FRIEDRICH NIETZSCHE.

Sprüche und Pfeile.

1.

Müssiggang ist aller Psychologie Anfang. Wie? wäre Psychologie ein -

Laster?

2.

Auch der Muthigste von uns hat nur selten den Muth zu dem, was er

eigentlich weiss...

3.

Um allein zu leben, muss man ein Thier oder ein Gott sein -

sagt Aristoteles. Fehlt der dritte Fall: man muss Beides sein -

Philosoph...

4.

"Alle Wahrheit ist einfach." - Ist das nicht zwiefach eine Lüge? -

5.

Ich will, ein für alle Mal, Vieles nicht wissen. - Die Weisheit zieht

auch der Erkenntniss Grenzen.

6.

Man erholt sich in seiner wilden Natur am besten von seiner Unnatur,

von seiner Geistigkeit...

7.

Wie? ist der Mensch nur ein Fehlgriff Gottes? Oder Gott nur ein

Fehlgriff des Menschen? -

8.

Aus der Kriegsschule des Lebens. - Was mich nicht umbringt, macht mich

stärker.

9.

Hilf dir selber: dann hilft dir noch Jedermann. Princip der

Nächstenliebe.

10.

Dass man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! dass man

sie nicht hinterdrein im Stiche lässt! - Der Gewissensbiss ist

unanständig.

11.

Kann ein Esel tragisch sein? - Dass man unter einer Last zu Grunde

geht, die man weder tragen, noch abwerfen kann?... Der Fall des

Philosophen.

12.

Hat man sein warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem

wie? - Der Mensch strebt nicht nach Glück; nur der Engländer thut das.

13.

Der Mann hat das Weib geschaffen - woraus doch? Aus einer Rippe seines

Gottes, - seines "Ideals"...

14.

Was? du suchst? du möchtest dich verzehnfachen, verhundertfachen? du

suchst Anhänger? - Suche Nullen.

15.

Posthume Menschen - ich zum Beispiel - werden schlechter verstanden

als zeitgemässe, aber besser gehört. Strenger: wir werden nie

verstanden - und daher unsre Autorität...

16.

Unter Frauen. - "Die Wahrheit? Oh Sie kennen die Wahrheit nicht! Ist

sie nicht ein Attentat auf alle unsre pudeurs?" -

17.

Das ist ein Künstler, wie ich Künstler liebe, bescheiden in seinen

Bedürfnissen: er will eigentlich nur Zweierlei, sein Brod und seine

Kunst, - panem et Circen...

18.

Wer seinen Willen nicht in die Dinge zu legen weiss, der legt

wenigstens einen Sinn noch hinein: das heisst, er glaubt, dass ein

Wille bereits darin sei (Princip des "Glaubens").

19.

Wie? ihr wähltet die Tugend und den gehobenen Busen und seht zugleich

scheel nach den Vortheilen der Unbedenklichen? - Aber mit der Tugend

verzichtet man auf "Vortheile"... (einem Antisemiten an die Hausthür.)

20.

Das vollkommene Weib begeht Litteratur, wie es eine kleine Sünde

begeht: zum Versuch, im Vorübergehn, sich umblickend, ob es Jemand

bemerkt und dass es Jemand bemerkt...

21.

Sich in lauter Lagen begeben, wo man keine Scheintugenden haben darf,

wo man vielmehr, wie der Seiltänzer auf seinem Seile, entweder stürzt

oder steht - oder davon kommt...

22.

"Böse Menschen haben keine Lieder." - Wie kommt es, dass die Russen

Lieder haben?

23.

"Deutscher Geist": seit achtzehn Jahren eine contradictio in adjecto.

24.

Damit, dass man nach den Anfängen sucht, wird man Krebs. Der

Historiker sieht rückwärts; endlich glaubt er auch rückwärts.

25.

Zufriedenheit schützt selbst vor Erkältung. Hat je sich ein Weib, das

sich gut bekleidet wusste, erkältet? - Ich setze den Fall, das es kaum

bekleidet war.

26.

Ich misstraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Weg. Der

Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit.

27.

Man hält das Weib für tief - warum? weil man nie bei ihm auf den Grund

kommt. Das Weib ist noch nicht einmal flach.

28.

Wenn das Weib männliche Tugenden hat, so ist es zum Davonlaufen; und

wenn es keine männlichen Tugenden hat, so läuft es selbst davon.

29.

"Wie viel hatte ehemals das Gewissen zu beissen? welche guten Zähne

hatte es? - Und heute? woran fehlt es?" - Frage eines Zahnarztes.

30.

Man begeht selten eine Übereilung allein. In der ersten Übereilung

thut man immer zu viel. Eben darum begeht man gewöhnlich noch eine

zweite - und nunmehr thut man zu wenig...

31.

Der getretene Wurm krümmt sich. So ist es klug. Er verringert damit

die Wahrscheinlichkeit, von Neuem getreten zu werden. In der Sprache

der Moral: Demuth. -

32.

Es giebt einen Hass auf Lüge und Verstellung aus einem reizbaren

Ehrbegriff; es giebt einen ebensolchen Hass aus Feigheit, insofern

die Lüge, durch ein göttliches Gebot, verboten ist. Zu feige, um zu

lügen...

33.

Wie wenig gehört zum Glücke! Der Ton eines Dudelsacks. - Ohne Musik

wäre das Leben ein Irrthum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott

liedersingend.

34.

On ne peut penser et écrire qu'assis (G. Flaubert). - Damit habe

ich dich, Nihilist! Das Sitzfleisch ist gerade die Sünde wider den

heiligen Geist. Nur die ergangenen Gedanken haben Werth.

35.

Es giebt Fälle, wo wir wie Pferde sind, wir Psychologen, und in

Unruhe gerathen: wir sehen unsren eignen Schatten vor uns auf und

niederschwanken. Der Psychologe muss von sich absehn, um überhaupt zu

sehn.

36.

Ob wir Immoralisten der Tugend Schaden thun? - Eben so wenig, als

die Anarchisten den Fürsten. Erst seitdem diese angeschossen werden,

sitzen sie wieder fest auf ihrem Thron. Moral: man muss die Moral

anschiessen.

37.

Du läufst voran? - Thust du das als Hirt? oder als Ausnahme? Ein

dritter Fall wäre der Entlaufene... Erste Gewissensfrage.

38.

Bist du echt? oder nur ein Schauspieler? Ein Vertreter? oder das

Vertretene selbst? - Zuletzt bist du gar bloss ein nachgemachter

Schauspieler... Zweite Gewissensfrage.

39.

Der Enttäuschte spricht. - Ich suchte nach grossen Menschen, ich fand

immer nur die Affen ihres Ideals.

40.

Bist du Einer, der zusieht? oder der Hand anlegt? - oder der wegsieht,

bei Seite geht?... Dritte Gewissensfrage.

41.

Willst du mitgehn? oder vorangehn? oder für dich gehn?... Man muss

wissen, was man will und dass man will. Vierte Gewissensfrage.

42.

Das waren Stufen für mich ich bin über sie hinaufgestiegen, - dazu

musste ich über sie hinweg. Aber sie meinten, ich wollte mich auf

ihnen zur Ruhe setzen...

43.

Was liegt daran, das ich Recht behalte! Ich habe zu viel Recht. - Und

wer heute am besten lacht, lacht auch zuletzt.

44.

Formel meines Glücks: ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie ein Ziel...

Das Problem des Sokrates.

1.

Über das Leben haben zu allen Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt:

es taugt nichts... Immer und überall hat man aus ihrem Munde denselben

Klang gehört, - einen Klang voll Zweifel, voll Schwermuth, voll

Müdigkeit am Leben, voll Widerstand gegen das Leben. Selbst Sokrates

sagte, als er starb: "leben - das heisst lange krank sein: ich bin

dem Heilande Asklepios einen Hahn schuldig." Selbst Sokrates hatte es

satt. - Was beweist das? Worauf weist das? - Ehemals hätte man gesagt

(- oh man hat es gesagt und laut genug und unsre Pessimisten voran!):

"Hier muss jedenfalls Etwas wahr sein! Der consensus sapientium

beweist die Wahrheit." - Werden wir heute noch so reden? Dürfen wir

das? "Hier muss jedenfalls Etwas krank sein" - geben wir zur Antwort:

diese Weisesten aller Zeiten, man sollte sie sich erst aus der Nähe

ansehn! Waren sie vielleicht allesammt auf den Beinen nicht mehr fest?

spät? wackelig? décadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden

als Rabe, den ein kleiner Geruch von Aas begeistert?...

2.

Mir selbst ist diese Unehrerbietigkeit, dass die grossen Weisen

Niedergangs-Typen sind, zuerst gerade in einem Falle aufgegangen, wo

ihr am stärksten das gelehrte und ungelehrte Vorurtheil entgegensteht:

ich erkannte Sokrates und Plato als Verfalls-Symptome, als Werkzeuge

der griechischen Auflösung, als pseudogriechisch, als antigriechisch

("Geburt der Tragödie" 1872), jener consensus sapientium - das begriff

ich immer besser - beweist am wenigsten, dass sie Recht mit dem

hatten, worüber sie übereinstimmten: er beweist vielmehr, dass sie

selbst, diese Weisesten, irgend worin physiologisch übereinstimmten,

um auf gleiche Weise negativ zum Leben zu stehn, - stehn zu müssen.

Urtheile, Werthurtheile über das Leben, für oder wider, können zuletzt

niemals wahr sein: sie haben nur Werth als Symptome, sie kommen nur

als Symptome in Betracht, - an sich sind solche Urtheile Dummheiten.

Man muss durchaus seine Finger darnach ausstrecken und den Versuch

machen, diese erstaunliche finesse zu fassen, dass der Werth des

Lebens nicht abgeschätzt werden kann. Von einem Lebenden nicht, weil

ein solcher Partei, ja sogar Streitobjekt ist und nicht Richter;

von einem Todten nicht, aus einem andren Grunde. - Von Seiten eines

Philosophen im Werth des Lebens ein Problem sehn bleibt dergestalt

sogar ein Einwurf gegen ihn, ein Fragezeichen an seiner Weisheit, eine

Unweisheit. - Wie? und alle diese grossen Weisen - sie wären nicht nur

décadents, sie wären nicht einmal weise gewesen? - Aber ich komme auf

das Problem des Sokrates zurück.

3.

Sokrates gehörte, seiner Herkunft nach, zum niedersten Volk: Sokrates

war Pöbel. Man weiss, man sieht es selbst noch, wie hässlich er war.

Aber Hässlichkeit, an sich ein Einwand, ist unter Griechen beinahe

eine Widerlegung. War Sokrates überhaupt ein Grieche? Die Hässlichkeit

ist häufig genug der Ausdruck einer gekreuzten, durch Kreuzung

gehemmten Entwicklung. Im andren Falle erscheint sie als niedergehende

Entwicklung.

Die Anthropologen unter den Criminalisten sagen uns, dass der typische

Verbrecher hässlich ist: monstrum in fronte, monstrum in animo.

Aber der Verbrecher ist ein décadent. War Sokrates ein typischer

Verbrecher? - Zum Mindesten widerspräche dem jenes berühmte

Physiognomen-Urtheil nicht, das den Freunden des Sokrates so anstössig

klang. Ein Ausländer, der sich auf Gesichter verstand, sagte, als er

durch Athen kam, dem Sokrates in's Gesicht, er sei ein monstrum, -

er berge alle schlimmen Laster und Begierden in sich. Und Sokrates

antwortete bloss: "Sie kennen mich, mein Herr!" -

4.

Auf décadence bei Sokrates deutet nicht nur die zugestandne

Wüstheit und Anarchie in den Instinkten: eben dahin deutet auch die

Superfötation des Logischen und jene Rhachitiker-Bosheit, die ihn

auszeichnet. Vergessen wir auch jene Gehörs-Hallucinationen nicht,

die, als "Dämonion des Sokrates", in's Religiöse interpretirt worden

sind. Alles ist übertrieben, buffo, Karikatur an ihm, Alles ist

zugleich versteckt, hintergedanklich, unterirdisch. - Ich suche zu

begreifen, aus welcher Idiosynkrasie jene sokratische Gleichsetzung

von Vernunft = Tugend = Glück stammt: jene bizarrste Gleichsetzung,

die es giebt und die in Sonderheit alle Instinkte des älteren Hellenen

gegen sich hat.

5.

Mit Sokrates schlägt der griechische Geschmack zu Gunsten der

Dialektik um: was geschieht da eigentlich? Vor Allem wird damit

ein vornehmer Geschmack besiegt; der Pöbel kommt mit der Dialektik

obenauf. Vor Sokrates lehnte man in der guten Gesellschaft die

dialektischen Manieren ab: sie galten als schlechte Manieren, sie

stellten bloss. Man warnte die Jugend vor ihnen. Auch misstraute man

allein solchen Präsentiren seiner Gründe. Honnette Dinge tragen,

wie honnette Menschen, ihre Gründe nicht so in der Hand. Es ist

unanständig, alle fünf Finger zeigen. Was sich erst beweisen lassen

muss, ist wenig werth. Überall, wo noch die Autorität zur guten

Sitte gehört, wo man nicht "begründet", sondern befiehlt, ist der

Dialektiker eine Art Hanswurst: man lacht über ihn, man nimmt ihn

nicht ernst. - Sokrates war der Hanswurst, der sich ernst nehmen

machte: was geschah da eigentlich? -

6.

Man wählt die Dialektik nur, wenn man kein andres Mittel hat. Man

weiss, dass man Misstrauen mit ihr erregt, dass sie wenig überredet.

Nichts ist leichter wegzuwischen als ein Dialektiker-Effekt: die

Erfahrung jeder Versammlung, wo geredet wird, beweist das. Sie kann

nur Nothwehr sein, in den Händen Solcher, die keine andren Waffen mehr

haben. Man muss sein Recht zu erzwingen haben: eher macht man keinen

Gebrauch von ihr. Die Juden waren deshalb Dialektiker; Reinecke Fuchs

war es: wie? und Sokrates war es auch? -

7.

- Ist die Ironie des Sokrates ein Ausdruck von Revolte? von

Pöbel-Ressentiment? geniesst er als Unterdrückter seine eigne

Ferocität in den Messerstichen des Syllogismus? Rächt er sich an

den Vornehmen, die er fascinirt? - Man hat, als Dialektiker, ein

schonungsloses Werkzeug in der Hand; man kann mit ihm den Tyrannen

machen; man stellt bloss, indem man siegt. Der Dialektiker überlässt

seinem Gegner den Nachweis, kein Idiot zu sein: er macht wüthend, er

macht zugleich hülflos. Der Dialektiker depotenzirt den Intellekt

seines Gegners. - Wie? ist Dialektik nur eine Form der Rache bei

Sokrates?

8.

Ich habe zu verstehn gegeben, womit Sokrates abstossen konnte: es

bleibt um so mehr zu erklären, dass er fascinirte. - Dass er eine

neue Art Agon entdeckte, dass er der erste Fechtmeister davon für die

vornehmen Kreise Athen's war, ist das Eine. Er fascinirte, indem er an

den agonalen Trieb der Hellenen rührte, - er brachte eine Variante in

den Ringkampf zwischen jungen Männern und Jünglingen. Sokrates war

auch ein grosser Erotiker.

9.

Aber Sokrates errieth noch mehr. Er sah hinter seine vornehmen

Athener; er begriff, dass sein Fall, seine Idiosynkrasie von Fall

bereits kein Ausnahmefall war. Die gleiche Art von Degenerescenz

bereitete sich überall im Stillen vor: das alte Athen gieng zu Ende. -

Und Sokrates verstand, dass alle Welt ihn nöthig hatte, - sein Mittel,

seine Kur, seinen Personal-Kunstgriff der Selbst-Erhaltung... Überall

waren die Instinkte in Anarchie; überall war man fünf Schritt weit vom

Excess: das monstrum in animo war die allgemeine Gefahr. "Die Triebe

wollen den Tyrannen machen; man muss einen Gegentyrannen erfinden, der

stärker ist"... Als jener Physiognomiker dem Sokrates enthüllt hatte,

wer er war, eine Höhle aller schlimmen Begierden, liess der grosse

Ironiker noch ein Wort verlauten, das den Schlüssel zu ihm giebt.

"Dies ist wahr, sagte er, aber ich wurde über alle Herr." Wie wurde

Sokrates über sich Herr? - Sein Fall war im Grunde nur der extreme

Fall, nur der in die Augen springendste von dem, was damals die

allgemeine Noth zu werden anfieng: dass Niemand mehr über sich Herr

war, dass die Instinkte sich gegen einander wendeten. Er fascinirte

als dieser extreme Fall - seine furchteinflössende Hässlichkeit sprach

ihn für jedes Auge aus: er fascinirte, wie sich von selbst versteht,

noch stärker als Antwort, als Lösung, als Anschein der Kur dieses

Falls. -

10.

Wenn man nöthig hat, aus der Vernunft einen Tyrannen zu machen, wie

Sokrates es that, so muss die Gefahr nicht klein sein, dass etwas

Andres den Tyrannen macht. Die Vernünftigkeit wurde damals errathen

als Retterin, es stand weder Sokrates, noch seinen "Kranken" frei,

vernünftig zu sein, - es war de rigueur, es war ihr letztes Mittel.

Der Fanatismus, mit dem sich das ganze griechische Nachdenken

auf die Vernünftigkeit wirft, verräth eine Nothlage: man war in

Gefahr, man hatte nur Eine Wahl: entweder zu Grunde zu gehn oder

- absurd-vernünftig zu sein... Der Moralismus der griechischen

Philosophen von Plato ab ist pathologisch bedingt; ebenso ihre

Schätzung der Dialektik. Vernunft = Tugend = Glück heisst bloss: man

muss es dem Sokrates nachmachen und gegen die dunklen Begehrungen ein

Tageslicht in Permanenz herstellen - das Tageslicht der Vernunft. Man

muss klug, klar, hell um jeden Preis sein: jedes Nachgeben an die

Instinkte, an's Unbewusste führt hinab...

11.

Ich habe zu verstehn gegeben, womit Sokrates fascinirte: er schien

ein Arzt, ein Heiland zu sein. Ist es nöthig, noch den Irrthum

aufzuzeigen, der in seinem Glauben an die "Vernünftigkeit um jeden

Preis" lag? - Es ist ein Selbstbetrug seitens der Philosophen und

Moralisten, damit schon aus der décadence herauszutreten, dass sie

gegen dieselbe Krieg machen. Das Heraustreten steht ausserhalb ihrer

Kraft: was sie als Mittel, als Rettung wählen, ist selbst nur wieder

ein Ausdruck der décadence - sie verändern deren Ausdruck, sie

schaffen sie selbst nicht weg. Sokrates war ein Missverständniss;

die ganze Besserungs-Moral, auch die christliche, war ein

Missverständniss... Das grellste Tageslicht, die Vernünftigkeit um

jeden Preis, das Leben hell, kalt, vorsichtig, bewusst, ohne Instinkt,

im Widerstand gegen Instinkte war selbst nur eine Krankheit, eine

andre Krankheit - und durchaus kein Rückweg zur "Tugend", zur

"Gesundheit", zum Glück... Die Instinkte bekämpfen müssen - das ist

die Formel für décadence: so lange das Leben aufsteigt, ist Glück

gleich Instinkt. -

12.

- Hat er das selbst noch begriffen, dieser Klügste aller

Selbstüberlister? Sagte er sich das zuletzt, in der Weisheit seines

Muthes zum Tode?... Sokrates wollte sterben: - nicht Athen, er gab

sich den Giftbecher, er zwang Athen zum Giftbecher... Sokrates ist

kein Arzt sprach er leise zu sich: "der Tod allein ist hier Arzt...

Sokrates selbst war nur lange krank..."

Die "Vernunft" in der Philosophie.

1.

Sie fragen mich, was Alles Idiosynkrasie bei den Philosophen ist?...

Zum Beispiel ihr Mangel an historischem Sinn, ihr Hass gegen die

Vorstellung selbst des Werdens, ihr Ägypticismus. Sie glauben

einer Sache eine Ehre anzuthun, wenn sie dieselbe enthistorisiren,

sub specie aetemi, - wenn sie aus ihr eine Mumie machen. Alles,

was Philosophen seit Jahrtausenden gehandhabt haben, waren

Begriffs-Mumien; es kam nichts Wirkliches lebendig aus ihren Händen.

Sie tödten, sie stopfen aus, diese Herren Begriffs-Götzendiener, wenn

sie anbeten, - sie werden Allem lebensgefährlich, wenn sie anbeten.

Der Tod, der Wandel, das Alter ebensogut als Zeugung und Wachsthum

sind für sie Einwände, - Widerlegungen sogar. Was ist, wird nicht; was

wird ist nicht... Nun glauben sie Alle, mit Verzweiflung sogar, an's

Seiende. Da sie aber dessen nicht habhaft werden, suchen sie nach

Gründen, weshalb man's ihnen vorenthält. "Es muss ein Schein, eine

Betrügerei dabei sein, dass wir das Seiende nicht wahrnehmen: wo

steckt der Betrüger?" - "Wir haben ihn, schreien sie glückselig, die

Sinnlichkeit ist's! Diese Sinne, die auch sonst so unmoralisch sind,

sie betrügen uns über die wahre Welt. Moral: loskommen von dem

Sinnentrug, vom Werden, von der Historie, von der Lüge, - Historie ist

nichts als Glaube an die Sinne, Glaube an die Lüge. Moral: Neinsagen

zu Allem, was den Sinnen Glauben schenkt, zum ganzen Rest der

Menschheit: das ist Alles `Volk`. Philosoph sein, Mumie sein, den

Monotono-Theismus durch eine Todtengräber-Mimik darstellen! - Und

weg vor Allem mit dem Leibe, dieser erbarmungswürdigen idée fixe der

Sinne! behaftet mit allen Fehlern der Logik, die es giebt, widerlegt,

unmöglich sogar, ob er schon frech genug ist, sich als wirklich zu

gebärden!"...

2.

Ich nehme, mit hoher Ehrerbietung, den Namen Heraklit's bei Seite.

Wenn das andre Philosophen-Volk das Zeugniss der Sinne verwarf, weil

dieselben Vielheit und Veränderung zeigten, verwarf er deren Zeugniss,

weil sie die Dinge zeigten, als ob sie Dauer und Einheit hätten. Auch

Heraklit that den Sinnen Unrecht. Dieselben lügen weder in der Art,

wie die Eleaten es glauben, noch wie er es glaubte, - sie lügen

überhaupt nicht. Was wir aus ihrem Zeugniss machen, das legt erst

die Lüge hinein, zum Beispiel die Lüge der Einheit, die Lüge der

Dinglichkeit, der Substanz, der Dauer... Die "Vernunft" ist die

Ursache, dass wir das Zeugniss der Sinne fälschen. Sofern die Sinne

das Werden, das Vergehn, den Wechsel zeigen, lügen sie nicht... Aber

damit wird Heraklit ewig Recht behalten, dass das Sein eine leere

Fiktion ist. Die "scheinbare" Welt ist die einzige: die wahre Welt ist

nur hinzugelogen...

3.

- Und was für feine Werkzeuge der Beobachtung haben wir an unsren

Sinnen! Diese Nase zum Beispiel, von der noch kein Philosoph mit

Verehrung und Dankbarkeit gesprochen hat, ist sogar einstweilen das

delikateste Instrument, das uns zu Gebote steht: es vermag noch

Minimaldifferenzen der Bewegung zu constatiren, die selbst das

Spektroskop nicht constatirt. Wir besitzen heute genau so weit

Wissenschaft, als wir uns entschlossen haben, das Zeugniss der Sinne

anzunehmen, - als wir sie noch schärfen, bewaffnen, zu Ende denken

lernten. Der Rest ist Missgeburt und Noch-nicht-Wissenschaft: will

sagen Metaphysik, Theologie, Psychologie, Erkenntnisstheorie. Oder

Formal-Wissenschaft, Zeichenlehre: wie die Logik und jene angewandte

Logik, die Mathematik. In ihnen kommt die Wirklichkeit gar nicht vor,

nicht einmal als Problem; ebensowenig als die Frage, welchen Werth

überhaupt eine solche Zeichen-Convention, wie die Logik ist, hat. -

4.

Die andre Idiosynkrasie der Philosophen ist nicht weniger gefährlich:

sie besteht darin, das Letzte und das Erste zu verwechseln. Sie setzen

Das, was am Ende kommt - leider! denn es sollte gar nicht kommen! -

die "höchsten Begriffe", das heisst die allgemeinsten, die leersten

Begriffe, den letzten Rauch der verdunstenden Realität an den Anfang

als Anfang. Es ist dies wieder nur der Ausdruck ihrer Art zu verehren:

das Höhere darf nicht aus dem Niederen wachsen, darf überhaupt nicht

gewachsen sein... Moral: Alles, was ersten Ranges ist, muss causa

sui sein. Die Herkunft aus etwas Anderem gilt als Einwand, als

Werth-Anzweifelung. Alle obersten Werthe sind ersten Ranges, alle

höchsten Begriffe, das Seiende, das Unbedingte, das Gute, das Wahre,

das Vollkommne - das Alles kann nicht geworden sein, muss folglich

causa sui sein. Das Alles aber kann auch nicht einander ungleich, kann

nicht mit sich im Widerspruch sein... Damit haben sie ihren stupenden

Begriff "Gott"... Das Letzte, Dünnste, Leerste wird als Erstes

gesetzt, als Ursache an sich, als ens realissimum... Dass die

Menschheit die Gehirnleiden kranker Spinneweber hat ernst nehmen

müssen! - Und sie hat theuer dafür gezahlt!...

5.

- Stellen wir endlich dagegen, auf welche verschiedne Art wir (-

ich sage höflicher Weise wir... ) das Problem des Irrthums und der

Scheinbarkeit in's Auge fassen. Ehemals nahm man die Veränderung,

den Wechsel, das Werden überhaupt als Beweis für Scheinbarkeit, als

Zeichen dafür, dass Etwas da sein müsse, das uns irre führe. Heute

umgekehrt sehen wir, genau so weit als das Vernunft-Vorurtheil uns

zwingt, Einheit, Identität, Dauer, Substanz, Ursache, Dinglichkeit,

Sein anzusetzen, uns gewissermaassen verstrickt in den Irrthum,

necessitirt zum Irrthum; so sicher wir auf Grund einer strengen

Nachrechnung bei uns darüber sind, dass hier der Irrthum ist. Es steht

damit nicht anders als mit den Bewegungen des grossen Gestirns: bei

ihnen hat der Irrthum unser Auge, hier hat er unsre Sprache zum

beständigen Anwalt. Die Sprache gehört ihrer Entstehung nach in die

Zeit der rudimentärsten Form von Psychologie: wir kommen in ein

grobes Fetischwesen hinein, wenn wir uns die Grundvoraussetzungen der

Sprach-Metaphysik, auf deutsch: der Vernunft, zum Bewusstsein bringen.

Das sieht überall Thäter und Thun: das glaubt an Willen als Ursache

überhaupt; das glaubt an's "Ich", an's Ich als Sein, an's Ich als

Substanz und projicirt den Glauben an die Ich-Substanz auf alle Dinge

- es schafft erst damit den Begriff "Ding"... Das Sein wird überall

als Ursache hineingedacht, untergeschoben; aus der Conception "Ich"

folgt erst, als abgeleitet, der Begriff "Sein"... Am Anfang steht das

grosse Verhängniss von Irrthum, dass der Wille Etwas ist, das wirkt,

- dass Wille ein Vermögen ist... Heute wissen wir, dass er bloss ein

Wort ist... Sehr viel später, in einer tausendfach aufgeklärteren Welt

kam die Sicherheit, die subjektive Gewissheit in der Handhabung der

Vemunft-Kategorien den Philosophen mit Überraschung zum Bewusstsein:

sie schlossen, dass dieselben nicht aus der Empirie stammen könnten,

- die ganze Empirie stehe ja zu ihnen in Widerspruch. Woher also

stammen sie? - Und in Indien wie in Griechenland hat man den gleichen

Fehlgriff gemacht: "wir müssen schon einmal in einer höheren Welt

heimisch gewesen sein (- statt in einer sehr viel niederen: was die

Wahrheit gewesen wäre!), wir müssen göttlich gewesen sein, denn wir

haben die Vernunft!"... In der That, Nichts hat bisher eine naivere

Überredungskraft gehabt als der Irrthum vom Sein, wie er zum Beispiel

von den Eleaten formulirt wurde: er hat ja jedes Wort für sich,

jeden Satz für sich, den wir sprechen! - Auch die Gegner der Eleaten

unterlagen noch der Verführung ihres Seins-Begriffs: Demokrit unter

Anderen, als er sein Atom erfand... Die "Vernunft" in der Sprache: oh

was für eine alte betrügerische Weibsperson! Ich fürchte, wir werden

Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben...

6.

Man wird mir dankbar sein, wenn ich eine so wesentliche, so neue

Einsicht in vier Thesen zusammendränge: ich erleichtere damit das

Verstehen, ich fordere damit den Widerspruch heraus.

Erster Satz. Die Gründe, darauf hin "diese" Welt als scheinbar

bezeichnet worden ist, begründen vielmehr deren Realität, - eine andre

Art Realität ist absolut unnachweisbar.

Zweiter Satz. Die Kennzeichen, welche man dem "wahren Sein" der Dinge

gegeben hat, sind die Kennzeichen des Nicht Seins, des Nichts, -

man hat die "wahre Welt" aus dem Widerspruch zur wirklichen Welt

aufgebaut: eine scheinbare Welt in der That, insofern sie bloss eine

moralisch-optische Täuschung ist.

Dritter Satz. Von einer "andren" Welt als dieser zu fabeln hat gar

keinen Sinn, vorausgesetzt, dass nicht ein Instinkt der Verleumdung,

Verkleinerung, Verdächtigung des Lebens in uns mächtig ist: im

letzteren Falle rächen wir uns am Leben mit der Phantasmagorie eines

"anderen", eines "besseren" Lebens.

Vierter Satz. Die Welt scheiden in eine "wahre" und eine "scheinbare",

sei es in der Art des Christenthums, sei es in der Art Kant's (eines

hinterlistigen Christen zu guterletzt) ist nur eine Suggestion der

décadence, - ein Symptom niedergehenden Lebens... Dass der Künstler

den Schein höher schätzt als die Realität, ist kein Einwand gegen

diesen Satz. Denn "der Schein" bedeutet hier die Realität noch einmal,

nur in einer Auswahl, Verstärkung, Correctur... Der tragische Künstler

ist kein Pessimist, - er sagt gerade Ja zu allem Fragwürdigen und

Furchtbaren selbst, er ist dionysisch...

Wie die "wahre Welt" endlich zur Fabel wurde.

Geschichte eines Irrthums.

1. Die wahre Welt erreichbar für den Weisen, den Frommen, den

Tugendhaften, - er lebt in ihr, er ist sie.

(Älteste Form der Idee, relativ klug, simpel, überzeugend.

Umschreibung des Satzes "ich, Plato, bin die Wahrheit".)

2. Die wahre Welt, unerreichbar für jetzt, aber versprochen für den

Weisen, den Frommen, den Tugendhaften ("für den Sünder, der Busse

thut").

(Fortschritt der Idee: sie wird feiner, verfänglicher, unfasslicher, -

sie wird Weib, sie wird christlich... )

3. Die wahre Welt, unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar, aber

schon als gedacht ein Trost, eine Verpflichtung, ein Imperativ.

(Die alte Sonne im Grunde, aber durch Nebel und Skepsis hindurch; die

Idee sublim geworden, bleich, nordisch, königsbergisch.)

4. Die wahre Welt - unerreichbar? jedenfalls unerreicht. Und als

unerreicht auch unbekannt. Folglich auch nicht tröstend, erlösend,

verpflichtend: wozu könnte uns etwas Unbekanntes verpflichten?...

(Grauer Morgen. Erstes Gähnen der Vernunft. Hahnenschrei des

Positivismus.)

5. Die "wahre Welt" - eine Idee, die zu Nichts mehr nütz ist, nicht

einmal mehr verpflichtend, - eine unnütz, eine überflüssig gewordene

Idee, folglich eine widerlegte Idee: schaffen wir sie ab!

(Heller Tag; Frühstück; Rückkehr des bon sens und der Heiterkeit;

Schamröthe Plato's; Teufelslärm aller freien Geister.)

6. Die wahre Welt haben wir abgeschafft: welche Welt blieb übrig? die

scheinbare vielleicht?... Aber nein! mit der wahren Welt haben wir

auch die scheinbare abgeschafft!

(Mittag; Augenblick des kürzesten Schattens; Ende des längsten

Irrthums; Höhepunkt der Menschheit; INCIPIT ZARATHUSTRA.)

Moral als Widernatur.

1.

Alle Passionen haben eine Zeit, wo sie bloss verhängnissvoll sind, wo

sie mit der Schwere der Dummheit ihr Opfer hinunterziehen - und eine

spätere, sehr viel spätere, wo sie sich mit dem Geist verheirathen,

sich "vergeistigen". Ehemals machte man, wegen der Dummheit in der

Passion, der Passion selbst den Krieg: man verschwor sich zu deren

Vernichtung, - alle alten Moral-Unthiere sind einmüthig darüber "il

faut tuer les passions." Die berühmteste Formel dafür steht im neuen

Testament, in jener Bergpredigt, wo, anbei gesagt, die Dinge durchaus

nicht aus der Höhe betrachtet werden. Es wird daselbst zum Beispiel

mit Nutzanwendung auf die Geschlechtlichkeit gesagt "wenn dich dein

Auge ärgert, so reisse es aus": zum Glück handelt kein Christ nach

dieser Vorschrift. Die Leidenschaften und Begierden vernichten,

bloss um ihrer Dummheit und den unangenehmen Folgen ihrer Dummheit

vorzubeugen, erscheint uns heute selbst bloss als eine akute Form der

Dummheit. Wir bewundern die Zahnärzte nicht mehr, welche die Zähne

ausreissen, damit sie nicht mehr weh thun... Mit einiger Billigkeit

werde andrerseits zugestanden, dass auf dem Boden, aus dem das

Christenthum gewachsen ist, der Begriff "Vergeistigung der Passion"

gar nicht concipirt werden konnte. Die erste Kirche kämpfte ja, wie

bekannt, gegen die "Intelligenten" zu Gunsten der "Armen des Geistes":

wie dürfte man von ihr einen intelligenten Krieg gegen die Passion

erwarten? - Die Kirche bekämpft die Leidenschaft mit Ausschneidung in

jedem Sinne: ihre Praktik, ihre "Kur" ist der Castratismus. Sie fragt

nie: "wie vergeistigt, verschönt, vergöttlicht man eine Begierde?" -

sie hat zu allen Zeiten den Nachdruck der Disciplin auf die Ausrottung

(der Sinnlichkeit, des Stolzes, der Herrschsucht, der Habsucht, der

Rachsucht) gelegt. - Aber die Leidenschaften an der Wurzel angreifen

heisst das Leben an der Wurzel angreifen: die Praxis der Kirche ist

lebensfeindlich...

2.

Dasselbe Mittel, Verschneidung, Ausrottung, wird instinktiv im Kampfe

mit einer Begierde von Denen gewählt, welche zu willensschwach,

zu degenerirt sind, um sich ein Maass in ihr auflegen zu können:

von jenen Naturen, die la Trappe nöthig haben, im Gleidiniss

gesprochen (und ohne Gleichniss -), irgend eine endgültige

Feindschafts-Erklärung, eine Kluft zwischen sich und einer Passion.

Die radikalen Mittel sind nur den Degenerirten unentbehrlich; die

Schwäche des Willens, bestinunter geredet, die Unfähigkeit, auf

einen Reiz nicht zu reagiren, ist selbst bloss eine andre Form der

Degenerescenz. Die radikale Feindschaft, die Todfeindschaft gegen

die Sinnlichkeit bleibt ein nachdenkliches Symptom: man ist damit zu

Vermuthungen über den Gesammt-Zustand eines dergestalt Excessiven

berechtigt. - Jene Feindschaft, jener Hass kommt übrigens erst auf

seine Spitze, wenn solche Naturen selbst zur Radikal-Kur, zur Absage

von ihrem "Teufel" nicht mehr Festigkeit genug haben. Man überschaue

die ganze Geschichte der Priester und Philosophen, der Künstler

hinzugenommen: das Giftigste gegen die Sinne ist nicht von den

Impotenten gesagt, auch nicht von den Asketen, sondern von den

unmöglichen Asketen, von Solchen, die es nöthig gehabt hätten, Asketen

zu sein...

3.

Die Vergeistigung der Sinnlichkeit heisst Liebe: sie ist ein

grosser Triumph über das Christenthum. Ein andrer Triumph ist unsre

Vergeistigung der Feindschaft. Sie besteht darin, dass man tief den

Werth begreift, den es hat, Feinde zu haben: kurz, dass man umgekehrt

thut und schliesst als man ehedem that und schloss. Die Kirche wollte

zu allen Zeiten die Vernichtung ihrer Feinde: wir, wir Immoralisten

und Antichristen, sehen unsern Vortheil darin, dass die Kirche

besteht... Auch im Politischen ist die Feindschaft jetzt geistiger

geworden, - viel klüger, viel nachdenklicher, viel schonender. Fast

jede Partei begreift ihr Selbsterhaltungs-Interesse darin, dass die

Gegenpartei nicht von Kräften kommt; dasselbe gilt von der grossen

Politik. Eine neue Schöpfung zumal, etwa das neue Reich, hat Feinde

nöthiger als Freunde: im Gegensatz erst fühlt es sich nothwendig,

im Gegensatz wird es erst nothwendig... Nicht anders verhalten wir

uns gegen den "inneren Feind": auch da haben wir die Feindschaft

vergeistigt, auch da haben wir ihren Werth begriffen. Man ist nur

fruchtbar um den Preis, an Gegensätzen reich zu sein; man bleibt nur

jung unter der Voraussetzung, dass die Seele nicht sich streckt, nicht

nach Frieden begehrt... Nichts ist uns fremder geworden als jene

Wünschbarkeit von Ehedem, die vom "Frieden der Seele", die christliche

Wünschbarkeit; Nichts macht uns weniger Neid als die Moral-Kuh und

das fette Glück des guten Gewissens. Man hat auf das grosse Leben

verzichtet, wenn man auf den Krieg verzichtet... In vielen Fällen

freilich ist der "Frieden der Seele" bloss ein Missverständniss, -

etwas Anderes, das sich nur nicht ehrlicher zu benennen weiss. Ohne

Umschweif und Vorurtheil ein paar Fälle. "Frieden der Seele" kann

zum Beispiel die sanfte Ausstrahlung einer reichen Animalität in's

Moralische (oder Religiöse) sein. Oder der Anfang der Müdigkeit,

der erste Schatten, den der Abend, jede Art Abend wirft. Oder ein

Zeichen davon, dass die Luft feucht ist, dass Südwinde herankommen.

Oder die Dankbarkeit wider Wissen für eine glückliche Verdauung

("Menschenliebe" mitunter genannt). Oder das Stille-werden des

Genesenden, dem alle Dinge neu schmecken und der wartet... Oder

der Zustand, der einer starken Befriedigung unsrer herrschenden

Leidenschaft folgt, das Wohlgefühl einer seltnen Sattheit. Oder die

Altersschwäche unsres Willens, unsrer Begehrungen, unsrer Laster. Oder

die Faulheit, von der Eitelkeit überredet, sich moralisch aufzuputzen.

Oder der Eintritt einer Gewissheit, selbst furchtbaren Gewissheit,

nach einer langen Spannung und Marterung durch die Ungewissheit. Oder

der Ausdruck der Reife und Meisterschaft mitten im Thun, Schaffen,

Wirken, Wollen, das ruhige Athmen, die erreichte "Freiheit des

Willens"... Götzen-Dämmerung: wer weiss? vielleicht auch nur eine Art

"Frieden der Seele"...

4.

- Ich bringe ein Princip in Formel. Jeder Naturalismus in der Moral,

das heisst jede gesunde Moral ist von einem Instinkte des Lebens

beherrscht, - irgend ein Gebot des Lebens wird mit einem bestimmten

Kanon von "Soll" und "Soll nicht" erfüllt, irgend eine Hemmung und

Feindseligkeit auf dem Wege des Lebens wird damit bei Seite geschafft.

Die widernatürliche Moral, das heisst fast jede Moral, die bisher

gelehrt, verehrt und gepredigt worden ist, wendet sich umgekehrt

gerade gegen die Instinkte des Lebens, - sie ist eine bald heimliche,

bald laute und freche Verurtheilung dieser Instinkte. Indem sie sagt

"Gott sieht das Herz an", sagt sie Nein zu den untersten und obersten

Begehrungen des Lebens und nimmt Gott als Feind des Lebens... Der

Heilige, an dem Gott sein Wohlgefallen hat, ist der ideale Castrat...

Das Leben ist zu Ende, wo das "Reich Gottes" anfängt...

5.

Gesetzt, dass man das Frevelhafte einer solchen Auflehnung gegen

das Leben begriffen hat, wie sie in der christlichen Moral beinahe

sakrosankt geworden ist, so hat man damit, zum Glück, auch Etwas

Andres begriffen: das Nutzlose, Scheinbare, Absurde, Lügnerische einer

solchen Auflehnung. Eine Verurtheilung des Lebens von Seiten des

Lebenden bleibt zuletzt doch nur das Symptom einer bestimmten Art von

Leben: die Frage, ob mit Recht, ob mit Unrecht, ist gar nicht damit

aufgeworfen. Man müsste eine Stellung ausserhalb des Lebens haben, und

andrerseits es so gut kennen, wie Einer, wie Viele, wie Alle, die es

gelebt haben, um das Problem vom Werth des Lebens überhaupt anrühren

zu dürfen: Gründe genug, um zu begreifen, dass das Problem ein für

uns unzugängliches Problem ist. Wenn wir von Werthen reden, reden wir

unter der Inspiration, unter der Optik des Lebens: das Leben selbst

zwingt uns Werthe anzusetzen, das Leben selbst werthet durch uns, wenn

wir Werthe ansetzen... Daraus folgt, dass auch jene Widernatur von

Moral, welche Gott als Gegenbegriff und Verurtheilung des Lebens

fasst, nur ein Werthurtheil des Lebens ist - welches Lebens? Welcher

Art von Leben? - Aber ich gab schon die Antwort: des niedergehenden,

des geschwächten, des müden, des verurtheilten Lebens. Moral, wie sie

bisher verstanden worden ist - wie sie zuletzt noch von Schopenhauer

formulirt wurde als "Verneinung des Willens zum Leben" - ist der

décadence-Instinkt selbst, der aus sich einen Imperativ macht: sie

sagt: "geh zu Grunde" sie ist das Urtheil Verurtheilter...

6.

Erwägen wir endlich noch, welche Naivetät es überhaupt ist, zu sagen

"so und so sollte der Mensch sein!" Die Wirklichkeit zeigt uns

einen entzückenden Reichthum der Typen, die Üppigkeit eines

verschwenderischen Formenspiels und -Wechsels: und irgend ein

armseliger Eckensteher von Moralist sagt dazu: "nein! der Mensch

sollte anders sein"?... Er weiss es sogar, wie er sein sollte, dieser

Schlucker und Mucker, er malt sich an die Wand und sagt dazu "ecce

homo!"... Aber selbst wenn der Moralist sich bloss an den Einzelnen

wendet und zu ihm sagt: "so und so solltest du sein!" hört er nicht

auf, sich lächerlich zu machen. Der Einzelne ist ein Stück fatum, von

Vorne und von Hinten, ein Gesetz mehr, eine Nothwendigkeit mehr für

Alles, was kommt und sein wird. Zu ihm sagen "ändere dich" heisst

verlangen, dass Alles sich ändert, sogar rückwärts noch... Und

wirklich, es gab consequente Moralisten, sie wollten den Menschen

anders, nämlich tugendhaft, sie wollten ihn nach ihrem Bilde, nämlich

als Mucker: dazu verneinten sie die Welt! Keine kleine Tollheit!

Keine bescheidne Art der Unbescheidenheit!... Die Moral, insofern sie

verurtheilt, an sich, nicht aus Hinsichten, Rücksichten, Absichten des

Lebens, ist ein spezifischer Irrthum, mit dem man kein Mitleiden haben

soll, eine Degenerirten-Idiosynkrasie, die unsäglich viel Schaden

gestiftet hat!... Wir Anderen, wir Immoralisten, haben umgekehrt unser

Herz weit gemacht für alle Art Verstehn, Begreifen, Gutheissen. Wir

verneinen nicht leicht, wir suchen unsre Ehre darin, Bejahende zu

sein. Immer mehr ist uns das Auge für jene Ökonomie aufgegangen,

welche alles Das noch braucht und auszunützen weiss, was der heilige

Aberwitz des Priesters, der kranken Vernunft im Priester verwirft, für

jene Ökonomie im Gesetz des Lebens, die selbst aus der widerlichen

species des Muckers, des Priesters, des Tugendhaften ihren Vortheil

zieht, - welchen Vortheil? - Aber wir selbst, wir Immoralisten sind

hier die Antwort... -

Die vier grossen Irrthümer.

1.

Irrthum der Verwechslung von Ursache und Folge. - Es giebt keinen

gefährlicheren Irrthum als die Folge mit der Ursache zu verwechseln:

ich heisse ihn die eigentliche Verderbniss der Vernunft. Trotzdem

gehört dieser Irrthum zu den ältesten und jüngsten Gewohnheiten der

Menschheit: er ist selbst unter uns geheiligt, er trägt den Namen

"Religion", "Moral". Jeder Satz, den die Religion und die Moral

formulirt, enthält ihn; Priester und Moral-Gesetzgeber sind die

Urheber jener Verderbniss der Vernunft. - Ich nehme ein Beispiel:

Jedermann kennt das Buch des berühmten Cornaro, in dem er seine

schmale Diät als Recept zu einem langen und glücklichen Leben - auch

tugendhaften - anräth. Wenige Bücher sind so viel gelesen worden, noch

jetzt wird es in England jährlich in vielen Tausenden von Exemplaren

gedruckt. Ich zweifle nicht daran, dass kaum ein Buch (die Bibel, wie

billig, ausgenommen) so viel Unheil gestiftet, so viele Leben verkürzt

hat wie dies so wohlgemeinte Curiosum. Grund dafür: die Verwechslung

der Folge mit der Ursache. Der biedere Italiäner sah in seiner Diät

die Ursache seines langen Lebens: während die Vorbedingung zum langen

Leben, die ausserordentliche Langsamkeit des Stoffwechsels, der

geringe Verbrauch, die Ursache seiner schmalen Diät war. Es stand

ihm nicht frei, wenig oder viel zu essen, seine Frugalität war nicht

ein "freier Wille": er wurde krank, wenn er mehr ass. Wer aber kein

Karpfen ist, thut nicht nur gut, sondern hat es nöthig, ordentlich

zu essen. Ein Gelehrter unsrer Tage, mit seinem rapiden Verbrauch an

Nervenkraft, würde sich mit dem régime Cornaro's zu Grunde richten.

Crede experto. -

2.

Die allgemeinste Formel, die jeder Religion und Moral zu Grunde liegt,

heisst: "Thue das und das, lass das und das - so wirst du glücklich!

Im andern Falle..." Jede Moral, jede Religion ist dieser Imperativ,

- ich nenne ihn die grosse Erbsünde der Vernunft, die unsterbliche

Unvernunft. In meinem Munde verwandelt sich jene Formel in ihre

Umkehrung - erstes Beispiel meiner "Umwerthung aller Werthe": ein

wohlgerathener Mensch, ein "Glücklicher", muss gewisse Handlungen

thun und scheut sich instinktiv vor anderen Handlungen, er trägt die

Ordnung, die er physiologisch darstellt, in seine Beziehungen zu

Menschen und Dingen hinein. In Formel: seine Tugend ist die Folge

seines Glücks... Langes Leben, eine reiche Nachkommenschaft ist nicht

der Lohn der Tugend, die Tugend ist vielmehr selbst jene Verlangsamung

des Stoffwechsels, die, unter Anderem, auch ein langes Leben, eine

reiche Nachkommenschaft, kurz den Cornarismus im Gefolge hat. - Die

Kirche und die Moral sagen: "ein Geschlecht, ein Volk wird durch

Laster und Luxus zu Grunde gerichtet." Meine wiederhergestellte

Vernunft sagt: wenn ein Volk zu Grunde geht, physiologisch degenerirt,

so folgen daraus Laster und Luxus (das heisst das Bedürfniss nach

immer stärkeren und häufigeren Reizen, wie sie jede erschöpfte Natur

kennt). Dieser junge Mann wird frühzeitig blass und welk. Seine

Freunde sagen: daran ist die und die Krankheit schuld. Ich sage: dass

er krank wurde, dass er der Krankheit nicht widerstand, war bereits

die Folge eines verarmten Lebens, einer hereditären Erschöpfung. Der

Zeitungsleser sagt: diese Partei richtet sich mit einem solchen Fehler

zu Grunde. Meine höhere Politik sagt: eine Partei, die solche Fehler

macht, ist am Ende - sie hat ihre Instinkt-Sicherheit nicht mehr.

Jeder Fehler in jedem Sinne ist die Folge von Instinkt-Entartung, von

Disgregation des Willens: man definirt beinahe damit das Schlechte.

Alles Gute ist Instinkt - und, folglich, leicht, nothwendig, frei. Die

Mühsal ist ein Einwand, der Gott ist typisch vom Helden unterschieden

(in meiner Sprache: die leichten Füsse das erste Attribut der

Göttlichkeit).

3.

Irrthum einer falschen Ursächlichkeit. - Man hat zu allen Zeiten

geglaubt, zu wissen, was eine Ursache ist: aber woher nahmen wir unser

Wissen, genauer, unsern Glauben, hier zu wissen? Aus dem Bereich

der berühmten "inneren Thatsachen", von denen bisher keine sich als

thatsächlich erwiesen hat. Wir glaubten uns selbst im Akt des Willens

ursächlich; wir meinten da wenigstens die Ursächlichkeit auf der

That zu ertappen. Man zweifelte insgleichen nicht daran, dass alle

antecedentia einer Handlung, ihre Ursachen, im Bewusstsein zu suchen

seien und darin sich wiederfänden, wenn man sie suche - als "Motive":

man wäre ja sonst zu ihr nicht frei, für sie nicht verantwortlich

gewesen. Endlich, wer hätte bestritten, dass ein Gedanke verursacht

wird? dass das Ich den Gedanken verursacht?... Von diesen drei

"inneren Thatsachen", mit denen sich die Ursächlichkeit zu verbürgen

schien, ist die erste und überzeugendste die vom Willen als Ursache;

die Conception eines Bewusstseins ("Geistes") als Ursache und später

noch die des Ich (des "Subjekts") als Ursache sind bloss nachgeboren,

nachdem vom Willen die Ursächlichkeit als gegeben feststand, als

Empirie... Inzwischen haben wir uns besser besonnen. Wir glauben heute

kein Wort mehr von dem Allen. Die "innere Welt" ist voller Trugbilder

und Irrlichter: der Wille ist eins von ihnen. Der Wille bewegt nichts

mehr, erklärt folglich auch nichts mehr - er begleitet bloss Vorgänge,

er kann auch fehlen. Das sogenannte "Motiv": ein andrer Irrthum. Bloss

ein Oberflächenphänomen des Bewusstseins, ein Nebenher der That,

das eher noch die antecedentia einer That verdeckt, als dass es sie

darstellt. Und gar das Ich! Das ist zur Fabel geworden, zur Fiktion,

zum Wortspiel: das hat ganz und gar aufgehört, zu denken, zu fühlen

und zu wollen!... Was folgt daraus? Es giebt gar keine geistigen

Ursachen! Die ganze angebliche Empirie dafür gieng zum Teufel! Das

folgt daraus! - Und wir hatten einen artigen Missbrauch mit jener

"Empirie" getrieben, wir hatten die Welt daraufhin geschaffen als

eine Ursachen-Welt, als eine Willens-Welt, als eine Geister-Welt. Die

älteste und längste Psychologie war hier am Werk, sie hat gar nichts

Anderes gethan: alles Geschehen war ihr ein Thun, alles Thun Folge

eines Willens, die Welt wurde ihr eine Vielheit von Thätern, ein

Thäter (ein "Subjekt") schob sich allem Geschehen unter. Der Mensch

hat seine drei "inneren Thatsachen", Das, woran er am festesten

glaubte, den Willen, den Geist, das Ich, aus sich herausprojicirt, -

er nahm erst den Begriff Sein aus dem Begriff Ich heraus, er hat die

"Dinge" als seiend gesetzt nach seinem Bilde, nach seinem Begriff des

Ichs als Ursache. Was Wunder, dass er später in den Dingen immer nur

wiederfand, was er in sie gesteckt hatte?- Das Ding selbst, nochmals

gesagt, der Begriff Ding, ein Reflex bloss vom Glauben an's Ich als

Ursache... Und selbst noch Ihr Atom, meine Herren Mechanisten und

Physiker, wie viel Irrthum, wie viel rudimentäre Psychologie ist noch

in Ihrem Atom rückständig! - Gar nicht zu reden vom "Ding an sich",

vom horrendum pudendum der Metaphysiker! Der Irrthum vom Geist als

Ursache mit der Realität verwechselt! Und zum Maass der Realität

gemacht! Und Gott genannt! -

4.

Irrthum der imaginären Ursachen. - Vom Traume auszugehn: einer

bestimmten Empfindung, zum Beispiel in Folge eines fernen

Kanonenschusses, wird nachträglich eine Ursache untergeschoben (oft

ein ganzer kleiner Roman, in dem gerade der Träumende die Hauptperson

ist). Die Empfindung dauert inzwischen fort, in einer Art von

Resonanz: sie wartet gleichsam, bis der Ursachentrieb ihr erlaubt, in

den Vordergrund zu treten, - nunmehr nicht mehr als Zufall, sondern

als "Sinn". Der Kanonenschuss tritt in einer causalen Weise auf, in

einer anscheinenden Umkehrung der Zeit. Das Spätere, die Motivirung,

wird zuerst erlebt, oft mit hundert Einzelnheiten, die wie im Blitz

vorübergehn, der Schuss folgt... Was ist geschehen? Die Vorstellungen,

welche ein gewisses Befinden erzeugte, wurden als Ursache desselben

missverstanden. - Thatsächlich machen wir es im Wachen ebenso.

Unsre meisten Allgemeingefühle - jede Art Hemmung, Druck, Spannung,

Explosion im Spiel und Gegenspiel der Organe, wie in Sonderheit der

Zustand des nervus sympathicus - erregen unsern Ursachentrieb: wir

wollen einen Grund haben, uns so und so zu befinden, - uns schlecht zu

befinden oder gut zu befinden. Es genügt uns niemals, einfach bloss

die Thatsache, dass wir uns so und so befinden, festzustellen: wir

lassen diese Thatsache erst zu, - werden ihrer bewusst -, wenn wir ihr

eine Art Motivirung gegeben haben. - Die Erinnerung, die in solchem

Falle, ohne unser Wissen, in Thätigkeit tritt, führt frühere Zustände

gleicher Art und die damit verwachsenen Causal-Interpretationen

herauf, - nicht deren Ursächlichkeit. Der Glaube freilich, dass die

Vorstellungen, die begleitenden Bewusstseins-Vorgänge die Ursachen

gewesen seien, wird durch die Erinnerung auch mit heraufgebracht. So

entsteht eine Gewöhnung an eine bestimmte Ursachen-Interpretation,

die in Wahrheit eine Erforschung der Ursache hemmt und selbst

ausschliesst.

5.

Psychologische Erklärung dazu. - Etwas Unbekanntes auf etwas Bekanntes

zurückführen, erleichtert, beruhigt, befriedigt, giebt ausserdem ein

Gefühl von Macht. Mit dem Unbekannten ist die Gefahr, die Unruhe,

die Sorge gegeben, - der erste Instinkt geht dahin, diese peinlichen

Zustände wegzuschaffen. Erster Grundsatz: irgend eine Erklärung ist

besser als keine. Weil es sich im Grunde nur um ein Loswerdenwollen

drückender Vorstellungen handelt, nimmt man es nicht gerade streng mit

den Mitteln, sie loszuwerden: die erste Vorstellung, mit der sich das

Unbekannte als bekannt erklärt, thut so wohl, dass man sie "für wahr

hält". Beweis der Lust ("der Kraft") als Criterium der Wahrheit. - Der

Ursachen-Trieb ist also bedingt und erregt durch das Furchtgefühl.

Das "Warum?" soll, wenn irgend möglich, nicht sowohl die Ursache um

ihrer selber willen geben, als vielmehr eine Art von Ursache - eine

beruhigende, befreiende, erleichternde Ursache. Dass etwas schon

Bekanntes, Erlebtes, in die Erinnerung Eingeschriebenes als Ursache

angesetzt wird, ist die erste Folge dieses Bedürfnisses. Das Neue, das

Unerlebte, das Fremde wird als Ursache ausgeschlossen. - Es wird also

nicht nur eine Art von Erklärungen als Ursache gesucht, sondern eine

ausgesuchte und bevorzugte Art von Erklärungen, die, bei denen am

schnellsten, am häufigsten das Gefühl des Fremden, Neuen, Unerlebten

weggeschafft worden ist, - die gewöhnlichsten Erklärungen. - Folge:

eine Art von Ursachen-Setzung überwiegt immer mehr, concentrirt sich

zum System und tritt endlich dominirend hervor, das heisst andere

Ursachen und Erklärungen einfach ausschliessend. - Der Banquier denkt

sofort an's "Geschäft", der Christ an die "Sünde", das Mädchen an

seine Liebe.

6.

Der ganze Bereich der Moral und Religion gehört unter diesen

Begriff der imaginären Ursachen. - "Erklärung" der unangenehmen

Allgemeingefühle. Dieselben sind bedingt durch Wesen, die uns

feind sind (böse Geister: berühmtester Fall - Missverständniss der

Hysterischen als Hexen). Dieselben sind bedingt durch Handlungen, die

nicht zu billigen sind (das Gefühl der "Sünde", der "Sündhaftigkeit"

einem physiologischen Missbehagen untergeschoben - man findet immer

Gründe, mit sich unzufrieden zu sein). Dieselben sind bedingt als

Strafen, als eine Abzahlung für Etwas, das wir nicht hätten thun, das

wir nicht hätten sein sollen (in impudenter Form von Schopenhauer zu

einem Satze verallgemeinert, in dem die Moral als Das erscheint, was

sie ist, als eigentliche Giftmischerin und Verleumderin des Lebens:

"jeder grosse Schmerz, sei er leiblich, sei er geistig, sagt aus, was

wir verdienen; denn er könnte nicht an uns kommen, wenn wir ihn nicht

verdienten." Welt als Wille und Vorstellung, 2, 666). Dieselben sind

bedingt als Folgen unbedachter, schlimm auslaufender Handlungen (die

Affekte, die Sinne als Ursache, als "schuld" angesetzt; physiologische

Nothstände mit Hülfe anderer Nothstände als "verdient" ausgelegt). -

"Erklärung" der angenehmen Allgemeingefühle. Dieselben sind bedingt

durch Gottvertrauen. Dieselben sind bedingt durch das Bewusstsein

guter Handlungen (das sogenannte "gute Gewissen", ein physiologischer

Zustand, der mitunter einer glücklichen Verdauung zum Verwechseln

ähnlich sieht). Dieselben sind bedingt durch den glücklichen Ausgang

von Unternehmungen (- naiver Fehlschluss: der glückliche Ausgang einer

Unternehmung schafft einem Hypochonder oder: einem Pascal durchaus

keine angenehmen Allgemeingefühle). Dieselben sind bedingt durch

Glaube, Liebe, Hoffnung - die christlichen Tugenden. - In Wahrheit

sind alle diese vermeintlichen Erklärungen Folgezustände und gleichsam

Übersetzungen von Lust oder Unlust-Gefühlen in einen falschen Dialekt:

man ist im Zustande zu hoffen, weil das physiologische Grundgefühl

wieder stark und reich ist; man vertraut Gott, weil das Gefühl der

Fülle und Stärke Einem Ruhe giebt. - Die Moral und Religion gehört

ganz und gar unter die Psychologie des Irrthums: in jedem einzelnen

Falle wird Ursache und Wirkung verwechselt; oder die Wahrheit mit der

Wirkung des als wahr Geglaubten verwechselt; oder ein Zustand des

Bewusstseins mit der Ursächlichkeit dieses Zustands verwechselt.

7.

Irrthum vom freien Willen. - Wir haben heute kein Mitleid mehr mit

dem Begriff "freier Wille": wir wissen nur zu gut, was er ist -

das anrüchigste Theologen-Kunststück, das es giebt, zum Zweck, die

Menschheit in ihrem Sinne "verantwortlich" zu machen, das heisst sie

von sich abhängig zu machen... Ich gebe hier nur die Psychologie alles

Verantwortlichmachens. - überall, wo Verantwortlichkeiten gesucht

werden, pflegt es der Instinkt des Strafen- und Richten-Wollens zu

sein, der da sucht. Man hat das Werden seiner Unschuld entkleidet,

wenn irgend ein So-und-so Sein auf Wille, auf Absichten, auf Akte

der Verantwortlichkeit zurückgeführt wird: die Lehre vom Willen

ist wesentlich erfunden zum Zweck der Strafe, das heisst des

Schuldig-finden-wollens. Die ganze alte Psychologie, die

Willens-Psychiologie hat ihre Voraussetzung darin, dass deren Urheber,

die Priester an der Spitze alter Gemeinwesen, sich ein Recht schaffen

wollten, Strafen zu verhängen - oder Gott dazu ein Recht schaffen

wollten... Die Menschen wurden "frei" gedacht, um gerichtet, um

gestraft werden zu können, - um schuldig werden zu können: folglich

musste jede Handlung als gewollt, der Ursprung jeder Handlung im

Bewusstsein liegend gedacht werden (- womit die grundsätzlichste

Falschmünzerei in psychologicis zum Princip der Psychologie selbst

gemacht war... ) Heute, wo wir in die umgekehrte Bewegung eingetreten

sind, wo wir Immoralisten zumal mit aller Kraft den Schuldbegriff und

den Strafbegriff aus der Welt wieder herauszunehmen und Psychologie,

Geschichte, Natur, die gesellschaftlichen Institutionen und Sanktionen

von ihnen zu reinigen suchen, giebt es in unsern Augen keine

radikalere Gegnerschaft als die der Theologen, welche fortfahren, mit

dem Begriff der "sittlichen Weltordnung" die Unschuld des Werdens

durch "Strafe" und "Schuld" zu durchseuchen. Das Christenthum ist eine

Metaphysik des Henkers...

8.

Was kann allein unsre Lehre sein? - Dass Niemand dem Menschen seine

Eigenschaften giebt, weder Gott, noch die Gesellschaft, noch seine

Eltern und Vorfahren, noch er selbst (- der Unsinn der hier zuletzt

abgelehnten Vorstellung ist als "intelligible Freiheit" von Kant,

vielleicht auch schon von Plato gelehrt worden). Niemand ist dafür

verantwortlich, dass er überhaupt da ist, dass er so und so beschaffen

ist, dass er unter diesen Umständen, in dieser Umgebung ist. Die

Fatalität seines Wesens ist nicht herauszulösen aus der Fatalität

alles dessen, was war und was sein wird. Er ist nicht die Folge einer

eignen Absicht, eines Willens, eines Zwecks, mit ihm wird nicht der

Versuch gemacht, ein "Ideal von Mensch" oder ein "Ideal von Glück"

oder ein "Ideal von Moralität" zu erreichen, - es ist absurd, sein

Wesen in irgend einen Zweck hin abwälzen zu wollen. Wir haben den

Begriff "Zweck" erfunden: in der Realität fehlt der Zweck... Man ist

nothwendig, man ist ein Stück Verhängniss, man gehört zum Ganzen, man

ist im Ganzen, - es giebt Nichts, was unser Sein richten, messen,

vergleichen, verurtheilen könnte, denn das hiesse das Ganze richten,

messen, vergleichen, verurtheilen... Aber es giebt Nichts ausser dem

Ganzen! - Dass Niemand mehr verantwortlich gemacht wird, dass die Art

des Seins nicht auf eine causa prima zurückgeführt werden darf, dass

die Welt weder als Sensorium, noch als "Geist" eine Einheit ist, dies

erst ist die grosse Befreiung, - damit erst ist die Unschuld des

Werdens wieder hergestellt... Der Begriff "Gott" war bisher der

grösste Einwand gegen das Dasein... Wir leugnen Gott, wir leugnen die

Verantwortlichkeit in Gott: damit erst erlösen wir die Welt. -

Die "Verbesserer" der Menschheit.

1.

Man kennt meine Forderung an den Philosophen, sich jenseits von Gut

und Böse zu stellen, - die Illusion des moralischen Urtheils unter

sich zu haben. Diese Forderung folgt aus einer Einsicht, die von mir

zum ersten Male formulirt worden ist: dass es gar keine moralischen

Thatsachen giebt. Das moralische Urtheil hat Das mit dem religiösen

gemein, dass es an Realitäten glaubt, die keine sind. Moral ist

nur eine Ausdeutung gewisser Phänomene, bestimmter geredet, eine

Missdeutung. Das moralische Urtheil gehört, wie das religiöse, einer

Stufe der Unwissenheit zu, auf der selbst der Begriff des Realen,

die Unterscheidung des Realen und Imaginären noch fehlt: so dass

"Wahrheit" auf solcher Stufe lauter Dinge bezeichnet, die wir heute

"Einbildungen" nennen. Das moralische Urtheil ist insofern nie

wörtlich zu nehmen: als solches enthält es immer nur Widersinn. Aber

es bleibt als Semiotik unschätzbar: es offenbart, für den Wissenden

wenigstens, die werthvollsten Realitäten von Culturen und

Innerlichkeiten, die nicht genug wussten, um sich selbst zu

"verstehn". Moral ist bloss Zeichenrede, bloss Symptomatologie: man

muss bereits wissen, worum es sich handelt, um von ihr Nutzen zu

ziehen.

2.

Ein erstes Beispiel und ganz vorläufig. Zu allen Zeiten hat man die

Menschen "verbessern" wollen: dies vor Allem hiess Moral. Aber unter

dem gleichen Wort ist das Allerverschiedenste von Tendenz versteckt.

Sowohl die Zähmung der Bestie Mensch als die Züchtung einer bestimmten

Gattung Mensch ist "Besserung" genannt worden: erst diese zoologischen

termini drücken Realitäten aus - Realitäten freilich, von denen der

typische "Verbesserer", der Priester, Nichts weiss - Nichts wissen

will... Die Zähmung eines Thieres seine "Besserung" nennen ist

in unsren Ohren beinahe ein Scherz. Wer weiss, was in Menagerien

geschieht, zweifelt daran, dass die Bestie daselbst "verbessert" wird.

Sie wird geschwächt, sie wird weniger schädlich gemacht, sie wird

durch den depressiven Affekt der Furcht, durch Schmerz, durch Wunden,

durch Hunger zur krankhaften Bestie. - Nicht anders steht es mit dem

gezähmten Menschen, den der Priester "verbessert" hat. Im frühen

Mittelalter, wo in der That die Kirche vor Allem eine Menagerie war,

machte man allerwärts auf die schönsten Exemplare der "blonden Bestie"

Jagd, - man "verbesserte" zum Beispiel die vornehmen Germanen.

Aber wie sah hinterdrein ein solcher "verbesserter", in's Kloster

verführter Germane aus? Wie eine Caricatur des Menschen, wie eine

Missgeburt: er war zum "Sünder" geworden, er stak im Käfig, man hatte

ihn zwischen lauter schreckliche Begriffe eingesperrt... Da lag er

nun, krank, kümmerlich, gegen sich selbst böswillig; voller Hass gegen

die Antriebe zum Leben, voller Verdacht gegen Alles, was noch stark

und glücklich war. Kurz, ein "Christ"... Physiologisch geredet: im

Kampf mit der Bestie kann Krank machen das einzige Mittel sein, sie

schwach zu machen. Das verstand die Kirche: sie verdarb den Menschen,

sie schwächte ihn, - aber sie nahm in Anspruch, ihn "verbessert" zu

haben...

3.

Nehmen wir den andern Fall der sogenannten Moral, den Fall der

Züchtung einer bestimmten Rasse und Art. Das grossartigste Beispiel

dafür giebt die indische Moral, als "Gesetz des Manu" zur Religion

sanktionirt. Hier ist die Aufgabe gestellt, nicht weniger als vier

Rassen auf einmal zu züchten: eine priesterliche, eine kriegerische,

eine händler- und ackerbauerische, endlich eine Dienstboten-Rasse, die

Sudras. Ersichtlich sind wir hier nicht mehr unter Thierbändigern:

eine hundert Mal mildere und vernünftigere Art Mensch ist die

Voraussetzung, um auch nur den Plan einer solchen Züchtung zu

concipiren. Man athmet auf, aus der christlichen Kranken- und

Kerkerluft in diese gesündere, höhere, weitere Welt einzutreten. Wie

armselig ist das "neue Testament" gegen Manu, wie schlecht riecht

es! - Aber auch diese Organisation hatte nöthig, furchtbar zu

sein, - nicht dies Mal im Kampf mit der Bestie, sondern mit ihrem

Gegensatz-Begriff, dem Nicht-Zucht-Menschen, dem Mischmasch-Menschen,

dem Tschandala. Und wieder hatte sie kein andres Mittel, ihn

ungefährlich, ihn schwach zu machen, als ihn krank zu machen, - es war

der Kampf mit der "grossen Zahl". Vielleicht giebt es nichts unserm

Gefühle Widersprechenderes als diese Schutzmaassregeln der indischen

Moral. Das dritte Edikt zum Beispiel (Avadana-Sastra 1), das "von

den unreinen Gemüsen", ordnet an, dass die einzige Nahrung, die

den Tschandala erlaubt ist, Knoblauch und Zwiebeln sein sollen, in

Anbetracht, dass die heilige Schrift verbietet, ihnen Korn oder

Früchte, die Körner tragen, oder Wasser oder Feuer zu geben. Dasselbe

Edikt setzt fest, dass das Wasser, welches sie nöthig haben, weder

aus den Flüssen, noch aus den Quellen, noch aus den Teichen genommen

werden dürfe, sondern nur aus den Zugängen zu Sümpfen und aus Löchern,

welche durch die Fusstapfen der Thiere entstanden sind. Insgleichen

wird ihnen verboten, ihre Wäsche zu waschen und sich selbst zu

waschen, da das Wasser, das ihnen aus Gnade zugestanden wird, nur

benutzt werden darf, den Durst zu löschen. Endlich ein Verbot an

die Sudra-Frauen, den Tschandala-Frauen bei der Geburt beizustehen,

insgleichen noch eins für die letzteren, einander dabei beizustehen...

- Der Erfolg einer solchen Sanitäts-Polizei blieb nicht aus:

mörderische Seuchen, scheussliche Geschlechtskrankheiten und darauf

hin wieder "das Gesetz des Messers", die Beschneidung für die

männlichen, die Abtragung der kleinen Schamlippen für die weiblichen

Kinder anordnend. - Manu selbst sagt: "die Tschandala sind die Frucht

von Ehebruch, Incest und Verbrechen (- dies die nothwendige Consequenz

des Begriffs Züchtung). Sie sollen zu Kleidern nur die Lumpen von

Leichnamen haben, zum Geschirr zerbrochne Töpfe, zum Schmuck altes

Eisen, zum Gottesdienst nur die bösen Geister; sie sollen ohne Ruhe

von einem Ort zum andern schweifen. Es ist ihnen verboten, von links

nach rechts zu schreiben und sich der rechten Hand zum Schreiben zu

bedienen: der Gebrauch der rechten Hand und des von Links nach Rechts

ist bloss den Tugendhaften vorbehalten, den Leuten von Rasse." -

4.

Diese Verfügungen sind lehrreich genug: in ihnen haben wir einmal die

arische Humanität, ganz rein, ganz ursprünglich, - wir lernen, dass

der Begriff "reines Blut" der Gegensatz eines harmlosen Begriffs

ist. Andrerseits wird klar, in welchem Volk sich der Hass, der

Tschandala-Hass gegen diese "Humanität" verewigt hat, wo er Religion,

wo er Genie geworden ist...Unter diesem Gesichtspunkte sind die

Evangelien eine Urkunde ersten Ranges; noch mehr das Buch Henoch.

- Das Christenthum, aus jüdischer Wurzel und nur verständlich als

Gewächs dieses Bodens, stellt die Gegenbewegung gegen jede Moral der

Züchtung, der Rasse, des Privilegiums dar: - es ist die antiarische

Religion par excellence: das Christenthum die Umwerthung aller

arischen Werthe, der Sieg der Tschandala Werthe, das Evangelium

den Armen, den Niedrigen gepredigt, der Gesammt-Aufstand alles

Niedergetretenen, Elenden, Missrathenen, Schlechtweggekommenen gegen

die "Rasse", - die unsterbliche Tschandala-Rache als Religion der

Liebe...

5.

Die Moral der Züchtung und die Moral der Zähmung sind in den Mitteln,

sich durchzusetzen, vollkommen einander würdig: wir dürfen als

obersten Satz hinstellen, dass, um Moral zu machen, man den

unbedingten Willen zum Gegentheil haben muss. Dies ist das grosse,

das unheimliche Problem, dem ich am längsten nachgegangen bin: die

Psychologie der "Verbesserer" der Menschheit. Eine kleine und im

Grunde bescheidne Thatsache, die der sogenannten pia fraus, gab mir

den ersten Zugang zu diesem Problem: die pia fraus, das Erbgut aller

Philosophen und Priester, die die Menschheit "verbesserten". Weder

Manu, noch Plato, noch Confucius, noch die jüdischen und christlichen

Lehrer haben je an ihrem Recht zur Lüge gezweifelt. Sie haben an ganz

andren Rechten nicht gezweifelt... In Formel ausgedrückt dürfte man

sagen: alle Mittel, wodurch bisher die Menschheit moralisch gemacht

werden sollte, waren von Grund aus unmoralisch. -

Was den Deutschen abgeht.

1.

Unter Deutschen ist es heute nicht genug, Geist zu haben: man muss ihn

noch sich nehmen, sich Geist herausnehmen...

Vielleicht kenne ich die Deutschen, vielleicht darf ich selbst ihnen

ein paar Wahrheiten sagen. Das neue Deutschland stellt ein grosses

Quantum vererbter und angeschulter Tüchtigkeit dar, so dass es den

aufgehäuften Schatz von Kraft eine Zeit lang selbst verschwenderisch

ausgeben darf. Es ist nicht eine hohe Cultur, die mit ihm Herr

geworden, noch weniger ein delikater Geschmack, eine vornehme

"Schönheit" der Instinkte; aber männlichere Tugenden, als sonst ein

Land Europa's aufweisen kann. Viel guther Muth und Achtung vor sich

selber, viel Sicherheit im Verkehr, in der Gegenseitigkeit der

Pflichten, viel Arbeitsamkeit, viel Ausdauer - und eine angeerbte

Mässigung, welche eher des Stachels als des Hemmschuhs bedarf. Ich

füge hinzu, dass hier noch gehorcht wird, ohne dass das Gehorchen

demüthigt... Und Niemand verachtet seinen Gegner...

Man sieht, es ist mein Wunsch, den Deutschen gerecht zu sein: ich

möchte mir darin nicht untreu werden, - ich muss ihnen also auch

meinen Einwand machen. Es zahlt sich theuer, zur Macht zu kommen: die

Macht verdummt... Die Deutschen - man hiess sie einst das Volk der

Denker: denken sie heute überhaupt noch? - Die Deutschen langweilen

sich jetzt am Geiste, die Deutschen misstrauen jetzt dem Geiste,

die Politik verschlingt allen Ernst für wirklich geistige Dinge -

"Deutschland, Deutschland über Alles", ich fürchte, das war das Ende

der deutschen Philosophie... "Giebt es deutsche Philosophen? giebt

es deutsche Dichter? giebt es gute deutsche Bücher?" fragt man mich

im Ausland. Ich erröthe, aber mit der Tapferkeit, die mir auch in

verzweifelten Fällen zu eigen ist, antworte ich: "Ja, Bismarck!" -

Dürfte ich auch nur eingestehn, welche Bücher man heute liest?...

Vermaledeiter Instinkt der Mittelmässigkeit! -

2.

- Was der deutsche Geist sein könnte, wer hätte nicht schon darüber

seine schwermüthigen Gedanken gehabt! Aber dies Volk hat sich

willkürlich verdummt, seit einem Jahrtausend beinahe: nirgendswo sind

die zwei grossen europäischen Narcotica, Alkohol und Christenthum,

lasterhafter gemissbraucht worden. Neuerdings kam sogar noch

ein drittes hinzu, mit dem allein schon aller feinen und kühnen

Beweglichkeit des Geistes der Garaus gemacht werden kann, die

Musik, unsre verstopfte verstopfende deutsche Musik. - Wie viel

verdriessliche Schwere, Lahmheit, Feuchtigkeit, Schlafrock, wie viel

Bier ist in der deutschen Intelligenz! Wie ist es eigentlich möglich,

dass junge Männer, die den geistigsten Zielen ihr Dasein weihn, nicht

den ersten Instinkt der Geistigkeit, den Selbsterhaltungs-Instinkt des

Geistes in sich fühlen - und Bier trinken?... Der Alkoholismus der

gelehrten Jugend ist vielleicht noch kein Fragezeichen in Absicht

ihrer Gelehrsamkeit - man kann ohne Geist sogar ein grosser Gelehrter

sein -, aber in jedem andren Betracht bleibt er ein Problem. - Wo

fände man sie nicht, die sanfte Entartung, die das Bier im Geiste

hervorbringt! Ich habe einmal in einem beinahe berühmt gewordnen Fall

den Finger auf eine solche Entartung gelegt - die Entartung unsres

ersten deutschen Freigeistes, des klugen David Strauss, zum Verfasser

eines Bierbank-Evangeliums und "neuen Glaubens"... Nicht umsonst hatte

er der "holden Braunen" sein Gelöbniss in Versen gemacht - Treue bis

zum Tod...

3.

- Ich sprach vom deutschen Geiste: dass er gröber wird, dass er sich

verflacht. Ist das genug? - Im Grunde ist es etwas ganz Anderes, das

mich erschreckt: wie es immer mehr mit dem deutschen Ernste, der

deutschen Tiefe, der deutschen Leidenschaft in geistigen Dingen

abwärts geht. Das Pathos hat sich verändert, nicht bloss die

Intellektualität. - Ich berühre hier und da deutsche Universitäten:

was für eine Luft herrscht unter deren Gelehrten, welche öde,

welche genügsam und lau gewordne Geistigkeit! Es wäre ein tiefes

Missverständniss, wenn man mir hier die deutsche Wissenschaft

einwenden wollte - und ausserdem ein Beweis dafür, dass man nicht

ein Wort von mir gelesen hat. Ich bin seit siebzehn Jahren nicht

müde geworden, den entgeistigenden Einfluss unsres jetzigen

Wissenschafts-Betriebs an's Licht zu stellen. Das harte Helotenthum,

zu dem der ungeheure Umfang der Wissenschaften heute jeden Einzelnen

verurtheilt, ist ein Hauptgrund dafür, dass voller, reicher, tiefer

angelegte Naturen keine ihnen gemässe Erziehung und Erzieher mehr

vorfinden. Unsre Cultur leidet an Nichts mehr, als an dem Überfluss

anmaasslicher Eckensteher und Bruchstück-Humanitäten; unsre

Universitäten sind, wider Willen, die eigentlichen Treibhäuser für

diese Art Instinkt-Verkümmerung des Geistes. Und ganz Europa hat

bereits einen Begriff davon - die grosse Politik täuscht Niemanden...

Deutschland gilt immer mehr als Europa's Flachland. - Ich suche noch

nach einem Deutschen, mit dem ich auf meine Weise ernst sein könnte,

- um wie viel mehr nach einem, mit dem ich heiter sein dürfte!

Götzen-Dämmerung: ah wer begriffe es heute, von was für einem Ernste

sich hier ein Einsiedler erholt! - Die Heiterkeit ist an uns das

Unverständlichste...

4.

Man mache einen Überschlag: es liegt nicht nur auf der Hand, dass die

deutsche Cultur niedergeht, es fehlt auch nicht am zureichenden Grund

dafür. Niemand kann zuletzt mehr ausgeben als er hat - das gilt

von Einzelnen, das gilt von Völkern. Giebt man sich für Macht, für

grosse Politik, für Wirthschaft, Weltverkehr, Parlamentarismus,

Militär-Interessen aus, - giebt man das Quantum Verstand, Ernst,

Wille, Selbstüberwindung, das man ist, nach dieser Seite weg, so fehlt

es auf der andern Seite. Die Cultur und der Staat - man betrüge sich

hierüber nicht - sind Antagonisten: "Cultur-Staat" ist bloss eine

moderne Idee. Das Eine lebt vom Andern, das Eine gedeiht auf

Unkosten des Anderen. Alle grossen Zeiten der Cultur sind politische

Niedergangs-Zeiten: was gross ist im Sinn der Cultur war unpolitisch,

selbst antipolitisch. - Goethen gieng das Herz auf bei dem Phänomen

Napoleon, - es gieng ihm zu beiden "Freiheits-Kriegen"... In demselben

Augenblick, wo Deutschland als Grossmacht heraufkommt, gewinnt

Frankreich als Culturmacht eine veränderte Wichtigkeit. Schon heute

ist viel neuer Ernst, viel neue Leidenschaft des Geistes nach Paris

übergesiedelt; die Frage des Pessimismus zum Beispiel, die Frage

Wagner, fast alle psychologischen und artistischen Fragen werden dort

unvergleichlich feiner und gründlicher erwogen als in Deutschland,

- die Deutschen sind selbst unfähig zu dieser Art Ernst. - In der

Geschichte der europäischen Cultur bedeutet die Heraufkunft des

"Reichs" vor allem Eins: eine Verlegung des Schwergewichts. Man weiss

es überall bereits: in der Hauptsache - und das bleibt die Cultur -

kommen die Deutschen nicht mehr in Betracht. Man fragt: habt ihr auch

nur Einen für Europa mitzählenden Geist aufzuweisen? wie euer Goethe,

euer Hegel, euer Heinrich Heine, euer Schopenhauer mitzählte? - Dass

es nicht einen einzigen deutschen Philosophen mehr giebt, darüber ist

des Erstaunens kein Ende. -

5.

Dem ganzen höheren Erziehungswesen in Deutschland ist die Hauptsache

abhanden gekommen: Zweck sowohl als Mittel zum Zweck. Dass Erziehung,

Bildung selbst Zweck ist - und nicht das "Reich" -, dass es zu

diesem Zweck der Erzieherbedarf - und nicht der Gymnasiallehrer und

Universitäts-Gelehrten - man vergass das... Erzieher thun noth, die

selbst erzogen sind, überlegene, vornehme Geister, in jedem Augenblick

bewiesen, durch Wort und Schweigen bewiesen, reife, süss gewordene

Culturen, - nicht die gelehrten Rüpel, welche Gymnasium und

Universität der Jugend heute als "höhere Ammen" entgegenbringt. Die

Erzieherfehlen, die Ausnahmen der Ausnahmen abgerechnet, die erste

Vorbedingung der Erziehung: daher der Niedergang der deutschen Cultur.

- Eine jener allerseltensten Ausnahmen ist mein verehrungswürdiger

Freund Jakob Burckhardt in Basel: ihm zuerst verdankt Basel seinen

Vorrang von Humanität. - Was die "höheren Schulen" Deutschlands

thatsächlich erreichen, das ist eine brutale Abrichtung, um, mit

möglichst geringem Zeitverlust, eine Unzahl junger Männer für den

Staatsdienst nutzbar, ausnutzbar zu machen. "Höhere Erziehung" und

Unzahl - das widerspricht sich von vornherein. Jede höhere Erziehung

gehört nur der Ausnahme: man muss privilegirt sein, um ein Recht auf

ein so hohes Privilegium zu haben. Alle grossen, alle schönen Dinge

können nie Gemeingut sein: pulchrum est paucorum hominum. - Was

bedingt den Niedergang der deutschen Cultur? Dass "höhere Erziehung"

kein Vorrecht mehr ist - der Demokratismus der "allgemeinen", der

gemein gewordnen "Bildung"... Nicht zu vergessen, dass militärische

Privilegien den Zu-Viel-Besuch der höheren Schulen, das heisst ihren

Untergang, förmlich erzwingen. - Es steht Niemandem mehr frei, im

jetzigen Deutschland seinen Kindern eine vornehme Erziehung zu

geben: unsre "höheren" Schulen sind allesammt auf die zweideutigste

Mittelmässigkeit eingerichtet, mit Lehrern, mit Lehrplänen, mit

Lehrzielen. Und überall herrscht eine unanständige Hast, wie als ob

Etwas versäumt wäre, wenn der junge Mann Mit 23 Jahren noch nicht

"fertig" ist, noch nicht Antwort weiss auf die "Hauptfrage": welchen

Beruf? - Eine höhere Art Mensch, mit Verlaub gesagt, liebt nicht

"Berufe", genau deshalb, weil sie sich berufen weiss... Sie hat Zeit,

sie nimmt sich Zeit, sie denkt gar nicht daran, "fertig" zu werden,

- mit dreissig Jahren ist man, im Sinne hoher Cultur, ein Anfänger,

ein Kind. - Unsre überfüllten Gymnasien, unsre überhäuften, stupid

gemachten Gymnasiallehrer sind ein Skandal: um diese Zustände in

Schutz zu nehmen, wie es jüngst die Professoren von Heidelberg gethan

haben, dazu hat man vielleicht Ursachen, - Gründe dafür giebt es

nicht.

6.

- Ich stelle, um nicht aus meiner Art zu fallen, die ja-sagend ist und

mit Widerspruch und Kritik nur mittelbar, nur unfreiwillig zu thun

hat, sofort die drei Aufgaben hin, derentwegen man Erzieher braucht.

Man hat sehen zu lernen, man hat denken zu lernen, man hat sprechen

und schreiben zu lernen: das Ziel in allen Dreien ist eine vornehme

Cultur. - Sehen lernen - dem Auge die Ruhe, die Geduld, das

An-sich-herankommen-lassen angewöhnen; das Urtheil hinausschieben,

den Einzelfall von allen Seiten umgehn und umfassen lernen. Das ist

die erste Vorschulung zur Geistigkeit: auf einen Reiz nicht sofort

reagiren, sondern die hemmenden, die abschliessenden Instinkte in die

Hand bekommen. Sehen lernen, so wie ich es verstehe, ist beinahe Das,

was die unphilosophische Sprechweise den starken Willen nennt: das

Wesentliche daran ist gerade, nicht "wollen", die Entscheidung

aussetzen können. Alle Ungeistigkeit, alle Gemeinheit beruht auf dem

Unvermögen, einem Reize Widerstand zu leisten - man muss reagiren, man

folgt jedem Impulse. In vielen Fällen ist ein solches Müssen bereits

Krankhaftigkeit, Niedergang, Symptom der Erschöpfung, - fast Alles,

was die unphilosophische Rohheit mit dem Namen "Laster" bezeichnet,

ist bloss jenes physiologische Unvermögen, nicht zu reagiren. -

Eine Nutzanwendung vom Sehen-gelernt-haben: man wird als Lernender

überhaupt langsam, misstrauisch, widerstrebend geworden sein. Man wird

Fremdes, Neues jeder Art zunächst mit feindseliger Ruhe herankommen

lassen, - man wird seine Hand davor zurückziehn. Das Offenstehn

mit allen Thüren, das unterthänige Auf-dem-Bauch-Liegen vor jeder

kleinen Thatsache, das allzeit sprungbereite Sich-hinein-Setzen,

Sich-hinein-Stürzen in Andere und Anderes, kurz die berühmte

moderne "Objektivität" ist schlechter Geschmack, ist unvornehm par

excellence. -

7.

Denken lernen: man hat auf unsren Schulen keinen Begriff mehr davon.

Selbst auf den Universitäten, sogar unter den eigentlichen Gelehrten

der Philosophie beginnt Logik als Theorie, als Praktik, als Handwerk,

auszusterben. Man lese deutsche Bücher: nicht mehr die entfernteste

Erinnerung daran, dass es zum Denken einer Technik, eines Lehrplans,

eines Willens zur Meisterschaft bedarf, - dass Denken gelernt sein

will, wie Tanzen gelernt sein will, als eine Art Tanzen... Wer kennt

unter Deutschen jenen feinen Schauder aus Erfahrung noch, den die

leichten Füsse im Geistigen in alle Muskeln überströmen! - Die steife

Tölpelei der geistigen Gebärde, die plumpe Hand beim Fassen - das ist

in dem Grade deutsch, dass man es im Auslande mit dem deutschen Wesen

überhaupt verwechselt. Der Deutsche hat keine Finger für nuances...

Dass die Deutschen ihre Philosophen auch nur ausgehalten haben, vor

Allen jenen verwachsensten Begriffs-Krüppel, den es je gegeben hat,

den grossen Kant, giebt keinen kleinen Begriff von der deutschen

Anmuth. - Man kann nämlich das Tanzen in jeder Form nicht von der

vornehmen Erziehung abrechnen, Tanzen können mit den Füssen, mit den

Begriffen, mit den Worten; habe ich noch zu sagen, dass man es auch

mit der Feder können muss, - dass man schreiben lernen muss? - Aber

an dieser Stelle würde ich deutschen Lesern vollkommen zum Räthsel

werden...

Streifzüge eines Unzeitgemässen.

1.

Meine Unmöglichen. - Seneca: oder der Toreador der Tugend. - Rousseau:

oder die Rückkehr zur Natur in impuris naturalibus. - Schiller: oder

der Moral-Trompeter von Säckingen. - Dante: oder die Hyäne, die in

Gräbern dichtet. - Kant: oder cant als intelligibler Charakter.

-Victor Hugo: oder der Pharus am Meere des Unsinns. - Liszt: oder die

Schule der Geläufigkeit - nach Weibern. - George Sand: oder lactea

ubertas, auf deutsch: die Milchkuh mit "schönem Stil". - Michelet:

oder die Begeisterung, die den Rock auszieht...Carlyle: oder

Pessimismus als zurückgetretenes Mittagessen. - John Stuart Mill: oder

die beleidigende Klarheit. - Les fréres de Goncourt: oder die beiden

Ajaxe im Kampf mit Homer. Musik von Offenbach. - Zola: oder die Freude

zu stinken. -

2.

Götzen-Dämmerung · 第 5 / 6 题