Er hatte zu ihr gesagt: »Nun habe ich dich, _über allen Kitsch der
Künstler_ hinaus, den _Kunstwerken der Natur und des Lebens selbst_
allmählich näher gebracht, habe dich mühselig gelehrt, die Romantik des
Daseins _aus erster Hand_ zu genießen! Nun gebe ich dir einen
allerbesten, spannendsten, aufregendsten, ergreifendsten, lehrreichsten
Roman zu lesen: »_Der Volkskrieg in Tirol_ 1809« von Oberleutnant Rudolf
Bartsch.«
Und sie las es in einigen Stunden einer schlaflosen Nacht. Alle Menschen
darin standen ihr nahe, und sie zitterte um eines jeden Schicksal!
Erzherzog Johann, die Offiziere, die Diplomaten, die Bauernführer wurden
ihr zu vertrauten Freunden. Sie begann das Getriebe der Welt zu erkennen
und Freunde und Feinde in gleicher Weise zu verstehen! Sie sah die
Schlachten zwischen _Intelligenz_ und _Herz_ im Menschen, zwischen
_Vorurteil_ und _Urteil_, zwischen _Fernsicht_ und _Nahsicht_!
Sie gewann eine tiefe, tiefe Liebe zu Peter Mayr und Andreas Hofer, zu
den reinsten der Reinen, den eigentlichen Idealisten in dem Buche.
Sie weinte bitterlich und stundenlang über ihre edle Art. Sie schrieb
sich folgende Stelle auf ein Pergamentblatt heraus und ließ es einrahmen
unter dem Titel: »So sind alle, die für die _Kommenden_ von Wert sind!«
Diese Stelle lautete: Der geniale Hormayr verscherzte sich das Zutrauen
vieler, namentlich der Bauern. Als er nach dem Bankrott der
österreichischen Invasion aus dem Lande floh, _schob_ so recht das ganze
Volk von Tirol den gegen Hormayr einfältigen, aber sittenreinen Sandwirt
an die höchste Stelle — ohne dessen Zutun.
Schob: dieses Wort bezeichnet viel in Hofers Wesen und Laufbahn! Der
bedächtige Sandwirt war keine aggressive, ideenwälzende Natur wie
Haspinger, kein genial tollkühner Unfried wie Speckbacher. Viele seiner
Führer hatten weit größere Begabung als der bloß mit einem schlichten,
gesunden Hausverstand ohne weiten Blick ausgerüstete Hofer. Gedrängt,
unwiderstehlich gedrängt wurde Hofer zu allem, was er tat. Eine äußere,
aber geheime Macht, deren Walten er wohl ahnte, der er nie zu
widerstehen suchte und die er verehrte, trieb ihn: der Volksgeist von
Tirol!
Diese Macht erhob ihn hoch — er blieb demütig und schlicht; diese Macht
entriß ihm all seine Entschlüsse. Durch sie gedrängt, siegte er bei
Sterzing, am Isel und bei Leonhard. Durch sie gehalten, vermochte er
nicht zu fliehen, als die Besten des Landes das sinkende Schiff
verließen — und geschoben, ja ganz verwirrt von dem Einfluß der
Verzweifeltsten des ganzen Landes, brach er im Spätherbst 1809 zum
erstenmal in seinem Leben das Wort, verleugnete seine Unterwerfung,
erhob von neuem den Ruf zum Aufruhr, und erst als sein Körperliches
gefangen und dem Tode geweiht war, da befreite sich seine Seele, eine
tiefe Erkenntnis seines ganzen Lebenslaufes durchzuckte ihn, und da
wuchs er ins Übermenschliche. Dieser weichherzige Mann, der so leicht
die gutmütigen Augen voll Wasser bekam, nahm trockenen Auges Abschied
von einer Welt, die sich schlechter erwiesen hatte als er.
Daß man Hofer so oft verkannt und in ihm den Führer und Kommandanten des
Aufstandes gesehen hatte! Er war weniger und doch mehr. Er war seinem
Volke, was dem Soldaten seine Fahne ist: Das Panier von Tirol!
_Selbst unbeweglich_, aber von den Kühnsten und Besten getragen, _allen
voran_. Unbefleckt, rein, verehrenswürdig, ja wahrhaft geheiligt! Von
der Religion geweiht, vom Paten Johann mit einem Wahlspruch belebt, vom
Kaiser ausgezeichnet und geschmückt. In der höchsten Not entfaltet, als
alle Kommandanten versagten, siegt diese menschliche vorausgetragene
Fahne Andreas Hofer, dann sinkt sie — — und mit ihr das Land Tirol. Er
war eben der einfache, Mensch gewordene Idealismus, der embryonal in
tausend Herzen, in tausend Gehirnen, in tausend Willenskräften verborgen
lag!
Die edle Leserin machte die Hinrichtung Andreas Hofers mit, aber sie
konnte nicht, wie er von sich selbst es sagte, sagen: »So leicht kommt
mir sein Sterben an, daß mir die Augen davon nicht naß werden — — —.«
Sie aß wenig, sie sprach wenig durch viele Tage. Nur dem Freunde, der
ihr diesen »_Roman des wirklichen Lebens_« anempfohlen hatte, blickte
sie dankbarst in die Augen. Da sagte er denn zu ihr: »Dieser
Oberleutnant Rudolf Bartsch ist vielleicht ein _größerer Dichter_ als
viele protokollierte Firmen dieser Branche. Denn er hat die in den
Archiven des Lebens begrabene Poesie und Romantik der Menschheit zu
lebendigem wirkendem Leben gebracht durch sein einfaches tiefes Buch!«
Und die Dame reihte es ein in ihrer kleinen Bibliothek neben ihre
Götter: Hamsun, Strindberg, Maeterlinck, Ibsen, diese _Vermehrer des
Bestandes der allgemeinen menschlichen Seele_!