Die
schwarzen Brüder.
Eine abentheuerliche Geschichte
von
M. J. R.
Zweites Bändchen.
1793.
An
Herrn und Madame
Beneke
zu Landsberg an der Warte.
Meine Lieben,
Sagt' ichs nicht gleich voraus, daß man mich misverstehen würde? -- Da
deutelt der eine über den Zwek meines Büchleins hierhin, der andre dahin,
und keiner hat mich recht verstanden und verstehen wollen. Was in diesen
Blättern mit deutschen, jedermann verständlichen Worten gesagt worden ist,
sehn die sonderbaren Leute für Hieroglyphen an, worunter ein verborgner
Sinn liegen müsse, der nun seyn mag, wer und wie er wolle.
Sie fragen mich: woher daß dieses komme? -- Ich antworte: daher, weil viele
der Herrn Märchendichter das mysteriensüchtige Publikum mit ihren
Plaudereien verwöhnt haben. Da spricht der eine von einer Gans, und will
darunter einen Fürsten verstanden -- der andre von einem Tyger, und will
darunter einen Kriminalrichter gedacht wissen. Das appliziren nun die Leute
allenthalben; und Gott weis es, was sie sich nicht alles schon unter meinem
Herzog _Adolf_, meinem _Florentin_, _Holder_, _Hello_ u. s. f. geträumt
haben.
Viele denken sich unter den _schwarzen Brüdern_ nichts geringers, als die
Herrn _Freimäurer_, andre wieder einen Orden aus _Kagliostros_ Fabrik; und
beide Theile habens doch nicht getroffen! -- --
Aber wissen Sie, was mich am meisten von verschiednen Lesern gefreut hat?
-- daß sie dies Buch nicht ohne Theilnahme gelesen, wohl gar zuweilen die
Richtigkeit meiner Empfindungen mit eignen Thränen bestätigt haben. O,
_der_ Lohn ist mir süsser, als jeder andre; denn die oben erwähnten
Kannegiessereien sind nur eine ärgerliche Belustigung! --
Ich wünsche, daß Ihnen dies Bändchen viel Vergnügen in einsamen Stunden
erwekke, und beherzigen Sie zulezt mit mir und _Florentin von Duur_ die
fürchterliche Wahrheit: »Selten ist der Mensch in der Gegenwart glüklich,
am meisten in der Vergangenheit und Zukunft, in der Rükerinnerung und
Erwartung!« --
Ja in der Rükerinnrung bin auch ich jezt glüklich! -- Wie gern vertauscht
ich jezt meine Feder mit der bunten Mahlerschürze, um _Burgheims_
originellen Pinselstrich zu belachen -- oder säß ich neben meiner Freundin
H**, um in ihrer Gesellschaft eine _Dachspizze_ zu betrachten, -- Behalten
Sie mich lieb und vergessen Sie nicht den
_Verfasser_.
Inhalt
des zweiten Bändchens.
Erster Abschnitt.
Erstes Kapitel. Seelengröße. 1
Zweites Kapitel. Monolog eines guten Fürsten, Glossen darüber.
-- Abreise. 7
Drittes Kapitel. O, die glükliche Nachwelt! 13
Viertes Kapitel. Abschied von der Sorbenburg. 26
Fünftes Kapitel. Eine schöne Erscheinung. 29
Sechstes Kapitel. Aufklärungen. 36
Siebentes Kapitel. Ein Nachtstük. 44
Achtes Kapitel. Freude -- Verdrus -- und Schauder. 54
Zweiter Abschnitt.
Erstes Kapitel. Kanella. 61
Zweites Kapitel. Der Landesvater mit seinen Landeskindern. 67
Drittes Kapitel. Gewitterwollen, die sich zerstreun. 74
Viertes Kapitel. Das Haus im rothen Walde. 81
Fünftes Kapitel. Etwas für Republikaner. 95
Sechstes Kapitel. Die Eremitage. 101
Siebentes Kapitel. Florentin in Kanella 112
Dritter Abschnitt.
Erstes Kapitel. Umfaßt einen Zeitraum von drei Jahren. 153
Zweites Kapitel. Die Dachspizze. 157
Drittes Kapitel. Florentins Verwandlung. 169
Viertes Kapitel. Neue Verwirrungen. 185
Fünftes Kapitel. Sturm und Liebesfreuden. 197
Sechstes Kapitel. Die schwarzen Brüder. 214
Siebentes Kapitel. Der Garten von Dosa. 221
Achtes Kapitel. Fortsezzung des vorigen. 229
Neuntes Kapitel. Sturm in Kanella. 244
Vierter Abschnitt.
Erstes Kapitel. Ruhe? -- für Florentin? 257
Zweites Kapitel. Mühvolle Jahre. 270
Drittes Kapitel. Dulli und Ladda. 276
Viertes Kapitel. Der große Florentin im Vaterlande. 284
Fünftes Kapitel. Der Kirchhof. 289
Sechstes Kapitel. Die Alpen. -- Epilog an den Leser. 299
Die schwarzen Brüder.
Erster Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Seelengröße.
Ich riß den Faden meiner Erzählung im vorigen Bande da ab, wo unser
Delinquent entgeistert in des Herzogs Arme stürzte; ich knüpfe ihn wieder
an, die Geschichte weiter zu spinnen.
_Florentins_ Selbstbewustsein erwachte, aber es war ein fürchterliches
Erwachen -- das Erwachen zum Tode. Der Anblik der schwarzen Tapeten des
Zimmers, der matte Schimmer der Wachskerze, welcher zum Theil von den
düstern Wänden eingetrunken wurde, die schrekliche Stille dieser
Mitternacht, die Rükerinnerung an dasjenige Verbrechen, welches ihn hieher
gebracht -- alles das wirkte so sehr auf ihn, daß ihm wenig fehlte, um in
eine neue Entgeisterung zurük zu sinken.
Er fand sich von den Armen eines Mannes gehalten, drehte sich um und der
_Herzog_ lies ihn los.
»O, gnädigster Herr!« rief, er, und wollte sich auf die Kniee niederwerfen,
aber der _Fürst_ verhinderte es.
»Mensch, was haben Sie begangen?« fragte _Herzog Adolf_ nach einer Weile
mit fürchterlichen, majestätischen Ernst im Ton und Mienen.
»»Ich weis es,«« entgegnete der unglükselige _Graf_, der bleichen
Antlizzes, zur Erde gebeugten Blikkes, mit gefaltenen vor sich
niedergestrekten Händen da stand, als einer, über welchem das verdammende
Urtheil des Richters herniederdonnert: -- »»ich weis es gnädigster Herr,
ich läugne mein Verbrechen nicht.««
Herzog. Sonderbar, wie würden Sie das auch im Stande sein? Aber fühlen Sie
das ganze, schrekliche Gewicht desselben, Leichtsinniger?
Graf. Ich fühle es. -- Sie, der Sie mich zu den glänzenden Ehrenstufen, die
nur nur je die ausschweifendste Einbildungskraft vorzeichnen konnte, empor
halfen, Sie sind durch mich -- entehrt worden.
Herzog. Warum fühlten Sie das nicht früher, schlechter Mensch?
Graf. O, Durchlauchtigster Herr, es sind Stunden wo -- doch nein, ich kann
mich nicht entschuldigen.
Herzog. Nicht genug, daß Sie einen Fürstenstamm entehrten, welcher nur
gewohnt ist Königskronen auf seinen Nebenzweigen zu tragen; nicht genug,
daß sie jede Pflicht des Unterthanen vergessen; nicht genug, daß Sie die
Wohlthaten Ihres Gönners mit Niederträchtigkeiten bezahlten -- so haben Sie
auch auf ewig die so seltne häusliche Glükseeligkeit einer fürstlichen
Familie zerstört -- haben mich auf meine Lebenszeit misvergnügt, elend
gemacht, und meine Schwester, die ich sonst so sehr liebte, gleichfalls.
Graf. Ich bin strafwürdig -- ach, nicht so sehr Ihre Durchlauchte
Schwester. Lassen Sie mich unser beider Vergehen allein abbüßen, sammeln
Sie alle Strafen für mich allein!
Herzog. Elender, die Zeit ist vorüber, wo Ihre Bitten bei mir galten. Jetzt
bereiten Sie sich zu ihrem Urtheil. -- Ich werde Sie verlassen; haben Sie
noch in diesem Leben Ihrer Familie etwas zu vertrauen: so schreiben Sie. In
jenem Winkel liegen Papier, Dinte und Federn auf dem Tische. In zwanzig
Minuten müssen Sie fertig sein.
Der _Fürst_ verlies ihn wieder.
_Florentin_ rang die Hände; Schauer des Todes wehten ihn an.
»Ach, so ist denn das Ziel meiner Hoffnungen, meiner Arbeiten, meiner
schlaflosen Nächte? -- Ein unnatürlicher, früher, schändlicher Tod! --
Gott, und dahin konnte _ein_ wollüstiger Rausch führen? -- O mein guter
Oheim, meine Schwester und du mein Holder wüßtet ihr! -- wüßtet ihr! -- wo
Florentin stände! --«
Er gieng zum Winkeltischchen, zog die Taschenuhr hervor, legte sie neben
die Papiere, ohne in der Angst nach ihren Minuten hinzusehn, und schrieb
mit kalter bebender Hand:
Freunde,
Ich bin ein Verbrecher. -- Diese Nacht ist die letzte meines Lebens, ich
leide in ihr die wohlverdiente Strafe. -- Verzeiht mir, wie Gott mir
verzeihen wird, zu dem ich hoffe. -- Ich danke Euch für Eure Liebe.
Erinnert Euch noch zuweilen des unglükseeligen Florentins, wenn er lange
schon im Grabe vermodert ist. -- Bittet dem beleidigten, ehmals so
liebevollen, Herzog, nach meinem Tode noch, in meinem Namen um Verzeihung.
-- Nun lebt wohl, ich getröste mich der süssen Hoffnung, in einer bessern
Welt Euch wieder zu sehn. Lebt wohl.
Florentin.
Der _Graf_ schrieb so langsam, legte so oft die Feder nieder, setzte dann
wieder an, sprang auf, schwankte jammernd durchs Zimmer, setzte sich wieder
hin, um zu schreiben, daß er kaum das Billet beendiget hatte, als die
bestimmten 20 Minuten schon vorüber waren und der _Herzog_ ins Zimmer trat.
_Florentin_ stand auf, ergriff den Zettel, überreichte ihn dem Fürsten,
ohne eine Sylbe zu sprechen.
_Adolf_ wikkelte das Papier ungelesen zusammen, trat _Florentinen_ um einen
Schritt näher, nahm dessen Hand in die seine, und betrachtete so den
Unglüklichen lange Zeit mit wehmüthigen Blikken.
»Noch hab ich,« sagte er »_keinen Freund_ gehabt, wie dich, das heißt, ich,
habe noch keinen Mann so sehr geliebt, wie dich -- o Florentin, daß du mich
doch nicht so wieder lieben konntest! Der _Herzog_ spricht jetzt _nicht_
mit dir, sondern dein _ehemaliger vertrauter Freund_!«
Florentin. (mit stets niedergeschlagenen Blikken) Mein Fürst -- -- --
Herzog. Nicht dein _Fürst_, sondern dein _Freund_ spricht jezt mit dir, und
zwar in diesem Leben zum leztenmahle. Der _Herzog_ hat dich gerichtet, und
der _Freund_ nimmt von dir Abschied; -- kömmt, dir das lezte Lebewohl zu
sagen. -- Fühlst du gar nichts mehr für Adolfen?