften, aber desto höhere und
ausgedehntere Berge, die zum Theile im üppigsten Waldschmucke prangen.