Rouault hatte den Brief des Apothekers sechsunddreißig Stunden
nach dem Ereignis erhalten. Um ihn zu schonen, hatte Homais so
geschrieben, daß er gar nicht genau wissen konnte, was eigentlich
geschehen war.
Der gute Mann war zunächst wie vom Schlag gerührt umgesunken. Dann
sagte er sich, sie könne wohl tot sein, aber sie könne auch noch
leben ... Schließlich hatte er seine Bluse angezogen, seinen Hut
aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp
weggeritten. Den ganzen Weg über verging er beinahe vor Angst.
Einmal mußte er sogar absitzen. Er sah nichts mehr, er hörte
Stimmen ringsum und glaubte, er verlöre den Verstand.
Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum
schliefen. Er erbebte vor Schreck über diese böse Vorbedeutung.
Schnell gelobte er der Madonna drei neue Meßgewänder für ihre
Kirche und eine Wallfahrt in bloßen Füßen vom heimatlichen
Kirchhof bis zur Kapelle von Vassonville.
In Maromme, wo er rastete, brüllte er die Leute im Gasthof munter,
rannte mit der Schulter die Haustür ein, stürzte sich auf einen
Hafersack, goß in die Krippe eine Flasche Apfelsekt, setzte sich
wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem los, daß die Funken
stoben.
Immer wieder sagte er sich, daß man sie sicher retten würde. Die
Ärzte hätten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren
Heilungen, die man ihm je erzählt hatte. Dann aber sah er sie tot.
Sie lag auf dem Rücken vor ihm, mitten auf der Straße. Er riß in
die Zügel. Da schwand die Erscheinung.
In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei
Tassen Kaffee.
Es wäre auch möglich, sagte er sich, daß sich der Absender in der
Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem Briefe,
fühlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen.
Schließlich kam er auf die Vermutung, es sei vielleicht nur ein
schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eines
Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot wäre, dann müßte er
es doch an irgend etwas merken! Aber die Fluren sahen aus wie alle
Tage, der Himmel war blau, die Bäume wiegten ihre Wipfel. Eine
Herde Schafe trottete friedlich vorüber.
Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur
noch im Sattel hängend. Er hatte das Pferd mit Schlägen vorwärts
gehetzt; aus den Flanken des Tieres tropfte Blut. Als der alte
Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter heftigem Weinen in
Bovarys Arme.
»Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch ...«
Der andre antwortete schluchzend:
»Ich weiß nicht! Ich weiß nicht! Es ist so schrecklich!«
Der Apotheker zog sie auseinander.
»Die gräßlichen Einzelheiten sind unnütz! Ich werde dem Herrn
schon alles erzählen. Da kommen Leute! Würde! Fassung! Man muß
Philosoph sein!«
Der arme Karl gab sich alle Mühe, stark zu sein. Mehrere Male
wiederholte er:
»Ja, ja ... Mut! Mut!«
»Na, wenns sein muß!« sagte Rouault. »Ich hab welchen!
Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma das Geleite geben, und
wenns noch so weit wäre!«
Die Glocke begann zu läuten. Alles war bereit. Der Zug setzte sich
in Bewegung.
Rouault und Bovary saßen nebeneinander in den Chorstühlen. Die
drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her.
Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer
Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die Hände empor
und breitete die Arme aus. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem
Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine
Anwandlung, aufzustehn und sie auszublasen.
Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein
jenseitiges Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen würde.
Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit, weit weg
und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte, daß sie
dort unter dem Leichentuche lag, daß alles zu Ende war, daß man
sie nun in die Erde scharrte, da faßte ihn wilde Wut und schwarze
Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, als empfände er überhaupt
nichts mehr. Er fühlte sich in seinem Schmerze erleichtert, aber
alsbald warf er sich vor, eine erbärmliche Kreatur zu sein.
Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeiträumen etwas wie
ein Eisenstab auf. Dieses harte Geräusch drang aus dem
Hintergrund, bis es mit einem Male im Winkel eines Seitenschiffes
aufhörte. Ein Mensch in einem groben braunen Rock kniete mühsam
nieder. Es war Hippolyt, der Knecht vom Goldnen Löwen. Heute hatte
er sein Bein erster Garnitur angeschnallt.
Ein Chorknabe machte die Runde durchs Kirchenschiff, um Geld
einzusammeln. Die großen Kupferstücke klirrten eins nach dem
andern in der silbernen Schale.
»Schnell weg! Ich leide!« rief Bovary und warf zornig ein
Fünffrankenstück hinein.
Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung.
Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ... Das
nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, daß er mit Emma in der ersten
Zeit ihres Hierseins einmal zur Messe dagewesen war. Sie hatten
rechts an der Mauer gesessen ... Die Glocke begann wieder zu
läuten. Ein allgemeines Stühlerücken fing an. Die Sargträger hoben
die drei Stangen der Bahre in die Höhe. Man verließ die Kirche.
Justin stand an der Tür der Apotheke. Er verschwand schleunigst,
blaß und taumelnd.
Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug
vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Hauptes. Er trug
eine tapfre Miene zur Schau und grüßte kopfnickend jeden, der aus
den Gassen oder den Häusern trat, um sich dem Zuge anzuschließen.
Die sechs Träger, drei auf jeder Seite, schritten langsam
vorwärts. Sie keuchten. Die Priester, die Sänger und die
Chorknaben sangen das De profundis. Ihre bald lauten, bald
leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der Weg eine Biegung machte,
verschwanden sie auf Augenblicke, aber das hohe silberne Kreuz
schimmerte immer zwischen den Bäumen.
Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen Mänteln mit
zurückgeschlagenen Kapuzen, in den Händen dicke brennende
Wachskerzen. Karl fühlte, wie ihn seine Kräfte verließen unter der
ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten des faden
Geruchs von Wachs und Meßgewändern. Ein frischer Wind wehte
herüber. Roggen und Raps grünten, und Tautropfen zitterten auf den
Dornenhecken am Wege. Allerlei fröhliche Laute erfüllten die Luft:
das Quietschen eines kleinen Wagens in der Ferne auf zerfahrener
Straße, das wiederholte Krähen eines Hahnes oder der Galopp eines
Füllens, das sich unter den Apfelbäumen austobte. Der klare Himmel
war mit rosigen Wölkchen betupft. Bläuliche Lichter spielten um
die Schwertlilien vor den Häusern und Hütten. Karl erkannte im
Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich eines bestimmten
Morgens, an dem er, einen Kranken zu besuchen, hier
vorübergekommen war, erst hin und dann auf dem Rückwege zu »ihr«.
Manchmal flatterte das schwarze mit silbernen Tränen bestickte
Leichentuch auf und ließ den Sarg sehen. Die ermüdeten Träger
verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortwährend wie
eine Schaluppe auf bewegter See.
Endlich war man da.
Die Träger gingen bis ganz hinter, bis zu einer Stelle im Rasen,
wo das Grab gegraben war. Man stellte sich im Kreis herum auf.
Während der Priester sprach, rieselte die rote, an den Seiten
aufgehäufte Erde über die Kanten hinweg in die Grube, lautlos und
ununterbrochen.
Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf
gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer.
Endlich hörte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen geräuschvoll
wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudois
reichte. Und während er mit der rechten Hand den Weihwedel
schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde
ins Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg, und
das Geräusch dröhnte Karl in die Ohren, unheimlich wie ein
Widerhall aus der Ewigkeit.
Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. Es war
Homais. Würdevoll füllte und leerte er sie und reichte sie dann
Karl, der auf die Knie sank, mit vollen Händen Erde hinabwarf und
»Lebe wohl!« rief. Er sandte ihr Küsse und beugte sich über das
Grab, als ob er sich hinabstürzen wollte.
Man führte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar empfand
er gleich den andern eine merkwürdige Befriedigung, daß alles
überstanden war.
Auf dem Heimwege zündete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife an,
was Homais insgeheim nicht besonders schicklich fand. Er
berichtete, daß Binet nicht zugegen gewesen war, daß sich Tüvache
nach der Messe »gedrückt« hatte und daß Theodor, der Diener des
Notars, einen blauen Rock getragen hatte, »als ob nicht ein
schwarzer aufzutreiben gewesen wäre, da es nun einmal so üblich
ist, zum Teufel!« So hechelte er alles durch, was er beobachtet
hatte.
Alle andern beklagten Emmas Tod, besonders Lheureux, der nicht
verfehlt hatte, zum Begräbnis zu erscheinen.
»Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag für ihren Mann!«
Der Apotheker antwortete:
»Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen wäre, hätte er aus
Verzweiflung Selbstmord begangen.«
»Sie war immer so liebenswürdig! Wenn ich bedenke, daß sie vorigen
Sonnabend noch in meinem Laden war!«
»Ich hatte nur keine Zeit,« sagte der Apotheker, »sonst hätte ich
mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr ins Grab
nachgerufen hätte!«
Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog
seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich unterwegs
öfters die Augen mit dem Ärmel gewischt hatte, hatte sie
Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht hinterlassen. Man
sah, wo die Tränen herabgerollt waren.
Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen.
Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer:
»Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damals nach
Tostes kam, als du deine erste Frau verloren hattest? Damals
tröstete ich dich, damals fand ich Worte! Jetzt aber ...« Er
stöhnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust hob. »Ach, nun ist
es aus mit mir! Ich habe meine Frau sterben sehen ... dann meinen
Sohn ... und heute meine Tochter!«
Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux
zurückzureiten. In diesem Hause könne er nicht schlafen. Auch
seine Enkelin wollte er nicht sehen.
»Nein! Nein! Das würde mich zu traurig machen! Aber küsse sie mir
ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und das hier,« er
schlug auf sein Bein, »das werde ich dir nie vergessen. Hab keine
Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch noch jedes Jahr!«
Aber als er auf der Höhe angelangt war, wandte er sich um, ganz
wie damals nach der Hochzeit, als er sich nach dem Abschied auf
der Landstraße bei Sankt Viktor noch einmal nach seiner Tochter
umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe glühten wie im Feuer unter
den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging. Er beschattete
die Augen mit der Hand und gewahrte fern am Horizont ein
Mauerviereck und Bäume darinnen, die wie schwarze Büschel zwischen
weißen Steinen hervorleuchteten. Dort lag der Friedhof ...
Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm
geworden war.
Karl und seine Mutter blieben bis in die späte Nacht auf und
plauderten, obwohl sie beide sehr müde waren. Sie sprachen von
vergangenen Tagen und von dem, was nun werden sollte. Die alte
Frau wollte nach Yonville übersiedeln, ihm die Wirtschaft führen
und für immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Trostes- und
Liebesworte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung
zurückzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte.
Es schlug Mitternacht. Das Dorf lag in tiefer Stille. Das war wie
immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an »sie«.
Rudolf, der zu seinem Vergnügen den Tag über durch den Wald
geritten war, schlief ruhig in seinem Schloß. Ebenso schlummerte
Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde.
Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte.
Seine vom Schluchzen wunde Brust stöhnte im Dunkel unter dem Druck
einer unermeßlichen Sehnsucht, die süß war wie der Mond und
geheimnisvoll wie die Nacht.
Plötzlich knarrte die Gittertür. Lestiboudois hatte seine Schaufel
vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin, als er sich
über die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen, wer ihm immer
Kartoffeln stahl.