22. Kapitel.

Der Einbruch.

«Wer da?» rief eine laute heisere Stimme.

«Mach keinen solchen Hamore[AD]», sagte Sikes, während er die Tür

verriegelte. «Ä Chandel[AE], Toby!»

[AD] Lärm.

[AE] Licht.

«Aha, mein guter Chawwer», erwiderte dieselbe Stimme; «ä Chandel,

Barney, ä Chandel! Führ den Herrn 'nein, Barney; wach aber erst auf,

wenn dir's recht ist.»

Man hörte, daß irgend etwas Gewichtiges nach jemand geworfen wurde und

sodann auf die Erde fiel.

«Hörst nicht?» rief dieselbe Stimme. «Da steht Bill Sikes draußen im

Dunkeln, und du dormst, als wenn du 'nen Schlaftrunk g'soffen hätt'st

und nichts Stärkeres. Wirst du jetzt munter, oder soll ich dich mit'm

eisernen Leuchter wecken?»

Endlich schlürfte der Kellner im Hotel von Saffron Hill mit Licht

heran und begrüßte Sikes mit wirklicher oder erkünstelter Freude.

Sikes stieß Oliver voran in ein niedriges, düsteres Gemach mit

einigen gebrechlichen Stühlen, einem Tische und einem sehr schlechten

Bette, auf welchem ein Mann ausgestreckt und aus einer langen

Tonpfeife rauchend lag. Er trug einen dunkelbraunen Rock mit großen

Metallknöpfen, ein orangefarbenes Halstuch, eine buntfarbige Weste und

hellbraune Beinkleider. Mr. Crackit (denn er war es) hatte dünnes,

rötliches, in Locken gedrehtes Haar, durch das er von Zeit zu Zeit

mit schmutzigen, beringten Fingern hindurchfuhr. Er war etwas über

Mittelgröße, und seine Beine schienen ziemlich dünn zu sein, wodurch

indes keineswegs die Bewunderung und Zufriedenheit vermindert wurde,

womit er oft genug seine hohen Stiefel beäugelte. «Bill, geliebter

Freund,» rief er Sikes entgegen, «ich freue mich, dich zu sehen.

Fürchtete fast schon, daß du's aufgegeben hätt'st, in welchem Fall

ich's auf meine eigene Faust versucht haben würde. Was der Teufel!»

setzte er, als er Oliver erblickte, erstaunt hinzu, richtete sich zum

Sitzen empor und fragte, wer der Knabe wäre.

«Nun, 's ist eben der Knabe», erwiderte Sikes und setzte sich an den

Kamin.

«Einer von Fagin seinen», bemerkte Barney grinsend.

«Von Fagin, so?» rief Toby, nach Oliver hinblickend, aus. «Was für'n

prachtvoller Junge er werden wird für die Taschen der alten Damen in

Kirchen und Kapellen! Sein Ponum[AF] ist so gut wie 'n Kap'tal für ihn.»

[AF] Mund, Gesicht.

«So schweig doch still -- 's ist schon mehr als zuviel Schwätzens

davon», unterbrach ihn Sikes ungeduldig und flüsterte ihm etwas in

das Ohr. Toby Crackit lachte ausgelassen und starrte Oliver lange

verwundert an.

«Gebt uns zu essen und zu trinken -- es wird uns Courage machen -- mir

wenigstens», sagte Sikes. «Setz dich ans Feuer, Bursch, und ruh dich

aus, du gehst noch mit uns aus heute nacht, wenn auch eben nicht weit.»

Oliver sah ihn in stummer und furchtsamer Verwunderung an, setzte

sich ans Feuer und stützte, kaum wissend, was um ihn her und mit ihm

vorging, den schmerzenden Kopf auf die Hände. Der jüdische Jüngling

trug Speisen und Getränk auf, und Toby und Sikes tranken auf ein

glückliches Schränken. Toby füllte ein Glas, reichte es Oliver und

forderte ihn auf, es auszutrinken. Der Knabe versicherte, nicht trinken

zu können, und bat mit jammervollen Mienen, ihn damit zu verschonen.

Toby ließ sich jedoch nicht abweisen.

«Hinunter damit!» rief er. «Meinst du, ich wüßte nicht, was dir gut

ist? Bill, sag's ihm, daß er trinkt!»

«Soll ich dich lehren, gehorsam zu sein?» sagte Sikes, die Hand in

die Tasche steckend. «Gott verdamm' mich, wenn mir der Bube nicht

mehr Beschwerde macht, als ein ganz Dutzend Baldowerer. Trink aus,

Galgenstrick, oder --!»

Erschreckt durch die drohenden Gebärden der beiden Männer, stürzte

Oliver hastig den Inhalt des Glases hinunter und wurde sofort von

einem heftigen Husten befallen, worüber Toby und Barney in ein lautes

Gelächter ausbrachen und sogar der grämliche Sikes den Mund verzog.

Nachdem Sikes seinen Hunger gestillt hatte (Oliver konnte außer einer

Rinde Brot, die er zu essen gezwungen wurde, nichts zu sich nehmen),

legten sich die beiden Männer zu einem kurzen Schlafe nieder. Oliver

blieb auf seinem Stuhle am Feuer sitzen, und Barney streckte sich, in

eine Decke gehüllt, dicht neben dem Kamine aus.

Sie schliefen oder schienen zu schlafen, denn es regte sich niemand

außer Barney, der ein paarmal aufstand, um Kohlen in das Feuer zu

werfen. Oliver verfiel in einen dumpfen Schlummer, der von schweren,

ängstlichen Träumen beunruhigt wurde, bis Toby aufsprang und erklärte,

es sei halb zwei Uhr. Im nächsten Augenblicke waren die beiden

anderen auf den Beinen, und alle drei waren eifrig dabei, die nötigen

Vorbereitungen zu treffen. Die beiden Schränker zogen sogleich ihre

Überröcke an und verhüllten sich mit Tüchern bis über den Mund. Barney

füllte eiligst ihre Taschen mit mehreren Gegenständen an, die er aus

einem Schranke holte.

«Barney, meine Lupperts[AG]», sagte Toby Crackit.

[AG] Pistolen.

«Da sind sie. Ihr habt sie selbst geladen.»

«Ja, ja. Die Wurmer[AH].»

[AH] Bohrer.

«Die hab' ich», fiel Sikes ein.

«Chlamones[AI], Drehbarsel, Hänenehres[AJ], nichts vergessen?» fragte

Toby, ein kleines Brecheisen einsteckend.

[AI] Diebesschlüssel.

[AJ] Laterne.

«Alles da», antwortete Sikes. «Barney, die grandige Makel. Es ist

höchste Zeit.»

Barney reichte ihm und Toby große Knotenstöcke und legte Oliver den

Mantel um.

«Jetzt also», sagte Sikes, seine Hand ausstreckend.

Oliver, der durch die ungewohnte Anstrengung, die schlechte Luft und

das ihm aufgezwungene Getränk völlig betäubt war, legte seine Hand

mechanisch in die Sikes'.

«Nimm seine andere Hand, Toby», sagte Sikes. «Schau nach, Barney, ob

alles sicher ist.»

Der Kellner ging vor die Tür und kehrte mit der Meldung zurück, daß

alles still sei. Die beiden Schränker eilten hinaus und zogen Oliver

mit sich fort.

Die Nacht war rabenschwarz und der Nebel so dicht, daß nach wenigen

Minuten große Tropfen an Olivers Augenbrauen hingen. Sie eilten im

tiefsten Schweigen über die Brücke und durch den nächstgelegenen Ort

und erreichten um zwei Uhr ein einzeln stehendes, von einer Mauer

umgebenes Haus, die Toby Crackit sogleich erklomm. Sikes hob Oliver

empor, und nach wenigen Augenblicken waren alle drei hinüber. Sikes

und Toby schlichen nach dem Hause und zogen den Knaben mit sich fort,

dem die Sinne fast entschwanden, denn jetzt zum erstenmal tauchte der

Gedanke in ihm auf, daß Sikes auf Raub, wo nicht auf Mord ausginge

und ihn als Werkzeug dabei zu gebrauchen denke. Er schlug die Hände

zusammen, und seinen Lippen entfloh ein unwillkürlicher Schrei des

Entsetzens. Ihm schwindelte, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, er

wankte und fiel auf die Knie nieder.

«Steh auf!» flüsterte Sikes und zog bebend vor Wut die Pistole aus der

Tasche; «steh auf, oder ich schieße dir den Brägen aus'm Kopfe 'raus!»

«Oh, um Gottes willen, lassen Sie mich gehen!» rief Oliver; «lassen

Sie mich fortlaufen und hinter dem Zaune sterben. Ich will nie wieder

nach London kommen -- nie, nie; haben Sie Barmherzigkeit mit mir und

zwingen Sie mich nicht, zu stehlen. Um der Liebe der Engel willen, die

im Himmel wohnen, haben Sie Erbarmen mit mir!»

Sikes stieß einen fürchterlichen Fluch aus und spannte den Hahn, Toby

schob indes seine Hand zur Seite, hielt Oliver den Mund zu und zog ihn

fort nach dem Hause.

«Pst!» flüsterte er; «das ist hier nichts. Ist's nicht anders und

soll's sein, so sprich ein Wort, und ich schlag' ihn auf den Kopf,

was ebensogut ist und kein Geräusch macht. Hierher, Bill, brich den

Fensterladen auf. Ich stehe dafür, er hat jetzt Courage genug. Ich

hab's g'sehn, daß ältere als er in 'ner kalten Nacht 's Kanonenfieber

auf 'ne Minute oder so was g'habt haben.»

Sikes murmelte Verwünschungen gegen Fagin, ihm Oliver zu einem solchen

Unternehmen geschickt zu haben, setzte das Brecheisen an, und nach

kurzer Zeit war der Fensterladen geöffnet. Das kleine Gitterfenster war

fünf bis sechs Fuß über der Erde im Hinterhause und gehörte zu einem

kleinen, zum Waschen oder Brauen bestimmten Gemach am unteren Ende des

Hausflurs. Das Gitter war gleichfalls bald durchbrochen.

«Jetzt hör' und merk, du kleiner Teufelsbraten!» flüsterte Sikes, zog

eine Blendlaterne aus der Tasche und hielt sie Oliver gerade vor das

Gesicht. «Ich stecke dich durch dies Fenster hier. Nimm diese Laterne,

geh leise die Stufen gerade vor dir 'nauf über den Flur nach der

Haustür, mach' sie auf und laß uns ein. -- Ist die Waschhaustür offen,

Toby?»

Toby antwortete, nachdem er hineingesehen hatte: «Sie steht weit offen,

und sie lassen sie immer offen, daß der Hund, der hier sein Lager hat,

im Hause 'rumspazieren kann. Ha, ha, ha! Wie hübsch ihn Barney gestern

abend weggelockt hat!»

So leise Crackit gesprochen und gekichert hatte, befahl ihm doch Sikes

in gebieterischem Tone, still zu schweigen und an das Werk zu gehen.

Er setzte die Laterne auf die Erde, stellte sich unter das Fenster,

die Hände auf die Knie gestützt, mit dem Kopfe gegen die Wand, Sikes

stieg auf den Rücken Tobys und hob Oliver durch das Fenster in das Haus

hinein.

«Nimm die Leuchte», flüsterte er ihm zu. «Siehst du die Stufen da vor

dir?»

Oliver keuchte, mehr tot als lebendig, ein mattes «Ja». Sikes wies mit

der Pistole nach der Haustür hin und erinnerte ihn, daß er ihn bis zur

Haustür fortwährend in Schußweite hätte und ihn niederschießen würde,

wenn er sich verweilte oder auch nur einen Schritt zur Seite ginge.

«'s ist in 'ner Minute geschehen», flüsterte er Oliver zu. «Sobald ich

dich loslasse, tu, was dir geheißen ist. Pst!»

«Was ist denn?» fragte Toby.

Sie horchten.

«Nichts», sagte Sikes und ließ Oliver los. «Jetzt vorwärts!»

Der Knabe hatte sich indes wieder einigermaßen gesammelt und den

raschen und festen Entschluß gefaßt, wenn es auch sein Tod wäre, den

Versuch zu machen, auf dem Hausflur zur Seite zu springen und Lärm zu

machen. Von diesem Gedanken erfüllt, ging er bebend vorwärts.

«Komm zurück!» schrie Sikes plötzlich laut; «zurück, zurück!»

Erschreckt durch die plötzliche Unterbrechung der Totenstille und ein

lautes Geschrei, ließ Oliver die Laterne fallen und stand still, ohne

zu wissen, ob er vorwärts gehen oder entfliehen sollte. Das Geschrei

wiederholte sich, es zeigte sich ein Licht -- es war ihm, als sähe er

bestürzte, halb angekleidete Männer an der Tür -- es schwamm ihm vor

den Augen -- ein Gewehr blitzte auf -- ein Donner traf sein Ohr -- er

taumelte zurück. Sikes faßte ihn sogleich beim Kragen, feuerte nach den

zurückweichenden Männern und zog ihn durch das Fenster.

«Drück den Arm dichter an den Leib», flüsterte er, während er ihn

durchzog. «Toby, ein Tuch! Sie haben ihn getroffen. Geschwind! Höll'

und Teufel, wie der Bursch blutet!»

Oliver war sich dunkel bewußt, daß der Lärm im Hause immer mehr zunahm

und daß er rasch fortgetragen wurde. Das Geräusch verlor sich in der

Ferne, die Sinne entschwanden ihm gänzlich, es war ihm, als wenn eine

kalte Hand sein Herz umfaßte, es schlug, und er sah und hörte nichts

mehr.

Oliver Twist(#56586) · 第 29 / 67 题