Die zurückgebliebene Gesellschaft näherte sich hier; Buri entwich
unbemerkt in einen Nebengang, und eine Anwandlung von Uebelbefinden
mußte Nataliens schnelle Entfernung aus dem Zimmer, und ihre Blässe,
entschuldigen. Stumm wankte sie, von Voluda mehr getragen als geführt,
zu Hause. Auch er schwieg -- vielleicht schonend -- vielleicht zürnend.
Sie drückte beim Abschied seine Hand innig an ihr Herz, und zwey große
schwere Thränen, die einzigen die sie vergoß, rollten auf sie hinab,
dann eilte sie in ihr Zimmer, um, fern von allen Blicken, die Tiefe
ihres Schmerzes zu ergründen.
Aber ihr Körper war so angegriffen, ihre Nerven so erschüttert, daß
sie, betäubt und krankhaft verworren, keines Gedankens, noch weniger
eines Entschlusses oder des Ueberblickes ihrer Lage, fähig war. Sie war
ein ganz hingegebenes, widerstandloses Opfer des Grames, der ihre Seele
füllte.
Unbeschreiblich ermattet und erblaßt stand sie am andern Morgen mit
dem Bewußtseyn auf, dieser Tag werde über ihre ganze irdische Zukunft
entscheiden, und sie sey so niedergedrückt, so geknickt an Geist und
Seele, daß diese Entscheidung durchaus kein Werk ihrer Willkühr,
sondern nur das Resultat fremder Einwirkung seyn werde.
Elise war mit noch einer Freundin bei ihr im Zimmer, und ängstlich
um sie besorgt, als nach eilf Uhr Voluda hereintrat. Rasch, ohne die
Anwesenden zu begrüßen, gieng er auf Natalien zu, und drückte ihre Hand
an seine Lippen: Ich komme, Ihnen Lebewohl zu sagen; noch heute reise
ich nach Schweden ab.
Stumm sah ihn Natalie eine Sekunde an, schlug dann das Auge zum Himmel,
und drückte mit rührender Ergebung die beiden Hände fest gefaltet
auf ihr Herz, als habe es den Todespfeil erhalten, und sie wolle ihn
tiefer hineindrücken, um ihn zu verdecken. Sie hatte nichts erwartet,
nichts gehofft; doch dieser Schlag traf sie mit zu schmerzlicher
Erschütterung. Ihr Gefühl war das, mit dem wir einst, am Tage des
Gerichts, das Buch unsrer Schuld werden öffnen sehn. --
Elise, die es wußte, daß früher von dieser Reise nie die Rede gewesen
war, und Voluda als den einzigen Mann ehrte, den sie des Besitzes ihrer
Natalie würdig hielt, forschte theilnehmend nach der Veranlassung
dieses unerwarteten Entschlusses, worauf er aber wenig, und nichts
Erläuterndes, erwiederte. Er hatte überhaupt etwas Unstätes und Eiliges
in seinem Wesen, und blieb auch nur wenige Minuten.
Bewegt faßte er zum Abschied Nataliens Hand -- und als sie mit dem
erlöschenden Blick der Liebe und des tiefsten Kummers zu ihm aufsah --
da wurde auch sein Auge naß. --
Gottes bester Seegen sey mit Ihnen und Ihrem Leben! -- er drückte seine
Lippen lange und fest auf ihre kalte Hand -- o werden Sie glücklich,
machen Sie glücklich! -- Sie wurde immer bleicher -- der Schmerz
durchzuckte sichtlicher und gewaltsamer ihre Brust. -- Natalie, liebe
Natalie, Sie sollen noch von mir hören! --
Keines Wortes mächtig, ringend mit einem Weh, von dem sie wähnte, es
müsse sie gleich augenblicklich tödten, blieb sie starr und unbeweglich
-- aber, als er sich nun wandte, als die Thür sich hinter ihm schloß,
auf ewig, da floh sie ihm nach. Als habe er sie erwartet, stand er
noch an der Treppe still -- meine Natalie! rief er, als sie sich jetzt
nahte, mit einem Ton, dessen Nachhall auch im Himmel noch, in den
schönsten Momenten ihrer Seeligkeit, um sie tönen wird, und breitete
ihr die Arme entgegen. --
O nur einmal an seiner Brust zu ruhen, alle ihre Liebe ausströmen zu
lassen in heißen Thränen, ihm nur ein Lebewohl, tief, tief, aus der
unendlichen Fülle ihres Herzens, sagen zu dürfen, wäre ihr zur nie
versiegenden Quelle des Trostes geworden. --
Buris Erscheinung unten an der Treppe brachte sie um diese Minute.
Voluda eilte schnell bei ihm vorbei -- laut weinend wandte auch sie
sich ab, und floh. -- Noch in derselben Stunde verließ Voluda G...
Von Wilhelm erfuhr sie, er sey am Morgen zu ihm gekommen, ihn um sein
Verhältniß zu Natalien zu befragen. Dieser hatte ihm gesagt, daß er
seit Jahren von ihr geliebt werde, und das Versprechen von ihr erhalten
habe, nie das Eigenthum eines andern Mannes zu werden. Er habe aber
seit Kurzem gemuthmaßt, daß sie ihm untreu geworden sey, und die
Verzweiflung darüber habe ihm den Entschluß eingegeben, den er gestern
Abend auszuführen willens gewesen sey. Die Unrichtigkeit dieser Antwort
konnte Voluda um so weniger muthmaßen, da Wilhelm ihm mehrere von
Natalien im Ton traulicher Liebe an ihn geschriebene Briefe zeigte, und
so sah er in Nataliens bisheriger Verheimlichung ihres Verhältnisses
zu Buri nur eine untreue gegen diesen, und eine Falschheit gegen sich,
die kein Bewegungsgrund in seinen Augen zu rechtfertigen vermochte.
Offenheit gegen Offenheit, sagte er zu Wilhelm; ich bin Ihnen das
Geständniß schuldig, daß zwischen Natalie und mir nie ein Wort von
Liebe oder irgend einer andern nähern Verbindung gewechselt ist,
und ich nicht zu dem kleinsten Anspruch auf ihr Herz oder ihre Hand
berechtigt bin. -- Beim Abschied fügte er noch folgende Worte hinzu,
die für Natalien, als Buri sie ihr wiederhohlte, sehr entscheidend
wurden: ich zweifle nicht, daß Natalie edel genug ist, früher oder
später einzusehen, wie wenig es ihr geziemt, den Mann ihres Herzens vor
der Welt zu verläugnen.
Sie bat Wilhelm, nach Anhörung dieser Erzählung, sie zu verlassen,
weil sie zu krank sey, ihn heute länger bei sich sehen zu können, und
blieb dann den Tag ganz einsam in ihrem Zimmer. Sie rang nach Kraft,
und fand sie in dem Gedanken an Voluda. Sie war für immer von ihm
getrennt; ihr Verhältniß zu Buri stand als eine, nie zu versöhnende,
Unwürdigkeit zwischen ihr und dem Mann ihrer einzigen wahren Liebe.
Gegen Wilhelm lag das Gefühl einer Schuld, für die sie keine Worte
hatte, auf ihrer Seele. Dies Unrecht auf die möglichst großmüthigste
Art zu vergüten, war ihr Wunsch, und Voludas letzte Worte an Wilhelm
deuteten ihr den Weg an, den er für den richtigsten erkannt hatte, und
auf dem ihr sein Seegen folgte, wenn sie ihn in treuer Pflichterfüllung
wandelte. Mit sich selbst mußte sie erst ganz versöhnt seyn, ehe sie
hoffen durfte, Voluda einst mit sich versöhnen zu können. Auch war
es ein stark hervortretender Zug in ihrem Karakter, daß sie gern in
zweifelhaften Fällen das Schwerste ergriff, und es dann mit höchster
Selbstverläugnung übte.
Sie frug Wilhelm am andern Tage, ob er glaube, durch das Geschenk
ihrer Hand glücklich werden zu können. Der Triumph einer für ihn
so glänzenden Verbindung und der Stolz, seiner Meinung nach, einen
Nebenbuhler wie Voluda besiegt zu haben, betäubten die innere Stimme,
die ihn vor einer in jeder Hinsicht so ungleichen Verbindung hätte
warnen müssen, und er nahm ein Opfer an, das nur die, welche es
brachte, zu ehren vermochte.
Seine Freude, sein Dank, seine Liebe, wurden Nataliens Lohn und
erweckten in ihrem Herzen die Wärme wieder, die seine grausame
Selbstsucht fast erstickt hatte. Sie schwur sich und ihm, ihn glücklich
machen zu wollen, und that von diesem Augenblick an, mit eiserner
Festigkeit, alles, was sie der Lösung dieses Gelübdes näher führen
konnte. Daß sie dem Ideal, welches er sich von seiner künftigen Gattin
entworfen hatte, nicht entsprach, wußte sie; sie war nicht einfach,
nicht häuslich, nicht arbeitsam genug für ihn, und es war zu ihrem
beiderseitigen künftigen Glück durchaus erforderlich, sie zu ihm, ihn
zu ihr, harmonischer zu stimmen. Nataliens Gesundheit entfernte ohnehin
den Gedanken an eine baldige Verbindung, und sie setzte diese auf zwey
Jahr hinaus, die Buri zu einer Reise benutzen sollte, während sie sie,
in tiefer Einsamkeit lebend, benutzen wollte, sich für ihre künftigen
Verhältnisse zu bilden und Kraft zur +freudigen+ Pflichterfüllung
zu sammeln. --
Froh und glücklich ging Wilhelm nach einigen Tagen nach N**** zurück,
um zu seiner Abreise die nöthigen Anstalten zu treffen. Natalie rang,
nach seiner Entfernung, heldenmüthig mit dem Weh in ihrer Brust. Sie
mußte auch noch den Schmerz erfahren, daß Voluda’s schnelle Abreise,
und sein rascher Entschluß nach Schweden zu gehen, Willot und seine
Frau von ihr entfernten. Willot liebte seinen Voluda über alles,
und es konnte von ihm nicht unerrathen bleiben, daß Natalie mit ein
Bewegungsgrund seiner plötzlichen, überraschenden, Abreise gewesen.
Diese wurde dadurch noch befremdender, daß er zu einem einige Meilen
von G... wohnenden Bekannten gefahren war, um, von dortaus, die
nöthigen Anstalten zu seiner Reise zu treffen, welches doch in G...,
wo er sich nicht einmal die Zeit genommen hatte, Abschied zu nehmen,
viel leichter und besser geschehen konnte. Dies verstimmte Willot
gegen Natalien, und die Entfremdung, in welche diese Verstimmung
überging, nahm ihr den Muth, mit ihm über ihre Verhältnisse, und die
Begebenheiten der letzten Wochen zu sprechen. Wo Voludas Freunde
zürnten, trauerten August und Elise, und die letzte schloß sich
noch zärtlicher an die täglich freundlicher und bleicher werdende
Natalie. Voludas Abschiedswort: „Sie sollen noch von mir hören!“ war
als ein Wort der tröstenden Verheißung in ihrem Herzen geblieben.
Manches Unerklärliche lag noch für sie in seinem Betragen und in
seiner schnellen Abreise; auch war der für ihre Reise nach Offenbach
entworfene Plan, und die noch nicht erfolgte Antwort der Frau von ~_l.
R._~, ein Faden, an den sie die Hoffnung knüpfte, er werde vor seiner
Einschiffung noch an sie schreiben, und sie ihm dann in ihrer Antwort
alles sagen dürfen, was jetzt ihr Herz bis zum brechen belastete. Nur
mit einem Worte des Trostes und der Ermunterung sollte er von ihr
Abschied nehmen -- dann wollte sie gerne still zurückweichen, und ihn
ziehen lassen in die Ferne, wo er ihr vielleicht nie wieder
begegnete. --
Einige Wochen waren vergangen, da stand Natalie eines Morgens am
Fenster -- ein Wagen kam rasch die Straße herauf gerollt, und sie
erkannte, wie er näher kam, Voluda. -- Laut rief sie seinen Namen,
indem sie das Fenster aufriß -- er grüßte; doch selbst in diesem
eiligen Vorüberfliegen entging es ihr nicht, daß er bei ihrem Anblick
erblaßte, und sie mit dem Ausdruck peinlicher Verlegenheit begrüßte.
Sie war voll Unruhe und doch so innig, so fromm glücklich, da sie sich
der Erfüllung ihres höchsten Wunsches, ihn noch einmal zu sehen und zu
sprechen, nahe glaubte.
Es ward Mittag, und er war noch nicht da -- noch war indessen Hoffnung
und Zuversicht in ihrem Herzen -- als aber August, der ihn bei Willot
getroffen hatte, zu ihr eintrat, ihr einen Gruß von ihm zu bringen,
weil er für die wenigen Stunden seines Aufenthalts zu beschäftigt sey,
um zu ihr zu kommen -- da, arme Natalie, zog die finsterste Minute
Deines Lebens herauf, und ihr dunkler Schatten verschwand nie wieder,
und sank mit Dir in Dein frühes, einsames Grab. --
Wie konnte ein so edler, ein so milder Mann wie er, so hart seyn,
von ihr, von der er sich doch sagen konnte, was sie zu leiden und zu
kämpfen hatte, so stumm, so gleichgültig, ja, man kann sagen, so
geringschätzig, zu scheiden! --
War denn die Hingabe ihrer ganzen Seele, ihr unendliches Vertrauen,
ihre ewige Liebe, keiner andern Vergeltung werth? -- ahndete er gar
nicht, was dieser Tag sie kostete? --
Bleich und unbeweglich saß sie den ganzen Tag am Fenster, und zählte
die Minuten, die er noch in ihrer Nähe war. -- Ihr Herz stand still --
ihr Leben war wie gehemmt, und ihr war, als müsse sie sterben, wenn
sie die kleinste Bewegung machte. Am Nachmittag sah sie ihn zu ihm
gleichgültigen, ihr gegenüberwohnenden, Menschen gehen -- und ihn dort
im Zimmer auf und abgehen -- ach kein Blick fiel auf sie! -- Gegen
sechs Uhr kam sein Wagen, und sie hörte ihn bald darauf fortrollen. --
Sie litt, und fühlte, daß sie den Tod empfangen habe -- aber selbst in
ihrem geheimsten Bewußtseyn erlaubte sie sich keine Klage über ihn. --
In der Nacht, die diesem Tage folgte, sprang eine Ader in ihrer Brust.
Ein heftiger Blutsturz brachte sie dem Tode nahe; vierzehn Tage lag sie
in todtenähnlicher, sinnloser Betäubung. Als sie ihr Bewußtseyn wieder
erhielt, hatte sich Voluda schon eingeschifft.
Sie erstand von diesem Krankenlager; aber nie ward ihr wieder das
Gefühl voller Gesundheit.
Auch Wilhelm trat jetzt seine Reise an, zu der sie ihm den größten
Theil ihrer jährlichen Einkünfte überließ. Sie selbst zog, nur von
ihrem treuen Mädchen begleitet, nach einem kleinen, weit entfernten
Landstädtchen, wo sie ganz unbekannt war, und wo sie in der
unfreundlichsten Jahreszeit, in der Mitte des Decembers, ankam. --
Fünfter Abschnitt.
Nicht kann rauben des Mächtigsten Hand
Den letzten Seegen des ewigen Vaters,
Den herrlichen Tod!
+Mahlmann.+
Wir finden unsre Natalie nach Verlauf von zwei Jahren in demselben
kleinen Landstädtchen wieder, wo wir sie verließen, und wo sie diese
Zeit, allein mit Gott, im heldenmüthigen Kampf mit sich, verlebt hatte.
Sie hatte sich +Frieden+ errungen -- einen Frieden, der ihr nicht
mehr geraubt werden konnte. In der Verpflichtung, Buris Gattin zu
werden, hatte sie die Bestimmung ihres künftigen Lebens klar erkannt,
und muthig aus sich herausgerissen, was sich mit ihr nicht vertrug.
Ihre Liebe zu Voluda war ihr, als höchstes, geistiges Lebensprincip,
geblieben -- aber in der Beruhigung ihres Herzens, in der Stillung
ihrer Sehnsucht, und der Beschwichtigung des bittern Schmerzes, sich
von ihm verkannt und auf immer geschieden zu wissen, entwickelte und
bewährte sich in ihrer Seele eine Kraft, deren Quelle eben diese Liebe
war. Das Andenken an ihn wurde ihr zum Seegen jedes edleren Strebens,
jedes schönen, festen Entschlusses, und mit sanfter Rührung brachte
sie ihm am Abend, den still, fromm und fleißig verlebten Tag zum Opfer
dar. Buris Briefe erheiterten ihre Einsamkeit; sie gewann ihn von Tag
zu Tage lieber. Ihm ein gutes, treues, fleißiges Weib, eine würdige
Hausfrau zu werden; sich im verdienten Besitz seiner höchsten Achtung
und Liebe zu fühlen, und ihn im Laufe des alltäglichen Lebens dem Guten
und Schönen treu zu erhalten, war ein Beruf, dessen Werth und Glück sie
lebhaft erkannte. Voluda’s Bild sank still und heilig in ihre innerste,
frömmste Seele zurück; im Leben und für dasselbe faßte sie Wilhelms
Bild zärtlicher und inniger auf, und die durch die wahrste und höchste
Liebe in ihr geweckte und gereifte Fühlbarkeit und Treue kam ganz Buri
zu Gute. Sie gab sich ihm liebevoller und wahrer hin, wie sie es je
zuvor gethan hatte, und auch in seinen Briefen sprach sich ein ruhiger,
aber eben darum schöner werdendes Gefühl seines Glückes, und seines
Dankes, sie sein zu nennen, aus.
Natalie hatte von jeher Kinder geliebt und sich gerne mit ihnen
beschäftigt. Getrennt von allem Umgang mit Erwachsenen, sammelte
sie jetzt einige dieser holden Wesen um sich, und die Beschäftigung
mit ihnen wurde ihr zu einer Quelle der reinsten Freuden. Wer eine
Zeitlang nur mit Kindern und allein unter ihnen lebt, hat das goldene
Alter der Menschheit durchlebt. Von ihnen geht eine Kindlichkeit, eine
Lauterkeit, eine Heiterkeit auf uns über, deren Daseyn man, im Getriebe
des Weltlebens verflochten, und vom Schellengeklingel der Thorheit und
der Albernheit betäubt, kaum in der Ahndung begreift.
Auch aus der Arbeitsamkeit, zu der sich Natalie zwang, bis sie ihr
zur lieben Gewohnheit geworden war, gieng ihr ein stiller, schöner
Seegen für ihr inneres Leben auf. Sie erfuhr es, wie kein Zureden der
Vernunft, keine Lectüre, keine Freude des Wissens, unsre Seele so
beruhigt, als das Gefühl eines fleißig und angestrengt vollendeten,
bestimmten Tagewerkes.
Diese zwei einsamen Jahre waren eine schöne Zeit in Nataliens Leben,
und die Erinnerung an sie blieb in ihrem Herzen, wie die sanft
schimmernde Abendröthe eines gewitterschwülen Tages. --
Mit dem zweiten Frühling näherte sich jetzt der Zeitpunkt von Buri’s
Rückkunft und ihrer Vermählung mit ihm. Es war brieflich unter ihnen
verabredet, daß sie sich in Nataliens jetzigem Wohnort wollten trauen
lassen -- der Sommer sollte denn zu einer gemeinschaftlichen Reise ins
südliche Deutschland benutzt werden, und mit dem Herbst wollten sie
sich in N**** häuslich niederlassen.
Natalie rechnete auf Glück. Daß sie daran sich wieder Glauben und
Zuversicht erkämpft hatte, und sie in heitrer Freudigkeit festzuhalten
wußte, war die Frucht eines Kampfes, über dessen Schwierigkeit und
Werth nur derjenige entscheiden darf, der in das Innerste ihrer Seele
geblickt hat.
Plötzlich blieben Buris Briefe mehrere Wochen aus. In der ganzen
Zeit ihrer Trennung hatte er wöchentlich zweimal geschrieben, und
so mußte dies Aussenbleiben aller Nachrichten von ihm, Natalien
lebhaft beunruhigen. In der langen Sorge um ihn fühlte sie selbst
zum erstenmale ganz, wie sie ihn liebte, und wie fest sie an ihn
gebunden war. Sie schrieb und klagte ihm, mit der ganzen Fülle ihrer
Herzlichkeit und Liebe, ihre Angst, ihre Sorge, ihren Kummer um ihn.
Endlich kam ein Brief; er war krank gewesen, wie er schrieb; aber der
Ton dieses Briefes war so leidenschaftlich, so glühend, daß Natalie von
der Ahndung eines finstern Ereignisses ängstigend ergriffen ward.
Ein Ungewitter nöthigte Buri auf einer seiner Fußwanderungen, in
einem Meierhofe Schutz zu suchen, dessen angenehme Lage und einfach
zierliche Bauart, den Blick jedes Reisenden auf sich ziehen mußte,
der diese Straße wandert. Böttcher, der Besitzer desselben, nahm den
durchnäßten Wandrer mit der freundlichsten Gastfreiheit auf. -- Er
war ein gebildeter Mann, der, nach einem unruhvollen Leben, hier den
Abend seiner Tage, in ländlicher Abgeschiedenheit, mit seiner einzigen
Tochter, verlebte. Karoline war ein reizendes funfzehnjähriges Mädchen,
voll Naivetät und Anmuth. Ohne allen Umgang, in der Umgebung einer
romantischen Natur groß geworden, und durch Romanenlectüre gebildet,
war sie für den Eindruck sehr empfänglich, den Buris Erscheinung
auf sie machen mußte. Sie beeiferte sich, den Fremdling so gut als
möglich aufzunehmen, und freuete sich des Regenwetters, das ihn
nöthigte, mehrere Tage zu verweilen. Als er am vierten Morgen hinunter
kam, Abschied zu nehmen, fand er den Vater krank und Karolinen in
Thränen. Beide baten ihn, sie jetzt noch nicht zu verlassen, und er
versprach gern, die Genesung seines Wirthes abzuwarten. Die Sorgfalt
und Ausdauer, die er jetzt bei der Pflege des Vaters zeigte, gewann
ihm bald ganz das Herz der dankbaren Tochter. Sie hielt ihn für
frei und ungebunden, sie wußte von ihrem Vater, daß es ihr vergönnt
sey, unbedingt selbst zu wählen, und so gab sie sich, ungewarnt und
unbesorgt, der ganzen Gewalt dieser Liebe über sie, hin -- Konnte Buri
nicht fliehen? -- wollte er es nicht? wußte er selbst nicht um die
Größe und Nähe der Gefahr? -- genug, er blieb; blieb auch nach der
Genesung des Vaters, bis eine schwache, eine sehr schwache Stunde,
Karolinen Rechte auf ihn gab, denen, vor dem Richterstuhl der Ehre und
der Menschlichkeit, Nataliens Rechte sich nicht vergleichen konnten.
-- Sein Erwachen aus dem Rausch war schrecklich! -- alle Furien der
Selbstverachtung und des Meineids erwachten in seiner Brust. Karoline
erfuhr, er sey verlobt; sey seit Jahren das Eigenthum einer andern, der
er Glück, Ruhe, Gesundheit koste, die ihm alles geopfert, alles für
ihn gelitten und getragen, ohne daß er ihr bis jetzt je ein Opfer mit
einem Opfer zu vergelten gehabt habe -- und gebot ihm, sie zu fliehen,
und sein früheres Gelübde zu ehren. Er gehorchte, und verließ das Haus,
dessen Gastfreiheit er durch so schändlichen Verrath gelohnt hatte. --
In der letzten Zeit seines Aufenthaltes bei Böttcher hatte er es
unterlassen, an Natalien zu schreiben; aber als er jetzt, von Karolinen
entfernt, nach und nach aus seinem Rausch erwachte, trat ihr Bild
wieder in seine alten Rechte, und das Gefühl des begangnen Unrechtes
gab seiner Empfindung für sie, alle Glut, alle Unruhe, alles Stürmische
wieder, das die erste Zeit seiner Leidenschaft bezeichnete. -- Ach!
Natalie ahndete bei Lesung jenes Briefes nicht, aus welcher giftigen
Quelle der süße Zaubertrank floß, dessen magische, unheilbringende
Gewalt über sie noch nicht vernichtet war, wenn sie gleich den
Unterschied zwischen dieser gluthvollen Flamme und dem heiligen reinen
Lichte wahrer Liebe, im eignen Herzen hatte erkennen und würdigen
lernen. --
Die tiefe Schwermuth, in die Karoline nach Buris Abreise versank,
konnte von ihrem Vater eben so wenig unbemerkt bleiben, als ihm die
Verstörung entgangen war, in welcher Buri von ihnen schied. Da er
Freund und Vertrauter seiner Tochter, seit ihrer frühsten Jugend
gewesen, so vermochte sie auch hier seinen Bitten nicht zu widerstehen:
er erfuhr alles, und auch, was den Jammer des armen Mädchens zur
Verzweifelung machte, daß sie Mutter werden sollte. --
Er reisete Buri nach, und traf ihn auf dem Wege zu Natalien in A...
-- Der Zorn des schwer beleidigten Vaters verschwand vor dem Schmerz,
und vor der Reue des Jünglings, der ihm sein ganzes Verhältniß mit
Natalien, und die Geschichte desselben, offen darlegte. Böttcher
ergriff den einzigen hier möglichen Ausweg; er wandte sich voll edlen
Vertrauens an Natalien selbst, schilderte ihr in einem Briefe den
ganzen Vorgang und forderte sie auf, zu entscheiden. „Ich würde,
schloß er seinen Brief, das Schicksal meiner Tochter als ein Unglück
tragen, und nie darauf ein Recht begründen, welches zwischen Sie,
Verehrungswürdige, und den Mann treten dürfte, der Ihnen so viel, ja
alles, zu verdanken hat -- aber, was ich nie für meine Tochter allein
thun würde, muß ich für das Kind thun, das sonst, ernst und strafend,
einst von seiner Mutter den Vater fordern möchte. Entscheiden sie daher
unbedingt über das Schicksal der Mutter und des Kindes. Keine Pflicht,
kein Gesetz, verbindet sie zur Entsagung -- meine Hoffnung beruht nur
auf Ihrer Güte, Ihrer Großmuth.“
Natalie antwortete ihm mit rückgehender Post achtungsvoll und
theilnehmend, und legte ihm einige Zeilen für Buri ein, in denen sie
ihn für frei, sich für ewig von ihm geschieden, erklärte. Sie schrieb
ihm dies ohne Klage, ohne Vorwurf; machte es ihm aber als den letzten
Beweis seiner Achtung zur Pflicht, ihr durchaus nicht zu antworten.
Buri ward Karolinens Gatte. Er vergaß Natalien sehr bald, und lebt
noch auf dem Meierhofe seines Schwiegervaters, ein alltägliches, still
bürgerliches Leben, ohne höheren Gehalt, aber doch nicht ohne innern
Werth. Karolinens erstes Kind starb, und ihre Ehe blieb kinderlos.
Wie Natalie diese Trennung ertrug, wie sie litt, und wie unnennbar
schmerzlich und vielseitig ihr ganzes Herz dadurch verletzt wurde,
hat nie ein Mensch erfahren, nie ein Wort von ihr ausgesprochen. Doch
sicherte sie der Sinn für das Heilige, der ihr in ihrer Liebe für
Voluda aufgegangen war, dafür, sich irgend einem Schmerze, irgend einem
irdischen Leiden, mehr widerstandlos hinzugeben. Geübt im Kampf mit
sich selbst, bewährte sich ihr auch jetzt die Kraft des Willens. Sie
trat ihrem Schmerze kühn entgegen, und rang mit ihm. Ernstes Nachdenken
und fromme Einkehr in sich selbst gaben ihr Flügel, die sie über ihn
weghoben, und das Kleinod, das sie in diesem Kampf erbeutete, wurde ihr
zum herrlichen Lohn: es hieß Freiheit ihrer Gefühle für Voluda!
Ein schöner Abend des Spätherbstes dieses Jahres lockte sie ins Freie.
Von einem Berge, der den zu ihrer Wohnung gehörenden Garten begränzte,
übersah sie eine weite, reizende Landschaft. Am Fuß desselben lief die
Landstraße, neben einem ziemlich tiefen Abgrund hin. Ein zierlicher
Reisewagen -- hier eine seltne Erscheinung, -- zog Nataliens Blicke
auf sich. Zu ihrem Schrecken sah sie aber die Pferde, nahe bei der
gefährlichen Stelle, scheu werden -- der Wagen schlug um, Natalie
unterschied das Angstgeschrei einer weiblichen Stimme, und flog
blitzesschnell den Berg hinunter, den Reisenden zur Hülfe. Zum Glück
standen die Pferde, und während der Postillion sich beschäftigte,
die Stränge zu lösen, bemühete sich Natalie, die Thüre des Wagens zu
öffnen. Der Versuch gelang; ein Mann, von hoher vornehmer Gestalt
sprang heraus, und hob eine junge, in Ohnmacht gesunkene Dame, empor.
Natalie vereinte ihre Bemühung mit der seinigen -- sie trugen sie
wenige Schritte davon nach einer grünen Rasenstelle, und hatten die
Freude sie nach einigen Minuten die Augen aufschlagen zu sehen. Mit
dem Ausdruck banger Zärtlichkeit suchte der erste Blick der schönen
Fremden ihren Gefährten, der neben ihr knieend, sie in seinen Armen
hielt, während Natalie ihr die Schläfen mit dem ~eau de Cologne~
aus ihrem Flacon rieb -- dann sah sie zu dieser mit einem so rührenden,
so dankbaren Blick auf, daß er den Antheil, den Natalie gleich für sie
empfunden hatte, verdoppelte. Aus einigen Worten des jungen Mannes und
aus seiner Unfähigkeit, sich mit dem Postillion verständigen zu können,
errieth sie das Vaterland der Reisenden, und redete sie jetzt in der
Sprache desselben an, um der jungen Dame, mit jenem unverkennbaren
Ausdruck des Wohlwollens, dem das Herz nie widersteht, ihr Haus
anzubieten, sich darin von den Schrecken ihres Unfalls zu erholen.
Die schöne Fremde schien angenehm überrascht, sich in diesem Winkel
Deutschlands, wo die Fertigkeit, eine fremde Sprache zu reden, sehr
selten angetroffen wird, in ihrer Muttersprache anreden zu hören, und
nahm Nataliens Anerbieten dankbar an. Wie groß war aber ihrer aller
Schrecken, als es sich jetzt, da die Fremde sich erheben wollte,
zeigte, daß der eine Fuß gebrochen war: O Gott, rief sie, mit einem
Ausdruck des Schreckens und des Entsetzens, der Nataliens Herz traf,
-- wir sind verloren! Laß uns sterben, mein Freund, Rettung ist jetzt
unmöglich!
Nur Muth, sagte Natalie rasch, nur Vertrauen -- ich hole Hülfe, und
mein Haus, setzte sie gerührt hinzu, da sie zu errathen anfing, wen
sie vor sich hatte, sichert Ihnen Verborgenheit und Ruhe.
Die Geschichte dieser beiden interessanten Flüchtlinge greift zu
tief in eine der geheimnißvollsten Begebenheiten unsrer Zeit ein,
um jetzt schon enthüllt werden zu können. Aus einem der edelsten
Geschlechter Europens entsprossen, Erbe unermeßlicher Reichthümer, mit
allen Verfeinerungen des Luxus, allen Raffinerien des Wohllebens seit
frühster Kindheit so vertraut, daß sie ihm zum Bedürfniß, zur einfachen
Nothwendigkeit geworden waren, irrte Theophil jetzt heimathlos und
geächtet mit seiner Gattin umher. Auf seine Habhaftwerdung war im
Geheimen ein großer Preis gesetzt, und der Verrath schlich ihm hier, wo
er vor offenbarer Gewalt +vielleicht+ geschützt war, doch heimlich
auf jedem Schritte nach. Ein fernes Land bot ihm einen Zufluchtsort
-- aber jeder Weg dorthin war versperrt, und, bei seiner gänzlichen
Unkenntniß deutscher Sprache und deutscher Verfassungen, mit fast
unübersteiglichen Schwierigkeiten verbunden. Victorine, die schöne,
seit frühster Jugend von allen, die sie umgaben, vergötterte Victorine,
seine Gattin, sollte jetzt in wenig Wochen Mutter werden. Ohne Obdach,
ohne Geld, in einer rauhen Jahrszeit, in einem fremden, unwirthlichen
Lande, erlag ihre Seele schon dem Gewicht ihrer trostlosen
Verzweifelung, als die Vorsehung ihr Natalien zuführte.
Wenig Stunden reichten hin, um dieser das volle Vertrauen ihrer Gäste
zu erwerben, und als Ersatz für manchen herben Kummer, ward ihr das
Glück, dies Vertrauen rechtfertigen zu können.
Es gelang ihr, Wege und Mittel ausfindig zu machen, die Theophil sicher
nach dem Orte seiner Bestimmung führten. Victorine blieb bei ihr. Im
November ward sie Mutter eines lieblichen Knaben, und Natalie sah,
unter ihrer Pflege, Mutter und Kind schön und freudig dem Frühling
entgegen blühen, der beide mit dem Gatten und Vater vereinigen sollte.
Sie begleitete Victorinen auf der Reise durch die unwirthbaren
Gegenden, durch die sie ihr Weg führte, und verließ sie erst an der
Gränze, wo Theophil sie erwartete.
Auch die Dankbarkeit kann in schönen Seelen zu einer Leidenschaft
werden, die an Energie keiner andern weicht. Der Abschied, den
Victorine und Theophil von Natalien nahmen, war erschütternd und
feierlich. Die erstere legte ihren Sohn in Nataliens Arme, wie man
Heiligen die Kinder zur Auflegung der Hände darreicht, damit sie
ihn segne. Sie konnte sich nicht von ihr trennen -- immer kehrte sie
zurück, sie noch einmal an ihr Herz zu drücken -- endlich mußte sie
scheiden; aber Nataliens Andenken blieb in ihrem Herzen, und täglich
erbat sie sich vom Himmel die Gelegenheit, ihr einst vergelten zu
können, was sie für sie gethan. --
Natalie gieng auf einige Wochen zu ihrer Schwester, und dann nach
N****. Die Erinnerungen, die dieser Aufenthalt in ihr wecken konnte,
brauchte sie nicht mehr zu scheuen, den Tadel der Welt nicht mehr
zu fürchten. Ihre Seele war reif geworden in den Schmerzen und
Erschütterungen dieser letzten Jahre. Wie ein schwindendes Traumbild,
versank das Nachtstück ihres Lebens in den Strom der Vergangenheit; das
innere geheimnißvolle Leben der Liebe entfaltete sich in ihr tiefer
und reicher, und alle Erscheinungen des äußeren verklärten sich ihr
zu heiligen Sinnbildern; mit langen Zügen trank sie aus dem Quell der
frommen reinen Begeisterung, die sie von den irdischen Dingen schied,
und sie sich als eine Geweihte des Todes fühlen lehrte.
Abgezogen von der Außenwelt, fand sie in sich, was sie zur
Glückseligkeit und zum harmonischen Verständniß mit sich und der Welt
bedurfte, und das Gefühl, daß ihr diese Klarheit des Gemüths, dieser
himmlische Friede der Seele, dies Schweigen des Verstandes, einzig
aus der Liebe für Voluda aufgegangen waren, lehrte sie diese immer
richtiger, als das Schönste und Göttlichste ihres Daseyns, würdigen.
Ihr ganzes Leben war ein stiller Gottesdienst dieser Liebe, die immer
mehr Eins werdend mit der Liebe des Ewigen, und in ihr sich, wie der
Strom im Weltmeer verlierend, ihr Herz, langsam, sanft und freundlich,
von der Erde lösete, und die Sehnsucht ihres Busens nach dem Tode, zur
ächten Tochter der Liebe und der Unsterblichkeit veredelte.
Aber wie eine Lichterscheinung aus jener Welt, trat zu der Einsamen
noch hienieden der schönste Engel des Trostes und der Verheißung, der
Engel der Freundschaft, und Natalie wußte nicht, ob der Glanz, in dem
sich, von ihm erhellt, ihr Leben verklärte, das Abendroth dieser, oder
das Morgenroth jener Welt war.
Während ihrer Abwesenheit hatte sich in der Nähe von N****, eine
Familie angesiedelt, in deren ältesten Tochter, Charlotte, Natalie bald
eine Seele ausfand, wie sie reiner, treuer, frommer, ungefärbter und
zarter, nie in einem Weibe gewohnt hat. Demüthig und einfach, wahr und
kindlich, froh und still, war der Sinn des Mädchens -- ihr Geist hell
und klar und in dem sanften, kindlichen Gemüthe ruhte eine Kraft, die
dem Leben gewachsen war. Alle Liebe, die Natalie seit frühster Jugend,
so unverstanden und unerwiedert, hingegeben hatte, ward ihr hier, als
köstliche Himmelsgabe, zurückgegeben und in ihrer ganzen Heiligkeit von
ihr genossen und empfunden. --
Der fromme Friede, dessen Natalie jetzt genoß, und das seelige
Glück dieser Freundschaft, wurden dem zarten und ermatteten Körper
zur Stärkung. Da sie, ohne eigentliche Krankheit, nur an dem
geistigen, langsam nachwirkenden Schmerze früherer Jahre verging, so
schlichen Wochen und Monate langsam vorüber, ohne daß irgend eine
sichtbarer werdende Desorganisation ihres Körpers einen schnellen Tod
herbeizuführen versprach. Im Gegentheil schien sie, unter Lottens
Pflege, und im Sonnenschein ihrer Liebe, neu aufzublühen; es giebt aber
Zeitpunkte im Leben, wo nicht die Krankheit, sondern die Seele selbst,
ihre Hülle zerstört, weil sich, zu mächtig für diese, in ihr die Flügel
eines feineren Daseyns entfalten. Nataliens Gefühl, sie sey dem Tode
geweiht, täuschte sie nicht. In einzelnen hellern Momenten fühlte sie
aber auch eine unsichtbare Gewalt, die sie an das Leben, wie an ein
noch nicht vollendetes Tagewerk, fesselte: --
Sie ehrte diese Ahndung als Wink eines heiligen Schicksals, und harrte
in stiller Ruhe ihrer Deutung. Monate verrannen indessen, und wurden
zu Jahren, ohne daß irgend eine Pflicht, irgend eine Sorge, sie wieder
zu einer nähern Befreundung mit den Angelegenheiten der Erde genöthigt
hätte. -- In sanfter Stille, ohne Ansprüche an das Leben, geliebt von
Allem was sie umgab, ohne Furcht, doch nicht ohne Hoffnung, floß ihr
Leben ungetrübt dahin, und die Morgenluft, die sie umwehete, wurde
immer reiner und erquicklicher.
Oft sehnte sie sich, der Liebe heilige Welt, die sie in sich
aufgenommen hatte, dem Manne ihres Herzens darzustellen, ehe sie
scheide, damit er wisse, wie sie ihn geliebt habe vom ersten Blick an,
wie sie ihn noch liebe, und welchen Seegen diese Liebe in ihr Daseyn
gelegt habe. Aber sie wußte, daß er verlobt, und jetzt vielleicht schon
der Gatte des von ihm gewählten Mädchens sey, und daß er nie nach ihr
gefragt, nie irgend eine Erkundigung nach ihrem Schicksal eingezogen,
schien ihr ein Beweis, daß er das Andenken an sie ganz verbannt habe,
und es nicht zu erneuern wünsche. Sie brachte also seinem muthmaßlichen
Wunsche ihre letzte Freude zum Opfer dar. --
Dies Schweigen wurde Natalien dadurch sehr erleichtert, daß sie durch
seine, von Zeit zu Zeit, erscheinenden neuen Werke, mit ihm innig im
Geiste fortzuleben vermochte, und in jedem Buche den Schlüssel zu
ihm, wie in seiner Individualität den Schlüssel zum Buche fand. Sie
gewann auf diesem Wege eine so richtige Ansicht seines Karakters und
seiner Eigenthümlichkeit, seiner Grundsätze und Meinungen, wie sie ihr
der Jahrelange persönliche Umgang mit ihm nicht anschaulicher zu geben
vermocht hätte.
Wer kennt nicht die ungeheuren Begebenheiten der letzten Jahre? --
sie erneuerten in Voluda’s Gemüth einen Kampf, den er früher schon
einmal siegreich bestanden hatte. Aus seinem Ernst wurde Strenge;
aus seiner Festigkeit, Schärfe -- es ward fühlbar, daß jene Bildung
des Mannes, die ihm allein das Zusammenleben mit einem liebenden und
geliebten Weibe zu geben vermag, bei ihm unvollendet blieb, und daß
er, der Starke, auf diese Wunde doch vielleicht ein eisernes Pflaster
gelegt hatte. -- So ward sein großer, freier, und in seiner strengen
Gerechtigkeit doch noch so edel, +milder+ Sinn, mit dem er
früher die Zeit und die Menschen richtete, zum Grimm -- freilich nur
zum Grimm, wie er in einem so edlen, zum Haß wie zur Liebe gleich
energischen, Gemüthe wohnen kann -- aber doch immer zum Grimm.
Der Glaube, das Vertrauen und die Liebe, die ehemals als freie Gabe in
ihm wohnten, hielt er jetzt im Kampfe nur mit gewaltiger Kraft fest.
-- Und wo die fromme, heilige Entzückung schönerer, freudenvollerer
Zeit noch wieder aus der heiligen Tiefe dieser großen Seele aufstieg,
und sich wie ein himmlischer Duft über die Natur und das Leben zog
-- da erschien sie wie der helle Blitz einer süßen, vorübereilenden,
Verzückung! --
Da kam eine Sorge um ihn in Nataliens Herz -- eine Sorge, zu zart für
Worte -- aber diese Sorge war die höchste, die innigste, treueste
Liebe, die je das Herz eines Weibes gefühlt hat. -- Hätte er sich
geliebt gewußt, wie sie ihn liebte, so wäre die Gewißheit solcher Liebe
die Vermittlerin zwischen ihm und einer in Unfrieden versunkenen Welt
geworden. --
Es kam aber ein Zeitpunkt, wo die von ihm früher mit heisser Liebe
umfaßten, später mit unvergänglichem Schmerz verlornen, Hoffnungen
für sein Vaterland noch einmal einen neuen Strahl in seine Römerseele
sandten. Er griff zum Schwerdt, und schloß sich an den kühnen Führer,
dessen abentheuerliches Unternehmen durch den Willen geedelt wird,
wenn gleich der Erfolg es verdammt. -- Ein Tag entschied das Schicksal
von tausend Heldenherzen -- der tapfre Führer fiel; und Voluda, der
verzweifelnd an seiner Seite gefochten hatte, sank schwer verwundet
vom Pferde, und ward gefangen.
Mit Sturmwinds Eile flog die düstre Kunde dieser Catastrophe durch das
Land, und kam auch bald zu Natalien. Ein dunkles Gerücht sagte Voluda
gefangen, wenn andre ihn den wackern Tod im Schlachtgewühl finden
ließen. Ihr Entschluß, ihn wenn er noch lebte, zu retten, oder mit ihm
zu sterben, war schnell gefaßt, und klar stand es nun vor ihrer Seele,
was sie bis jetzt, in so wunderbarer Dunkelheit, an das Leben, als an
eine noch nicht gelösete Aufgabe, gebunden hatte. Sie raffte zusammen,
was sie an Geld und Geldeswerth aufbringen konnte, und eilte in die
Gegenden, wo die feindlichen Armeen standen.
Ein guter Engel war mit Natalien, und führte sie durch mannichfache
Gefahren, unangefochten dem Ziel ihrer Reise zu.
Sie fand Voluda nicht mehr; aber sie erfuhr mit Gewißheit, daß er
noch lebe, und mit mehreren seiner Gefährten nach der Festung S.
abgeführt sey, wo man nur seine Genesung erwarte, um das schon gefällte
Todesurtheil zu vollziehen.
Der Tag dazu war sogar schon festgesetzt, und nahe. Natalie eilte Tag
und Nacht. Kein Schlummer schloß ihr Auge, keine Nahrung kam über
ihre Lippen. Die Liebe gab ihr Muth, die Liebe gab ihr Kraft; -- der
Kampf zwischen der tiefsten Hoffnungslosigkeit und der inbrünstigsten
Hoffnung erhielt sie aufrecht, weil er ihr keine Minute übrig ließ,
ihre Ermattung und Anstrengung inne zu werden. Sie war in diesen ewig
unvergeßlichen Tagen nur Seele. --
Ein neues Leben drang, wie eine geistige Arzenei, durch alle ihre
Adern, als sie erfuhr, Theophil, er, dem sie einst mit so viel Gefahr
und Aufopferung Gattin und Kind rettete, sey Commandant der Festung,
und Victorine zum Besuch bei ihm.
Ihr Weg führte sie durch B., wo Voludas Braut wohnte. Ein heißer
Schmerz durchzuckte Natalien, als sie daran dachte und sich eingestehen
mußte, die Glückliche habe den näheren Beruf, ihn zu retten, und es sey
für sie Pflicht, ihr zu weichen, wenn sie ihr Recht auf dieses Glück
gültig machen wollte.
Schriftlich bat sie sie um eine Unterredung ohne Zeugen, und gieng
dann, der erhaltenen Einladung gemäß, zu ihr. Natalie fand ein sehr
reizendes Mädchen, und ihr Herz öffnete sich der Liebe zu dem Wesen,
das dem Manne, den sie mit der lautersten Uneigennützigkeit liebte, das
Glück seines Lebens gewähren sollte. Sie redete sie mit unverstellter
Herzlichkeit an:
Entschuldigen sie es, wenn sich Ihnen in so finsteren Trauerstunden,
eine Unbekannte zur Vertrauten aufdringt. Sie sind Voludas Verlobte?
Sie faßte bei diesen Worten des Mädchens Hand, und sah ihr mit voller
Liebe in das Auge, das sich schnell mit Thränen füllte. --
Ja, antwortete sie, ich werde den edlen Mann auch jetzt nicht
verläugnen, wo der Tod uns auf ewig zu scheiden droht.
Nein, sagte Natalie rasch, und heftig bewegt, er wird leben -- ich
bringe Hoffnung, und wenn es noch Schutzgeister des Guten giebt,
Rettung.
Sie zergliederte ihr hier ihren ganzen Plan, und die an
Wahrscheinlichkeit gränzende Möglichkeit seines Gelingens, und forderte
sie auf, sie nach S. zu begleiten, um in diesem Fall mit Voluda das
Schiff zu besteigen, das ihn nach Amerika zu führen, schon bereit lag.
Die Seele der Braut bebte vor den Gefahren und der Ungewöhnlichkeit
dieser Schritte zurück. Sie weinte, zagte -- doch vergebens suchte
ihr Natalie ihren Muth, ihre Begeisterung, und ihren festen Vorsatz,
das Leben an die Rettung des geliebten Mannes setzen zu wollen,
einzuhauchen. --
Ich bin sein, rief sie händeringend aus, und will gerne Vaterland und
alles verlassen, um ihm zu folgen, sobald er dort angesiedelt ist --
aber ihn aus seinem Kerker entführen helfen und ihn auf seiner Flucht
begleiten -- nein, das kann ich nicht. Meine Angst würde mich tödten.
Nun, sagte Natalie, so unternehme ich es allein. Ich rette Ihren
Verlobten, oder --
Hier stürzte sich Lotte in ihre Arme und ergoß sich in den feurigsten
Danksagungen. Natalie staunte bei dieser Mischung von Liebe und
Schwäche -- aber ihr Herz schlug froher und stolzer bei dem Gedanken,
um wie viel inniger sie den Werth des seltenen Mannes zu würdigen wußte.
Was soll ich ihm denn von Ihnen bringen? fragte sie beim Abschied.
Sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe und ihm treu bleiben werde, und dann
bringen Sie ihm dies. Es war ihr Gemälde, das sie für ihn schon früher
hatte malen lassen. Sie schnitt jetzt auch eine ihrer schönen, blonden
Haarlocken ab, und gab sie Natalien, die beide Gaben an ihrem Herzen
verbarg. Aber Sie, fuhr sie fort, wer sind denn Sie, die Sie mir als
ein Engel der Rettung erscheinen, wo jede Hoffnung verloren war?
Eine längst von Voluda vergeßene, und nie von ihm geliebte Freundin,
sagte Natalie still betrübt, und drückte sie sanft weinend an ihr
Herz. Gott lasse mir seine Rettung gelingen -- und dann gedenkt meiner
zuweilen, wenn Ihr glücklich seyd. --
Zwei Tage darauf kam sie in S. an. Sie ließ sich bei Victorinen melden,
und ward von ihr mit jubelndem Entzücken aufgenommen. Zitternd und
todtenbleich sank sie bei ihrem Eintritt vor ihr nieder. Ich komme,
sagte sie ihr in Tönen, denen kein Herz zu widerstehen vermochte, Dich
an eine Schuld zu mahnen, die Du jetzt mit der Seeligkeit meines Lebens
lösen kannst. --
Aufschreiend vor Schmerz, sie in diesem Zustand zu sehen, sank
Victorine neben ihr nieder, und flehte sie an, nur zu reden, und auf
sie zu rechnen im Leben und im Tode.
Da vertraute ihr Natalie ihre Liebe und ihren Schmerz, und ihren festen
Entschluß, Voluda zu retten, oder hier mit ihm zu sterben.
Victorine eilte zu ihrem Gatten, und führte ihn herbei. Ein langer,
harter Kampf begann, ehe Natur, Menschlichkeit, und jene ewigen, in
die Brust des Menschen gegrabenen Gesetze, die keine Menschensatzung
aufzuheben vermag, siegten, und er seine Mitwirkung, zur Ausführung
des von Natalien entworfenen Planes, der sie selbst der größten Gefahr
preisgab, versprach.
Von allen seinen Unglücksgefährten lebte Voluda nur noch allein, seine
noch nicht geheilten Wunden hatten ihm das furchtbar grausame Glück
verschafft, sie alle zu überleben. Nataliens Plan und ihre getroffenen
Anstalten konnten hier allein Rettung möglich machen.
Nach unzähligen, besiegten Schwierigkeiten und Gefahren, sah Natalie
endlich die Mitternacht hereinbrechen, die zu seiner Befreiung bestimmt
war. Tod und Seeligkeit im Herzen, folgte sie, tief verhüllt, ihrem
Führer, zu dem grausigen, dumpfen Kerker, wo sie beim Schein der
mitgebrachten Leuchte, Voluda auf Stroh gebettet, und in schwere
Fesseln geschmiedet, erkannte. Stumm sank sie vor ihm nieder, seine
Fesseln zu lösen. -- Sie sind frei, sagte ihr Begleiter zu ihm; was
keine andre Macht vermocht hätte, ist der Macht der reinsten Güte und
der edelsten Liebe gelungen. --
O Wunderwerk der Liebe! rief Voluda, und zog sie mit dem schon
befreieten Arm an sein Herz -- o meine Lotte, wie soll ich Dir
danken! --
Nach sechsjähriger Trennung sah Natalie jetzt den Mann wieder, dem ihre
Seele angehörte und dem ihr ganzes Leben geweiht war -- sie lag in
seinem Arm -- sie fühlte sich von ihm mit inniger Liebe an sein Herz
gedrückt -- aber nur, weil er in ihr eine Andre, seine Geliebte, seine
Braut, zu umfassen glaubte. --
Nein, sagte sie leise, und schlug ihren Schleier zurück, ich bin’s,
Voluda.
Plötzlich und rührend trat vor seine Seele jetzt das Bild der ihm fast
entfremdeten Zeit, und er erkannte ihre Treue und ihre Liebe -- da
umfaßte er sie von Neuem, und in einer langen stummen Umarmung ruhten
beide weinend an einander. --
Um Gotteswillen, rief hier ihr Führer, wir haben keinen Augenblick zu
verlieren! -- Jede Minute Verzug droht mit dem Tode.
Diese Erinnerung an Voludas Gefahr gab Natalien ihre Fassung wieder.
Sie sagte ihm in wenig Worten, was er wissen mußte, und gab ihm ihr
Taschenbuch, in dem er fernere Anweisung, Wechsel, und Lottens Gemälde
fand. -- Dann faßte sie zum Lebewohl seine Hand, -- drückte sie
noch einmal an ihr Herz -- noch einen Blick -- und nun, ehe er mit
einem Worte Abschied von ihr nehmen konnte, war sie durch die eine
Thüre verschwunden, während ihr Begleiter ihn rasch durch die andre
fortzog. --
* * * * *
Natalie verweilte noch einige Wochen bei Victorinen und ihren Gatten;
dann kehrte sie nach N**** zurück, um dort in den Armen ihrer
Charlotte, die Stunde ihres Todes mit stiller Freudigkeit zu erwarten.
Sie fühlte es, daß sie jetzt am Ziele stand, und sehnte sich in der
Blüthe und der Fülle der geistigen Kräfte, mit unendlicher Liebe, nach
der Stunde der Vollendung. --
Mit großer Ruhe und Heiterkeit ordnete sie ihren Nachlaß, und wandte
alle ihr noch übrige Zeit an, ihre Lieben mit dem Gedanken an ihren
Verlust auszusöhnen. --
Sie schrieb ihr Testament mit eigner Hand nieder, und einige Stellen
desselben mögen hier als das treueste Gemälde ihrer Stimmung stehen. Am
Morgen des Tages, an dem sie es schrieb, hatte sie von ihrem Arzt den
Ausspruch erfahren, daß sie das Frühjahr nicht mehr erleben würde.
den 4ten Januar.
Ich stehe also am Ziele -- aber noch ist es mir vergönnt, mich nach
Euch, Ihr Geliebten Meiner Seele, Trost und Stolz und Freude Eurer
Natalie im Tode wie im Leben, umzusehen. Noch erreicht Euch meine
Stimme -- aber wenn das Siegel dieses Blattes einst gelöset wird, dann
tönt sie nur noch aus meinem Grabe dumpf zu Euch empor. -- -- Doch was
der Raub dieses Grabes wird, ist nicht das, was Ihr an mir liebtet,
und was Euch lieben wird, so lange mein Ich, dies innere, wahre,
anerkannte Ich, in irgend einer Form des Daseyns bestehen wird! -- O
wie habe ich Euch geliebt! wie liebe ich Euch! -- Wie seelig gerührt
versammelt Euch mein Geist in dieser Minute um mich -- wie glücklich
macht es mich, sagen zu können, daß ich immer in meinem Leben, und in
jedem Verhältniß desselben, +treu+ war. -- O wenn Ihr alles von
mir vergessen könnt, so werden doch gewiß Minuten kommen, wo jeder von
Euch sich sagen wird: Das Herz, das mich am innigsten und treuesten
liebte, ruht nun im Grabe? --
Diese Gewißheit der Treue ist mir jetzt in meiner Sterbezeit mehr
Bürge für meine Unsterblichkeit, als alles andre, was ich je darüber
geglaubt, gedacht und empfunden habe. Meine Seele hat nur +Einen+
Grundton: -- Liebe -- sie kann nicht vernichtet werden. Treue und
unbedingte Hingebung waren bei mir nie ein Verdienst, nie eine Tugend
-- sie sind mein Wesen selbst. In Liebe habe ich gelebt -- in Liebe
werde ich sterben, und auch, so wahr Gott die Liebe ist, in Liebe einst
wieder auferstehen. --
Ich weiß, wie heilig Euch Allen meine letzten Wünsche und Bitten seyn
werden, und möchte Euch, meine Einzig, -- Lieben, so vieles, vieles
-- sagen. -- Mein Herz ist so voll -- meine Seele stark, mein Geist
freudig -- aber mein Leben ist matt, meine Brust wund und hohl. --
Nimm Du mich zuerst an Dein Herz, Du meine reinste, beste Freude,
Du frommes reines Herz, Du Seele ohne Makel und ohne Schuld, meine,
meine Charlotte. -- Mein letzter Seufzer wird noch Dein Name seyn, und
Dank gegen Gott, der mir in Dir mehr gab, als ich je verdient habe --
Liebste Charlotte, Seele meiner Seele -- o diese Trennung von Dir --
ich fühle es in diesem Augenblick -- sie ist wie ein Riß durch ein
lebendiges Herz. -- Du wirst mich nie vergessen -- in mancher trüben
Stunde wirst Du zu meinem Bilde gehen, und getröstet und gekräftigt
davon zurückkehren. Du hast in unsrer Freundschaft eine Gewißheit, wie
Himmelsluft, in Dich gesogen, daß nun nie Unwerth und Treulosigkeit
Deinen Glauben an Menschenherz werden zu erschüttern vermögen. -- Eine
Freundschaft, wie die unsre, ist für mehr als eine Welt. Das Grab
trennt uns nicht; wir bleiben vereint. -- Wirst Du einst Gattin und
Mutter -- und welches Mädchen ist mehr geeignet in beiden Verhältnissen
das Beispiel der edelsten, beglückendsten Pflichterfüllung zu geben?
-- so gieb Deiner ältesten Tochter meinen Namen, und liebe mich in dem
Kinde fort, wie ich gewiß auch auf irgend eine Art mit Dir verbunden
bleiben werde. Versprich mir auch, so lange Du lebst, meinen Geburtstag
zu feiern -- sollte ich dort oben den 7ten April wohl vergessen lernen?
In Hinsicht Deiner Trauer über meinen Verlust, vertraue ich Deinem
frommen Gottergebenen Sinn. -- Ich habe zuweilen gesehen, daß man
Kindern Verletzungen mit frischer Erde kühlt -- auch mir, auch meinem
armen wunden Herzen wird sie wohl thun. -- Von allen Fähigkeiten meiner
Seele ist nur eine ganz entwickelt, ganz geübt worden: die Fähigkeit zu
leiden. -- Weine daher um mich -- aber laß es sanfte Thränen seyn. --
Schone Dich, hänge Deinem Gram nicht nach. Es ist meine letzte Bitte;
sie wird Dir heilig seyn. --
Und so empfange denn mein letztes Lebewohl -- Gottes bester, bester
Segen über Dich -- ich lege meine ganze Seele, mein Herz voll
unaussprechlicher Liebe in dieses Lebewohl. Wo ich auch sey, wie ich
auch fortdaure, ich will nie mehr +mein+ seyn, als ich +Dein+
bin und bleibe. --
* * * * *
Eben so innig und herzlich nahm sie dann von Elisen und August
Abschied. Nach ihrem Tode fand sich unter ihren Papieren ein
versiegelter Brief an Voluda und ihr von ihr selbst gemaltes Gemälde.
-- Sie bat ihre Lieben, sie in der Morgendämmerung an dem von ihr
bestimmten Platze im N****er Garten begraben zu lassen. Ihr Vermögen
vertheilte sie zwischen ihren Geschwistern und Charlotten. In N****
hatte sie ein Kapital gegründet, von dessen Zinsen die Schule erhalten
werden sollte. Ueberhaupt war in ihrem Testamente keiner vergessen,
der auch nur entfernten Anspruch auf ihr Andenken und ihr Wohlwollen
zu machen hatte. An Buri schickte sie mit einem freundlichen Lebewohl
seine an sie geschriebenen Briefe zurück.
Schön und freundlich kam dies Jahr der Februar, und brachte einen
herrlichen blauen Himmel und -- keine Blüten -- aber einen reichen
Seegen von Knospen mit. -- Ihrer alten Liebe zu Blumen und Kräutern
getreu, ließ sich Natalie auch jetzt noch in das Gartenzimmer tragen,
wo sie immer so gerne gewesen war. --
Die Abendsonne brannte glühend durch die Fenster -- bleich und schwer
athmend ruhte Natalie in ihrem Krankenstuhle -- vor ihr kniete ein
sanfter, holder Engel, dessen Herz zu fromm war, um diese ernste
Stunde der Wiedergeburt für ein höheres Leben, durch lauten Schmerz zu
entweihen. --
In dem halbgeöffneten Nebenzimmer sangen zarte Kinderstimmen leise:
Und er hat uns gegeben die köstlichste Gabe,
Seinen starken Erretter, den Tod, den freudigen Helden
Welcher zertrümmert jegliche Fessel der Erde
Und aufträgt die schwachen Mühebeladnen
Zu der ewigen Freiheit Sonnenglanz
Und zu des unendlichen Vaters
Hochheiligem Angesicht! --
Siehe, da öffnete sich leise die Thüre -- -- Natalie konnte das müde
Haupt nicht mehr erheben, aber ihr brechendes Auge erkannte noch die
theure Gestalt -- o sieh, sagte sie zu Charlotte leise, sieh den
Todesengel -- freundlich erscheint er mir in der theuersten Gestalt --
o tritt nur näher, und berühre das Herz, das Dich liebt. -- --
Erschüttert trat Voluda näher. -- Er hatte die Vergünstigung erhalten,
sein Vaterland wieder zu betreten, und kam die treue Freundin zu sehen
-- das Schicksal führte ihn herbei, um Nataliens letzten, innigsten
Erdenwunsch, zu erfüllen.