Wolfsriese

müsse also übersprungen werden, weil jenseits, aber nicht hier der

Rückweg räthlich wäre. Es war die erste That, die ich ihm anloben

konnte, als er nach einem Schluck Branntwein, sammt dem kleinen Bündel

mit Mundvorrath, kühn hinübersetzte. Ich war nicht im Stande, mit meinem

schwereren Gepäcke ihm gleich zu folgen. Die Jagdtasche flog zuerst, und

dann warf ich mein Gewehr nach, dessen Schloß zwei umwundene Tücher

schützten. Ich reihte mich an die Vorläufer, und mein _Duna_ machte den

Beschluß, ungrübelnd, warum er nach solcher Strapatze noch springen

müsse.

Mit jedem Schritte wuchs der junge Tag auf den Höhen, während in der

Tiefe noch alles im Schatten sich barg. Goldwölkchen zeigten schon, daß

sie dem Reiche _Apollo’s_ entsendet, mit seiner Leibfarbe geschmückt,

Ehrenbesuche den Thälern vermeinen. Mir rann der Schweiß vom Haupte, ich

fürchtete den Sonnenaufgang zu versäumen; _Lehner_ fand keinen zum

Sitzen noch Stehen bequemen Platz, er keuchte, daß Schneeflocken

schmolzen. Itzt standen wir am Gürtel des

Glamersgrub-Ferners.

In gerader Richtung nach Norden zieht sich das _Längenthal_, dessen

Hauptbach der _Stubay-Ruz_ aus zwei Quellen auf diesem Ferner sein

erstes Daseyn saugt. Der Eissee, die blaue Lacke genannt, sammelt jene

Erstlinge, und schickt sie, vereint mit grösserem Vorrathe, in die

Fremde. Dafür glänzt aber dieser kleine See unter den ihn umfangenden

Schneedämmen mit besonderem Ansehen, und weiß seine Gewalt den

Thalbewohnern furchtbar zu machen, wenn wie vorlängst, ein vom Ferner

entlös’ter Eisberg in dessen tiefes Beet niederdringend, die Wogen

überströmen macht. Dann zittern die Felsen von den wilden Springen der

ausgesäeten _Cascaden_, und zähnklappern die Hüttler, wenn ihre

Wohnungen wie Kähne entschwimmen. Südlicher und höher lehnt sich an

diesen Ferner die mächtigere Schaufelspitze.

Es war fünf Uhr, purpurn flammte der Osten, des Mondes ausgeschnittenes

C sah sich allmählig zurückgesetzt mit seinem Schimmer, und fühlte

erblassend, daß nur noch die Thäler ihm Dank wissen für sein geduldig

Ausharren. Traurig wich er der allgepriesenen Rivalin, blickte aber voll

Neid lange auf sie, ihr beginnendes Tagwerk zu erforschen; die

Goldscheibe weilte noch hinter den Eiswänden des _Hoch-Grinds_ und der

Doppelspitze des hohen Fretiel’s. Der blaue Himmel kleidete sich dort

zum Festtage in die Farbe der Rosen, rother und glühender wurden die

Wangen der Eiskönige, nun tauchten auch die Unterthanen ihre

Schneehäupter in das Feuermeer; die Alpenwelt log sich in Brand

aufzulösen, während wir uns zu Eis verwandelt wähnten. In der

viertelstündigen Rast wirkte so die beissende Kälte auf meinen

naßerhitzten Körper, daß ich aus der Ledertasche Sacktücher nahm, den

Hals einzuwickeln, und ein Hemd über den Frack anzog. _Lehner_ bat mich

um das andere vorräthige, welches er ebenfalls über seine Jacke warf,

worauf wir dann im gleich possierlichen Aufzuge, wie halbe Schneemänner,

langsames Abkühlen erwarteten. Mein bequemer Führer war keineswegs

gesonnen, die Erkletterung des Glamersgrub-Ferners gut zu finden. »Oben

seye, nach ausserordentlicher Anstrengung, auch nichts mehr zu finden

als hier, und er hätte von dessen gänzlicher Ersteigung mit mir nichts

ausgemacht.« Ich sah mich genöthigt, seine Halsstärrigkeit mit zwei

blanken Kaisergulden als Trinkgeld seiner Bemühung zu bannen; denn

allein hätte ich es nie gewagt, hinauf zu trachten, und unverrichteter

Sache von hinnen zu schreiten, wäre mir, da ich itzt eigends des Ferners

wegen diesen ermüdenden Weg unternommen, weit lästiger gewesen, als

dazumal, wie ich vom Zemthale bei der Gemsenjagd dem Fustschlag-Ferner

genahet, wegen des trüben Tages erfolglos vorbeizog. Selbst die

heiterste Atmosphäre konnte auf diesem Standpunkte nichts biethen, da

wir zwischen Schneekegeln verschlagen, nur die nächsten Eisbegränzungen,

den blauen Lackensee und den mitleidig niederblickenden Himmel sahen.

Kein grünes Fleckchen munterte die Augenweide, kein Hüttchen zeigte, daß

hier herum einstens Leben geathmet; die Aussicht war so frostig und

sonderbar, so originel todt, daß sie mir eben darum denkwürdig bleibt.

Auf Glätscher zu gelangen, möge im Allgemeinen gleich seyn, unserer war

keiner der höchsten (8312′), und doch lud kein anderer Weg als seine

Eiswände hinan; die steileren mußten natürlich vermieden werden, weil

man genug zu sorgen hatte, sich mit den 14 Fußeisenspitzen, und festem

Stocke auf denen flächeren zu erhalten. Hund und Bagage blieben zurück,

den Schnapps nahm _Lehner_ in seine besondere Protektion, ich den

nothwendigeren Tubus.

Nach der Dachssteins-Besteigung galt diese, als zweite gefährlichste

Bahn meines Lebens; erstere[10] war es wirklich im ganzen Umfange, diese

trug nur das Bild davon. Denn sicher klebt man mit festen Eisen auf

dickem von der Sonne noch nicht erweichtem Eise; wenn auch hie und da

sich Blättchen ablösen, so erklopft man schon vorher mit dem Stocke die

Probe; auf dem ganz dünnen greifen die Stacheln durch. Ein Sprung,

Gekrache (_Lehner_ nannte es Gesang), wälzt bei gleicher Witterung noch

nicht die hundertjährigen Lager herab. Man muß sich nur vor Schnelle

hüthen, weil sonst die Kraft auf der thurmsteilen Wanderung bald

erstirbt, und man nicht genug Zeit hat, den Fußgrund zu prüfen.

Schwindel darf ohnedieß kein Glätscherbesteiger kennen, denn wenn er

kleine Eisstückchen unter seinen Füssen hundert und mehr Klafter

abgleiten sieht, so möchten ihn dann sonderbare Gefühle bestürmen, und

sein Ende herbeiführen.

[10] Man sehe den Beschluß.

Einer langen überwölbten Lavine, die nur eines Lufthauches zu harren

schien, auf uns herzufallen, konnten wir mit vieler Behutsamkeit

ausweichen; ich kannte deren furchtbare Gewalt vom Dachsstein her, und

war froh, nicht über sie unser gefährliches Glück versuchen zu müssen.

Die Felsenzacken (Falkschnäbel genannt), welche wir überkletterten,

waren zwar nichts weniger als Stufen, aber im Vergleiche mit der jungen

ungefesteten Lavine -- Parquettafeln! Nun gings zum Preisringen. Alle

Glätscher sehen von Ferne wie mit grünlich weisser Glasur übergossene

Obelisken aus, ihre Spitzen ausgenommen, die nie Glätscher sind, und

zwischen dem Schnee auch vorragende kahle Felsen zeigen. Dieß erklärt

sich daraus, daß auf Alpen, wo die ewige Schneegränze (wie in

Steiermark, Salzburg, Kärnthen, Tirol und Schweiz,) mit 8000 Fuß ober

dem mittelländischen Meere beginnt, und die Welt für sich schon todt

ist, durch die Sonne verhindert wird, daß diese Schneemassen im

hunderttausendjährigen Wuchse nicht zu ihr emporreichen. Kein Regen

erweicht über jener Höhe, der Alpen frostige Lasten; die Sonne muß als

Mittler auftreten zwischen dem unmässig sich häufenden Schnee, und der

lebenden Welt, welche bald darunter begraben würde. Ihr Feuerhauch

schmilzt auf den höchsten Ferner-Spitzen den Schnee, er fließt an den

Schultern herab, in dünnen Wasserfäden; die Nacht festet ihn, er setzt

sich dort zu Eis, wird immer dichter und glätter, schleift den frisch

gefallenen Schnee nieder in die Thäler zu Lavinen, die dort bei

grösserer Wärme leichter schmelzen, während der auf den Zinnen

anwachsende Schnee nur periodisch abfließt, die Gürtel der Glätscher zu

glätten. So erhält sich der Gang der wunderbaren Natur, die man nirgens

leichter studirt, als wo sie aller Menschenhände enthoben, nur sich

selbst überlassen ist.

In der Nähe präsentiren sich die Glätscher ganz anders; sie bestehen aus

lauter kleinen wellenförmigen Hügeln oder Streifen, die bald über

Felsen, bald über Klüfte sich hinspannen, wornach die dünneren, weil sie

hohl aufliegen, wie Glas klingen und springen. Die dichteren, schuh- bis

klafterdicken Massen, haften eben so fest wie der Fels, welcher sie

trägt, bekommen aber dennoch bisweilen bei lauen Windstössen, Risse,

diese erweitern und lösen sich etwas, ein Sturm hebt und schleudert sie

dann sammt dem angewachsenen Gestein, wie Eisvulkane ins bebende Thal.

Unser Ferner hatte vor anderen noch die Auszeichnung, daß er inner

seinen Wänden selbst, vielleicht Eisseen barg, wenigstens gähnten auf

westlicher Seite ungemeine Schluchten und Vertiefungen wie

kristallisirte Hallen, denen ich aber unmöglich nahen konnte, weil sie

ohne alle Steinstütze, bloß aus schroffen Eiszacken bestanden.

Da man jede zunehmende Höhe sicherer aufwärts als hinabklettert, so muß

man sich bei ersterem ja nicht übernehmen, und hitzig die nächsten

steilen Pfade wählen, sondern auf den Rückweg denken, welcher

gleichermassen nicht Statt findet, und von oben herab keinen besseren

Weg entdecken läßt. Wir wären schneller und dennoch sicher empor

gelangt, wenn wir nicht manche Plätze gemieden hätten, welche uns beim

Rückwege gefährlich worden wären. Die Eisen gruben die Spur, wo aber ein

Fels oder geblätterter Schnee sie unkenntlich machte, kratzten wir uns

mit den Stöcken Zeichen, welche wir auch glücklich beim Niederwandern

erkannten.

Der Umfang des auf Granit ruhenden _Glamersgrub-Ferners_, möge dort, wo

er Glätscher zu werden anfängt, zwei Stunden betragen; er zieht sich im

länglichen Oval zur zwei Stunden entlegenen Höhe, deren südliche

Abdachung weit steiler als die nördliche ist. Die Zinne endigt sich mit

drei Spitzen, welche ohngefähr 30 Klafter hoch, wie Zähne den Himmel

anzufallen drohen. Ich bestieg keine derselben, schroffe Klüfte scheiden

einen Wipfel von dem andern; man müßte mehrere und verläßlichere Führer

als der meinige gewesen, und Vorrichtungen wie jene am Dachsstein

besitzen, um das Vorhaben auszuführen, welches kaum im hundertsten

Theile mit jener des Dachssteins hochlohnend schiene. Denn obgleich ich

über 8000 Fuß mich erhoben fand, so fühlte ich doch allzusehr den

Abstand zwischen einer, niedrigere Distrikte beherrschenden Alpe, und

einer wie der gegenwärtigen, wo die Stunden entlegenen _Schaufelspitze_

und _Pfaffen-Kamp_ südlich, _Daun-Kahr_, die hohen _Fretil_ und _Grind_

östlich, dann der _Gaisten_ -- _Schran_ -- Bok und _Ferner-Kögl_,

nördlich ihre grössere Hoheit bewiesen. Im Thale kann man dieses alles

nicht berechnen, man muß sich auf die Eingebornen und der Gegend kundige

Männer verlassen; allein diese wissen weniger von Uebersichten und

Höhen, als wo ein gut Stück Wild zu finden sey, und somit _basta_ alle

Auskunft. Den schönsten Hinblick gewährt übrigens westlich das _Oez-_

mit den Höhen des _Pizen-Thals_, wo tausendfältige Schattirungen in das

rohe _Chaos_ der Eiswelt übergehen, und ein _Tableau_ bilden, welches

nur _Tirol_ zu ordnen vermag; dann nordöstlich das _Stubai-Ruzthal_, dem

man es ansieht, daß mehr als ein Naturfreund zur Sommerszeit aus

Innsbruck herein walle, um Erholung aus seinen Herrlichkeiten zu saugen,

für die trüben Wintertage der Hauptstadt.

Alpenwiesen und Wälder, welche durch die Entfernung wie grüne Hüte mit

Feldsträußchen über den braunen und grauen Felsenkörpern sich ausnehmen,

deuten eine Volksparade; der durchziehende Bach scheint ein Milchstreif,

welcher an ihren Füssen sich hinzieht, die Durstigen zu tränken, welche

für diesen Besitz zu kämpfen verstehen. Die Eisspitzen der Glätscher

gleichen vorragenden Thürmen einer unermeßlichen, in Schnee versunkenen

Riesenstadt, in der nur noch Geister und _Gnomen_ hausen.

Lange durften wir auf dem länglichen Schneerücken nicht zögern, es war 8

Uhr; emsiger berührte der Sonnengott mit seiner Gluthfackel die Zinnen

der Polarhöhen; ein Eiskegel um den andern erglühte, schien sich

aufzulösen im vulkanischen Feuer, und dann herfallen zu wollen über die

tiefere Schneewelt, um aus ihren Massen ein Meer schmelzend, die Welt zu

ersäufen! Hier und da zersprang schon das Eis, wie die Saiten eines

musikalischen Instrumentes, welches die Sonnenhitze nicht verträgt; der

helle Ton sprach als Warner den Abmarsch.

Hinab ging es etwas schlechter; doch weil wir im Zickzack kletterten, so

war nur das fürchterlichste, der Hinabblick in die grundlose Tiefe, die

uns entgegen gähnte. Gleich lästig war der Glanz, welcher durch die

Sonnenstrahlen an den Eiswölbungen sich reflektirend, unsere Augen

quälte. Glücklicher Weise waren wir diesen Plagen bald enthoben, denn um

10 Uhr -- wenn gegen Ende September die Tageshitze auf solchen Höhen

erst zu entstehen pflegt, standen wir schon am Schneeufer des

blauen Lackensees.

Wir mußten die stündige Wanderung, vom Fusse des Glätschers bis hierher,

über ein enges Schneethal (Fernerbach-Thal genannt) ausführen, von dem

ich nichts behaupten kann, als daß es unmöglich ist, ein wilderes und

wüsteres zu finden. Schnee, Eisbrocken und Felsstücke lagen so durch

einander geworfen, als wären sie mitsammen kürzlich den Wolken

entstürzt. Tiefer gränzend lag die im hohen Sommer von Alplern benützte

Alpenfläche -- Gräbe, ebenfalls bereits unter Schnee.

Der eingrabende Bach, früher in drei schönen _Cascaden_ herabspringend,

zwang uns nunmehr öfter -- ihn zu übersetzen. Da ich bei diesen

gymnastischen Uebungen meinem Führer, der überdieß mit seiner kleinen

Pfeife wieder vollauf zu thun hatte, einen mässigen Vorsprung abgewann,

und nun um einen Felsen bog: meldete der vorkletternde Hund etwas

Verdächtiges. Ein Ruf beweist mir die Gegenwart eines Menschen. Ich eile

vor und erblicke -- einen jungen aber furchtbaren Blickes entstellten

Mann, wie er eben auf den _Duna_ anschlägt. »Halt!« rief ich dem

verwilderten Nimrod zu, »halt, oder der zweite gilt dir!« Trotzig bleibt

er stehen, wie der Fels, welcher ihn trägt, mit ruhiger, doch

Verzweiflung ausdrückender Miene, schußfertig auf mich oder den

beruhigten Hund. »No wosch mogscht, sollma mitsom schworzschoissen?«

_Ich._ Wir wollen einander nicht aufs Leben gehen, aber du darfst mir

auch nicht schaden.

Der Wildschütze, welcher mich erforschen mochte, sah mich durchdringend

an, schlug mit dem Gewehrschaft an die mit zollhohen Sohlen und

Steigeisen versehenen Stiefeln, und bohrte mit dem starken

eisenbeschlagenen Stocke in dem lockeren Sandgerölle. »Wonnscht m’r

Feind bischt, so schau, dasch ma unsch nimmer finden!« Nach jedem

Schritt sich umsehend, ging er, bis Schußweite ihn plötzlich zwischen

Steinkegel verbarg.

_Lehner_ schien ihn zu kennen, und geflissentlich zu zögern, um

demselben auszuweichen. Er habe ein Eisen fester schnallen müssen,

erwiderte er meinem Verweise wegen seiner Langsamkeit. Er wollte sich

durchaus einer Antwort auf das ihm Erzählte entheben; als ich ihn aber

darüber fragte, meinte er: um sich und Anderen nicht zu schaden, wäre

das Beste, verdächtige Geschichten zu vergessen; das Unglück kenne keine

Gränzen, zur Rache oder Rettung. Was Wunder, wenn ich jenen Fremdling

für einen Erzbösewicht hielt? -- Die spätere Bekanntschaft wird zeigen,

was er alles ist.

Noch anderthalb Stunden, unter der blauen Lacke, muß man sich ohne Weg

in dem nicht viel milderen, aber dennoch von Alpenfichten etwas

beholzten Thale forthelfen. Die gähe Abdachung macht, daß man wider

Willen so bald ins Thal zu gelangen, verwünscht. Aeusserst interessant

mögen im hohen Sommer die hier herumliegenden Sennereien einladen;

gegenwärtig sah man die Hüttchen kaum einige Schuh den Schnee überragen;

wo die Wiesen dazu lagen, konnte nur _Lehner_ mir zeigen. Weniger den

Veränderungen der Jahreszeit unterliegen die preiswürdigen Wasserfälle,

sie nöthigen, wenn man noch so viele gesehen, zum Stillstand. Einer

(Lehner nannte ihn

Bockssprung),

welcher links, ohngefähr nach stündiger Strecke unterhalb des Sees, sein

Wasser dem Hauptbache zutreibt, verdient das Stückchen Weges, um den 10

Schuh breiten Wasserfaden, in einem einzigen Bogen mit solcher Gewalt 30

Klafter niederwölben zu sehen, daß man rückwärts trocken unter ihm

durchgehen, und zugleich das Ueberraschende eines Wasserschleiers

geniessen kann, welcher Felsen und Bäume der Kluft deutlich darstellt.

Tiefer unten, rechts vom Stubai-Thale, kommt man zu einer noch

denkwürdigeren Werkstätte der Najaden. Der

Sulzbach,

seinen Reichthum beweisend, entstürzt 80 Fuß breit, den zweimal höheren

Felsenbollwerken mit wahrem Donnergetöse; dem Wanderer bangt für seine

Sicherheit bei der Alpenwände merklichem Rütteln. Im silbernen Schaume

bricht die Farbe des Lichts; seit Jahrtausenden verjüngt sich der Fall,

der Granit kämpft eben so lange, um durch beharrliche Kraft Frieden sich

zu erzwingen; aber nie wird das Element sich versöhnen! -- den ewigen

Krieg befahl die strenge Natur. Wenn man bei ersterer _Cascade_ lachen

und jubeln mochte, so preßt sich tiefer Ernst bei dieser in die Seele

des Wanderers.

Aus einem flachen Steine las ich die mit Rothstift hingeschriebenen

Zeilen. »Wohl gethan, daß du dich Rasender in dieser abgeschiedenen

Kluft verbirgst.«

_A. Strenhelm_ 1825.

Ich pinselte daneben mit schwarzer Oehlfarbe:

Wem der Busen freudig schlägt,

Wem das Herz sich dankbar regt:

Der wird bei wilder’m Kampf besteh’n,

Und froh der Schöpfung Pracht erseh’n.

_Lehner_, welcher nicht buchstabiren -- geschweige denn römisch zu lesen

verstand, machte komische Glossen, und frug um Inhalt dieser seltenen

Hacken. Ich erklärte ihm den Sinn jener Deutung. Beifällig schmunzelte

er Zufriedenheit, meinte aber, ich sollte von der lieben Mutter Gottes,

und dem heiligen _Sebastian_ etwas mit einfliessen lassen, dann würde

das Ganze recht gut passen.

Herzlichen Abschied sprach ich den _Cascaden_ und Höhen, sie waren alle

mir Freunde! -- Innere Beklemmung lispelte, daß ich nie wieder hierher

kommen würde. Nach ihnen mich umsehend, als wollt ich sie mitziehen in

mein liebes Vaterland, winkte mir ein Alpengipfel um den andern

Lebewohl; wie Karten schoben sie sich hinter einander zusammen; das

Alpenspiel war geschlossen, nachdem des Thales enger Raum denen Riesen

den Zutritt verboth. Der einzelne

Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,(#78026) · 第 19 / 52 题