Dulli. (aufspringend) Herr, ich gehe mit Euch.
Diese Worte sprach _Dulli_ mit halben Jauchzen. Seine ganze Seele
schilderte sich in seinen Tönen. Er sprang auf; lief in die Hütte; sammelte
seine Kleinigkeiten; schnürte ein Bündel daraus; suchte sein verrostetes
Jagdmesser hervor, schliff es blank auf einem Steine und konnte die ganze
Nacht nicht ruhen.
Der Morgen brach endlich an. _Florentin_, _Badner_, _Gotthold_ und _Dulli_,
welchem man in dem ersten Dorfe ein Pferd erhandelte, sezten ihre Reise
fort.
Ich halte mich nicht mit der Erzählung von tausend kleinen Merkwürdigkeiten
auf, die abwärts vom Plan meiner Geschichte führen, sondern eile so sehr
als möglich dem kühnen Grafen nach, der, unterstüzt durch seine schwarzen
Bündner angeflammt durch die große wohlthätige Sache, es über sich nahm,
einem Auslande Rettung und Freiheit zu verschaffen, das bis jezt noch nicht
an sich selber im Stande war, ihm solche fürchterliche Verpflichtung
aufzulegen. In der That, es ist noch nicht so gros gehandelt, wenn
Patriotismus, Selbstrache, eignes Elend, und Elend seiner Vertrauten einen
Mann zu dem Entschluß führt, solche Riesenthat in begehen, als wenn Ehre,
Gefühl und Mitleid für die leidende Menschheit einen Fremdling dazu
auffodert und wirken macht. -- Verzweiflung ist gewöhnlich die Mutter aller
Revolutionen, nur hier war sie's nicht, sondern _Florentins_ ungewöhnliche
Geistesgröße und Empfindsamkeit für alles was Noth duldet, was den Stempel
des Guten trägt.
Und doch zweifle ich sehr, ob je unser guter _Graf_ sich je einer solchen
gefährlichen Arbeit unterwunden hätte, wenn nicht seine Schiksale eben die
dazu erforderliche Stimmung der Seele in ihm erschaffen, nicht mannichfache
Gefahren ihn furchtlos vor denselben, nicht unzählige Leiden ihn zum
wilden, schwärmerischen Starrkopf gebildet, nicht Erziehung und verlorner
Genuß des allgemeinen Ruhmes ihn dürstiger nach demselben gemacht hätten.
Als er eines Tages mit seinem Gefolge eine Anhöhe erreicht hatte, von
welcher man meilenweit umherschauen konnte; als _Dulli_ plözlich und mit
heilsamen Grausen ausrief: »dort! seht dort die Thürme von Kanella!« -- als
alle bei diesen Worten standen, ihre Augen hinwandten nach der Gegend und:
»Kanella!« leise stammelten -- da blizte ihm frohe Hoffnung durch die
Seele, die Szenen der Zukunft gruppirten sich prophetisch vor ihm hin, und
er fühlte sich stark genug für sie. Wer den Mann in diesem Augenblik gesehn
hätte, wie er da stand Kanellas Schuzgott, der Freiheit herbeifliegender
Genius, wie seine ganze Seele sich wiederspiegelte in seinen Mienen, wie
die Sonne Glanz der Verklärung über ihn herabgoß, seine Haarlokken
stürmisch im Winde rollten; -- fürwahr der würde ihn mit einem Helden der
Vorwelt verwechselt, für einen _Scipio_, oder _Tell_ gehalten haben.
Sie schritten die Anhöhe jenseits hinunter und fanden am Fuße derselben
einen Zug von Reisenden, die ihnen theils auf Pferden, theils in Wagen
entgegen kamen, bald darauf, ohnweit einem Wirthshause an der Landstraße
still hielt und sich da voneinander trennen zu wollen schien. Man sahe ein
rührendes seltsames Schauspiel, indem sich Männer und Damen wechselseitig
unter einander umarmten, einige laut weinten, andre wieder fluchten und die
Degen zogen und hochschwangen. Ein junges Frauenzimmer sank ohnmächtig
zwischen einem Greise und einem Jüngling nieder.
_Florentin_ gab seinem Pferde den Sporn und flog dem Auftritt näher. Er
grüßte die Personen, welche wir, meine Leser und Leserinnen, schon
größtentheils einmal irgendwo gesehn haben, aber niemand erwiederte
_Florentins_ Gruß.
»Hilf Himmel!« rief _Dulli_ mit einemmale indem er sich einem jungen Manne
nahte: »seh' ich recht? Giovanni Borsellino!«
Der _Jüngling_ drehte sich um; mit rothgeweinten Augen starrte er den
Frager an.
»Kennt Ihr mich nicht mehr?« fuhr _Dulli_ fort.
»»Ah, wie sollt' ich nicht, Dulli?««
»Ihr steht ja so verwildert da? was macht der alte Borsellino, Euer
herrlicher Vater?«
»»Er schläft unter der Erde -- Moriz hat ihn erschlagen, und die feigen
Kanelleser sahen dem ruhig zu.««
»Und Ihr?«
»»Und ich und jene dort sind Landesverwiesene jezt.««
»Landesverwiesne!«
»»Wo willst du hin?««
»Nach Kanella.«
»»Und wer ist dein Herr dort?««
»Ein deutscher Graf, genannt Florentin von Duur, der Geschäfte am Hofe
Piedros hat, werth ist Euer Freund zu sein und vielleicht Eure und Eures
Vaters Schmach rächt.«
Borsellino und die übrigen hörten nicht sobald _Piedros_ interessante
Worte, als sie sich unserm _Grafen_ näherten, ihn begrüßten, sich in
Unterredung mit ihm einließen und ihn liebgewannen.
»Ich dächte,« sagte der alte _Eo_: »wir träten auf ein paar Augenblikke in
jenes Haus. Bei einem Glase Wein ließe sich so manches verhandeln, und Ihr,
Graf Fiorentino, ob wir gleich mit Euerm Herzen noch gar wenig vertraut
sind, Ihr dürftet es vielleicht nicht bereuen, uns kennen gelernt zu
haben.«
Alle stimmten dem Landesverwiesnen _Eo_ bei, und _Florentin_ willigte ein.
Gewiß gereuete dem _Grafen_ dieser Gang nicht, so wenig derselbe für ihn
auch anfangs bedeutend schien; denn nicht genug, daß er hier eine kleine
Anzahl merkwürdiger Männer kennen lernte, welche auch selber in ihrem Exil
auf Kanella's Wohl und Weh Einflus haben konnten; nicht genug, daß er die
Lage dieses verunglükten Staats von ganz neuen Seiten zu betrachten
Gelegenheit hatte; nicht genug, daß er schon das Volk zu einer großen
Regimentsumwälzung vorbereitet fand, und daß allen Entwürfen zu derselben
bisher nur feinere Politur, Reife, und Abwartung eines Zeitpunktes
gemangelt hatte, um sie mit Glük auszuführen: so lernte er jezt auch einen
für die Folge wichtigen Menschen kennen -- nämlich einen adlichen
Kanelleser, _Borghemo_.
_Borghemo_, welcher nicht selber Exulant war, sondern nur die verwiesnen
Freunde begleitete, wußte durch sein Aeusseres einem jeden zu gefallen. Er
war ein schöner, junger Mann; stark gebaut und nervigt, wie ein Herkules;
war der Stolz des Kanellesischen Adels, der Liebling der meisten Damen. --
_Borghemo_ wäre vielleicht allein im Stande gewesen mit seinem Kopf eine
Revoluzion zu bewirken, Piedros Minen wider ihn selber aufzusprengen, und
den fürstlichen Bösewicht mitten unter seinen Schaarwachen zu züchtigen,
hätte nicht dieses Halbmuster männlicher Vollkommenheit durch einen eben so
vortreflichen als verhaßten Karakter sich selber und seinem Vaterlande
geschadet. Stolz war der Grundzug desselben; nur diesem ein Opfer zu
bringen, war er heut ein Engel, morgen ein Teufel; liebte er heute, haßte
er morgen. Die sprödesten Vestalinnen waren das Ziel seiner Eroberungen,
die Gefahr hieß seine Favorite, Tugend und Laster waren seine Bediente.
Sehr natürlich, daß dieser Mann unserm _Grafen_ auffiel, daß er sich
vorzüglich mit ihm unterredete, und um seine Freundschaft buhlte.
»Fiorentino!« rief _Borghemo_ und zog ihn mit sich zum Zimmer hinaus, durch
den Hausgarten in ein dicht daran stoßendes Gebüsch.
»Fiorentino, seid wer Ihr wollt, treibt mit unserm Afterfürsten Geschäfte,
welche Ihr wollt -- Ihr seid ein Deutscher und das ist genug für mich. Ich
kann mich unmöglich überreden, daß Ihr ein Schurke seid, nicht mein Freund
werden werdet. Hört mich an! -- Ihr habt jezt den wakkern _Eo_, den jungen
_Borsellino_ gesehn, und die andern, welche heut über die Gränze wandern
werden. Sie zettelten, Kanella von einem Ungeheuer zu erlösen, eine
Konspirazion unter sich an, die mehr ihrem unternehmenden Geiste, als ihrer
Ueberlegung Ehre macht, denn sie wurden verrathen in einer ihrer
Zusammenkünfte sämmtlich aufgehoben, als Staatsverräther und Rebellen
angeklagt, und, weil sie hartnäkkig läugneten, aus lauter Gnaden von
Piedro, Moriz und Konsorten nur aus dem Kanellesischen Gebiete verwiesen.
-- Aber, bei Gott, sie werden dort nicht müssig _Piedros_ Tyranneien
zuschaun, und ich nicht müssig in Kanella umherwandern. Ich -- ich sezze
das begonnene Werk fort! Sagts dem Piedro und seinen Orakeln wieder, ich
stürze ihn, oder er mich! -- Seid ihr mein Freund? -- redet! redet, hat
mich Euer Vaterland und Euer Gesicht belogen?«
»»Ich hoff es nicht!«« erwiederte _Florentin_.
_Borghemo_ führte den _Grafen_ in einen abgelegnen dunkeln Winkel, zog ein
Blatt aus seiner Brieftasche, starrte seinen Mann an und schien eine
wichtige Frage vorräthig zu haben.
»Fiorentino, hört mich -- wenn -- nein -- doch es ist möglich! -- könnt Ihr
diese Zeilen lesen? Sie sind in einer abgestorbnen Sprache mit fremden
Lettern geschrieben.«
Florentin nahm das Blättchen, las, erstaunte freudig und fuhr mit der
flachen Hand plözlich gegen seine Stirn, _Borghemo_ ward aufmerksam:
»Wahrhaftig, ein Schwarzer?«
»»Ein Schwarzer!«« antwortete _Duur_ leise und zeichnete mit dem Stokke
sieben verschiedne Züge in den Sand. --
_Borghemo_ lag in _Florentins_ Armen.
Das stille Entzükken der neugebornen Freundschaft durchwärmte sie, drängte
ihre hochklopfenden Busen aneinander, lies ihre Arme sich in einander
verschränken, glühende Lippen an glühenden Lippen sinken und ihre
glänzenden von einer leichten Thräne gebrochnen Augen aufstarren in
seeligen Taumel. Sie empfanden beide das süße Vorrecht zarter,
gefühlreicher Seelen, den Kelch der Freude da ganz ausschlürfen zu können,
wo andere nur nippen dürfen.
»Heilig, heilig ist das Band!« rief _Borghemo_: »heilig das Band, welches
uns zusammenführte und uns umschlang, ehe wir gegenseitige Ahndung von
unserm Dasein in der Welt empfanden! Heilig ist der Bund der schwarzen
Brüder!«
Sie drükten sich noch einmahl Brust an Brust, und kehrten wieder, Arm in
Arm, zur Gesellschaft zurük. Hier herrschte eine traurige Stille; nur
_Giovanni Borsellino_ schien von allen Exulanten noch der zufriedenste zu
sein, weil er an der Seite der geliebten _Laura Eo_ Kanella verlassen
konnte. Jezt bestieg man wieder Pferde und Wagen; die Trennung war
schmerzhaft, die Verwiesnen zogen über die Gränzen des unglüklichen
Vaterlandes; _Borghemo_ mit seinen Freunden aber und _Florentin_ mit
_Gotthold_, _Badner_ und _Dulli_ trafen spät in der Nacht zu _Kanella_ ein.
Dritter Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Umfaßt einen Zeitraum von drei Jahren.
»Von drei Jahren!« hör ich mir meine Leser unwillig zurufen. -- Freilich,
meine Lieben, eine ansehnliche Lükke, oder vielmehr ein großer Sprung über
tausend Tage hinweg; doch vergessen Sie auch nicht, daß ich nur ein
unterhaltender Erzähler, mit nichten aber ein gewissenhafter Historiograph,
sein will. Dieser würde über die meisten von mir hocherwähnten
Begebenheiten, als Bagatellen, hinübergegangen sein; ich hingegen vergesse
alle chronologische, politische, statistische Notizen, die _ihn_
mehrentheils beschäftigen, und suche mir aus der bunten Menge der Szenen
nur diejenigen hervor, in welchen sich menschliche Karaktere am
deutlichsten wieder gespiegelt haben.
Florentin von Duur befand sich, wie Sie wissen, in _Kanella_; vermöge eines
gewissen fürstlichen Empfehlungsschreibens gelang es ihm an Piedros Hofe
eingeführt zu werden. Sein Aeusseres mußte nothwendig den Kanelleserinnen
ersten Ranges gefallen, und gewis würde er im Zirkel derselben eine
glänzende Rolle gespielt haben, wenn nicht sein ernstes Wesen, seine
unzerstörbare Melancholie, welche durch all seine Blikke, Mienen, Gespräche
und Handlungen hervorschien, eben so sehr zurükgestoßen hätte, als sein
männlicher Reiz anzog. Daher floß die natürliche Folge, daß er am Hofe
Kanellas weniger bemerkt wurde; daß ihn die Damen bewunderten, aber nicht
liebten; daß ihn _Piedro_ zwar seiner Staatskunde und Einsichten in die
Volksregierung willen achtete, nicht selten auch seinen Rath annahm, aber
ihn doch nur ausserordentlich selten hervorzog; daß Prinz _Moriz_ und der
Kardinal _Benedetto_ ihn kaum ihrer Aufmerksamkeit würdigten, besonders, da
er sich in Rüksicht dieser beiden Halbungeheuer, stets nach aller
Hofetikette leidend und unterthänig verhielt.
Hiezu kam noch, daß _Florentin_, da er kaum ein halbes Jahr in Kanella
figurirt hatte, von einer Krankheit überfallen wurde, die ihn viele Monate
unthätig machte. Nur seine Jugend rettete ihn vom Tode, dessen
Pfortenschwelle er schon betrat. --
Mit einem Worte drei Jahre waren ihm verschwunden wie drei Tage.
Allein müssig konnte ein _Florentin von Duur_ in dieser Epoche nicht sein.
Einen verdorbnen Staat zu reformiren, dazu bedarf es mehr, als
oberflächicher Kenntnis desselben. Sich ganz in diesen neuen, unbekannten
Verhältnissen zu orientiren, alle geheimliegende, verstokte, oder
vergiftete Quellen, aus welchen so vieles Wehe über Kanellas Bürger quoll,
aufzuspüren; sich Freunde in der Noth, Anhänger inner- und ausserhalb der
Kanellesischen Gränzen anzuwerben -- dazu waren mehrere Jahre nur kaum
hinlänglich.
Anfänglich versuchte der biedre _Graf_, mit Hülfe des geringen Einflusses,
welchen er sich auf eine verstekte, schlaue Weise in die Regierung zu
verschaffen gewußt hatte, das Schiksal Kanellas erträglicher zu machen. Es
gelang ihm einigermaaßen; und hiedurch kühn gemacht, schöpfte er, jedoch
viel zu voreilig, die befriedigendsten Hofnungen für die Folgezeit.
Allein, alles war vergebens, dem unglüklichen Landeseinwohner die ihm
auferlegte Bürde zu erleichtern; vergebens jede Stunde, auf diese Art
aufgeopfert für das Wohl der leidenden Menschheit. Was _Florentin_ mit
unsäglicher Mühe für Kanellas Heil errang, zerstörte ein einziges Machtwort
des stürmischen _Moriz_, ein einziges Achselzukken des listigen Pfaffen
_Benedetto_, ein einziger buhlerischer Kuß _Rosaffens_.
Drei Jahre waren vorübergeflogen, und die Kanelleser noch um keinen Schritt
durch den Grafen dem Ziel ihrer Wünsche und Hofnungen näher geführt.
_Borghemo_ raste; _Dulli_ fluchte, _Giovanni Borsellino_ bestürmte den
edeln Duur mit Vorwürfen in wöchentlichen Briefen; denn alle hatten unsern
Mann jezt genauer kennen gelernt, sich seinen großen Geist vertrauter
gemacht, ihr unbegränztes Vertrauen auf ihn gesezt -- und alle glaubten
sich in ihm getäuscht zu finden, rechneten seine Langsamkeit, sein
Verzögern einer heimlichen Feigheit zu.
Aber wie gesagt, _Florentins_ Zaudern war Weisheit, sein
thatenlosscheinendes Leben eine ewige Kette von Arbeiten. Die Zahl der
_schwarzen Brüder_, in _Piedros_ Staat, hatte sich unter ihm zu einer
furchtbaren Menge vermehrt, die er nach dem Modell, der deutschen Logen in
obere und untere Klassen eingetheilt hatte, deren lezte die Brüder der
obern nicht kannte, und zu welcher der _Graf_ auch den wilden _Borghemo_,
wegen seines unsteten Karakters gesellt hatte, so sehr er auch sonst diesen
Mann zu achten wußte. Jezt durfte nur noch eine bequeme Stunde schlagen und
Piedros _Despotie_ hatte ihre Endschaft, Kanella die ersehnte Freiheit, und
der Wunsch tausend guter Bürger seine Erfüllung erreicht.
Und die erwartete Stunde näherte sich!
Zweites Kapitel.
Die Dachspitze.
Ein herrlicher Mondscheinabend lokte _Florentinen_ hinaus zu einer
Wanderung durch die Straßen der Residenz. _Dulli_ begleitete ihn. Der
_Graf_, versenkt in seelige Träumereien von der geliebten Sorbenburg und
seiner Louise, schlenderte hierhin, _Dulli_ mit dem Bilde seiner Ladda,
welche sich nicht mehr in Kanella befand, beschäftigt, schlenderte dorthin.
Beide hingen ungestört ihren Gedanken nach. Es war eine traurige Stille in
allen Gassen der Stadt; die meisten Familien saßen in ihren Zimmern
verkerkert, um sich gemeinsam einander ihre Noth zu klagen; viele
schlummerten schon, um sich von Träumen das vergüten zu lassen, dessen sie
sich wachend beraubt sahen.
Unsre Nachtwandler hatten aber kaum eine kleine Viertelstunde mit ihren
Streifereien hingebracht, als sie durch einen ziemlich laut gehaltnen
Dialog aufmerksam gemacht und zum Stillstehn und Lauschen bewogen wurden.
Sie bemerkten einen jungen Menschen, welcher neben einem Mädchen im
Mondscheine saß. Beide schienen für einander dasjenige Feuer zu fühlen,
welches Jüngling und Mädchen von Anbeginn der Welt zu empfinden pflegten,
-- beide umschwebte die heilige Tugend mit ihrer Begleiterin, der Grazie
Schüchternheit. -- _Florentinen_ wurd es bang und wohl beim Anschaun dieser
Gruppe; »o Louise!« dachte er: »einst waren wir auch so glüklich!« -- --
»»Einst waren wir auch so glüklich, schwache, gesunkene Ladda!«« murmelte
_Dulli_ ärgerlich, und ballte die Faust zusammen und drehte das Gesicht
hinweg.
Die Liebenden tändelten froh mit einander, und befürchteten keine
Belauschung.
»Gianetta, schöne Gianetta!« rief der Jüngling: »nimm herab deinen Hut vom
Kopfe mit den stolzen, schattenden Federn. Am Tage steht er dir schön, aber
Abends verdunkelt er dein holdes Gesicht. Nimm ihn herab, und laß den Mond
auf dein Antliz schimmern!«
Gianetta lächelte, und lies sich den Hut nehmen. Der Jüngling sezte ihn
sich selber auf und schmiegte sich kosend an das Mädchen, indem er mit
einem Handkus Verzeihung erflehte. _Gianetta_ drängte ihn sanft zurük. Der
junge Mann erschrak.
»Du scheinst,« sagte _Gianetta_ nach einer Weile: »du scheinst sehr
vergnügt zu sein diesen Abend? Bist du's, Enriko?«
Enriko. Wie sollt' ichs bei dir nicht?
Gianetta. Bist du's wirklich?
Enriko. Zweifle nicht, Gianetta.
Gianetta. Was macht dein Vater?
Enriko. (stokkend) Er seufzt im Gefängnis.
Gianetta. Wie lange schläft deine herrliche Mutter den Todesschlaf schon?
Enriko. (niedergeschlagen) Seit fünf Wochen.
Gianetta. Junge, bist du vergnügt diesen Abend?
Enriko. (wehmüthig aufblikkend zu ihr) Gianetta!
Gianetta. (inniger) Bist du vergnügt bei mir?
Enriko. (ihre Hand von seinen Augen drükkend) O, Gianetta!
Gianetta. (kalt) Geh!
Enriko. (weich) Du liebst mich nicht? -- (sie schweigen beide, -- nach
einer Pause) Sieh mich nur noch einmahl an, dann will ich gern gehn!
(abermahliges Stillschweigen unter beiden) Liebst du mich nicht schönes
Mädchen? -- soll ich dich verlassen, Gianetta?
Gianetta. (ein Seufzer hebt ihren Busen. -- Sie sieht den Bittenden an und
spricht langsam, mit zitternder Stimme, zu ihm) Wohin willst du gehn?
Enriko. Von dir hinweg. Will die Nacht durch Stadt und Feld umherschweifen
-- ich muß mich zerstreuen -- ich kann nicht schlafen.
Gianetta. (ihm die Hand drükkend) Ich bin dir gut.
Enriko. Ach, schöne Gianetta, wäre das wahr?
Gianetta. Gewis, lieber Enriko.
Enriko. (sich niederwerfend vor ihr und ihre Knien umschlingend) O, sags
mir -- sag's mir noch einmahl, daß du mir gut bist!
Gianetta. (schmeichelnd den Arm um seinen Hals legend) Lieber Enriko.
Enriko. (sein glühendes Gesicht in ihr Gewand verbergend) Gott, mein Gott!
Gianetta. Empfindsamer Junge, bist du allenthalben so? Ich liebe diesen Ton
und diesen Karakter -- ich mögte dich darum küssen! -- Steh doch auf.
Enriko. (sezt sich neben ihr nieder, schmiegt sich dicht an sie) Gianetta!
Gianetta. (ernsthaft) Wie gehts dem Sekretair _Flimmer_?
Enriko. O, des abscheulichen Bösewichts, ihm wirds nie wohlergehen!
Gianetta. Warum sagst du nicht: _soll's_ nie wohlergehn? das klingt doch
männlicher, und giebt dir wenigstens den Schein, als würdest du dich wider
ihn zum Rächer deiner unglüklichen Eltern aufwerfen.
Enriko. Ja, kann ich damit deine Huld erwerben, siehe, so erschlag ich ihm
auf öffentlichem Marke, und den Moriz dazu und selbst den verdammten
Piedro, wenn du willst.
Gianetta. (lächelnd) Fürchterlicher Herkules!
Enriko. Du spottest?
Gianetta. Ich bezweifle deine Tollkühnheit nicht -- aber gewis, du würdest
das Opfer für Kanellas Wohl werden, würdest -- nein, eher billige ich in
Aufruhr und Verschwörungen! --
Enriko. Wohlan denn, die Zahl meiner Freunde ist gros -- Verschwörung und
Rebellion! -- Gianetta, wünsche nur den leisesten Wunsch und ich weihe mein
Leben dir und der Freiheit. In einigen Monaten ist der Staat umgestürzt,
oder -- ich ruhe neben meiner Mutter!
Gianetta. (schwärmerisch) Und ruhst du neben deiner guten Mutter, Enriko,
dann folg' ich dir! Enriko dann siehst du mich droben wieder, wo wir nicht
schmachten dürfen in Armuth, nicht zittern dürfen vor Piedros Einfällen!
Enriko. (mit aufgewandten freudeglänzenden Augen) Gianetta, du willst?
Gianetta. Sei vorsichtig!
Enriko. Die Hand der Vorsehung führe mich!
Gianetta. Der Tag, an welchen Kanellas Volk seine wieder eroberte Freiheit
feiert, feiern wir unsre Vermählung! -- (nimmt ihn in ihre Arme) Da, nimm
bis dahin den lezten Kuß! Stirbst du, Enriko, -- mein Enriko, so sterb' ich
mit dir! --
(beide umarmen sich -- schweigen lange)
Enriko. (sich loswindend) Ade, Gianetta, ade! doch, gieb mit ein Zeichen,
bei dessen Anblik ich stets dieses heiligen Abends eingedenk sei. Nenn' es
-- sieh umher -- wär es auch nur die Dachspizze deines väterlichen Hauses.
Gianetta. (scherzhaften Tones) Gern hätt ich dir mich selber genannt, --
aber du sollst mich von nun an selten, oder gar nicht sehen! -- Wohl -- die
Dachspizze!