Zemthale

uns befanden. Wenn dieser Name auf den wenigsten älteren Karten steht,

und Millionen von seiner Existenz gar nichts wissen; so glaube ich

dieses damit zu entschuldigen: daß die Menschen grosse Länderstrecken,

welche verlassen und geschieen keinen Nutzen versprechen, auch nicht als

bestehend betrachten; nur die höchsten Glätscher und Eisferner, als

ausserordentliche Gegenstände, machen darin eine Ausnahme.

Das Zemthal, welches auf einer Länge von vier Stunden, nicht so viele

Wohnhäuser zählt, besitzt (vielleicht Alpenwiesen ausgenommen) auch

nicht ein Joch fruchtbaren Ackergrundes. Die ewigen Eisberge, deren

niedrigere Ausläufer ins Thal hie und da einen dürftigen Nadelwald

nähren, machen in Tirol keine Seltenheit; die steilen Felsen sind zu

karg, etwas anderes als tobende Gießbäche durchzulassen; Flächen, welche

das Wasser in der Ebene zum gewöhnlichen Beete nicht bedarf, decken

boshaft dessen mitgeführte Steine, die es bei Gußregen den hohen Wänden

entrieß. Wahrhaftig! hier könnte der emsigste Ansiedler ausser Steinen,

Holz und Wasser, nichts erzwingen! Aus einem engen Thale zur Linken

stürzt der Floiten-Bach; zwei Brücken über ihn und den älteren Zembach

nahe beisammen geschlagen, sind die einzigen Zeugen, daß auch hier, in

dem abgestorbensten Winkel, die rege Menschenhand wirkte.

Nun wandert man fortwährend am linken Ufer der immer kleiner aber

widerspänstiger werdenden Nymphe; leere Hüttchen und Gangsteige deuten

auf die muthmaßliche Anlage einiger Sennereien, welche in den Schluchten

ihren Nutzen finden mögen; aber kein Peitschenknall, kein Gebrüll oder

Glockengeläute sichert die Meinung. Immer steiler und gefährlicher wird

das Klettern; wir mußten uns mit Steigeisen bewaffnen, dem feindlichen

Pfade nicht zu erliegen. Der Zemer- und Zamserbach laufen hier zusammen,

sie spielen mit eigenem Beifall die Meisterrollen auf dieser nie

besuchten Bühne, weil kein Dritter es wagt, zwischen ihnen als Gast

aufzutreten. Einiges Krummholz wuchert auf den Wänden des Zamserbaches,

dessen Uferbeete wir nun aufwärts folgen sollten, wenn mein Führer nicht

andere Spekulationen gebrütet hätte. Schon bettete sich Schnee zu

unseren Füssen, schon grinsten die Gespensthäupter der zahlreichen

Ferner[3] über die grünere Bergwelt, als mein Begleiter für gut fand,

nach der vierstündigen Wanderung etwas zu rasten, und den mitgenommenen

Schnapps- und Brotvorrath als Stärkung zu verzehren. Mir war dieß sehr

erwünscht, da ich weiter wie er heute hergekommen, meine Ermattung kaum

mehr zu bekämpfen vermochte. Der bleiche Stein, welcher uns beiden zu

Sitzen und Tafel diente, war mit drey grossen Flecken von Schießpulver

geschwärzt. Dieß war nach meines Führers Aussage ein Zeichen, daß

Jäger-Nachstellungen für die Raubschützen zu besorgen wären; ein Kamerad

pflege die Anderen, welche auf diesem Wege gemeiniglich ihrer Erbsünde,

der Wilddieberei nachgehen, bei sicherer Erfahrung zu warnen; doch sei

solche Markirung bisweilen eine List, sich mehrerer Mitschützen durch

Furcht zu entledigen, und die gehoffte Beute leichter und ungetheilt für

sich allein zu gewinnen.

[3] Ist in Tirol eine Benennung der höchsten, ewig mit Eis und Schnee

bethürmten Alpen, welche todt für alle Vegetation, nicht einmal Gemsen

beherbergen, ihnen aber dennoch bisweilen als kurze Zuflucht dienen.

Alpenwanderung.

Finsterer breitet sich itzt allmählig das Dunkel auf’s harrende Thal.

Apollo’s ätherisches Licht scheint nicht hinabreichen zu können durch

die Pyramiden von Alpen und lange Verhaue der Wälder, auf die gepreßte

Kluft. Man bedauert und vergißt sie, weil man ängstlicher fürchtet,

durch Vorwürfe des Sonnengottes Zorn zu reitzen auf den ihm huldigenden

Alpen. Es war Zeit zum Aufbruch. Wir folgten noch eine mässige Strecke

dem Bache aufwärts, der itzt brüllend die Sprache der Freiheit führte,

und durch kühne Sätze beinahe eine ununterbrochene Cascade bildete. Man

sah keinen Weg, frischer Schnee und Steingerölle machte fortwährend

unseren feindlichen Widersacher; der Führer bemerkte nach meiner

deßhalbigen Klage, daß es noch viel schlimmer kommen werde; die

Jahreszeit sey schon zu weit vorgerückt, der junge Schnee wäre

untragbar, und habe weiter oben vermuthlich den Bach gehemmt, wo wir

dann theilweise durchwaten oder glatte Wände übersteigen müßten; wollte

ich mich aber gleich einer kleinen Anstrengung unterziehen, so könnten

wir auf der Höhenwand die von Sonnengluth und Frost ewig gefesteten

Schneedecken gefahrlos überschreiten. War es wirklich so, oder ließ ihn

der vermuthete Erfolg diese Finte ersinnen; kurz, ich mußte mich

entschließen, links eine Felsenmauer zu besiegen, so schroff und

drohend, daß mir beim Gedanken, sie zu überklettern, der Athem stockte.

Ohne viel Umstände schleppte aber der Führer meine Tasche mit allen

Habseligkeiten und Geldvorrath über die Spitzen und Abhänge hinauf, und

ich folgte dem Köder, getröstet, daß wir solchen verwünschten Weg nicht

abwärts wählen sollten, wo ich gewiß verunglückt wäre. Das Gestein war

fest, nahm jedoch kein Ende, wir mußten bisweilen ausruhen auf den

vorragenden Kanten, wo nur die Zehenspitzen Platz fanden, indeß der

Fußballen frei über dem Abgrunde schwebte; ich wagte nicht,

hinabzuschauen, meinem geängstigten Hunde Muth zuzusprechen, der

winselnd sein Nichtweiterkommen klagte. Wie _Duna_ nachkam, weiß ich

nicht, aber er stand neben mir, als von Angst und Anstrengung

schwitzend, ich oben auf dem Schmollkahr ausrastete; die perpendikuläre

Höhe dieser Wand, welche ein Ausläufer des gewaltigen Fustschlag-Ferners

ist, möge über 200 Klafter betragen. Mein Mentor deutete gegen Westen

auf eine längliche Schneewölbung; dieß sey die Prennersspitze,

versicherte er, man könne bei heiterem Tage deutlich die

Landesvermessungs-Pyramide darauf ausnehmen; die Poststrasse überlaufe

nur seinen niedrigsten Rücken[4], der unserem Standpunkte schon weit

untergeordnet wäre. Kaum daß noch ein kleiner See sich zu verrathen Zeit

hatte, schloß die Unterwelt ihre Hallen und Geheimnisse; denn bald hatte

uns ein Wolkenschleier umhüllt, der, obgleich lästig, doch nicht

gefährlich schien, so lange wir auf dem erträglichen Felsrücken

fortschritten. Nun aber hieß es wieder empor, über Felsen und

Schneefelder, die seltsam genug aussahen, im Nebel passirt zu werden,

und welcher, je tiefer wir im erweichten Schnee fortackerten, desto

zutraulicher uns zu umstricken schien, ohne daß die fühlbare Sonnengluth

selben zu durchdringen vermochte. Mir wurde allmählich etwas bange wegen

der Abgründe und muthmaßlichen Irrwege auf dieser Scheidewand des

Himmels und der Erde. Immer kleiner -- auf einige Klafter wurde die

Gränze unseres sichtlichen Wirkungskreises beschrenkt, und von allen

Anderen nahm das graue Land der Ewigkeit Besitz. Um so weniger konnte

ich aus meinem Führer klug werden, der eine zunehmend fröhlichere Miene

zeigte, je dichter sich die Wolkenballen um unsere Füsse schlugen; er

bat mich, nicht zu murren, indem er den Weg so gut wisse, wie von seiner

Hütte ins Wirthshaus. Zum Erstaunen versicherte er, daß unbezweifelt

links (oder südlich) nebst dem _Fustschlag-_ der _Möselo-_ und

_Weiß-Lint-Ferner_ und die _Hochseil_-Spitze, rechts der

_Stampfl-Alpeiner-_ und _Duxer-Ferner_ mit der _gefrornen Wand_, vor uns

die Alpenspitzen des _wilden Kreuzes_, _Wurmauls_, der _Norn_ und

_Grobwand_, und hinter uns das _Ingentkor_ aufstiegen.

[4] 4160 Fuß über dem mittelländischen Meere.

Bisweilige Durchrisse des Nebels wiesen in der That auf jenen

bezeichneten Stellen hoch überragende Alpenkegel, denen ich auch bei

dieser Bewährung den vorhergesagten Namen zutraute. Wir mußten sonach

links abermal eine halsbrecherische Wand des Fustschlag-Ferners auf Händ

und Füssen überklettern, um rechts einer schauerlichen Kluft, in welcher

aus geschmolzenem Schnee der _Zamserbach_ sein Gewässer für das

gleichnamige Thal sammelt, auszuweichen. Still feierten die Dryaden die

Geburt dieser Nymphe, welche zu zart und bescheiden war, mit Getöse zu

erscheinen; desto sicherer aber würde sie den Unvorsichtigen

zerschmettern, welcher zu kühn ihrer Wiege sich nahete.

Einen anschaulichen Begriff von solcher Gefahr lieferte nunmehr unsere

Wanderung; ich glaubte sicher zu treten, und dennoch erschreckte mich

das krachende Bersten der unter dem lockeren Schnee ausgebreiteten

Eisdecke, auf welcher wir zwar manche Untiefen brückenähnlich

übersetzten, wenn aber durch unsere Schwere bisweilen die hohle Masse

brach, blaugrüne Schlünde zwischen den Rissen heraufgähnten, alles zu

verschlingen. Der lange Bergstock ist bei solcher Gelegenheit von

größtem Werth, man prüft damit die Oberfläche und überschwingt sich eben

mit diesem bei deren Unverläßlichkeit. Gewöhnlich trägt man denselben in

der Mitte anfassend in horizontaler Richtung, um bei unverhofftem Sturze

in die tiefe Kluft, an dem krampfhaft umfaßten Stock eine rettende

Spreitze zu haben.

Dünner wurden die Nebel; der Führer, noch immer mit meinem Gepäcke

belastet, wünschte, obgleich wir einer dem andern mit schlechtem

Beispiele vorangingen und bedeutende Strecken hinabrutschten, noch

schneller zu eilen auf dem mehr Luft- als Erdpfade. Ich erkundigte mich

um die Ursache dieser gefährlichen Fluchtreise, welche meine Kräfte bis

zum Niedersinken schwächte, konnte aber, ausser seiner Bitte um

Stillschweigen, nichts erfahren.

Gemsenjagd.

Itzt hatten wir eine Felsenscharte erklommen, undeutlich waren noch die

schroffen Umrisse derselben; der Führer legte meine Jagdtasche ab, und

bat, ihm zu wahrscheinlichem Glücke den Gefallen zu erweisen, nach einem

Fingerpfiff meine beiden Läufe auszuschiessen.

Ich war nunmehr von der ausgedachten Spekulation einer Wilddieberei

überzeugt, sie konnte vielleicht fehlschlagen; weigerte ich mich aber,

seinem Ansinnen zu entsprechen, so hätte er Rache nehmend, in den

bekannten Felsenschluchten sich schnell fortbegeben und mich in der

umnebelten Alpenwüste zurücklassen können, um keiner geringeren -- als

Lebens-Gefahr mich preiszugeben.

Er verlor sich auf den hohen Felsenzacken; ich behauptete den mir

angewiesenen Wachposten mit ähnlichem Herzpochen eines Rekruten, der zum

erstenmal als Plänkler den Feind angreifen soll.

Lange harrte ich auf den Signalpfiff; endlich erscholl er, und Donner

verkündigte meiner Läufe Entladung; bald darauf krachte es jenseits über

der Alpenwand. Noch wiederholten sich die schneeigen Klüfte die seltenen

Töne, noch rauschten abrollende Steine gegenüber, als ich den Erfolg zu

wissen, ebenfalls der vom Führer erstiegenen Wand zueilte. Aber es war

unmöglich da fortzukommen; mit Bastionen und Laufgräben schien die

Schöpfung hier alles Weiterschreiten versagt zu haben, und die dunstige

Atmosphäre zeigte kein heimliches Pförtchen, günstiger auf die Festung

zu gelangen.

Weitere Berathschlagung hob des Wildjägers Ruf, welcher zurückgekehrt

mich bereits bei dem verabredeten Plätzchen vermißte. Als ich hinabkam,

bat er um meinen Beistand, indem er den wohlgetroffenen Gemsenbock

schwerlich aus schroffer Kluft allein holen könne, und überdieß frische

Spuren im Schnee, die schon heutige Anwesenheit zweier Schützen bei

diesem Wechselpuncte andeuteten, und ihn desto mehr zur Eile zwängen,

als dieser schöne Bock bei Rückkehr der Vorbenannten leicht blutige

Auftritte bezwecken könnte.

Wenn man schon zu einer unerlaubten Handlung noch so unbedeutend

mitwirkte, so führt diese immer die nachfolgenden grösseren nach sich.

Ich mußte ihn nun in dem Vorhaben schnell unterstützen, um seine

Nebenbuhler oder Feinde, nicht auch mir auf den Hals zu laden. Wir

umkletterten die Wand auf einige Tausend Schritte, da grinste von einem

kahlen Felsenrücken zwischen zwei Spitzen ein tiefer Abgrund, in dem lag

der Bock, welchen mein Begleiter in dem Augenblicke schoß, als die

Gemsen von meinem Schiessen jenseits aufgeschreckt, aus ihrem für

Menschen unzugänglichen Sicherheitsorte dem ungesehenen Lauerer in den

Schuß sprangen. Den Stahlhacken meiner mitführenden starken Schnur faßte

des Glücksjägers eine Hand, mit der andern benützte er die vorragenden

Steine zu seinem Vortheile, indeß ich von oben zeitweise immer einige

Ellen nachließ, bis die Schnur erschöpft war, und er dann in

augenscheinlichster Lebensgefahr nur mittels der Steigeisen sich

gänzlich hinab begab, zu meinem Entsetzen den Mund auf die triefende

Kugelwunde der Gemse preßte, und geraume Zeit das warme Blut (Fasch)

ohne Unterbrechung genoß; sodann band er die vielgeliebte Beute auf den

Rücken, und kletterte bis zum Schnurhacken sehr behende empor, woran ich

zuerst das Wild, und sonach ihn heraufzog. Wie zum Danke both er mir

auch etwas von dem gräßlichen Getränk, ich war verblüfft und konnte ihm

nichts als meinen Abscheu dawider bezeugen. Er schien sich nicht daran

zu kehren, hieß mich noch etwas gedulden, nahm um seine Nachfolger zu

beirren, den vom Blute triefenden Bock, und wanderte, damit die Fährte

geflissentlich andeutend, eine weite Strecke über gewölbte Schneefelder

gegen Süden bis auf einen Abhang von schneelosem Steingerölle. Dort

verstopfte er die schon größtentheils verblutete Kugelwunde mit Werg,

band sein Tuch über das vom Sturze beschädigte Haupt des Gemsenbocks,

und kehrte dann verkehrt gehend mit gleicher Spur seiner vorigen

Hinfußtritte darneben zurück. Sonach schien es, als wenn zwei Schützen

von dieser Stelle mit der Beute gegen _Pfunders_ oder _Vals_ ins

Pusterthal hinabgewandert wären, statt daß wir in entgegengesetzter

Richtung über kahle Felsen nordöstlich dem Pfitscherthale zuwanderten.

Ich bewunderte die List und Schlauheit dieses Raubschützen-Genies, das

mit dessen platter Erziehung in gar keinem Vergleiche stand. »Man könne

sich nicht genug hüthen,« bemerkte er, »daß einem die Steinacher und

Hinterduxer den seltenen Gewinn nicht abjagen, indem die Gemsen schon

sehr selten und ihre Nachsteller immer häufiger würden, überdieß wäre

solch schönes Stück schon seit langer Zeit nicht erlegt worden.« Ich

fragte, wie hoch er dessen Werth anschlage? »Der Bart[5]« erwiederte er,

»gelte unter Brüdern sechs baierische Gulden, Decke und Fleisch seyen

dasselbe im Kaufe. Um 12 fl. R. W. also Leben oder Freiheit zum Spiel

setzen, ohne seine Pflichten und Familie zu bedenken!

[5] Welcher aber nicht am Kopftheile, sondern am Heschen zu suchen

ist, und dann die werthvollste Hutzierde der Gebirgler ausmacht.

Ich konnte die Frage nicht unterdrücken, ob das Blut, welches er mit so

vieler Gierde getrunken, ebenfalls unter die Geldartikeln zu setzen

wäre? -- Dieß möchte Mancher um den höchsten Preis an sich zu bringen

suchen, behauptete er, wenn es nur möglich wäre, es Kranken frisch zu

liefern; Schwindel und Frost ist Dem unbekannt, welcher warmes

Gemsensblut trinkt; glücklich wird immer der Schütze jagen, wenn er von

jeder erlegten Gemse seinen Durst mit Blute gelöscht. Ich bezweifelte

diese Versicherung und lobte als Gegenbeweis meine Schwindellosigkeit

bei niemalig ähnlichem Trankgenuß. Treuherzig rieth er, noch nicht zu

jubeln, ich würde gewiß das Genick brechen, wenn jenes Wundergetränk ich

verschmähend, noch lange auf Alpen mich herumtriebe. Diese Versicherung

wäre mir an dem tragischen Orte ganz sonderbar vorgekommen, hätte ich

sie nicht, gleich allen Vorurtheilen der Bauern, lächerlich gefunden.

Etwas reiner wurde das Firmament, ich freute mich dessen; der Führer war

itzt auch damit zufrieden, indem es nur nicht früher eintraf, wo er

sonst schwerlich sein Glück gemacht hätte. Mißmuthig entstieg ich

allmählig einer Höhenwand nach der andern, ohne die gehoffte Uebersicht

genossen zu haben, der Tag war und blieb ungünstig für Alpenreisen. »Wo

sind die Zinken, wo die Ferner und Eiszähne, welche wie Obelisken und

Sarkophagen, wie Tempel und Triumphpforten der Schöpfung im diamantenen

Schimmer auf diesen kolossalen Grundmauern sich reihen? -- Sie schienen

aufgezehrt von eitlen Dünsten, welche alles Herrliche anzugreifen, alles

Schöne zu besudeln suchen, durch Verderben sich geltend zu machen!«

Mädchenmuth.

Der steile Abhang führte uns bald an dem Beete des kaum gebornen

Pfitscher-Baches einigen Sennhütten vorbei, die aber bereits verlassen,

und mit Schnee gebleicht, keinen freundlichen Willkomm verkündeten. Mein

Begleiter machte mich dabei auf den Männermuth der Tiroler-Dirnen

aufmerksam. 1809 bei dem patriotischen Volkskriege des Landes gegen die

aufgedrungenen Soldknechte, zog alles, was ein starkes Herz hatte, wider

die verhaßten Fremdlinge zu Felde. Die schwächeren Dirnen (denn die

erwachsenen und Weiber schlossen sich an die männlichen Reihen zum

Kampfe,) wurden zur Huth des Viehes in die entlegeneren Gebirge

beordert. Da geschah es denn, daß mehrere feindliche Freibeuter, die

Kunde von dem hier aufgestellten Horn- und Schafvieh, für ihren Vortheil

benützen wollten, und wohlbewaffnet dieser Höhe zukletterten. Allein die

sorgsamen Dirnen hatten ihre Posten eben so kühn als geschickt

vertheilt, und eh noch ein Mann als Sieger der kleinen Wiesenfläche

nahte, hatte schon gewaltiger Steinregen die Räuber verwundet, und in

die Flucht gejagt.

In einem Felsenloche versteckte nun der Schütze seinen Raub, und deckte

ihn sorglichst mit Zweigen, Steinen und Schnee.

Ein Nadelwald, sich zusehends in seiner Vertiefung höher und enger

bildend, duldete uns geraume Strecke auf seinem glatten Gangsteige, dann

aber mußten wir den versiegten, an oder inner den Ufern des Baches

wählen, der mit allen Zeichen des Uebermuthes uns bald von oben herab

tüchtig näßte, bald zum Durchwaten aufs jenseitige Ufer zwang. Zwei

schöne _Cascaden_ söhnten mich indes mit diesem Poltrone aus.

Wir waren bereits zum gewöhnlichen Gangsteig zurückgekehrt; mich

wunderte der Abstand, jenseits im Zemthale gar kein Wohnhaus, und hier,

obgleich nur armselige Hüttchen, mit der Benennung _Stein_, _Sand_, _St.

Jakob_, doch in gleich wilder Kluft angesiedelt zu sehen. Wenn nicht

Viehstand diese Menschen ernährte, so wüßte ich nicht, wie Jemand hier

verzweifeln oder verhungern möge. Die Pfitsch stürzt nun über schroffe

Felsen hinab, welche den Menschen die Mitreise verbiethen. Der Umweg

über die Höhe des Dörfchens Kematen brachte mir vortreffliche Milch zur

Labung. Wir waren nun dem Prenner am nächsten gekommen, und wanderten

bereits auf seiner auslaufenden Arme unebenem Gebiethe, über Widen nach

Straßberg, wo wieder der obige Bach Reisegesellschafter wurde.

Hier beurlaubte sich mein Führer, er schlug meine Einladung eines guten

Abendessens aus, um, was ich jedoch nimmer glaube, noch heute

_Lanerbach_ wieder zu erreichen. Wir hatten mit Inbegriff der Gemsenjagd

zehn Stunden bei rüstigstem Marsche von _Lanerbach_ bis Straßberg

zugebracht. Nun war es 6 Uhr; wenn also mein Führer trotz Hunger und

Ermüdung noch so sehr auf Schnelle pochte, so hätte er bei der späten

Jahreszeit, nur im Mondenlichte die 6 und 7000 Fuß über der Meeresfläche

erhabenen Alpen überschreiten müssen, was ich, selbst wenn er oben

geboren und erzogen wäre, nicht möglich finde. Mag er was immer für

Ursachen gehabt haben, sich mir zu entziehen, ich wünschte, daß er

glücklich seinen Endzweck erreiche. Dieser arme Mensch, welcher um

einige Gulden alles zu verlieren wagt, sträubte sich anfänglich, die von

mir bedungenen 3 fl. baier. Landmünze anzunehmen, weil, wie er bemerkte,

ihm der heutige Tag ohnehin reichlich belohnt schiene, und ich, sein

Gefährte, gar keinen Gewinnst zöge.

Ich verfolgte den schlechten aber unfehlbaren Gangsteig. Bäche, welche

sich zwischen den einzelnen Häuschen von Straßberg, Wöhr und Wiesen auf

der zweistündigen Strecke in die Pfitsch ergiessen, hatten feste

Brücken, damit das Vieh, von oder auf die Alpenweiden der Thaleshöhen

gelangend, nicht verunglücke. Von Wiesen kommt man in die kleine Ebene

von

Sterzing,

auf welcher, das Moos genannt, 1809 Heldthaten der Tiroler spielten. Es

war bereits Abend, dunkle Schatten zogen vom jenseitigen Telferberge ins

Thal, Sterzings Glocken riefen zum Gebeth, eingreifend sprach der Klang

in die Thäler und in mein Herz. »Es ist der Schöpfung Leichenzug,

welcher den Tag zu Grabe bringt, damit er verherrlicht wieder entkeime,

wie die Thaten der hier gefallenen Edlen.« Die Eisak, das kleine

Sterzing mitten durchdringend, strebte kräftiger itzt, das prahlende

Wort zu führen in der zunehmenden Stille; die kaum dem Prenner

Entsprungene vergaß, daß auch ihre Fluthen in dem Völkerkriege durch

abgerollte Stämme und Felsenstücke, welche dem Feinde galten, im Lauf

bezwungen wurden. Die Bergwerke _Sterzings_, obgleich gegen ehemals

beträchtlich im Nutzen gesunken, machen die Stadt doch immer noch

wohlhabend; was man zum Theile in den stark besuchten, mit guten Speisen

und Trank versehenen Gasthäusern erkennt[6]. Gässen und Häuser führen

zwar kein hochtrabendes Ansehen, demohngeachtet kann man ihren Bewohnern

eine gewisse Art Stolz, in Handlungen und Redensarten, vor andern

Tirolern nicht absprechen.

[6] Vorzüglich empfehlenswerth wäre jenes zur Nelke (Naglwirth

genannt).

Zeitlichst verließ ich Sterzing, denn _Passey_ ließ mich selbst auf dem

vortrefflichen lang entbehrten Flaumenlager nicht ruhen; in Wien

verlobte ich mich schon dahin, und in seiner Nähe sollte ich zögern?

Neben dem schäumenden Geilflusse, dessen zwei Hauptquellen vom Jaufen

und hohen Ferner Grüsse der sie aufnehmenden Eisak bringen, wanderte ich

mässig aufwärts. Das

Schloß Wolfsthurm,

welches selbst im Morgendunkel sein gebietherisch Ansehen nicht vergab,

erinnerte mich auf den lächerlichen Zustand, welcher die darin

gefangenen Wölfe des 11. Aprils 1809 peinigen mußte, als sie ihre

Besieger durch das nachrückende französische Heer unter General _Bisson_

vertreiben sahen, ohne die vorbeiziehenden Verbündeten zu ihrer

Befreiung anrufen zu können. Damals konnten die gefangenen Baiern dem

hohen Schlosse jene ungewöhnliche aber richtige Eigenschaft, einer

schönen aber höchst traurigen Aussicht beifügen. Ich gönnte den Häuschen

von Gasteig, Ober- und Unter-Telfs den erquickenden Morgenschlummer,

welcher sie so oft floh, wenn sorglos ich noch der Ruhe genoß.

Bei Telfs zerfällt der Geilfluß in zwei kleinere Arme, ich mußte dem

links herbeispringenden entgegensteigen, um übern

Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,(#78026) · 第 9 / 52 题