Renan. - Theologie, oder die Verderbniss der Vernunft durch die

"Erbsünde" (das Christenthum). Zeugniss Renan, der, sobald er

einmal ein Ja oder Nein allgemeinerer Art risquirt, mit peinlicher

Regelmässigkeit daneben greift. Er möchte zum Beispiel la science und

la noblesse in Eins verknüpfen: aber la science gehört zur Demokratie,

das greift sich doch mit Händen. Er wünscht, mit keinem kleinen

Ehrgeize, einen Aristokratismus des Geistes darzustellen: aber

zugleich liegt er vor dessen Gegenlehre, dem évangile des humbles auf

den Knien und nicht nur auf den Knien... Was hilft alle Freigeisterei,

Modernität, Spötterei und Wendehals-Geschmeidigkeit, wenn man mit

seinen Eingeweiden Christ, Katholik und sogar Priester geblieben ist!

Renan hat seine Erfindsamkeit, ganz wie ein Jesuit und Beichtvater,

in der Verführung; seiner Geistigkeit fehlt das breite

Pfaffen-Geschmunzel nicht, - er wird, wie alle Priester, gefährlich

erst, wenn er liebt. Niemand kommt ihm darin gleich, auf eine

lebensgefährliche Weise anzubeten... Dieser Geist Renan's, ein

Geist, der entnervt, ist ein Verhängniss mehr für das arme, kranke,

willenskranke Frankreich. -

3.

Sainte-Beuve. - Nichts von Mann; voll eines kleinen Ingrimms gegen

alle Mannsgeister. Schweift umher, fein, neugierig, gelangweilt,

aushorcherisch, - eine Weibsperson im Grunde, mit einer

Weibs-Rachsucht und Weibs-Sinnlichkeit. Als Psycholog ein Genie der

médisance; unerschöpflich reich an Mitteln dazu; Niemand versteht

besser, mit einem Lob Gift zu mischen. Plebejisch in den untersten

Instinkten und mit dem ressentiment Rousseau's verwandt: folglich

Romantiker - denn unter allem romantisme grunzt und giert der Instinkt

Rousseau's nach Rache. Revolutionär, aber durch die Furcht leidlich

noch im Zaum gehalten. Ohne Freiheit vor Allem, was Stärke hat

(öffentliche Meinung, Akademie, Hof, selbst Port Royal). Erbittert

gegen alles Grosse an Mensch und Ding, gegen Alles, was an sich

glaubt. Dichter und Halbweib genug, um das Grosse noch als Macht zu

fühlen; gekrümmt beständig, wie jener berühmte Wurm, weil er sich

beständig getreten fühlt. Als Kritiker ohne Maassstab, Halt und

Rückgrat, mit der Zunge des kosmopolitischen libertin für Vielerlei,

aber ohne den Muth selbst zum Eingeständniss der libertinage. Als

Historiker ohne Philosophie, ohne die Macht des philosophischen

Blicks, - deshalb die Aufgabe des Richtens in allen Hauptsachen

ablehnend, die "Objektivität" als Maske vorhaltend. Anders verhält er

sich zu allen Dingen, wo ein feiner, vernutzter Geschmack die höchste

Instanz ist: da hat er wirklich den Muth zu sich, die Lust an sich, -

da ist er Meister. - Nach einigen Seiten eine Vorform Baudelaire's. -

4.

Die imitatio Christi gehört zu den Büchern, die ich nicht ohne einen

physiologischen Widerstand in den Händen halte: sie haucht einen

parfum des Ewig-Weiblichen aus, zu dem man bereits Franzose sein muss

- oder Wagnerianer... Dieser Heilige hat eine Art von der Liebe zu

reden, dass sogar die Pariserinnen neugierig werden. - Man sagt mir,

dass jener klügste Jesuit, A. Comte, der seine Franzosen auf dem

Umweg der Wissenschaft nach Rom führen wollte, sich an diesem Buche

inspirirt habe. Ich glaube es: "die Religion des Herzens"...

5.

G. Eliot. - Sie sind den christlichen Gott los und glauben nun um,

so mehr die christliche Moral festhalten zu müssen: das ist eine

englische Folgerichtigkeit, wir wollen sie den Moral Weiblein á

la Eliot nicht verübeln. In England muss man sich für jede kleine

Emancipation von der Theologie in furchteinflössender Weise als

Moral-Fanatiker wieder zu Ehren bringen. Das ist dort die Busse, die

man zahlt. - Für uns Andre steht es anders. Wenn man den christlichen

Glauben aufgiebt, zieht man sich damit das Recht zur christlichen

Moral unter den Füssen weg. Diese versteht sich schlechterdings nicht

von selbst: man muss diesen Punkt, den englischen Flachköpfen zum

Trotz, immer wieder an's Licht stellen. Das Christenthum ist ein

System, eine zusammengedachte und ganze Ansicht der Dinge. Bricht man

aus ihm einen Hauptbegriff, den Glauben an Gott, heraus, so zerbricht

man damit auch das Ganze: man hat nichts Nothwendiges mehr zwischen

den Fingern. Das Christenthum setzt voraus, dass der Mensch nicht

wisse, nicht wissen könne, was für ihn gut, was böse ist: er glaubt an

Gott, der allein es weiss. Die christliche Moral ist ein Befehl; ihr

Ursprung ist transscendent; sie ist jenseits aller Kritik, alles

Rechts auf Kritik; sie hat nur Wahrheit, falls Gott die Wahrheit ist,

- sie steht und fällt mit dem Glauben an Gott. - Wenn thatsächlich die

Engländer glauben, sie wüssten von sich aus, "intuitiv", was gut und

böse ist, wenn sie folglich vermeinen, das Christenthum als Garantie

der Moral nicht mehr nöthig zu haben, so ist dies selbst bloss die

Folge der Herrschaft des christlichen Werthurtheils und ein Ausdruck

von der Stärke und Tiefe dieser Herrschaft: so dass der Ursprung der

englischen Moral vergessen worden ist, so dass das Sehr-Bedingte ihres

Rechts auf Dasein nicht mehr empfunden wird. Für den Engländer ist die

Moral noch kein Problem...

6.

George Sand. - Ich las die ersten lettres d'un voyageur: wie Alles,

was von Rousseau stammt, falsch, gemacht, Blasebalg, übertrieben.

Ich halte diesen bunten Tapeten-Stil nicht aus; ebensowenig als die

Pöbel-Ambition nach generösen Gefühlen. Das Schlimmste freilich bleibt

die Weibskoketterie mit Männlichkeiten, mit Manieren ungezogener

Jungen. - Wie kalt muss sie bei alledem gewesen sein, diese

unausstehliche Künstlerin! Sie zog sich auf wie eine Uhr - und

schrieb... Kalt, wie Hugo wie Balzac, wie alle Romantiker, sobald sie

dichteten! Und wie selbstgefällig sie dabei dagelegen haben mag, diese

fruchtbare Schreibe-Kuh, die etwas Deutsches im schlimmen Sinne an

sich hatte, gleich Rousseau selbst, ihrem Meister, und jedenfalls erst

beim Niedergang des französischen Geschmacks möglich war! - Aber Renan

verehrt sie...

7.

Moral für Psychologen. - Keine Colportage-Psychologie treiben! Nie

beobachten, um zu beobachten! Das giebt eine falsche Optik, ein

Schielen, etwas Erzwungenes und Übertreibendes. Erleben als

Erleben-Wollen - das geräth nicht. Man darf nicht im Erlebniss nach

sich hinblicken, jeder Blick wird da zum "bösen Blick". Ein geborner

Psycholog hütet sich aus Instinkt, zu sehn, um zu sehn; dasselbe gilt

vom gebornen Maler. Er arbeitet nie "nach der Natur", - er überlässt

seinem Instinkte, seiner camera obscura das Durchsieben und Ausdrücken

des "Falls", der "Natur", des "Erlebten"... Das Allgemeine erst kommt

ihm zum Bewusstsein, der Schluss, das Ergebniss: er kennt jenes

willkürliche Abstrahiren vom einzelnen Falle nicht. - Was wird daraus,

wenn man es anders macht? Zum Beispiel nach Art der Pariser romanciers

gross und klein Colportage-Psychologie treibt? Das lauert gleichsam

der Wirklichkeit auf, das bringt jeden Abend eine Handvoll

Curiositäten mit nach Hause... Aber man sehe nur, was zuletzt

herauskommt - ein Haufen von Klecksen, ein Mosaik besten Falls, in

jedem Falle etwas Zusammen-Addirtes, Unruhiges, Farbenschreiendes. Das

Schlimmste darin erreichen die Goncourt: sie setzen nicht drei Sätze

zusammen, die nicht dem Auge, dem Psychologen-Auge einfach weh thun. -

Die Natur, künstlerisch abgeschätzt, ist kein Modell. Sie übertreibt,

sie verzerrt, sie lässt Lücken. Die Natur ist der Zufall. Das Studium

"nach der Natur" scheint mir ein schlechtes Zeichen: es verräth

Unterwerfung, Schwäche, Fatalismus, - dies Im-Staube-Liegen vor petits

faits ist eines ganzen Künstlers unwürdig. Sehen, was ist - das gehört

einer andern Gattung von Geistern. zu, den antiartistischen, den

Thatsächlichen. Man muss wissen, wer man ist...

8.

Zur Psychologie des Künstlers. - Damit es Kunst giebt, damit es irgend

ein ästhetisches Thun und Schauen giebt, dazu ist eine physiologische

Vorbedingung unumgänglich: der Rausch. Der Rausch muss erst die

Erregbarkeit der ganzen Maschine gesteigert haben: eher kommt es zu

keiner Kunst. Alle noch so verschieden bedingten Arten des Rausches

haben dazu die Kraft: vor Allem der Rausch der Geschlechtserregung,

diese älteste und ursprünglichste Form des Rausches. Insgleichen der

Rausch, der im Gefolge aller grossen Begierden, aller starken Affekte

kommt; der Rausch des Festes, des Wettkampfs, des Bravourstücks,

des Siegs, aller extremen Bewegung; der Rausch der Grausamkeit; der

Rausch in der Zerstörung; der Rausch unter gewissen meteorologischen

Einflüssen, zum Beispiel der Frühlingsrausch; oder unter dem Einfluss

der Narcotica; endlich der Rausch des Willens, der Rausch eines

überhäuften und geschwellten Willens. - Das Wesentliche am Rausch ist

das Gefühl der Kraftsteigerung und Fülle. Aus diesem Gefühle giebt man

an die Dinge ab, man zwingt sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt

sie, - man heisst diesen Vorgang Idealisiren. Machen wir uns hier von

einem Vorurtheil los: das Idealisiren besteht nicht, wie gemeinhin

geglaubt wird, in einem Abziehn oder Abrechnen des Kleinen, des

Nebensächlichen. Ein ungeheures Heraustreibender Hauptzüge ist

vielmehr das Entscheidende, so dass die andern darüber verschwinden.

9.

Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen Fülle: was

man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrängt, stark,

überladen mit Kraft. Der Mensch dieses Zustandes verwandelt die

Dinge, bis sie seine Macht wiederspiegeln, - bis sie Reflexe seiner

Vollkommenheit sind. Dies Verwandeln müssen in's Vollkommne ist -

Kunst. Alles selbst, was er nicht ist, wird trotzdem ihm zur Lust an

sich; in der Kunst geniesst sich der Mensch als Vollkommenheit. - Es

wäre erlaubt, sich einen gegensätzlichen Zustand auszudenken, ein

spezifisches Antikünstlerthum des Instinks, - eine Art zu sein, welche

alle Dinge verarmte, verdünnte, schwindsüchtig machte. Und in der

That, die Geschichte ist reich an solchen Anti-Artisten, an solchen

Ausgehungerten des Lebens: welche mit Nothwendigkeit die Dinge noch an

sich nehmen, sie auszehren, sie magerer machen müssen. Dies ist zum

Beispiel der Fall des echten Christen, Pascal's zum Beispiel: ein

Christ, der zugleich Künstler wäre, kommt nicht vor... Man sei nicht

kindlich und wende mir Raffael ein oder irgend welche homöopathische

Christen des neunzehnten Jahrhunderts: Raffael sagte Ja, Raffael

machte Ja, folglich war Raffael kein Christ...

10.

Was bedeutet der von mir in die Ästhetik eingeführte Gegensatz-Begriff

apollinisch und dionysisch, beide als Arten des Rausches begriffen? -

Der apollinische Rausch hält vor Allem das Auge erregt, so dass es die

Kraft der Vision bekommt. Der Maler, der Plastiker, der Epiker sind

Visionäre par excellence. Im dionysischen Zustande ist dagegen das

gesammte Affekt-System erregt und gesteigert: so dass es alle seine

Mittel des Ausdrucks mit einem Male entladet und die Kraft des

Darstellens, Nachbildens, Transfigurirens, Verwandelns, alle Art Mimik

und Schauspielerei zugleich heraustreibt. Das Wesentliche bleibt die

Leichtigkeit der Metamorphose, die Unfähigkeit, nicht zu reagiren (-

ähnlich wie bei gewissen Hysterischen, die auch auf jeden Wink hin in

je de Rolle eintreten). Es ist dem dionysischen Menschen unmöglich,

irgend eine Suggestion nicht zu verstehn, er übersieht kein Zeichen

des Affekts, er hat den höchsten Grad des verstehenden und errathenden

Instinkts, wie er den höchsten Grad von Mittheilungs-Kunst besitzt.

Er geht in jede Haut, in jeden Affekt ein: er verwandelt sich

beständig. - Musik, wie wir sie heute verstehn, ist gleichfalls eine

Gesammt-Erregung und -Entladung der Affekte, aber dennoch nur das

Überbleibsel von einer viel volleren Ausdrucks-Welt des Affekts,

ein blosses residuum des dionysischen Histrionismus. Man hat, zur

Ermöglichung der Musik als Sonderkunst, eine Anzahl Sinne, vor Allem

den Muskelsinn still gestellt (relativ wenigstens: denn in einem

gewissen Grade redet noch aller Rhythmus zu unsern Muskeln): so dass

der Mensch nicht mehr Alles, was er fühlt, sofort leibhaft nachahmt

und darstellt. Trotzdem ist Das der eigentlich dionysische

Normalzustand, jedenfalls der Urzustand; die Musik ist die langsam

erreichte Spezifikation desselben auf Unkosten der nächstverwandten

Vermögen.

11.

Der Schauspieler, der Mime, der Tänzer, der Musiker, der Lyriker sind

in ihren Instinkten grundverwandt und an sich Eins, aber allmählich

spezialisirt und von einander abgetrennt - bis selbst zum Widerspruch.

Der Lyriker blieb am längsten mit dem Musiker geeint; der Schauspieler

mit dem Tänzer. - Der Architekt stellt weder einen dionysischen, noch

einen apollinischen Zustand dar: hier ist es der grosse Willensakt,

der Wille, der Berge versetzt, der Rausch des grossen Willens, der zur

Kunst verlangt. Die mächtigsten Menschen haben immer die Architekten

inspirirt; der Architekt war stets unter der Suggestion der Macht. Im

Bauwerk soll sich der Stolz, der Sieg über die Schwere, der Wille zur

Macht versichtbaren; Architektur ist eine Art Macht-Beredsamkeit in

Formen, bald überredend, selbst schmeichelnd, bald bloss befehlend.

Das höchste Gefühl von Macht und Sicherheit kommt in dem zum Ausdruck,

was grossen Stil hat. Die Macht, die keinen Beweis mehr nöthig hat;

die es verschmäht, zu gefallen; die schwer antwortet; die keinen

Zeugen um sich fühlt; die ohne Bewusstsein davon lebt, dass es

Widerspruch gegen sie giebt; die in sich ruht, fatalistisch, ein

Gesetz unter Gesetzen: Das redet als grosser Stil von sich. -

12.

Ich las das Leben Thomas Carlyle's, diese farce wider Wissen und

Willen, diese heroisch-moralische Interpretation dyspeptischer

Zustände. - Carlyle, ein Mann der starken Worte und Attitüden, ein

Rhetor aus Noth, den beständig das Verlangen nach einem starken

Glauben agaçirt und das Gefühl der Unfähigkeit dazu (- darin ein

typischer Romantiker!). Das Verlangen nach einem starken Glauben ist

nicht der Beweis eines starken Glaubens, vielmehr das Gegentheil. Hat

man ihn, so darf man sich den schönen Luxus der Skepsis gestatten: man

ist sicher genug, fest genug, gebunden genug dazu. Carlyle betäubt

Etwas in sich durch das fortissimo seiner Verehrung für Menschen

starken Glaubens und durch seine Wuth gegen die weniger Einfältigen:

er bedarf des Lärms. Eine beständige leidenschaftliche Unredlichkeit

gegen sich - das ist sein proprium, damit ist und bleibt er

interessant. - Freilich, in England wird er gerade wegen seiner

Redlichkeit bewundert... Nun, das ist englisch; und in Anbetracht,

dass die Engländer das Volk des vollkommnen cant sind, sogar billig,

und nicht nur, begreiflich. Im Grunde ist Carlyle ein englischer

Atheist, der seine Ehre darin sucht, es nicht zu sein.

13.

Emerson. - Viel aufgeklärter, schweifender, vielfacher, raffinirter

als Carlyle, vor Allem glücklicher... Ein Solcher, der sich instinktiv

bloss von Ambrosia nährt, der das Unverdauliche in den Dingen

zurücklässt. Gegen Carlyle gehalten ein Mann des Geschmacks. -

Carlyle, der ihn sehr liebte, sagte trotzdem von ihm: "er giebt uns

nicht genug zu beissen": was mit Recht gesagt sein mag, aber nicht

zu Ungunsten Emerson's. - Emerson hat jene gütige und geistreiche

Heiterkeit, welche allen Ernst entmuthigt; er weiss es schlechterdings

nicht, wie alt er schon ist und wie jung er noch sein wird, - er

könnte von sich mit einem Wort Lope de Vega's sagen: "yo me sucedo

a mi mismo". Sein Geist findet immer Gründe, zufrieden und selbst

dankbar zu sein; und bisweilen streift er die heitere Transscendenz

jenes Biedermanns, der von einem verliebten Stelldichein tamquam re

bene gesta zurückkam. "Ut desint vires, sprach er dankbar, tamen est

laudanda voluptas." -

14.

Anti-Darwin. - Was den berühmten Kampf um's Leben betrifft, so scheint

er mir einstweilen mehr behauptet als bewiesen. Er kommt vor, aber als

Ausnahme; der Gesammt-Aspekt des Lebens ist nicht die Nothlage, die

Hungerlage, vielmehr der Reichthum, die Üppigkeit, selbst die absurde

Verschwendung, - wo gekämpft wird, kämpft man um Macht... Man soll

nicht Malthus mit der Natur verwechseln. - Gesetzt aber, es giebt

diesen Kampf - und in der That, er kommt vor -, so läuft er leider

umgekehrt aus als die Schule Darwin's wünscht, als man vielleicht

mit ihr wünschen dürfte: nämlich zu Ungunsten der Starken, der

Bevorrechtigten, der glücklichen Ausnahmen. Die Gattungen wachsen

nicht in der Vollkommenheit: die Schwachen werden immer wieder über

die Starken Herr, - das macht, sie sind die grosse Zahl, sie sind auch

klüger... Darwin hat den Geist vergessen (- das ist englisch!), die

Schwachen haben mehr Geist... Man muss Geist nöthig haben, um Geist zu

bekommen, - man verliert ihn, wenn man ihn nicht mehr nöthig hat. Wer

die Stärke hat, entschlägt sich des Geistes (- "lass fahren dahin!

denkt man heute in Deutschland - das Reich muss uns doch bleiben"...).

Ich verstehe unter Geist, wie man sieht, die Vorsicht, die Geduld, die

List, die Verstellung, die grosse Selbstbeherrschung und Alles, was

mimicry ist (zu letzterem gehört ein grosser Theil der sogenannten

Tugend).

15.

Psychologen-Casuistik. - Das ist ein Menschenkenner: wozu studirt

er eigentlich die Menschen? Er will kleine Vortheile über sie

erschnappen, oder auch grosse, - er ist ein Politikus!... Jener da

ist auch ein Menschenkenner: und ihr sagt, der wolle Nichts damit

für sich, das sei ein grosser "Unpersönlicher". Seht schärfer zu!

Vielleicht will er sogar noch einen schlimmeren Vortheil: sich den

Menschen überlegen fühlen, auf sie herabsehn dürfen, sich nicht

mehr mit ihnen verwechseln. Dieser "Unpersönliche" ist ein

Menschen-Verächter: und jener Erstere ist die humanere Species, was

auch der Augenschein sagen mag. Er stellt sich wenigstens gleich, er

stellt sich hinein...

16.

Der psychologische Takt der Deutschen scheint mir durch eine ganze

Reihe von Fällen in Frage gestellt, deren Verzeichniss vorzulegen mich

meine Bescheidenheit hindert. In Einem Falle wird es mir nicht an

einem grossen Anlasse fehlen, meine These zu begründen: ich trage

es den Deutschen nach, sich über Kant und seine "Philosophie der

Hinterthüren", wie ich sie nenne, vergriffen zu haben, - das war nicht

der Typus der intellektuellen Rechtschaffenheit. - Das Andre, was ich

nicht hören mag, ist ein berüchtigtes "und": die Deutschen sagen,

"Goethe und Schiller", - ich fürchte, sie sagen "Schiller und

Goethe"... Kennt man noch nicht diesen Schiller? - Es giebt noch

schlimmere "und"; ich habe mit meinen eigenen Ohren, allerdings nur

unter Universitäts-Professoren, gehört "Schopenhauer und Hartmann"

17.

Die geistigsten Menschen, vorausgesetzt, dass sie die muthigsten sind,

erleben auch bei weitem die schmerzhaftesten Tragödien: aber eben

deshalb ehren sie das Leben, weil es ihnen seine grösste Gegnerschaft

entgegenstellt.

18.

Zum "intellektuellen Gewissen". - Nichts scheint mir heute seltner als

die echte Heuchelei. Mein Verdacht ist gross, dass diesem Gewächs die

sanfte Luft unsrer Cultur nicht zuträglich ist. Die Heuchelei gehört

in die Zeitalter des starken Glaubens: wo man selbst nicht bei der

Nöthigung, einen andern Glauben zur Schau zu tragen, von dem Glauben

losliess, den man hatte. Heute lässt man ihn los; oder, was noch

gewöhnlicher, man legt sich noch einen zweiten Glauben zu, - ehrlich

bleibt man in jedem Falle. Ohne Zweifel ist heute eine sehr viel

grössere Anzahl von Überzeugungen möglich als ehemals: möglich, das

heisst erlaubt, das heisst unschädlich. Daraus entsteht die Toleranz

gegen sich selbst. - Die Toleranz gegen sich selbst gestattet mehrere

Überzeugungen: diese selbst leben verträglich beisammen, - sie hüten

sich, wie alle Welt heute, sich zu compromittiren. Womit compromittirt

man sich heute? Wenn man Consequenz hat. Wenn man in gerader Linie

geht. Wenn man weniger als fünfdeutig ist. Wenn man echt ist... Meine

Furcht ist gross, dass der moderne Mensch für einige Laster einfach

zu bequem ist: so dass diese geradezu aussterben. Alles Böse, das vom

starken Willen bedingt ist - und vielleicht giebt es nichts Böses ohne

Willensstärke - entartet, in unsrer lauen Luft, zur Tugend... Die

wenigen Heuchler, die ich kennen lernte, machten die Heuchelei nach:

sie waren, wie heutzutage fast jeder zehnte Mensch, Schauspieler. -

19.

Schön und hässlich. - Nichts ist bedingter, sagen wir beschränkter,

als unser Gefühl des Schönen. Wer es losgelöst von der Lust des

Menschen am Menschen denken wollte, verlöre sofort Grund und Boden

unter den Füssen. Das "Schöne an sich" ist bloss ein Wort, nicht

einmal ein Begriff. Im Schönen setzt sich der Mensch als Maass der

Vollkommenheit; in. ausgesuchten Fällen betet er sich darin an. Eine

Gattung kann gar nicht anders als dergestalt zu sich allein ja sagen.

Ihr unterster Instinkt, der der Selbsterhaltung und Selbsterweiterung,

strahlt noch in solchen Sublimitäten aus. Der Mensch glaubt die Welt

selbst mit Schönheit überhäuft, - er vergisst sich als deren Ursache.

Er allein hat sie mit Schönheit beschenkt, ach! nur mit einer sehr

menschlich-allzumenschlichen Schönheit.... Im Grunde spiegelt sich

der Mensch in den Dingen, er hält Alles für schön, was ihm sein Bild

zurückwirft: das Urtheil "schön" ist seine Gattungs-Eitelkeit....

Dem Skeptiker nämlich darf ein kleiner Argwohn die Frage in's Ohr

flüstern: ist wirklich damit die Welt verschönt, dass gerade der

Mensch sie für schön nimmt? Er hat sie vermenschlicht: das ist Alles.

Aber Nichts, gar Nichts verbürgt uns, dass gerade der Mensch das

Modell des Schönen abgäbe. Wer weiss, wie er sich in den Augen eines

höheren Geschmacksrichters ausnimmt? Vielleicht gewagt? vielleicht

selbst erheiternd? vielleicht ein wenig arbiträr?... "Oh Dionysos,

Göttlicher, warum ziehst du mich an den Ohren?" fragte Ariadne

einmal bei einem jener berühmten Zwiegespräche auf Naxos ihren

philosophischen Liebhaber. "Ich finde eine Art Humor in deinen Ohren,

Ariadne: warum sind sie nicht noch länger?"

20.

Nichts ist schön, nur der Mensch ist schön: auf dieser Naivetät ruht

alle Ästhetik, sie ist deren erste Wahrheit. Fügen wir sofort noch

deren zweite hinzu: Nichts ist hässlich als der entartende Mensch,

- damit ist das Reich des ästhetischen Urtheils umgrenzt. -

Physiologisch nachgerechnet, schwächt und betrübt alles Hässliche

den Menschen. Es erinnert ihn an Verfall, Gefahr, Ohnmacht; er büsst

thatsächlich dabei Kraft ein. Man kann die Wirkung des Hässlichen mit

dem Dynamometer messen. Wo der Mensch überhaupt niedergedrückt wird,

da wittert er die Nähe von etwas "Hässlichem". Sein Gefühl der Macht,

sein Wille zur Macht, sein Muth, sein Stolz - das fällt mit dem

Hässlichen, das steigt mit dem Schönen... Im einen wie im andern Falle

machen wir einen Schluss: die Prämissen dazu sind in ungeheurer Fülle

im Instinkte aufgehäuft. Das Hässliche wird verstanden als ein Wink

und Symptom der Degenerescenz: was im Entferntesten an Degenerescenz

erinnert, das wirkt in uns das Urtheil "hässlich". Jedes Anzeichen

von Erschöpfung, von Schwere, von Alter, von Müdigkeit, jede Art

Unfreiheit, als Krampf, als Lähmung, vor Allem der Geruch, die Farbe,

die Form der Auflösung, der Verwesung, und sei es auch in der letzten

Verdünnung zum Symbol - das Alles ruft die gleiche Reaktion hervor,

das Werthurtheil "hässlich". Ein Hass springt da hervor: wen hasst da

der Mensch? Aber es ist kein Zweifel: den Niedergang seines Typus. Er

hasst da aus dem tiefsten Instinkte der Gattung heraus; in diesem Hass

ist Schauder, Vorsicht, Tiefe, Fernblick, - es ist der tiefste Hass,

den es giebt. Um seinetwillen ist die Kunst tief...

21.

Schopenhauer. Schopenhauer, der letzte Deutsche, der in Betracht kommt

(der ein europäisches Ereigniss gleich Goethe, gleich Hegel, gleich

Heinrich Heine ist, und nicht bloss ein lokales, ein "nationales"),

ist für einen Psychologen ein Fall ersten Ranges: nämlich als bösartig

genialer Versuch, zu Gunsten einer nihilistischen Gesammt-Abwerthung

des Lebens gerade die Gegen-Instanzen, die grossen Selbstbejahungen

des "Willens zum Leben", die Exuberanz-Formen des Lebens in's Feld zu

führen. Er hat, der Reihe nach, die Kunst, den Heroismus, das Genie,

die Schönheit, das grosse Mitgefühl, die Erkenntniss, den Willen zur

Wahrheit, die Tragödie als Folgeerscheinungen der "Verneinung" oder

der Verneinungs-Bedürftigkeit des "Willens" interpretirt - die grösste

psychologische Falschmünzerei, die es, das Christenthum abgerechnet,

in der Geschichte giebt. Genauer zugesehn ist er darin bloss der Erbe

der christlichen Interpretation: nur dass er auch das vom Christenthum

Abgelehnte, die grossen Cultur-Thatsachen der Menschheit noch in einem

christlichen, das heisst nihilistischen Sinne gut zu heissen wusste

(- nämlich als Wege zur "Erlösung", als Vorformen der "Erlösung", als

Stimulantia des Bedürfnisses nach "Erlösung"... )

22.

Ich nehme einen einzelnen Fall. Schopenhauer spricht von der Schönheit

mit einer schwermüthigen Gluth, - warum letzten Grundes? Weil er in

ihr eine Brücke sieht, auf der man weiter gelangt, oder Durst bekommt,

weiter zu gelangen... Sie ist ihm die Erlösung vom "Willen" auf

Augenblicke - sie lockt zur Erlösung für immer... Insbesondere

preist er sie als Erlöserin vom "Brennpunkte des Willens", von der

Geschlechtlichkeit, - in der Schönheit sieht er den Zeugetrieb

verneint... Wunderlicher Heiliger! Irgend Jemand widerspricht dir, ich

fürchte, es ist die Natur. Wozu giebt es überhaupt Schönheit in Ton,

Farbe, Duft, rhythmischer Bewegung in der Natur? Was treibt die

Schönheit heraus?- Glücklicherweise widerspricht ihm auch ein

Philosoph. Keine geringere Autorität als die des göttlichen Plato (-

so nennt ihn Schopenhauer selbst) hält einen andern Satz aufrecht:

dass alle Schönheit zur Zeugung reize, - dass dies gerade das proprium

ihrer Wirkung sei, vom Sinnlichsten bis hinauf in's Geistigste...

23.

Plato geht weiter. Er sagt mit einer Unschuld, zu der man Grieche sein

muss und nicht "Christ", dass es gar keine platonische Philosophie

geben würde, wenn es nicht so schöne Jünglinge in Athen gäbe: deren

Anblick sei es erst, was die Seele des Philosophen in einen erotischen

Taumel versetze und ihr keine Ruhe lasse, bis sie den Samen aller

hohen Dinge in ein so schönes Erdreich hinabgesenkt habe. Auch ein

wunderlicher Heiliger! - man traut seinen Ohren nicht, gesetzt

selbst, dass man Plato traut. Zum Mindesten erräth man, dass in Athen

anders philosophirt wurde, vor Allem öffentlich. Nichts ist weniger

griechisch als die Begriffs-Spinneweberei eines Einsiedlers, amor

intellectualis dei nach Art des Spinoza. Philosophie nach Art des

Plato wäre eher als ein erotischer Wettbewerb zu definiren, als eine

Fortbildung und Verinnerlichung der alten agonalen Gymnastik und

deren Voraussetzungen... Was wuchs zuletzt aus dieser philosophischen

Erotik Plato's heraus? Eine neue Kunstform des griechischen Agon,

die Dialektik. - Ich erinnere noch, gegen Schopenhauer und zu Ehren

Plato's, daran, dass auch die ganze höhere Cultur und Litteratur des

klassischen Frankreichs auf dem Boden des geschlechtlichen Interesses

aufgewachsen ist. Man darf überall bei ihr die Galanterie, die Sinne,

den Geschlechts-Wettbewerb, das "Weib" suchen, - man wird nie umsonst

suchen...

24.

L'art pour l'art. - Der Kampf gegen den Zweck in der Kunst ist immer

der Kampf gegen die moralisirende Tendenz in der Kunst, gegen ihre

Unterordnung unter die Moral. L'art pour l'art heisst: "der Teufel

hole die Moral!" - Aber selbst noch diese Feindschaft verräth die

Übergewalt des Vorurtheils. Wenn man den Zweck des Moralpredigens und

Menschen-Verbesserns von der Kunst ausgeschlossen hat, so folgt daraus

noch lange nicht, dass die Kunst überhaupt zwecklos, ziellos, sinnlos,

kurz l'art pour l'art - ein Wurm, der sich in den Schwanz beisst -

ist. "Lieber gar keinen Zweck als einen moralischen Zweck!" - so redet

die blosse Leidenschaft. Ein Psycholog fragt dagegen: was thut alle

Kunst? lobt sie nicht? verherrlicht sie nicht? wählt sie nicht aus?

zieht sie nicht hervor? Mit dem Allen stärkt oder schwächt sie gewisse

Werthschätzungen... Ist dies nur ein Nebenbei? ein Zufall? Etwas, bei

dem der Instinkt des Künstlers gar nicht betheiligt wäre? Oder aber:

ist es nicht die Voraussetzung dazu, dass der Künstler kann...? Geht

dessen unterster Instinkt auf die Kunst oder nicht vielmehr auf den

Sinn der Kunst, das Leben? auf eine Wünschbarkeit von Leben?- Die

Kunst ist das grosse Stimulans zum Leben: wie könnte man sie als

zwecklos, als ziellos, als l'art pour l'art verstehn? - Eine Frage

bleibt zurück: die Kunst bringt auch vieles Hässliche, Harte,

Fragwürdige des Lebens zur Erscheinung, - scheint sie nicht damit vom

Leben zu entleiden? - Und in der That, es gab Philosophen, die ihr

diesen Sinn liehn: "loskommen vom Willen" lehrte Schopenhauer als

Gesammt-Absicht der Kunst, "zur Resignation stimmen" verehrte er als

die grosse Nützlichkeit der Tragödie. - Aber dies - ich gab es schon

zu verstehn - ist Pessimisten-Optik und "böser Blick" -: man muss an

die Künstler selbst appelliren. Was theilt der tragische Künstler

von sich mit? Ist es nicht gerade der Zustand ohne Furcht vor dem

Furchtbaren und Fragwürdigen, das er zeigt? - Dieser Zustand selbst

ist eine hohe Wünschbarkeit; wer ihn kennt, ehrt ihn mit den höchsten

Ehren. Er theilt ihn mit, er muss ihn mittheilen, vorausgesetzt, dass

er ein Künstler ist, ein Genie der Mittheilung. Die Tapferkeit und

Freiheit des Gefühls vor einem mächtigen Feinde, vor einem erhabenen

Ungemach, vor einem Problem, das Grauen erweckt - dieser siegreiche

Zustand ist es, den der tragische Künstler auswählt, den er

verherrlicht. Vor der Tragödie feiert das Kriegerische in unserer

Seele seine Saturnalien; wer Leid gewohnt ist, wer Leid aufsucht, der

heroische Mensch preist mit der Tragödie sein Dasein, - ihm allein

kredenzt der Tragiker den Trunk dieser süssesten Grausamkeit. -

25.

Mit Menschen fürlieb nehmen, mit seinem Herzen offen Haus halten, das

ist liberal, das ist aber bloss liberal. Man erkennt die Herzen, die

der vornehmen Gastfreundschaft fähig sind, an den vielen verhängten

Fenstern und geschlossenen Läden: ihre besten Räume halten sie leer.

Warum doch? - Weil sie Gäste erwarten, mit denen man nicht "fürlieb

nimmt"

26.

Wir schätzen uns nicht genug mehr, wenn wir uns mittheilen. Unsre

eigentlichen Erlebnisse sind ganz und gar nicht geschwätzig. Sie

könnten sich selbst nicht mittheilen, wenn sie wollten. Das macht, es

fehlt ihnen das Wort. Wofür wir Worte haben, darüber sind wir auch

schon hinaus. In allem Reden liegt ein Gran Verachtung. Die Sprache,

scheint es, ist nur für Durchschnittliches, Mittleres, Mittheilsames

erfunden. Mit der Sprache vulgarisirt sich bereits der Sprechende. -

Aus einer Moral für Taubstumme und andere Philosophen.

27.

"Dies Bildniss ist bezaubernd schön!"... Das Litteratur-Weib,

unbefriedigt, aufgeregt, öde in Herz und Eingeweide, mit schmerzhafter

Neugierde jederzeit auf den Imperativ hinhorchend, der aus den

Tiefen seiner Organisation "aut liberi aut libri" flüstert: das

Litteratur-Weib, gebildet genug, die Stimme der Natur zu verstehn,

selbst wenn sie Latein redet und andrerseits eitel und Gans genug, um

im Geheimen auch noch französisch mit sich zu sprechen "je me verrai,

je me lirai, je m'extasierai et je dirai: Possible, que j'aie eu tant

d'esprit?"

28.

Die "Unpersönlichen" kommen zu Wort. - "Nichts fällt uns leichter, als

weise, geduldig, überlegen zu sein. Wir triefen vom Öl der Nachsicht

und des Mitgefühls, wir sind auf eine absurde Weise gerecht, wir

verzeihen Alles. Eben darum sollten wir uns etwas strenger halten;

eben darum sollten wir uns, von Zeit zu Zeit, einen kleinen Affekt,

ein kleines Laster von Affect züchten. Es mag uns sauer angehn;

und unter uns lachen wir vielleicht über den Aspekt, den wir damit

geben. Aber was hilft es! Wir haben keine andre Art mehr übrig von

Selbstüberwindung: dies ist unsre Asketik, unser Büsserthum"...

Persönlich werden - die Tugend des "Unpersönlichen"...

29.

Aus einer Doctor-Promotion. - "Was ist die Aufgabe alles höheren

Schulwesens?" - Aus dem Menschen eine Maschine zu machen. - "Was ist

das Mittel dazu?" - Er muss lernen, sich langweilen. - "Wie erreicht

man das?" - Durch den Begriff der Pflicht. - "Wer ist sein Vorbild

dafür?" - Der Philolog: der lehrt ochsen. - "Wer ist der vollkommene

Mensch?" - Der Staats-Beamte. - "Welche Philosophie giebt die höchste

Formel für den Staats-Beamten?" - Die Kant's: der Staats-Beamte

als Ding an sich zum Richter gesetzt über den Staats-Beamten als

Erscheinung. -

30.

Das Recht auf Dummheit. - Der ermüdete und langsam athmende Arbeiter,

der gutmüthig blickt, der die Dinge gehen lässt, wie sie gehn: diese

typische Figur, der man jetzt, im Zeitalter der Arbeit (und des

"Reichs"! -) in allen Klassen der Gesellschaft begegnet, nimmt heute

gerade die Kunst für sich in Anspruch, eingerechnet das Buch, vor

Allem das Journal, - um wie viel mehr die schöne Natur, Italien... Der

Mensch des Abends, mit den "entschlafenen wilden Trieben", von denen

Faust redet, bedarf der Sommerfrische, des Seebads, der Gletscher,

Bayreuth's... In solchen Zeitaltern hat die Kunst ein Recht auf reine

Thorheit, - als eine Art Ferien für Geist, Witz und Gemüth. Das

verstand Wagner. Die reine Thorheit stellt wieder her...

31.

Noch ein Problem der Diät. - Die Mittel, mit denen Julius Cäsar sich

gegen Kränklichkeiten und Kopfschmerz vertheidigte: ungeheure Märsche,

einfachste Lebensweise, ununterbrochner Aufenthalt im Freien,

beständige Strapazen - das sind, in's Grosse gerechnet, die

Erhaltungs- und Schutz-Maassregeln überhaupt gegen die extreme

Verletzlichkeit jener subtilen und unter höchstem Druck arbeitenden

Maschine, welche Genie heisst. -

32.

Der Immoralist redet. - Einem Philosophen geht Nichts mehr wider

den Geschmack als der Mensch, sofern er wünscht... Sieht er den

Menschen nur in seinem Thun, sieht er dieses tapferste, listigste,

ausdauerndste Thier verirrt selbst in labyrinthische Nothlagen, wie

bewunderungswürdig erscheint ihm der Mensch! Er spricht ihm noch

zu... Aber der Philosoph verachtet den wünschenden Menschen, auch den

"wünschbaren" Menschen - und überhaupt alle Wünschbarkeiten, alle

Ideale des Menschen. Wenn ein Philosoph Nihilist sein könnte, so würde

er es sein, weil er das Nichts hinter allen Idealen des Menschen

findet. Oder noch nicht einmal das Nichts, - sondern nur das

Nichtswürdige, das Absurde, das Kranke, das Feige, das Müde, alle Art

Hefen aus dem ausgetrunkenen Becher seines Lebens... Der Mensch, der

als Realität so verehrungswürdig ist, wie kommt es, dass er keine

Achtung verdient, sofern er wünscht? Muss er es büssen, so tüchtig als

Realität zu sein? Muss er sein Thun, die Kopf- und Willensanspannung

in allem Thun, mit einem Gliederstrecken im Imaginären und Absurden

ausgleichen? - Die Geschichte seiner Wünschbarkeiten war bisher die

partie honteuse des Menschen: man soll sich hüten, zu lange in ihr zu

lesen. Was den Menschen rechtfertigt, ist seine Realität, - sie wird

ihn ewig rechtfertigen. Um wie viel mehr werth ist der wirkliche

Mensch, verglichen mit irgend einem bloss gewünschten, erträumten,

erstunkenen und erlogenen Menschen? mit irgend einem idealen

Menschen?... Und nur der ideale Mensch geht dem Philosophen wider den

Geschmack.

33.

Naturwerth des Egoismus. - Die Selbstsucht ist so viel werth, als Der

physiologisch werth ist, der sie hat: sie kann sehr viel werth sein,

sie kann nichtswürdig und verächtlich sein. Jeder Einzelne darf darauf

hin angesehen werden, ob er die aufsteigende oder die absteigende

Linie des Lebens darstellt. Mit einer Entscheidung darüber hat man

auch einen Kanon dafür, was seine Selbstsucht werth ist. Stellt

er das Aufsteigen der Linie dar, so ist in der That sein Werth

ausserordentlich, - und um des Gesammt-Lebens willen, das mit ihm

einen Schritt weiter thut, darf die Sorge um Erhaltung, um Schaffung

seines optimum von Bedingungen selbst extrem sein. Der Einzelne, das

"Individuum", wie Volk und Philosoph das bisher verstand, ist ja ein

Irrthum: er ist nichts für sich, kein Atom, kein "Ring der Kette",

nichts bloss Vererbtes von Ehedem, - er ist die ganze Eine Linie

Mensch bis zu ihm hin selber noch... Stellt er die absteigende

Entwicklung, den Verfall, die chronische Entartung, Erkrankung dar (-

Krankheiten sind, in's Grosse gerechnet, bereits Folgeerscheinungen

des Verfalls, nicht dessen Ursachen), so kommt ihm wenig Werth zu, und

die erste Billigkeit will, dass er den Wohlgerathenen so wenig als

möglich wegnimmt. Er ist bloss noch deren Parasit...

34.

Christ und Anarchist. - Wenn der Anarchist, als Mundstück

niedergehender Schichten der Gesellschaft, mit einer schönen

Entrüstung "Recht", "Gerechtigkeit", "gleiche Rechte" verlangt, so

steht er damit nur unter dem Drucke seiner Unkultur, welche nicht zu

begreifen weiss, warum er eigentlich leidet, - woran er arm ist, an

Leben... Ein Ursachen-Trieb ist in ihm mächtig: Jemand muss schuld

daran sein, dass er sich schlecht befindet... Auch thut ihm die

"schöne Entrüstung" selber schon wohl, es ist ein Vergnügen für alle

armen Teufel, zu schimpfen, - es giebt einen kleinen Rausch von Macht.

Schon die Klage, das Sich-Beklagen, kann dem Leben einen Reiz geben,

um dessentwillen man es aushält: eine feinere Dosis Rache ist in jeder

Klage, man wirft sein Schlechtbefinden, unter Umständen selbst seine

Schlechtigkeit Denen, die anders sind, wie ein Unrecht, wie ein

unerlaubtes Vorrecht vor. "Bin ich eine canaille, so solltest du

es auch sein": auf diese Logik hin macht man Revolution. - Das

Sich-Beklagen taugt in keinem Falle etwas: es stammt aus der Schwäche.

Ob man sein Schlecht-Befinden Andern oder sich selber zu misst -.

Ersteres thut der Socialist, Letzteres zum Beispiel der Christ -,

macht keinen eigentlichen Unterschied. Das Gemeinsame, sagen wir auch

das Unwürdige daran ist, dass jemand schuld daran sein soll, dass man

leidet - kurz, dass der Leidende sich gegen sein Leiden den Honig

der Rache verordnet. Die Objekte dieses Rach-Bedürfnisses als eines

Lust-Bedürfnisses sind Gelegenheits-Ursachen: der Leidende findet

überall Ursachen, seine kleine Rache zu kühlen, - ist er Christ,

nochmals gesagt, so findet er sie in sich... Der Christ und der

Anarchist - Beide sind décadents. - Aber auch wenn der Christ die

"Welt" verurtheilt, verleumdet, beschmutzt, so thut er es aus

dem gleichen Instinkte, aus dem der socialistische Arbeiter die

Gesellschaft verurtheilt, verleumdet, beschmutzt: das "jüngste

Gericht" selbst ist noch der süsse Trost der Rache - die Revolution,

wie sie auch der socialistische Arbeiter erwartet, nur etwas ferner

gedacht... Das "Jenseits" selbst - wozu ein Jenseits, wenn es nicht

ein Mittel wäre, das Diesseits zu beschmutzen?...

35.

Kritik der Décadence-Moral. Eine "altruistische" Moral, eine Moral,

bei der die Selbstsucht verkümmert -, bleibt unter allen Umständen ein

schlechtes Anzeichen. Dies gilt vom Einzelnen, dies gilt namentlich

von Völkern. Es fehlt am Besten, wenn es an der Selbstsucht zu fehlen

beginnt. Instinktiv das Sich-Schädliche wählen, Gelockt-werden durch

"uninteressirte" Motive giebt beinahe die Formel ab für décadence.

"Nicht seinen Nutzen suchen" - das ist bloss das moralische

Feigenblatt für eine ganz andere, nämlich physiologische

Thatsächlichkeit: "ich weiss meinen Nutzen nicht mehr zu finden"

Disgregation der Instinkte! - Es ist zu Ende mit ihm, wenn der Mensch

altruistisch wird. - Statt naiv zu sagen, "ich bin nichts mehr werth",

sagt die Moral Lüge im Munde des décadent: "Nichts ist etwas werth, -

das Leben ist nichts werth"... Ein solches Urtheil bleibt zuletzt eine

grosse Gefahr, es wirkt ansteckend, - auf dem ganzen morbiden Boden

der Gesellschaft wuchert es bald zu tropischer Begriffs-Vegetation

empor, bald als Religion (Christenthum), bald als Philosophie

(Schopenhauerei). Unter Umständen vergiftet eine solche aus Fäulniss

gewachsene Giftbaum-Vegetation mit ihrem Dunste weithin, auf

Jahrtausende hin das Leben...

36.

Moral für Ärzte. - Der Kranke ist ein Parasit der Gesellschaft. In

einem gewissen Zustande ist es unanständig, noch länger zu leben. Das

Fortvegetiren in feiger Abhängigkeit von Ärzten und Praktiken, nachdem

der Sinn vom Leben, das Recht zum Leben verloren gegangen ist, sollte

bei der Gesellschaft eine tiefe Verachtung nach sich ziehn. Die Ärzte

wiederum hätten die Vermittler dieser Verachtung zu sein, - nicht

Recepte, sondern jeden Tag eine neue Dosis Ekel vor ihrem Patienten...

Eine neue Verantwortlichkeit schaffen, die des Arztes, für alle Fälle,

wo das höchste Interesse des Lebens, des aufsteigenden Lebens, das

rücksichtsloseste Nieder- und Beiseite-Drängen des entartenden Lebens

verlangt - zum Beispiel für das Recht auf Zeugung, für das Recht,

geboren zu werden, für das Recht, zu leben... Auf eine stolze Art

sterben, wenn es nicht mehr möglich ist, auf eine stolze Art zu leben.

Der Tod, aus freien Stücken gewählt, der Tod zur rechten Zeit, mit

Helle und Freudigkeit, inmitten von Kindern und Zeugen vollzogen: so

dass ein wirkliches Abschiednehmen noch möglich ist, wo Der noch da

ist, der sich verabschiedet, insgleichen ein wirkliches Abschätzen

des Erreichten und Gewollten, eine Summirung des Lebens - Alles im

Gegensatz zu der erbärmlichen und schauderhaften Komödie, die das

Christenthum mit der Sterbestunde getrieben hat. Man soll es dem

Christenthume nie vergessen, dass es die Schwäche des Sterbenden

zu Gewissens-Nothzucht, dass es die Art des Todes selbst zu

Werth-Urtheilen über Mensch und Vergangenheit gemissbraucht hat! -

Hier gilt es, allen Feigheiten des Vorurtheils zum Trotz, vor Allem

die richtige, das heisst physiologische Würdigung des sogenannten

natürlichen Todes herzustellen: der zuletzt auch nur ein

"unnatürlicher", ein Selbstmord ist. Man geht nie durch jemand Anderes

zu Grunde, als durch sich selbst. Nur ist es der Tod unter den

verächtlichsten Bedingungen, ein unfreier Tod, ein Tod zur unrechten

Zeit, ein Feiglings Tod. Man sollte, aus Liebe zum Leben -, den Tod

anders wollen, frei, bewusst, ohne Zufall, ohne Überfall... Endlich

ein Rath für die Herrn Pessimisten und andere décadents. Wir haben es

nicht in der Hand, zu verhindern, geboren zu werden: aber wir können

diesen Fehler - denn bisweilen ist es ein Fehler - wieder gut machen.

Wenn man sich abschafft, thut man die achtungswürdigste Sache, die es

giebt: man verdient beinahe damit, zu leben... Die Gesellschaft, was

sage ich! Das Leben selber hat mehr Vortheil davon, als durch irgend

welches "Leben" in Entsagung, Bleichsucht und andrer Tugend -, man hat

die Andern von seinem Anblick befreit, man hat das Leben von einem

Einwand befreit... Der Pessimismus, pur, vert, beweist sich erst durch

die Selbst-Widerlegung der Herrn Pessimisten: man muss einen Schritt

weiter gehn in seiner Logik, nicht bloss mit "Wille und Vorstellung",

wie Schopenhauer es that, das Leben verneinen -, man muss

Schopenhauern zuerst verneinen... Der Pessimismus, anbei gesagt, so

ansteckend er ist, vermehrt trotzdem nicht die Krankhaftigkeit einer

Zeit, eines Geschlechts im Ganzen: er ist deren Ausdruck. Man verfällt

ihm, wie man der Cholera verfällt: man muss morbid genug dazu schon

angelegt sein. Der Pessimismus selbst macht keinen einzigen décadent

mehr; ich erinnere an das Ergebniss der Statistik, dass die Jahre, in

denen die Cholera wüthet, sich in der Gesammt-Ziffer der Sterbefälle

nicht von andern Jahrgängen unterscheiden.

37.

Ob wir moralischer geworden sind. - Gegen meinen Begriff "jenseits von

Gut und Böse" hat sich, wie zu erwarten stand, die ganze Ferocität der

moralischen Verdummung, die bekanntlich in Deutschland als die Moral

selber gilt -, in's Zeug geworfen: ich hätte artige Geschichten davon

zu erzählen. Vor Allem gab man mir die "unleugbare Überlegenheit"

unsrer Zeit im sittlichen Urtheil zu überdenken, unsern wirklich hier

gemachten Fortschritt: ein Cesare Borgia sei, im Vergleich mit uns,

durchaus nicht als ein "höherer Mensch", als eine Art Übermensch, wie

ich es thue, aufzustellen... Ein Schweizer Redakteur, vom "Bund",

gieng so weit, nicht ohne seine Achtung vor dem Muth zu solchem

Wagniss auszudrücken, den Sinn meines Werks dahin zu "verstehn",

dass ich mit demselben die Abschaffung aller anständigen Gefühle

beantragte. Sehr verbunden! - Ich erlaube mir, als Antwort, die Frage

aufzuwerfen, ob wir wirklich moralischer geworden sind. Dass alle Welt

das glaubt, ist bereits ein Einwand dagegen... Wir modernen Menschen,

sehr zart, sehr verletzlich und hundert Rücksichten gebend und

nehmend, bilden uns in der That ein, diese zärtliche Menschlichkeit,

die wir darstellen, diese erreichte Einmüthigkeit in der Schonung, in

der Hülfsbereitschaft, im gegenseitigen Vertrauen sei ein positiver

Fortschritt, damit seien wir weit über die Menschen der Renaissance

hinaus. Aber so denkt jede Zeit, so muss sie denken. Gewiss ist, dass

wir uns nicht in Renaissance-Zustände hineinstellen dürften, nicht

einmal hineindenken: unsre Nerven hielten jene Wirklichkeit nicht aus,

nicht zu reden von unsern Muskeln. Mit diesem Unvermögen ist aber

kein Fortschritt bewiesen, sondern nur eine andre, eine spätere

Beschaffenheit, eine schwächere, zärtlichere, verletzlichere, aus der

sich nothwendig eine rücksichtenreiche Moral erzeugt. Denken wir unsre

Zartheit und Spätheit, unsre physiologische Alterung weg, so verlöre

auch unsre Moral der "Vermenschlichung" sofort ihren Werth - an sich

hat keine Moral Werth -: sie würde uns selbst Geringschätzung machen.

Zweifeln wir andrerseits nicht daran, dass wir Modernen mit unsrer

dick wattirten Humanität, die durchaus an keinen Stein sich stossen

Will, den Zeitgenossen Cesare Borgia's eine Komödie zum Todtlachen

abgeben würden. In der That, wir sind über die Maassen unfreiwillig

spasshaft, mit unsren modernen "Tugenden"... Die Abnahme der

feindseligen und misstrauenweckenden Instinkte - und das wäre ja unser

"Fortschritt" - stellt nur eine der Folgen in der allgemeinen Abnahme

der Vitalität dar: es kostet hundert Mal mehr Mühe, mehr Vorsicht,

ein so bedingtes, so spätes Dasein durchzusetzen. Da hilft man sich

gegenseitig, da ist Jeder bis zu einem gewissen Grade Kranker und

Jeder Krankenwärter. Das heisst dann "Tugend" -: unter Menschen,

die das Leben noch anders kannten, voller, verschwenderischer,

überströmender, hätte man's anders genannt, "Feigheit" vielleicht,

"Erbärmlichkeit", "Altweiber-Moral"... Unsre Milderung der Sitten -

das ist mein Satz, das ist, wenn man will, meine Neuerung - ist eine

Folge des Niedergangs; die Härte und Schrecklichkeit der Sitte kann

umgekehrt eine Folge des Überschusses von Leben sein: dann nämlich

darf auch Viel gewagt, Viel herausgefordert, Viel auch vergeudet

werden. Was Würze ehedem des Lebens war, für uns wäre es Gift...

Indifferent zu sein - auch das ist eine Form der Stärke - dazu sind

wir gleichfalls zu alt, zu spät: unsre Mitgefühls-Moral, vor der

ich als der Erste gewarnt habe, Das, was man l'impressionisme

morale nennen könnte, ist ein Ausdruck mehr der physiologischen

Überreizbarkeit, die Allem, was décadent ist, eignet. Jene Bewegung,

die mit der Mitleids-Moral Schopenhauer's versucht hat, sich

wissenschaftlich vorzuführen - ein sehr unglücklicher Versuch! - ist

die eigentliche décadence-Bewegung in der Moral, sie ist als solche

tief verwandt mit der christlichen Moral. Die starken Zeiten, die

vornehmen Culturen sehen im Mitleiden, in der "Nächstenliebe", im

Mangel an Selbst und Selbstgefühl etwas Verächtliches. - Die Zeiten

sind zu messen nach ihren positiven Kräften - und dabei ergiebt sich

jene so verschwenderische und verhängnissreiche Zeit der Renaissance

als die letzte grosse Zeit, und wir, wir Modernen mit unsrer

ängstlichen Selbst-Fürsorge und Nächstenliebe, mit unsren Tugenden

der Arbeit, der Anspruchslosigkeit, der Rechtlichkeit, der

Wissenschaftlichkeit - sammelnd, ökonomisch, machinal - als eine

schwache Zeit... Unsre Tugenden sind bedingt, sind herausgefordert

durch unsre Schwäche... Die "Gleichheit", eine gewisse thatsächliche

Anähnlichung, die sich in der Theorie von "gleichen Rechten" nur zum

Ausdruck bringt, gehört wesentlich zum Niedergang: die Kluft zwischen

Mensch und Mensch, Stand und Stand, die Vielheit der Typen, der Wille,

selbst zu sein, sich abzuheben, Das, was ich Pathos der Distanz nenne,

ist jeder starken Zeit zu eigen. Die Spannkraft, die Spannweite

zwischen den Extremen wird heute immer kleiner, - die Extreme selbst

verwischen sich endlich bis zur Ähnlichkeit... Alle unsre politischen

Theorien und Staats-Verfassungen, das "deutsche Reich" durchaus nicht

ausgenommen, sind Folgerungen, Folge-Nothwendigkeiten des Niedergangs;

die unbewusste Wirkung der décadence ist bis in die Ideale einzelner

Wissenschaften hinein Herr geworden. Mein Einwand gegen die ganze

Sociologie in England und Frankreich bleibt, dass sie nur die

Verfalls-Gebilde der Societät aus Erfahrung kennt und vollkommen

unschuldig die eigenen Verfalls-Instinkte als Norm des sociologischen

Werthurteils nimmt. Das niedergehende Leben, die Abnahme aller

organisirenden, das heisst trennenden, Klüfte aufreissenden, unter-

und überordnenden Kraft formulirt sich in der Sociologie von heute

zum Ideal... Unsre Socialisten sind décadents, aber auch Herr Herbert

Spencer ist ein décadent, - er sieht im Sieg des Altruismus etwas

Wünschenswerthes!...

38.

Mein Begriff von Freiheit. - Der Werth einer Sache liegt mitunter

nicht in dem, was man mit ihr erreicht, sondern in dem, was man

für sie bezahlt, - was sie uns kostet. Ich gebe ein Beispiel. Die

liberalen Institutionen hören alsbald auf, liberal zu sein, sobald

sie erreicht sind: es giebt später keine ärgeren und gründlicheren

Schädiger der Freiheit, als liberale Institutionen. Man weiss ja, was

sie zu Wege bringen: sie unterminiren den Willen zur Macht, sie sind

die zur Moral erhobene Nivellirung von Berg und Tal, sie machen

klein, feige und genüsslich, - mit ihnen triumphirt jedesmal das

Heerdenthier. Liberalismus: auf deutsch Heerden-Verthierung...

Dieselben Institutionen bringen, so lange sie noch erkämpft werden,

ganz andere Wirkungen hervor; sie fördern dann in der That die

Freiheit auf eine mächtige Weise. Genauer zugesehn, ist es der Krieg,

der diese Wirkungen hervorbringt, der Krieg um liberale Institutionen,

der als Krieg die illiberalen Instinkte dauern lässt. Und der Krieg

erzieht zur Freiheit. Denn was ist Freiheit! Dass man den Willen zur

Selbstverantwortlichkeit hat. Dass man die Distanz, die uns abtrennt,

festhält. Dass man gegen Mühsal, Härte, Entbehrung, selbst gegen das

Leben gleichgültiger wird. Dass man bereit ist, seiner Sache Menschen

zu opfern, sich selber nicht abgerechnet. Freiheit bedeutet, dass

die männlichen, die kriegs- und siegsfrohen Instinkte die Herrschaft

haben über andre Instinkte, zum Beispiel über die des "Glücks". Der

freigewordne Mensch, um wie viel mehr der freigewordne Geist, tritt

mit Füssen auf die verächtliche Art von Wohlbefinden, von dem Krämer,

Christen, Kühe, Weiber, Engländer und andre Demokraten träumen. Der

freie Mensch ist Krieger. - Wonach misst sich die Freiheit, bei

Einzelnen, wie bei Völkern? Nach dem Widerstand, der überwunden werden

muss, nach der Mühe, die es kostet, oben zu bleiben. Den höchsten

Typus freier Menschen hätte man dort zu suchen, wo beständig der

höchste Widerstand überwunden wird: fünf Schritt weit von der

Tyrannei, dicht an der Schwelle der Gefahr der Knechtschaft. Dies ist

psychologisch wahr, wenn man hier unter den "Tyrannen" unerbittliche

und furchtbare Instinkte begreift, die das Maximum von Autorität und

Zucht gegen sich herausfordern - schönster Typus Julius Caesar -;

dies ist auch politisch wahr, man mache nur seinen Gang durch die

Geschichte. Die Völker, die Etwas werth waren, werth wurden, wurden

dies nie unter liberalen Institutionen: die grosse Gefahr machte

Etwas aus ihnen, das Ehrfurcht verdient, die Gefahr, die uns unsre

Hülfsmittel, unsre Tugenden, unsre Wehr und Waffen, unsern Geist erst

kennen lehrt, - die uns zwingt, stark zu sein... Erster Grundsatz:

man muss es nöthig haben, stark zu sein: sonst wird man's nie. - Jene

grossen Treibhäuser für starke, für die stärkste Art Mensch, die es

bisher gegeben hat, die aristokratischen Gemeinwesen in der Art von

Rom und Venedig verstanden Freiheit genau in dem Sinne, wie ich das

Wort Freiheit verstehe: als Etwas, das man hat und nicht hat, das man

will, das man erobert...

39.

Kritik der Modernität. - Unsre Institutionen taugen nichts mehr:

darüber ist man einmüthig. Aber das liegt nicht an ihnen, sondern an

uns. Nachdem uns alle Instinkte abhanden gekommen sind, aus denen

Institutionen wachsen, kommen uns Institutionen überhaupt abhanden,

weil wir nicht mehr zu ihnen taugen. Demokratismus war jeder Zeit

die Niedergangs-Form der organisirenden Kraft: ich habe schon in

"Menschliches, Allzumenschliches" 1, 318 die moderne Demokratie sammt

ihren Halbheiten, wie "deutsches Reich", als Verfallsform des Staats

gekennzeichnet. Damit es Institutionen giebt, muss es eine Art Wille,

Instinkt, Imperativ geben, antiliberal bis zur Bosheit: den Willen

zur Tradition, zur Autorität, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte

hinaus, zur Solidarität von Geschlechter-Ketten vorwärts und rückwärts

in infinitum. Ist dieser Wille da, so gründet sich Etwas wie das

imperium Romanum: oder wie Russland, die einzige Macht, die heute

Dauer im Leibe hat, die warten kann, die Etwas noch versprechen kann,

- Russland der Gegensatz-Begriff zu der erbärmlichen europäischen

Kleinstaaterei und Nervosität, die mit der Gründung des deutschen

Reichs in einen kritischen Zustand eingetreten ist... Der ganze Westen

hat jene Instinkte nicht mehr, aus denen Institutionen wachsen, aus

denen Zukunft wächst: seinem "modernen Geiste" geht vielleicht Nichts

so sehr wider den Strich. Man lebt für heute, man lebt sehr geschwind,

- man lebt sehr unverantwortlich: dies gerade nennt man "Freiheit".

Was aus Institutionen Institutionen macht, wird verachtet, gehasst,

abgelehnt: man glaubt sich in der Gefahr einer neuen Sklaverei, wo das

Wort "Autorität" auch nur laut wird. So weit geht die décadence im

Werth-Instinkte unsrer Politiker, unsrer politischen Parteien: sie

ziehn instinktiv vor, was auflöst, was das Ende beschleunigt...

Zeugniss die moderne Ehe. Aus der modernen Ehe ist ersichtlich alle

Vernunft abhanden gekommen: das giebt aber keinen Einwand gegen die

Ehe ab, sondern gegen die Modernität. Die Vernunft der Ehe - sie lag

in der juristischen Alleinverantwortlichkeit des Mannes: damit hatte

die Ehe Schwergewicht, während sie heute auf beiden Beinen hinkt. Die

Vernunft der Ehe - sie lag in ihrer principiellen Unlösbarkeit: damit

bekam sie einen Accent, der, dem Zufall von Gefühl, Leidenschaft

und Augenblick gegenüber, sich Gehör zu schaffen wusste. Sie lag

insgleichen in der Verantwortlichkeit der Familien für die Auswahl

der Gatten. Man hat mit der wachsenden Indulgenz zu Gunsten der

Liebes-Heirath geradezu die Grundlage der Ehe, Das, was erst aus ihr

eine Institution macht, eliminirt. Man gründet eine Institution nie

und nimmermehr auf eine Idiosynkrasie, man gründet die Ehe nicht, wie

gesagt, auf die "Liebe", - man gründet sie auf den Geschlechtstrieb,

auf den Eigenthumstrieb (Weib und Kind als Eigenthum), auf den

Herrschafts-Trieb, der sich beständig das kleinste Gebilde der

Herrschaft, die Familie, organisirt, der Kinder und Erben braucht, um

ein erreichtes Maass von Macht, Einfluss, Reichthum auch physiologisch

festzuhalten, um lange Aufgaben, um Instinkt-Solidarität zwischen

Jahrhunderten vorzubereiten. Die Ehe als Institution begreift bereits

die Bejahung der grössten, der dauerhaftesten Organisationsform in

sich: wenn die Gesellschaft selbst nicht als Ganzes für sich gutsagen

kann bis in die fernsten Geschlechter hinaus, so hat die Ehe überhaupt

keinen Sinn. - Die moderne Ehe verlor ihren Sinn, - folglich schafft

man sie ab. -

40.

Die Arbeiter-Frage. - Die Dummheit, im Grunde die Instinkt-Entartung,

welche heute die Ursache aller Dummheiten ist, liegt darin, dass es

eine Arbeiter-Frage giebt. Über gewisse Dinge fragt man nicht: erster

Imperativ des Instinktes. - Ich sehe durchaus nicht ab, was man mit

dem europäischen Arbeiter machen will, nachdem man erst eine Frage aus

ihm gemacht hat. Er befindet sich viel zu gut, um nicht Schritt für

Schritt mehr zu fragen, unbescheidner zu fragen. Er hat zuletzt die

grosse Zahl für sich. Die Hoffnung ist vollkommen vorüber, dass hier

sich eine bescheidene und selbstgenügsame Art Mensch, ein Typus

Chinese zum Stande herausbilde: und dies hätte Vernunft gehabt, dies

wäre geradezu eine Nothwendigkeit gewesen. Was hat man gethan? -

Alles, um auch die Voraussetzung dazu im Keime zu vernichten, - man

hat die Instinkte, vermöge deren ein Arbeiter als Stand möglich, sich

selber möglich wird, durch die unverantwortlichste Gedankenlosigkeit

in Grund und Boden zerstört. Man hat den Arbeiter militärtüchtig

gemacht, man hat ihm das Coalitions-Recht, das politische Stimmrecht

gegeben: was Wunder, wenn der Arbeiter seine Existenz heute bereits

als Nothstand (moralisch ausgedrückt als Unrecht -) empfindet? Aber

was will man? nochmals gefragt. Will man einen Zweck, muss man auch

die Mittel wollen: will man Sklaven, so ist man ein Narr, wenn man sie

zu Herrn erzieht. -

41.

"Freiheit, die ich nicht meine..." In solchen Zeiten, wie heute,

seinen Instinkten überlassen sein, ist ein Verhängniss mehr.

Diese Instinkte widersprechen, stören sich, zerstören sich unter

einander; ich definirte das Moderne bereits als den physiologischen

Selbst-Widerspruch. Die Vernunft der Erziehung würde wollen, dass

unter einem eisernen Drucke wenigstens Eins dieser Instinkt-Systeme

paralysirt würde, um einem andren zu erlauben, zu Kräften zu kommen,

stark zu werden, Herr zu werden. Heute müsste man das Individuum erst

möglich machen, indem man dasselbe beschneidet: möglich, das heisst

ganz... Das Umgekehrte geschieht: der Anspruch auf Unabhängigkeit,

auf freie Entwicklung, auf laisser aller wird gerade von Denen am

hitzigsten gemacht, für die kein Zügel zu streng wäre - dies gilt

in politicis, dies gilt in der Kunst. Aber das ist ein Symptom der

décadence: unser moderner Begriff "Freiheit" ist ein Beweis von

Instinkt-Entartung mehr. -

42.

Wo Glaube noth thut. - Nichts ist seltner unter Moralisten und

Heiligen als Rechtschaffenheit; vielleicht sagen sie das Gegentheil,

vielleicht glauben sie es selbst. Wenn nämlich ein Glaube nützlicher,

wirkungsvoller, überzeugender ist, als die bewusste Heuchelei, so

wird, aus Instinkt, die Heuchelei alsbald zur Unschuld: erster Satz

zum Verständniss grosser Heiliger. Auch bei den Philosophen, einer

andren Art von Heiligen, bringt es das ganze Handwerk mit sich, dass

sie nur gewisse Wahrheiten zulassen: nämlich solche, auf die hin ihr

Handwerk die öffentliche Sanktion hat, - Kantisch geredet, Wahrheiten

der praktischen Vernunft. Sie wissen, was sie beweisen müssen, darin

sind sie praktisch, - sie erkennen sich unter einander daran, dass sie

über "die Wahrheiten" übereinstimmen. - "Du sollst nicht lügen" - auf

deutsch: hüten Sie sich, mein Herr Philosoph, die Wahrheit zu sagen...

43.

Den Conservativen in's Ohr gesagt. - Was man früher nicht wusste, was

man heute weiss, wissen könnte -, eine Rückbildung, eine Umkehr in

irgend welchem Sinn und Grade ist gar nicht möglich. Wir Physiologen

wenigstens wissen das. Aber alle Priester und Moralisten haben

daran geglaubt, - sie wollten die Menschheit auf ein früheres

Maass von Tugend zurückbringen, zurückschrauben. Moral war immer

ein Prokrustes-Bett. Selbst die Politiker haben es darin den

Tugendpredigern nachgemacht: es giebt auch heute noch Parteien, die

als Ziel den Krebsgang aller Dinge träumen. Aber es steht Niemandem

frei, Krebs zu sein. Es hilft nichts: man muss vorwärts, will sagen

Schritt für Schritt weiter in der décadence (- dies meine Definition

des modernen "Fortschritts"... ). Man kann diese Entwicklung hemmen

und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen, aufsammeln,

vehementer und plötzlicher machen: mehr kann man nicht. -

44.

Mein Begriff vom Genie. - Grosse Männer sind wie grosse Zeiten

Explosiv-Stoffe, in denen eine ungeheure Kraft aufgehäuft ist; ihre

Voraussetzung ist immer, historisch und physiologisch, dass lange auf

sie hin gesammelt, gehäuft, gespart und bewahrt worden ist, - dass

lange keine Explosion stattfand. Ist die Spannung in der Masse zu

gross geworden, so genügt der zufälligste Reiz, das "Genie", die

"That", das grosse Schicksal in die Welt zu rufen. Was liegt dann an

Umgebung, an Zeitalter, an "Zeitgeist", an "öffentlicher Meinung"!

- Man nehme den Fall Napoleon's. Das Frankreich der Revolution, und

noch mehr das der Vorrevolution, würde aus sich den entgegengesetzten

Typus, als der Napoleon's ist, hervorgebracht haben: es hat ihn auch

hervorgebracht. Und weil Napoleon anders war, Erbe einer stärkeren,

längeren, älteren Civilisation als die, welche in Frankreich in Dampf

und Stücke gieng, wurde er hier Herr, war er allein hier Herr. Die

grossen Menschen sind nothwendig, die Zeit, in der sie erscheinen, ist

zufällig; dass sie fast immer über dieselbe Herr werden, liegt nur

darin, dass sie stärker, dass sie älter sind, dass länger auf sie hin

gesammelt worden ist. Zwischen einem Genie und seiner Zeit besteht ein

Verhältniss, wie zwischen stark und schwach, auch wie zwischen alt

und jung: die Zeit ist relativ immer viel jünger, dünner, unmündiger,

unsicherer, kindischer. - Dass man hierüber in Frankreich heute sehr

anders denkt (in Deutschland auch: aber daran liegt nichts), dass dort

die Theorie vom milieu, eine wahre Neurotiker-Theorie, sakrosankt und

beinahe wissenschaftlich geworden ist und bis unter die Physiologen

Glauben findet, das "riecht nicht gut", das macht Einem traurige

Gedanken. - Man versteht es auch in England nicht anders, doch darüber

wird sich kein Mensch betrüben. Dem Engländer stehen nur zwei Wege

offen, sich mit dem Genie und "grossen Manne" abzufinden: entweder

demokratisch in der Art Buckle's oder religiös in der Art Carlyle's.

- Die Gefahr, die in grossen Menschen und Zeiten liegt, ist ausser

ordentlich; die Erschöpfung jeder Art, die Sterilität folgt ihnen

auf dem Fusse. Der grosse Mensch ist ein Ende; die grosse Zeit, die

Renaissance zum Beispiel, ist ein Ende. Das Genie - in Werk, in That

- ist nothwendig ein Verschwender: dass es sich ausgiebt, ist seine

Grösse... Der Instinkt der Selbsterhaltung ist gleichsam ausgehängt;

der übergewaltige Druck der ausströmenden Kräfte verbietet ihm jede

solche Obhut und Vorsicht. Man nennt das "Aufopferung"; man rühmt

seinen "Heroismus" darin, seine Gleichgültigkeit gegen das eigne Wohl,

seine Hingebung für eine Idee, eine grosse Sache, ein Vaterland: Alles

Missverständnisse... Er strömt aus, er strömt über, er verbraucht

sich, er schont sich nicht, - mit Fatalität, verhängnissvoll,

unfreiwillig, wie das Ausbrechen eines Flusses über seine Ufer

unfreiwillig ist. Aber weil man solchen Explosiven viel verdankt, hat

man ihnen auch viel dagegen geschenkt, zum Beispiel eine Art höherer

Moral... Das ist ja die Art der menschlichen Dankbarkeit: sie

missversteht ihre Wohlthäter.-

45.

Der Verbrecher und was ihm verwandt ist. - Der Verbrecher-Typus, das

ist der Typus des starken Menschen unter ungünstigen Bedingungen, ein

krank gemachter starker Mensch. Ihm fehlt die Wildniss, eine gewisse

freiere und gefährlichere Natur und Daseinsform, in der Alles, was

Waffe und Wehr im Instinkt des starken Menschen ist, zu Recht besteht.

Seine Tugenden sind von der Gesellschaft in Bann gethan; seine

lebhaftesten Triebe, die er mitgebracht hat, verwachsen alsbald mit

den niederdrückenden Affekten, mit dem Verdacht, der Furcht, der

Unehre. Aber dies ist beinahe das Recept zur physiologischen

Entartung. Wer Das, was er am besten kann, am liebsten thäte, heimlich

thun muss, mit langer Spannung, Vorsicht, Schlauheit, wird anämisch;

und weil er immer nur Gefahr, Verfolgung, Verhängniss von seinen

Instinkten her erntet, verkehrt sich auch sein Gefühl gegen diese

Instinkte - er fühlt sie fatalistisch. Die Gesellschaft ist es,

unsre zahme, mittelmässige, verschnittene Gesellschaft, in der ein

naturwüchsiger Mensch, der vom Gebirge her oder aus den Abenteuern

des Meeres kommt, nothwendig zum Verbrecher entartet. Oder beinahe

nothwendig: denn es giebt Fälle, wo ein solcher Mensch sich stärker

erweist als die Gesellschaft: der Corse Napoleon ist der berühmteste

Fall. Für das Problem, das hier vorliegt, ist das Zeugniss

Dostoiewsky's von Belang - Dostoiewsky's, des einzigen Psychologen,

anbei gesagt, von dem ich Etwas zu lernen hatte: er gehört zu den

schönsten Glücksfällen meines Lebens, mehr selbst noch als die

Entdeckung Stendhal's. Dieser tiefe Mensch, der zehn Mal Recht hatte,

die oberflächlichen Deutschen gering zu schätzen, hat die sibirischen

Zuchthäusler, in deren Mitte er lange lebte, lauter schwere

Verbrecher, für die es keinen Rückweg zur Gesellschaft mehr gab,

sehr anders empfunden als er selbst erwartete - ungefähr als aus

dem besten, härtesten und werthvollsten Holze geschnitzt, das auf

russischer Erde überhaupt wächst. Verallgemeinern wir den Fall des

Verbrechers: denken wir uns Naturen, denen, aus irgend einem Grunde,

die öffentliche Zustimmung fehlt, die wissen, dass sie nicht als

wohlthätig, als nützlich empfunden werden, - jenes Tschandala-Gefühl,

dass man nicht als gleich gilt, sondern als ausgestossen, unwürdig,

verunreinigend. Alle solche Naturen haben die Farbe des Unterirdischen

auf Gedanken und Handlungen; an ihnen wird Jegliches bleicher als

an Solchen, auf deren Dasein das Tageslicht ruht. Aber fast alle

Existenzformen, die wir heute auszeichnen, haben ehemals unter dieser

halben Grabesluft gelebt: der wissenschaftliche Charakter, der Artist,

das Genie, der freie Geist, der Schauspieler, der Kaufmann, der grosse

Entdecker... So lange der Priester als oberster Typus galt, war jede

werthvolle Art Mensch entwerthet... Die Zeit kommt - ich verspreche

das - wo er als der niedrigste gelten wird, als unser Tschandala, als

die verlogenste, als die unanständigste Art Mensch... Ich richte die

Aufmerksamkeit darauf, wie noch jetzt, unter dem mildesten Regiment

der Sitte, das je auf Erden, zum Mindesten in Europa, geherrscht

hat, jede Abseitigkeit, jedes lange, allzulange Unterhalb, jede

ungewöhnliche, undurchsichtige Daseinsform jenem Typus nahe bringt,

den der Verbrecher vollendet. Alle Neuerer des Geistes haben eine Zeit

das fahle und fatalistische Zeichen des Tschandala auf der Stirn:

nicht, weil sie so empfunden würden, sondern weil sie selbst die

furchtbare Kluft fühlen, die sie von allem Herkömmlichen und in Ehren

Stehenden trennt. Fast jedes Genie kennt als eine seiner Entwicklungen

die "catilinarische Existenz", ein Hass-, Rache- und Aufstands-Gefühl

gegen Alles, was schon ist, was nicht mehr wird... Catilina - die

Präexistenz-Form jedes Caesar. -

46.

Hier ist die Aussicht frei. - Es kann Höhe der Seele sein, wenn ein

Philosoph schweigt; es kann Liebe sein, wenn er sich widerspricht; es

ist eine Höflichkeit des Erkennenden möglich, welche lügt. Man hat

nicht ohne Feinheit gesagt: il est indigne des grands coeurs de

répandre le trouble, qu'ils ressentent: nur muss man hinzufügen, dass

vor dem Unwürdigsten sich nicht zu fürchten ebenfalls Grösse der Seele

sein kann. Ein Weib, das liebt, opfert seine Ehre; ein Erkennender,

welcher "liebt", opfert vielleicht seine Menschlichkeit; ein Gott,

welcher liebte, ward Jude...

47.

Die Schönheit kein Zufall. - Auch die Schönheit einer Rasse oder

Familie, ihre Anmuth und Güte in allen Gebärden wird erarbeitet: sie

ist, gleich dem Genie, das Schlussergebniss der accumulirten Arbeit

von Geschlechtern. Man muss dem guten Geschmacke grosse Opfer gebracht

haben, man muss um seinetwillen Vieles gethan, Vieles gelassen haben

- das siebzehnte Jahrhundert Frankreichs ist bewunderungswürdig in

Beidem -, man muss in ihm ein Princip der Wahl, für Gesellschaft, Ort,

Kleidung, Geschlechtsbefriedigung gehabt haben, man muss Schönheit dem

Vortheil, der Gewohnheit, der Meinung, der Trägheit vorgezogen haben.

Oberste Richtschnur: man muss sich auch vor sich selber nicht "gehen

lassen". - Die guten Dinge sind über die Maassen kostspielig: und

immer gilt das Gesetz, dass wer sie hat, ein Andrer ist, als wer

sie erwirbt. Alles Gute ist Erbschaft: was nicht ererbt ist, ist

unvollkommen, ist Anfang... In Athen waren zur Zeit Cicero's, der

darüber seine Überraschung ausdrückt, die Männer und Jünglinge bei

weitem den Frauen an Schönheit überlegen: aber welche Arbeit und

Anstrengung im Dienste der Schönheit hatte daselbst das männliche

Geschlecht seit Jahrhunderten von sich verlangt! - Man soll sich

nämlich über die Methodik hier nicht vergreifen: eine blosse Zucht

von Gefühlen und Gedanken ist beinahe Null (- hier liegt das grosse

Missverständniss der deutschen Bildung, die ganz illusorisch ist):

man muss den Leib zuerst überreden. Die strenge Aufrechterhaltung

bedeutender und gewählter Gebärden, eine Verbindlichkeit, nur mit

Menschen zu leben, die sich nicht "gehen lassen", genügt vollkommen,

um bedeutend und gewählt zu werden: in zwei, drei Geschlechtern ist

bereits Alles verinnerlicht. Es ist entscheidend über das Loos von

Volk und Menschheit, dass man die Cultur an der rechten Stelle beginnt

- nicht an der "Seele" (wie es der verhängnissvolle Aberglaube der

Priester und Halb-Priester war): die rechte Stelle ist der Leib, die

Gebärde, die Diät, die Physiologie, der Rest folgt daraus... Die

Griechen bleiben deshalb das erste Cultur-Ereigniss der Geschichte -

sie wussten, sie thaten, was Noth that; das Christenthum, das den Leib

verachtete, war bisher das grösste Unglück der Menschheit. -

48.

Fortschritt in meinem Sinne. - Auch ich rede von "Rückkehr zur Natur",

obwohl es eigentlich nicht ein Zurückgehn, sondern ein Hinaufkommen

ist - hinauf in die hohe, freie, selbst furchtbare Natur und

Natürlichkeit, eine solche, die mit grossen Aufgaben spielt, spielen

darf .. Um es im Gleichniss zu sagen: Napoleon war ein Stück "Rückkehr

zur Natur", so wie ich sie verstehe (zum Beispiel in rebus tacticis,

noch mehr, wie die Militärs wissen, im Strategischen). - Aber Rousseau

- wohin wollte der eigentlich zurück? Rousseau, dieser erste moderne

Mensch, Idealist und canaille in Einer Person; der die moralische

"Würde" nöthig hatte, um seinen eignen Aspekt auszuhalten; krank vor

zügelloser Eitelkeit und zügelloser Selbstverachtung. Auch diese

Missgeburt, welche sich an die Schwelle der neuen Zeit gelagert hat,

wollte "Rückkehr zur Natur" - wohin, nochmals gefragt, wollte Rousseau

zurück? - Ich hasse Rousseau noch in der Revolution: sie ist der

welthistorische Ausdruck für diese Doppelheit von Idealist und

canaille. Die blutige farce, mit der sich diese Revolution abspielte,

ihre "Immoralität", geht mich wenig an: was ich hasse, ist ihre

Rousseau'sche Moralität - die sogenannten "Wahrheiten" der Revolution,

mit denen sie immer noch wirkt und alles Flache und Mittelmässige zu

sich überredet. Die Lehre von der Gleichheit!... Aber es giebt gar

kein giftigeres Gift: denn sie scheint von der Gerechtigkeit selbst

gepredigt, während sie das Ende der Gerechtigkeit ist... "Den Gleichen

Gleiches, den Ungleichen Ungleiches - das wäre die wahre Rede der

Gerechtigkeit: und, was daraus folgt, Ungleiches niemals gleich

machen." - Dass es um jene Lehre von der Gleichheit herum so

schauerlich und blutig zu gieng, hat dieser "modernen Idee" par

excellence eine Art Glorie und Feuerschein gegeben, so dass die

Revolution als Schauspiel auch die edelsten Geister verführt hat. Das

ist zuletzt kein Grund, sie mehr zu achten. - Ich sehe nur Einen, der

sie empfand, wie sie empfunden werden muss, mit Ekel - Goethe...

49.

Goethe - kein deutsches Ereigniss, sondern ein europäisches: ein

grossartiger Versuch, das achtzehnte Jahrhundert zu überwinden durch

eine Rückkehr zur Natur, durch ein Hinaufkommen zur Natürlichkeit

der Renaissance, eine Art Selbstüberwindung von Seiten dieses

Jahrhunderts. - Er trug dessen stärkste Instinkte in sich: die

Gefühlsamkeit, die Natur-Idolatrie, das Antihistorische, das

Idealistische, das Unreale und Revolutionäre (- letzteres ist nur

eine Form des Unrealen). Er nahm die Historie, die Naturwissenschaft,

die Antike, insgleichen Spinoza zu Hülfe, vor Allem die praktische

Thätigkeit; er umstellte sich mit lauter geschlossenen Horizonten; er

löste sich nicht vom Leben ab, er stellte sich hinein; er war nicht

verzagt und nahm so viel als möglich auf sich, über sich, in sich.

Was er Wollte, das war Totalität; er bekämpfte das Auseinander

von Vernunft, Sinnlichkeit, Gefühl, Wille (- in abschreckendster

Scholastik durch Kant gepredigt, den Antipoden Goethe's), er

disciplinirte sich zur Ganzheit, er schuf sich... Goethe war, inmitten

eines unreal gesinnten Zeitalters, ein überzeugter Realist: er sagte

ja zu Allem, was ihm hierin verwandt war, - er hatte kein grösseres

Erlebniss als jenes ens realissimum, genannt Napoleon. Goethe

concipirte einen starken, hochgebildeten, in aller Leiblichkeiten

geschickten, sich selbst im Zaume habenden, vor sich selber

ehrfürchtigen Menschen, der sich den ganzen Umfang und Reichthum der

Natürlichkeit zu gönnen wagen darf, der stark genug zu dieser Freiheit

ist; den Menschen der Toleranz, nicht aus Schwäche, sondern aus

Stärke, weil er Das, woran die durchschnittliche Natur zu Grunde gehn

würde, noch zu seinem Vortheile zu brauchen weiss; den Menschen, für

den es nichts Verbotenes mehr giebt, es sei denn die Schwäche, heisse

sie nun Laster oder Tugend... Ein solcher freigewordner Geist steht

mit einem freudigen und vertrauenden Fatalismus mitten im All, im

Glauben, dass nur das Einzelne verwerflich ist, dass im Ganzen sich

Alles erlöst und bejaht - er verneint nicht mehr... Aber ein solcher

Glaube ist der höchste aller möglichen Glauben: ich habe ihn auf den

Namen des Dionysos getauft. -

50.

Man könnte sagen, dass in gewissem Sinne das neunzehnte Jahrhundert

Das alles auch erstrebt hat, was Goethe als Person erstrebte:

eine Universalität im Verstehn, im Gutheissen, ein

Ansich-heran-kommen-lassen von Jedwedem, einen verwegnen Realismus,

eine Ehrfurcht vor allem Thatsächlichen. Wie kommt es, dass

das Gesammt-Ergebniss kein Goethe, sondern ein Chaos ist, ein

nihilistisches Seufzen, ein Nicht-wissen-wo-aus-noch-ein, ein Instinkt

von Ermüdung, der in praxi fortwährend dazu treibt, zum achtzehnten

Jahrhundert zurückzugreifen? (- zum Beispiel als Gefühls-Romantik, als

Altruismus und Hyper-Sentimentalität, als Femininismus im Geschmack,

als Socialismus in der Politik.) Ist nicht das neunzehnte Jahrhundert,

zumal in seinem Ausgange, bloss ein verstärktes verrohtes achtzehntes

Jahrhundert, das heisst ein décadence-Jahrhundert? So dass Goethe

nicht bloss für Deutschland, sondern für ganz Europa bloss ein

Zwischenfall, ein schönes Umsonst gewesen wäre? - Aber man

missversteht grosse Menschen, wenn man sie aus der armseligen

Perspektive eines öffentlichen Nutzens ansieht. Dass man keinen Nutzen

aus ihnen zu ziehn weiss, das gehört selbst vielleicht zur Grösse...

51.

Goethe ist der letzte Deutsche, vor dem ich Ehrfurcht habe: er hätte

drei Dinge empfunden, die ich empfinde, - auch verstehen wir uns über

das "Kreuz"... Man fragt mich öfter, wozu ich eigentlich deutsch

schriebe: nirgendswo würde ich schlechter gelesen, als im Vaterlande.

Aber wer weiss zuletzt, ob ich auch nur wünsche, heute gelesen zu

werden? - Dinge schaffen, an denen umsonst die Zeit ihre Zähne

versucht; der Form nach, der Substanz nach um eine kleine

Unsterblichkeit bemüht sein - ich war noch nie bescheiden genug,

weniger von mir zu verlangen. Der Aphorismus, die Sentenz, in denen

ich als der Erste unter Deutschen Meister bin, sind die Formen der

"Ewigkeit"; mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sagen, was jeder Andre

in einem Buche sagt, - was jeder Andre in einem Buche nicht sagt...

Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt,

meinen Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste. -

Was ich den Alten verdanke.

1.

Zum Schluss ein Wort über jene Welt, zu der ich Zugänge gesucht, zu

der ich vielleicht einen neuen Zugang gefunden habe - die alte Welt.

Mein Geschmack, der der Gegensatz eines duldsamen Geschmacks sein mag,

ist auch hier fern davon, in Bausch und Bogen ja zu sagen: er sagt

überhaupt nicht gern ja, lieber noch Nein, am allerliebsten gar

nichts... Das gilt von ganzen Culturen, das gilt von Büchern, - es

gilt auch von Orten und Landschaften. Im Grunde ist es eine ganz

kleine Anzahl antiker Bücher, die in meinem Leben mitzählen; die

berühmtesten sind nicht darunter. Mein Sinn für Stil, für das Epigramm

als Stil erwachte fast augenblicklich bei der Berührung mit Sallust.

Ich habe das Erstaunen meines verehrten Lehrers Corssen nicht

vergessen, als er seinem schlechtesten Lateiner die allererste Censur

geben musste -, ich war mit Einem Schlage fertig. Gedrängt, streng,

mit so viel Substanz als möglich auf dem Grunde, eine kalte Bosheit

gegen das "schöne Wort", auch das "schöne Gefühl" - daran errieth ich

mich. Man wird, bis in meinen Zarathustra hinein, eine sehr ernsthafte

Ambition nach römischem Stil, nach dem "aere perennius" im Stil bei

mir wiedererkennen. - Nicht anders ergieng es mir bei der ersten

Berührung mit Horaz. Bis heute habe ich an keinem Dichter dasselbe

artistische Entzücken gehabt, das mir von Anfang an eine Horazische

Ode gab. In gewissen Sprachen ist Das, was hier erreicht ist, nicht

einmal zu wollen. Dies Mosaik von Worten, wo jedes Wort als Klang, als

Ort, als Begriff, nach rechts und links und über das Ganze hin seine

Kraft ausströmt, dies minimum in Umfang und Zahl der Zeichen, dies

damit erzielte maximum in der Energie der Zeichen - das Alles ist

römisch und, wenn man mir glauben will, vornehm par excellence. Der

ganze Rest von Poesie wird dagegen etwas zu Populäres, - eine blosse

Gefühls-Geschwätzigkeit...

2.

Den Griechen verdanke ich durchaus keine verwandt starken Eindrücke;

und, um es geradezu herauszusagen, sie können uns nicht sein, was die

Römer sind. Man lernt nicht von den Griechen - ihre Art ist zu fremd,

sie ist auch zu flüssig, um imperativisch, um "klassisch" zu wirken.

Wer hätte je an einem Griechen schreiben gelernt! Wer hätte es je ohne

die Römer gelernt!... Man wende mir ja nicht Plato ein. Im Verhältniss

zu Plato bin ich ein gründlicher Skeptiker und war stets ausser

Stande, in die Bewunderung des Artisten Plato, die unter Gelehrten

herkömmlich ist, einzustimmen. Zuletzt habe ich hier die

raffinirtesten Geschmacksrichter unter den Alten selbst auf

meiner Seite. Plato wirft, wie mir scheint, alle Formen des Stils

durcheinander, er ist damit ein erster décadent des Stils: er hat

etwas Ähnliches auf dem Gewissen, wie die Cyniker, die die satura

Menippea erfanden. Dass der Platonische Dialog, diese entsetzlich

selbstgefällige und kindliche Art Dialektik, als Reiz wirken könne,

dazu muss man nie gute Franzosen gelesen haben, - Fontenelle zum

Beispiel. Plato ist langweilig. - Zuletzt geht mein Misstrauen

bei Plato in die Tiefe: ich finde ihn so abgeirrt von

allen Grundinstinkten der Hellenen, so vermoralisirt, so

präexistent-christlich - er hat bereits den Begriff "gut" als obersten

Begriff -, dass ich von dem ganzen Phänomen Plato eher das harte Wort

"höherer Schwindel" oder, wenn man's lieber hört, Idealismus - als

irgend ein andres gebrauchen möchte. Man hat theuer dafür bezahlt,

dass dieser Athener bei den Ägyptern in die Schule gieng (- oder bei

den Juden in Agypten?...) Im grossen Verhängniss des Christenthums

ist Plato jene "Ideal" genannte Zweideutigkeit und Fascination, die

den edleren Naturen des Alterthums es möglich machte, sich selbst

misszuverstehn und die Brücke zu betreten, die zum "Kreuz" führte...

Und wie viel Plato ist noch im Begriff "Kirche", in Bau, System,

Praxis der Kirche! - Meine Erholung, meine Vorliebe, meine Kur von

allem Platonismus war zu jeder Zeit Thukydides. Thukydides und,

vielleicht, der principe Machiavell's sind mir selber am meisten

verwandt durch den unbedingten Willen, sich Nichts vorzumachen und

die Vernunft in der Realität zu sehn, - nicht in der "Vernunft", noch

weniger in der "Moral"... Von der jämmerlichen Schönfärberei der

Griechen in's Ideal, die der "klassisch gebildete" Jüngling als Lohn

für seine Gymnasial-Dressur in's Leben davonträgt, kurirt Nichts

so gründlich als Thukydides. Man muss ihn Zeile für Zeile umwenden

und seine Hintergedanken so deutlich ablesen wie seine Worte: es

giebt wenige so hintergedankenreiche Denker. In ihm kommt die

Sophisten-Cultur, will sagen die Realisten-Cultur, zu ihrem

vollendeten Ausdruck: diese unschätzbare Bewegung inmitten des eben

allerwärts losbrechenden Moral- und Ideal-Schwindels der sokratischen

Schulen. Die griechische Philosophie als die décadence des

griechischen Instinkts; Thukydides als die grosse Summe, die letzte

Offenbarung jener starken, strengen, harten Thatsächlichkeit, die

dem älteren Hellenen im Instinkte lag. Der Muth vor der Realität

unterscheidet zuletzt solche Naturen wie Thukydides und Plato: Plato

ist ein Feigling vor der Realität, - folglich flüchtet er in's Ideal;

Thukydides hat sich in der Gewalt, folglich behält er auch die Dinge

in der Gewalt...

3.

In den Griechen "schöne Seelen", "goldene Mitten" und andre

Vollkommenheiten auszuwittern, etwa an ihnen die Ruhe in der Grösse,

die ideale Gesinnung, die hohe Einfalt bewundern - vor dieser "hohen

Einfalt", einer niaiserie allemande zu guterletzt, war ich durch den

Psychologen behütet, den ich in mir trug. Ich sah ihren stärksten

Instinkt, den Willen zur Macht, ich sah sie zittern vor der unbändigen

Gewalt dieses Triebs, - ich sah alle ihre Institutionen wachsen

aus Schutzmaassregeln, um sich vor einander gegen ihren inwendigen

Explosivstoff sicher zu stellen. Die ungeheure Spannung im Innern

entlud sich dann in furchtbarer und rücksichtsloser Feindschaft nach

Aussen: die Stadtgemeinden zerfleischten sich unter einander, damit

die Stadtbürger jeder einzelnen vor sich selber Ruhe fänden. Man hatte

es nöthig, stark zu sein: die Gefahr war in der Nähe -, sie lauerte

überall. Die prachtvoll geschmeidige Leiblichkeit, der verwegene

Realismus und Immoralismus, der dem Hellenen eignet, ist eine Noth,

nicht eine "Natur" gewesen. Er folgte erst, er war nicht von Anfang an

da. Und mit Festen und Künsten wollte man auch nichts Andres als sich

obenauf fühlen, sich obenauf zeigen: es sind Mittel, sich selber

zu verherrlichen, unter Umständen vor sich Furcht zu machen... Die

Griechen auf deutsche Manier nach ihren Philosophen beurtheilen, etwa

die Biedermännerei der sokratischen Schulen zu Aufschlüssen darüber

benutzen, was im Grunde hellenisch sei!... Die Philosophen sind ja die

décadents des Griechenthums, die Gegenbewegung gegen den alten, den

vornehmen Geschmack (- gegen den agonalen Instinkt, gegen die Polis,

gegen den Werth der Rasse, gegen die Autorität des Herkommens).

Die sokratischen Tugenden wurden gepredigt, weil sie den Griechen

abhanden gekommen waren: reizbar, furchtsam, unbeständig, Komödianten

allesammt, hatten sie ein paar Gründe zu viel, sich Moral predigen zu

lassen. Nicht, dass es Etwas geholfen hätte: aber grosse Worte und

Attitüden stehen décadents so gut...

4.

Ich war der erste, der, zum Verständniss des älteren, des noch reichen

und selbst überströmenden hellenischen Instinkts, jenes wundervolle

Phänomen ernst nahm, das den Namen des Dionysos trägt: es ist einzig

erklärbar aus einem Zuviel von Kraft. Wer den Griechen nachgeht,

wie jener tiefste Kenner ihrer Cultur, der heute lebt, wie Jakob

Burckhardt in Basel, der wusste sofort, dass damit Etwas gethan sei:

Burckhardt fügte seiner "Cultur der Griechen" einen eignen Abschnitt

über das genannte Phänomen ein. Will man den Gegensatz, so sehe man

die beinahe erheiternde Instinkt-Armuth der deutschen Philologen,

wenn sie in die Nähe des Dionysischen kommen. Der berühmte Lobeck

zumal, der mit der ehrwürdigen Sicherheit eines zwischen Büchern

ausgetrockneten Wurms in diese Welt geheimnissvoller Zustände

hineinkroch und sich überredete, damit wissenschaftlich zu sein, dass

er bis zum Ekel leichtfertig und kindisch war, - Lobeck hat mit allem

Aufwande von Gelehrsamkeit zu verstehn gegeben, eigentlich habe es mit

allen diesen Curiositäten Nichts auf sich. In der That möchten die

Priester den Theilhabern an solchen Orgien einiges nicht Werthlose

mitgetheilt haben, zum Beispiel, dass der Wein zur Lust anrege, dass

der Mensch unter Umständen von Früchten lebe, dass die Pflanzen im

Frühjahr aufblühn, im Herbst verwelken. Was jenen so befremdlichen

Reichthum an Riten, Symbolen und Mythen orgiastischen Ursprungs

angeht, von dem die antike Welt ganz wörtlich überwuchert ist, so

findet Lobeck an ihm einen Anlass, noch um einen Grad geistreicher zu

werden. "Die Griechen, sagt er Aglaophamus I, 672, hatten sie nichts

Anderes zu thun, so lachten, sprangen, rasten sie umher, oder, da der

Mensch mitunter auch dazu Lust hat, so sassen sie nieder, weinten und

jammerten. Andere kamen dann später hinzu und suchten doch irgend

einen Grund für das auffallende Wesen; und so entstanden zur Erklärung

jener Gebräuche jene zahllosen Festsagen und Mythen. Auf der andren

Seite glaubte man, jenes possirliche Treiben, welches nun einmal an

den Festtagen stattfand, gehöre auch nothwendig zur Festfeier, und

hielt es als einen unentbehrlichen Theil des Gottesdienstes fest." -

Das ist verächtliches Geschwätz, man wird einen Lobeck nicht einen

Augenblick ernst nehmen. Ganz anders berührt es uns, wenn wir den

Begriff "griechisch" prüfen, den Winckelmann und Goethe sich gebildet

haben, und ihn unverträglich mit jenem Elemente finden, aus dem die

dionysische Kunst wächst, - mit dem Orgiasmus. Ich zweifle in der

That nicht daran, dass Goethe etwas Derartiges grundsätzlich aus den

Möglichkeiten der griechischen Seele ausgeschlossen hätte. Folglich

verstand Goethe die Griechen nicht. Denn erst in den dionysischen

Mysterien, in der Psychologie des dionysischen Zustands spricht sich

die Grundthatsache des hellenischen Instinkts aus - sein "Wille zum

Leben". Was verbürgte sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das

ewige Leben, die ewige Wiederkehr des Lebens; die Zukunft in der

Vergangenheit verheissen und geweiht; das triumphirende Ja zum Leben

über Tod und Wandel hinaus; das wahre Leben als das Gesammt-Fortleben

durch die Zeugung, durch die Mysterien der Geschlechtlichkeit. Den

Griechen war deshalb das geschlechtliche Symbol das ehrwürdige Symbol

an sich, der eigentliche Tiefsinn innerhalb der ganzen antiken

Frömmigkeit. Alles Einzelne im Akte der Zeugung, der Schwangerschaft,

der Geburt erweckte die höchsten und feierlichsten Gefühle. In der

Mysterienlehre ist der Schmerz heilig gesprochen: die "Wehen der

Gebärerin" heiligen den Schmerz überhaupt, - alles Werden und Wachsen,

alles Zukunft-Verbürgende bedingt den Schmerz... Damit es die Lust des

Schaffens giebt, damit der Wille zum Leben sich ewig selbst bejaht,

muss es auch ewig die "Qual der Gebärerin" geben... Dies Alles

bedeutet das Wort Dionysos: ich kenne keine höhere Symbolik als diese

griechische Symbolik, die der Dionysien. In ihr ist der tiefste

Instinkt des Lebens, der zur Zukunft des Lebens, zur Ewigkeit des

Lebens, religiös empfunden, - der Weg selbst zum Leben, die Zeugung,

als der heilige Weg... Erst das Christenthum, mit seinem Ressentiment

gegen das Leben auf dem Grunde, hat aus der Geschlechtlichkeit etwas

Unreines gemacht: es warf Koth auf den Anfang, auf die Voraussetzung

unseres Lebens...

5.

Die Psychologie des Orgiasmus als eines überströmenden Lebens- und

Kraftgefühls, innerhalb dessen selbst der Schmerz noch als Stimulans

wirkt, gab mir den Schlüssel zum Begriff des tragischen Gefühls,

das sowohl von Aristoteles als in Sonderheit von unsern Pessimisten

missverstanden worden ist. Die Tragödie ist so fern davon, Etwas für

den Pessimismus der Hellenen im Sinne Schopenhauer's zu beweisen, dass

sie vielmehr als dessen entscheidende Ablehnung und Gegen-Instanz zu

gelten hat. Das ja sagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten

und härtesten Problemen; der Wille zum Leben, im Opfer seiner höchsten

Typen der eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend - das nannte ich

dionysisch, das errieth ich als die Brücke zur Psychologie des

tragischen Dichters. Nicht um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,

nicht um sich von einem gefährlichen Affekt durch dessen vehemente

Entladung zu reinigen - so verstand es Aristoteles -: sondern um, über

Schrecken und Mitleid hinaus, die ewige Lust des Werdens selbst zu

sein, - jene Lust, die auch noch die Lust am Vernichten in sich

schliesst... Und damit berühre ich wieder die Stelle, von der ich

einstmals ausgieng - die "Geburt der Tragödie" war meine erste

Umwerthung aller Werthe: damit stelle ich mich wieder auf den Boden

zurück, aus dem mein Wollen, mein Können wächst - ich, der letzte

Jünger des Philosophen Dionysos, - ich, der Lehrer der ewigen

Wiederkunft...

Der Hammer redet.

Also sprach Zarathustra - 3, 90.

"Warum so hart! - sprach zum Diamanten einst die Küchen-Kohle: sind

wir denn nicht Nah-Verwandte?"

Warum so weich? Oh meine Brüder, also frage ich euch: seid ihr denn

nicht - meine Brüder?

Warum so weich, so weichend und nachgebend? Warum ist so viel

Leugnung, Verleugnung in eurem Herzen? so wenig Schicksal in eurem

Blicke?

Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie könntet ihr

einst mit mir - siegen?

Und wenn eure Härte nicht blitzen und schneiden und zerschneiden will:

wie könntet ihr einst mit mir - schaffen?

Alle Schaffenden nämlich sind hart. Und Seligkeit muss es euch dünken,

eure Hand auf Jahrtausende zu drücken wie auf Wachs, -

- Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie auf

Erz, - härter als Erz, edler als Erz. Ganz hart allein ist das

Edelste.

Diese neue Tafel, oh meine Brüder, stelle ich über euch: werdet

hart! - -

Götzen-Dämmerung · 第 6 / 6 题