KRANKENBESUCH

Die Freunde wollten dem todkranken Dichter eine nach ihrer Ansicht ganz

exzeptionelle vollkommene Schönheit, eine Künstlerin aus München,

vorführen. Sie nahmen daher ein Auto und fuhren hinaus zu ihm in das

Sanatorium.

Die Dame war ganz einfach angekleidet, ganz in Schwarz. Sie hatte

ungefähr die Gestalt der Kaiserin Elisabeth, ein bleiches Gesicht,

aschblonde, fast hellgraue Haare.

Die freiwillige Pflegerin des Dichters begrüßte vor der Zimmertür die

Ankommenden und warf einen flüchtigen, merkwürdigen Blick auf das

unbeschreiblich schöne Perlenkollier an dem nackten Hals der fremden

jungen Dame.

Darauf sagte einer der Freunde des Dichters: »Sie, Fräulein, der Dichter

befindet sich immer in schweren ökonomischen Krisen. Wenn er dies

herrliche Kollier an Ihnen sieht, wird es ihn bei seinen sowieso

zerrütteten Nerven aufregen, daß es Künstler gibt, die anders bezahlt

werden als er.«

»Oh,« sagte sie, »glauben Sie wirklich, daß ihn das aufregen wird? Dann

will ich es ablegen.« Sie nestelte an der Goldschließe, nahm das Kollier

in die hohle rechte Hand — — —.

»Sie sind eine liebe, feine Person!« sagte einer der Freunde. »So etwas

Takt- und Geschmackvolles, diesen halb irrsinnigen Dichter so zu

schonen! Ich muß wirklich sagen, ich könnte Ihnen die Hand dafür

küssen.«

Die Dame trat als erste ruhig in das Krankenzimmer an das Bett des

Dichters, nannte ihren Namen, gab ihm ihre wunderschöne rechte Hand und

ließ ihm das darin befindliche Perlenkollier in der seinen.

Beim Abschied sagten die Freunde: »Jetzt ist keine Gefahr mehr. Jetzt

können Sie Ihr herrliches Perlenkollier schon wieder anlegen.«

»Ich will es lieber in der Tasche behalten«, erwiderte ruhig die

Dame — — —.

Neues Altes · 第 107 / 126 题