Welches das Wesentliche einer anmutigen Unterredung zwischen Mr.
Bumble und einer Dame enthält und zugleich dartut, daß sogar ein
Kirchspieldiener in einigen Punkten empfänglich sein kann.
Der Abend war bitter kalt, und ein heftiger, schneidender Wind
trieb dichte Schneewirbel durch die Luft. Es war ein Abend für die
Wohlbehäbigen, beim lustigen, prasselnden Feuer Gott zu danken, daß
sie daheim waren, und für die heimatlosen Elenden und Hungrigen, sich
niederzulegen und zu sterben. Ach! viele solcher Auswürflinge der
Gesellschaft schließen zu solchen Stunden die Augen auf unseren öden,
verlassenen Straßen, und sie können dieselben, was auch ihr Verbrechen
gewesen sein mag, kaum in einer schlimmeren Welt wieder öffnen.
So sah es draußen aus, als Mrs. Corney, die Vorsteherin des
Armenhauses, in welchem Oliver Twist das Licht der Welt erblickt
hatte, sich in ihrem kleinen Zimmer an ihren behaglichen Kamin setzte
und wohlgefällig ihren kleinen runden Teetisch überblickte, und als
sie gar von dem Tische nach der Feuerstelle hinsah, wo der denkbar
kleinste aller Kessel ein leises Lied mit leiser Stimme sang, wuchs
augenscheinlich ihre innere Befriedigung, und zwar in einem solchen
Grade, daß Mrs. Corney lächelte.
«Ja,» sagte sie, indem sie ihren Arm auf den Tisch stützte und sinnend
ins Feuer blickte, «ich bin überzeugt, wir haben alle volle Ursache,
dankbar zu sein. Volle Ursache, wenn wir es nur anerkennen wollten.»
Sie schüttelte betrübt den Kopf, als wenn sie die geistige Blindheit
der Armen beklagte, die es nicht erkannten, und fing an, ihren Tee zu
bereiten, indem sie mit ihrem silbernen Löffel (Privateigentum!) tief
in eine zinnerne Teebüchse fuhr.
Wie geringe Dinge das Gleichgewicht unserer schwachen Gemüter stören
können! Der schwarze Teetopf war sehr klein und leicht gefüllt, das
Wasser lief über und verbrannte ein wenig ihre Hand.
«Oh, über den verwünschten Topf!» sagte sie, ihn hastig aus der Hand
setzend. «Das kleine dumme Ding hält nur ein paar Tassen. Wem ist er
nütze -- ausgenommen einer armen, einsamen, verlassenen Frau, wie ich
es bin! Ach, ach!»
Bei diesen Worten sank die würdige Dame auf ihren Stuhl und dachte,
abermals den Arm auf den Tisch gestützt, über ihr Geschick nach. Der
kleine Topf und die einzelne Tasse hatten traurige Erinnerungen an
Mr. Corney (der noch nicht länger als fünfundzwanzig Jahre tot war)
erweckt. Sie war davon ganz überwältigt.
«Ich bekomme niemals einen anderen,» sagte sie kummervoll und mißmutig;
«bekomme niemals einen anderen -- wie ihn!»
Wir können nicht entscheiden, ob sich dieser Stoßseufzer auf ihren
Seligen oder den Teetopf bezog, auf welchen zum wenigsten ihre Blicke
gerichtet waren, und der also auch gemeint sein konnte. Sie hatte kaum
die erste Tasse gekostet, als leise geklopft wurde.
«Herein!» rief Mrs. Corney ärgerlich. «Sicher will eins der alten
Weiber sterben. Sie sterben immer, wenn ich bei Tisch sitze oder meine
Tasse Tee trinke. Bleiben Sie nicht da draußen stehen; Sie lassen sonst
die kalte Zugluft herein. Was ist denn schon wieder los?»
«Nichts, Ma'am, nichts», antwortete eine Männerstimme.
«Himmel! sind Sie es wirklich, Mr. Bumble?» rief die Dame jetzt weit
freundlicher aus.
«Zu Diensten, Ma'am», erwiderte Bumble, der draußen stehengeblieben
war, um seine Schuhe zu reinigen und den Schnee von seinem Hute zu
schütteln, und der jetzt eintrat, in der einen Hand seinen dreieckigen
Hut und in der anderen ein Bündel. «Darf ich die Tür schließen, Ma'am?»
Mrs. Corney zögerte verschämt, zu antworten, weil es als eine
Ungeschicklichkeit angesehen werden konnte, wenn sie mit Mr. Bumble bei
geschlossener Tür eine Unterredung unter vier Augen hätte, und Bumble
benutzte die Zögerung, um die Tür ohne erhaltene Erlaubnis zu schließen.
«Schlechtes Wetter, Mr. Bumble», bemerkte die Matrone.
«Ja, ja, Ma'am,» sagte Bumble, «schlechte Witterung für das Kirchspiel.
Wir haben heute nachmittag zwanzig Brote und anderthalb Käse
weggegeben, und das Armenpack ist doch nicht zufrieden. Da ist ein
Mann, der in Anbetracht seiner Frau und einer zahlreichen Familie ein
großes Brot und ein ganzes Pfund Käse erhielt, und bedankte er sich,
bedankte er sich wohl? Prosit die Mahlzeit! Er bettelte obendrein
um Kohlen, und wenn's auch nur ein Taschentuch voll wäre, sagte er.
Und was wollte er mit den Kohlen? Seine Käse darüber rösten und dann
wiederkommen und um noch mehr betteln! So machen sie's, Ma'am -- so
machen sie's alle. Geben Sie ihnen eine Schürze voll Kohlen, und sie
werden übermorgen wiederkommen und eine neue haben wollen -- die
Frechdachse! Vorgestern kam ein Mann, der kaum einen Fetzen auf seinem
Leibe hatte (hier schlug Mrs. Corney verschämt die Augen nieder) --
Sie sind verheiratet gewesen, Ma'am, und so kann ich's wohl sagen --
in des Direktors Haus, als der Herr gerade eine Mittagsgesellschaft
hatte, und bat um Unterstützung. Da er nicht fortgehen wollte und die
Gesellschaft belästigte, ließ ihm der Direktor ein Pfund Kartoffeln
und ein Maß Hafermehl reichen. >Mein Gott,< sagte der undankbare
Bösewicht, >was soll ich damit? Sie könnten mir ebensogut 'ne eiserne
Brille geben.< -- >Sehr wohl,< erwiderte ihm der Direktor, die Spende
wieder an sich nehmend. >Ihr werdet hier sonst nichts bekommen.< --
>Dann sterb' ich auf der offenen Straße<, sagte der Landstreicher. >Das
werdet Ihr wohl bleiben lassen<, sagte der Direktor. Der Bettler ging
und starb auf der Straße. Was sagen Sie zu 'nem solchen Eigensinne,
Mrs. Corney?»
«Es übersteigt alle Begriffe», versetzte die Dame. «Aber halten Sie als
ein Mann von Erfahrung die Unterstützungen außerhalb des Armenhauses
nicht für sehr nachteilig, Mr. Bumble?»
«Mrs. Corney,» erwiderte der Kirchspieldiener mit dem Lächeln bewußter
Überlegenheit, «es ruht vielmehr in ihnen des Kirchspiels Schutz
und Sicherheit. Ihr großes Prinzipium ist, den Armen just das zu
geben, dessen sie nicht bedürfen; sie werden es dann überdrüssig,
wiederzukommen. Deshalb, Mrs. Corney, ist in den impertinenten
Zeitungen so oft die Rede davon, daß arme Kranke mit Käse unterstützt
würden, was jetzt im ganzen Lande die Regel ist. Dies sind jedoch
Dienstgeheimnisse, wovon zu reden jedermann verboten sein sollte,
ausgenommen uns Kirchspielbeamten. Mrs. Corney,» fügte Bumble, sein
Bündel öffnend, hinzu, «dies ist echter Portwein von bester Qualität,
den das Kollegium für die Kranken abzuziehen befohlen hat.»
Er stellte die beiden mitgebrachten Flaschen auf die Kommode, steckte
sein Tuch bedächtig in die Tasche und schickte sich zum Fortgehen an.
Die mitleidige Dame bemerkte, es wäre recht kaltes Wetter, und fragte
ihn schüchtern, ob ihm nicht beliebe, ein Schälchen Tee anzunehmen. Er
legte sogleich den Hut wieder aus der Hand, nahm an dem kleinen, runden
Tische Platz, lächelte und blickte Mrs. Corney so zärtlich an, daß sie
verlegen wegsehen und den Teekessel anblicken mußte. Sie schenkte ihm
ein, er breitete sein Taschentuch über die Knie und fing an zu trinken
und zu essen, seinen Genuß von Zeit zu Zeit mit einem tiefen Seufzer
begleitend, was jedoch seinem Appetit keineswegs schadete, sondern
denselben vielmehr zu stärken schien.
«Ich sehe, Ma'am,» sagte er nach ziemlich geraumer Zeit, «Sie haben
eine Katze und auch kleine Kätzchen.»
«Sie glauben gar nicht, wie lieb ich sie habe, und wie vergnügt und
lustig sie bei mir sind, Mr. Bumble.»
«Mrs. Corney, ich muß sagen: jede Katze, die bei Ihnen und täglich um
Sie wäre und Sie nicht lieb hätte, müßte ein Esel sein.»
«Ah, Mr. Bumble!»
«Es ist die Wahrheit, und ich würde sie mit Vergnügen ersäufen.»
«Mr. Bumble, was Sie für ein hartherziger Mann sind!»
«Ein hartherziger Mann?» wiederholte Bumble mit einem zärtlichen
Seufzer, ergriff und drückte Mrs. Corneys kleinen Finger, rückte ein
wenig um den Tisch herum und rückte immer näher, bis sein Stuhl dicht
neben dem Stuhle Mrs. Corneys stand, die nicht fortrücken konnte, weil
sie sonst dem Kamin zu nahe gekommen sein würde, was zwischen den
beiden Feuern die noch gefährlichere Nähe war. Rechts konnten ihre
Kleider Feuer fangen, links nur ihr Herz; rechts konnte sie auf den
Rost, links nur in Mr. Bumbles Arme fallen. Sie war eine kluge und
umsichtige Frau, berechnete ohne Zweifel die möglichen Folgen, blieb
ganz still sitzen und schenkte Mr. Bumble noch eine Tasse Tee ein.
«Ein hartherziger Mann, Mrs. Corney?» sagte Bumble, seinen Tee
umrührend und ihr in das Angesicht schauend; «sind Sie eine hartherzige
Frau?»
«Mein Gott! Was für eine Frage für einen unverheirateten Mann!» rief
die Matrone aus. «Was wollen Sie damit sagen, Mr. Bumble?»
Bumble trank bis auf den letzten Tropfen aus, verspeiste eine geröstete
Butterschnitte, entfernte die Krumen von seinen Knien, wischte sich
die Lippen und küßte die Matrone bedächtig.
«Mr. Bumble!» rief die keusche Dame flüsternd; denn ihr Schrecken war
so groß, daß ihr die Stimme fast versagte: «Mr. Bumble, ich werde
schreien!»
Bumble sagte gar nichts, sondern legte langsam und mit Würde den Arm um
ihren Leib. Da sie die Absicht, schreien zu wollen, bereits angekündigt
hatte, so würde sie bei dieser neuen Keckheit natürlich geschrien
haben; allein es wurde unnötig, indem hastig an die Tür geklopft wurde,
worauf Bumble ebenso eilig aufsprang und mit großer Vehemenz die
Portweinflaschen abzustäuben anfing. Mrs. Corney rief: «Herein!» Eine
alte Frau steckte den Kopf in das Zimmer und verkündete, daß die alte
Sarah im Sterben läge.
«Was geht es mich an!» entgegnete Mrs. Corney verdrießlich. «Kann ich
sie am Leben erhalten?»
«Das kann freilich niemand, Ma'am; ihr ist nicht mehr zu helfen. Ich
habe viel Kranke sterben sehen, kleine Kinder wie Männer in ihren
besten Jahren, und weiß es auf ein Haar, wann der Tod im Anzuge ist.
Jedoch ist sie unruhig in ihrem Geist und sagt, daß sie Ihnen noch
etwas Notwendiges anzuvertrauen hätte. Sie könnte nicht ruhig sterben,
eh' Sie nicht bei ihr gewesen wären, Ma'am.»
Die würdige Matrone murmelte eine beträchtliche Anzahl von
Verwünschungen gegen die alten Frauen, die niemals sterben könnten,
ohne absichtlich ihre Vorgesetzten zu belästigen, hüllte sich in einen
wärmenden Mantel, bat Bumble, zu bleiben, bis sie wieder da wäre, und
entfernte sich verdrießlich und keifend mit der an sie abgeschickten
alten Frau.
Was Mr. Bumble tat, als er sich allein sah, war etwas unerklärlich. Er
öffnete nämlich den Schrank, zählte die Teelöffel, wog die Zuckerzange,
prüfte einen Milchgießer, ob er auch von echtem Silber wäre, setzte,
nachdem er seine Wißbegier befriedigt, den dreieckigen Hut auf und fing
an, sehr gravitätisch im Zimmer umherzutanzen, nahm darauf den Hut
wieder ab, setzte sich an den Kamin, blickte umher und nahm offenbar im
Geist ein Inventar über die im Zimmer befindlichen Mobilien auf.