Aber sie merkte es nicht. Oder wollte sie nicht?
»Du, Georg,« sagte sie, »die Mutter hat erfahren, daß man fürs
Komponieren fast gar nichts bekomme. Man möge noch so schöne Sachen
hinbringen. Sag, ist das wahr? Du kannst dir denken, daß ich keinen
schlechten Schreck gekriegt habe. Aber du verstehst es wohl besser,
gelt? Du mußt ja wissen, worauf es hinausläuft. Sag.«
Und alle sahen ihn an und wollten wissen, »worauf es hinauslaufe«. Das
war so natürlich -- so natürlich. Aber es wandelte ihn dennoch die Lust
an, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen aus innerem Grimm heraus.
Er mußte sie im Sack ballen, daß er es nicht tat. Sie hatten ja doch
ein Recht, zu fragen. Aber wie tausendmal er sich selber schon gefragt
hatte, das wußten sie ja nicht.
Er atmete schwer. »Ich habe mit dir davon reden wollen, Lore,« sagte er
endlich, da sie ihn alle ansahen.
»Du kannst nicht sagen, du wissest nichts von dem, was ich schaffe, ich
habe es dir immer geschrieben.
Ich habe etwas angefangen, das, wovon ich dir einst sagte, im Wald, an
jenem Tag, etwas unsäglich Schönes. Die ganze Welt ist drin. Ich höre
es im Wachen und im Traum. Das #muß# werden. Es wird auch. Aber laß mir
Zeit dazu, Lore, glaub' an mich, sei geduldig. Sieh, manchmal ist es
zum Greifen nahe, dann entschwindet es wieder in alle Fernen.«
Er sprang auf, lehnte sich an das Fensterkreuz und redete im Stehen
weiter. Seine Augen lagen auf Lore, er suchte in ihrem Gesicht. Suchte
er den hellen Funken, der damals von ihr zu ihm gesprungen war,
zündend, verheißend, befruchtend?
»Ich -- ich habe es dir schreiben wollen. Ich will aus dem
Konservatorium austreten, es ist nichts für mich. Es ist da so viel zu
hören und zu lernen, das mich nichts angeht innerlich. Ich will einmal
nur auf das horchen, was aus mir herauswill. Sonst kommt mir hundertmal
das Fremde dazwischen.«
Er sah sie alle der Reihe nach an. Sie machten verdutzte Gesichter.
»Ja,« sagte Frau Maute, »davon ist ja aber nicht die Rede und
das verstehen wir auch nicht so. Es ist nur die Frage, worauf es
schließlich hinausläuft. -- Doch, Lore, das muß ich als Mutter doch
fragen.«
Und Franz und Müller Hensler nickten bedächtig dazu und nahmen breite
Schlücke von dem roten Wein, der in den Gläsern stand; denn mit dem
Kaffee waren sie nun fertig.
»Ich kann es euch nicht sagen,« dachte er trostlos. »Ihr versteht mich
doch nicht. Ihr fraget nur: was bringt es ein?« Dann raffte er sich auf.
»Laßt mir noch ein wenig Zeit,« sagte er. »Wenn ich das Werk fertig
habe -- es brennt mich und ich muß es schaffen, dann freut ihr euch
mit mir. Dann wird sich das Weitere auch zeigen. Dann ist mir auch
um eine Stellung nicht bange. Ich will es ihnen schon in die Ohren
bringen, sie #müssen# es hören. Glaub' daran, Lore, du hast es doch
immer getan.« Sein Gesicht sah so warm und bittend in das ihrige, es
wurde ihr so frühlingshaft zu Mute, als ob sie vor einem Baum stände,
der war voller Knospen, und der Baum gehörte ihr, und wenn er in Blüte
stände, dann sollte sie Hochzeit machen. Aber als sie aufstand und ihm
liebe, vertrauende Worte sagen wollte, sah sie zufällig in den Spiegel
und sah, daß ihre Mutter, die hinter ihr stand, ihr zuwinkte: »Sei
nicht zu nachgiebig; du mußt ihm den Ernst zeigen. Du weißt, er ist ein
verträumter Idealist.« Und sie trat zwar zu ihm und legte den Arm um
seinen Nacken und sah ihn an; aber es war nicht das gläubige Leuchten,
nach dem er sich sehnte, in ihren Augen, sondern eine drängende Glut:
»liebster Mensch, man ist nur einmal jung. Siehst du mich? Da hast du
mich. Komm bald. Du hast es mir versprochen.« Und in ihm schrie etwas
auf, das hatte er lange und oft in sich verstummen heißen: »an einem
wirst du schuldig. An Lore oder an deiner Kunst. Es ist anders, als du
gemeint hast. Schuldig wirst du, so oder so. Du wirst wohl ein Brot
suchen müssen; du bist dazu verpflichtet, bald. Aber das war es nicht,
nach dem du ausgingest.«
Er wußte nicht, wo er hinsehen sollte, um seine Not zu verbergen und
verbarg sein Gesicht in ihrer Hand und sagte nach einer Weile, daß er
jetzt gehen wolle, um den Rektor zu besuchen. »Und Gertrud,« dachte er
im stillen, und auch da war ein Druck, wie von Schuld oder Furcht oder
Sehnsucht. Er hatte sie jetzt zwei Jahre lang nicht gesehen und wußte
nicht, wie er ihr gegenübertreten sollte, ihr, der er am liebsten alles
ausgeleert hätte, was in ihm umging von Glück und Not.
Aber als er, um dem Denken ein Ende zu machen, an der Glocke des
Rektorhauses zog, da guckte ein junges Dienstmädchen heraus und sagte,
daß der Herr Rektor und das Fräulein verreist seien für etliche Tage,
und daß der Herr Rektor sich einer Augenoperation unterziehe.
Also brauchte er sich nun nicht mehr zu besinnen: will ich? will ich
nicht? sondern konnte gleich umkehren, denn da war nichts für ihn
zu holen. Er brachte es aber nicht über sich, fortzugehen, sondern
klinkte die Gartentür auf und schritt zwischen den buchseingefaßten
Beeten durch den Gemüsegarten, kam bis unter die Obstbäume, die dies
Jahr nicht viel trugen und setzte sich in schweren Gedanken unter den
Süßapfelbaum. Wo waren die Bubenträume, die er hier gesponnen hatte?
Und wo war Gertrud, der er sie erzählt hatte?
Hier waren sie zu dreien gesessen, damals, eh' Lore nach Tübingen ging.
Ein Schwarzköpfchen sang in der Hecke am Stadtgraben sein Abendlied;
die Zweige des Baumes rauschten leise in einem weichen Wind, und er
saß und die Augen fielen ihm zu. Er war in der Nacht gereist und der
Tag war unruhig gewesen. Aber plötzlich sah er staunend auf. Unter den
Bäumen kam ein alter Mann daher, gebückt, grau -- nein, das war nicht
möglich -- doch -- es war der alte Hollermann. Ganz so wie einst sah
er aus, nur daß das Hinfällige, Schlaffe, Runzelige wie übersonnt oder
durchschienen war von etwas Festem, Frohem, Starkem.
Nun blieb er stehen, stützte sich auf seinen Stock und sah auf den
Dasitzenden.
Der erschrak und das Herz klopfte ihm.
»Ach,« sagte er unsicher, »das bist du? Bist du das und kommst zu mir?
-- Das kann ja doch aber nicht sein. Du bist ja doch gestorben.« Da
lächelte der Alte. Es war ganz sein stilles, feines Lächeln von einst;
es ging aber über den ganzen Mann hin.
»Ja, gestorben, das nennt ihr so, weil ihr keine andere Bezeichnung
wisset. Ihr sehet nicht so besonders weit hinaus, ihr auf Erden. Aber
dafür könnet ihr nichts. Wir nennen das nur »sich verändern«, und ich
habe mich verändert, das ist wahr. Und es ist gut so.
Aber davon wollte ich nicht reden. Ich wollte dich nur fragen: Hast du
etwas gefunden?«
»Gefunden?«
»Ja, du wolltest ja doch das schönste Lied suchen, das, bei dem die
ganze Welt mitsingt? Du bist doch noch auf der Suche?«
Da senkte Georg den Kopf in großer Traurigkeit.
Der Alte aber sah ihn immer an mit seinen ruhig betrachtenden Blicken.
»Was hast du denn für einen schweren Sack auf dem Rücken? Es rasselt
darin und poltert, #so# kannst du ja nicht horchen.«
Das hatte der Jüngere selber nicht gewußt, daß er den Sack trug. Also
daher kam der schwere Druck, den er empfand? »O, es sind nur Steine
drin,« sagte er. »Ich muß ein Haus bauen für Lore, sie sagt, ich habe
es ihr versprochen. Ich habe es nicht so bedacht, daß ich das muß. Aber
darum ist es nun doch so. Da muß ich jetzt die Steine tragen. Es ist
schwer, ich kann mich nicht bei dir aufhalten. Horchen? Nein, horchen
kann ich auch nicht.« Aber der Alte wuchs so sonderbar. Er schien
die Bäume zu überragen und seine Augen wurden immer leuchtender und
durchdringender.
»Du,« sagte er, »du Sonntagskind, du gehörst dennoch zu den Horchenden.
Du mußt die Steine wegwerfen, du kannst jetzt kein Haus bauen. Das
weißt du ja selber. Du mußt ja doch das Lied suchen. Du willst nicht,
du mußt. Hörst du nicht, wie es klingt?«
Da zog eine ferne, leise Musik an ihnen vorüber und Georg horchte mit
klopfendem Herzen.
»Das war's, das ist's.« Aber als er aufspringen wollte, rasselten die
Steine in dem Sack.
Und er warf sich vor Hollermann auf die Kniee und umfaßte ihn.
»Hilf mir,« sagte er. »Du siehst mich durch und durch. Du weißt, wie es
ist.«
Aber Hollermann sagte nichts mehr. Nur mit einer sonderbar linden,
feinen Hand streichelte er den Knieenden, immer von der Stirn bis zum
Nacken, daß es ihn durchrieselte wie von einer belebenden Wärme. Da
wurde es ihm so leicht zu Mute, so leicht und frei.
»Ich will aufstehen und ihm nachgehen,« sagte er.
»Ja,« sagte Hollermann, »und da ist auch die Geige.«
Da sah Georg mit Staunen feine, silberglänzende Fäden, wie aus
Mariengarn gesponnen, die gingen von seiner Brust aus und waren an den
Bäumen und Sträuchern ringsum befestigt und Hollermann rührte daran, da
klangen sie, teils stark teils leise.
»Ein Ton die Schuld, ein Ton die Liebe, ein Ton die Sehnsucht, ein Ton
das Alleinsein, das große, herbe, ein Ton die Mühe -- kannst du sie
alle? Du mußtest sie alle erleben, um sie zu kennen.«
»Still.« Georg horchte atemlos. Das klang alles in seinem Herzen, aber
draußen in der Welt klang es mit.
»Einiges fehlt noch,« sagte Hollermann und lächelte.
»Das mußt du noch suchen. Und einiges, das weißt du, findest du erst
in dem andern Land. Aber laß dich nicht irre machen, es ist doch da
und ist wirklich. Davon sollst du singen: Was sichtbar ist, das ist
zeitlich, was aber unsichtbar ist, das ist ewig --.«
Jetzt war es auf einmal nicht mehr Hollermann, sondern Frau Judith,
und dann war es Meister Nössel, und dann Georgs Mutter, wie sie aussah
an dem Tag, dem einen, da es Licht bei ihr geworden war. Und dann kam
die Rektorin Cabisius daran, und weit weg tauchte der Rektor auf, und
Gertrud noch weiter, wie ein Schatten, aber alle waren sie da und er
hörte Hollermann sagen: »Sind wir nicht viele? Sind wir nicht eine
feine, stille Gemeinde? Nun wollen wir ihm das Lied singen. Leise, --
man muß hören, daß alles mitsingt.«
Da entstand ein wogender, schwebender Gesang, ein feines und doch
starkes Klingen. Die Sterne standen am Himmel und ließen silberne Töne
niederfallen, die Bäume regten singend ihre Äste und jedes Blättlein
schwang leise mit, der Wind trug auf seinen Flügeln von ferne her
starke Harmonieen, irgendwo rauschte es, da war doch aber kein Fluß?
Ach nein, Gertrud sagte: »Im Zeitstrom, der vorüberrauscht.« Und aus
den wenigen Menschen im Garten waren viele, unzählige geworden, wie
Schatten glitten alte Bekannte und fremde Gesichter an ihm vorbei, und
sie sangen alle:
»Alle die Schönheit Himmels und der Erden
Ist verfaßt in dir allein,«
und alles ringsumher sang mit. Das Lied hatte Georg schon früher einmal
gehört, er wußte nur nicht mehr, wo. Ihm brannte das Herz und er
versuchte mitzusingen, aber da wurde alles undeutlich und zerfloß, und
er saß mit offenen Augen und klopfenden Pulsen unter dem Süßapfelbaum.
Es war ein Klingen und Schwirren in ihm, das zog mit den Strömen
seines wallenden Blutes auf und ab; es rauschte leise wie von weichen
Gewändern, es war ein Schimmern zwischen dem Gesträuch hindurch, wie
von weißen Fittichen, da rieb er sich die Augen und stand auf und war
allein.
Der Mond ging heute früh auf, er kam schon am Horizont herauf und warf
einen milden, silbernen Schein da herein. Drüben über dem Stadtgraben
war die Seilerbahn, die aufgespannten Seile schimmerten weiß in dem
bleichen Licht, irgendwo sang eine Männerstimme -- ein Volkslied
-- »und so will ich wacker streiten, und soll ich den Tod erleiden« --
mehr war nicht zu hören.
Und Georg Ehrensperger, der mutlos und schweren Herzens hierher
gekommen war, reckte sich, daß er aufrecht und hoch den Gartensteig
wieder zurückging und in seiner Seele gingen hohe Wellen. »Ich kann
noch nicht gleich heimgehen, ich will noch in den Wald hinauf. Die
Nacht möchte ich durchwandern, ganz allein. Still, daß kein Ton
vergeht. Wie ein Segen ist es auf mich herabgekommen.« Und er beugte
den Kopf, wie um es besser tragen zu können, was ihn wie ein schwerer
Reichtum füllte, und trug den Hut in der Hand. Vor den Fenstern des
Rektorhauses blieb er stehen und grüßte die Abwesenden. »Ihr gehöret
dennoch zu mir. Ich gehöre dennoch zu euch.« Dann schritt er durch die
Gassen. Es war niemand mehr draußen. Das war ihm recht. Die Brunnen
plätscherten, hinter den Scheiben entzündeten sich die Lichter, er ließ
das Städtlein mit seinen Heimwesen hinter sich und ging die kleine
Anhöhe hinauf, den Dinkelsbühl, und kam in den jungen Eichenwald, der
dort droben steht.
Als einem, der lang in der Fremde gewesen und dann heimgekommen ist,
war es ihm.
Kühl und weich war das Moos am Waldrand, in das er sein Gesicht
drückte. Ganz still standen die jungen Bäume und horchten. Aber sie
hörten nicht, was er redete, es kam nicht über die Lippen.
Vielleicht wußte er es auch selber nicht so genau, was alles in starkem
Lebensdrang aus seiner Seele strömte. Ein Dank und eine Freude und ein
Sich-hin-geben-wollen an die Welt. Ein Gebet: Bleib mir nah, du -- du
ew'ger Geist, des Wesen alles füllet --, bleibet mir nah -- ihr, die
ihr zu mir gekommen seid -- schließet einen Kreis um mich. Das und mehr.
Es wurde immer stiller, größer, es ging immer mehr nach innen.
Leise ging der Nachtwind über ihn hin.
Er ist schon über manchen hingegangen, der in der Nacht »auf einen Berg
besonders« ging, um sich in der ewigen Einheit zu fassen, und um den
rechten Ton zu finden, am Morgen mit den Menschen vom Ewigen zu reden.
Es war ziemlich spät, als Georg wieder den Berg hinabstieg. Alles
war still umher, er fing hie und da leise an zu summen: »Alle die
Schönheit Himmels und der Erden ist verfaßt in dir allein« und dann
brach er wieder ab: »still!« und sagte:
»Das wahre mir zur Leuchte,
Auf daß mir's auch den Pfad erhellt,
Der mich umnachtet deuchte.«
Sie hatten auf ihn gewartet und waren etwas ärgerlich, daß er so lange
ausgeblieben war. Und Lore saß im Großvaterstuhl und rührte sich nicht,
als er hereinkam. War sie böse? Daran hatte er gar nicht gedacht, er
wollte ihr sein ganzes, volles Herz bringen, das hatte ihm zuletzt die
Schritte beflügelt. Da sah sie auf und sah ihn an und wollte irgend
etwas Gekränktes sagen und blieb staunend still. So rein und schön war
der Glanz seiner Augen und so still und fest seine ganze Haltung, so
sehr leuchtete ihr seine hohe Liebe entgegen und dann noch etwas, das
sie nicht kannte, etwas Sieghaftes, Heiliges.
»Komm,« sagte er. »Ich muß morgen früh abreisen, wir haben nur den
einen Abend. Komm mit mir in meine Kammer herauf, in der ich mit
vierzehn Jahren schlief. Nein, sag nichts, ich muß dir viel erzählen.«
Da führte er sie an der Hand aus der Stube und die Treppen hinauf
bis unters Dach, und die Zurückbleibenden schüttelten ratlos die
Köpfe: »Was hat er jetzt wieder? Ist das ein närrischer Mensch.« Und
ratschlagten, ob denn jemals etwas aus ihm werde, und fanden große
Beruhigung in der Erkenntnis, daß »so etwas« sonst nicht in der
Ehrenspergersfamilie daheim sei, -- wenn er aber nur nichts Ungutes von
seiner Mutter geerbt habe.
* * * * *
Sie war viel hin- und hergezogen worden, so lang er fern war. Etwas,
das Beste in ihr, das strebte nach ihm, das kam zur Entfaltung in der
Gemeinschaft mit ihm, in seiner Liebe, und in dem Willen, mit ihm in
seiner Welt zu leben.
Aber da war so viel anderes daneben. In ihr selbst und in ihrer
Umgebung. Nun saß sie neben ihm, auf der Kiste, die er sich einst zu
einem Sofa geträumt hatte. Das alte bunte Umschlagtuch seiner Mutter
lag noch darüber ausgebreitet von lang her. Sie sah zu ihm auf mit
erstaunten Augen. Was hatte er nur? Da war nichts zu kritteln und zu
tadeln, er stand sicher und hoch in einer reinen, schönen Welt.
Und ohne den Druck und die Unsicherheit des Nachmittags fing er an, ihr
von seinem Werk zu erzählen, das ihm jetzt wie ein Ganzes vor der Seele
stand, ja, das ihm innerlich fertig zu sein schien, so gewaltig tönte
es.
»Könnt' ich dich nur dazu hineinhorchen lassen, Lore. Das wär das
Beste. Denn mit Worten ist es schwer zu sagen. Aber dennoch. Also du
weißt: Da geht einer aus und will das schönste Lied suchen. Ein Geiger.
Er hat es im Traum gehört, jetzt läßt es ihn nicht mehr los, er muß
es wieder haben. Zuerst hört man den Traum, das fängt ganz fein an
mit Streichinstrumenten die tragen eine Melodie wie auf Fittichen.
Dann will es eine einzelne Geige nachbilden, das ist immer er; aber es
tönt ihm anders, nicht so, wie er es gehört hat. Dann geht er auf die
Wanderung und sucht immer. Da kommen Vogelstimmen, Wasserwellen, Winde,
Gewitterstürme. Überall ist ein bißchen davon drin, aber nur da ein Ton
und dort einer. Und immer wieder die Geige, die ihn festhalten will,
und immer wieder bricht sie ab und verstummt, weil da so viel anderes
hereinklingt. Und er merkt, daß er in der Natur allein das Lied, das
ganze nicht findet, und er geht unter die Menschen und will das ganze,
reiche Leben kennen lernen. Da muß es doch irgendwo tönen. Da -- da
müßten eigentlich Chöre hinein, ich weiß noch nicht, -- sind spielende
Kinder, und singen junge Burschen und Mädchen, weißt du, Lore, nach
Hinkelsbach zu am Sonntag nachmittag, und er spielt ihnen zum Tanz auf,
und erschrickt, denn er hat auf einmal die Melodie vergessen, die immer
auf dem Grund seiner Seele war. Und zieht weiter und im Alleinsein
fängt sie wieder an zu tönen.
Er kommt durch Städte und Dörfer und findet allen Reichtum und
alle Armut und lernt Liebe kennen und alles Verlangen und alle Not
und auch die Schuld und auch die Sehnsucht. Das alles tönt in den
Menschenherzen, das hört man immer von den Instrumenten, und es klopft
auch in dem seinigen, das ist immer die einsame Geige. Und überall ist
etwas darin von dem schönsten Lied, aber es ist nie das ganze. Er kommt
auch in die Kirche, -- das hab' ich schon, Lore, ich möchte es dir
vorspielen, -- da ist ein breiter Strom von einer tiefen, feierlichen
Musik, und er glaubt schon, hier am Ziele zu sein, denn ein paarmal
klingt stark und deutlich die ersehnte Melodie heraus, aber -- weg ist
sie wieder, auch da nicht das Ganze, und das Bruchstück nicht ganz
rein. O, wo bist du?
Da ist ein Stück weit müde, hoffnungslose Grauheit in der Musik und nur
die Geige, sein eigenes Herz, summt sich hie und da die paar Takte,
die es noch weiß. Aber siehst du, Lore, er gibt das Suchen nicht auf,
das ist es, was ich sagen möchte. -- Was sagst du? ich sei dennoch
ein Pfarrer? weil ich das Predigen nicht lassen könne? Ja, das muß
ja wohl so sein. Und sieh, es ist auch nicht umsonst. Denn als alle
die andern Stimmen schweigen und er alt wird und still, da -- da ist
zwei -- drei Takte lang Pause in der Musik, -- da tönt ihm auf einmal
die Traummelodie wieder, irgendwo her, immer schöner, immer stärker,
und er hört plötzlich, daß alles Geschaffene mitklingt, nicht mehr
bruchstückweise, ganz, und er erkennt, daß sie nicht im Leben drin, daß
sie das Leben selber ist. Das geht nun nicht aus, das ist ewig, das
geht für ihn erst an. Und er will rasch mitklingen, denn die Saiten
seiner Geige zittern schon, und er spielt und spielt, da reißt eine
Saite um die andere, jauchzend brechen sie ab -- dann ist die Geige
still -- dann hört man nur noch die Melodie im Orchester, leiser --
immer leiser, bis es alles wie in weite Fernen entschwindet.«
Sie wagte kein Wort zu sagen, als er nun aufatmend schwieg. Sie sah
ihn nur an, wie man ein fremdes, schönes Bild ansieht, das dennoch so
rätselhaft bekannte Züge trägt. Er war so anders, als sie ihn sonst
kannte, so erhoben, -- so glänzend von dem inneren Licht, das ihn zu
erhellen schien. Aber dann wußte sie doch, daß er ihr gehörte und
sie strich sich mit der Hand über die Stirn, wie um die Befangenheit
abzustreifen. »Und das hörst du alles in dir drin?« fragte sie. »Das
kannst du alles in Töne bringen?« Da nickte er. »So Gott es mir hütet.
So stark war es noch nie wie heut Abend. Es war oft eine Qual in den
letzten Monaten -- ach, wir wollen jetzt nicht mehr davon reden. Ich
glaubte, ich hätte mich verlaufen. Sie fragten immer: Wo hinaus? Und
ich wußte es nicht. Und dabei entschwand mir alles. Lore, das kommt
nicht, wenn man es zwingen will, es kommt nur ungerufen. So kam es
heute.«
Da ging auch durch sie etwas Großes hindurch, ein Glauben an ihn, --
oder ein Glauben an seinen Glauben.
»Geh,« sagte sie, und er sah das Leuchten ihrer Augen wieder, »geh und
halt's fest, und wenn du es festgenagelt hast, dann komm wieder. Und
dann -- gelt dann --.« Er legte leicht die Hand auf ihren Mund. »Sag
nichts sonst, heute nicht. Es kommt alles, eins ums andere.« Und schloß
sie in seine Arme. »Du, o du, wenn ich nicht mehr zwischen beidem hin-
und hergerissen bin, und kann froh an dich denken und froh an meinem
Werke sein -- halt die Hände darüber, Lore -- dann komm ich einst zu
dir -- dann sind wir beide gesegnet, du und ich.«
* * * * *
Als der Morgen graute, ging er aus dem Haus seiner Väter. Lore hörte
ihn, wie er die Treppe hinabstieg und hörte die Haustür ins Schloß
fallen und hörte seine raschen, festen Tritte auf dem Pflaster des
Marktplatzes. Sie sah zu ihrer Mutter hinüber, die lag auch wach, sie
blinzelte zwischen verschlafenen Lidern zu der Tochter herüber. »Na,
ihr habt's ja wichtig gehabt gestern abend. Was habt ihr denn jetzt
ausgemacht?« »Ausgemacht? Ach, er hat mir erzählt, was er schafft.«
»Ja, und dann?« Lore drückte den Kopf in die Kissen und dehnte sich
wohlig. »Dann hab ich ihm versprochen, daß ihr ihn in Ruh lassen sollt.
Er weiß selber, was er zu tun hat. Hörst du? Sie machen schon die
Ladentür auf. Ist das Franz? Das Frühaufstehen, weißt du, Mutter, das
ist eigentlich nicht so meine Sache.«
* * * * *
Er ging im dämmernden Morgen nach der Bahn, die Seele voll frischen
Mutes und Glaubens, das Herz erwärmt von der alten Heimat und von Lore,
die nun dort leben sollte. In wenigen Tagen schon wollten die beiden
Frauen nach Wiblingen umziehen. Ach -- es konnte ihm ja nur lieb sein.
Sie war so wohl behütet in seiner Heimat. Er konnte so ruhig an sie
denken und konnte einmal heimkommen und sich erfrischen an ihr -- an
allem Heimatlichen, bis -- ja bis er ganz kam und sie zu sich holte.
Wann? wohin? Das lag heute nicht so schwer auf ihm. Es fand sich, eins
ums andere, jetzt, da er so reich an tönenden, treibenden Kräften
wieder auszog.
»Ach, das habe ich nicht gesagt. Das habe ich vergessen. Sie soll
Gertrud besuchen, bald und oft. Sie soll lieb mit ihr sein. Ich will es
ihr schreiben, so bald ich nach München komme. -- Gertrud -- sie muß
unsere Schwester sein, sie wird es auch, sie war die meinige, so lang
ich denken kann. Das muß wieder zurecht kommen, es muß ja.«
Da hallten feierliche Schläge vom Turm. Und weit tat sich ihm das Herz
auf. Die Morgenglocke. Mit der alten vertrauten Stimme rief sie ihn und
gab ihm alles mit auf den Weg, was sie von jeher für ihn gehabt hatte.
Es war aber alles schon vorher wach, wer weiß, ob sie sonst den Weg in
sein Inneres gefunden hätte. Er nahm den Hut ab. Die Morgenluft spielte
mit seinem Haar.
»Ich -- ich will dir nicht entlaufen. Ich will dir dennoch dienen. Das
wahre mir zur Leuchte.«
Und alle die alten, vertrauten Gestalten standen um ihn und nickten ihm
zu und er war der ihren einer.