Als das zweite Jahr in München um war, bekam Georg die Nachricht, daß
seine Schwägerin gestorben sei.
Da kaufte er sich einen schwarzen Filzhut, ein Florband um den Ärmel
und eine Fahrkarte nach Hause.
Er war ihm um Franz. Der hatte ja doch niemand als ihn. Er empfand auf
einmal mit Macht den starken natürlichen Zusammenhang mit ihm.
Aber als er ins Haus trat und in die Ladenstube, fand er da schon
einige Leidtragende: den Müller Hensler und zwei schwarzgekleidete
Frauen -- Lore und ihre Mutter. »Lore, du?« Sie ließ das Kuchenmesser,
mit dem sie eben hantiert hatte, fallen und drehte sich rasch um. »Du
-- o -- Georg -- wir hatten dich erst heut abend erwartet -- o --«
Da umschlossen sie schon seine Arme. »Still.« War sie noch schöner
geworden? In dem schwarzen Kleid sah sie so groß und schlank und
vornehm aus. Da kam Frau Maute heran. Sie hatte eine breite Schürze aus
Trauerkattun an und etwas aus schwarzem Krepp gemachtes auf dem Kopf
und ihr Gesicht drückte eine Mischung von feierlichen, traurigen und
angenehmen Gefühlen aus.
Sie war mit einem Plan hierhergekommen, den sie gleich nach der
Beerdigung dem jungen Witwer zu offenbaren gedachte. Vorderhand zeigte
sie durch die Tat ihre verwandtschaftliche Gesinnung für Franz, indem
sie geschäftig hin und her ging, dem Müller Hensler einschenkte,
die Blumenspenden der Wiblinger in Empfang nahm, hie und da eine
Nachbarin in die Totenkammer führte, in der die junge Frau lag, die
einst so rührig hier herumgewirtschaftet hatte, und indem sie hie und
da ein Federchen oder Härchen sorgfältig von Franzens schwarzem Rock
entfernte, das etwa daran hängen geblieben war.
Alle diese Taten vollbrachte sie unter vielen und mütterlichen
Reden, die sie in etwas kläglichem Ton hervorbrachte, denn sie hielt
denselben für am Platz und passend bei dieser Gelegenheit. Auch hatte
sie für Zwei gerührt und bewegt zu sein, da Lore sich ganz natürlich
und anmutig betrug als ein Wesen, das durch sein bloßes schönes und
erfreuliches Dasein genug zum Trost der betrübten Menschheit beiträgt.
»Gelt, du wunderst dich, daß wir da sind?«
Sie lehnte sich an Georg und sah ihm in die Augen.
»Sag etwas; du bist ganz verstummt.«
Ja, er hatte sich im ersten Augenblick gewundert, wie man sich im Traum
wundert, daß etwas plötzlich da sei, das man fern glaubte. Aber er war
froh genug, daß sie da war.
Alles zweifelhafte, unruhige Denken, das ihn in letzter Zeit oft
gequält hatte, wenn er an sie dachte, verstummte vor ihrer leiblichen
Gegenwart.
Aber als er nicht gleich etwas sagte, hielt es Frau Maute für
angezeigt, eine Erklärung zu geben.
Sie klopfte Franz, der im Großvaterstuhl saß, auf die Achsel.
»Wenn man so nah verwandt ist. Wir konnten ihn doch nicht im Stich
lassen, -- jetzt. Hi hi.« -- Sie vergaß sich und lachte geschwind ein
bißchen. Dann suchte sie schnell wieder den leidtragenden Ton hervor,
nahm die Schürze vor die Augen und sagte hinter derselben hervor:
»Es ist vollends so schnell gegangen, man hätt's nicht gedacht. Vor ein
paar Wochen, als Franz bei uns war« --
»Franz war bei euch?«
»Ja, hab' ich dir das nicht geschrieben?« Lore streichelte Georgs Hand.
»Er war beim Doktor für seine Frau, da besuchte er uns natürlich.«
»Ja, wir haben die Verwandtschaft ein bißchen gepflegt,« sagte Müller
Hensler behaglich, »nicht, Franz?«
Franz nickte. Er sah stark mitgenommen aus, trug sich etwas schlaff
und machte einen älteren Eindruck, als es seine achtundzwanzig Jahre
wollten.
»Müller Hensler war auch mit in Tübingen? Das habt ihr mir alles nicht
mitgeteilt.«
»Ja du, du stecktest ja bis über die Ohren in deinen Arbeiten. Was hast
du für Briefe geschrieben -- hu. Ich traute mich nicht mehr mit so
kleinen Ereignissen an dich heran.« Lore machte ein trotziges Mäulchen.
»Es ist nur gut, daß du endlich wieder einmal da bist.«
Da mischte sich Frau Maute wieder ein.
»Er hatte es schwer, der arme Franz. Es tat ihm gut, ein bißchen bei
uns zu sein. Ich -- wenn man selbst Mutter ist -- aber nun wollen wir
ihn wieder herauskriegen.«
»Mutter,« sagte Lore, »da kommt jemand mit einem Kranz.« Da enteilte
sie und man hörte von draußen herein ihre klägliche Stimme, mit der sie
irgend eine Teilnahmsbezeugung quittierte.
* * * * *
Wenn jetzt Jungfer Liese dagewesen wäre. Wenn sie jetzt wieder
Schlüsselbund und Geldtasche an sich genommen hätte, sie, die Getreue,
die so ungern ihre beiden Franze, den alten und den jungen, aus ihrer
Obhut entlassen hatte.
Aber sie war nicht mehr da, um die alten Pflicht- und Würdezeichen
an sich zu nehmen. Da mußten sich andere Leute dazu bequemen, und
das taten sie auch. Man muß es ihnen lassen, daß sie es äußerst
bereitwillig taten.
Es war je länger je mehr mit Hängen und Würgen gegangen, sowohl was
die Putzmacherei als die möblierten Zimmer betraf. Sie waren zu nichts
gekommen und es hatte nirgends recht hinreichen wollen. Dazu kam, daß
Lore nicht mehr recht Lust hatte, in Tübingen zu sein.
»Ach, es wächst immer wieder so junges Gemüse daher, was will ich
davon? Ich wollte, Georg machte voran.«
Ja, das hätte Frau Maute auch gewollt.
Als Georg, etwas später als die andern, denn er hatte die bekannten
Gräber besucht und an Frau Judiths Grab Meister Nössel getroffen, --
als er vom Kirchhof zurück kam und in die Ladenstube trat, wo alle
um den Kaffeetisch saßen, verstummte ein lebhaftes Gespräch, das sie
soeben geführt hatten.
»Sag's ihm, Franz.« »Nein, du.« »Nein, ich,« sagte Lore und machte ihm
an ihrer Seite Platz.
»Was würdest du dazu sagen, wenn wir hier blieben, die Mutter und ich?«
»Man kann doch Franz nicht im Stich lassen. Er muß doch jemand haben.«
Das sagte Frau Maute. »Und da du wohl doch noch nicht so schnell
Hochzeit machen kannst, so dachten wir,« sie brach ab und sah ihn
erwartungsvoll an.
Wie merkwürdig das alles war. Eben noch dort draußen der eisgraue Mann,
Meister Nössel, der ein ganzes Stück seiner Kindheit und Jugend in
ihm wachgerufen hatte, dann im Heimgehen die alten Gassen und Häuser,
unter den Akazien Mütter mit Kindern -- mit den Müttern hatte er
selber als Kind gespielt -- nun hier in seinem Vaterhaus, in der alten
Ladenstube, wo noch die beiden Edelleute an der Wand hingen, wie vor
Zeiten, dieser Kreis von Menschen, niemand neues dabei, nur so neuartig
zusammengeschlossen.
Franz, der nur zwei Jahre älter war als er, saß da als Witwer, hatte
schon alles erlebt, was in ein Menschenleben herein gehört, was wollte
er nun noch?
Und Lore, seine Lore, die sollte hier daheim sein, indes er draußen
war? Und ihre Mutter sollte hier schalten?
Frau Maute im Ehrenspergerhaus? Wie merkwürdig.
Er fand nicht gleich eine Antwort, er sah fragend von einem zum andern.
Der Müller Hensler saß neben Frau Maute und sah sehr einverstanden aus.
»Jetzt wird's wieder gemütlich hier,« sagte er. »Jetzt werden wir
wieder jung miteinander. Mach voran, Musikante, dann kommst du auch
dazu.«
»Ja, mach voran.« Das sagte auch Franz. Er hatte den schwarzen Rock
ausgezogen und saß in Hemdärmeln da. Es war mühselig und traurig
zugegangen in seinem Leben die letzten Jahre her. Er hatte seiner Frau
alle Erleichterung und alle Pflege angedeihen lassen, die sie sich
nicht selber als zu teuer verbat. Er glaubte sich nichts vorwerfen zu
müssen. Jetzt, glaubte er, dürfe er ein wenig aufatmen.
»Platz hat's genug,« sagte er. »Ihr könnet im Oberstock wohnen, heißt
das, den Tag über gibt's genug zu tun so unten herum. Da ist die
Wirtschaft und der Laden und die Küche, und --«
»Und der Krautgarten und das Baumgut,« sagte Lore und lachte. »Heidi,
das gibt ein Leben. Dauert mich nur mein alter Riedesel in Tübingen,
sonst kein Mensch. Und derweil macht mein Herr Musikdirektor seine
wunderbaren Sachen fertig, von denen kein Mensch etwas rechtes erfährt,
und dann -- -- jetzt mach #du# weiter, Georg.«
Da sahen sie alle auf ihn.
Und dann? Er saß da und sah vor sich hin.
Es war ihm auf einmal, als ob er nicht daher gehöre. Gar nicht in
diese Stube und in diesen Kreis. Er hätte allein mit Franz auf das
Baumgut gehen mögen, wie in Kindertagen und eine Weile mit ihm von ganz
harmlosen Dingen reden, oder allein mit Lore in den Wald gehen. Er
hatte ihr so viel zu sagen, so viel. Er konnte es nicht hier tun, vor
allen, er konnte es nicht.