HERBSTANFANG

Freitag nachts, Marien-Feiertag, 8. September. Eine verzweifelte

Stimmung ist in mir, ich fühle es, ich spüre es, _alles geht zu Ende_.

Die dunklen Herbstabende kommen, Deine Schule, A. K., fängt an, und

böse, heimtückische, neidische, lieblose Menschen _zerstören_ mir mein

Paradies, das ich in meiner alten, kranken, dem _Untergange geweihten_

Dichterseele für Dich, einzig und fast irrsinnig _geliebtes Geschöpf_,

errichtet habe unter Tränen. _Du_, _Du_ allein bist auf dieser traurigen

Erde in meinem gefolterten Herzen, und Du weißt nichts davon, kannst,

wirst davon, willst davon nichts wissen — — —. Nie wirst Du meine

Anhänglichkeit ahnen. Dein _Blick_, Deine _Stimme_, _alles_, _alles_ an

Dir ist der Balsam meines todeswunden, todesmüden Herzens. Ich habe Dich

lieb, lieb, wie niemand Dich je lieb haben wird — — —. Und nun spüre ich

das Ende heranschleichen, sonst könnte ich nicht so traurig, so

lebensmüde sein, und beim Erwachen am Morgen so bitter weinen und

weinen, obzwar mir eigentlich nichts Böses geschehen ist — — —. Ich

verlange nichts von Deiner kindlichen dreizehnjährigen Seele, Anna K.,

als daß Du es mir glaubst in Deinem tiefsten Herzen, daß schon im

_Anfang_ Deines ins _ungewisse gefahrvolle_ Leben hinein aufblühenden

Lebens, ein Mann _in unbeschreiblicher Zärtlichkeit_ an Deiner

geliebten, merkwürdigen, kindlichen und dennoch bereits tief

melancholischen Persönlichkeit, mit _ergebenster liebevollster_ Seele

gehangen ist, und viel, viel um Dich getrauert hat, weil die anderen

Menschen alles _mißverstehen_ und _böswillig_, _heimtückisch deuten_!

Ich wollte Dir mit der kleinen Uhr eine besondere Freude bereiten, Dir

meine _vollkommen selbstlose Anhänglichkeit_ zu verstehen geben, aber

auch das haben die hartherzigen, mißtrauischen Menschen nicht _Dir_,

nicht _mir_ gegönnt!

Bleibe mir _gütig gesinnt_, Anna, lasse Dich _von niemandem_ auf falsche

Gedanken bringen! Ein Atemzug Deines Mundes, ein Blick Deiner Augen, ein

Schritt Deines müden kranken Fußes bedeuten mir _die Schönheit_, _die

Traurigkeiten der ganzen Welt_!

Dein Peter Altenberg.

»Annerl, hast du den Brief heute Samstag erhalten, den ich noch gestern

Freitag nachts an dich geschrieben habe?!? Und hast du ihn verstanden?!«

»Selbstverständlich. Was soll ich daran nicht verstehen?! Ich kenn’

Ihnen doch auswendig und inwendig — — —.«

Pause.

»Sie, nächste Woche fangen die Schulen an. Da brauch’ ich

schöne Schulrequisiten. Also zwei solche schöne dicke

Tonking-Bambus-Federstiele, wie Sie sie immer benützen, dann 20 von

Ihnere Stahlfedern, Kuhn 201, aber wirklich 20, oder wissen S’ was, 25,

daß es eine gerade Zahl gibt. Und dann ein schönes Zeichenheft. Und dann

einen Radiergummi. Und dann, no, Sie werden doch wissen, was ich sonst

noch in der Schule brauche. Ja, richtig, einen Bleistiftspitzer, wie Sie

einen haben, in einem kleinen Schachterl. Gott, die Schul’, na

wenigstens is ma in der Schul’. Was haben S’ denn, Sie, Herr Peter?!?«

»Nichts — — —«, erwiderte ich.

Neues Altes · 第 118 / 126 题