Die Fenster standen weit offen, die laue Abendluft trug den Duft der
Reseden und Levkojen vom Garten herauf ins Zimmer. Es war ein stilles
Zimmer. In dem großen Lehnstuhl saß der Rektor Cabisius. Er hatte das
weiße Haupt auf die Brust gesenkt und dämmerte so zwischen Schlaf und
Wachen dahin. Die Zeit war gekommen, da er von dem allem, was ihn hier
umgab, Abschied nehmen sollte. Es war kein Losreißen, er ging still und
gern. Das große Studentenbild sah von der Wand herunter auf den Greis.
Wo waren alle die jungen, kraftvollen Gestalten hingekommen? Sie hatten
alle ihren Weg durch die Welt gemacht und waren wieder gegangen; neue
Generationen waren nach ihnen gekommen. Er war wohl der Letzte von den
Alten, damals Jungen.
Der Greis regte sich und hob den Kopf.
»Ja, Anne, so jung als möglich.«
»Hast du etwas gesagt, Großvater?«
Unter der offenen Tür des Nebenzimmers erschien Gertrud.
Sie trat zu ihm. Er lächelte und öffnete die Lider seiner blinden
Augen. Das tat er wohl aus alter Gewohnheit, denn die Gestalt seines
Kindes, das vor ihm stand und ihr Gesicht mußte er ja mit andern Augen
wahrnehmen, als mit den erloschenen seines Leibes.
»Ich glaube, ich habe mit deiner Großmutter geredet. Sie ist jetzt
immer neben mir. Sie sagte in ihrer raschen Art, wie sie früher oft
sagte: »Wir müssen so jung als möglich sein, Alter. Für das Kind. Du
bist aber kein Kind mehr, Gertrud.«
»Du bist aber so jung als möglich gewesen, Großvater, du bist es für
mich gewesen. Ich danke dir so herzlich dafür.« Sie kniete neben ihm
und legte ihren Kopf in seinen Schoß.
»Du Kind, du bist lebensreifer, als ich je gewesen bin. Das hat das
Leid getan, das große Alleinsein. Ich habe es gewußt, wir haben nur nie
darüber geredet. Aber jetzt, da ich gehe, sag, Gertrud, wie ist es?
Ich muß es Anne sagen können. Wie ist es mit dir und Georg?«
Er mischte Traum und Wirklichkeit durcheinander.
»Ach, Großvater, da ist nichts zu sagen. Er ist wieder bei mir, wie
einst. Er hat mich lieb und ich gehöre zu ihm, wie ich es von Kindheit
an tat. Aber wenn du #das# meinst, das eine: ich bin ihm nicht das
Weib, nicht sein anderes Ich. Ich weiß es. Das kann nie kommen, das ist
nicht. Das ist ein Rätsel des Lebens, das Gott allein weiß. Ich weiß
nicht, ob irgendwo jemand lebt, der zu ihm gehört; bis jetzt weiß er
nichts davon. Manchmal denke ich, wir werden so leben und alt werden
und davongehen, und irgendwo sei die Lösung des Rätsels, die andere
Seite des Gewebes, die wir dann zu sehen bekommen. Aber ich weiß es
nicht. Bis dahin, -- man muß sich stillen und nichts verlangen, und
sein Leben füllen, so gut man kann. Sie sind ja alle irgendwie in Not,
die Menschen. Man muß sie lieb haben und verstehen, nicht in ihrer
Sünde, in ihrer #Not#. Das tat Er auch.«
Sie schwieg. Der Abend dunkelte durch das Zimmer. Der Greis schlief
wieder. Er war so müde.
Draußen wurden Schritte hörbar, rasche, kräftige Tritte.
Das kleine Dienstmädchen verhandelte etwas mit jemand, dann klopfte es
an die Tür des Nebenzimmers.
»Herein.«
»Grüß Gott, Gertrud.«
»Grüß Gott, Georg.« Sie war aufgestanden und ihm entgegengegangen.
»Lebt er noch?«
»Ja.«
»Ich habe nicht bälder kommen können. Es war so vieles in den letzten
Wochen und Tagen, Prüfung und Jahresfest, und, Gertrud, ich habe es
nicht lassen können, ich habe einiges von meinem Eigenen mit den
Blinden eingeübt, einen Chor, und ein Orgelstück, und ein Andante für
Klavier und zwei Violinen. Es ist aus dem Alten, das nicht schweigen
will. Sie haben es mir so lebendig abgenommen, du glaubst nicht, wie
froh es mich gemacht hat. Sie haben nicht so viele Tore ihrer Seele,
durch die das Leben aus- und einströmt, darum sind sie gesammelter,
einheitlicher. Wir hatten kein Publikum dazu, wir waren unter uns. Es
war aber ein Fest.«
Sie sah auf ihn und freute sich, daß er so hell und frisch dreinsah
und dachte, wie eine Mutter denkt: »Wie hat er sich herausgerissen und
ist des Seins und Lebens mächtig geworden. Ach, das ist ja nicht so
wichtig, was sein Amt und Titel ist, und ob seine Altersgenossen weiter
sind, als er. Was er #ist#, das ist das Wahre, und er ist ein Mensch
und Mann, an dem Gott selber seine Freude haben kann.«
Sie saßen aber still in der Stube neben des Rektors Studierstube. Von
drinnen kam ein leichtes, kurzes Atmen und hie und da ein Wort, im
Halbschlaf geredet.
Da, nach längerer Zeit, fingen sie an, sich flüsternd zu unterhalten.
»Wenn er aufwacht, dann will ich zu ihm hineingehen. Ich möchte ihm
noch so vieles sagen, aber das werde ich ja nicht können. Weißt du,
mit dem Danken, es ist so eine Sache. Wer sich selber von Herzen gab,
der will keinen Dank dafür. Und #so# gab er sich, sein Leben lang,
wenigstens seit #ich# denken kann.«
»Seit #wir# denken können. Das ist so ziemlich das gleiche.«
»Ja.« Er dachte zurück, so weit er konnte.
»Weißt du noch?« Da machten sie es wie die Alten, die ganz Alten und
tauchten in den Jungbrunnen der Kindheitserinnerung ein. Tausend
und eine Erinnerung. Hie und da wurden sie lebhaft und verfielen in
lauteres Reden, dann erschraken sie vor dem eigenen Ton ihrer Stimmen
und flüsterten wieder.
Frau Judith schritt am Stock durch das Gemach, und Jungfer Liese, und
die Rektorin, und Hollermann. Und dann glitt ihr Schifflein unvermerkt
in das breitere Flußbett des Lebens hinaus.
»Du, Gertrud, wo bist du mit deinen Gedanken?«
Sie schrak auf. Sie hatte soeben einen kleinen Privatausflug gemacht,
davon sollte er nichts wissen.
»Ja?«
»Ich bin heute nachmittag drüben gewesen, bei Franz und Lore. Sie
wissen gar nicht, was sie mir alles zuliebe tun sollen. Aber, du -- du
hörst nicht recht zu.«
»Doch, ich höre alles.«
»Du, Lore geht ins Korpulente. Das ist sehr heilsam für mich. Diese
Frau mit den dicken Backen und der breiten, gestreiften Schürze habe
ich nicht gekannt. Heute, als ich kam, stand sie unter der Ladentür und
sah hinaus. Ich hatte ein wenig Mitleid mit ihr; man sollte es nicht
glauben, aber es ist doch so. So, als ob ihr Gesicht fragte: 'Ist das
jetzt alles?' Und, Gertrud, es ist ja tatsächlich alles. Sie hat ihren
Franz und ihren rundköpfigen Buben, und ein gutes Geschäft und viel
Geld. Aber ich weiß, irgend etwas in ihr hungert nach mehr. Sie ist
nicht zufrieden mit dem allem.«
»Und das ist ihr Bestes,« sagte Gertrud. »Das ist ein Faden, der sie
ans Innerliche, Ewige knüpft. Wenn sie älter wird, wird das Heimweh
steigen, und zuerst wird sie meinen, es sei nach dir, und dann wird sie
erkennen, daß es nach deiner Welt ist. Und sie wird ihrem Sohn davon
erzählen, und wird den Armen Brot und Liebe geben, und wird ihren Mann
davor behüten, daß ihm gut Essen und Trinken alles wird. Und das hast
du ihr gegeben.«
Da schwiegen sie wieder.
Die Hausglocke schellte.
»Das ist Meister Nössel. Er kommt jeden Abend um diese Zeit und sieht
nach dem Großvater. Es ist ein Wunder, daß er es noch kann, er ist so
eingetrocknet und zusammengerunzelt wie eine Hutzel. 'Wenn mich nur der
liebe Gott nicht abzurufen vergißt,' sagte er gestern. Ich glaube, er
ist in Sorge darum. Aber es ist nicht mehr viel Leibliches an ihm, man
kann ruhig sein in dieser Hinsicht.«
Da kamen trippelnde Schrittlein und schwere Stockstöße näher.
»Guten Abend.«
»Guten Abend, Meister Nössel.«
»Ist er noch da? Ja? Ich dachte, er sei heut gegangen. Heut sind's elf
Jahre, daß Judith starb. Ich hätte nicht gedacht, daß es noch so lang
daure, bis ich nachkomme.«
»Still.«
Vom Turme hallten die feierlichen Schläge der Betglocke.
»Er hat's doch gelernt. Das Läuten, meine ich. Ich habe einst im Ärger
gesagt: Das lernt er nie so recht, er läutet anders, weil er anders
ist. Aber er hat's doch gelernt. Er hat inzwischen viel erlebt und auch
erlitten, das macht's.«
Dann schwiegen sie wieder.
Der letzte Hall, noch einer.
»Und wenn das Leben neiget sich, laß uns einschlafen seliglich.«
Das hatte Meister Nössel gesagt. Sonst begehrte er ja auch nichts mehr.
Das andere, das Unruhige, Müdmachende, Glück und Leid und Sorge und wie
alle die Erdengeister heißen, das lag weit dahinten, nicht vergessen,
nicht verachtet, aber ausgedient.
»Gute Nacht.« Er gab seinem alten Freund die Hand, der war in Träumen
und kannte ihn nicht.
»Das tut nichts. Wir -- wir kennen uns doch wieder, wenn es Tag wird,
Joachim Cabisius. Schlaf wohl, schlafet alle wohl.«
Sie hörten die Stöße seines Stockes auf der nächtlichen Gasse. »Bleibst
du da, Georg? Ich bleibe die Nacht auf; wenn du willst, bleib bei mir.
Der Doktor war da, kurz, eh' du kamst, er sagt, es könne ganz leise
ausgehen, wenn das Herz versage. Aber ich glaube es noch nicht. Er
erwacht hie und da und spricht dann ganz klar und wie sonst, wenn auch
fast ganz ohne Stimme. Hörst du?«
Sie traten leise zu ihm, da redete er undeutliche Worte, und, da er
müde an die Seitenlehne gesunken war, wie ein schlaftrunkenes Kind,
brachten sie ihn miteinander zu Bett.
Der Mond war heraufgestiegen und leuchtete wie vor Zeiten in die
altbekannte Stube und wunderte sich, daß die lange Pfeife unbenützt am
Haken neben dem Stehpult hing und daß alle die Geister und Geistchen,
die sonst auf weißen Rauchwölkchen da herumspukten, schwiegen und den
Atem anhielten. Als er aber bis an das weiße Bett hinleuchtete, das
sonst nicht in diesem Raum gestanden war, da hörte auch der Mond auf,
zu flimmern und herumzuspielen. Ganz still lag sein Licht auf dem Boden
und an den Wänden und blieb auf dem Bett und der ruhigen Gestalt darin
liegen.
»Es tut ihm nicht weh, du brauchst den Vorhang nicht zuzumachen, Georg.«
Da setzte der sich auf die Truhe, wie einst und sah sich um, wie die
Stube in dem weichen, ruhigen Licht dalag und dachte, daß es jetzt auch
anders werde, da ihr alter Bewohner davonging.
»Was willst du nun anfangen, Gertrud? Hast du dir etwas ausgedacht?«
Sie zuckte nun doch ein wenig zusammen. Was hilft das Ausdenken? »Ich
bleibe vorläufig da. Ich habe es alles mit dem Großvater besprochen.
Ich will Veronika zu mir nehmen, meine lahme Freundin, der die Mutter
gestorben ist, und will mich um meine Patenkinder annehmen, so gut ich
kann. Eines von ihnen, (du kennst ihn ja, es ist Leonhard, der mittlere
Bub von den Türmersleuten, -- der ist so zart und kann nicht gut so oft
die vielen Stufen steigen), bekomme ich vielleicht ganz ins Haus. Dann
will ich sehen, ob ich ihm etwas von allem dem geben kann, was er --«
sie zeigte nach dem Bett hin -- »was er mir gab. So ist noch manches.
Ich habe früher an einen bestimmten Beruf gedacht, Krankenpflege, oder
Lehrerin, oder sonst etwas. Aber daraus ist jetzt nichts geworden, und
ich glaube, es ist auch besser so.«
Sie saß da so hell im Licht und Georg sah, wie es in ihren Zügen
arbeitete und wie dann ein Lächeln darüber ging.
»Das ist jetzt so. Ich passe wohl nicht recht in irgend einen Model,
ich bin so ein wenig anders geraten als andere Mädchen. Ich stieße wohl
da und dort an, wenn ich nicht sein dürfte, wie ich gewachsen bin. Da
muß ich sehen, daß ich mir selber ein Leben zimmere. Es wird auch schon
gehen.«
Im Stillen dachte sie: Und dann will ich für dich da sein, so oft du
eines treuen und ehrlichen Menschen bedarfst, der zu dir gehört.
Sie sagte es nicht; sie war doch wohl noch nicht heil genug, um ganz
rückhaltslos von ihm und sich zu reden.
Aber er sagte es selber.
»Das ist gut für mich,« sagte er. »Ich muß dich immer finden können.
Ich weiß ja nicht, was noch aus mir wird, obgleich ich vorläufig bei
meinen Blinden bleibe und noch nicht ans Fortgehen denken mag. Wie lang
das noch dauert, weiß ich nicht. Was sagst du Gertrud?«
»Was ich sage? Du sollst einmal einen Schritt um den andern tun und
einen Tag um den andern nehmen, wie du das bereits angefangen hast. Es
wird eines aus dem andern herauswachsen, eine Aufgabe aus der andern
und ein Können aus dem andern. Das sage ich und sonst nichts.«
»Doch noch eins, Gertrud.
Ich weiß nicht, was meine Altersgenossen von mir denken. Hie und
da kommt einer -- sie sind aber nicht alle so, lange nicht, -- so
ein bißchen mitleidig, ein bißchen vorsichtig zurückhaltend zu mir,
neulich beim Jahresfest, oder wenn einer das Haus betrachten will, und
glaubt dann, nachsichtig mit mir reden zu müssen, wie mit einem, der
eigentlich etwas wie eine 'verfehlte Existenz' ist. Und das, Gertrud,
das will ich nicht sein. So sehe ich mein Leben nicht an, es komme, wie
es wolle.«
»Das bist du auch nicht. Durch das alles hindurch geht ein gerader Weg
zum rechten Leben, weißt du, dazu, 'das Leben zu haben in sich selbst'.
Das kann man freilich den andern nicht sagen. Sie sehen nur das Äußere.
Aber das wird gerade gut sein. -- Gut sein müssen,« setzte sie doch mit
einem leichten Seufzer hinzu. Denn leicht war es nicht immer, das wußte
sie wohl.
»Ja, und das sollst du mir hie und da sagen. Dazu will ich dich finden
können -- und zu manchem anderen. Du weißt es. Wenn ich es nicht mehr
weiß, will ich dich fragen können.«
Sie nickte ernst und einverstanden.
»Das will ich. Das sollst du können, mein Bruder.«
Und so sah Gertrud Cabisius' Glück aus?
So sah es aus.
Sie hatte sich einst weit aufgetan, um ein ganz großes, ganz volles
Menschenlos in sich zu empfangen. Und nun war sie zufrieden, -- nun
fand sie eine tiefe Freude darin, dem, den sie liebte, ein ruhender
Punkt, hie und da eine Zuflucht, eine Weggenossenschaft zu sein?
»Es wird nicht allen so gut,« dachte sie dankbar. »Es ist mehr, als ich
an bösen Tagen hoffen konnte.«
-- Wer will sagen, was ein ganzes Menschenlos sei? Vielleicht wird
im Entbehren, im tiefen Leid des Einsamseins stärker als im warmen,
sonnigen Glück die Ahnung davon wach, daß das hier »nicht alles« sei.
Daß die kurze Spanne Zeit, die wir unser Leben heißen, nur ein Teil
jenes großzügig angelegten Planes sei, in den sich der Schöpfer der
Menschengeschlechter nicht hineinsehen läßt. Wie der Geiger, der das
schönste Lied suchte, so sucht die Menschenseele einen Ort, da es
»bessere Geigen« gibt, damit einmal, endlich einmal das ganze Konzert
von großen, schrecklichen und herrlichen Dingen, die die Menschenbrust
zu Zeiten fast zersprengen wollten in Liebe und Sehnsucht, zur
Aufführung kommen könne, oder da in dem ungeahnt Allergrößten das jetzt
Große untersinke und verstumme.
Mitternacht war vorüber. Sie saßen noch da, manchmal still für sich und
in Gedanken jedes, manchmal flüsternd, Gegenwärtiges und Zukünftiges
beredend. Daß Georg einen Brief von Emeritz, seiner Münchener Freundin,
habe, und daß es ihm gelungen sei, den blinden Theodor in der Anstalt
unterzubringen. Gertrud wollte ihn einmal über eine Vakanz zu sich
holen und freute sich darauf.
»Er soll es gut haben,« sagte sie lebhaft und dämpfte sogleich wieder
ihre Stimme; die leisen, schwachen Atemzüge, die nur in der tiefen
Stille der Nacht hörbar sein konnten, gaben hier drinnen den Ton
an. Es ist nichts Geringes, dabeizusein, wenn ein ernster, Gottes
und des Lebens bewußter Mensch sich anschickt, in die dunkle Flut
unterzutauchen, deren Grund und anderes Ufer wir nicht kennen.
Ein Uhr.
»Horch, er redet.«
Sie traten ans Bett.
Immer #ein# Wort mit versagender Stimme, schnell aufeinander, dann
langsamer, deutlicher, dann kam mehr Stimme hinein.
Immer dasselbe -- »ewig -- ewig -- ewig.« Immer lauter, immer
staunender wurde der Ton. »Ewig -- ewig -- ewig.« Sonst nichts. Sie
versuchten ihn anzureden. Aber für den leisen Laut einer Menschenstimme
war Joachim Cabisius nicht mehr da, er, der zu vergehen schien an etwas
ganz Riesigem, ganz Unfaßbarem.
»Ewig -- ewig -- ewig.«
Es dauerte immer noch fort. Fast nicht zu tragen für die Zuhörenden,
denen der Vorhang noch nicht gehoben ist, der #ihm# sich aufzurollen
scheint. Es war so riesig, alles andere versank davor.
»Ewig -- ewig -- ewig.«
Sie waren ans Fenster getreten, dicht nebeneinander und hatten sich
fest an den Händen gefaßt.
»Daß uns werde klein das Kleine, und das Große groß erscheine,« sagte
Gertrud leise.
Dann nach und nach wurde es stiller, dann ganz still.
Waren auch ihm die Saiten zersprungen, als er in den vollen Chor
einzustimmen versuchte?
Er hatte sein Lebenlang zu der stillen, schönen Gemeinde der »guten
Geister« gehört, die in allerlei Sprachen und auf allerlei Weise, ein
jeder nach seiner Art »loben Gott den Herrn« und deren Bundeslied, ob
ihnen schon die Worte vielfach nicht bewußt sind, doch durch alles
Geschaffene tönt:
»Alle die Schönheit Himmels und der Erden
Ist verfaßt in dir allein.«
Wenn wir Ohren hätten.
Aber es wird so gut sein, wie es ist und wird gut werden, wie es wird.
* * * * *
Der Morgen graute ganz von ferneher. Kaum ein erstes, blasses Dämmern
drang durch die Nacht. Die kleine Nachtlampe fing an zu flackern in
dem kühlen Wind, der über die Berge herkam und draußen in den Bäumen
rauschte und in die Stube hereinwehte. Da standen sie auf von ihren
Sitzen und deckten ein weißes Tuch über das liebe, stille Gesicht.
»Ich gehe, Gertrud. Ich will mit dem Morgenzug reisen und meine Stunden
halten, wie sonst. Morgen komme ich wieder.
Ich komme immer wieder, du weißt es. Dieses Haus ist mir eine Heimat
gewesen und dieser Mann ein Vater, und du -- du bist mir eine
Schwester. Meine einzige. Bist du es nicht?«
»Doch, Georg.«
Ihr bleiches, überwachtes Gesicht glänzte von einem inwendigen Licht.
Sie gaben sich die Hände.
Das leise Sausen draußen schwoll stärker und stärker an.
Als sie ihm die Haustür öffnete, stand der Morgenstern über dem
Nachbarhaus:
»Wohlauf in den Tag hinein, so lang er währt. Ist er auch jetzt noch
grau, er wird hell und heller werden wann die Sonne kommt.«
Vor ihnen lag das Leben. Sie hörten leise seine Ströme rauschen in der
Morgenstille. Es würde schon Wege geben, hindurchzugehen.
Auf dem Dach, auf dem spitzen Giebel sang eine Amsel und sang die
anderen Vögel wach. Wußten sie nicht, was heut nacht geschehen war? Sie
sangen ihr altes Lied:
»Freude, Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.«
Sie können kein anderes. Es ist ihnen das Lied des Lebens, und wollte
Gott, wir alle könnten, über Leid und Tod hinüber, alle nur das
einzige, das Lied des Lebens, zu dem die Saiten in uns aufgespannt sind.