SANKT-MARTINS-INSEL

Als der Arzt ihr mitteilte, daß sie vor den dunklen Toren der

Tuberkulose stehe, sagte sie: »Na, na, dös tun mer net, mit achtzehn

Jahren?!«

Und sie eilte nach Gravosa, und lag auf der Sankt-Martins-Insel

mutterseelenallein, mit ihren Proviantvorräten, von sieben morgens bis

sieben abends, und breitete splitternackt die Arme aus, um die Heilkraft

der Natur zu empfangen.

Sie ließ sich mit Mentholfranzbranntwein täglich zweimal eine halbe

Stunde lang einreiben und nahm einen halben Liter Kakao mit sechs

eingesprudelten rohen Eidottern. Ferner Bouillons mit eingesprudelten

rohen Eidottern und Seefischfilets in großen Mengen.

Als sie gesund wurde, kam der Ehrgeiz und die Lebenslust über sie, und

sie fand ein Engagement in einem ganz kleinen Theater. Ihre erste Rolle

war die französische Gräfin Laborde-Vallais. Sie wußte durchaus nichts

damit anzufangen, aber ein junger Herr schickte ihr in die Garderobe

seine Visitenkarte.

Sie hatte sich mutig dem Tode entzogen, und bemerkte nun bald, daß das

Leben es nicht wert sei, sich so sehr darum bemüht zu haben. Sie war

dieser Gefahr »Tod« entronnen — nun kam diese größere Gefahr »Leben«!

Dem konnte man nicht mit Sonnenbädern, Kakao, gesprudelten Eidottern,

Mentholfranzbranntwein entrinnen!

Später lernte sie zufällig den Dichter kennen. Sie verstand nicht, worin

das bestehe, ein Dichter zu sein. Man schreibt Bücher, und man ist ein

Dichter. Aber was stellt es vor, und wozu ist es?!?

Aber eines Tages sagte er zu ihr: »Wie war es auf der

Sankt-Martins-Insel?!? Sie lagen da, gottergeben, und erwarteten von

Wiese, Wald und Sonne Ihre Heilung — — —.«

Und jemand sagte zu ihr: »Hören Sie mir schon auf mit Ihrer faden

Sankt-Martins-Insel! Jetzt sind wir Gott sei Dank hier!«

Da blickte sie hilfeflehend zu dem Dichter, und sie fand einen

hilfsbereiten Blick — — —.

Da wußte sie, was ein Dichter sei und wozu er da sei — — —.

Neues Altes · 第 10 / 126 题