Die Signora brummte:
»Sie sind sich alle gleich! Neidisch, mißgünstig, der eine wie der
andere! Immer kommen sie und suchen die Siegesfreude zu dämpfen! Nichts
gönnen sie dir!«
Aber Babara hörte nicht zu. Sie stand da, in Gedanken versunken. -- Sie
war wieder im Dome zu Parma. Goldig strömte das Licht aus der Kuppel
auf sie herab, und sie blickte wieder voll Sehnsucht hinauf zu den
Glücklicheren, die befreit gegen das Licht hinaufschwebten, und wollte
mit in ihren Reigen -- fort von allem, was sie hier unten fesselte!
Die von Herzen kommenden Worte des alten Musikmeisters waren ihr ins
Herz gedrungen und hatten da eine Saite vibrieren gemacht, die fortan
den Grundton ihres ganzen Wesens angeben sollte. Sie fühlte sich wieder
sicher -- sie wußte, wohin! Und alles andere, wie es auch kommen
mochte, wurde ihr gleichgültig.
Sie dachte nicht einmal daran.
Um so mehr tat es aber die Mama!
9
Im königlichen Schlafzimmer des Schlosses zu Fontainebleau waltete noch
Gott Morpheus seines Amtes. --Allerdings nicht ganz gehorsamst! -- Denn
der allerchristlichste Monarch -- Ludwig der Vielgeliebte -- war zu
seinem eigenen Entsetzen längst wach.
Müde von den Jagden des vorhergehenden Tages, hatte er beschlossen,
sich heute gründlich auszuschlafen.
Aber draußen schien die Sonne, die Vögel zwitscherten, und auch das
allerhöchste böse Gewissen ließ seine Stimme hören. Laut und vernehmbar
sprach es, und weit respektloser, als es der Gemütsruhe -- oder, sagen
wir, dem Schlaf -- eines großen Königs zuträglich war.
Er, dessen Macht unbegrenzt war, konnte nichts dagegen tun. Er hatte
am Abend befohlen, daß es heute erst viel später Tag werden sollte bei
ihm. Und das Wort eines Königs ist heilig!
Er mußte sich also mit seinem bösen Gewissen abgeben, ob er wollte
oder nicht. Jeder Versuch, einzuschlafen, war vergeblich! -- Drehte er
sich auf die linke Seite, so flüsterte es ihm ins rechte Ohr, und er
hörte die Stimme seines Erziehers, des guten Kardinals Fleury, wie sie
sich in ernster Mißbilligung seines sittenlosen Lebens erging; legte
er sich aufs rechte Ohr, so raunte es ihm ins linke von dem schweren
Unrecht, das er seiner getreuen Gemahlin, der guten Königin Maria
Leszczynska, antat, als er ihr eine Nebenbuhlerin nach der anderen
bescherte; und begrub er den Kopf ganz in den Kissen, dann summte ihm
ein ganzer Schwarm zärtlicher Frauenstimmen um den Kopf und zauberte
ihm wollüstige Bilder vor. -- -- Es war zum Wahnsinnigwerden!
Und doch war etwas dabei, was ihn gewissermaßen beruhigte. -=In
puncto=- Regieren war sein Gewissen rein! -- In der Beziehung schwieg
die mahnende Stimme.
Er war also ein ausgezeichneter König! -- _=Menschlich=_ vielleicht
nicht ganz einwandfrei -- aber sonst -- -- wer könnte ihm etwas
vorwerfen? Er führte ja die Geschäfte nicht selbst -- er kümmerte sich
fast gar nicht um die ganze Geschichte, _=konnte=_ also unmöglich den
geringsten Fehler begangen haben! -- Das besorgten schon die Minister!
-- Das auch! -- Mein Gott -- wozu waren sie schließlich da?!
Aber die Weiber! -- Da war etwas dabei, was ihn zum mindesten
beunruhigte!
Er liebte sie -- er verehrte sie! Und schließlich sollte das den holden
Schönen genügen!
Aber sie wollten mehr! -- Sie wollten Macht -- oder andere wollten sie
durch sie! -- Wenn er da nicht von vornherein aufpaßte, würden sie ihn
schließlich zwingen, in höchsteigener Person etwas zu _=wollen=_ -- ja,
gar zu regieren! -- Und da wäre es um seine Ruhe geschehen!
Der Gedanke erschreckte ihn so, daß er sich plötzlich im Bette
aufsetzte und nach der brillantierten Uhr auf dem Nachttische griff.
Noch eine ganze Stunde bis zu dem für das Lever festgesetzten
Glockenschlag!
Seufzend warf er sich wieder im Bette zurück und nahm sich vor, mit dem
bösen Gewissen aufzuräumen.
Mit der Königin wurde er am schnellsten fertig.
_=Erstens=_ war er nicht nur König, sondern auch ein Mann von Welt und
hatte also gewisse Privilegien in amourösen Dingen, die sie als Frau
und fromme Dienerin der Kirche nicht begreifen konnte oder durfte, und
die er ihr also nicht klarzumachen brauchte!
_=Zweitens=_ hatte sie die nicht ganz einwandfreie Gabe, ihm Töchter
zu bescheren. Manchmal sogar zwei auf einmal! -- Zum mindesten war das
langweilig! Und die Langeweile war nicht seine Sache!
_=Drittens=_ -- und das war das schlimmste -- war sie, wenn auch
unfreiwillig, die Veranlassung zu einer höchsteigenen Willensäußerung,
ja zu einer persönlichen Regierungshandlung Seiner, in dieser Hinsicht
äußerst maßvollen königlichen Majestät gewesen!
Er hatte ihretwegen seinen Premierminister und lieben Vetter, den
Herzog von Condé, höchstselbst zum Teufel gejagt, sobald er merkte,
daß dieser, im Verein mit seiner Geliebten, Madame du Prie, ihm die
Maria Leszczynska als Königin zugeführt hatte, nur um durch sie
Einfluß auszuüben! -- Allerdings merkte er's erst nachträglich, mit
Hilfe seines getreuen Richelieu! -- Aber es hatte die Bedeutung einer
Katastrophe seines Gemütslebens gehabt! Seit dem Augenblick war das
Mißtrauen wach und verleidete ihm auch jede illegitime Liaison!
Die gute du Mailly und ihre Schwestern, die sich mit ihr in sein Herz
teilten, repräsentierten ebenso viele herrschsüchtige Cliquen des hohen
Adels! Und was nach ihnen käme -- wer könnte wissen, was das mit sich
brächte?!
Sie würden ihn zwingen, sich im Kreise der Bürgerschaft eine Freundin
zu wählen, damit er Ruhe hätte!
Allerdings drängte sich auch da bereits jemand an ihn heran! Die kleine
d'Etioles -- die geborene Poisson -- wer konnte wissen, ob sie nicht
auch von irgendwelchen Kreisen geschoben wurde? -- Bachelier wußte da
so viel Bedenkliches zu erzählen! Auch da galt es, sich in acht zu
nehmen!
Wo er sich auch hinwandte, überall flüsterte man ihm bald über diese,
bald über jene Schönheit Empfehlendes zu! Richelieu hatte einen
unerschöpflichen Vorrat an Protegés, für die er plädierte! Und seit
einiger Zeit lag ihm, zum Überfluß, noch der Geck Carignan in den Ohren
mit jener Tänzerin, von der ganz Paris sprach! -- Man würde sie wohl
ansehen müssen! -- Aber nur ansehen!
Denn in betreff jener Dame schwieg das Mißtrauen Bacheliers total!
-- Er nahm sich sogar heraus, Zuversicht zu äußern -- ja, begeistert
von ihr zu reden! -- Das war gefährlich! Der Hüter des allerhöchsten
Mißtrauens funktionierte nicht mehr! Da galt es aufzupassen! Jene Dame
durfte also gar nicht in seine Nähe! -- Sie sollte nie bei Hofe tanzen!
-- Niemals!
Er setzte sich wieder auf.
Wozu hier liegen und sich wegen der eigenen Weibergeschichten Gedanken
machen?! -- Er war ja der König! -- Er hatte sich also vor allem mit
dem Sündenregister seiner lieben Untertanen zu befassen! Das war doch
seine landesväterliche Pflicht! Man durfte nicht nur an sich selbst
denken!
Wenn er aber an seine Landeskinder dachte, da schwieg das höchsteigene
böse Gewissen vollends! Denn was _=die=_ Leute zustande brachten, das
spottete jeder Beschreibung! -- -- Allerdings fingen die Nachrichten
an, in der letzten Zeit spärlich zu fließen! -- Das Schwarze Kabinett
lieferte auf einmal nur politische Nachrichten -- statt der befohlenen
Resümees aus den täglichen Liebesbriefen! Der Generalpostmeister war
wohl amtsmüde?
Ob gestern auch nichts passiert war? -- -- Das mußte er sofort wissen!
»Bachelier!« rief er. Aber niemand hörte. Kein Bachelier meldete sich.
Entgegen aller Etikette warf der König die Decke ab, setzte sich
auf, warf höchstselbst den Schlafrock um, ging zur Tür, öffnete sie
und rief: »Bachelier soll kommen!« -- Eilte dann wieder zum Bette,
schlüpfte in die Pfühle zurück und wartete den Effekt ab!
Bachelier kam atemlos herbeigestürzt und wurde sehr unsanft empfangen.
»Man muß ein König von Frankreich sein, um so schlecht bedient zu
werden! -- Wir müssen uns selbst aufwarten -- müssen aus dem Bette
steigen -- allein, ganz allein! Wir müssen sogar rufen! Wenn wir hier
verrecken, kein Mensch kümmert sich darum, kein Mensch ist da! Obwohl
wir das Haus voller Tagediebe haben! -- Sonst lauschst du immer an den
Türen!«
»Majestät wollen gnädigst verzeihen! Ich hatte aber strengen Befehl,
erst um elf anzuklopfen!«
»Und wenn ich nun um zehn sterbe?«
»Der Himmel bewahre uns vor dem Unglück!«
»Du bedienst uns schlecht, Bachelier! Wir sind mit dir unzufrieden!
Seit einer Woche hast du uns nichts zu erzählen! -- Wenn du wenigstens
so viel Eifer zeigtest, uns den Bericht des Generalpostmeisters zu
bringen! Aber auch da müssen wir erst befehlen! -- Schnell, den Bericht
-- oder --« und die Blicke des Königs wurden scharf und stechend --
»oder sollte auch gestern in meinem Lande nichts vorgefallen sein? Sind
wir nach einer Wüste verschlagen -- von lauter Schlafmützen umgeben? --
Sind meine Granden alle heilig geworden?«
»Alles andere, nur das nicht! Sie sind so unternehmend wie immer!«
»Gott sei Dank! Wir fürchteten schon, der einzige zu sein, der hier
etwas Courage hätte! Denke dir, Bachelier, wir liegen hier seit Stunden
und ängstigen uns wegen der paar Weibergeschichten, die wir uns
geleistet haben! Wir mußten böses Gewissen erdulden -- wir kamen sogar
in Versuchung, uns schwer schuldig zu fühlen -- bloß, weil das Schwarze
Kabinett seit geraumer Zeit von andrer Leute Laster schwieg -- wir
mußten uns geradezu als einziger Sünder in ganz Frankreich vorkommen --
wir haben Höllenqualen gelitten!«
»Entsetzlich!«
»Nicht wahr?! Da ist es doch zu verstehen, wenn wir so etwas wie
Neugier empfinden! Und du läßt uns warten!«
»Ich bitte alleruntertänigst, Gnade walten zu lassen! Es soll nie
wieder vorkommen!«
»Für diesmal denn -- wenn du endlich zu berichten beliebst!«
»Befehlen Majestät erst das Resümee der gestrigen Begebenheiten -- oder
den Bericht des Postmeisters?«
»Erst das Resümee!«
»Ich gestatte mir denn alleruntertänigst zu melden, daß Mademoiselle,
Madame du Charolais -- --«
»Von Mademoiselle wollen wir nichts wissen! Sie ist unsere Freundin!«
»Eben! Und da ist es von Gewicht, daß sie gestern gebeichtet hat!«
»Kennt man die Beichte schon?«
»Zu dem Zwecke hat sie sie ja abgelegt!«
»Was hat sie denn gestanden?«
»Für ihre Person nichts! Sie beichtet ja nur die Vergehen ihrer
Freunde!«
»Himmel, wie wird sie mich denn beim lieben Gott blamiert haben! --
Daher das böse Gewissen zu solch ungelegener Zeit! Wer war denn ihr
Beichtvater?«
»Wer denn sonst, als der Mitwisser aller Boudoirgeheimnisse -- der
treue Freund und Berater aller galanten Damen von Welt -- --«
»Abbé Bernis?«
»Sehr richtig.«
»Dann ist Gefahr im Verzug! -- Schnell ein -=lettre de cachet=-!«
»Ich war schon so frei, es mitzubringen!«
»Du bist ein getreuer Diener, Bachelier! Rasch, fülle es aus!«
»Es ist bereits geschehen!«
»Sieh nur, wie eifrig! Ja, bist du denn sicher, daß wir ihn nicht zum
Minister machen wollen?«
»Ich gestatte mir sogar, gehorsamst anzunehmen, daß er einmal ein sehr
hohes Staatsamt bekleiden wird!«
»Und trotzdem schickst du ihn in die Bastille?«
»Nicht trotzdem, sondern zu dem Zweck! Damit er beizeiten dem
allerhöchsten Willen gefügig wird!«
»Sehr gut! Schicke ihn also hin!«
»Er ist schon da!«
»Das auch noch! Sage mir, Bachelier, wen verdammst du noch dazu?
Erledigen wir erst die Bastille! Wen schicken wir heute noch hin?«
»Den Dichter Voltaire!«
»Was hat denn der verbrochen?«
»Er hat sich gestern auf offener Straße durchprügeln lassen!«
»Nun, dann hat er ja, was er braucht!«
»Zu Befehl, Sire! Diesmal war er aber unschuldig!«
»Er hat sooft keine Prügel bekommen, wenn er welche hätte haben müssen!
Und schließlich: wenn er in die Lage kommt, welche zu bekommen, dann
hat er sie sicher verdient!«
»Er scheint anderer Ansicht zu sein! Er schickt uns diese Bittschrift!«
»-=Ad acta=- legen! Dieser suffisante Mensch! Er _=hat=_ seinen Teil,
und er suppliziert noch! Er malträtiert uns! Von der öffentlichen
Ordnung nicht zu reden, die er durch den Skandal gestört hat! In die
Bastille mit ihm!«
»Zu Befehl, Sire, es ist ihm schon besorgt!«
»Sag mal, Bachelier, es wird wohl gut sein, wir schicken dich auch hin!
Du wirst schon dreist!«
Bachelier zitterte -- lächelte aber gehorsamst mit, da der König selbst
bei dem Gedanken lachte.
»Das wäre schon das beste, Bachelier! Aber wer schickt mir denn
die anderen hin? Sei also unbesorgt! Und jetzt den Bericht des
Generalpostmeisters! Wer figuriert auf der Liste heute? Richelieu?«
»Leider nicht!«
»Der Graf von Sachsen?«
»Auch nicht!«
»Unser Vetter de Chartres? -- Der Prinz de Conti? Der Herzog de la
Vallière? -- d'Argenson? -- Maurepas?«
»Seine Exzellenz der Marineminister, ja!« sagte Bachelier, der bei den
anderen Namen den Kopf geschüttelt hatte. -- »Die hohen Herren sind
alle in der Benutzung der Post sehr vorsichtig geworden! Wenn sie nicht
gerade andere kompromittieren wollen, senden sie jetzt alles durch
Boten!«
»Und warum macht Maurepas da eine Ausnahme?«
»Damit man weiß, daß auch er zu den Verehrern der Tänzerin Barberini
zählt!«
»Jene Tänzerin, von der alle Welt -- und auch du -- uns vorschwärmt?«
»Ganz recht!«
»Sie scheint hier zu gefallen?«
»Alles liegt ihr zu Füßen! -- Das heißt, alles, was sich die Erlaubnis
der Frau Mama zu erwirken vermochte! Und das sind viele!«
»Wer?«
»Offiziell nur Seine Hoheit der Herr Prinz von Carignan!«
»Das läßt sich denken! Sie ist also seine Geliebte geworden?«
»Seine Hoheit hat ihr ein Hotel einrichten lassen, ihr Toiletten,
Schmuck, Gespann geschenkt und ihr eine artige Rente ausgesetzt!«
»Das kann unserer Oper teuer zu stehen kommen -- wenn sie ihm Treue
hält!«
»Treue ist ein Wort, das sie nicht zu kennen scheint!«
»Glaubst du?«
»Wir haben gestern nicht weniger als zwei Dutzend Briefe ihrer Mama
an ebenso viele Verehrer der schönen Dame aufgefangen! Die Briefe
waren alle sehr deutlich! Die Mama wird bald ein artiges Vermögen
zusammengebracht haben!«
»Zwei Dutzend Verehrer?!«
»Zu Befehl!«
»Und alle begünstigt?«
»Zweifelsohne! -- Wenn man bedenkt, daß sie bloß achtzehn Jahre ist und
keine drei Monate in Paris -- --«
»Eine sehr respektable Leistung!«
»Sie hat eben eine sehr respektable Mutter, Sire!«
»Wer sind denn die Glücklichen?«
»Der Prinz de Conti war darunter! Dann der Marquis de Thibouville, der
Herzog von Durfort und der Bischof von -- --«
Bachelier flüsterte dem König respektvoll einen Namen zu. Der König
lachte.
»Also Hochwürden auch! -- Sie scheint jedenfalls keinen üblen Geschmack
zu haben! -- Und von alledem hat Carignan keine Ahnung?«
»Nein! Seiner Hoheit Ahnungsvermögen scheint in betreff ihrer
leiblichen Reize vollauf zu tun zu haben! Denn er ist immer noch rasend
verliebt! Und also blind für alles andere!«
»Seine Liebe scheint ihn aber auch stumm zu machen! Das letztemal hat
er uns kein Wort mehr von ihr gesagt!«
»Er wird fürchten, schon zuviel gesagt zu haben!«
»Wir sind damit nicht unzufrieden! Aber -- er ist ein Geck! Wir wollen
ihn heute beim Lever ein wenig vornehmen! Mit wem gedenkt sie ihn heute
zu betrügen?«
»Für heute hat sich Mylord Arundel bei ihr zum Souper angesagt!«
»Der tolle Engländer?! Wir haben von ihm gehört! Er scheint sich
vorgenommen zu haben, auf dem Felde der Galanterie Frankreich zu
erobern! Das geht nicht, Bachelier! Wir gönnen zwar unserem Vetter von
Carignan seine Hörner! Er ist aber nicht nur unser Vetter -- er ist
auch General unserer Armee! -- Und die Ehre unserer Armee erlaubt keine
englischen Victoiren! -- Wir müssen da Sukkurs geben, Bachelier!«
»Wenn Majestät nur zu befehlen geruhen, daß sie heute in Fontainebleau
tanzt -- dann wird sie heute nicht in Paris soupieren können.«
»Nein, nein! -- Wir wollen nicht in Versuchung kommen! -- Wir neigen zu
sehr dazu, aus einem gelegentlichen Amüsement Folgerungen zu ziehen,
die uns nachher lästig werden! Wir sind zu sehr Gewohnheitsmensch! --
Wir haben schon zuviel an unseren Fesseln zu tragen! Wir wollen von
jener Dame nichts mehr hören! Kein Wort, Bachelier! Kein Wort!«
Und er warf sich in die Kissen zurück und erwartete mit Ungeduld von
seinem Getreuen den striktesten Ungehorsam. Aber Bachelier blieb stumm.
»Sag mal, Bachelier«, fing der König von neuem wieder an, »ist sie
wirklich so hübsch?«
»Wie ich schon zu berichten die Ehre hatte, liegt ganz Paris ihr zu
Füßen!«
»Dann wird sie sicher ein Scheusal sein! Nicht wahr, Bachelier -- sie
ist abscheulich?«
»Zu Befehl, Sire, abscheulich wie Venus selbst!«
Der König schwieg einen Augenblick. Dann fragte er -- anscheinend ganz
gleichgültig:
»Welches Ballett steht heute abend auf dem Programm?«
»Der Herzog von Richelieu glaubte, da Ihre Majestät die Königin in
Versailles geblieben ist, heute von den feierlichen Sachen absehen zu
müssen!«
»Also, was wird denn getanzt?«
»Das Urteil des Paris --«
»Wer stellt die Venus dar?«
»Madame Sallé!«
»Das kann man mir unmöglich zumuten!«
»Eigentlich gibt es nur eine, die die Göttin der Liebe mit voller
Illusion verkörpern kann, und das ist, nach Ansicht aller Kenner -- --«
»Die Dame Barberini! -- Ich weiß! -- Man liegt mir seit Wochen in den
Ohren damit! Als hätte ich gar nichts dabei zu bestimmen! Ja, sag
einmal, Bachelier, wer gibt denn hier an unserem Hofe eigentlich den
Ton an?«
»Wer würde sich wohl erdreisten, da den allerhöchsten Entschließungen
vorzugreifen?!«
»Das möchte ich auch wissen! Man scheint da aber revoltieren zu wollen!
-- Man trifft Entscheidungen ohne uns! -- Das geht nicht! Jene -- --
Dame soll heute tanzen! -- Aber nur, weil man, ohne uns zu fragen, eine
andere dazu designiert hat! Wir wollen zeigen, wer hier regiert! --
Sie soll also die Venus darstellen! Und _=wir=_ -- wollen sie schlecht
finden! Wir wollen uns nicht weiter von dem Gerede irritieren lassen!
Du sollst gleich einen Kurier nach Paris senden! Aber unser guter
Vetter Carignan darf es nicht wissen! Es soll eine Surprise für ihn
sein! Du veranlaßt also alles!«
»Zu Befehl!«
»Und jetzt laß mich in Ruhe!« Bachelier ging.
»Bachelier!« rief der König ihm nach, ehe er noch an die Tür gelangt
war.
»Majestät befehlen?«
»Wir hatten dir den Auftrag gegeben, für alle Fälle auch jene Tänzerin
-- anzusehen! Wir wollen immer sicher gehen! Hast du den Auftrag
erfüllt?«
»Zu Befehl, ja!«
»Du hast also Gelegenheit gehabt?«
»Ja. Ich gab der Mutter ein angemessenes Geschenk und bekam dann
Gelegenheit, sie aus einem Versteck beim Baden zu beobachten!«
»Nun?«
»Wie eine griechische Statue! -- In jeder Beziehung vollendet! -- Meine
Augen haben noch nie etwas Schöneres gesehen!«
»Wir wollen dich heute eines Besseren belehren! Du kannst gehen!«
Bachelier ging, war aber jetzt nicht einmal halbwegs bis zur Tür
gelangt, als der König -- jetzt aber sehr aufgeregt -- rief:
»Sage einmal, Bachelier -- hast du sie dir auch _=ganz genau=_
angesehen?«
Bachelier zitterte und antwortete nicht. Der König blickte ihn scharf
an.
»Hatte sie auch gar keine Leberflecken?«
Bachelier wurde immer blasser. Er kannte die Angst Ludwigs vor den
Blattern und wußte, daß er immer an jene Krankheit denken mußte, wenn
ihm derartige Schönheitsflecken zu Gesicht kamen. Sein Abscheu davor
war unüberwindlich.
Ludwig konnte nicht umhin, die Verlegenheit seines Getreuen zu bemerken.
»Du wirst auf einmal so still? -- Du zitterst?! -- Also, _=hat=_ sie
welche?«
»Ich gesteh's«, stotterte Bachelier -- »ich habe sie im Verdacht! --
Ich glaube etwas bemerkt zu haben! -- _=Bestimmt=_ kann ich's aber
nicht behaupten! Aber etwas ganz Kleines -- fast Unscheinbares -- unter
dem linken Busen war's!«
»Gnad' dir Gott!«
»Von meinem Versteck aus war's nicht genau zu kontrollieren! Ich habe
aber die Signora, ihre Mutter, nachher examiniert! Und sie hat mir auf
Ehre versichert, daß die Schönheit der Tochter makellos sei! -- Bei der
Jungfrau hat sie's beschworen!«
»Da hat sie sicher einen!« rief Ludwig entsetzt. »Und so etwas
empfiehlst du mir! Du wagst sogar, mir von ihr vorzuschwärmen! Ich
dachte, ich hätte in dir einen treuen Diener, Bachelier -- ich sehe
aber, ich habe mich geirrt! Du hast mein Vertrauen mißbraucht -- du
kannst nicht mehr in meiner Nähe sein! Betrügst du mich in einer Sache,
dann wirst du mich auch in anderen Dingen hintergehen!«
»Eure Majestät wollen doch gnädigst in Anbetracht meiner langjährigen
treuen Dienste geruhen, Gnade walten zu lassen. Eure Majestät wollen
doch höchstselbst sich heute abend überzeugen, daß jene Mißgestaltung
bei ihr kaum noch als solche zu betrachten ist!«
»Wir wollen dein Schicksal vom Ausfall unserer Besichtigung abhängig
machen! -- Sie soll heute tanzen -- du fertigst sofort den Kurier ab!
-- Wenn ich aber degoutiert werde, Bachelier, dann brauchst du morgen
nicht mehr Dienst zu tun! Du kannst gehen!«
Bachelier ging.
Kurz darauf schlug die Stunde, wo die Sonne Frankreichs aus den Wolken
zu steigen geruhte. Ludwig erhob sich aus den Pfühlen. Das Lever
begann. Das kleine Entree der höchsten Würdenträger fand statt -- das
große Entree der Fernerstehenden folgt -- das Hemd Frankreichs wurde
gewechselt, und heute hatte der Prinz von Carignan den Vorzug, es, von
allen beneidet, zu überreichen.
Der König war sehr aufgeräumt.
»Wir sind allerdings keine Tänzerin, mein lieber Vetter«, lachte er.
»Aber wir wollen doch Ihre Dienste in betreff des Hemdes annehmen,
damit Ihr nicht aus der Übung kommt! Wie wir hören, seid Ihr bei Eurer
neuesten Eroberung, bei jener vielgerühmten italienischen Tänzerin,
noch nicht so weit gekommen!«
Der Hof lachte. Carignan verbiß sich den Ärger.
»Macht deswegen kein betrübtes Gesicht, lieber Vetter«, fuhr der König
gnädig fort. »Unsere königliche Fürsorge ist schon darauf bedacht
gewesen, für Abhilfe zu sorgen! -- Wir haben also angeordnet, daß die
Dame Barberini im heutigen Ballett die Rolle der Venus zu übernehmen
hat! -- Wir haben von ihrer Sprödigkeit Euch gegenüber gehört! -- Wir
wollen sie denn unserem ganzen Hofe entschleiern -- als gerechte Strafe
für sie! -- So bekommt Ihr sie auch einmal zu sehen!«
Der Hof war entzückt. -- Carignan machte gute Miene zum bösen Spiel. --
-- Der Tag verging. Der Abend kam und mit dem Abend das Ballett.
Der ganze Hof war versammelt. Die Damen im Glanz ihrer Schönheit und
ihrer Toiletten, vor allem die Damen des intimen Kreises: die Gräfin
von Toulouse, Madame du Charolais, die Gräfin du Mailly und ihre beiden
Schwestern. -- Eine gewisse Unruhe hatte sich ihrer bemächtigt. Sie
hatten alle von der neuen Schönheit gehört und der Neugier des Königs,
sie zu sehen, geschickt entgegenzuarbeiten gewußt. Ihr Schicksal
konnte davon abhängig sein, ob sie dem König gefiele oder nicht. Denn
seine Entschließungen waren unberechenbar. Und sein Befehl, heute die
gefürchtete Schöne vorzustellen, war so plötzlich gekommen, daß dagegen
nichts hatte unternommen werden können!
Die Spannung stieg, je weiter der Abend fortschritt.
Ludwig lag, behaglich ausgestreckt, in seinem Fauteuil, in der ersten
Reihe -- er schien sehr aufgeräumt zu sein, plauderte angeregt mit
seiner Nachbarin, der Gräfin von Toulouse, und blickte gelegentlich
auch die Auftretenden an.
Endlich kam der große Moment, wo die Göttin der Liebe Paris naht.
Barberina betrat die Bühne. Ein Ausruf der Bewunderung unter den
Zuschauern! Dann wurde alles still. Auch der König schwieg und blickte,
wie alle anderen, gespannt die schöne Erscheinung an.
Nur eine blickte nicht hin. Es war die Gräfin du Mailly. Sie hatte nur
Augen für den König.
Der große Moment der Entschleierung kam, die letzte Hülle fiel.
Venus zeigte sich den entzückten Blicken des trojanischen Hirten in
vollendeter Grazie, mit den lässig erhobenen Armen den letzten Schleier
lüftend -- --
Der König sah sie mit Kennermiene an, nickte wiederholt, nahm
schließlich die Lorgnette und hielt sie an die Augen.
Plötzlich ließ er sie fallen. -- Ein kurzer Ausruf, den niemand
verstand, entfloh seinen Lippen. -- Er erhob sich halb aus dem Sessel,
sichtbar aufgeregt, und fiel dann zurück.
Seine Aufregung fiel allgemein auf. Man fing an zu flüstern -- man zog
sich von der Gräfin du Mailly zurück. Sie saß da, bleich, zerknirscht
und von ihrer vermeintlichen Niederlage überzeugt.
Noch einmal hob die Barberina den Schleier -- noch einmal hielt Ludwig
die Lorgnette an die Augen -- kein Zweifel, dort, unter dem linken
Busen, war er zu sehen -- deutlich zu sehen, jener winzige Fleck, vor
dem er eine solche Aversion hatte! Kein Zweifel!
Er ließ die Lorgnette wieder fallen und saß da, stumm das Ende der
Vorstellung abwartend. Dann stand er auf, ohne sich um die Damen zu
kümmern, rief seinen -=Maître des plaisirs=-, den Herzog von Richelieu,
und zog sich, von ihm allein begleitet, in seine Gemächer zurück. Im
Saale war alles in heller Aufregung. Auf der Bühne ebenso, wo Carignan
Barberina strahlend zu ihrem Sieg beglückwünschte.
»Noch niemals, solange ich mich erinnern kann, zeigte Majestät eine
solche Teilnahme! -- Sie haben einen Erfolg gehabt, wie nur Sie ihn
haben konnten! Sie werden noch heute mit dem König soupieren -- er zog
sich mit Richelieu zurück! Dieser wird sicherlich alles veranlassen.
Vergessen Sie aber in Ihrem Glück Ihren getreuen Diener nicht! --
Vergessen Sie nicht, wer Ihnen den Weg ebnete!«
Er wurde von einem Kammerdiener des Königs unterbrochen, der zu
Barberina herantrat und ihr ein Etui überreichte. Und dieser
Kammerdiener war nicht Bachelier, sondern der Onkel der Madame
d'Etioles, der bisherige zweite Kammerdiener, Binet.
»Von Seiner Majestät dem König«, sagte Binet herablassend, als sei
er selbst die Majestät, und öffnete das Etui, das einen kostbaren
Schmuck von Brillanten und Saphiren enthielt. -- »Seine Majestät lassen
allerhöchst Dero Zufriedenheit mit Mademoiselle aussprechen sowie Dero
Absicht, Mademoiselle demnächst in Versailles im Beisein Ihrer Majestät
der Königin -- in _=einer anderen=_ Rolle tanzen zu sehen!«
Sprach's, verbeugte sich kalt und ging.
Das war der ausgesprochenste Mißerfolg! -- Keine persönliche
Vorstellung -- kein Souper! -- Ein kostbarer Schmuck allerdings -- aber
die allerhöchste Befriedigung durch den Mund eines Lakaien -- --!
Barberina erblaßte, biß sich auf die Lippen, verlor aber die Contenance
nicht.
»Ich bitte mir aus, Monseigneur«, sagte sie dann gelassen zu Carignan,
der wie ein begossener Pudel dastand, »ich bitte mir aus, mir in
Versailles einen anderen Partner geben zu wollen, der mir nicht die
Szene verdirbt! -- Mit Signore Fossano tanze ich nicht mehr! Er quält
mich, er irritiert mich! Und wie hat er als Tänzer dekliniert!«
»Allerdings, mein lieber Fossano«, sagte Carignan, froh, seinen Ärger
an jemand auslassen zu können, »ich kann nicht umhin, Ihnen zu sagen,
daß Sie mir in diesem Jahre Enttäuschung über Enttäuschung bereiten!
Sie sind lange nicht mehr der geistvolle Tänzer, als den ich Sie bisher
kannte und bewunderte! Ihr Engagement war ein Fehler! Nun -- er hat
uns unsere liebe Freundin hier gebracht -- das wollen wir Ihnen zugute
halten. Aber bei Hofe haben Sie ausgetanzt!«
Womit er die Bühne verließ und sich zum König begab, der ihm jedoch
sagen ließ, daß er seiner Dienste heute nicht mehr bedürfe.
Der König konferierte mit dem Herzog von Richelieu.
Hochwichtige Entscheidungen von weitestgehender politischer
Tragweite wurden getroffen. -- Bachelier, der allmächtige Hüter der
Schlafzimmergeheimnisse Seiner Majestät, war in Ungnade gefallen, und
Richelieu hatte geschickt die Gelegenheit benutzt, seinen Protegé,
Binet, in Erinnerung zu bringen. Und so wurde die Brücke geschlagen,
über die die schöne Madame d'Etioles, geborene Poisson, spätere
Marquise de Pompadour, ihren Einzug ins Allerheiligste halten sollte,
um da unumschränkt zu gebieten!
Das Schicksal Frankreichs war entschieden!
Wer weiß aber, wie es sich gestaltet hätte, wenn die schöne Barberina
nicht jenen fast unmerklichen Leberflecken unter dem linken Busen
gehabt hätte und Bachelier nicht so ehrlich gewesen wäre, dessen
unseliges Vorhandensein dem Könige zu verraten?!
10
Seine Hoheit verbrachte eine schlaflose Nacht.
Das Fehlschlagen seines Planes mit Barberina war für ihn eine
Katastrophe, die seine schönsten Hoffnungen vernichtete. Statt, wie er
gehofft hatte, die Geschicke des Welttheaters zu lenken, war er mit
einem Schlage in seine frühere Einflußlosigkeit zurückgeworfen und
mußte sich auf die kleine Welt der königlichen Theater beschränken, wo
niemand ihn respektierte -- wo die kleinste Choristin ihn auslachen
konnte.
In aller Frühe ließ er Fossano rufen, der nach langem Warten endlich
erschien, müde, verschlafen und ebenso verärgert wie Hoheit selbst.
Er wurde mit den heftigsten Vorwürfen empfangen.
»Sie haben mich betrogen, Signore! Sie haben mich hintergangen! Sie
haben die Barberina als eine makellose Künstlerin bei mir eingeführt!
Sie haben ihre Gebrechen verheimlicht! -- Diese scheußliche
Verunstaltung, von der Sie wissen mußten, haben Sie verschwiegen!
Sie haben mich blamiert, den ganzen Hof degoutiert -- den Zorn des
allerchristlichsten Königs gegen mich heraufbeschworen! Ist das der
Dank für meine Protektion? -- Schweigen Sie! -- Reden Sie nicht!
Machen Sie Ihre Verfehlung nicht durch Ausflüchte noch schlimmer! --
Von jenem Leberfleck haben Sie gewußt! -- Was sage ich, >Fleck<? Eine
Landkarte war's! -- Wer so etwas hat, zeigt sich nicht nackt -- oder
verdeckt sein Gebrechen mit Schminke! -- Man renommiert doch nicht mit
seiner Abstammung von Negern! Man kokettiert nicht mit einer Haut wie
Ebenholz! Man tritt nicht vor den Augen Seiner Majestät auf, um seinen
Schönheitssinn zu beleidigen und seine Geduld auf die Probe zu setzen!
-- Man erklärt sich unwürdig und bleibt dem Hofe fern! -- -- Und Sie
selbst -- wie haben Sie getanzt?! Miserabel -- ganz miserabel!«
»Ich war wahnsinnig vor Eifersucht!«
»-=Mon Dieu=-, fangen Sie nicht auch an, mit solchen altmodischen
Gefühlen zu prahlen! -- Wären Sie wenigstens der alte geblieben! Hätten
Sie's verstanden, alle Augen auf sich zu lenken wie früher! Da war
Ihr Auftreten immer eine Sensation! Seine Majestät waren charmiert,
haben mich stets komplimentiert! Und gestern kein Wort -- keine
Miene verzogen! Nicht einmal das übliche, befriedigte >Ah< bei Ihrem
Erscheinen! Ich weiß nicht, ob ich Sie noch auftreten lassen kann!«
»Hoheit müssen mich verstehen! Ich bin doch auch nur ein Mensch! Und
sie quält mich! Bei jedem Auftreten bringt sie mich außer mir durch ihr
verächtliches Benehmen! -- So auch gestern! Ich verlor ganz den Kopf!
Die kühle Ruhe, die zum überlegenen Tanzen nötig ist, war hin! Statt
mich ganz in die Lösung der künstlerischen Aufgabe zu versenken, dachte
ich nur an sie! -- Diese einzige Schönheit, die ich wie ein Juwel
gehütet hatte und die seit dem einen Male, wo sie sich mir unverhüllt
offenbarte, allen anderen Augen unzugänglich war, sollte jetzt den
lüsternen Blicken dieser Roués der Hofgesellschaft preisgegeben und als
Dekoration eines höfischen Festes zur Schau gestellt werden! Das machte
mich verrückt! Ich tanzte schlecht! Insofern verdiene ich die Vorwürfe
Eurer Hoheit!«
»Sehen Sie!«
»Dann kam aber statt des Triumphs der eklatante Mißerfolg Barberinas!
Das hat mich wieder aufgerichtet! Jetzt bin ich wieder Herr meiner
selbst! Jetzt bin ich wieder der alte! Wenn Hoheit jetzt befehlen, lege
ich mir wieder Paris zu Füßen!«
»Umsonst, mein Lieber! Sie werden nie wieder bei Hofe tanzen! Sie haben
mich betrogen! Sie haben mich schwer getäuscht! Wenn _=Sie=_ jene Dame
so intim kannten, hätten Sie mich auf jenes Gebrechen aufmerksam machen
müssen!«
»Wenn jenes Gebrechen wirklich existierte, hätte ich es getan!«
»Sie wagen zu leugnen, was alle Welt gesehen hat?!«
»Hoheit müssen es doch selbst am besten wissen! Hoheit haben ja die
Gnade gehabt, ihr ein Hotel einzurichten! Hoheit gelten doch vor aller
Welt als ihr bevorzugter Beschützer!«
»-=Mon Dieu!=-! -- Das ist eine Sache für sich! Die Intimität aber
auch! Und -- Sie wissen -- ich war durch mein Amt am Hofe die letzte
Zeit sehr in Anspruch genommen! Dienstlich verhindert sozusagen!«
»Dann wäre es wohl angebracht, wenn Hoheit sich jetzt herbeiließen,
sich Höchstselbst vom Vorhandensein jenes ominösen Leberfleckens zu
überzeugen -- --?«
»Wozu? -- Er _=ist=_ vorhanden, nachdem unser allerchristlichster König
geruht haben, es Allerhöchstselbst zu konstatieren!«
»Sollte es nicht möglich sein, daß jener Fleck auf einen Fehler im
Glase der Allerhöchsten Lorgnette zurückzuführen wäre?«
»Sie geben mir eine Idee!«
»Nicht wahr -- Hoheit haben selbst nichts gesehen?«
»Ich? Nein! Allerdings nicht!«
»Wollen denn Hoheit sich nicht nochmals durch Augenschein überzeugen?«
»Aber mit Vergnügen! -- Nur möchte ich wissen wie?«
»Hoheit werden wohl als bevorzugter Beschützer jederzeit freien und
unbehinderten Zutritt zu ihrem Räumen haben?«
»Das schon! Selbstverständlich habe ich das! Aber haben -- -- und
Gebrauch davon machen! -- Mein Lieber, man überrascht eine Dame doch
nicht so --!«
»Wenn man sie liebt -- --«
»-=Mon Dieu!=- -- Kommen Sie mir wieder mit jenem -- Gefühl? Man hat
eine Laune -- heute diese, morgen jene -- aber _=lieben=_, sich
fesseln lassen -- sich in jener vorsintflutlichen Weise echauffieren!
-- Was denken Sie von mir?«
»Auf alle Fälle gilt es, hier einen Irrtum aufzuklären -- und zwar
einen, dessen Folgen sonst verhängnisvoll sein könnten! -- Da nimmt man
keine Rücksicht!«
»Sie haben recht! Wir wollen uns gewissermaßen als Gerichtskommission
konstituieren! Denn Sie müssen dabei sein. Wir wollen uns zu ihr
begeben!«
Carignan klingelte. Der Kammerdiener erschien.
»Den goldenen Schlüssel!«
»Welchen befehlen Hoheit?«
»Den letzten!«
»Also Rue Viviennes?«
»Rue Viviennes, Schafskopf! Und dann sofort ein Kupee ohne Livree!«
»Das Kupee steht, wie immer, bereit!« antwortete der Kammerdiener und
verschwand, um gleich danach mit einem purpurnen Kissen zurückzukehren,
auf dem ein goldener Schlüssel ruhte.
Der Herzog nahm ihn, winkte Fossano und ging. So schnell wie möglich
ließ er sich nach dem kleinen Hotel in der Rue Viviennes fahren, wo
Barberina residierte, fuhr aber nicht an der Treppe vor, sondern ließ
an dem kleinen Gartentor an der hinteren Seite des Parks halten, das
stets verschlossen war.
Er öffnete es mit dem goldenen Schlüssel, desgleichen die Tür einer
geheimen Treppe, deren Vorhandensein Barberina unbekannt war, und
die direkt zu ihrem Schlafzimmer führte -- stieg hinauf, von Fossano
gefolgt, und blieb lauschend an einer Tür stehen.
»Kein Laut!« flüsterte er nach langem Horchen. »Sie wird noch schlafen!«
»Sicher!« sagte Fossano. »Wenn sie keine Probe hat, schläft sie bis in
den Nachmittag!«
»Gehen wir hinein!« flüsterte der Prinz, schob vorsichtig den
sämtlichen Schlössern angepaßten Schlüssel ins Loch und drehte ihn um.
Sie standen im Allerheiligsten. Ein betäubender Duft von starkem Parfüm
schlug ihnen entgegen. Anfangs konnten sie, vom Sonnenschein draußen
geblendet, nichts sehen. Aber allmählich gewöhnten sich ihre Augen an
das Halbdunkel. -- Das Himmelbett mit seinen zugezogenen Vorhängen aus
rosaseidenem Brokat -- die nachlässig auf alle Möbel hingeworfenen
Kleidungsstücke -- die goldgestickten kleinen Pantoffeln am Bett -- die
Schmucksachen auf der von Kristallflakons funkelnden Toilette traten so
allmählich nebelhaft in Erscheinung.
Auf den Fußspitzen schlichen sie an das Bett heran und lauschten den
ruhigen Atemzügen der hinter den Vorhängen Schlafenden.
»Sie wacht nicht auf!« flüsterte Fossano beruhigend. »Hoheit können
ruhig näher treten! Wenn sie so schläft, könnte höchstens ein
Pistolenschuß sie wecken!«
»Schweigen Sie! Machen Sie hell!« kommandierte der Prinz. Und Fossano
tastete sich an das Fenster heran, zog die dichten Vorhänge zur Seite
und ließ die Sonne herein, kam dann auf den Wink des Prinzen wieder ans
Bett heran und hob den Bettvorhang vorsichtig auf.
Hoheit trippelte auf leichten Füßen näher, hielt das Lorgnon an die
Augen, beugte sich vor, faßte mit eleganter Handbewegung den Zipfel
der Bettdecke, hob sie hoch -- ließ sie aber mit einem Ausruf der
zornigsten Überraschung fallen und wankte zurück.
»Was gibt's?« fragte Fossano.
»-=Mon Dieu!=- -- Aber so sehen Sie doch! Sehen Sie selbst!«
Fossano schlich näher. Ein Blick genügte. Auf dem Kissen neben
Barberina ruhte -- der jugendliche Kopf des Herzogs von Durfort!
»Diese Infamie!« rief der Prinz mit halberstickter Stimme. »Diese
unerhörte Treulosigkeit! Was mache ich nun mit dieser liederlichen
Kreatur?«
»Hoheit sind hier der Herr und Gebieter!«
»Und Sie meinen, ich sollte hier den eifersüchtigen Betrogenen
spielen?! Lächerlich!«
»Wenn's gilt, der Lächerlichkeit zu entgehen -- ja!« sagte Fossano und
verbeugte sich. »Hoheit werden aber gestatten, daß _=ich=_ mich vorher
entferne!«
»Sie lassen mich im Stich?!«
»Dergleichen wird gewöhnlich nur unter den direkt Beteiligten
ausgemacht! Hoheit wollen doch keine Blamage!« versetzte Fossano,
schadenfroh lächelnd, schlüpfte durch die Tür nach der Wohnung hinaus
und überließ den Prinzen seinem Schicksal.
Die arme Hoheit stand da, blickte unsicher bald nach dem Bett, aus dem
ihm das unbefangenste Schnarchduett entgegentönte -- bald nach der Tür,
durch die er gekommen war -- konnte sich aber nicht entschließen.
Wäre er allein gekommen -- sicherlich wäre er seines Weges gegangen --
er hätte ihr den Laufpaß gegeben, und die Sache wäre ohne Aufregung
abgelaufen!
Aber jetzt hatte er einen Zeugen gehabt! -- Jetzt ging's nicht ohne
weiteres! Seine Reputation verlangte eine Aktion -- oder man würde über
ihn lachen! -- Entsetzlich! Ihn, den Prinzen von Carignan, sollte man
wegen einer hergelaufenen Tänzerin lächerlich machen können!
Er machte entschlossen einen Schritt auf das Bett zu. Die Knie
wankten ihm, er sank auf ein Taburett nieder und wischte sich mit dem
Spitzentaschentuch den Angstschweiß aus dem Gesicht, der schon durch
die dick aufgetragene Schminke hindurchsickerte.
»Mein Gott, was mache ich nur?« flüsterte er. Aber sein gequälter
Seufzer fand bei dem ruhigen, zufriedenen Schnarchen der Schlafenden
nur eine alles andere denn beruhigende Antwort!
11
Draußen in ihrem kleinen Kabinett hatte Mama Campanini soeben ihre
Andacht beendigt, sie putzte die Flamme der ewigen Lampe, bekreuzigte
sich vor dem Muttergottesbilde, setzte sich an ihren Sekretär, schlug
ein kleines, rot gebundenes Büchlein auf und vertiefte sich in die
langen Kolonnen von Zahlen, die da untereinandergereiht waren.
Das Geschäft blühte. Die goldene Jugend von Paris wetteiferte um den
Vorzug, ihre Schätze Barberina zu Füßen zu legen. Und Mama nahm den
Tribut gnädigst in Empfang, buchte ihn gewissenhaft, um ihn später
nutzbringend anzulegen, vertröstete die jungen Leute je nach Rang und
Vermögen mit Hoffnungen oder Versprechungen und ließ keinen ohne die
bestimmte Zusage ihrer Fürsprache gehen.
So nahm sie die Sünden ihrer Tochter auf sich. Kein einziger von den
jungen, galanten Herren durfte der schönen Babara nahen, ohne vorher
von der Mama ins Gebet genommen zu werden. Sie war das Fegefeuer,
Babara das Paradies. Im Fegefeuer wurden sie geläutert. Dort ließen sie
den irdischen Tand. Im Paradiese genossen sie überirdische Wonnen.
Die Mama prüfte sie auf ihre Vermögensverhältnisse und ihre
Opferwilligkeit und erledigte alles Geschäftliche.
Babara erledigte gelegentlich den Rest -- frei von aller Schuld. Sie
war eben nichts als die gehorsame Tochter.
Auch das Geschäftliche gegenüber dem Himmel erledigte die Mama. Täglich
ging sie zur Beichte und ließ sich die Sünden des vorhergegangenen
Tages vergeben. Empfing dann die Tochter abends in neugewonnener
Unschuld in ihrem Gemach, so saß die gute Alte im Vorzimmer, lächelte
beglückt beim fernen Klang der Gläser und betete ihren Rosenkranz. Sie
schlief dann den Schlaf der Gerechten und träumte von ihren Schätzen,
die sich, dank der gehorsamen Tochter, wacker vermehrten.
Auch sie war enttäuscht über den bloß halben Sieg Babaras am Hofe. Aber
Könige sind nicht im Sturm zu nehmen! Alles muß seine Zeit haben! Und
inzwischen gab's ja zu tun!
Fossano war für sie erledigt. Sie sah ihn nur im Theater, wo sie nicht
mehr mit ihm sprach.
Daß er sich rächen würde, wußte sie. Sie sah es aus den haßerfüllten
Blicken, mit denen er ihre Tochter verfolgte, und wußte, daß er ihr
auflauerte und nach einer Gelegenheit spähte, sie in ganz eklatanter
Weise bloßzustellen.
Sie ließ sich aber nicht stören. Sie lebte in den Tag hinein und
besorgte ihre Geschäfte pünktlich und gewissenhaft.
An diesem schönen Morgen war sie aber nicht ganz zufrieden, als sie
ihr Büchlein mit den vielsagenden Zahlenreihen zuklappte. -- Sie hatte
gestern eine stattliche Summe im voraus buchen können, mußte sie leider
aber heute mit einem Fragezeichen versehen.
Mylord Arundel, der gestern sich und jene Summe zum Souper angesagt
hatte, war schmählich enttäuscht wieder abgezogen. Der Befehl, bei Hofe
zu tanzen, war so schnell und unerwartet gekommen, daß sie ihm nicht
einmal hatte abschreiben können.
Sie hatte ihn auf ihren Knien um Entschuldigung bitten müssen und ihm
mit Mühe und Not ein halbes Versprechen abgerungen, heute zum Lever
Babaras zu erscheinen.
Kommt er? -- Kommt er nicht? -- Die Frage hatte ihr ihre Nachtruhe
verdorben! Und jetzt ging sie schon seit Stunden in der Wohnung umher
und wartete auf Babara, die sie nicht zu wecken wagte -- die aber
schlief, als stünde für sie gar nichts auf dem Spiel!
Immer wieder ging sie an die Tür des Schlafzimmers und lauschte. --
Denn käme er, dann müßte Babara auch visibel sein! -- Sonst wäre alles
verloren und Seine Herrlichkeit würde den Strom seiner Schätze in ein
anderes Bett leiten!
Sie gönnte dem guten Kinde ja die Ruhe! -- Es mochte wohl müde sein
nach der Vorstellung und der langen nächtlichen Fahrt! Kein Mensch
konnte aber voraussehen, wie lange die Jugend und die Schönheit währen
würden! -- Für die Ruhe des Alters mußte gesorgt werden!
Nach langem Zögern entschloß die Mama sich endlich, an die Tür zu
klopfen. Aber ehe sie noch ihre Absicht vollführt hatte, wurde sie
durch einen entsetzten Schrei aufgeschreckt!
Es war drinnen im Schlafzimmer!
Noch einmal schrie es! Kein Zweifel, es war ihre Tochter! Dann wurden
auch andere Stimmen laut -- zornige Männerstimmen, die gegeneinander
wetterten!
Sie eilte hinzu -- sie rüttelte heftig an der verschlossenen Tür! -- --
Da gerade mußte man ihr den Besuch Arundels melden!
Sie durfte ihn nicht abweisen, sie mußte ihn sogar gleich empfangen! --
-- Und drinnen bei ihrer Tochter ging etwas vor! Sie wußte nicht was,
begriff aber, daß es Seiner Herrlichkeit verheimlicht werden müßte! --
-- Sie tat ihr Bestes!
Sie nötigte Mylord zum Sitzen, schwatzte drauflos von allem möglichen
-- vom gestrigen Hoffest -- vom Erfolg Barberinas -- von der Gnade des
Königs -- fragte den Lord nach dem letzten Rennen -- nach den Jagden
auf seinen englischen Gütern -- überhörte seine Antworten, unterbrach
ihn mitten in der Rede, um nach dem Wetten zu fragen und nach der
Möglichkeit, im Spiel Glück zu haben -- sie ließ ihn nicht zu Worte
kommen und hütete sich wohl, sich nach seinen Empfindungen für Babara
zu erkundigen.
Mylord ließ mit echt englischem Phlegma alles über sich ergehen; er
glaubte zunächst, eine Irrsinnige vor sich zu haben, entschied sich
dann für die Annahme, Mama Campanini hätte sich die schönen Weine, die
gestern nicht getrunken waren, zu Kopfe steigen lassen, wurde endlich
zornig, herrschte sie an, sie solle mit dem Geschwätz aufhören, und
stand auf, um sich selbst bei ihrer Tochter anzumelden, da sie seine
wiederholte Frage nach ihr nur noch stotternd beantwortete.
Da sprang die Tür des Schlafzimmers auf, und der Prinz von Carignan
erschien auf der Schwelle. Aber in welcher Verfassung! -- Keuchend vor
Zorn, die Augen blutunterlaufen, den Hut schief auf der derangierten
Frisur, die eine Spitzenmanschette zerrissen -- mit der Hand krampfhaft
den Stock umklammernd und sich darauf stützend, um das Zittern des
ganzen erlauchten Körpers besser zu prononcieren!
Als er Arundel sah, erkämpfte er mühsam, aber mit vollendeter Eleganz,
die Fassung und grüßte genau so reserviert, wie es die Situation
erforderte.
»Ich bin entzückt, Eurer Lordschaft hier zu begegnen!« lispelte er.
»Ich bin auch charmiert!« antwortete Seine Herrlichkeit ebenso steif
und nicht minder höflich.
»Ich räume Eurer Herrlichkeit mit Vergnügen das Feld«, setzte Carignan
fort, »und wünsche, Sie mögen es einmal ebenso befriedigt verlassen wie
jetzt ich!«
»Hoheit sind sehr gütig!« gab der Lord zurück.
»Deine saubere Tochter aber werde ich ins Dirnenhospital schicken!
Und dich auch, alte Kupplerin!« schrie der Prinz der alten Campanini
zu, drohte ihr mit dem Stock und ging, ohne sich weiter um Seine
Herrlichkeit zu kümmern.
Arundel blieb stehen und sah die Mama verächtlich an.
Diese alte Frau hatte sich erlaubt, ihn zum besten zu halten -- hatte
ihn herbestellt, um ein Renkontre zu provozieren -- um ihn mit
Carignan zu brüskieren und ihn durch den publiken Skandal zu zwingen,
offiziell das Protektorat des Hauses zu übernehmen! -- Das war zu plump!
»-=Damn!=-« sagte er, »Sie haben den Prinzen von meinem Besuch
unterrichtet! -- Schweigen Sie -- Sie führen mich nicht hinters Licht!
Sie werden auch keine Freude an Ihrer Intrige haben! Ich gehe jetzt!
Und ich weiß nicht, ob ich Ihr Haus noch besuchen werde!«
Da erschien Babara in der Tür -- auch sie verwirrt und aufs äußerste
aufgeregt, aber in ihrem Negligé so berückend schön, daß der Zorn
Seiner Herrlichkeit sofort verrauchte.
Sie floh zwar in holder Verschämtheit, als sie Arundel sah. Aber ihre
Decontenance hatte so viel Charme, daß Seine Lordschaft sofort den Kopf
verlor! -- Und jetzt wußte nicht nur er, sondern auch die Mama, daß er
wiederkommen würde!
»Ich will Gnade vor Recht ergehen lassen, Signora«, sagte er und gab
ihr die Hand, die sie sofort devot küßte. »Aber Sie werden mich nie
wieder in eine derartige Situation bringen! Mademoiselle, Ihre Tochter
wird etwas Zeit nötig haben, um die Folgen der Aufregung zu überwinden,
denke ich. Ich komme also heute abend wieder!«
»Eure Lordschaft machen mich überglücklich!«
»An Sie denke ich überhaupt nicht! Ich will gut bedient sein! Das
Beste, was in Paris Küche und Keller vermögen! Merken Sie sich's,
Signora! Meine Börse steht Ihnen zur Verfügung!«
Und ohne ihre Beteuerung zu beachten, er würde besser als der König
selbst bedient werden, ging er, kaum noch grüßend.
Als die Signora sich von ihrer tiefen Abschiedsreverence aufrichtete,
stand Fossano vor ihr.
Aus dem Nebenzimmer, in das er schnell geschlüpft war, hatte er
die ganze Szene verfolgt und trat jetzt ein, um ihre Niederlage zu
vervollständigen.
Sie schrie leicht auf, als sie ihn sah. -- Sie erkannte ihn kaum
wieder, so sehr hatte er sich verändert seit jenem denkwürdigen Abend
in der Oper.
Der verwöhnte, siegesbewußte Liebling der Frauen -- das Schoßkind
des Glücks war aus seiner ganzen Erscheinung vertilgt. Nur noch
ein Schatten von ehedem, stand er da, die Augen flackernd und vor
ungestillter Rachsucht unheimlich aufleuchtend. Aber die Unsicherheit,
die sonst aus den grämlich verzerrten Zügen sprach, war jetzt auf
einmal verschwunden. Sonst schleichend wie ein Jäger, der einem schwer
zu erlegenden Wild nachstellt -- jetzt schadenfroh lächelnd, im frohen
Vorgefühl, daß er dem gehetzten Wild den Fang wird geben können.
»Warum so ängstlich?« lachte er, als er ihre entsetzte Miene sah.
»Ich tue Euch nichts an, und Eurer Tochter auch nicht! Ich komme nur,
um Euch rein geschäftlich zu sprechen, und zwar in Eurem eigenen
Interesse!«
»Wir brauchen Eure Hilfe nicht!«
»Mehr als Ihr denkt!« sagte er, schadenfroh lächelnd. »Und obwohl Ihr's
nicht wünscht! Ihr seid wohl geschickt -- Ihr versteht wohl die gute
Gelegenheit auszunützen, die Ihr mir verdankt -- aber wie Ihr den Erlös
sichern -- wie Ihr den Gefahren entgehen sollt, die Euch bedrohen, das
wißt Ihr nicht! -- Ebensowenig, wie Ihr wißt -- wer jetzt drinnen bei
Eurer Tochter weilt!«
»Bei ihr ist niemand!«
»Allerdings -- in Eurem Sinne -- ein Niemand, ein Tunichtgut! Aber in
den Augen Babaras mehr wert als all die Schätze, die ihr die anderen
zu Füßen legen! Und ein Prinz -- ein vornehmer Herr, der Euch mit der
größten Eleganz helfen wird, Eure Ersparnisse durchzubringen! Ich
brauche nur den Namen Durfort zu nennen -- --«
»Er hätte die Keckheit gehabt, trotz meines Verbotes --?«
»Er hatte die Güte, Eure Tochter von Fontainebleau hierher zu begleiten
und ihr die lange Reise zu versüßen! Und, da hier alles schlief,
mußte er ihr ja notgedrungen auch beim Zubettgehen behilflich sein!
-- Echauffiert Euch nur nicht deswegen! -- Dergleichen kleine Launen
werden bei Babara nie ganz zu vermeiden sein. -- Das Herz muß dann und
wann auch sein Recht haben. Wenn sie sonst nur gehorsam bleibt, so ist
nichts verloren! -- Der Mann, der heute abend hier soupieren wird -- --«
»Ihr habt gelauscht!«
»Das hatte ich nicht nötig. Mylord sprach sehr laut. Und Ihr -- -- nun,
Ihr scheint mir auch das rechte Wort gefunden zu haben! Haltet Euch den
Engländer warm! Er wird Euch den Weg -- drüben, in England -- ebnen!
Dort erst wird Babara zu Gold und Ehren kommen! Dort muß sie hin --
hier hat sie verspielt! Bei Hofe wird sie nicht zu Geltung kommen. --
Nach ihrem gestrigen Mißerfolge sicher nicht!«
»Von einem Mißerfolg kann bei ihr gar keine Rede sein! _=Ihr=_ werdet
wieder schlecht getanzt haben! Ihr werdet wieder versucht haben, sie
aus der Stimmung zu bringen -- von Eurer Niedertracht wäre es schon zu
erwarten! Sie wird dann eben nochmals bei Hofe tanzen, aber ohne Euch!
Ihr tanzt nie wieder mit ihr, dafür sorge ich!«
»Und wenn sie auch nochmals dort tanzen wird -- die Augen des Königs
werden nie wieder auf ihr ruhen, nachdem er sie einmal gesehen und
unwürdig gefunden hat!«
»Das ist nicht wahr!«
»Ich war doch dabei! Ich habe ihre Niederlage mit eigenen Augen
gesehen! Sie ist hier deklassiert! -- Sie hat hier verspielt! Geht nur
nach England -- laßt sie durch Seine Lordschaft entführen! Aber raschen
Entschluß! Schnelles Handeln, ehe der Zorn des Prinzen von Carignan
verraucht! Folgt meinem Rat! -- Mich werdet Ihr auch drüben finden!
-- Nicht am Theater! -- Nein, ich habe etwas Besseres vor! Wenn mein
Engagement hier aus ist, lege ich drüben in London eine Spielbank auf;
Ihr könnt partizipieren, wenn Ihr wollt! Im Handumdrehen verdoppele ich
Euer Vermögen und Ihr könnt Euch's noch auf Eure alten Tage leisten,
Eurer Tochter zu gestatten, dem Lord Arundel die Treue zu bewahren!«
Hohnlachend ging er seines Weges und ließ die erbitterte Signora sitzen.
Eben wollte sie gehen, um ihrer ungehorsamen Tochter den Text zu
lesen, da erlebte sie die letzte und schwerste Überraschung dieses
verhängnisvollen Morgens.
Der Vertraute des Prinzen von Carignan in allen galanten Dingen, ein
gewisser Herr de Thunet, der von Seiner Hoheit Gnade existierte und auf
dessen Namen die Hotels der prinzlichen Mätressen stets gemietet waren,
trat unangemeldet herein, ein Register in der Hand und von mehreren
Helfershelfern begleitet. Ohne die Signora eines Blickes zu würdigen,
klappte er sein Register auf, klemmte eine Hornbrille auf die Nase und
fing an, die kostbaren Meubles zu bezeichnen, mit denen er im Auftrag
Seiner Hoheit das Hotel ausgestattet hatte. Für jedes Stück machte er
eine Aufzeichnung im Register, gab den Gehilfen einen Wink und, von
festen Fäusten gepackt, wanderte das betreffende Möbel durch die Tür
hinaus, trotz der entrüsteten Proteste der alten Dame.
»Seine Hoheit haben nur den Wunsch, den Platz zu räumen«, war alles,
was er zur Antwort gab. »Denn die Mietsquittung haben Sie doch in
Händen, und Sie bleiben doch hier?«
»Ich bleibe! Und die Möbel auch!«
»Seine Hoheit haben befohlen, für die Meubles Seiner Herrlichkeit
des Mylord Arundel Platz zu machen«, antwortete der Vollstrecker des
prinzlichen Zornes trocken und räumte in aller Gemütsruhe Zimmer nach
Zimmer aus, bis nur noch das Boudoir und das Schlafzimmer übrig waren.
Da pflanzte sich die Signora mit ausgebreiteten Armen vor der Tür auf.
»Nur über meine Leiche kommt Ihr da hinein! -- Keinen Stuhl, keinen
Schemel, auch nicht das geringste Stück der Einrichtung nehmt Ihr von
dort mit!«
»Seine Hoheit legen keinen Wert auf die Ausstattung des entweihten
inneren Heiligtums«, antwortete der alte Registrator des galanten
Inventars. »Alles, was geeignet wäre, peinliche Erinnerungen oder
bittere Empfindungen zu erwecken, bleibt hier und mag auch ferner der
Untreue dienen! Aber die kostbaren Spitzen aus Brabant, die alten
Juwelen und sonstigen Schmucksachen, wie sie hier verzeichnet sind« --
er klappte ein zweites, noch umfangreicheres Register auf --, »haben
Hoheit mir befohlen, wieder in Empfang zu nehmen!«
»Er fordert seine Geschenke zurück!«
»Hoheit erachten sich für unwürdig, den schönen Leib Eurer Tochter zu
schmücken, den sie fortan von anderen Anbetern verzieren lassen will!
Dürfte ich bitten, die Sachen herbeischaffen zu wollen und so meine
Aufgabe zu erleichtern?«
»Niemals!« schrie die alte Frau, entsetzt, eines so ansehnlichen Teiles
ihres Gewinns beraubt zu werden. Aber sie hatte die Empfindungen ihrer
Tochter außer Berechnung gelassen.
Babara, die sich allmählich von der Überraschung erholt hatte, war
durch ihre Kammerjungfer von der Ausräumung ihres Hauses benachrichtigt
worden und trat jetzt voller Zorn aus ihrem Boudoir heraus.
»Nichts -- gar nichts will ich von ihm haben«, rief sie, streifte
Armbänder und Ringe ab und warf sie dem Exekutor zu. »Da, nehmt nur!
Und da!« Sie zeigte auf die Schatullen und Kästen, die ihre Zofe
hinter ihr hertrug. -- »Schaut nur genau nach, daß nichts fehlt! --
Die Roben, schnell! -- Die Spitzen -- das brokatne Zeug -- schnell,
her damit! Fort aus meinen Augen mit allem, was an diesen alten Gecken
erinnert!«
Sie unterbrach ihre Rede und eilte ans Fenster, durch das sie
Peitschenknall und rollende Räder gehört hatte.
»Ich wüßte nicht, daß ich den Wagen befohlen hätte!« rief sie, schwieg
aber plötzlich, als sie das höhnende Lächeln des Abgesandten ihres
bisherigen Gebieters sah.
»Die Mühe haben Seine Hoheit Ihnen abzunehmen geruht!« sagte er
spöttisch. »Mademoiselle werden es unzweifelhaft vorziehen, eine andere
Equipage bei Dero Ausfahrten zu benutzen? Die Stallungen des Hotels
sind klein. Das Palais Soissons bietet mehr Platz! Seine Herrlichkeit,
Mylord Arundel, bevorzugen ja das Vollblut, und die Schimmel meines
Gebieters würden schwerlich Gnade vor seinen Augen gefunden haben!
-- Auch den Goldfüchsen Seiner Herrlichkeit wünschen Hoheit Platz zu
schaffen. Und so beehre ich mich, seine Entschließung mitzuteilen, daß
er auf die Auszahlung der Mademoiselle zugesicherten Rente von tausend
Louis von heute ab verzichtet!«
Womit der brave Thunet sein Register zuklappte und nach einer steifen
Verbeugung das nunmehr leere Zimmer verließ, das der aus allen Himmeln
gestürzten Signora Campanini nicht das geringste Möbel mehr darbot, auf
das sie hätte in Ohnmacht sinken können!
»Wir sind blamiert! Wir sind vor aller Welt lächerlich gemacht!«
seufzte sie.
»Wenn's nur aller Welt gefällt, mich in Ruhe zu lassen, mir soll's
recht sein!«
»Womit willst du den Lord Arundel empfangen? Auf der Erde kannst du
nicht mit ihm soupieren!«
»Lord Arundel wird eben nach Hause geschickt!« sagte Babara gelassen.
»Du bist eine Undankbare! -- Du wirst mich noch ins Grab bringen! Ach,
ich Unglückliche! Ach, ich Armselige! Hättest du nur nicht Fossano vor
den Kopf gestoßen! Dem Elenden verdanken wir dies alles!«
»Ich werde es ihm auch zu danken wissen! Einen größeren Gefallen als
heute hätte er mir nicht erweisen können!«
»Du redest wie eine Irrsinnige!«
»Ich rede wie eine, die bis jetzt im Traum gelebt hat und plötzlich
erwacht! So ist's! Denn jetzt sehe ich klar, wo ich war und wo ich
nicht mehr sein will! Und ich freue mich, endlich frei zu sein! Dies
ganze abscheuliche Leben, zu dem ihr -- du und er -- mich gezwungen
habt, widert mich an! Ekel ist alles, was ich dabei empfunden habe! --
Ekel vor mir selbst -- Ekel vor einer Welt, die ihre Gunst nur um den
Preis der Selbstschändung verkauft! Das soll jetzt aber ein Ende haben!
Das mache ich nicht mehr mit!«
»Was willst du denn tun? -- Wovon gedenkst du zu leben?«
»Von meiner künstlerischen Leistung! Die soll man mir bezahlen -- meine
Person aber fortan in Ruhe lassen! Ich kann das verlangen!«
»Dann kennst du die Welt nicht!«
»Dafür weiß ich mit mir Bescheid. Und auch, daß ich niemals den Gipfel
der Kunst erklimmen werde -- niemals das Göttliche erreichen, was mir
im Augenblick des künstlerischen Rausches vorschwebt, wenn ich noch
an äußeren Erfolg und Schätzesammeln denke! Niemals werde ich das
Gefühl der Erdenschwere los, das mich auch in den Augenblicken der
höchsten Wonne herabzieht -- wenn ich nicht mit aller Macht gegen das
Lotterleben ankämpfe, in das du -- und jener Elende mich hineingezogen
habt!«
Sie kehrte der alten Frau den Rücken, setzte sich an den Schreibtisch,
warf rasch ein paar Zeilen auf einen Briefbogen hin, faltete ihn
zusammen, schrieb die Adresse, klingelte und reichte ihn der Zofe.
»An Mylord Arundel!« sagte sie. »Sofort durch Boten hinsenden! Und
-- daß du's dir merkst --, künftig bin ich für niemand zu Hause! Der
Marquis von Thibouville, der Prinz von Gobriant, der Herzog von Durfort
-- alle ohne Ausnahme werden sie fortgeschickt! Und du auch, auf der
Stelle, falls du dich unterstehst, auch nur einen einzigen zu melden,
unter welchem Vorwand es auch sein mag! -- Halt!« rief sie der Zofe
zu, die sich eben entfernen wollte. -- »Geh noch zur Oper, melde mich
krank! -- Sterbenskrank, verstehst du? -- Ich tanze heute nicht und
morgen auch nicht! Auch kannst du ein Wort fallen lassen, daß ich,
sobald ich meine Kräfte wiedergewonnen habe, Paris verlasse und nach
London gehe!«
Die Zofe ging.
Die Mama fand endlich Worte.
»Du denkst in allem Ernst daran, nicht mehr aufzutreten?«
»Ich betrete die Oper nicht mehr! Ich werde auch bei Hofe nicht mehr
tanzen!«
»Aber der Befehl des Königs?«
»Gilt nur für seinen Generalinspekteur der Oper! Mag er sehen, wie er
den Befehl befolgen kann! Mich kümmert's nicht!«
»Er hat die Macht, dich zu zwingen!«
»Nichts kann mich zwingen, wenn ich nicht will! Das wird der Prinz
zu wissen bekommen! Ich tanze nicht, und wenn er mich kniefällig um
Verzeihung bittet! Ich werde ihn schon klein kriegen!«
Und dann setzte sie sich endlich hin, um ihre Schokolade zu trinken,
und trällerte vergnügt wie ein aus dem Bauer entschlüpfter Vogel!
12
Der Prinz von Carignan saß in seinem Kabinett und ließ sich von seinem
Sekretär Vortrag halten. Seine Stirn war gefurcht, die Haut gelb von
der übergetretenen Galle, die Augen blickten trübe.
Die Spielbank ging schlecht. Der Pächter lieferte keine Überschüsse ab.
Die Oper spielte vor leeren Häusern. In der Theaterkasse war kein Sou
zu finden. Paris war in Aufruhr. Die feine Welt revoltierte gegen das
Regiment des Theatergewaltigen. Sein Thron wankte.
Fast zu gleicher Zeit hatte er drei seiner leuchtendsten Sterne
verloren. Die Camargo war ihm mit einem Verehrer durchgegangen. Madame
Sallé, erzürnt wegen ihrer Zurücksetzung zugunsten Barberinas in
Fontainebleau, hatte ihm ihr Abschiedsgesuch, und zwar durch einen
Gerichtsbeamten, zustellen lassen.
Was ihm noch blieb, war nicht zugkräftig genug.
Hätte er wenigstens die Barberina, dann wäre der Verlust der anderen
zu verschmerzen! Aber die war immer noch krank und weigerte sich
aufzutreten.
»Noch immer keine Besserung?« fragte er betrübt den Sekretär.
»Leider nicht! Wir haben ihr aber ein unfehlbares Heilmittel
verabreichen lassen! Der Befehl, nächste Woche in Versailles zu tanzen,
ist ihr gestern zugegangen! Das wird sicher helfen!«
»Und wenn sie sich weigert?«
»Sie wird sich hüten!«
»Du kennst sie eben nicht! Sie ist launenhaft und rachsüchtig. Sie wird
mich sicher in Verlegenheit bringen wollen! Mir ahnt nichts Gutes! --
-- Wir können aber nicht unsere Position durch ihre Launen erschüttern
lassen! Der König würde mir einen Ungehorsam gegen seinen Befehl
niemals vergeben! Es wäre die sichere Ungnade! Sie muß in Versailles
tanzen und wenn die Welt darob zugrunde gehen müßte! Wir müssen sie
versöhnen!«
»Wie gedenken Eure Hoheit das zu tun?«
»Geschenke! -- Geld! -- -- Das vermag alles!«
»Wir haben kein Geld!«
»Wir haben unseren Schmuck -- wir haben unsere Gemäldegalerie!«
»Hoheit wollen sich von den Schätzen der Galerie trennen?«
»Wenn wir sterben, müssen wir es sowieso! -- Und ich ziehe den Tod der
königlichen Ungnade vor! Du sollst die Gemälde zu Geld machen!«
»Zu Befehl!«
»Den Erlös schickst du ihr! Auch das Gespann und die Equipage! Und
schreibe ihr, ich bedauerte den Vorfall von neulich! Die Aufregung,
in der ich mich befand, war ja nur zu erklärlich! Ich will aber
darüber hinweggehen und ihr wieder die Rente auszahlen lassen! Noch
heute vormittag muß alles erledigt sein! Morgen hältst du mir Vortrag
darüber!«
Der Sekretär eilte, die Befehle auszuführen. Der Prinz ließ sich in
den Garten hinaustragen und gab Befehl, den ganzen Vormittag niemand
vorzulassen außer Signore Fossano, den er zu sich befohlen hatte.
Fossano kam. Er sah nicht ohne Genugtuung die Spuren der Verheerung,
die die Aufregung bei seinem erlauchten Nebenbuhler hinterlassen hatte.
»Sie haben mich da in eine schöne Situation gebracht, mein
Lieber!« sagte der Prinz leicht vorwurfsvoll. »Man ist derartigen
Gemütserschütterungen nicht mehr gewachsen! Sie sind auch schwer mit
dem guten Ton vereinbar! Dergleichen geht man am besten aus dem Wege!
-- Sie hatten es aber so schlecht arrangiert, daß wir es nicht mehr
konnten!«
»Geruhen denn Eure Hoheit einzusehen, daß auch ich in eine derartige
Aufregung versetzt werden konnte? Und daß es mir dadurch unmöglich
gemacht wurde, so gut zu tanzen wie sonst?«
»Wenn das der Zweck Ihrer Demonstration war, so haben Sie ihn erreicht!«
»Eure Hoheit wollen also auch glauben, daß ich jene Schwäche
niedergekämpft habe und jetzt ganz wieder der alte bin?«
»Keinesfalls! Wer einmal den Kopf verliert -- --«
»Der nimmt sich ein anderes Mal in acht, wenn er in dieselbe Situation
kommt! -- Wollen Eure Hoheit mich auf die Probe stellen?«
»Ich kann Sie unmöglich wieder bei Hofe tanzen lassen!«
»Trotzdem wage ich, darauf zu bestehen! Jetzt eben bin ich es meiner
Reputation schuldig, dort zu zeigen, was ich kann! Sonst ist's um meine
Karriere geschehen!«
»Das interessiert uns nicht! Sie müssen für sich selbst sorgen! Sie
waren eben schlecht! Warum haben Sie nicht besser getanzt?! Sie müssen
die Folgen tragen!«
»Das werde ich auch tun! Eure Hoheit können aber versichert sein --
wenn ich nicht in Versailles tanze, dann wird es Barberina auch nicht
tun!«
Carignan richtete sich im Sessel auf.
»Ach, sieh nur! Sie drohen uns gar! Ja, sagen Sie einmal, haben Sie
sich denn mit ihr versöhnt?«
»Weit entfernt!«
»Dann will ich Ihnen etwas sagen! Sie hat mir in Fontainebleau
kategorisch erklärt, daß sie nie wieder mit Ihnen tanzen wird!«
»Das weiß ich! Sie soll es aber tun! Sie wird mit mir tanzen oder
überhaupt nie wieder auftreten!«
»Sie planen doch keinen Anschlag auf sie?«
»Hoheit können unbesorgt sein!«
»Wie wollen Sie's denn bewirken?«
»Ich brauche gar nichts zu tun!«
»Ich verstehe Sie nicht!«
»Wenn ich spreche, werden Hoheit verstehen!«
»Also sprechen Sie!«
»Wenn ich spreche, wird sie tanzen! Wenn ich schweige, tanzt sie nicht!«
»So sprechen Sie doch!«
»Erst muß ich die Zusage Eurer Hoheit haben, in Versailles tanzen zu
dürfen!«
»Unmöglich!«
»Hoheit werden es bereuen! Barberina tanzt nicht -- das bedeutet den
Zorn des Königs wegen Nichterfüllung seines Befehls! Aber Hoheit wissen
das ebensogut wie ich!«
»Also reden Sie!«
»Hoheit kennen die Bedingung!«
»Mein Gott, Sie eigensinniger Mensch! Wenn's durchaus sein muß --
meinetwegen können Sie gern tanzen!«
»Das Ehrenwort Eurer Hoheit!«
»Sie werden dreist!«
»Was ich weiß, rechtfertigt die Dreistigkeit!«
»Nun denn, Sie haben mein Ehrenwort! Aber Sie müssen sich gut halten!
Die richtigen höfischen Pirouetten! Keine Seitensprünge wie das
letztemal! Ich bitte mir das aus!«
»Hoheit können sich auf mich verlassen!«
»Schön! Und jetzt reden Sie!«
»Barberina hat mit Mylord Arundel ausgemacht, in der allernächsten Zeit
Paris zu verlassen und nach London zu gehen!«
»Sie fabeln!«
»Heute früh ist der Diener des Lords nach Calais geritten, mit dem
Befehl, überall Postpferde zu bestellen! Von morgen ab liegt ein Kutter
zur Überfahrt nach Dover bereit!«
»Wir werden das zu verhindern wissen! Übrigens wird sie jetzt schon
anderen Sinnes sein!«
»Hoheit meinen?«
»Ich habe guten Grund, es mit Bestimmtheit anzunehmen!« sagte Carignan,
mit einem schmerzhaften Seufzer an die Opfer denkend, die er dafür
bringen mußte. »Warten Sie's nur ab! Sie werden sehen! Ich verstehe es,
Widerspenstige zu zähmen. Adieu, mein Lieber! Es bleibt bei unserer
Verabredung! Aber -- wie gesagt -- die richtigen Pirouetten! -- Keine
Extempores! Keine Extravaganzen!«
Fossano ging.
Der Sekretär kehrte wieder mit der betrübenden Nachricht, daß die
Barberina sich weigere, ihn zu empfangen. Sie wolle von Seiner Hoheit
nichts wissen, keine Botschaft in Empfang nehmen -- kurz, ihm war in
der schnödesten Weise die Tür gezeigt worden.
Carignan raste. Aber es half nichts! Er mußte in den sauren Apfel
beißen und in höchsteigener Person zu ihr fahren, um Buße zu tun. Sonst
wäre es um ihn geschehen!
Er fuhr also in Begleitung des Sekretärs hin und wurde von Mama
Campanini im leeren Salon empfangen.
»Ich kann Hoheit leider nicht bitten, Platz zu nehmen!« sagte sie mit
der Miene einer Dulderin und zeigte auf den Fußboden. »Aber Hoheit
haben selbst für den Mangel an Sitzgelegenheit gesorgt!«
»Halten wir uns darüber nicht auf, bitte! Ich will ja alles wieder
gutmachen. Warum läßt man denn meinen Boten unverrichtetersache wieder
zurückkehren? Geld, Schmuck, Gespann, Equipage -- die ganze Einrichtung
-- alles kann sie wieder haben! Und die Rente auch!«
»Das nimmt sie nur von ihren Freunden an!«
»Mein Gott, ich bin doch ihr Freund! -- Ich schätze sie nach wie vor!
Ich war einen Augenblick alteriert! -- Ich wurde von einer Situation
überrascht, in der ich nicht erwartet hätte, mich befinden zu müssen!
Aber es ist ja alles wieder gut! -- Ich versichere -- ich bin ihr gar
nicht böse! Sie soll nur hereinkommen!«
»Sie ist noch krank vor Aufregung!«
»Gegen die Krankheit bringe ich eben das beste Heilmittel mit! Holen
Sie sie nur her!«
»Sie wird nicht kommen! Als der Sekretär vorhin hier war, hat sie mir
rundweg erklärt, sie würde sich von Eurer Hoheit nicht einmal die Hand
küssen lassen. Nicht einmal um hunderttausend Francs!«
»Das ist stark! Haben _=wir=_ etwa den Handkuß angeboten? Wir
verzichten gern auf jede Intimität! Wir haben aber nicht nötig, hier
zu bitten! -- Du bringst mir auf der Stelle deine Tochter her! Ich,
ihr Chef, befehle es! Und es würde sowohl ihr wie dir teuer zu stehen
kommen, wenn ihr meine Geduld noch lange auf die Probe stellt!«
Das half. Die Signora eilte in das Boudoir, und nach einigem Zögern
ließ sich Barberina dazu herbei, vor dem Antlitz des gestrengen Herrn
Chefs zu erscheinen.
Sie ließ sich aber durchaus nicht imponieren.
Sie war kalt, abweisend, sah ihn kaum an, wies jeden seiner Versuche,
sie zu begütigen, ab und bat ihn schließlich, sie in Ruhe zu lassen.
Sie wäre noch leidend! Sie könne keine Aufregung vertragen! Sie wolle
sich wieder hinlegen!
Aufbrausend versuchte er es auch bei ihr mit dem Ton des Vorgesetzten.
Sie lachte ihn aber aus.
Da verlor er die Fassung gänzlich und verlegte sich aufs Bitten! Sie
könne ihm jede Bedingung stellen! -- Sie müsse aber bei Hofe tanzen!
Sie dürfe ihn nicht ins Unglück stürzen! Die Ungnade wäre ihm gewiß!
»Dann tanze ich erst recht nicht!« lachte sie, und die Schadenfreude
leuchtete ihr aus den Augen.
Das gab ihm die Fassung wieder.
»Dann brauche ich Gewalt!« rief er. »Entweder Sie tanzen, oder ich
lasse Sie und Ihre Mutter verhaften!«
»Ohne Grund? Das können Sie nicht!«
»Ich habe Grund genug! -- Ich weiß von Ihren Fluchtplänen mit Lord
Arundel! Meine Polizei ist schon in Bewegung, hat schon überall
verboten, Ihnen Postpferde zu geben und das Auslaufen aller Schiffe aus
dem Hafen von Calais bis auf weiteres untersagt! Beim ersten Versuch,
zu entweichen, sind Sie verhaftet, und Seine Lordschaft auch! Sie
werden schon überwacht! -- Wollen Sie also tanzen?«
»Ich sehe ein -- ich muß der Gewalt weichen! Ich werde also tanzen!
Aber Eurer Hoheit Geschenke und die Rente nehme ich nicht wieder an!
Ich verlange eine geordnete Stellung auf Grund meiner künstlerischen
Leistungen! Mindestens fünfhundert Louis Gehalt monatlich! Und
ebensoviel für das eine Mal in Versailles!«
Carignan biß sich auf die Lippen. Er dachte an die leeren Kassen seiner
Theater. Aber er sah keinen anderen Ausweg und willigte ein.
Kühn gemacht durch den Erfolg, verlangte sie noch die Aufhebung aller
polizeilichen Maßnahmen.
»So dumm sind wir nicht!« sagte der Prinz lächelnd. »Unsere Polizei
wird ein wachsames Auge auf Sie haben, Signorina! Bis Sie am Hofe
getanzt haben! Dann wollen wir sehen! Studieren Sie jetzt fleißig Ihre
Tänze mit Fossano!«
»Mit Fossano?! Nimmermehr!«
»Sie müssen ihn als Partner in Versailles haben!«
»Nein, nein! Er würde mir alles verderben! Wenn Hoheit darauf bestehen,
tanze ich nicht! Ich lasse mich lieber köpfen!«
»Nun, so erlassen wir's Ihnen! Er mag ein Solo tanzen! Ich habe
übrigens für diesen Fall schon John Rich aus London als Gast engagiert!
Er wird kommen, Sie kennen ihn sicher dem Namen nach? Der berühmte
Harlekin des Coventgardentheaters! Er wird Ihnen glänzend sekundieren,
Signorina!«
»Ich tanze auch mit ihm nicht! Ich will den jungen Riccoboni! Er tanzt
mir mehr zu Gefallen! Er hat mehr Talent als all die andern!«
»Nun denn, in Gottes Namen, tanzen Sie mit Riccoboni! Wenn Sie bloß
tanzen, ist's mir gleich, mit wem! Ich hätte mir dann den Rich ersparen
können! Er wird aber schon unterwegs sein! -- Na, das sind alles
Bagatellen! Gehen Sie zur Ruhe, Signorina! Pflegen Sie Ihre Tochter,
Signora! -- -=Au revoir=-, meine Damen! Lassen Sie sich's gut gehen!«
Und Hoheit ging, froh, den Verkauf seiner Gemäldegalerie noch
rückgängig machen zu können und der königlichen Ungnade so leichten
Kaufs entronnen zu sein.
* * * * *
Barberina tanzte in Versailles vor der Königin und dem versammelten
Hofe und errang einen glänzenden Erfolg.
Der König erschien aber nicht zur Vorstellung. Er hatte an dem Abend
ein größeres Interesse an den Staatsgeschäften als an den Reizen
Barberinas und blieb der Veranstaltung fern.
Barberina war außer sich. Carignan nicht weniger.
Aber er hielt Wort.
Nach dem Auftreten Barberinas in Versailles hob er die polizeiliche
Überwachung auf. Und sie versäumte nicht, sich das zunutze zu machen.
John Rich, der berühmte Londoner Tänzer, hatte ihr von London
vorgeschwärmt. Er verstand es, ihren künstlerischen Ehrgeiz
aufzustacheln und spiegelte ihr ganz andere Triumphe vor als die der
Galanterie, die sie jetzt bis zum Überdruß satt hatte.
Plötzlich eines Tages war sie verschwunden.
Der Herzog von Carignan erledigte eben die Kassenrapporte des
vorhergehenden Tages und war voller Freude, weil die Oper jetzt, nach
dem Wiederauftreten Barberinas, allabendlich ausverkauft war.
Da brachte man ihm die Nachricht von ihrem Entweichen.
Das war zuviel!
Die Sallé, die Camargo -- das hatte er verschmerzen können! Aber jetzt
auch noch die Barberini!
Nach all den Opfern! Nach all den Demütigungen!
Seine Hoheit traf auf der Stelle der Schlag!
Barberina aber tanzte nach den Gestaden Albions hinüber. Und Fama flog
vor ihr her mit der Kunde von ihrem Schönheitsflecken und ihren anderen
galanten Vorzügen!