Holder. Vater, Vater, hörst du nicht die Stimme deines Kindes mehr? -- Karl
ruft! hörst du nicht, Florentin?
_Florentin_ sprang bei diesen Worten auf. Er wandte die Augen gen Himmel
und seufzte tief. _Holder_ führte den leidenden Mann heim.
Sechstes Kapitel.
Die Alpen. -- Epilog an den Leser.
Vergebens war _Holders_ tröstliches Zureden, vergebens _Karlchens_
kindisches Milleiden -- nichts heiterte den _Grafen_ wieder auf; seine
Seele war allen frohen Empfindungen verschlossen. -- Er hatte zu viel
verloren, zu viel Empfindsamkeit für seinen Verlust; er war zu sehr
getäuscht in Erwartungen, welche ihn ehemals zu den gefährlichsten
Wagstükken Muth und Flügel gaben -- kein Wunder, wenn er mit jeder Woche
düstrer wurde, da jede Kleinigkeit ihn an den traurigen Verlust erinnerte.
Nur _Holder_, dieser seltsame, ausserordentliche Mann blieb sich immer
gleich; er beschäftigte sich seit des Grafen Ankunft mehr, als sonst, mit
gewissen chemischen Operazionen, Briefwechseln, und dergleichen mehr.
_Florentin_ achtete nicht darauf. -- _Holder_ machte ein Testament in
seinen und Florentins Namen, worin er den Herzog _Adolf_, als Landesherrn
zum Erben der Sorbenburg und des ganzen Duurschen Vermögens, einige Legate
ausgenommen, einsezte. _Duur_ mußte das Testament eigenhändig
unterschreiben, doch keine Frage gieng aus seinem Munde, wegen des
sonderbaren Betragens seines Freundes -- _Holder_ lies Anstalten zu einer
großen Reise machen; _Florentin_ erkundigte sich um diese Zurüstungen
nicht.
Eines Tages trat der räthselhafte Mann vor dem _Grafen_ hin; mit vieler
Mühe gelang es ihm denselben in ein Gespräch zu verwikkeln.
Holder. Erinnerst du dich noch der Stunde, Bruder, da ich dir jenes Gelübde
that; du solltest mich über fünfhundert Jahren wiedersehn in Deutschland?
Florentin. Dunkel.
Holder. Die Welt scheint dir verhaßt zu seyn.
Florentin. So, daß ich einen Selbstmord begehn könnte.
Holder. Spare den Rest deines Lebens für ein andres Jahrhundert. Ich thue
desgleichen.
Florentin. Ich verstehe dich nicht.
Holder. Du sollst die Erde noch einmahl nach fünfhundert Jahren sehen.
Vielleicht blühen dann für uns mehr Freuden, vielleicht hat dann die
Vergessenheit einen Schleier über unsre vergangnen Leiden gewebt. Hast du
Muth genug in meiner Gesellschaft ein halbes Jahrtausend zu verschlafen?
Florentin. (ihn anstarrend) Mensch!
Holder. Vielleicht wähnst du, ich scherze, oder rase. Aber bei dem Ewigen,
du irrst.
Florentin. Ist es möglich?
Holder. Wann ertapptest du mich je auf einer Lüge? Klage mich vor dem
Richterstuhl Gottes an, wenn ich dich betrog. -- Hast du Muth?