beeilen sich der Puch- und Oettinger-Bach, den Inn beiderseitig zu
respektiren. So wie zu Mühldorf, hafteten auch hier mehrere Schiffe ohne
Ladung und Bestimmung; allgemein hörte ich, daß der Transport nach Linz
und Wien ungemein abgenommen habe; ob der Handelszweig versiegte, oder
andere Ursachen obwalten, mag ich nicht enträthseln. Die schöne
_Oettinger_-Innbrücke ruht ebenfalls auf drei steinernen Pfeilern,
welche ihrem Anleger Ehre machen.
Den Wind unterdessen austoben zu lassen, besuchte ich _Neu-Oetting_;
dieses befestigte Städtchen erhebt sich eine Viertel-Stunde vom rechten
Innufer. Die breite Hauptgasse mit Springbrunnen und artigen Häusern,
verspricht angenehme Wohnstellen; die zahlreichen Bräuhäuser beeifern
sich allenthalben um grösseres Lob. Da _Neu-Oetting_ nicht, wie der eine
Viertel-Stunde südlicher ausgedehnte Markt
Alt-Oetting,
an der Poststrasse liegt, so ist auch weniger Lebhaftigkeit daselbst
anzutreffen; nächst des kurzweiligen Fußsteiges neben dem
Oettinger-Bächelchen, besitzt die Bürgerschaft ihre Schießstellen, Schuß
auf Schuß folgte mir bis zum Markte, welcher vielleicht der größte und
ansehnlichste im ganzen Königreiche ist. Ausbreitung und Wohlhaben möge
dessen berühmte Gnadenkirche durch alljährige Wallfahrtsprozessionen
beursacht haben. Die Menge Krambuden, gutgebauten Häuser, geräumigen
Plätze etc. würden jede Provinzialstadt erheblich machen. Stadt und
Markt betreiben vortheilhaften Vieh- und Getreidehandel, auch die
Brennholz-Spekulationen nach den untertheiligen Gegenden sind
bemerkenswerth.
Die Gegend ringsherum, besonders südlich gegen _Dittmanning_, _Chiemsee_
und _Teisendorf_, ist etwas mehr ins Flache herabgesunken, die
Bergrücken und Seen scheinen als Restdokumente einer grossen
Ueberschwemmung, welche Lacken und Sandhügel zurückläßt, zu erübrigen.
Wirklich soll auch die Dammerde bisweilen nur schuhhoch über Sand und
Lehmlagern aufsitzen; demohngeachtet ist sie sehr fruchtbar, aber auch
fleissig bebaut; die Wälder, welche die höheren Stellen einnehmen, sind
Schmuck und Reichthum des Ganzen.
»Mit Geduld läßt sich bisweilen doch nichts ausrichten« erfuhr ich, als
nach drei Stunden der Wind wie vorher sein neckend Spiel trieb. Unter
gleichen Bedingnissen wie zuvor, dung ich auf die ähnliche Strecke von
_Neu-Oetting_ bis _Markl_ abermals einen Fährgehülfen. Dießmal ging es
bedeutend schlechter; hätten die Dörfer _Westerdorf_ links und _Aching_
rechts, weniger finster aus den Augebüschen hervorgesehen, ich hätte
gelandet und dort übernachtet. Beim Eindringen des _Alz_-Flusses, des
ansehnlichsten auf der ganzen bisherigen Innreise, welcher aus dem
_Chiemsee_ kommend mit dem Traunflüßchen sich verstärkt, und sein
blaugrünes Kristallwasser sammt dessen schmackhaften Bewohnern dem
nahrungssüchtigen Strome liefert, konnten wir nicht vom Flecke kommen;
die grosse mondförmige Krümmung nach Norden um das Dörfchen _Aching_
setzte uns dem Windzuge entgegen, und nur mittels des Ländhackens
unterhielten wir nahe am Ufer des Kahns langsamen Gang.
Markl.
Solcher Wasserfahrt satt, empfahl ich für heute bei der hölzernen
Innbrücke zu _Markl_, mein Fahrzeug der Obhuth eines Schiffers. Nebst
einigen Pletten mit Kalk, harrten hier schon Holz befrachtete Schiffe
auf Windstille; sie waren nach Linz bestimmt, und bothen mir also
Gelegenheit, ohne eigene Bemühung die fernere Reise mit ihnen
auszuführen. Die 48stündige Strecke von Hall hatte mir in den 21
Fahrstunden schon etwas Kommodität eingebunden, doch wollte ich das
Resultat vorerst überdenken. Dem Markte läßt sich nicht viel anrühmen;
ein Obstwäldchen umfängt ihn von der Brücke aus, er zieht sich in einer
unsauberen, welche zugleich die Poststrasse ist, zur Höhe, theilt sich
beim Posthause in die gegen Braunau und _Mühldorf_ führenden Gässen, und
ist also größtentheils nur als Einkehr den Fuhrleuten wichtig.
Getreidebau, Holz und Vieh ernähren übrigens Markl’s Einwohner
reichlich.
Ich tröstete mich in einem der Bräuhäuser hinsichtlich des an die
Fenster klopfenden Regens, weil ich unter trockenem Dache, auch den
Sturmwind mit dem Gusse sich auflösen zu sehen hoffte. Der andere Morgen
und Mittag hielten mich in Ungeduld; endlich hatten sich die Wolken
ausgeleert, aber der Wind als Südost, entwuchs zum ärgeren Feinde. Mein
Langmuth schwand, ich überließ dem Wirthe das Schiffchen, und beschloß,
statt 16 Stunden den schon bekannten Weg nach Passau zu wandern, in 14
Stunden zu erfahren, welche Aenderungen sich zu _Salzburg_ seit zwei
Jahren ereignet hätten? -- Die Witterung konnte mittlerweile bestimmen,
ob ich von Salzburg die abermalige Wasserreise, oder die angenehme
Wanderung über _St. Gilgen_ nach Ischl wählen sollte? --
Ich dankte der Schnelle meiner ausgerasteten Unterthanen, daß mich die
zweistündige Strecke von _Markl_ über die Anhöhe nach _Burghausen_
weniger langweilte. Dörfer und Menschen flohen den Anblick der Strasse,
als zöge auf ihr nur das Unglück; Wald und Felder ohne Leben geben kein
reitzendes Bild.
Burghausen,
das baierische Gränzstädtchen mit seinem festen Bergschlosse, brachte
mir wieder den Anblick der Salza. Wochen waren verschwunden, seitdem ich
sie als junge Nymphe ihrer Geburtsstätte entschlüpfen sah; sie wußte
diese Zeit reichlich zu ihrer Ausbildung zu benützen. Als erwachsene
Jungfrau regierte sie hier eine Reihe von Schiffen, die sich furchtsam
schmiegten bei den Zornäusserungen der Gebietherin; es waren Fahrzeuge
mit Salz, Gips, Holz, Marmor und Kalk-Ladungen, welche stündlich dem
Abzuge entgegen sahen. Burghausen ist ein wohlgebautes Städtchen von
4000 Einwohnern, unter denen ich bei dem stündigen Aufenthalte eine
tüchtige Portion Stolz verspürte.
Innviertel.
Ich verließ über der Salzabrücke die Landstrasse, und verfolgte links
den weniger kothigen Nebenweg; der Regen machte den kühlen Abend
wohlriechend, Gebüsche und Wiesen schienen Apotheker-Magazine. Hie und
da sammelten sich im Freien nach der Tagesstrapatze Herr und Dienstleute
der Dörfchen _Getzdorf_, _Linder_, _Mittendorf_, _Hoslau_ etc. zu
Litaneien und Abendgebethen; schreiend, als sollte diese Andacht eine
Lungenprobe gelten, verkündigten sie ihre Anwesenheit halbstundenweit in
dem immer mehr und mehr sich zusammenziehenden Walde. Diese Gewohnheit,
ständige Andachten zu pflegen, möge vom nahen Salzburg, wo in uralten
Zeiten Bethen mehr als Arbeiten galt, abstammen.
Geraume Zeit wanderte ich bereits in dem Nadelholz-reichen
Weilhardts-Forste, der in seinem sechsstündigen Umfange viel Wildpret
aber desto weniger Menschen zu Bewohnern zählt, als ich zu einem mit
rohen Ochsenhäuten voll geladenen Leiterwagen gelangte, der quer über
der Strasse gestellt, ein Pferd vorgespannt hatte, während das sattlige
und der Fuhrmann fehlten; Kotze, Hafersack, Kette und ein dicker Prügel
lagen auf der Erde. Anfangs schien mir dieser Fund bei des stummen
Haines nächtlichem Dunkel verdächtig; nach genauerer Prüfung sah ich
aber, daß die vordere Axe mitten gebrochen, und der versuchende Knecht
die Mühe aufgab, durch Baumast und Kette den Wagen gangbar zu machen; er
mag in das nächste Dorf um Hülfe geritten seyn, während das ihm
anvertraute Eigenthum allen Vorbeireisenden zur Versuchung ausgesetzt
blieb. Lächelnd wünschte ich dem Manne Glück, daß der Weg als
Fahrstrasse so über allen Ausdruck schlecht sey, daß ihm eher der zweite
Wagen unter der Last hier brechen werde, als bis ein Fremder dieselbe
Bahn fahre, und sich dessen Unglück zum diebischen Nutzen mache.
Zwei Stunden sind wahrhaftig genug hinreichend, Forst, Himmel, Weg und
seine eigene Wenigkeit aus langer Weile in Reime oder Musik zu
schmieden; denn obgleich in dem namhaften Walde seit Jahren die würgende
Axt wüthet, so findet hier dennoch, besonders zu Nachts kein anderer
Eindruck Statt. Das Finstere der Tannen und Fichten, vermehrt durch
kleines Gebüsche, welches allenthalben den Durchgang verhindert, gewinnt
endlich ein interessanteres Ansehen: als Hundegebell, dieser ausser dem
Forste in Dörfern besorgten Wächter, welche jedes Geräusche nach Kräften
vermehren, ohne daß man so nahe bereits zahlreiche Wohnstätten
vermuthet, sich mit dem Rauschen der abseits murmelnden Seebäche
herüberschwingt; der sanfte Luftzug spielt die Harmonika der Waldgötter
dazu, man horcht ihrer, bis mit dem Gestrippe der Wald, und mit diesem
der Zauber verschwindet. Schwüle und ungemein feuchte Luft ließ mich die
Nähe von Sümpfen vermuthen, welche auch nächst Hackersdorf, Moosdorf,
Weigersee und Elling von mir passirt wurden; heute konnte ich wegen
Finsterniß bereits keine Ortschaftstafeln lesen, Anfrage und die Karte
bestätigten aber folgenden Tags mein Vermuthen.