Elftes Kapitel

Rouault hatte den Brief des Apothekers sechsunddreißig Stunden

nach dem Ereignis erhalten. Um ihn zu schonen, hatte Homais so

geschrieben, daß er gar nicht genau wissen konnte, was eigentlich

geschehen war.

Der gute Mann war zunächst wie vom Schlag gerührt umgesunken. Dann

sagte er sich, sie könne wohl tot sein, aber sie könne auch noch

leben ... Schließlich hatte er seine Bluse angezogen, seinen Hut

aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp

weggeritten. Den ganzen Weg über verging er beinahe vor Angst.

Einmal mußte er sogar absitzen. Er sah nichts mehr, er hörte

Stimmen ringsum und glaubte, er verlöre den Verstand.

Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum

schliefen. Er erbebte vor Schreck über diese böse Vorbedeutung.

Schnell gelobte er der Madonna drei neue Meßgewänder für ihre

Kirche und eine Wallfahrt in bloßen Füßen vom heimatlichen

Kirchhof bis zur Kapelle von Vassonville.

In Maromme, wo er rastete, brüllte er die Leute im Gasthof munter,

rannte mit der Schulter die Haustür ein, stürzte sich auf einen

Hafersack, goß in die Krippe eine Flasche Apfelsekt, setzte sich

wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem los, daß die Funken

stoben.

Immer wieder sagte er sich, daß man sie sicher retten würde. Die

Ärzte hätten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren

Heilungen, die man ihm je erzählt hatte. Dann aber sah er sie tot.

Sie lag auf dem Rücken vor ihm, mitten auf der Straße. Er riß in

die Zügel. Da schwand die Erscheinung.

In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei

Tassen Kaffee.

Es wäre auch möglich, sagte er sich, daß sich der Absender in der

Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem Briefe,

fühlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen.

Schließlich kam er auf die Vermutung, es sei vielleicht nur ein

schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eines

Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot wäre, dann müßte er

es doch an irgend etwas merken! Aber die Fluren sahen aus wie alle

Tage, der Himmel war blau, die Bäume wiegten ihre Wipfel. Eine

Herde Schafe trottete friedlich vorüber.

Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur

noch im Sattel hängend. Er hatte das Pferd mit Schlägen vorwärts

gehetzt; aus den Flanken des Tieres tropfte Blut. Als der alte

Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter heftigem Weinen in

Bovarys Arme.

»Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch ...«

Der andre antwortete schluchzend:

»Ich weiß nicht! Ich weiß nicht! Es ist so schrecklich!«

Der Apotheker zog sie auseinander.

»Die gräßlichen Einzelheiten sind unnütz! Ich werde dem Herrn

schon alles erzählen. Da kommen Leute! Würde! Fassung! Man muß

Philosoph sein!«

Der arme Karl gab sich alle Mühe, stark zu sein. Mehrere Male

wiederholte er:

»Ja, ja ... Mut! Mut!«

»Na, wenns sein muß!« sagte Rouault. »Ich hab welchen!

Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma das Geleite geben, und

wenns noch so weit wäre!«

Die Glocke begann zu läuten. Alles war bereit. Der Zug setzte sich

in Bewegung.

Rouault und Bovary saßen nebeneinander in den Chorstühlen. Die

drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her.

Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer

Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die Hände empor

und breitete die Arme aus. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem

Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine

Anwandlung, aufzustehn und sie auszublasen.

Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein

jenseitiges Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen würde.

Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit, weit weg

und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte, daß sie

dort unter dem Leichentuche lag, daß alles zu Ende war, daß man

sie nun in die Erde scharrte, da faßte ihn wilde Wut und schwarze

Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, als empfände er überhaupt

nichts mehr. Er fühlte sich in seinem Schmerze erleichtert, aber

alsbald warf er sich vor, eine erbärmliche Kreatur zu sein.

Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeiträumen etwas wie

ein Eisenstab auf. Dieses harte Geräusch drang aus dem

Hintergrund, bis es mit einem Male im Winkel eines Seitenschiffes

aufhörte. Ein Mensch in einem groben braunen Rock kniete mühsam

nieder. Es war Hippolyt, der Knecht vom Goldnen Löwen. Heute hatte

er sein Bein erster Garnitur angeschnallt.

Ein Chorknabe machte die Runde durchs Kirchenschiff, um Geld

einzusammeln. Die großen Kupferstücke klirrten eins nach dem

andern in der silbernen Schale.

»Schnell weg! Ich leide!« rief Bovary und warf zornig ein

Fünffrankenstück hinein.

Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung.

Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ... Das

nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, daß er mit Emma in der ersten

Zeit ihres Hierseins einmal zur Messe dagewesen war. Sie hatten

rechts an der Mauer gesessen ... Die Glocke begann wieder zu

läuten. Ein allgemeines Stühlerücken fing an. Die Sargträger hoben

die drei Stangen der Bahre in die Höhe. Man verließ die Kirche.

Justin stand an der Tür der Apotheke. Er verschwand schleunigst,

blaß und taumelnd.

Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug

vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Hauptes. Er trug

eine tapfre Miene zur Schau und grüßte kopfnickend jeden, der aus

den Gassen oder den Häusern trat, um sich dem Zuge anzuschließen.

Die sechs Träger, drei auf jeder Seite, schritten langsam

vorwärts. Sie keuchten. Die Priester, die Sänger und die

Chorknaben sangen das De profundis. Ihre bald lauten, bald

leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der Weg eine Biegung machte,

verschwanden sie auf Augenblicke, aber das hohe silberne Kreuz

schimmerte immer zwischen den Bäumen.

Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen Mänteln mit

zurückgeschlagenen Kapuzen, in den Händen dicke brennende

Wachskerzen. Karl fühlte, wie ihn seine Kräfte verließen unter der

ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten des faden

Geruchs von Wachs und Meßgewändern. Ein frischer Wind wehte

herüber. Roggen und Raps grünten, und Tautropfen zitterten auf den

Dornenhecken am Wege. Allerlei fröhliche Laute erfüllten die Luft:

das Quietschen eines kleinen Wagens in der Ferne auf zerfahrener

Straße, das wiederholte Krähen eines Hahnes oder der Galopp eines

Füllens, das sich unter den Apfelbäumen austobte. Der klare Himmel

war mit rosigen Wölkchen betupft. Bläuliche Lichter spielten um

die Schwertlilien vor den Häusern und Hütten. Karl erkannte im

Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich eines bestimmten

Morgens, an dem er, einen Kranken zu besuchen, hier

vorübergekommen war, erst hin und dann auf dem Rückwege zu »ihr«.

Manchmal flatterte das schwarze mit silbernen Tränen bestickte

Leichentuch auf und ließ den Sarg sehen. Die ermüdeten Träger

verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortwährend wie

eine Schaluppe auf bewegter See.

Endlich war man da.

Die Träger gingen bis ganz hinter, bis zu einer Stelle im Rasen,

wo das Grab gegraben war. Man stellte sich im Kreis herum auf.

Während der Priester sprach, rieselte die rote, an den Seiten

aufgehäufte Erde über die Kanten hinweg in die Grube, lautlos und

ununterbrochen.

Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf

gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer.

Endlich hörte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen geräuschvoll

wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudois

reichte. Und während er mit der rechten Hand den Weihwedel

schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde

ins Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg, und

das Geräusch dröhnte Karl in die Ohren, unheimlich wie ein

Widerhall aus der Ewigkeit.

Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. Es war

Homais. Würdevoll füllte und leerte er sie und reichte sie dann

Karl, der auf die Knie sank, mit vollen Händen Erde hinabwarf und

»Lebe wohl!« rief. Er sandte ihr Küsse und beugte sich über das

Grab, als ob er sich hinabstürzen wollte.

Man führte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar empfand

er gleich den andern eine merkwürdige Befriedigung, daß alles

überstanden war.

Auf dem Heimwege zündete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife an,

was Homais insgeheim nicht besonders schicklich fand. Er

berichtete, daß Binet nicht zugegen gewesen war, daß sich Tüvache

nach der Messe »gedrückt« hatte und daß Theodor, der Diener des

Notars, einen blauen Rock getragen hatte, »als ob nicht ein

schwarzer aufzutreiben gewesen wäre, da es nun einmal so üblich

ist, zum Teufel!« So hechelte er alles durch, was er beobachtet

hatte.

Alle andern beklagten Emmas Tod, besonders Lheureux, der nicht

verfehlt hatte, zum Begräbnis zu erscheinen.

»Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag für ihren Mann!«

Der Apotheker antwortete:

»Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen wäre, hätte er aus

Verzweiflung Selbstmord begangen.«

»Sie war immer so liebenswürdig! Wenn ich bedenke, daß sie vorigen

Sonnabend noch in meinem Laden war!«

»Ich hatte nur keine Zeit,« sagte der Apotheker, »sonst hätte ich

mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr ins Grab

nachgerufen hätte!«

Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog

seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich unterwegs

öfters die Augen mit dem Ärmel gewischt hatte, hatte sie

Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht hinterlassen. Man

sah, wo die Tränen herabgerollt waren.

Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen.

Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer:

»Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damals nach

Tostes kam, als du deine erste Frau verloren hattest? Damals

tröstete ich dich, damals fand ich Worte! Jetzt aber ...« Er

stöhnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust hob. »Ach, nun ist

es aus mit mir! Ich habe meine Frau sterben sehen ... dann meinen

Sohn ... und heute meine Tochter!«

Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux

zurückzureiten. In diesem Hause könne er nicht schlafen. Auch

seine Enkelin wollte er nicht sehen.

»Nein! Nein! Das würde mich zu traurig machen! Aber küsse sie mir

ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und das hier,« er

schlug auf sein Bein, »das werde ich dir nie vergessen. Hab keine

Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch noch jedes Jahr!«

Aber als er auf der Höhe angelangt war, wandte er sich um, ganz

wie damals nach der Hochzeit, als er sich nach dem Abschied auf

der Landstraße bei Sankt Viktor noch einmal nach seiner Tochter

umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe glühten wie im Feuer unter

den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging. Er beschattete

die Augen mit der Hand und gewahrte fern am Horizont ein

Mauerviereck und Bäume darinnen, die wie schwarze Büschel zwischen

weißen Steinen hervorleuchteten. Dort lag der Friedhof ...

Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm

geworden war.

Karl und seine Mutter blieben bis in die späte Nacht auf und

plauderten, obwohl sie beide sehr müde waren. Sie sprachen von

vergangenen Tagen und von dem, was nun werden sollte. Die alte

Frau wollte nach Yonville übersiedeln, ihm die Wirtschaft führen

und für immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Trostes- und

Liebesworte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung

zurückzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte.

Es schlug Mitternacht. Das Dorf lag in tiefer Stille. Das war wie

immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an »sie«.

Rudolf, der zu seinem Vergnügen den Tag über durch den Wald

geritten war, schlief ruhig in seinem Schloß. Ebenso schlummerte

Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde.

Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte.

Seine vom Schluchzen wunde Brust stöhnte im Dunkel unter dem Druck

einer unermeßlichen Sehnsucht, die süß war wie der Mond und

geheimnisvoll wie die Nacht.

Plötzlich knarrte die Gittertür. Lestiboudois hatte seine Schaufel

vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin, als er sich

über die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen, wer ihm immer

Kartoffeln stahl.

Frau Bovary · 第 42 / 43 题