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Der Prinz Carignan, Königliche Hoheit, ältester Prinz aus dem Hause
Savoyen, Generalleutnant, Generalinspekteur der Königlichen Akademie
der Musik, hatte sein Lever beendet und war bei der Morgentoilette.
In einen wattierten Schlafrock von chinesischer Seide gehüllt, saß er
in einem bequemen Sessel, ließ sich die Haare kräuseln und wickeln und
sie hinten zu einem koketten Beutel zusammennehmen, lauschte zerstreut
auf die Erzählungen seines Friseurs und nippte dann und wann an einer
Tasse Schokolade, die ihm der Kammermohr auf einem silbernen Tablett
darbot. Der Kammerdiener schnallte ihm dabei die Schuhe.
Durch die offenen Balkontüren flutete der Sonnenschein; die hohen
Baumwipfel draußen bewegten sich leise, ein lauer Wind trug die Düfte
des Rosenparterres herein -- es war ein herrlicher, stiller Sommertag.
Im durchlauchtigsten Schädel brummte und summte es wie ein ganzer
Bienenschwarm. Das gestrige Souper hatte lange gedauert. Man hatte
deshalb den ganzen Morgen sorgfältig vermieden, Seiner Hoheit Anlaß zum
Zorn zu geben, und jede Äußerung, die als Widerspruch hätte ausgelegt
werden können, ängstlich unterlassen.
Niemand, der ein Anliegen vorzubringen hatte, war gemeldet worden,
ehe der Retter in der Not, der Friseur, mit den Neuigkeiten des Tages
erschienen war. Zum Glück hatte der Haarkünstler heute eine besonders
leichte Hand gehabt. Er war auch von den interessantesten Anekdoten
geschwollen. Die Stirn Seiner Hoheit erhellte sich sichtbar. Er hatte
sogar geruht, wiederholt und huldvollst zu lächeln! Das fluchwürdige
Verbrechen des Garderobiers, eine Rosette des linken Hosenbeins
abzureißen, wurde gnädigst übersehen und das Annähen des illustren
Gegenstandes in Geduld ertragen. Der Augenblick war günstig. Auf einen
Wink des Kammerdieners wagte sich der Türsteher herein und meldete, daß
unter den vielen Supplikanten draußen im Vorzimmer auch der berühmte
Tänzer Signore Fossano warte, um die neue italienische Tänzerin
Demoiselle Barberini vorzustellen.
»Sollen morgen wiederkommen!« antwortete der Prinz und wandte sich zum
Friseur. »Weiter! Das interessiert mich sehr! Seine Majestät war also
gestern wieder in La Muette?«
»Ja -- zum zweitenmal in einer Woche!«
»Was?!« rief der Prinz. »Zweimal in einer Woche? Das ist gegen
alle Gewohnheit! Das ist noch nicht dagewesen! Da ist sicher etwas
Besonderes passiert! Hast du etwas erfahren?«
»Ja!«
»Schnell! Ich brenne vor Neugierde!«
»Beim ersten Besuch Seiner Majestät unseres allergnädigsten Königs in
dieser Woche in La Muette« -- begann der Friseur wieder und setzte mit
Grazie seine Zange an, so daß ein leichtes Wölkchen verbrannter Pomade
duftend emporwirbelte, wie um die Erzählung mit Weihrauch zu versüßen.
»Hoheit wollen gnädigst entschuldigen«, wagte der Türsteher mit wahrer
Todesverachtung zum zweiten Male einzuwerfen, »aber der italienische
Tänzer --«
»Er soll sich zum Teufel scheren!«
»Hoheit wollen gnädigst verzeihen -- aber -- damit droht er eben --«
»Das auch noch! Der Kerl droht? Man werfe ihn hinaus!«
»Zu Befehl!«
»Warten! Wie sagtest du? Womit drohte er?«
»Eben damit, sich hinauswerfen zu lassen!«
»Nicht schlecht!« lachte Se. Hoheit, »gar nicht übel! Da, nimm, du
Spaßvogel!« -- Er warf dem Türsteher ein Geldstück zu. »Was soll das
aber heißen? Was meint er damit?«
»Er meint, daß er heute abreisen will, wenn er nicht empfangen wird!«
»Ich empfange, wann ich will und wen ich will!«
»Das habe ich ihm auch deutlich zu verstehen gegeben! Ich habe ihm
gesagt, daß Hoheit mit Geschäften überladen sind -- ich habe ihn
gebeten, morgen wiederzukommen. Acht Tage hintereinander ist er auch
wiedergekommen. Nun will er aber nicht mehr. Noch heute reist er nach
London, sagte er. Und das glaubte ich Hoheit nicht vorenthalten zu
dürfen -- --«
»Hierbleiben soll er! Ich werde ihn arretieren lassen, sag ihm das von
mir! Wenn er nur den Versuch macht, sich ohne Urlaub zu entfernen -- --
acht Tage -- -- acht Tage antichambriert er nur? Das genügt noch lange
nicht! Und du hast ihn nicht gemeldet? Du hast ihn ruhig gehen lassen?
Das ist sehr gut -- sehr brav von dir! Diese Künstler müssen kurz
gehalten werden! Verwöhntes Volk! Muß sich ducken lernen! Geh jetzt,
laß ihn noch warten -- vielleicht empfange ich ihn später!«
Der Kammerdiener ging.
»Wo waren wir denn mit dem König stehengeblieben?«
»Ich wollte eben vom ersten Besuch Seiner Majestät in dieser Woche in
La Muette erzählen -- --«
»Ganz richtig! Was ist denn dabei geschehen?«
»Seine Majestät ritten, wie immer, durch das Bois nach Madrid zum
gewohnten Besuch bei Mademoiselle, der Marquise du Charolais -- --«
»Allwo er sehnsüchtigst von Madame du Mailly erwartet wurde -- --«
»Zu Befehl! Und auch von ihrer Schwester, Madame de Vintimille -- --
und von der Gräfin von Toulouse -- --«
»Wissen schon! -- -- Überspringen! -- Der ganze >kleine Rat< Seiner
Majestät war, wie immer, versammelt! Das war aber sicher kein Grund
für den König, sich, gegen alle Gewohnheit, zweimal in einer Woche
hinzubemühen!«
»Sicher nicht! Aber unterwegs -- im Bois -- hatten Seine Majestät eine
Begegnung --«
»Was du sagst!«
»Mitten im Walde, bei einer Kreuzung des Weges, sauste ein Phaëton
dicht an das königliche Pferd heran! Majestät mußten anhalten -- -- und
als das Gefährt vorbeiflog, haben Majestät geruht, noch allergnädigst
zu grüßen --«
»-=Sacré nom de Dieu!=- Wer saß denn drin, in jenem Phaëton?«
»Eine Dame --«
»Eine --?«
»Eine _=sehr schöne=_ Dame -- in Blau und Rosa gekleidet! -- -- Sie
kutschierte selbst! -- Statt der Peitsche hatte sie eine silberne Lanze
in der Hand -- am Hut einen Halbmond von Brillanten!«
»Wohl Diana selbst, die auf Königshirsche pirschte?«
»Majestät schienen es wenigstens anzunehmen! Wie gebannt blieben
Majestät auf demselben Flecke und starrten mit allerhöchst
aufgerissenen Augen der Erscheinung nach, bis sie an der nächsten
Biegung des Weges verschwand! Dann erst gaben Majestät dem Pferde die
Zügel und galoppierten davon, so schnell, daß das Gefolge kaum mit
konnte --«
»Diana scheint eine glückliche Jagd gemacht zu haben! Weiß man, wer sie
war?«
»Man vermutet -- --«
»Man _=vermutet=_ nicht! Man hat zu wissen, wenn man was erzählt!«
»Zu Befehl -- ich habe auch schon in Erfahrung gebracht --«
»Schnell -- ich muß es wissen! Ihr Name?«
»Es war --«
Aber ehe der allwissende Haarkünstler den Namen ausgesprochen hatte,
flog die Tür zu den inneren Zimmern auf, und der Intendant des Prinzen
stürzte herein, mit verstörter Miene, eine Schatulle in der Hand.
»Hoheit verzeihen -- aber -- ich muß bitten -- wollen Hoheit geruhen,
jetzt gleich die Kasse selbst an sich zu nehmen?«
»Was ist denn?«
»Es ist höchste Eile! Bei mir ist sie nicht mehr sicher!«
Der Prinz stand mit Mühe auf und wankte nach dem Schreibtisch.
»Gib her!«
Er schloß ein Fach auf.
»Wieviel ist drin?«
»Der Kassenzettel liegt obenauf; es ist der ganze gestrige Erlös der
Rouletten!«
Hoheit flog schnell den Zettel durch.
»Miserabel! Die Pariser sind undankbar! Ich selbst erweise ihnen die
Gnade, ihr Spiel zu protegieren! Sie haben die Ehre, im Palais Soissons
selbst -- in meinen schönsten Räumen -- ihr Geld zu verlieren und
schätzen es so gering ein!«
Er klappte verächtlich den Deckel der Kassette zu.
»Der Pächter bestiehlt mich aber! Es ist nicht anders möglich! Die
Räume sind ja stets gedrängt voll! -- Der Mob wird doch nicht so
frech sein, noch zu gewinnen! Er stiehlt also! Oder er taugt nichts
-- versteht seine Sache nicht! Wieviel hat er uns im vorigen Jahre
abgeliefert?«
»Knappe hunderttausend Livres!«
»Sag ihm, ich werde ihm die Spielerlaubnis entziehen, wenn ich nicht in
diesem Jahre auf mindestens zweihunderttausend komme!«
»Zu Befehl!«
»Hast du auch den Diamanten bekommen, den ich gestern für die Camargo
aussuchte?«
»Melde gehorsamst: ja!«
Er reichte dem Prinzen ein Etui. Der prüfte den Inhalt mit Kennermiene.
»Sehr schön! Wirklich magnifik! Das Geld soll sich der Juwelier in der
Oper holen.«
»Die Kassen der Oper sind leer! Die Gagen wurden gestern bezahlt und
auch die Wechsel der Gebrüder Paris.«
»So soll er nach der Komödie gehen!«
»Ich habe ihn bereits hingeschickt!«
»Es ist gut!«
Der Prinz leerte den Inhalt der Schatulle in die Schublade seines
Schreibtisches, schloß ab und steckte den Schlüssel zu sich.
»So! Und darf ich nun wissen, warum du mich so früh und in dieser
höchst unmanierlichen Weise mit dem Gelde bemühst? Meines Wissens hatte
ich dich noch nicht rufen lassen!«
Der Intendant hatte nicht Zeit, zu antworten.
Es klopfte an die Tür, und alles war starr.
Beim Prinzen von Carignan selbst, im eigenen Palais Seiner Königlichen
Hoheit -- im Palais Soissons, das von Bedienten, Lakaien und Türstehern
wimmelte, hatte man die Keckheit, ohne weiteres und unangemeldet
anzuklopfen! Und gar noch, -=sans façon=-, einzutreten!
Zwei Gestalten in richterlicher Kleidung, die Hüte auf den Köpfen,
standen auf der Schwelle.
»Im Namen des Königs -- --«
»Ridicule!« sagte der Prinz gelassen. »Seit wann tritt man so -- legère
bei mir ein? Ich bin allerdings auch Chef der Theater! Aber -- ich muß
sagen -- -- diese Komödie! Zum mindesten geschmacklos!«
»Im Namen des Königs«, sagte die eine Gestalt und reichte dem Prinzen
ein Dokument mit anhängendem Siegel. »Laut Urteil des Parlaments sind
wir auf Antrag des Bilderhändlers Gersaint bevollmächtigt und haben den
Befehl, hier im Palais Eurer Hoheit alles Geld und alle Kostbarkeiten
an uns zu nehmen und, sofern es nicht ausreicht, um die Forderung nebst
Zinsen, Kosten und unserem Salär zu decken, die Meubles und den Schmuck
zu versiegeln und zur öffentlichen Versteigerung zu bringen!«
»Ja, bin ich denn diesem Ehrenmann, diesem Gersaint, etwas schuldig --?
Wann habe ich ihm überhaupt etwas abgekauft --? Es ist doch wenigstens
zwei Jahre her --«
»Ganz richtig! Zwei Jahre sind es bereits, daß Eure Hoheit die
gekauften Gemälde nicht bezahlt haben!«
»Das ist ein Irrtum! Das muß ein Irrtum sein! -- -- Und wenn sie nicht
bezahlt sein sollten -- -=mon Dieu=-! -- warum hat man sich nicht
das Geld von meinem Intendanten geholt? -- Wie kann man sich denn
beklagen?! -- Ja, sagen Sie, meine Herren, für wen halten Sie mich
denn! -- _=Ich=_, der Prinz von Carignan, muß mich mit derartigen
inferioren Dingen persönlich befassen! -- Bin ich dazu von Seiner
Majestät, unserem allergnädigsten König, zum Generalintendanten der
Akademie ernannt, damit man mir meine Zeit mit den Angelegenheiten
eines obskuren Bilderhändlers stiehlt?!«
Beim Nennen des Königs hatten die Gerichtsbeamten ihre Hüte gelüftet
und wollten sie wieder aufsetzen.
»Behalten Sie die Hüte in der Hand!« schrie ihnen der Prinz mit
Donnerstimme zu. »Und verlassen Sie das Haus!«
»Wir sind auf Befehl des Parlaments hier -- --«
»Verlassen Sie das Haus, Messieurs, oder ich lasse Gewalt anwenden!«
»Dürften wir Hoheit auf die Folgen eines gewaltsamen Widerstandes gegen
eine amtliche Handlung aufmerksam machen -- --«
»-=Mais non!=- -- Sie dürfen mich auf nichts aufmerksam machen! Sie
dürfen in meiner Gegenwart den Mund nicht auftun! Man werfe sie hinaus!
Geschwind! Man schaffe sie mir aus den Augen!«
Die Lakaien und Türhüter griffen zu und beförderten die unwillkommenen
Gäste auf dem kürzesten Wege auf die Straße.
»Sapperment!« rief der Prinz, »wie werde ich hier bedient! Das ganze
Haus habe ich gedrängt voll von Tagedieben, die nicht wissen, was sie
tun sollen -- die mich vor lauter Langeweile bestehlen -- die mich kahl
fressen, bis ich wie ein entlaubter Baum dastehe! Nicht mal so viel
können sie tun, mir derartigen Besuch vom Leibe zu halten! Aber ehe
ich befehle, rührt sich keiner! Ich muß mich selbst bemühen! Ich muß
mich echauffieren! Ich muß mich, in höchsteigener Person, bis auf die
Knochen blamiert fühlen! -- Ich muß mir wie'n Gauner -- wie'n Betrüger
-- weiß Gott, wie'n Strauchdieb vorkommen! Und ihr steht alle dumm da
und gafft und laßt den Tort zu und -- -- wer weiß -- lacht euch noch
ins Fäustchen! -- Ich werde euch mit Ruten streichen lassen! Ich werde
euch allesamt in die Bastille werfen! -- -- Ah -- ah! -- Das überlebe
ich nicht! -- Das wird mein Tod! Ich fühle schon, wie mir die Galle
zurücktritt! -- Luft -- Luft -- --!«
Erschöpft sank er auf den Sessel nieder, der Friseur benutzte die
Gelegenheit, ihm den Pudermantel umzuhängen und setzte seine Quaste mit
einer Fermeté in Bewegung, daß der ganze Prinz in einer Wolke weißen
Staubs verschwand -- wischte dann schnell den Puder aus dem Gesicht
-- schwärzte die Augenbrauen, klebte zwei Mouchen auf ihre Plätze
und hielt, als er fertig war, dem Prinzen ein silbernes Flakon mit
Riechsalz unter die Nase.
Der halb Ohnmächtige sog gierig den scharfen Duft ein, seufzte leicht
auf, geruhte dann kokett zu niesen, öffnete die Augen und flüsterte
matt: »Darf ich nun _=endlich=_ wissen, wer jene Dame war, die einen
solchen Eindruck auf die Majestät, unseren allergnädigsten König,
machte?«
»Madame le Normand d'Etioles«, flüsterte der allwissende Haarkünstler
ihm ins Ohr, und der Prinz fuhr auf wie von einer Tarantel gestochen.
»Madame d'Etioles?! -- Die kleine Poisson?! -- Eine Diana bürgerlicher
Extraktion?!«
»Ganz recht, Hoheit!«
»-=Sacré nom de Dieu!=- -- Das ist keck! Und der König hatte die Gnade,
sie zu bemerken?«
»Seine Majestät waren hingerissen! Seine Majestät haben von nichts
anderem gesprochen die ganze Zeit! Und schon gestern sind Majestät
dann, ganz unvermutet, wieder in La Muette eingetroffen!«
»Und gleich durch den Wald nach Madrid galoppiert?!«
»Ja!«
»Und er ist ihr wieder -- --?«
»Nicht begegnet!«
Der Prinz lachte.
»Kann ich mir denken! Die kleine Poisson war auf einen so schnellen
Erfolg ihres Wilderns nicht gefaßt! Sie wartet erst den gewöhnlichen
Wochentag ab! -- Nun, sie kann warten! Sie kann noch lange warten, ehe
ihr das Taschentuch zugeworfen wird! Sie wird's kaum erreichen, die
ehrgeizige, kleine Person! Ein süßer Racker ist sie aber! Ein ganz
pikantes Kerlchen! -- Witz, Geist, Charme und ein Exterieur! -- Wenn
ich sie am Ballett hätte, ich würde sie schon durchsetzen! Ich würde
ihr schon die richtige höfische Pirouette beibringen, die bis ins
königliche Bett reicht! Aber so -=sans façon=- -- so draufgängerisch!
Da macht sie die bürgerliche Extraktion nicht vergessen -- und wenn sie
den halben Landadel heiratet!«
»Unser allergnädigster Herr ist ja auch erst beim Hochadel angelangt!«
»Überhaupt bei der allerersten Liaison! Noch nicht aus der Schwärmerei
heraus! Und die gute du Mailly hat noch Schwestern!«
»Man spricht schon von der zweiten!«
»Man spricht erst? Dann hat's gute Weile! Der König ist
ordnungsliebend! Die Familie du Nestle ist groß! Wenn er da durch ist,
dann --«
»Wollen Hoheit prophezeien?« flüsterte der Friseur neugierig.
»Nein, du Schelm! Nimm aber die Börse da! Steck ein! Ich bin mit dir
zufrieden! Bediene mich stets so gut wie heute!«
Der Friseur nahm die ihm zugeworfene Börse, verbeugte sich tief und
ging. Der Kammerdiener räumte den Sessel und die Toilettengegenstände
fort, und der Prinz, dem der Garderobier inzwischen den goldgestickten,
blausamtenen Rock mit den großen brillantenen Knöpfen und dem Stern
angelegt hatte, nahm den ihm gereichten Hut, ließ sich den Degen
anschnallen und befahl die Karosse, um nach Versailles zum Lever des
Königs zu fahren. Er hatte noch nicht den Hut aufgesetzt, als der
Kriegsminister d'Argenson gemeldet wurde.
Der Minister, als echter Militär und Kavalier, war ein großer
Connaisseur des Balletts, dessen Evolutionen ihm oft vertrauter waren
als die der königlichen Armee. -- Er trat ein, den Hut unterm Arm, und
wurde äußerst aimable begrüßt.
»Eure Exzellenz wollen die Ordre de Bataille der nächsten Zeit für das
Corps de Ballet geben?« rief der Prinz aufgeräumt. »Es wäre mir ein
Vergnügen, mit Ihnen zusammen gleich den Schlachtplan zu entwerfen!
Sie sehen mich aber im Begriff, zu Hofe zu fahren. Ich darf heute beim
Lever nicht fehlen!«
»Dann haben wir Zeit«, sagte d'Argenson und ließ sich in einen Sessel
nieder. »Beim König wird es heute erst um vier Uhr Tag. Wegen später
Heimkehr von La Muette ist das Lever erst um diese Stunde angesagt. Bei
Ihnen doch auch bekanntgegeben?«
»Nein. Da sehen Sie eben, wie nötig meine Anwesenheit ist! Man
benachrichtigt mich nicht mehr! Meine lange Absence fällt schon auf!«
»Beruhigen Sie sich, lieber Freund! Es gibt so viele andere Gründe zur
Aufregung!«
»Sie bringen mir Neuigkeiten?! Was ist geschehen?«
»Sie wissen es noch nicht? Der Kardinal Fleury hat sich eine ganze
Woche beim König entschuldigen lassen.«
»Seine Eminenz sind verstimmt?«
»Der Majestät des Königs gegenüber wird man nicht verstimmt, auch wenn
man Kardinal Fleury ist und Frankreich regiert! Seine Eminenz bereiten
sich nur, in stiller Zurückgezogenheit, auf eine schwere Entschließung
vor. Er steht vor der Notwendigkeit, zu einer Staatsaktion ja und amen
zu sagen, die mit den strengen Anschauungen, in denen er den König
erzogen hat, wenig harmoniert! Er wird die Proklamierung der Madame du
Mailly zur königlichen Mätresse, wenn nicht feierlich sanktionieren, so
doch stillschweigend dulden müssen.«
»Also doch!«
»Ja -- es ist gestern, anscheinend beim Besuch des Königs bei
>Mademoiselle< beschlossen worden, das Verhältnis, trotz der
Verstimmung Fleurys, offiziell zu machen.«
»Ich bin neugierig, wie sich der alte Fuchs damit abfindet! Er läßt
sonst in solchen Dingen nicht mit sich spaßen! Erinnern Sie sich noch,
wie erzürnt er über den Empfang des Königs in Luneville war?«
»Wie sollte ich nicht! Der Begebenheit verdanke ich ja mein Amt!«
»Ja! Ihr Herr Vorgänger hat's schwer büßen müssen! Und doch war das
eine sehr graziöse Idee von ihm! Das hätte eine bessere Belohnung
verdient! Den vielgeliebten König von einer Eskadron berittener
Stadtdamen empfangen und zu seinem Schwiegervater eskortieren zu
lassen! Das war doch märchenhaft schön!«
»Ja. Hätte er nur nicht die Ungeschicklichkeit begangen, auch die
Königin bei ihrem Einzug von denselben Berittenen eskortieren zu
lassen, dann wäre er noch im Amt. Der Kardinal und die Königin sind ein
Herz und eine Seele!«
»Deshalb schmollt er anstandshalber vierzehn Tage, ehe er die Sonne
der heiligen Kirche wieder über die sündenvolle Welt scheinen läßt!
Innerlich wird er mit der Erhebung der Gräfin du Mailly zufrieden sein!
Er wird sich sagen -- wenn eine Grande Dame, wie sie, sich öffentlich
als Mätresse proklamieren läßt, dann hat sie's auch nötig!«
»Sie meinen -- das wäre der Anfang vom Ende?«
»Sicher! Und so ist es auch! Sie teilt die Gunstbeziehungen des Königs
bereits mit ihrer Schwester!«
»Mit Madame du Vintimille?«
»Ich habe es aus sicherer Quelle! -- Mein Friseur --«
»Arme Königin!«
»Werden wir nicht sentimental! Ihre Majestät kann sich nicht beklagen,
solange der König -- wie's die Konvenienz gebietet -- unter den Damen
des hohen Adels seine Wahl trifft. Leider scheint er aber schon seine
Augen auf eine Bürgerliche oder -- was viel schlimmer ist -- auf eine
gewesene Bürgerliche geworfen zu haben! Das endet nie gut! Die sind zu
ehrgeizig!«
»Sie regen sich doch nicht darüber auf?«
»O doch! Es kränkt mich sogar sehr! Wenn der König solche Allüren hat,
und gar auf eigene Faust vorgeht, da ist der Staat in Gefahr! Da
bedarf es mehr denn je der Führung Sachverständiger! Statt sich von
gewissenlosen Strebern Mätressen aufschwatzen lassen -- die eine dümmer
als die andere -- könnte er sich wirklich -- --«
»Eurer Hoheit anvertrauen?«
»Ja -- ich bitte Sie -- wozu hat er mich? -- Wozu hat er das Corps de
Ballett? Ich würde ihm vortanzen lassen, daß ihm die Beine nur so um
den Kopf schwirren!«
»Apropos!« sagte d'Argenson, der sich nicht zu weit auf das heikle
Gebiet hinauswagen wollte! »Apropos -- Hoheit wissen noch nicht, was
alles draußen wartet! Der ganze Salon strahlt vor Jugend und Schönheit.
Ich sah da unsere charmante Camargo. Die Sallé war auch da! Und dann
etwas ganz Exquisites!«
»Exzellenz scheinen schon die Parade abgenommen zu haben! -- Darf ich
nach dem Gegenstand des hohen Entzückens fragen?«
»Es war ein ganz neues Gesicht! Eine Venus von Gestalt! Ein rassiger
Kopf -- schöne Augen -- und ein Lächeln! -- -- Mein Kompliment, Hoheit!
Sie wissen ihre Truppen zu rekrutieren!«
Der Prinz schüttelte den Kopf.
»Ich weiß nicht, wen Exzellenz meinen!«
»Ich leider auch nicht. Es war nicht in Erfahrung zu bringen!«
Der Prinz faßte sich an den Kopf.
»Ich hab's! Das wird die neue italienische Tänzerin sein! Etwas ganz
Unbedeutendes! Ich versichere -- eine ganz obskure Person, von der
niemand etwas weiß! Fossano versucht sie mir aufzudrängen!«
»Ich sah ihn auch draußen!«
»Ja. Ich lasse ihn diesmal lange antichambrieren! Ich bin unzufrieden
mit ihm!«
»Ein glänzender Tänzer!«
»Ja, aber ein störrischer Kopf! Es ist sehr unbescheiden von ihm, mir
eine ganz Unbekannte, eine, die nicht den geringsten Namen hat, zu
bringen! Ich erwarte eine Berühmtheit -- und er bedient mich mit einer
Demoiselle Barberini! -- Haben Sie den Namen je gehört?«
»Nein. Ich muß gestehen --«
»Sehen Sie!«
»Wollen aber Hoheit nicht die Damen empfangen? Es wäre ja unrecht, sie
meinetwegen warten zu lassen!«
»Sehr gütig! Wenn Exzellenz gestatten, bin ich dann so frei, sie Ihnen
vorführen zu lassen. Auf welche belieben Eure Erzellenz zuerst die
Augen zu werfen?«
»Ganz nach Ihrem Belieben, mein Prinz!«
»Auf einmal dürfen wir sie nicht besichtigen! -- Sie sind spinnefeind
miteinander! Eure Exzellenz lieben ja mehr den seriösen Tanz, nicht
wahr?«
»Allerdings! Ich bewundere die Majestät der Sallé! Aber die schönen
Augen der Camargo versöhnen mich auch mit ihrer ausgelassenen Tanzart!«
»Exzellenz gefallen sich in der Rolle des Paris?!«
»Ich gesteh's! Ich wüßte aber nicht, wem ich den Schönheitspreis
zusprechen sollte! Ob Juno, ob Minerva --«
»Also der Reihe nach! Ich lasse Madame Sallé bitten!«
Der Türsteher ging hinaus und machte gleich nachher beide Flügeltüren
auf.
»Madame Sallé!«
Herein schwebte in üppiger Majestät die Prima-Ballerina der Oper,
die weiten Reifröcke graziös wiegend -- die Spitzenmantille fest
um den üppigen Busen zusammengenommen -- die Mimik in einem
spöttisch-ironischen Lächeln kulminierend -- die Augen schmerzlich
unter sanft zusammengezogenen Brauen blickend -- die ganze Erscheinung
voll ebenso verletzter wie unnahbarer Würde.
Sie segelte an dem sich galant verbeugenden d'Argenson vorbei,
beantwortete seinen Gruß mit einer sanften Biegung des Kopfes und
blieb vor dem Prinzen stehen, öffnete wiederholt die Lippen, um zu
markieren, daß sie keine Worte finden könnte, und schlug mit ihrem
Fächer ein paarmal ungeduldig in ihre linke Hand. Sie war anscheinend
aufs höchste empört!
»Blicken Sie mich nicht so ungnädig an, Madame« -- fing der Prinz an,
ergriff ihre Hand und führte sie an die Lippen. »Sie sehen mich äußerst
besorgt über die harte Notwendigkeit, die mich zwang, Sie warten zu
lassen! Aber wir Großen der Erde sind geplagte Geschöpfe! -- Die
Wünsche unseres Herzens müssen wir leider den Forderungen der harten
Pflicht hintansetzen. Ich hatte mit Seiner Exzellenz Staatsgeschäfte
von größter Wichtigkeit zu besprechen!«
Sie blickte den Kriegsminister von oben herab erstaunt an, als wollte
sie fragen, welche Staatsgeschäfte wohl wichtiger sein könnten als die
Affären des königlichen Ballettkorps -- dann öffnete sie die Lippen und
fand jetzt Worte.
»Ich bedaure, in so hochwichtigen Geschäften gestört zu haben«,
lispelte sie. »Ich werde aber Eure Hoheit nicht lange in Anspruch
nehmen. Ich komme nur, um von Eurer Hoheit Gnade meine Entlassung zu
erbitten.«
»-=Jamais! Jamais de la vie!=- Was denken Sie sich nur? Wo kämen wir
ohne Sie hin! Wir müßten ja die Oper schließen! Ganz Paris würde
Aufruhr machen!«
»Hoheit täuschen sich! Seitdem die Camargo ihre italienischen Tänze in
Mode gebracht hat, kümmert sich ganz Paris nur um sie! Die hohe Kunst
schleicht beschämt davon!«
»Die hohe Kunst, deren einzige Vertreterin Sie sind, Madame, wird nach
wie vor in Ehren gehalten! Und sollten Sie anderer Ansicht sein, so
wird Sie unser Freund, der Kriegsminister, der hervorragendste Kenner
und Verehrer der hohen Schule, vom Gegenteil zu überzeugen wissen!
Seine Exzellenz brennt vor Verlangen, heute bei Ihnen zu dejeunieren
--«
Sie grüßte d'Argenson jetzt mit äußerster Liebenswürdigkeit, sie
bemerkte die verstohlenen Zeichen nicht, die Carignan ihm hinter ihrem
Rücken machte, und akzeptierte deshalb auch anstandslos die Deutung,
die er der erschrockenen Miene des Ministers sogleich gab.
»Seine Exzellenz werden mir verzeihen«, lachte der Prinz, »daß ich
Gefühle ausplaudere, die er Ihnen am liebsten selbst verraten hätte.«
»Ich werde mich glücklich schätzen«, stammelte d'Argenson.
»Nicht wahr -- und Sie haben dann die Güte, mit Madame Sallé das
Programm zu vereinbaren, das wir demnächst Ihrer Majestät der Königin
vorführen werden! -- Sie sehen, Madame, wir machen nichts ohne Sie --
Sie sind uns ganz unentbehrlich -- und Exzellenz, als -=persona grata=-
bei der Königin, wird Ihnen da helfen, das Richtige zu finden. Tun Sie
Ihr Bestes, Madame -- und lassen Sie mir bald Ihre Befehle zugehen!«
Er küßte ihre Hand -- die Audienz war zu Ende. Die Ballerina
beantwortete äußerst aimable die tiefen Reverenzen der beiden Kavaliere
und schwebte, jetzt jeder Zoll eine triumphierende Göttin, wieder an
dem Kriegsminister vorbei. Sie flüsterte ihm dabei hold zu, daß sie
sich ein Vergnügen daraus machen würde, ihn in einer Stunde bei einer
trüffierten Ente wiederzusehen, und verschwand.
»Demoiselle Camargo!« meldete der Türsteher, die Flügeltüren wieder
weit offenhaltend!! -- Und über die Schwelle rauschte jetzt eine
Erscheinung, deren Glanz den der Sonne gewiß verdunkelt hätte, wenn
dieser von plebejischen Neigungen angekränkelte Lichtklumpen jemals
seine Schuldigkeit täte!
Es war eine hohe, schlanke Gestalt, mit fülligem, etwas süßlichem
Gesicht und einer Lässigkeit in der Art, sich zu geben, die ebensosehr
von verhaltenem Feuer wie von Neigung zur Bequemlichkeit zeugte -- ein
Temperament, das bald lustig überschäumen, bald in Trübsinn hindämmern
konnte -- etwas Ungewisses, Unausgeglichenes -- eine Persönlichkeit
mit eigenem Gesicht und selbstbewußt, aber ohne Pose! Dem Prinzen war
sie aber nur eine Frau unter den vielen, die man alle nicht ernst
nehmen durfte! Sie beantwortete das Kompliment der beiden Kavaliere mit
gemessener Würde und lächelte, aber nur so viel, wie die Konvenienz
unbedingt erforderte.
»Monseigneur«, lispelte sie nonchalant, »wollen gütigst entschuldigen,
daß ich wegen einer Kleinigkeit störe!«
»Ich freue mich immer, Sie zu sehen, Mademoiselle! Womit kann ich Ihnen
gefällig sein?«
»Eure Hoheit sehen mich hier, um meinen Abschied zu verlangen!«
»-=Mon Dieu=-, Sie auch!« rief der Prinz mit komischer Verzweiflung.
»Soeben teilte uns Madame Sallé ihre Demission mit -- weil Ihre
Schönheit und Ihre Kunst die ihrige verdunkelt! Nicht wahr, Exzellenz?«
»Ganz recht!« lächelte d'Argenson.
»Sehen Sie, Madame! Und jetzt wollen Sie auf Ihren Triumph verzichten?!
Sie scherzen wohl?«
»Es ist mein Ernst, Hoheit!«
»Aber warum? Sie werden doch hier vergöttert! Ganz Paris liegt Ihnen zu
Füßen! Alle Welt buhlt um ein Lächeln Ihrer holden Lippen --«
»Und Hoheit sehen sich _=trotzdem=_ nach Ersatz um!«
»Madame, Sie wissen doch selbst am besten, wie unersetzlich Sie sind!
-- Brauche ich Ihnen wohl noch zu sagen, wie sehr ich das Glück
schätze, Sie als Zierde der Oper bei uns zu wissen! Ich denke ja über
nichts anderes nach, als wie ich Ihnen das recht deutlich zum Ausdruck
bringen könnte! Gestern noch habe ich mich bei allen Juwelieren der
Stadt bemüht! Nichts war mir schön genug; nichts, was mir Ihrer würdig
erschienen wäre! Immerhin gestatten Sie wohl?«
Und er ergriff rasch ihre Hand, schob ihr mit Aplomb den bereit
gehaltenen Brillantring an den Finger und besiegelte seine
Wertschätzung mit einem Kuß auf ihre rosigen Fingerspitzen.
»Als Zeichen unwandelbarer Treue, Madame! -- Hübsch, nicht wahr?«
wandte er sich zu d'Argenson, auf den Solitär zeigend.
»Charmant! Ein seltenes Feuer!« antwortete der Krieger im Tone
höchster Bewunderung -- und blickte der Tänzerin in die Augen, um
ihr anzudeuten, daß kein noch so funkelnder Diamant mit deren Glut
wetteifern könnte.
Einen Augenblick war sie vom Glanz des selten schönen Steines
geblendet. Dann richtete sie sich auf, streifte den Ring vom Finger und
legte ihn auf den Tisch.
»Nein, Hoheit«, sagte sie, »so war es nicht gemeint! Verletzte
Eitelkeit dürfen Sie mir nicht zutrauen! Ich kenne meinen Wert und
weiß, daß ich hier als Künstlerin etwas gelte! Wenn ich aber die neue
Tanzkunst eingeführt und ihr zum Sieg verholfen habe, so will ich auch
die Ehren davon haben. Ich gebe mich nicht dazu her, für andere zu
arbeiten, nur damit sie nachher bloß heranzuhüpfen brauchen, um mit
lächelnder Miene die Frucht meiner Mühe für sich zu ernten! Ich will
keine Brillanten für meine Person. Ich will die gebührende Anerkennung
für meine Kunst -- oder ich gehe!«
»Ich verstehe Sie nicht!«
»Hoheit verstehen mich nur zu gut!«
»Ich höre wohl, daß Sie sich beklagen. Aber ich sehe wirklich nicht den
geringsten Anlaß!«
»Wäre es denn möglich, daß hier eine neue italienische Ballerina ohne
Wissen Eurer Hoheit engagiert werden könnte?«
»Jetzt begreife ich! Sie meinen die, die da draußen wartet?! -- Die
macht Ihnen Kopfschmerzen? Aber meine Liebe! Das ist ja etwas ganz
Obskures -- etwas ganz Unbedeutendes -- ein Nichts, das ich nicht
einmal bemerkt habe! Wenn das zu Ihrer Beruhigung beitragen kann, so
hören Sie: ich werde sie überhaupt nicht empfangen!«
»Hoheit werden sie empfangen!«
»Mein Ehrenwort, Madame -- mein Ehrenwort als Kavalier, ich werde es
nicht tun!«
»Ach, die Männer sind alle falsch! Hoheit werden sie empfangen! Hoheit
werden sie auch tanzen lassen!«
»-=Mais non!=-«
»Warum auch nicht? Sie hat Geist -- sie hat Genie! -- Ich habe mit ihr
geplaudert -- sie führt eine glänzende Konversation! Und wenn meine
liebe Landsmännin ebenso gut tanzt, wie sie schön ist -- --«
»So braucht eine Camargo deswegen nicht besorgt zu sein! Oder wäre es
möglich? -- Die Camargo selbst fürchtet sich!«
»Ich fürchte mich nicht!«
»So bleiben Sie denn! Nehmen Sie den Kampf auf! Wenn Sie vor der
Schlacht fliehen -- _=dann=_ allerdings -- --«
Sie überlegte einen Augenblick.
»Wohlan denn! Ich bleibe! Ich nehme den Kampf auf!«
»Aber keine Feindseligkeiten! Ich bitte Sie -- ich flehe Sie darum an!
Sie wissen: ich verabscheue nichts so sehr wie Aufregungen im Theater!«
»Hoheit können unbesorgt sein! Ich kämpfe nur durch meine Leistungen!«
»Bravo!« rief d'Argenson.
»Sie werden siegen!« beteuerte Carignan und griff nach dem verschmähten
Ring. »Gestatten Sie mir, im Vorgefühl Ihres gewissen Triumphes Ihnen
dies kleine Angebinde nochmals zu offerieren? Sie lehnen es doch nicht
ab? Sie tun mir den Schmerz nicht an?«
Er schob ihr nochmals den Ring an den Finger, und sie ließ es jetzt zu.
»-=Merci!=- Ich werde ihn als Zeichen guten Einverständnisses
behalten«, sagte sie gnädigst. »Und jetzt will ich nicht länger
aufhalten! Meine Nebenbuhlerin wartet!«
»Aber ich sagte Ihnen ja -- -- ich werde sie nicht --«
»Ich weiß! Hoheit gaben Ihr Ehrenwort, sie nicht zu empfangen! Dann ist
es eben höchste Zeit, daß ich Platz mache! -- -=Bon jour, messieurs!=-
Ich wünsche gute Unterhaltung!«
Und hold lächelnd schwebte sie hinaus.
Die beiden Herren blickten sich an und lachten laut auf.
»Möchten Exzellenz nicht auch bei ihr frühstücken?«
»Es wird kaum noch not tun! Ich werde mir wohl bei der Sallé redlich
den Appetit verderben! Sie haben ja bereits die Güte gehabt, Schicksal
zu spielen -- --«
»Ich glaubte der Neigung Eurer Erzellenz entgegenzukommen! Oder
-- wäre es noch zweifelhaft, welcher von den holden Göttinnen der
Schönheitspreis gebührte?«
»Schön ist Minerva -- -- Juno verlockend -- --«
»Nicht wahr?«
»Aber Venus --«
»Was Sie sagen? Ist sie denn wirklich so hübsch, die --?«
»Blendend schön!«
»-=Sacré nom de Dieu!=-«
»Wie schade, daß Hoheit Ihr Ehrenwort gaben!«
»Nun, wenn auch Sie mich daran erinnern, dann muß ich wohl jenes
Ehrenwort schleunigst aus der Welt schaffen!«
»Bravo!«
»Ich werde sie also empfangen!«
Carignan setzte den Hut auf und gab dem Türsteher einen Befehl; dieser
öffnete den einen Flügel der Tür, und herein traten Fossano und die
Barberina.
»Nun, Signore?« fing der Prinz von oben herab an und ignorierte die
Barberina gänzlich, »wir sind ungeduldig?«
»Ich kann es nicht leugnen, Hoheit -- --«
»Ich höre es zu meinem Erstaunen! Ich hörte sogar von Drohungen?«
»Ich muß gestehen, Hoheit, ich war nicht darauf gefaßt -- --«
»Weiß schon! Sie waren entrüstet! Der Prinz von Carignan, Königliche
Hoheit, hätte Ihnen, dem berühmten Tänzer, wohl den Wagentritt halten
-- Sie, den Hut in der Hand, auf der Straße empfangen sollen -- --«
»Sie hätten mich hier empfangen sollen, wie ich's wohl beanspruchen
könnte! Einen Künstler meines Ranges läßt man nicht acht Tage
hintereinander antichambrieren.«
Der Prinz maß ihn mit einem Blick grenzenloser Verachtung.
»Sie irren sich, Signore! Es interessiert uns keineswegs, zu wissen,
_=warum=_ Sie unzufrieden sind! Es interessiert uns nicht einmal, zu
wissen, _=daß=_ Sie sich mokieren! Es interessiert uns höchstens, was
wir selbst Ihnen gegenüber empfinden! Und wir sind mit Ihnen sehr
unzufrieden! Verstehen Sie? _=Sehr=_ unzufrieden!«
»Dürfte ich fragen, warum?«
»Sie hatten von uns den bestimmten Auftrag bekommen, sich eine
Partnerin auszusuchen! Die Camargo weigert sich ja, in Ihren Pantomimen
aufzutreten! -- Ich hatte Sie gebeten, eine Tänzerin ersten Ranges
zu engagieren! Der Bequemlichkeit halber ließen wir im Vertrag den
Platz für den Namen offen. -- Und Sie mißbrauchen unser Vertrauen! Sie
schreiben da einen Namen hinein, der kein Name ist -- von dem kein
Mensch etwas weiß -- von dem kein Mensch je etwas gehört hat! Statt
einer Künstlerin bringen Sie uns eine Anfängerin her.« -- Auch jetzt
würdigte Hoheit Barberina keines Blickes. »Ja, mein Lieber, wir sind
kein italienischer Duodezstaat, wir sind Paris -- wir sind am ersten
Hofe der Welt! -- Wir suchen uns unsere Leute unter den allerersten
Berühmtheiten aus! Wir haben es nicht nötig, uns eine obskure Null
oktroyieren zu lassen!«
»Ich bin durchaus der Ansicht Eurer Hoheit!«
»Sehr gnädig!«
»Ich wage sogar zu behaupten, daß ich den Befehl Eurer Hoheit nicht
nur mit der größten Gewissenhaftigkeit ausgeführt, sondern noch weit
übertroffen habe!«
»Diese Kühnheit! -- Ich muß sagen -- -- da bin ich wirklich neugierig!«
Trotzdem aber würdigte er Barberina keines Blickes.
Fossano antwortete nicht. Er flüsterte Barberina nur schnell ein paar
Worte zu, faßte sie bei der Hand, und im nächsten Augenblick wirbelte
sie durchs Zimmer wie ein losgelassener Schmetterling und schloß ihr
Extempore mit einem Luftsprung ab, wobei sie, ehe sie die Erde wieder
berührte, die Füße wiederholt aneinanderschlug.
Der Prinz stand mit offenem Munde da.
»_=Acht=_mal«, sagte Fossano, »achtmal, Hoheit! -- Das macht ihr in der
ganzen Welt keine nach! Die Camargo bringt es nur fertig, die Füße im
Schweben _=vier=_mal aneinanderzuschlagen.«
»Nun, das wird wohl auch bloß viermal gewesen sein!«
»Vorwärts, Barberina!« rief Fossano, »noch einmal!«
Der Kriegsminister setzte sich, um besser zu sehen. Fossano faßte
seine Schülerin wieder bei der Hand -- noch einmal wirbelte sie durchs
Zimmer -- noch einmal machte sie den Sprung -- aber jetzt absichtlich
so nahe an dem Prinzen vorbei, daß sie ihm mit dem Fuße den Hut vom
Kopfe schlug. Der Prinz wankte und sank in den Sessel und blieb da mit
offenem Munde sitzen.
»Bravo!« rief d'Argenson begeistert. »Es war mindestens achtmal! Ich
habe gezählt!«
»Das hohe C der Tanzkunst!« stammelte Carignan verblüfft. »Ich gestehe
-- ich bin konsterniert! Superb! -- Ja, sagen Sie mal, mein Kind -- wo
haben Sie _=das=_ gelernt?«
Fossano verbeugte sich, die Hand auf dem Herzen.
»Alle Achtung, Signore! Alle Achtung! Das macht Eurem Unterricht alle
Ehre! Das kann noch etwas werden!«
»Das wird eine Sensation!« rief d'Argenson begeistert. »Man wird das
Theater stürmen!«
»Warten wir es ab -- warten wir ab! -- Exzellenz sind immer sehr leicht
begeistert! -- Vergessen Sie nur nicht, bei wem Sie heute frühstücken!«
»So etwas macht einen alles andere vergessen! Das würde mich sogar der
alten hohen Schule untreu machen können!«
»Da muß ich sagen! -- Da muß ich wirklich gratulieren!« sagte Carignan,
stand auf, nahm den Hut von dem sich verbeugenden Fossano in Empfang
und ging auf Babara zu. »Da haben Sie einen großen Sieg über die
Camargo gewonnen! Sie müssen wissen: nicht einmal die Camargo hat es
vermocht, Seine Exzellenz den Kriegsminister zur neuen Tanzkunst zu
bekehren! Er war bis jetzt der überzeugteste Verehrer der seriösen
Schule! Und jetzt, auf einmal --! Ja -- wenn Sie auf die Art gleich
auch alle anderen Widerstände überwinden, dann wollen wir es mit Ihnen
versuchen! -- Wie heißen Sie?«
»Babara!«
»Demoiselle Barberini!« beeilte sich Fossano zu korrigieren.
»Sag mal, Babara«, sagte Carignan, nachdem er mit einem Blick Fossano
seine Mißbilligung für die Einmischung ausgedrückt hatte, »sag mir,
mein Kind, wo haben wir das -- mit dem Hut -- gelernt?«
Sie lächelte schalkhaft.
»Famos! -- Wirklich exzellent!«
Er streichelte ihr gnädigst die Wange, und sie ließ es
pflichtschuldigst zu.
»Und diese hübschen Augen -- diese reizenden Grübchen!« -- Er kniff ihr
leicht die Wange, hochbefriedigt, nicht den leisesten Widerstand zu
finden.
»Wirklich reizend! Sie werden meine Pariser bezaubern! Sie werden hier
Ihr Glück machen!«
Endlich ließ er von ihr ab und ging ein paarmal durchs Zimmer, um die
Fassung wiederzugewinnen. Dann blieb er vor Fossano stehen.
»Sie haben recht gehabt! Ich habe mich entschlossen, Ihre Schülerin
anzunehmen! Sie wird sich hier machen. Wir werden gleich sehen, wie wir
sie wirksam einführen!«
»Dürfte ich Eurer Hoheit vorschlagen, in meiner neuesten Pantomime --«
»Nein -- nichts Neues! Noch nicht! -- Die Oper von Rameau geht noch
sehr gut! Wir sind dem Meister verpflichtet -- wir müssen sie weiter
geben! -- Aber ich will mit ihm reden -- noch heute werde ich ihn
kommen lassen -- er wird ein paar neue Tänze einfügen müssen -- extra
für unsere Akquisition hier etwas komponieren! Ich bringe ihn dazu!
-- Er wird entzückt sein! -- Nachher konferieren Sie selbst mit ihm,
Fossano!«
»Wie Eure Hoheit befehlen!«
»Und dann vergessen Sie die Presse nicht -- sie muß vorbereitet sein!
-- Na, das verstehen Sie -- Sie sind ja nicht zum ersten Male in Paris!«
»Ich weiß Bescheid!«
»Das muß eine Überraschung werden -- eine sensationelle Überrumpelung!«
»Wie eine Bombe wird es einschlagen!« rief der Kriegsminister
begeistert.
»Wie soeben hier, so muß es kommen! Man weiß nichts -- man hat keine
Ahnung -- und plötzlich ist das Ereignis da! Und man ist entzückt! So
muß es kommen!«
Er ging wieder auf sie zu und betrachtete sie mit Kennermiene.
»Wirklich eine ganz aparte Erscheinung -- etwas ganz Seltenes! --
Exzellenz haben recht gehabt! -- Exzellenz sind Connaisseur!« lachte
er. »Aber leider schon engagiert! -- Nun, das wird sich auch finden!
-- Sie werden sich kaum wehren können! -- Ja, sagen Sie einmal, mein
Kind -- haben Sie schon eine Equipage?«
»Nein!«
»Die müssen Sie haben! Wie wollen Sie in Paris vorwärtskommen? --
Equipage ist nötig -- Remisen, Stallungen, Pferde, Kutscher, Diener --
ein eigenes Hotel! -- Unumgänglich nötig! -- Man muß empfangen können
-- kleine intime Diners geben -- Komponisten, Dichter, Journalisten
bewirten und, vor allem, in der Gesellschaft eine Rolle spielen! Die
elegante Welt bei sich sehen -- viel von sich reden machen! -- Das ist
zum mindesten ebenso nötig wie das Talent!«
Babara blickte ihn groß an. -- Dann auf einmal platzte sie mit einem
silberhellen Lachen heraus.
»Sie lachen? -- Das ist recht! -- So ist's gut! -- Das alles wird sich
ja bei Ihnen ohne Schwierigkeit einstellen! Das ist selbstverständlich!
Wer so viel Liebreiz hat!« -- Er kniff sie nochmals in die Wange. --
»Da habe ich gar keine Angst! Treten wir erst auf -- gewinnen wir
erst den entscheidenden Sieg, zeigen wir, welch ein Juwel wir sind --
nachher findet sich schon die geeignete Fassung! -- Also morgen bei
meinem Lever konferieren Sie hier mit Rameau, Fossano! Und Sie auch,
Mademoiselle -- äh --«
»Barberini«, soufflierte Fossano.
»Barberini«, wiederholte Carignan, sich jede Silbe einprägend.
»Nun, hoffentlich wird der Name bald so berühmt, daß man sich ihn
ohne weiteres merkt! -- -=Au revoir=- denn, liebe Barberini -- -=au
revoir=-, Fossano! -- Ich hab's eilig -- ich muß zu Hofe -- Sie müssen
mich entschuldigen!«
Er streichelte ihr leicht die Wange, nickte ihr freundlich zu. Fossano
ging und nahm seine Schülerin mit.
D'Argenson verabschiedete sich ebenfalls, und Carignan setzte sich noch
hin, um seine, durch den Sprung Babaras etwas ramponierte Frisur vom
Kammerdiener in ordnungsgemäßen Zustand bringen zu lassen.
Er wollte sich nach beendigter Reparatur wieder erheben, als sich
plötzlich ein Paar weiche Hände vor seine Augen legten.
»Aber was soll das -- wer erlaubt sich? -- Kaum hat man Ordnung
geschaffen, dann wird man wieder --«
»Ruhig Blut«, lachte eine silberhelle Stimme, »keine Aufregung, mein
Ferkelchen! Ich frisiere dich nochmals, daß du mich nicht vergißt!«
»Marietta?« -- rief er und machte die Hände los. »Was machst du hier?
-- Wie bist du hereingekommen?«
»Ich bin die ganze Zeit hiergewesen!«
»Wo denn?«
»Dort hinter der spanischen Wand! Ich habe alles gehört! Den sämtlichen
Audienzen beigewohnt! Die große Sensation mitgemacht, die schnelle
Wandlung in der allerdurchlauchtigsten Gesinnung bewundert. _=Mir=_
machst du keine solchen Anerbietungen, Treuloser! Mir richtest du kein
Hotel ein! Mir versprichst du keine Equipagen --«
»Aber erlaube mal«, rief Carignan, »wem hab' ich etwas versprochen? Ich
habe diese junge Gans vom Lande über alles, was zur Karriere gehört,
unterrichtet -- weiter nichts!«
»Als ob man nicht hinter jedem Worte deine Lüsternheit gehört hätte!
Du willst ihr ein Hotel einrichten, du selbst willst sie aushalten,
leugne es nicht! Aber mich läßt du dir alles abbetteln! Tanze ich nicht
ebensogut wie sie? Bin ich nicht die Mutter deiner Kinder?«
»Zum Tanzen bist du längst zu dick! Du warst einmal gut, das leugne
ich nicht! Sonst wärst du nicht an der Oper! Und -- was die Kinder
betrifft, so ist es durchaus nicht sicher --«
»Willst du vielleicht behaupten --?«
»Ich will nichts behaupten! Ich sage nur: wenn ich von allen den Damen
Kinder hätte, die angeblich welche von mir haben, dann wäre Frankreich
zu klein, sie sämtlich zu beherbergen!«
»Du willst dich also deinen Verpflichtungen entziehen?«
»Gott, ich vergöttere sie ja! Das Mädchen ist allerliebst und die
beiden Buben auch! Ich sorge für sie wie ein Vater! Mehr kannst du doch
nicht verlangen! -- Adoptieren kann ich sie aber nicht! Das würde meine
Frau nicht erlauben!«
»Wenn du nur willst!«
»Ich bitte dich -- die Tochter eines Königs, wie meine Frau -- und --
die Kinder einer Ballettdame adoptieren! Du darfst nicht unbescheiden
werden, Marietta, sonst setze ich dich ab!«
»_=Ich=_ und unbescheiden! -- Für wen plünderst du die Theaterkassen?
-- Für _=mich=_ wohl? Kaufst du meinetwegen der Camargo Solitäre? --
Hab' ich dich gebeten, dem italienischen Fratz, der soeben hier war, zu
versprechen, sie einzurichten, als ob sie eine Fürstin wäre?«
»Pst -- nicht so laut! Staatsgeheimnisse!«
»Wieso Staatsgeheimnisse? -- Du willst mir doch nicht einreden, du
hättest den Auftrag --?«
»Solche Aufträge hat man nie! Als getreuer Untertan führt man sie eben
aus! Man bemüht sich! Und wer da zur rechten Zeit die rechte Person zu
präsentieren versteht, der ist ein gemachter Mann!«
»Und da meinst du, daß _=du=_ -- daß der König sich _=dir=_ anvertrauen
würde?«
»Wozu hätte er sonst wohl einen Prinzen von Geblüt zum
Generalinspekteur des Corps de Ballett gemacht! -- Nun eben, um sich
mit ihm -=en camerade=- über alle einschlägigen Fragen unterhalten
zu können! Er wird schon ungeduldig! Es ist Zeit, daß ich mich ein
wenig eifriger zeige! -- Und diese Italienerin -- sie hat Rasse,
sie hat Feuer -- sie scheint eine kluge Person zu sein! -- Eine
draufgängerische Art, sich zu geben! -- Zum Entzücken! -- Sie wird
nicht nur ganz Paris -- sie wird auch Versailles in Aufruhr versetzen!
-- Du hast doch gesehen, mit welcher Fermeté sie mir den Hut vom Kopfe
schlug?«
»Und nun, denkst du, wird sie dem König in derselben Weise die Krone
vom Kopfe tanzen!«
»-=Mon Dieu=-, wie respektlos! Die Krone ist doch keine Nachtmütze!
-- Der König wird aber gnädig sein -- sie wird Gnade vor seinen Augen
finden, und wir auch! -- Der Kardinal ist schon alt -- der König muß
einen neuen Staatsminister haben! Wer weiß, Marietta -- wenn uns das
Glück hold ist -- vielleicht werde ich bald imstande sein, dir ein
Marquisat zu besorgen!«
Er küßte ihre Stirn.
»Aber hübsch ruhig sein! -- Mir nie mit Eifersucht kommen, so sehr
ich auch für andere inkliniere! -- Das geschieht alles nur wegen der
Karriere! Laß mich meine Pläne verfolgen -- kümmere du dich um meinen
Hausstand und die Kinder, und du sollst sehen, ich kaufe dir ein
Marquisat! -=Parole d'honneur=-, ich tu's! Und von deinen Söhnen kriegt
jeder ein Regiment! Deine Tochter verheirate ich mit einem Grafen!
Inzwischen nimm -- nimm dies alles --«
Er zog das Fach seines Sekretärs auf, wo er den Erlös des gestrigen
Spiels hineingetan hatte, und leerte den Inhalt in ihren Schoß.
»Nimm! Kauf dir alles, was du magst -- verschwende -- fühl dich reich,
damit du einen Vorgeschmack bekommst! -- Wenn du mir nur nicht in die
Quere kommst -- wenn du mir nur keine Szenen machst! -- Dann wirst
du's staunend erleben, wie der alte Glanz hier wieder heimisch wird!
Dann mache ich all die Holzbaracken draußen um den Garten herum dem
Erdboden gleich und mache es wieder gut, daß ich dem Schwindler Law
gegen schnödes Geld erlaubte, sie zu errichten! Geld, das er mir noch
schuldig ist! -- Dann lasse ich die Gärten im alten Umfang und alter
Herrlichkeit wieder auferstehen -- wie sie einst waren, als Katharina
von Medici nach den Mühen des Tages drinnen lustwandelte! -- Dann jage
ich die Spieler und Wucherer hinaus und fege das Pack in den Rinnstein!
-- Dann, Marietta -- dann --! Aber jetzt gib mir einen Kuß! -- Und nun:
-- still sein, lächeln -- was auch geschehen mag! -- Du verstehst? --
Du bist doch brav! -- Du wirst dich tapfer halten? -- -- Noch einen
Kuß! -- Aber die Zeit eilt! Ich muß fort! -- -=Au revoir, ma chère! Au
revoir!=-«
Er setzte kokett den Hut auf den Kopf und trippelte graziös auf seinen
hohen Absätzen hinaus -- zwischen zwei Reihen gekrümmter Lakaienrücken
zur wartenden Staatskarosse, um nach Versailles zu fahren und dem König
von seiner neuesten Akquisition vorzuschwärmen.
Marietta blieb allein. Von Zeit zu Zeit nahm sie eine Handvoll Gold
auf, ließ es durch die Finger auf ihren Schoß niederrieseln und freute
sich der Musik des klirrenden Metalls, das die Welt beherrscht.
8
Es war die Zeit der ersten Mätressenschau im Leben des fünfzehnten
Ludwig.
Das königliche Glücksschiff hatte, nach anfänglichem Zögern, den Hafen
der ehelichen Treue verlassen und trieb noch etwas unsicher und ohne
Führung auf dem Meere Kytheres umher.
Bange Ungewißheit hatte den Sinn der getreuen Untertanen ergriffen.
Würde es, nach glücklicher Lustfahrt, mit Ehren und Ruhm reich beladen,
in den schützenden Hafen zurückkehren oder, von ungeschickter Hand
gelenkt, kläglich scheitern?
Jeder fühlte sich berufen, hier die Führerschaft an sich zu reißen!
Ehrgeiz und Eigennutz waren am Werke; Neid und Verleumdung ebenso.
Ein erbitterter Kampf im dunkeln wurde zwischen den verschiedenen
Parteien geführt -- Kabalen wurden gesponnen -- Intrigen entlarvt.
Denn die Frucht des Sieges war auch der Mühe wert. Wer es vermochte,
die Lenkstange an sich zu reißen, dessen Wille beherrschte die Fahrt.
Ein unmerklicher Druck der Hand war imstande, das Ziel zu verrücken und
das allgemeine Interesse in die Bahn des Einzelvorteils zu steuern.
Das Schlafzimmer des Königs war die Brutstätte der allerhöchsten
Entschließungen, denen Frankreich -- und, wenn's gelang, die ganze Welt
-- zu gehorchen hatte. Wer da der Trägheit des Königs die Mühe des
Entschlusses möglichst schmerzlos -- das heißt: möglichst unmerklich --
abzunehmen verstand, hatte gewonnenes Spiel.
Es galt also, die geeignete Person vorzuschieben, ohne den Argwohn des
Königs zu wecken, und sie nachher, ohne Eklat, zu beeinflussen.
Der hohe Adel, dessen ausschließliches Prärogativ es gewesen war,
das heiß umstrittene Amt einer königlichen Mätresse zu besetzen,
hatte schon ausgespielt. Zu mächtig und einflußreich durch seine
allumfassenden Familienverbindungen, hatte der Adel wohl nicht die
nötige Vorsicht walten lassen und längst das Mißtrauen des Königs
geweckt.
Durch Verschwendung und Vergnügungssucht geschwächt, hatte der Adel
schon angefangen, einen Teil seiner Macht den der reich gewordenen
Bürgerschaft entstammenden Generalpächtern, Armeelieferanten und
anderen Finanzgrößen abzutreten, deren Töchter -- durch vollendete
Erziehung den Damen der Gesellschaft gleich, durch adlige Heiraten
hoffähig -- nun auch den Wunsch bemerkbar werden ließen, an dem
Wettrennen um die königliche Gunst teilzunehmen.
Der Wunsch des Königs, sich dem Ränkespiel der Höflinge zu entziehen,
und wohl auch eine gewisse Übersättigung und ein Drang nach
Abwechselung kamen ihnen da entgegen.
Mit Schrecken nahm es der Hochadel wahr!
Die Erinnerung an die Zeit des vierzehnten Ludwig, wo die Witwe Scarron
das Land zum Besten der Jesuiten geschröpft hatte, war noch in frischer
Erinnerung!
Man war also sehr auf der Hut gegen Überraschungen und schöpfte beim
geringsten Anlaß Verdacht.
Noch herrschte wohl die Hofgesellschaft durch die Gräfin von Toulouse
und Mademoiselle du Charolais, die die Galanterie des Königs in ihre
Interessensphäre hineinzudirigieren verstanden. Sie hatten die Liaison
des Königs mit der Gräfin du Mailly herbeigeführt und begünstigt und
ihr durch die klug bereit gehaltene Reserve ihrer beiden Schwestern
eine gewisse Stetigkeit zu geben versucht.
Aber man war in maßlose Aufregung geraten durch die anscheinend nicht
ganz erfolglosen Attacken der unternehmungslustigen »kleinen Poisson«,
wie man immer noch Madame d'Etioles nannte.
Und der Eifer und der Aplomb, mit denen der Prinz von Carignan seinen
neuentdeckten Schützling zu inszenieren verstand, brachte alles in
Verwirrung.
Seit einer Woche redete ganz Paris nur von der Barberini.
D'Argenson machte sich ein Vergnügen daraus, die Hofgesellschaft
zu mystifizieren. Der Umstand, daß Rameau selbst extra für sie
Tanzeinlagen komponieren mußte und, was noch mehr besagte, daß dieser
eigenwillige Meister es mit Begeisterung tat, brachte die Künstler,
die mit Madame d'Etioles intime Beziehungen unterhielten, in hellen
Aufruhr, und der wurde durch den Neid der anderen Tänzerinnen und ihrer
Parteigänger noch mehr geschürt.
Als der Tag ihres ersten Auftretens kam, war auch der Saal der Oper
gedrängt voll von allem, was Namen oder Geltung hatte.
Die Logen boten einen glänzenden Anblick dar.
Das vergoldete Schnitzwerk, das vom Boden bis zur Decke die Logen
umrankte, hatte selten so viel Pracht und Schönheit auf einmal
eingefaßt. Überall gepuderte Lockenköpfe, Perlen, Geschmeide und
funkelndes Edelgestein, nackte Schultern, schwellende Busen und
kokette Blicke hinter spielenden Fächern -- das vordere abgesperrte
Parkett voll von eleganten Kavalieren des Hofes und der Aristokratie
-- hohen Beamten und tapferen Kriegern, die mit den Insassinnen der
Logen liebäugelten und verstohlene Zeichen austauschten. Auf der
Bühne, rechts und links im Proszenium auf den bevorzugten »-=bancs du
théâtre=-«, die Habitués aus allen Gesellschaftskreisen! Und hinten, im
Parkett, die reiche Bürgerschaft, die Künstler und die ganze goldene
Jugend des Seinebabels, hin und her gehend, plaudernd, kritisierend und
kokettierend.
»Mademoiselle«, wie der offizielle Titel der Madame de Charolais
lautete, hatte ausnahmsweise auch Zeit gefunden. Ihre Anwesenheit hier
war heute wichtiger als die gewohnte Unterhaltung mit dem König, dem
sie nachher, beim Souper, mit dem Verlauf des großen Ereignisses zu
unterhalten gedachte.
Spöttisch blickte sie zur Loge der Madame d'Etioles hinüber, die,
strahlend schön und ebenso reich wie geschmackvoll geschmückt, sich von
den Künstlern und Finanzleuten den Hof machen ließ.
Das war ein Kommen und Gehen bei ihr. Bald tauchte das spitze
Fuchsgesicht Voltaires im Hintergrund der Loge auf, bald die würdige
Dichtermajestät Crébillons. Der Präsident Henault verschmähte es nicht,
ihr die neuesten Bonmots aufzutischen, auch ein Prinz von Geblüt,
der stolze Herzog de la Vallière, küßte ihr die Hand, während ihre
Beschützer und Manager, die reichen Armeelieferanten Paris-Duvernois
und der Generalpächter Le Normand-Tournehem, dem sie die Ehe mit seinem
Neffen und dessen neugebackenen adligen Namen verdankte -- sich damit
begnügten, sie aus der Ferne zu grüßen. Sie waren nicht wenig stolz
auf ihre Schöpfung und träumten von ihrer zukünftigen Macht und Größe,
auf den vielumstrittenen Platz an der Seite des Königs.
Aus einer Loge der zweiten Galerie blickte beglückt Mama Poisson zu
ihrer unternehmungslustigen Tochter hinunter und tauschte Grüße mit
den Herren von Paris aus, mit deren Geld sie Frankreich ihrer Tochter
erobern wollte.
Der ehrgeizige junge Prinz von Croy -- die Mätressensprößlinge des
vierzehnten Ludwig: die Herzöge von Chartres und von Nivernois -- der
erste Kammerherr Herzog de Chesvres, und der berühmteste Herzensbrecher
seiner Zeit, der elegante Herzog von Richelieu -- alle waren sie da --
vom Theater alles, was frei war -- die Minister d'Argenson und Maurepas
-- der alte Literat Fontenelle, der junge Textdichter Rameaus, Louis
de Cahussac, und alle die jungen Reimschmiede der Tagesereignisse!
-- Alle waren sie herbeigeeilt -- die Damen der Aristokratie, um die
mutmaßliche Konkurrentin um die allerhöchste Gunst mit eigenen Augen
zu sehen und Konterminen zu legen -- die Dichter, um sich an ihrer
Schönheit zu gut bezahlten Gedichten zu inspirieren, und die Kavaliere,
um neuen Nervenkitzel zu suchen.
Aus seiner Loge musterte der Prinz von Carignan sein Publikum und
schwelgte im Vorgefühl der Sensation, die er ihm heute bieten konnte.
Er lächelte befriedigt, als er im Parkett eine ernste, würdige, einfach
gekleidete Gestalt wahrnahm, deren Gegenwart sehr beachtet wurde, die
sich aber um niemand kümmerte. Es war der erste Kammerdiener Ludwigs,
Bachelier, den Carignan eigens gebeten hatte, sich heute einzufinden.
Durch dessen Beihilfe hoffte er seine ehrgeizigen Pläne zu fördern und
den anderen Aspiranten auf das Bett Frankreichs ein Schnippchen zu
schlagen.
Im Orchester stimmten die Geiger ihre Instrumente und rückten die
Pulte zurecht; die Holzbläser bliesen, um ihre Flöten und Klarinetten
zu erwärmen; die Hornisten prusteten diskret, wie sich's gebührte,
und leerten das Wasser aus den Hörnern; die Rampe wurde angezündet;
hinter dem Vorhang klopften und hämmerten die Theaterarbeiter, aber das
Dirigentenpult war noch leer.
Endlich kam er, der gefeierte Liebling der Musen, Rameau!
Langsam schlängelte sich seine lange, biegsame Gestalt mit dem
feingeschnittenen Kopf, leicht vorgeneigt, zwischen den Pulten
hindurch. Er blieb hier und dort stehen, blätterte in den Noten
und erteilte einige letzte Instruktionen an seine Leute. Zerstreut
streiften seine Blicke durch die glänzende Versammlung, ohne zu sehen
-- ganz erfüllt von den Bildern seiner Phantasie! -- Er lächelte in
sich hinein und versank in Träumereien, aus denen er dann und wann
erwachte, um dem Publikum einen spöttischen Blick zuzuwerfen.
Er hatte noch nie eine solche Genugtuung empfunden wie heute. Von der
Natur mit einem unbändigen Schaffenstrieb begabt -- mit einer nie
versiegenden Ader genialer Einfälle begnadet, hatte er sein Leben
lang um ein einfaches Menschenrecht, sich nach seiner Veranlagung
zu betätigen, kämpfen müssen. -- Erst mit der lieben Familie, die
ihm das langsame und sichere Klettern nach dem täglichen Brote auf
der gesellschaftlichen Himmelsleiter beibringen wollte, ihn ins
Jesuitenkolleg steckte und ihm die Robe des Richters als Gipfel
der Entwickelungsmöglichkeiten anwies. Und dann, nach erfolgter
Empörung und persönlicher Befreiung -- nach dem geistigen Wachstum im
Zigeunerleben der freien Kunst, als herumstreichender Musikant und
Geiger bei den ambulierenden Theatergesellschaften -- das nochmalige
Einkapseln als ruhiges, gesetztes Mitglied der göttlichen Weltordnung!
Aber jetzt als beamteter musikalischer -=Maître de plaisir=- und
Modekomponist der verschrobenen Gefühle jener tausendköpfigen Bestie
Publikum, die da in Samt und Seide, von Gold und Geschmeiden strotzend,
gepudert, geschminkt und mit Schmuck behangen, auch modisch empfinden
und konventionell seufzen wollte! -- -- Eine noch schlimmere geistige
Knechtung und Gefangenschaft der Persönlichkeit als die, in die die
Familie ihn eingekerkert hatte! Und jetzt wie damals ums tägliche Brot!
Aber jetzt nicht mehr aus Unkenntnis der eigenen Kräfte, sondern mit
vollem Bewußtsein und aus beginnender Schwäche!
Er hatte sich gefügt -- seine menschlichen Empfindungen modisch
ausgeputzt und verschnörkelte Allegorien statt den einfachen
Ausdruck natürlichen Gefühls gegeben! Statt als Bringer und Spender
höchster Lebensfreude an die Herzen zu pochen und ihnen den Himmel
des reinsten Glückes zu öffnen, hatte er sich dazu hergegeben, als
Oberpriester ihres faden Götzendienstes ihre Genußsucht und ihre hohle
Leichtfertigkeit zu beweihräuchern.
Die Götter des Olymps, längst aus dem realen Leben verbannt, herrschten
noch unbeschränkt auf den Brettern der Oper und harrten noch des
musikalischen Molière, der ihnen zum Cancan aufspielen und sie in
tollem Veitstanz nach dem Hades hinfegen sollte.
Nur in ihrem Namen und mit ihrer Hilfe durfte er zu den Menschen
sprechen! Das brachte einen Mißton in seine Musik, aber auch eine
unsagbare Sehnsucht, die einen jeden, auch den Oberflächlichsten,
aufhorchen machte. -- Da war ein fremder Ton, ein einfacher Naturlaut,
ein Widerhall längst verschwundener Einfachheit unter der modischen
Verschnörkelung -- ein Hauch des in der Materie gefangenen ewigen
Lebens, das dumpf nach Befreiung seufzte und kaum noch zu hoffen wagte.
Und das sollte heute endlich Luft bekommen!
Wie ein jäher Lichtstrahl die Nebel durchdringt und das wonnetrunkene
Auge die Höhe des Himmels und die Unendlichkeit des blauen Weltraumes
schauen läßt, die einen da alle umgebende Kleinlichkeit vergessen
macht, so durchschauerte es ihn, als er zum ersten Male Barberina
gegenüberstand. Ihre Jugendfrische, ihre seelische Unberührtheit trotz
aller Verdorbenheit, ihre Geisteshoheit, die Musik ihrer Bewegungen
und ihres Mienenspiels berauschten ihn und machten sofort den Unwillen
verstummen, den er, der gefeierte Meister, anfangs über die Zumutung
empfand, jener unbekannten Namenlosen die zu ihren Pirouetten gehörige
Musik zu komponieren!
Sein Herz tat sich weit auf, seine Seele flog ihr entgegen mit der
herrlichsten Inspiration! -- Er lebte, die Götzen verblaßten -- das
Göttliche selbst war ins Leben getreten, hatte sich erniedrigt,
um wieder im beschwingten Flug den Weg nach oben zu zeigen und in
alles aufwühlender Begeisterung die in süßer Selbstbeweihräucherung
hindämmernden Sinne zu erlösen!
Und ihm war's gegeben, dazu aufzuspielen! Das war die Befreiung! -- Das
war die Rache für unwürdige Knechtschaft!
Mit Feuereifer warf er sich auf die Aufgabe. Sein Genius war ihm hold,
im Wonnegefühl des Schaffens berauschte er sich an dem seltenen Glück,
in Barberina die leibliche Verkörperung seiner kühnsten Träume von
Grazie und beseelter Rhythmik gefunden zu haben. -- Und die sollte er
heute vor aller Welt ins Leben rufen dürfen! Sein Taktstock, der sonst
dem verhaßten Göttergesindel zum Paradetanz aufklopfen mußte, war zum
Zauberstab geworden, auf dessen Geheiß die Nebel weichen müßten, um die
Krone der Schöpfung -- den Menschen in seiner ganzen gottbegnadeten
Majestät -- in Erscheinung treten zu lassen.
Ob sie's auch begreifen würden, jene entmenschten Modepuppen, die da
höchstens den Kitzel ihrer Trägheit oder Förderung ihres Ehrgeizes
suchten?
Gleichviel, er würde das Glück -- das große, unermeßliche Glück des
Gebens haben und der voll empfangenen Gegengabe, einer gleichwertigen
Genialität, einer ursprünglichen, weil im vollen Menschentum wurzelnden
Künstlerpersönlichkeit!
Hinter dem Vorhang erschollen die üblichen drei Keulenschläge, den
Beginn der Vorstellung verkündend.
Noch einmal überflog sein Blick die glänzende Versammlung, noch
lächelte er spöttisch über seine Naivität, dort offene Herzen finden zu
wollen, dann klopfte er auf das Pult, das Spiel begann, und er war in
einer andern Welt.
Der Vorhang hob sich. Die Bühne stellte eine freundliche Gegend am Fuße
des Olymps dar.
Hebe, die Göttergeborene, schwebte herein, von Momus, dem Gotte des
Spottes und des Lachens, des Erdgeborenen, verfolgt -- schmollend ob
des Befehls ihres Vaters Zeus, die himmlischen Gefilde zu verlassen,
um den Menschen göttliche Freuden zu spenden. -- Sie wehrt sich -- der
lachende Gott versucht ihr den Himmel auf Erden finden zu helfen, ruft
die Grazien herbei, die hold lächelnd einhertanzen, Amors Köcher und
Bogen bringen und das Nahen des ungezogenen Göttersprößlings verkünden.
Amor stellt sich ein, denn -- wie Momus, des Lachens Gott, sagt --
Schönheit, Jugend und Liebe gehören zusammen. Hebe versöhnt sich mit
dem Erdendasein, und, ihrer Göttersendung eingedenk, ruft sie die
thessalische Jugend herbei, um die Weihen der Liebe zu empfangen und
das Reich Amors auf Erden zu errichten, wo sie, Hebe, als Königin
herrschen will.
Amor ruft Zephir herbei, um sie, ihn und die Grazien nach einem
glücklicheren Klima zu bringen.
»-=Volons -- volons sur les bords de la Seine=-«, ruft sie als Parole
aus, und Jugend, Schönheit, die Grazien, Amor, Polyhymnia, Terpsichore
und sämtliche benannten und unbenannten lyrischen Talente schweben hin
zu den glücklichen Gestaden der Seine, um »-=la gloire=-« und »-=la
victoire=-« zu beweihräuchern. -- Hebe ladet zum Feste ein -- »-=sur
les bords de la Seine=-« --, und die lyrischen Talente haben sich zu
produzieren!
Erst die Dichtung -- (»-=la Poésie=-«)!
Das erste Bild, nach dem olympischen Prolog, stellt dann ein nach
der am Seinestrand gerade herrschenden hortikulturellen Mode schön
zugestutztes Boskett in der »-=maison=-« der durch ihre Verse und ihr
Liebesschmachten rühmlichst bekannten Dichterin Sappho dar.
Denn »-=la Poésie=-« ist feminin -- wenn auch nicht immer von
lesbischer Extraktion.
»Thélème« liebt Sappho -- Sappho liebt »Alcée«, und jener verfolgt
diesen mit schwarzer Eifersucht, schleicht sich auf der Jagd von dem
Gefolge seines Gebieters, Hymas, fort, um die liebesschmachtende
Sappho in ihrem »Boskett« zu überraschen und rasch die Stelle des
abwesenden Alcée einzunehmen. -- Vergebens wehrt sie seine Werbung ab
-- schließlich greift sie zur List und verspricht, ihm zu gehören, wenn
er den König herbeiruft, um einem Spiel ihres Talents zu lauschen. --
Er geht, den Auftrag auszuführen.
Alcée stellt sich ein und empfängt die Kunde des schwarzen Verrats
seines Freundes sowie ihrer Hoffnung, durch ihre Kunst ihn zu entlarven
und den Segen des Hymas für ihre Liebe zu erringen.
Sie ruft den Gott der Verse und der Poesie herbei. Der König Hymas naht
mit seinem Jagdgefolge, und Sapphos Sklaven führen dann eine Allegorie
auf, wo eine Flußnymphe vergebens den geliebten Bach herbeiruft,
aber ihn schließlich, kraft ihrer Sehnsucht und dem sich gegen diese
Verwässerung wehrenden Flußgotte zum Trotz, dem Felsen entlockt.
-=»Je vous revois,
je vous revois;
tout cède a la douceur extrème
de retrouver l'objet qu'on aime!
J'ai vu troubler mes eaux des pleurs, des pleurs que j'ai versée!
Perdons les souvenirs de nos tourments passés«=- --
singen sie -- der König wird erschüttert -- gerührt -- exaltiert --
»Mariniers« und »Marinières« tanzen Menuette, Bourrées, Rigaudons und
Passepieds. -- Sappho darf sich eine Gnade für ihre schöne Allegorie
erbitten und erbittet sich Alcée. Treue Liebe hat gesiegt mit Hilfe
der allbezwingenden Poesie -- der Chor singt: -=»chantez Sappho,
chantez sa gloire«=- -- das Volk tanzt -- Najaden, Flußgötter, das
ganze mythologische Weltall jubiliert -- Amor regiert mit Hilfe der
Dichtkunst.
Im zweiten Bild tut er's mit Hilfe der Musik!
Held Tyrteus, Befehlshaber der Lazedämonier, der die Kunst erfand,
mit Hilfe der Musik den Mut der Krieger anzufeuern und sie im
unwiderstehlichen Furor zu entflammen, wird von Iphis geliebt. Der
König Lykurgos jedoch bestimmt, daß dieser Sprößling seines Hauses
nur dem Besieger der Messenier angehören kann. Also muß der gute
Tyrteus erst die Messenier, die selbstverständlich bereits vor den
Mauern Spartas darauf warten, besiegen -- Iphis muß nach allen
Regeln der Kunst hold um ihn bangen und seufzen -- und Apollon um
einen Orakelspruch bitten, der ihr auch prompt zuteil wird, aber
so vorsichtig gehalten ist, daß eine Allegorie nötig wird, wo Amor
erst Apoll hereinschleppt, dann beide vereint den Mars, dann mit ihm
zusammen eine Siegesgöttin und zuletzt Hymen selbst -- um, ihr zu Trost
und Erbauung, ein »pas de cinq« miteinander zu tanzen! -- Währenddessen
siegt Tyrteus, von ihren Gebeten und seiner musikalischen Schwarzkunst
wacker unterstützt -- die siegenden Krieger tanzen eine triumphale
Polonäse -- die Liebenden haben sich, alles löst sich in Wohlgefallen
auf, Rigaudons, Menuette, Passepieds, Tamburine lösen sich ab -- Amor
triumphiert, und -=ad majorem gloriam suam=- sollte der Vorhang fallen,
um sich für das von Terpsichore allein beherrschte Schlußbild des
Balletts wieder zu heben -- da setzte die große Überraschung ein, die
Rameau für sein Publikum bereit hielt!
Statt der traditionellen Göttin des Tanzes trat der Tanz selbst, das
Mysterium der alle Materie besiegenden Bewegung, in Erscheinung --
die Natur selbst erhob ihre Stimme -- die nachgeschaffenen Götter des
Olymps schwiegen und schlichen beschämt davon!
Die Bühne verdunkelte sich -- wallende Nebelschleier verdeckten alles
-- aus dem Orchester wogten sie herauf, von leisen Arpeggien der Harfe
getragen, und betäubten alle Sinne!
Da -- ein Lichtstrahl -- ein paar Töne der Flöte hüpften hervor --
andere hinterher -- sie haschten sich, formten sich zum Tanz, zur
Melodie -- von den wogenden Wellen der Harfenklänge getragen, trieben
sie suchend hin und her und lockten -- da -- ein schwacher Schein, der
sich langsam erhellte, um allmählich eine Gestalt aus dem Schatten
herauszumodellieren -- _=Barberina=_ stand da, in der ganzen Majestät
ihrer jungen Schönheit!
Der Inbegriff aller Talente -- _=der Mensch=_ war da! Licht und Töne
hatten ihn aus dem Chaos geschaffen -- in schmeichelnden Rhythmen aus
den formlosen Nebeln heraus gestaltet!
Halb verschleiert stand sie da, feierlich, unbewegt, in der ersten
Lebensdämmerung, leicht vornübergebeugt, den sanften Tönen der Flöte
lauschend, die aus ihrem Innern den Widerhall der ersten unbewußten
Sehnsucht wachriefen, aus der heraus die Starrheit sich allmählich
in Bewegung auflöste und in suchendes, tastendes Schreiten umsetzte,
das, noch ohne Ziel, nur der inneren Mahnung gehorchend, den wogenden
Rhythmen nachgab und sich von ihnen treiben ließ.
Dann ein leises erstes Aufatmen -- die geheimnisvoll klagenden Klänge
verstummten, die Tonwellen sanken in sich zusammen und glätteten sich
aus in einer endlosen Fermate in zart schillerndem Dur, Hornklänge
aus der Ferne schwollen mächtig an, rötlich glühte der Morgen hervor,
über die Geigen ein leises, schnelles Huschen wie ein jäh erwachter
Frühlingswind, der durch das Schilf streicht und die Fläche kräuselt.
Der endlose Passagenfluß gliedert sich in Rhythmen -- immer schneller
jagen die Tonwellen dahin, immer sonniger leuchtet das Licht -- der
Tag ist da -- sie erwacht, blickt geblendet die neugeschaffene Welt
an, sieht mit sehnenden Blicken, begehrt nach deren Besitz, öffnet
die Arme, um das Leben zu umschlingen -- gleitet zaghaft hin und her
-- bald neugierig suchend -- bald furchtsam zusammenschauernd -- bald
freudig sich an den Farben und Düften des Frühlings berauschend, dann
im jähen Schrecken erstarrend, als aus dem nächsten Gebüsch mit kühnem
Sprung ein fremdes Wesen auf sie einstürmt und in lüsternem Kreisen um
sie herumschleicht, nach ihr greift, aber nicht wagt zuzupacken.
Der Mann ist in ihr Leben getreten! Liebegirrend umschmeichelt er sie
und sucht ihr die Schreckensstarre abzuschmeicheln! Halb neugierig,
halb scheu lächelt sie ihn an. -- Er wird dreister -- erhascht ihre
Hand, küßt sie, läßt wieder los und fährt zurück! Denn die Berührung
seiner Lippen hat die Starre gelöst -- sie weicht aus, er folgt --
das Spiel macht ihr Vergnügen -- sie lacht laut auf -- neckt ihn --
lockt ihn heran und stößt ihn ab, sooft er sie zu ergreifen sucht. --
Immer dreister wird er -- immer zudringlicher sein Werben -- immer
stürmischer sein Angriff -- immer verlockender ihre Abwehr -- bis
plötzlich die Angst sie packt und sie in jäher Flucht pfeilschnell
davonwirbelt! -- Hin und her geht die Jagd, von eilenden Rhythmen
vorwärts gepeitscht, bis er sie endlich im allen Widerstand
niederwerfenden Ansturm packt, sie hoch über sich erhebt und die
verzweifelt sich Wehrende in den Wald trägt.
Hohnlachend setzt der Chor der Waldgeister ein -- unsichtbar und
überall anwesend erleben sie den Liebeskampf mit und begleiten mit
kurzen, gellenden Schreien die Orgie, die jetzt im Orchester einsetzt,
als die beiden, bekränzt, halb nackt, mit flatternden Locken und
wehenden Gewändern hereinstürmen im tollsten Bacchanal -- ganz Werben
und Gewähren, ineinander Aufgehen und Verschmelzen -- in einem Sturm
der Bewegung, der ihn schließlich erschöpft hinwirft, während sie sich,
im Vollrausch der Lebenslust, aufreckt, triumphierend die Hände gegen
den Urquell alles Seins emporstreckt und dem niedergerungenen Faun, dem
sie erlag und den sie erliegend besiegte, den Fuß auf den Nacken setzt.
Fossano -- denn er war's --, Fossano war besiegt, sein Schicksal
besiegelt! -- Und nie wieder sollte er den Kopf über sie erheben,
nimmermehr sie als Schülerin meistern! -- Sie war ihm Meisterin
geworden, sie war jetzt Herrin -- war alles -- er nichts!
Er empfand es, wie er dalag und aus den Beifallsrufen draußen im
Zuschauerraum nur den Namen: »Barberini!« heraushören konnte.
Zähneknirschend sprang er auf, als der Vorhang fiel. Sie verstand das
nicht gleich. Freudestrahlend schleppte sie ihn immer und immer wieder
mit hervor! -- Und erst als auch sie immer nur ihren eigenen Namen von
draußen rufen hörte und er sich losriß und in Wut von ihr wegstürzte,
da verstand sie, daß sie jetzt oben war -- sie allein, und er besiegt,
abgetan -- ihr Partner nur, den sie zum Gegentanz benötigte, aber auch,
wenn's ihr gefiele, verabschieden und durch einen anderen ersetzen
konnte!
Triumphierend blickte sie zu ihm hinüber. Es kam ein unheimliches
Leuchten in ihre Augen, die Lippen kniffen sich dünn zusammen, etwas in
ihr empörte sich jäh gegen ihn -- es war ihr nicht klar warum, aber sie
hatte die bestimmte Empfindung, noch ein großes Unrecht an ihm rächen
zu müssen!
Im Augenblick schwand die Aufwallung, kaum gekommen. Denn jetzt drängte
sich alles um sie. Die elegantesten Kavaliere der Hofgesellschaft
eilten auf die Bühne, bestürmten sie mit Komplimenten, mit den
überschwenglichsten Lobeshymnen -- die ganze griechische Mythologie,
kaum in die Flucht geschlagen, schwirrte aus allen Ecken und Enden
herbei, um die galanten Herren mit den geziemenden Ausdrücken der
Begeisterung zu bedienen! -- Kythera, Amor, Hebe, Diana und sämtliche
Grazien waren nichts gegen sie, deren Anmut und Schönheit und
unvergleichliche Tanzkunst man hoch über den höchsten Olymp hob, um sie
in liebegirrenden Interjektionen zu beweihräuchern, so der Adoration
günstig zu stimmen und in das Garn der allerirdischsten Wünsche zu
verstricken!
Sie empfing die verlockendsten Anerbietungen von rechts und von links
-- lächelnd stand sie da und hörte allen zu, aber erhörte niemand
-- sobald es irgend ging, stellte sie sie einen nach dem anderen
der Mama vor. Und die Mama war ganz Ohr und floß über vor Wonne und
freundlichstem Entgegenkommen! So umschwärmt von Kavalieren war sie in
ihrem Leben noch nie gewesen! -- Sie war lauter Aufmerksamkeit, prägte
sich all die fremden Namen und Gesichter ein, sagte zu allem ja und
amen und versprach auf ihre Ehre jedem einzelnen, ihm bei der nächsten
Vorstellung Zutritt in die Garderobe ihrer Tochter zu verschaffen.
Heute ginge es nicht an! -- Denn der Neid der Kolleginnen hätte dem
Neuling die schlechteste Garderobe eingeräumt, wo man kaum Platz hätte,
sich umzudrehen, noch weniger, Besuche zu empfangen! Das würde aber bis
übermorgen anders werden, und dafür wollte Mama Campanini sorgen!
»Ganz Paris liegt Ihnen zu Füßen, Signorina«, lispelte der Prinz von
Carignan, der sich zu guter Letzt den Komplimenten des Publikums
entzogen hatte, um sich auf die Bühne zu begeben und Unheil zu
verhüten. -- »Ganz Paris wird morgen von nichts als von Ihnen reden!
Sie werden bei Hofe tanzen! Auf Ehre, ich setze es durch! Aber wir
müssen für Sie sorgen! In allem Ernst, Sie müssen Ihrer neuerrungenen
Position gemäß auftreten können! Sie müssen imstande sein, die
Hofgesellschaft zu empfangen -- müssen kleine Gesellschaften -- kleine
intime Soupers geben -- müssen ausfahren können! -- Nun, das lassen
Sie meine Sorge sein! -- Überlassen Sie sich nur meiner Führung --
vertrauen Sie sich nur mir an -- _=nur mir=_ -- ganz mir! Seien Sie
meine Freundin -- _=allein meine=_ Freundin -- und ermöglichen Sie es
mir, so für Ihre Karriere zu wirken, indem Sie mir das Vorrecht geben,
ganz für Ihr Leben zu sorgen! -- Nicht wahr, süße Barberina?« lispelte
er und führte ihre Hand an seine Lippen. -- »Nicht wahr, Sie wollen mir
vertrauensvoll Ihr Herz öffnen?«
»Hoheit gestatten?« sagte Barberina und zerrte ihre Mutter vor. --
»Hoheit gestatten -- -- meine Mama!«
Und Mama machte ihr tiefstes Kompliment -- Hoheit hatte die Gnade, es
zu bemerken -- er hatte auch die Gnade, ihr einige Fragen zu stellen,
die so prompt und befriedigend beantwortet wurden, daß er sie bald
abseits winkte und sich herbeiließ, ihr sehr diskrete Instruktionen zu
geben, die sie, beglückt lächelnd, unter vielen Verneigungen empfing
und gehorsamst zu befolgen versprach.
-=»Adieu, carissima!«=- lispelte er dann nochmals im allergnädigsten
Ton Babara zu. »Ich sehe, wir werden schon einig! Finden Sie sich
morgen bei meinem Lever ein mit Ihrer Frau Mama! Wir werden dann Ihre
Gagen- und anderen Verhältnisse besprechen und zum allerbesten ordnen!
Noch einmal mein Kompliment! Sie haben famos getanzt! Ihr Debut war
entzückend! Ein Triumph sondergleichen!«
Er ging ein paar Schritte und wandte sich dann um.
»Apropos!« sagte er und winkte sie näher. »Fast hätte ich's vergessen:
-- Bachelier war da -- der erste Kammerdiener des Königs! Er war sehr
befriedigt -- wirklich sehr entzückt! Sie können was darauf geben!
Er ist ein Connaisseur! Stellen Sie sich gut mit ihm, falls Sie die
Gelegenheit haben sollten! Seine Protektion ist nicht zu verachten!
Ich habe schon verschiedene Eventualitäten mit ihm besprochen! -- Er
wird dem König ein Wort sagen -- er wird hoffentlich bald von sich
hören lassen! -- Ich denke -- nach der Übersiedelung des Hofes nach
Fontainebleau, bei einem der großen Gartenfeste, werden Sie Gelegenheit
haben, den König mit Ihren Pirouetten zu bezaubern! Nun, warten wir
es ab! Erst bringen wir all das andere in Ordnung -- dann wollen wir
sehen! -=Au revoir=-!«
Und gnädig winkend, entließ er die beiden Campanini, die jetzt endlich
Zeit fanden, sich in die Garderobe zurückzuziehen.
Da gab's gleich mütterliche Ermahnungen und Gefühlsausbrüche
durcheinander.
»-=Mia cara figlia!=- -- Alles ist von dir begeistert! -- Man rast
vor Entzücken! -- Die stolzesten Namen Frankreichs haben sich bei uns
eingeschrieben! Die elegantesten Kavaliere von Paris! -- Entzückende,
graziöse Leute sind das! Die Edelknaben Parmas sind die reinen
Bauerntölpel gegen sie! -- Was uns da alles an Anerbietungen gemacht
wurde! -- Da gilt's aber aufzupassen und vorsichtig zu sein! -- Ich
werde schon meine Augen gebrauchen! Ich werde mich nach den Messieurs
erkundigen! Verlaß dich darauf! -- -- Hast du dir auch die Namen
gemerkt?«
»Keinen einzigen!«
»Keinen einzigen! -- Entzückend! -- Keinen einzigen hat sich das Kind
gemerkt! -- Und dabei sind das Namen, die die ganze Welt kennt! -- Höre
nur zu!«
Sie ließ eine ganze Flut von Namen hervorwirbeln. Grafen, Herzoge,
Prinzen von Geblüt schwirrten der Tochter nur so um die Ohren! --
Schweigend saß sie da und ordnete selbst ihre Frisur. Denn eine Zofe
hatte sie noch nicht.
»Morgen -- morgen wird alles in bester Ordnung sein! Nichts brauchst du
dir abgehen zu lassen, wenn du nur auf mich hörst!« sagte die Mama,
bedeutungsvoll lächelnd. -- »Daß du mir aber keinem von all den Herren
auch nur das geringste versprichst!«
»Sei nur ruhig!«
»Keinem von all den Messieurs, wie verlockend sie dir auch kommen! Sei
freundlich zu ihnen allen! Ohne Ausnahme freundlich! Sag keinem ein
Ja, aber auch kein Nein! -- Laß sie glauben, was sie wollen -- höre
liebenswürdig zu und stoße sie nicht vor den Kopf! Werden sie aber
zudringlich -- wollen sie Antwort auf der Stelle, dann schicke sie nur
zu mir -- schicke sie überhaupt alle, ohne Ausnahme, zu mir!«
»Mit Wonne!«
»Es ist schon besser so! -- Ich weiß sie richtiger zu behandeln -- ich
sehe gleich, was an ihnen ist -- ich lenke schon alles zum besten! --
Zunächst kapern wir den Prinzen von Carignan! Der zappelt schon im
Netze -- den hast du schon bezaubert! -- -- Kind -- wenn du wüßtest,
wie du mich heute glücklich gemacht hast!«
Und sie floß über vor Rührung.
»Ja, Signore Fossano«, fuhr sie den jetzt eintretenden bisherigen
Beschützer an und nahm die Nase hoch, »Ihr seid jetzt distanziert! --
Jetzt sollt Ihr's nur versuchen, dem armen Kinde die Siegesfreude zu
dämpfen wie damals nach ihrem ersten großen Siege als Psyche! -- Wie
hat sie sich dann ducken müssen! Ins Herz hat's mir geschnitten, sie so
grausam um die erste große Freude ihres Lebens gebracht zu sehen! --
Jetzt lassen wir uns aber nicht mehr düpieren, Signore -- jetzt seid
Ihr der Düpierte! Ihr habt heute ausgespielt!«
»Meint Ihr?« lächelte Fossano ironisch.
»Nun, wer fragt wohl nach Euch? -- Hat jemand auch nur ein einziges
Wort an Euch gerichtet? -- Hat man draußen ein einziges Mal >Fossano<
gerufen? -- Wo blieb Eure große Beliebtheit beim Publikum, mit der Ihr
Staat machtet? -- Wo blieb auf einmal die Berühmtheit? -- Nein, uns
imponiert Ihr nicht mehr!«
»Ich sehe es«, sagte Fossano. »Ich erwarte auch gar nichts von Euch,
Signora! Babara aber wird nicht vergessen, wer es war, der ihr den
Weg zum heutigen Triumph geebnet hat! -- Sie wird sich nicht der
Dankespflicht entziehen, mir für die Mühe und die Arbeit, die ich
mir mit ihr gegeben habe, erkenntlich zu sein! -- Sie wird ihres
Versprechens eingedenk bleiben, mir zu gehorchen und sich meiner
Führung ganz anzuvertrauen!«
»Wir brauchen keine Führung! Wir wissen uns jetzt selbst zu helfen«,
sagte die Domina brüsk. »Gewiß, wir sind Euch Dank schuldig, Signore
-- wir vergessen's nicht -- wir sind nicht undankbar! Wir werden auch
alles für Euch tun, was wir nur tun können! Unserer Protektion könnt
Ihr jederzeit gewärtig sein!«
Es machte ihr eine grausame Freude, ihm das alles zu sagen. Sie hatte
sich so lange vor ihm ducken müssen, daß sie lieber ihr Leben gelassen,
als die Gelegenheit versäumt hätte, sich gegen ihn aufzulehnen. Und
auch Babara war es aus dem Herzen gesprochen. Jedes Wort richtete sie
innerlich auf -- für jeden Hieb, den die Mutter ihm versetzte, fiel
eine von den tausend Fesseln, die sie an ihn ketteten. Bis auf die
letzte! Und die löste er selbst!
»Nicht wahr, Babara«, sagte er und verbiß seine Wut über die
Ungezogenheit der alten Frau, »nicht wahr, du hast noch etwas übrig für
mich? -- Du bleibst mir treu? -- Du hast noch ein wenig Dank für meine
große Liebe zu dir?«
Er trat an sie heran und legte die Hand um ihre Schulter.
Da fuhr sie auf, wie von einer Schlange gebissen, und schlug ihn mit
dem Handtuch, mit dem sie sich die Schminke abgewischt hatte, ins
Gesicht.
»Ich hasse dich!« rief sie mit zornbebenden Lippen. »Ich hasse dich
und werde nie damit aufhören! Für jeden Schritt, den ich noch machen
muß auf dem Wege, auf den _=du=_ mich geführt hast, werde ich dich
verfluchen und verabscheuen! Was ich habe, habe ich nicht von dir!
Hast du mir aber geholfen, mich da zurechtzufinden -- hast du mir das
Höchste, das Heiligste im Leben gezeigt und mich es schätzen gelehrt,
so hast du's getan, nur um es mir beschmutzen zu können! Jetzt bin ich
drin -- jetzt bin ich da, wo du mich haben wolltest! Laß mich jetzt
zurechtfinden, so gut ich kann! Deiner bedarf ich nicht dazu! Komm mir
jetzt nicht zu nahe! Geh! Hinaus -- hinaus!«
Und sie trieb ihn, der sie mit weit offenen Augen anstaunte, rückwärts
gegen den Ausgang und aus der Garderobe.
In der Tür stieß er mit Rameau zusammen, der kam, um sie zu
beglückwünschen, und so den ganzen Auftritt mit angehört hatte.
Fossano drängte sich an ihm vorbei und ging schnell, hinter einem
höhnischen Lachen seine Verlegenheit verbergend.
»Armes Kind«, sagte der alte Meister und streichelte ihre Hand, »wie
schmerzt es mich, auch bei dir diese Erfahrung machen zu müssen! Nicht
nur der Triumph -- auch die entwürdigendste Erniedrigung ist dir
geworden! Das ist die Kehrseite der Künstlerschaft, deren Herbheit
keinem erspart zu bleiben scheint! Du wärest eines besseren Schicksals
wert!«
Sie machte ihre Hand los, um ihre Tränen abzutrocknen. Ihre Lippen
bebten noch vor Aufregung.
»Recht so!« setzte er fort, »nur dagegen ankämpfen -- aus allen Kräften
dagegen ankämpfen! -- Mußt du auch um die Gunst Fortunas buhlen -- mußt
du, wie die meisten Künstler, _=den=_ Preis zahlen, um das Recht, dich
zu geben, zu erringen, so versuch wenigstens, dein Ureigenstes, deine
Psyche rein und unbeschmutzt zu erhalten! Halte wenigstens den Trieb,
dich in deiner Kunst zu geben, rein und unberührt von den Verlockungen
der Welt! Sonst ist's um dich geschehen!«
»Nur ruhig, Herr Musikmeister«, sagte die Domina, »sie wird schon ihren
Weg machen! Da habt bloß keine Angst!«
»Sehr -- sehr viel Angst habe ich um sie! Denkt Ihr, ich kümmere mich
um die erste beste? Hier steht aber etwas ganz Seltenes -- etwas in der
Kunst noch nicht Dagewesenes auf dem Spiel! Das darf nicht gemißbraucht
und durch den Schmutz geschleift werden! Da ist's heilige Pflicht zu
reden! Und Ihr könnt Euch auf mich verlassen! Ich habe die bittere
Erfahrung, die Ihr auch haben werdet, reichlich auskosten müssen! Um
Gelegenheit zu haben, ein einziges schönes Lied zu singen und, ohne
Rücksicht auf den Geschmack anderer Leute, mich voll und ganz in meiner
Kunst zu geben, habe ich auch die Fratzen machen müssen, die die Welt
sehen will!«
»Nun, dafür wurdet Ihr bezahlt!«
»Gewiß, Signora! Aber -- ist man echt, kann man sich auch dann nicht
ganz verleugen! Kunst wird eben alles, woran der echte Künstler
rührt! Und es lebt, tant mieux, auch wenn die unsauberen Wünsche der
Welt daran kleben! Die Gefahr ist, dabei der Welt zu unterliegen,
zu versumpfen, zu veröden und seelisch abzusterben! -- Da heißt's
kämpfen -- mit aller Macht, auch im Versinken, zur Höhe wollen! -- Denn
schließlich kommt doch der Moment der Befreiung, wo man auf einmal
die Fessel abwirft und gegen die Sonne fliegen kann, wenn der Trieb
hinauf noch lebendig blieb! Das ist das Wesentliche! Alles andere ist
nur Nebensache! Und daran wollte ich eben mahnen, gerade jetzt, mitten
im Triumph, wo die Versuchungen von allen Seiten auf Euch einstürmen!
Nehmt _=den=_ Wunsch für Euer Wohlergehen von einem alten Künstler
an, der in Eurer Kunst eine der schönsten Offenbarungen seines Lebens
gesehen hat!«