EINE GANZ WAHRHAFTIGE BEZIEHUNG

Sie saß an einem riesigen Parterrefenster, das fast den Boden der

staubigen grauen elenden Dorfstraße berührte, und nähte an einer schönen

blinkenden Nähmaschine. Blusen, von morgens bis abends. Ihre Augen

hatten einen Ausdruck von Verzweiflung. Aber sie selbst wußte nichts

davon. Sie nähte, nähte und nähte. Sie war ganz mager, ungeeignet für

den Sturm des Daseins, der Seelen und Körper schüttelt und hinwegfegt.

Abends aß sie das kalte Gemüse vom Mittagstisch. Das sah ich alles durch

das riesige Parterrefenster hindurch, und sie sah, daß ich alles sah.

Eines Abends stand sie vor dem Haustor so angelehnt. Da sagte sie: »Ich

habe eine Stellung angenommen in Mariahilf in einer Blusenfabrik, ich

werde nicht mehr privat arbeiten müssen in diesem einsamen Zimmer.«

Da dachte ich: »Dorfstraße, Dorfstraße, du hast deinen Glanz, du hast

deinen Reichtum eingebüßt!«

»Man muß sich seine Lage verbessern, nicht wahr!?« sagte sie, »ich habe

Sie übrigens immer an meinem Fenster vorübergehen sehen, dreimal des

Tages. Dreimal des Tages sind Sie freilich vorübergegangen. Aber in

Mariahilf werden vierzig Mädchen sein, und man wird plaudern können, und

arbeiten wie in einem Ameisenhaufen — — —.«

»Sie, Fräulein, ich werde auch dreimal noch täglich an Ihrem Fenster

vorübergehen, wenn Sie nicht mehr dasitzen — — —.«

»Ja, werden Sie das?!? Da werde ich also doch auch zugleich zu Hause

sein wie früher in meiner Heimat — — —.«

»Lassen Sie vielleicht Ihre blinkende kleine Nähmaschine am Fenster

stehen, und dabei eine ihrer angefangenen Blusen — — —.«

»Ja, bitte, das werde ich — — —.«

Das war die einzige wahrhaftige Beziehung mit einer Frauenseele während

meines ganzen ereignisreichen Lebens — — —.

Dorfstraße, graue staubige Dorfstraße, du hast nun deinen Glanz, du hast

deinen Reichtum eingebüßt — — —. Sie, sie geht nun in die Arbeit, in die

Welt — — —!

Neues Altes · 第 81 / 126 题