meinen Endzweck zu erreichen. Prächtige Tafeln von weiß und rothem
Marmor bewiesen den Werth und Ertrag des nun erreichten Marktes
_Ratschinges_.
Die zwei Stunden von Sterzing bis hierher sind recht angenehm
zurückzulegen, der Weg ist sehr gut, und somit gewinnt auch des Thales
minderer Reitz an Vorzug. Die Stunde nach Flading kostet Schweiß, weil
der Jaufen sich allmählig anmeldet. Hätte man nicht schon genug
Wasserfälle belobet, so wäre hier Stoff genug zu deren Bewunderung;
klein und groß schwätzen sie zusammen, links in den waldigen Klüften der
Endersstoder-Korspitze, und neben dem Wanderer im Hauptbache.
Ich dung zu Flading einen Führer, weil ich auf der Jaufenhöh frischen
Schnee vermuthete, welcher den Gangsteig (wie ich auch bewährt fand),
unerkenntlich gemacht habe. Dieser Bursche, glaube ich, war der
traurigste aller Tiroler; ich würde ihn für krank gehalten haben, hätte
er nicht so riesenmässige Sätze vor mir gemacht; mein Befragen bekam
einzelne Laute kaum zur Erwiederung. Die Gegend gewann zusehends an
Erhabenheit, ich wollte mich den Schönheiten nicht so schnell entziehen,
und hieß meinen Merkur etwas gedulden; als ich aber wieder mein Fernrohr
einpackte, war er bereits verschwunden. Mein Erstaunen wuchs eben so
groß als betrübt. Der Junge war mir über zwei Stunden vorgeschritten,
ohne einigen Lohn, und verließ mich, da ich ihn am nöthigsten brauchte,
an der Schneegränze. Die Riesenbollwerke von Felsen, welche sich nach
einer kurzen Waldstrecke um mich bauten, konnten nicht verhüthen, daß
ich allein den Weg fortsetzte; ihre Miene war das Drohendste, denn ich
brauchte nicht einmal, um sicherer fortzukommen, Eisen anzulegen. Gegen
die Höhe zu, wurde mir etwas bange, auf dem kahlen von Schnee
strotzenden Rücken die Richtung des Pfades zu verfehlen. Den Fußtritten
eines Mannes trauend, verfolgte ich sie geraume Zeit, bis mich eine
kleine Kaische, etwas vor der Spitzgränze des Jaufen, zu sich lockte.
Fürwahr! wenn man auch nichts als Brot und Branntwein hier zu erwarten
hat, so muß man den Bewohner achten, der weniger um den armseligen
Gewinn, als der Menschlichkeit wegen sich hier aufopfert. Seine Wohnung
möge höher als des gedehnten Prenners Posthaus liegen, und doch weilt er
und Familie an keiner Hauptstrasse, um wohlhabenden Reiselustigen die
Entbehrungen des Lebens aufzurechnen; der selten besuchte Gangsteig
bringt ihm häufiger die schöne Gelegenheit, Gutes zu üben, als selbes zu
empfangen. Dafür ist aber auch sein kleines Eigenthum ein geheiligtes
unangreifliches Gut allen Vorbeireisenden. Wie mag der Winter hier
wüthen, da itzt (den 23. September) die ganze Umgebung unter Schnee lag;
wie froh der Wanderer die warme Stube betreten, welche ihm den tödtenden
Frost wilder Stürme aus den Gliedern jagt, und die Heimath zu erreichen
erleichtert. Oft häuft sich der Schnee über das Häuschen; wochenlang
sind dann die Bewohner allen Gefahren ausgesetzt. Menschliche Hülfe und
Trost werden ihnen fremd. Die tägliche Bemühung, ihr dürftiges Hüttchen
vor Erdrückung des Schnees zu bewahren, ermüdet sie des Tages, und gönnt
in den fürchterlichen Nächten ihnen kaum etwas Ruhe. Endlich setzt sich
der Schnee, wird hart und tragbar; da wandern die ersten Wagehälse aus
den Thälern übern Jaufen, und bringen Kunde den kühneren Alplern von der
unter ihnen athmenden Welt, und ihrer gedenkenden Freunde und Verwandten
in Dörfern.
Weder Acker noch Garten lächelt denen Anachoreten, desto häufiger
schwelgt im Sommer zahlreiches Hornvieh auf den frisch gekleideten
Alpenwiesen. Ein hölzernes aber umgefallenes Kreuz bezeichnet, daß man
endlich die Spitze des Jaufen erstiegen.
Mich nochmal an den ringsum in reiner Tageshelle glänzenden
Schneespitzen ergetzend, welche auf dem Rumpfe der schwarzgrünen
Thalberge wie weisse Schlafmützen der Ewigkeit klebten, glaubte ich
plötzlich Stimmen und stockähnliches Stossen zwischen Steinen näher zu
vernehmen. Laute auf Alpen täuschen; erst nach einer halben Stunde
begegnete ich vier Männern. »Bischt du der, den der Mar hätt’ loat’n
solln insch Passey?« frug der Erste.
Ich bejahte es.
»No do kommscht eh recht und brauchscht in saggra Buib’n nischt.«
Ich gab ihnen meine Verwunderung zu erkennen hinsichtlich jenes
Umstandes.
»No er isch am Bühl unsch begegn’t, und hot g’schogt, er hätt’ di loat’n
soll’n; do isch dir oba eingfolln, daschd’ wosch verlor’n hoscht, und er
hätsch eh nischt g’funden, drum isch er weg g’rennt.«
Lachend versicherte ich, nichts verloren zu haben; ersuchte sie aber,
mir zu sagen, ob jener Mar vielleicht verrückt wäre?
»Beilei nischt! z’gern gscheia hot der Saggra a Diernl z’Passey, und de
mocht heut mit oan Ondern d’Hotschet; Pfieti in unscha Thol!«
Sie drückten mir die Hand und gingen, diese Erstlinge meiner Neugierde:
»rüstige Männer die Passeyer, wenn ihnen die Andern gleichen! schlicht
und einfach ihre Tracht, verdorben und undeutlich ihre Sprache: aber
bieder und offen das Herz, in den Augen edelste Handlungen transparent!«
-- Die Spitze ihrer heimischen Alpen verschaffte mir zuerst deren
Bekanntschaft, ihr höchster und der ganzen Nation würdiger Anführer,
errang längst Allen meine Achtung.
Als ich nun den vielen Fußtritten verläßlicher abwärts gehorchte, sah
ich beiderseits wie gefliessentlich aufgehäufte Steine; sie waren die
Spuren einstigen Erdbebens, welches sich durch das Steingerölle unter
meinen Füßen, nach Endigung des Schnees, vollends bestätigte. Uebrigens
wird viel von darauf gefeiertem Gottesdienste der Heiden in grauer
Vorzeit gefabelt. Die Gegend ist so erhaben, so vom Geräusche
geschieden, daß man für diese Meinung leicht eingenommen wird.
Passeyerthal.
Nun betrat ich einen Nadelwald, dessen finsteres Haupt hie und da ein
kahler Fels überragte; schauerlich predigte darin, ungesehen von mir und
der Welt, ein gewaltig erzürnter Bach Verderben dem zerknirschten Thale.
Die mächtigen Stämme schienen erbost über den Unversöhnlichen, und
schlugen mit den Wipfeln drohenden Takt, um Gegenkraft ihm zu zeigen;
der Felsgrund zitterte, zerbröckeln konnte der Berg. -- So warf der
kleine Körper grosser Seelen einst die um sich fressende Hydra in
Ketten, weil er Muth genug besaß, sie anzugreifen!
Aus des Waldes Dickicht tretend, haftete mein staunendes Auge auf den
Seltenheiten Passeyers. Ueberzeugt, daß nur wenig Hütten[7] in der engen
Thalkluft Platz fänden, siedelten die anderen höher und höher, wie sie
das Bedürfniß nach einander erschuf, auf die steilen Bergwände; ein
Stück Wiese, Hafergrund oder Kohlgarten, war dem bescheidenen Alpler
genügend, um von dem lang geprüften Nachbarn nicht scheiden zu müssen.
Manche scheinen ausgestossen und hängen, wie verbannt, neben oder auf
einem zackigen Fels, von dessen Ruhe das Leben der Hüttler abhängt --
man schonte die Plätzchen Erdreich’s, der Hütte am Felsen zu nützen.
Wohl möchte mancher Städter anstehen, selbe nur um etlichmaliges
Hinaufsteigen zu kaufen, indeß sie von ihren Bewohnern doch so theuer
angeschlagen wurden!
[7] Diese fand ich mit denen salzburgischen ähnlich gebaut, nur etwas
niedriger, und die Dächer weniger mit Steinen beschwert, dafür festet
man die Breter gerne mit Holznägeln an das Dachgebälke.
Aus Seen und von Schneefeldern eilen allenthalben geschäftigte Bäche
herab, in diesem Thale die Pässe zu lösen; sie wollen damit in Italiens
Fluren sich brüsten, und üben hier schon das Ringen, obgleich sie damit
die Heimath verwüsten.
Die Bewohner, abgestossen durch der Natur Zwistigkeiten, ketten sich
eben so fest an einander. Ob auch Schönau, Glaneg, Rain, Gries, Moos
etc. von dem Dörfchen Passey im Namen sich sondern, so sind sie doch ein
Herz, ein Sinn; dieß denken sie bewiesen zu haben, schiene meine
Behauptung zu voreilig. Das Passeyerthal erstreckt sich bis Meran auf
eine Strecke von ohngefähr sieben Stunden; ich glaube aber, daß die
wesentlichste Veränderung das Grösserwerden des gleichnamigen Flusses
bewirke.
Acht heisse Stunden von Sterzing bis ins eigentliche Passey hinab,
erzwangen den Wunsch nach Labung. Wo ist das Wirthshaus am Sand? frug
ich, und zwei Buben liefen, sich Bemerkungen zuflüsternd vor mir her,
bis zu einem einzelnen Hause, welches den Untertheil gemauert, grösser
und schöner als die anderen von Holz erbauten, sich ausnahm. Der
Sandboden, welcher vom nebenan niederfliessenden Bache bei
Ueberschwemmungen immer erneuert wird, möge ihm den seit 100 Jahren
gegebenen Namen erhalten.
Also dieses Haus umfaßte den schlummernden Heroen zum fürchterlichen
Erwachen für des bedrängten, ewig geliebten Kaisers Wohl? -- Wie
verstand der Mann, welcher hier Gastgeber und Hirte gewesen, das
Kriegspanier über die vielen Alpen und Thäler einem friedfertigen Volke
kampflustig vorzutragen? Wie wußte er sich das Vertrauen, die Liebe und
Achtung so vieler Tausenden zu erringen, welche der Oberanführer so
nöthig hat? -- Es galt dem vergötterten Vater Franz! Tausende fühlten
für ihn, was Hofer, eben so viele waren bereit; es kostete nur den
ersten Schritt; der schlichte Sandwirth wagte ihn, und dies ist sein
herrlichstes Verdienst! -- Der Mann war gefunden, welcher für Kaiser und
Vaterland auftrat; wie er aussah, wie seine Kenntnisse beschaffen --
gleich viel! Er mußte es redlich meinen, denn er stritt um das Gute;
Alle wollten dasselbe, daher hatte er Alle zu seinen Gefährten! -- Um
Hofer entwuchsen Talente und Genie’s, er gehorchte ihnen, weil er sich
nur in der Anhänglichkeit an das liebste Kaiserhaus, der
Oberanführersstelle würdig wußte. Dadurch gründete er Eintracht und
Festigkeit unter den Patrioten, und oftmaliges Besiegen der Feinde.
Nun erst prüfte ich genauer das Haus; Fenster und Thüren schienen mir
höher als bei gewöhnlichen Dorfwohnungen Tirols. Grössere Ideen mochten
seinen Erbauer beseelen, sich eine Wohnung zu errichten, deren Umrisse
den Bewohner nicht immer an das Zusammengedrückte und Verschrumpfte
erinnern, dem derjenige ausgesetzt ist, welcher gebückt die Thüre
passiren, und nur mit Hindernissen zum Fenster hinaussehen kann. Von
jeher waren die Hofer -- Sandwirthe, und geachtete Männer unter dem
Volke; der unglückliche Andreas wollte seine heitere Wohnung nicht durch
das krumme Joch der Sclaverei zum Schafstalle pressen lassen, er fiel,
aber der Tod bewies die Grösse seines Ruhms!