Lanerbach

vertrösten. Dieses Dorf, wenn es auch von allen Glücksgütern der Erde

weit geschieden ist, und häufiger von Gießbächen, Schlossen und

Schneelavinen, als von milden Sonnenblicken heimgesucht wird: stimmt

doch den Fremden zu stiller Bewunderung, und entlockt ihm den Wunsch,

hier einige Tage zu verleben. Eingeschlossen, wie von den Wänden des

_Plutus_, drängen sich die reinlichen Häuschen zum Bache, um durch

diesen reisenden Dollmetsch mit der lebenden Aussenwelt noch im Verkehr

zu bleiben. Kein Gesicht, kein Kopfhängen, klagt über das Unglück der

Abgeschiedenheit; man fühlt sich genug begünstigt, daß unter den wenigen

Nachbarn, weder Wölfe -- Schafshüllen borgen, noch Kunstwörter Pfeile

spitzen; und das Aussehen! -- Voll und gesund gleicht der Mann den

einstigen Heroen _Germaniens_, welche die Weichlichkeit mit dem

entnervten Römer zugleich zertraten; das Weib aber prahlt mit der

Gesundheit auf ihrem Antlitz, wenn es auch schon die Kreuze der Jahre

durchzogen; sie schämt sich derselben nicht, denn wackere Töchter

bestätigen der geachteten Mutter ungeschwächte Jugend, und das

Verlangen, ihr ähnlich zu werden. Alle Achtung zollte ich dem

_Duxer_-Thale, und ich wünschte, daß so mancher Jüngling, welchen sein

reicher Vater nach Paris und London schickte -- Sitten und Lebensart zu

lernen, statt dessen sich hieher verirrt hätte; alle eitlen Mütter aber,

die ihre koquetten Töchter nicht genug von Marchandemoden verbiegen

lassen können, in Lanerbach Toilette machen liessen, und die späteren

Jahre würden mir für diesen Rath Dank bringen.

Gesang und Jubel, aber nicht durch Getränk erzwungen, tönte von Höhen

und Thälern zu mir; ich frug um das Wirthshaus -- stand dabei und wußte

es nicht! Still und klein, wie die Bescheidenheit, schien es nur da zu

seyn, um dem Dorfe sein Gerechtsam nicht zu entziehen.

Der Wirth, mehr Hausvater, als Knecht des Lyäus, war aussen beschäftigt,

mit dem Spaten einen widerspenstigen Acker zu bekämpfen[2]; seine

Sprößlinge, für die er sich herzhafter mühte, halfen ihm dabei, um ihre

zarten Muskeln zu stärken, zur einstigen Ueberhebung des schwach

gewordenen Vaters. Die Mutter viel natürlicher als wirthisch gesinnt,

bedauerte, daß im ganzen Hause zum Imbiß für einen so seltenen Gast

nichts Gehöriges aufgebracht werden könne; jedoch sollte ich unterdessen

mit Bier, Schnapps, Käse und dürrem Schwarzbrote mich begnügen, ihr Mann

würde schon zu etwas Besserem Rath wissen.

[2] Wie überhaupt in mehreren Thälern Tirols auf den ungemein steilen

Berghöhen weder Pferde noch Ochsen vor den Pflug gespannt werden

können, sondern derselbe durch Menschenhände allein ersetzt werden

muß.

Fort lief sie, als hinge von meiner Zufriedenheit das Heil ihres Hauses

ab; ich war allein, allein in der Wohnung, wo unverschlossen mir alle

kleine Habe der Familie anvertraut wurde. O wie wohlthuend schmeichelt

dem Menschen seiner Mitbrüder Zutrauen! wie unvergeßlich wurzelt es,

weil es so selten ist! Möget ihr nie diese Tugend durch höllischen

Verrath büssen!

Nach einer halben Stunde kamen meine Wirthsleute zurück; ich habe noch

von keinem Tiroler das Du lieber angenommen, als von diesem ehrlichen

Kopfe; er setzte sich zu mir, frug um Neuigkeiten, prüfte und lobte mein

Gewehr, und zeigte dann, wie seine Buben schon dasselbe zu schwingen

vermöchten. Angenehmes Staunen fesselte mich, als ich plötzlich die

Wirthin mit einer grossen Schüssel schön gesottener Forellen, und einer

andern voll Milchsuppe zum Tisch hüpfen sah. »Dieß sey alles, was ich

für itzt ansprechen könne, (lautete die wohlklingende Einladung), sollte

ich aber länger verweilen, so käme es nicht zum Verhungern!«

Besser als jeder Prasserschmaus, behagte mir dieses unerwartete

Frühstück, das, ich vermuthete es, auch mein Mittagmahl ausmachte. Die

Zeche, welche ich, wenn auch übergroß, gerne vergessen hätte, mußte ich

wider Willen so gering berechnet sehen, daß mir einen Augenblick bange

wurde, wie ich dem seltenen Manne ohne Beleidigung meine Erkenntlichkeit

beweisen könnte.

Sein Junge führte mich unter lauten Glückswünschen der braven Eltern zu

einem einzelnen Hause, worin der aller Gebirgswege kundige Wegweiser

wohnte. Ich sehe mich aus Dankbarkeit genöthiget, dessen Namen und

nähere Schilderung zu übergehen, weil er trotz seiner hinlänglich

bewiesenen Treue und Ehrlichkeit für meine Person, doch andern Lockungen

nicht so enthaltsam und lobenswerth widerstand. Nebst Bergstock und

Steigeisen nahm er ein wohl erhaltenes Gewehr mit, um nach seiner

Aeusserung, vielleicht einen Raubvogel zu pelzen. Da er mich überredete,

nach Sterzing und Passeyer nicht den lästigen Weg einzuschlagen, über

Juns Moos durchs heitere _Duxer_-Thal längst des Schneetauern, sonach

abwärts gegen Toldern am Schmiernerbache auf _Staflach_, wegen der

sofort überlangen Strecke durchs Sill- und übern Prenner dann ins

Eisakthal: so unterzog ich mich seinem Willen, zum Rückweg nach

Finkenberg; wornach wir vom Zemthale aus die Wanderung beginnen, und auf

Plätze kommen sollten, welche ebensowohl schöne Alpen-Ansichten als

notorische Merkwürdigkeiten aufzuweisen hätten; daß dafür steilere

Steigeln droheten, wollten wir Keiner bemerken.

Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,(#78026) · 第 7 / 52 题