ÜBER LEBENSENERGIEN

Die allerwenigsten Menschen haben auch nur die geringste Ahnung von dem

Inhalt des Wortes »Lebensenergien«. Es ist ein mysteriöses und ganz

simples Wort zugleich: es bedeutet alle Kraft, die unser Nervensystem

enthält, zur Betätigung unsers Lebens. Diese Kraft erhalten, vermehren,

heißt eigentlich: ein Kultivierter sein; sie schwächen, verringern,

heißt: ein Unkultivierter sein. Wir verlieren täglich, stündlich

Tausende wertvollster Lebensenergien durch irrige Lebensführung

jeglicher Art, und dann noch durch den Mangel an Rücksicht der

Nebenmenschen auf unser Nervensystem. Tausend Ungezogenheiten und

Taktlosigkeiten der Menschen zerstören unsre angesammelten

Lebensenergien. Ferner Sorge, Kummer, Eifersucht, Alkohol, schlechtes

Essen, ungezogene Kellner, ungezogene Friseure, ungezogene Freunde,

alles, alles das frißt uns täglich, stündlich unsre angesammelten

Lebensenergien weg, und zwar auf eine merkwürdig schwächende, lähmende,

Zuckerkrankheit vorbereitende Art! Frauen besonders sind genial

geschickte Zerstörerinnen unsrer aufgestapelten Lebensenergien, durch

Erzeugung von Eifersucht, diesem Krebsbazillus der Seele! Man wird

plötzlich grün und gelb, und die Lebenselastizität läßt nach. Jeder

Mensch ist eigentlich ein feiger heimtückischer Mörder eines jeden, den

er in Unruhe setzt ohne zwingendsten Grund! Einem Menschen seine

Lebensenergien erhalten wollen, sie schützen, ja, sie vermehren wollen,

heißt allein: ihn wirklich lieb haben! Alles andre ist Seelenmumpitz!

Wer mich in irgendeiner Sphäre meiner Lebensbetätigungen schwächt,

stört, lähmt, statt mich zu fördern, ist mir feindselig gesinnt, wie er

sich auch sonst stellen möge! Die Erhaltung der Lebensenergien meines

Organismus sei die Sehnsucht einer jeden ernstlich freundschaftlichen

Seele. »In meiner Gegenwart hatte sie einen unbeschreiblich elastischen

Gang, alles an ihr schien leichter und von Erdenschwere befreiter zu

werden — — —«; das wäre das ehrendste Zeugnis für eine wirklich

liebevolle Mannesseele. Seine Verluste an Lebensenergien rechtzeitig

spüren, seine Gewinne freudig buchen im Lebenskonto, würde viele der

angenehmen Fähigkeit näherbringen, das hundertste Jahr, das Pfeifchen

schmauchend, zu überschreiten. Ich bin einmal unerbittlich gegen den

göttlichen Leichtsinn, ich bin für die erdenschwere Bedenklichkeit. Ich

glaube, wenn Franz Schubert mein Intimus gewesen wäre, ich hätte ihm

noch weitere zweitausend Lieder entlockt, indem ich ihn beschworen

hätte, sich der seiner bedürfenden Menschheit zu erhalten durch

allersorgfältigste Schonung seiner Lebensenergien. »Ja, pardon, aber ein

Typhus raffte ihn hinweg — — —.« Aufgestapelte Lebensenergien nehmen hie

und da sogar den erfolgreichen Kampf mit solchen Feinden wie Typhus, mit

einer solchen Hunneninvasion, auf! »Ja, aber, mein Herr Schreiber dieser

Zeilen, weshalb nehmen Sie selbst so wenig Rücksicht auf diese immerhin

beherzigenswerten Lehren, in Ihrem eigenen werten Dasein?!?« Weil ich

dann vielleicht Lebensenergien entwickelte, um noch einige solcher

Bücher wie bisher zu schreiben, und das muß unbedingt hintertrieben

werden durch ungeordnete Lebensführung.

Neues Altes · 第 64 / 126 题