Erstes Kapitel

Wenn nur die Menschen mehr darauf ausgingen, die Freude zu suchen.

Sie vermissen sie, sie rufen nach ihr. Daß sie von ihr verkürzt seien,

sagen sie klagend.

Aber sie machen sich nicht auf, voll guten, mutigen Willens, sie zu

finden.

Und die Freude ist überall und will sich finden lassen. Denn sie liebt

die Menschen.

Nur ist ihr Gewand schlicht, und ihre Augen sind ernst, und ihre Hände

zeugen von Mühe und Arbeit. Da schrecken manche, denen sie ans Herz

treten will, zurück und machen erstaunt die Augen auf: Du bist es? So

siehst du aus? Ach, entschuldige, dich habe ich nicht gemeint. Ich --

ich hätte gern etwas mehr Geld, oder etwas mehr Behagen, oder ein Haus

im Grünen, oder einen hübschen Titel. Oder ein großes, sonniges Glück,

oder ein machtvolles Können. Siehst du, das nenne ich Freude. Wer aber

bist du?

Und die Freude zieht weiter. In dieser Sprache kann sie nicht mitreden.

Sie stammt aus einem ganz anderen Lande und bringt nichts, als sich

selbst. Aber es geht ihr nicht bei allen so. Manche nehmen sie auf,

denen teilt sie das Geheimnis des Frohseins in sich selbst, denen zeigt

sie das Leben, das nicht von Zufälligkeiten abhängt.

Kennt ihr Menschen, bei denen die Freude eingekehrt ist? Die durch das

dürre Land gehen und machen sich daselbst Brunnen? Wenn ihr sie kennet,

so geht zu ihnen hin, denn es ist gut bei ihnen zu sein. Sie haben

die Bitterkeit und das Alleinsein und den Neid und was der dunklen

Geister mehr sind, nicht über sich herrschen lassen. Sie haben selbst

geblutet und verstehen die andern. Sie haben neue Quellen des Lebens

entdeckt und bieten die Schale mit dem frischen Trunk den andern: Nun

trinket auch ihr. Seht ihr's? Man bleibt nicht liegen. Das Leben ist an

sich ein Frohgeschenk, auf, laßt uns hindurchschreiten, denn es wird

lichter, nicht dunkler.

Ja, solches haben die Menschen, bei denen die Freude eingekehrt ist.

Solches lehrt sie die Himmelsbotin in langen, dunklen Tagen und Nächten

und führt sie an der Hand ins weite, große Leben hinein.

Kennt ihr sie? Laßt euch nicht davon abschrecken, daß ihre Züge oft

eine Schrift tragen von viel überstandenen Schmerzen, und daß manche

von ihnen nicht viel Leichtes, Lustiges zu sagen wissen. Wenn es euch

schwer dünkt, zu leben, dann geht zu ihnen. Dann seht ihr in leuchtende

Augen, und fühlet linde Hände und höret liebreichen Trost von einer

Stimme, die ist wie einer Mutter Stimme.

* * * * *

Es war eine Zeit, da glaubte Gertrud Cabisius nicht mehr an die Freude.

Sie hatte sich weit aufgetan und hatte sie empfangen wollen, da war

das Leid gekommen. Nun wußte sie nicht, was das Leben von ihr wollte.

Sie war so ganz ungeteilt nach einer Richtung hin gegangen. Nun sollte

sie umwenden und wußte nicht, wohin? Es war leer, wohin sie blickte.

Es stand in den Büchern, die sie aufschlug, es tönte aus den Liedern,

die die Jugend sang, es stand auf Weg und Steg geschrieben, -- daß es

anders sei, als vordem. Ja, anders, aber wie sollte das werden?

Es war aber ein guter, tüchtiger Kern in ihr. Der bewahrte sie vor

allzu großer Selbstbejammerung. Da biß sie die Zähne übereinander

und versuchte, ihre Arbeit zu tun, wie sonst. Es traf sich, daß das

junge Dienstmädchen krank wurde und oben in der Kammer lag, und es

traf sich, daß der Rektor Cabisius ein Starleiden bekam und nicht mehr

selber lesen konnte. Lauter Trost, lauter Tagesaufgaben, nicht für die

Zukunft, nichts Großes, Weites, nur für die Stunde, für jetzt. Und

Gertrud kniete auf den Steinfliesen des Küchenbodens, und fegte ihn

sauber, und kochte Krankensuppen für das Mädchen, das ungeduldig und

stöhnend in seiner Kammer lag und sich selbst bejammerte und sich nach

heimatlichem Kraut und Speck sehnte. Und sie band die Küchenschürze

ab und kam zu dem alten Herrn ins Zimmer: »Soll ich dir vorlesen,

Großvater?«

Da las sie ihm viel und lange vor, und er wählte große, ausweitende

Stoffe, die aus alter Zeit zu uns herüberreden von Glück und Not und

Kampf der Menschen.

Aber er schüttelte leise den Kopf: »Noch ist ihr Wesen nicht dabei,«

wenn des blinden Ödipus dunkles und schweres Schicksal und Antigones

Kindesliebe und ihre stille, gelassene Todbereitschaft keinen hellen,

hohen Klang in die Mädchenstimme brachten, wenn alle die starken,

großzügigen Gestalten wie Schatten durch das Zimmer glitten.

Er ermahnte sie nicht, er war ganz unberedt dem still getragenen Kummer

seines Kindes gegenüber; er wartete nur. Wie man auf den Frühling

wartet und weiß: er muß doch kommen, so wartete er darauf, daß in den

tiefernsten Augen und auf den blassen, verstummten Lippen ein neues

Leben erscheine.

»Du wirst sie zur Freude führen, ich kann es nicht,« sagte er, und

wußte, wen er damit meinte.

* * * * *

Gertrud war lange nicht mehr zu ihrer lahmen Freundin gekommen. Was

konnte sie jetzt in das leere, stille Leben hineintragen, sie, die

selbst nichts hatte?

Auch regte sich in ihr die Angst vor dem Gleichartigen in ihrem

Schicksal. Sollte sie in Zukunft ebensowenig zu erwarten haben, als

Veronika? Es war ihr, als müsse sich in dem stillen Mädchen ein kleines

Triumphgefühl regen: Siehst du, dir ergeht es nicht viel anders als mir.

Aber eines Abends, als es dämmern wollte und alles so grau und leer

aussah, und das Mädchen wieder in der Küche hantierte und der Großvater

einen Besuch bei sich drinnen hatte, da, als Gertrud sich hin und her

besonnen hatte: Will ich, will ich nicht? Da schlug sie dennoch wieder

den Weg nach der Heinersgasse ein und nach der niedrigen Stube, in der

Veronika am Fenster saß, seit sie sich denken konnte.

* * * * *

Befand man sich hier auch »im Zeitstrom, der vorüberrauscht«? Oder war

der einfache, schier ärmliche Raum, der Veronikas ganze Jugend gesehen

hatte, ausgenommen von dem Wellenschlag des Lebens, ein trockenes

Bachbett ohne rinnende Wasser? Es war ein und jeden Tag dasselbe: Ein

mühsames Aufstehen und Sichschleppen bis zu dem Fensterplatz, ein

mühsames Regen der Hände und ein mangelhaftes Gelingen der Flickarbeit,

die sie förderten. Anderes bekam Veronika nicht leicht zu tun. Ihre

Mutter hatte Kundenhäuser zum Waschen und Putzen, da brachte sie die

zerrissenen Röcke und Hemden der Dienstmädchen oder die Schürzen und

Blusen der Knechte zum Flicken mit heim.

Die gaben das Tagewerk des stillen, feinen Mädchens. Jetzt ruhten ihre

Hände. Es war halb dunkel in der Stube, nur das weiße Gesicht mit den

dunkeln Augen hob sich, da es dicht neben dem Fenster am Holzrahmen

lehnte, lebendig heraus. Da kam Gertrud herein, nicht so rasch und

lebhaft, wie sonst, schon ein Erlebnis, eine Mitteilung auf den Lippen,

sondern ein wenig zögernd und still, und setzte sich auf einen Stuhl

und fing nach einer Weile ein gleichgültiges Gespräch an. Aber sie

verstummte wieder bald, und holte sich einen kleinen Holzschemel, und

ließ sich darauf nieder, und barg ihr Gesicht in Veronikas Schoß.

Die legte ihre Hände still auf das volle, dunkle Haar und strich sachte

darüber, und nach einer Weile hob Gertrud den Kopf ein wenig und sagte

leise: »frag mich nicht. Ich sag dir's, wenn ich kann. Nicht jetzt.«

Nein, Veronika fragte nicht.

Aber sie wußte, daß nun die Stunde für sie gekommen sei, nach der ihr

wacher Geist oft gefragt hatte, wann die Tage kamen und gingen, eine

unabsehbare, stille Schaar, die sich an den Händen faßte und einander

so gleichsah, so verzweifelt gleich: Wozu bin ich? Bin ich nur für

mich? Ist niemand, der meiner bedarf? Sie wollte ihren Teil an den

andern und nicht nur empfangend, nehmend #und# gebend begehrte ihr

reiches Wesen in die Reihen der Lebendigen zu treten.

Ihrer Mutter, das wußte sie, war sie eine Last. Eine geduldig

getragene, aber dennoch eine Last; sie konnte dem müdgeschafften Weib,

wenn es spät abends heimkam, so wenig mehr sein. Es brauchte nur Ruhe

und seinen kargen Schlaf, war es nicht ein rechtschaffenes Kreuz, nun

auch noch die Tochter versorgen zu müssen? Was aber das Mädchen zu

geben hatte in seiner stillen, feinen Art, dafür war sie wohl zu stumpf

geworden in den harten Arbeitsjahren.

Einmal hatte Veronika Worte für das gefunden, was ihr Leid und ihre

schwere Fülle war. Es hatte sich ihr zu einem Lied gestaltet und als

sie es mit den ungefügen Fingern mühsam niederschrieb, fühlte sie sich

einigermaßen erleichtert. Hier ist es:

»Quillt im Wald ein tiefverborgner Bronnen

Rieselnd kommen seine klaren, hellen,

Aus dem Felsgestein entsprungnen Wellen

Zwischen Moos und Farren hingeronnen.

Keiner weiß es, und die Wasser quillen

Immer fort aus nie erschöpften Gründen.

Wüßt ein Durstiger den Quell zu finden,

Ein unendlich Dürsten könnt er stillen.

Rauscht der Wind wohl in den hohen Buchen,

Landwärts trägt er eine leise Klage:

Und so rinn und rinn ich alle Tage;

Will denn keiner meine Fluten suchen?

So ein Born aus ungeseh'nen Meeren

Füllt mein Wesen, füllt es bis zum Rande,

Und ich trag' sein Wallen durch die Lande.

Leise fragt's: wem soll die Flut gehören?«

Das Lied hatte sie damals nach langem Zögern und Besinnen Gertrud

gezeigt, aber die hatte keine rechte Antwort darauf gehabt. Sie wußte,

wem ihre Flut gehöre. Nun war es anders. Bei beiden war es anders, als

damals.

»Sag, Veronika, wie erträgst du dies Leben hier? Brennt es nicht in

dir, daß du aufspringen möchtest, und irgendwo eintreten, in irgend

eine Lücke, die sonst niemand -- ach, Veronika.«

Wie sie es ertrug? Fingen nicht die Wände an zu reden von der großen

Sehnsucht, die sich in dem kleinen Raume barg, und von dem Leben, das

ganz still und unaufhaltsam hier erwuchs, einer Kellerpflanze gleich,

die sich nach dem Lichte streckt?

Es war vollends dunkel geworden. Aber draußen stapfte der

Laternenanzünder über das holperige Pflaster. Sein Lichtlein glomm

an den Fenstern vorbei, nun ein leises Klirren an der Laterne schräg

gegenüber, dann fiel ein heller Lichtstreifen hier herein auf ein

angstvoll fragendes Gesicht, das sich wartend emporhob, und auf ein

anderes, das vom Widerschein einer inneren Freude erhellt war.

»Doch,« sagte Veronika, »es brennt manchmal. Aber nun nicht mehr so wie

früher.«

Sie schwieg eine lange Weile. Dann sagte sie leise: »Ich möchte es dir

recht sagen können, Gertrud. Es ist das erste Mal, daß ich davon rede.

Ich sage es dir auch nur, weil -- weil« -- sie suchte nach einem Wort.

»Weil ich dich brauche,« sagte Gertrud.

Ein warmer Schein glitt über des lahmen Mädchens Gesicht.

Das war das Wort, das hatte sie so gern einmal aus eines Menschen Mund

hören wollen. Nun kam es, und daher, von wo sie es nie erwartet hätte.

Ging es so wunderbar zu im Leben? Sollte sie etwas für Gertrud haben?

O wie gern wollte sie es ihr geben.

»Siehst du, du kamst seltener und seltener und nun so lang nicht mehr.

Und ich saß hier und nähte und war so allein. So würde es wohl das

ganze Leben hindurch fortgehen, dachte ich; es war mir kein Trost, daß

der Doktor sagte, ich könne gut alt werden. Draußen gingen die Menschen

vorbei, ich sah sie vom Fenster aus und dachte mich in ihre Schicksale

hinein. Wie sie arbeiteten und sich regten und einander brauchten. Ja,

da brannte es freilich. Wenn ich doch stürbe, dachte ich. Denn ich lebe

ja doch nicht. Sie alle leben, nur ich nicht. Und ich flüchtete mich

in die Bücher und suchte mich zu vergessen. Aber überall stand da vom

Leben und von Taten und bewegten Schicksalen der Menschen. Und immer

schwerer fiel es auf mich hinein, daß ich vergessen sei, nutzlos und

allein. Wenn es doch nur ein Ende hätte.

Da trugen sie eines Tags den alten Höpfner hier vorbei, weißt du?

Den Kleiderhändler in dem grünen Haus, hinten am Burgeck. Er hatte

Kinder und Enkel, und war reich, man sagt, die halbe Stadt sei ihm

Geld schuldig. Er war sein Leben lang gesund und frisch. Aber seit

einiger Zeit war er schwermütig, kein Mensch wußte, warum. »Es lohnt

sich wahrhaftig nicht der Mühe, alt zu werden,« soll er öfters gesagt

haben. Ja, und da machte er ein Ende, du weißt es. Aber als sie ihn auf

der Bahre vorbeitrugen, wassertriefend, schlaff und mit gebrochenen

Augen, da fuhr es mir wie ein heißer Schreck ins Herz: das Leben ist an

sich etwas Großes, Heiliges. Man darf es nicht gering achten und nicht

wegwerfen wie etwas Wertloses. Man muß suchen, dahinter zu kommen. Es

muß etwas daran sein. Den ganzen Tag ging es durch mich durch: lieber

Gott, zeig mir das Leben, das ich leben soll. Laß mich nicht so am Rand

des Todes hingehen, lebendig tot.

Ich konnte nichts arbeiten, ich war so schwach und so erregt. Da legte

ich mich ins Bett und schloß die Augen und rings um mich war es dunkel,

und als es Nacht wurde, da gingen die wachen Gedanken in einen Traum

über.

Da stand ich auf einem hohen Berg und wußte, ohne zu sehen, daß rings

um mich Menschen waren. Aber ich war dennoch so furchtbar allein unter

ihnen, denn sie gehörten nicht zu mir, nicht einer. Und es war graue

Dämmerung und ringsum eine weite, weite Öde und ich stand und sah da

hinein.

Da wurde ich gewahr, daß dicht vor mir ein Abgrund aufgähnte, tief und

schrecklich. Von drüben aber, über dem Abgrund, rief es mich, laut und

lauter: komm. Und ich wußte, hier waren die Menschen, drüben aber die

große Einsamkeit, und in die Einsamkeit hinein rief mich einer, der mit

mir reden wollte. Es war grausig. Es trennte mich von allen Menschen,

nach denen ich mich doch sehnte. Und der Spalt klaffte, und es wehte

kühl da herüber, und ich war so klein, aber das unbekannte Etwas, das

mich rief, das wurde immer riesiger, immer mächtiger und zog mich, und

es war Sehnsucht und Furcht zugleich in mir. Da schloß ich die Augen

und wagte den Sprung.«

Sie schwieg. »Und dann?« fragte Gertrud.

»Und dann? -- es ist so schwer zu sagen. Ich weiß nicht, was zu mir

geredet wurde, vielleicht nichts. Vielleicht empfing ich es ohne Worte,

das, was mich erfüllte, als ich wach wurde, mitten in der Nacht, das

starke, hohe Gefühl davon, daß ich mit Gott allein gewesen sei, und

daß das so bleiben müsse, innen, ganz innen in mir. Daß das Leben an

sich ein hohes, frohes Gut sei, ein unantastbares. Es hängt von nichts

Äußerem ab, es ist ganz für sich. Es ist das Allergrößte. Aber es ist

schwer zu sagen.«

Sie sah ein wenig verlegen aus, weil sie das nun erzählt hatte, aber

Gertrud hob den Kopf: »Weiter.«

»Ja, weiter? Siehst du, seither hat Manches angefangen, anders zu

werden. Es verlangt mich immer noch nach den Menschen, ich möchte zu

ihnen gehören. Das liegt wohl so in uns, das müssen wir verlangen. Als

du vorhin sagtest: »Ich brauche dich,« da war ich froh; es war mir,

als habe ich seit Jahren darauf gewartet, daß das ein Mensch sage. Wir

dürfen die Kammern unseres Herzens nicht leer stehen lassen, es ist

nicht gut für uns. Auch hängen wir mit den andern zusammen und sie mit

uns. Aber weißt du, ganz innen, da -- ach, du weißt es selbst, da muß

man etwas allereigenstes haben, das von nichts anderem abhängt. Es ist

wie im Märchen vom Marienkind. Weißt du noch? Du hast es mir erzählt.

Es durfte alle Himmelstüren aufmachen, nur die zwölfte nicht, dort saß

die heilige Dreifaltigkeit in goldenem Glanz. -- Die zwölfte Kammer,

die müssen wir für uns behalten, da darf kein Mensch hinein, nicht in

Lieb und nicht in Leid. Sie mögen sich in die elf andern teilen. Du,

Gertrud, ich glaube, man muß allein gewesen sein, eh' man recht mit den

andern gehen kann.«

* * * * *

Durch die nächtlichen Gassen ging Gertrud Cabisius.

Aus allen Fenstern blinkten Lichter. Dort drinnen saßen die Menschen

nun beisammen. Mütter besorgten ihre Kleinen und brachten sie zur Ruhe,

Väter verließen das Tagewerk ihrer Hände und traten in den Kreis der

ihrigen. Waren keine Einsamen unter ihnen? Hingen sie alle mit einander

zusammen? Am Himmel hing zerrissenes Gewölk; da und dort leuchtete ein

Stern auf, ja, wenn man näher hinsah, waren ihrer viele, mehr, als man

anfangs dachte. Gertrud ging langsam. Aber es war nicht das mutlose

Schlendern, das sagte: es hat ja doch alles keinen Zweck. Es war, als

ob die Gedanken leise bäten: verscheuch' uns nicht, geh sachte, wir

müssen uns erst besinnen.

So war das? »In die zwölfte Kammer darf kein Mensch eingehen, sei es in

Liebe oder Leid. Sie müssen sich mit den elf anderen begnügen.«

Ach, still, ihr Gedanken. Hatte sie Georg Ehrensperger denn das ganze

Haus übergeben gehabt? Hatte sie ihn auch in die zwölfte Kammer geführt

und gar kein eigenes, ganz eigenes Leben mehr für sich behalten?

Da lag ihre Not. Sie konnte ihm nun nicht weniger geben, als vordem,

und nichts anderes, als ihr Ich. Sie besaß sich selbst nicht mehr.

Er beklagte sich darüber, daß sie anders geworden sei; er verstand

sie nicht. Gott Lob daß er sie nicht verstand. Aber wie waren sie nun

einander fern und fremd. Gott wußte es.

Wußte er es?

Sie tat einen tiefen, tiefen Atemzug. Die zwölfte Kammer. Sie mußte

sie wieder für sich bekommen, sie mußte ja leben, sie wollte es auch.

Noch war es ja Zeit. Noch lag das Leben vor ihr, das durfte sie nicht

versäumen; auch nicht vertrauern.

Sie richtete sich hoch auf. Hatte nicht auch sie jene Stimme vernommen,

die in der großen Einsamkeit redet? Hatte sie bisher gezögert, den

großen Sprung zu wagen, über den klaffenden Riß hinüber? Ja, aber

nun wollte sie nicht länger zögern. Sie wollte versuchen, ernst und

ehrlich, ob es weh tat oder nicht, das Leben zu leben, das vor ihr lag.

Sie wollte in sich hineinhorchen, und tun, was ihr da gesagt wurde.

O Georg. Sie mußte ihn ja dennoch lieb haben. Ja, das durfte sie auch.

Das konnte sie ja nicht anders.

Gott wußte es.

»Großvater, ich habe dich lange allein gelassen. Sei nur nicht böse.

Ach, du und böse! Viel zu gut bist du für mich. Ganz im Dunkeln sitzest

du? Hat dir Marie kein Licht gebracht? Nun bleib' ich den Abend

vollends bei dir.«

Er hörte wohl den frischeren Ton in ihrer Stimme.

»Es ist gut, daß du da bist. Ich brauchte kein Licht, du weißt, ich

kann doch nicht lesen. Auch bin ich nicht allein, wenn ich so im

Dunkeln sitze. Da kommen sie alle zu mir und reden von alten Tagen;

Anne, -- ich meine deine Großmutter, und die andern alle. Aber nun

freue ich mich, daß du da bist, Kind. Komm da her, so -- es ist ein

Trost, dich da zu haben.«

#War# es das? Es tat wohl, so etwas zu hören.

Alle guten Geister...: Roman · 第 41 / 53 题