17. Kapitel.

Olivers Schicksal bleibt fortwährend günstig.

In jedem guten Melodrama, in dem viel von Hauen und Stechen die Rede

ist, wechseln auf der Bühne komische und tragische Szenen so regelmäßig

wie die roten und weißen Lagen eines Stücks durchwachsenen Specks.

Diese Abwechselungen erscheinen uns abgeschmackt, sind indes keineswegs

unnatürlich. Die Übergänge im wirklichen Leben von wohlbesetzten

Tischen zu Sterbebetten oder von Trauer- zu Festtagskleidern sind nicht

minder schroff oder gefühlverletzend -- wir aber sind beschäftigte

Mitspielende statt bloßer Zuschauer, was einen unermeßlichen

Unterschied bildet; den Schauspielern sind die plötzlichen Übergänge

nicht auffällig, sie haben sozusagen keine Augen für dieselben, die

von den Zuschauern verkehrt, unnatürlich, extravagant genannt werden.

Verdamme mich daher nicht zu voreilig, geneigter Leser, wenn du in

meinem Buche einen häufigen Wechsel des Schauplatzes und der Szenen

findest, sondern erzeige mir die Gunst, zu prüfen, ob ich recht oder

unrecht dabei gehabt habe. Meine Erzählung soll meiner Absicht nach

wahr sein und ohne unnötige Abschweifungen auf ihr Ziel lossteuern. Ich

bitte, folge mir für jetzt vertrauensvoll nach der Stadt, in welcher

mein kleiner Held das Licht der Welt erblickte.

Mr. Bumble trat eines Morgens früh aus dem Armenhause mit der

wichtigsten Miene heraus, und durchschritt die Straßen mit einer

Haltung und einem Wesen, daß man es ihm sogleich ansah, sein Inneres

war von Gedanken erfüllt, zu groß, um sie aussprechen zu können. Er

hielt sich nicht unterwegs auf, um sich mit den kleinen Krämern und

anderen, die ihn anredeten, in herablassender Weise zu unterhalten,

sondern erwiderte ihre Begrüßungen nur mit einer hoheitsvollen

Handbewegung, und hemmte seinen würdevollen Schritt erst, als er vor

der Anstalt stand, in der Mrs. Mann die Armenkinder mit parochialer

Sorgfalt pflegte.

«Dieser verwünschte Kirchspieldiener!» sagte Mrs. Mann zu sich selbst,

als sie das bekannte Rütteln an der Pforte hörte. «Ob er nicht schon in

aller Herrgottsfrühe herauskommt! Schau, Mr. Bumble, soeben habe ich an

Sie gedacht. Ja, verehrter Herr, es ist mir ein wirkliches Vergnügen,

Sie wieder einmal zu sehen! Treten Sie, bitte, näher.»

Der erste Satz war zu Susanne gesprochen worden, die Freudenbezeigungen

dagegen zu Mr. Bumble, als die gute Dame die Gartenpforte öffnete und

ihn mit großer Höflichkeit und Ehrerbietung ins Haus nötigte.

«Mrs. Mann,» sagte Mr. Bumble, indem er sich mit großer Feierlichkeit

und Würde auf einen Stuhl niederließ, «Mrs. Mann, Ma'am, ich biete

Ihnen einen guten Morgen.»

«Ich danke Ihnen und biete Ihnen auch meinerseits einen guten Morgen»,

erwiderte Mrs. Mann freundlich lächelnd; «ich hoffe, Sie befinden sich

wohl, Sir.»

«So -- so, Mrs. Mann,» antwortete der Kirchspieldiener; «man ist in der

Parochie nicht immer auf Rosen gebettet.»

«Ach ja, das ist man in der Tat nicht», versetzte die Dame, und alle

Armenkinder würden ihr laut beigepflichtet haben, falls sie ihre Worte

gehört hätten.

«Ein Leben im Dienste der Parochie», fuhr Mr. Bumble fort, «ist ein

Leben voller Mühseligkeiten und Plagen, Ma'am; aber alle öffentlichen

Charaktere, darf ich wohl sagen, müssen unter Verfolgungen leiden.»

Mrs. Mann, die nicht genau wußte, was der Kirchspieldiener meinte,

erhob ihre Hände mit einem Seufzer des Einverständnisses.

«Ach ja,» bemerkte Mr. Bumble, «Sie haben wohl ein Recht zu seufzen,

Ma'am.»

Da Mrs. Mann fand, sie habe richtig gehandelt, seufzte sie von neuem,

offenbar zur Befriedigung des «öffentlichen Charakters»; denn Mr.

Bumble sagte, ein wohlgefälliges Lächeln unterdrückend: «Mrs. Mann, ich

gehe nach London.»

«Was Sie sagen, Mr. Bumble!» erwiderte Mrs. Mann erstaunt.

«Nach London, Ma'am,» wiederholte der Kirchspieldiener

unerschütterlich, «und zwar in einer Postkutsche. Ich und zwei Arme,

Mrs. Mann.»

«Sie benutzen eine Postkutsche, Sir?» fragte Mrs. Mann. «Ich glaubte,

es wäre immer üblich, Arme auf offenen Karren zu verschicken.»

«Das geschieht, wenn sie krank sind», entgegnete der Kirchspieldiener;

«wir setzen die kranken Armen bei Regenwetter auf offene Karren, damit

sie sich nicht erkälten. Die Postkutsche nimmt diese beiden außerdem

um ein sehr Billiges mit, und wir finden, es kommt uns um zwei Pfund

wohlfeiler zu stehen, wenn wir sie in ein anderes Kirchspiel schaffen

können, als wenn wir sie hier begraben müssen. Hahaha! -- Aber wir

vergessen das Geschäft, Ma'am,» fuhr er ernst werdend fort; «hier ist

das Kostgeld für den Monat.»

Mr. Bumble holte eine kleine Rolle mit Silbergeld aus seiner

Brieftasche hervor und bat um eine Quittung; Mrs. Mann schrieb sie

sofort.

«Ich danke Ihnen recht sehr, Mr. Bumble; ich bin Ihnen in der Tat für

Ihre Liebenswürdigkeit sehr verbunden.»

Mr. Bumble nickte gnädig in Anerkennung der Höflichkeit Mrs. Manns, und

erkundigte sich sodann nach dem Befinden der Kinder.

«Gott segne ihre lieben kleinen Herzchen», erwiderte Mrs. Mann bewegt;

«sie befinden sich den Umständen angemessen wohl, die lieben Kleinen!

Natürlich bis auf die zwei, die vergangene Woche gestorben sind, und

den kleinen Dick.»

«Geht es mit dem Jungen immer noch nicht besser?» fragte Mr. Bumble.

Mrs. Mann schüttelte den Kopf.

«Er ist ein schlecht beanlagtes, lasterhaftes Parochialkind mit üblen

Angewohnheiten», sagte Mr. Bumble ärgerlich. «Wo ist er?»

«Ich werde ihn Ihnen in einer Minute herbringen, Sir», gab Mrs. Mann

zur Antwort.

Nach einigem Suchen wurde Dick entdeckt und nach gründlicher Säuberung

unter der Pumpe Mr. Bumble vorgeführt.

Das Kind war bleich und mager; seine Wangen waren eingesunken und seine

Augen groß und fieberisch glänzend. Die armselige Parochialkleidung,

die Livree seines Elends, hing schlotternd um seinen schwächlichen

Körper, und seine jungen Glieder waren welk wie die eines alten Mannes.

«Wie geht es dir?» fragte Mr. Bumble den Knaben, der zitternd dastand

und seine Augen nicht vom Fußboden zu erheben vermochte.

«Ich glaube, daß ich bald sterben muß,» erwiderte der kleine Patient,

«und ich freue mich auch recht darauf, denn ich habe ja keine Freude

hier. Sagen Sie doch Oliver Twist, wenn ich erst tot bin, ich hätte

ihn sehr lieb gehabt und tausendmal an ihn gedacht, wie er allein und

hilflos umherwandern müßte --»

Er hatte die Worte mit einer Art von Verzweiflung gesprochen, ohne

sich durch Frau Manns pantomimische Drohungen irren zu lassen; doch

erstickten endlich Tränen seine Stimme.

«Frau Mann,» bemerkte Bumble, «ich sehe wohl, der eine ist wie der

andere. Sie sind samt und sonders durch den Taugenichts Oliver Twist

verführt und verdorben worden. Ich werde dem Direktorium Anzeige von

dem Falle machen, damit strengere Maßregeln angeordnet werden. Lassen

Sie ihn sogleich wieder hinausbringen!»

Dick wurde in den Kohlenkeller gebracht, und Bumble begab sich wieder

zur Stadt zurück, wo er sich in kürzester Frist reisefertig machte

und mit den beiden nach London zu schaffenden Armen die bestellten

Außenplätze der Postkutsche einnahm. Die beiden Armen klagten viel

über Kälte; Bumble hüllte sich dicht in seinen Mantel, philosophierte

ziemlich mißvergnügt über den Undank und die unablässigen unzufriedenen

Klagen der Menschen und fühlte sich erst wieder recht behaglich, als er

in dem Gasthause, in welchem die Kutsche anhielt, sein gutes Abendessen

eingenommen, seinen Stuhl an den Kamin gestellt hatte, sich niederließ

und ein Zeitungsblatt zur Hand nahm. Wer beschreibt sein Erstaunen, als

er gleich darauf nachstehenden Artikel fand:

«*Fünf Guineen Belohnung*.

Am vergangenen Donnerstag abend hat sich ein Knabe namens Oliver

Twist aus seiner Wohnung in Pentonville entfernt und mit oder ohne

seine Schuld nichts wieder von sich hören lassen. Es werden hierdurch

demjenigen fünf Guineen geboten, der eine Mitteilung zu machen geneigt

und imstande ist, die zur Wiederauffindung des besagten Oliver Twist

führen kann, oder über denselben, seine Herkunft usw. genauere Auskunft

gibt.»

Diesem Anerbieten folgte eine genaue Beschreibung Olivers und Mr.

Brownlows Adresse. Bumble las dreimal mit großem Bedacht, faßte darauf

rasch seinen Entschluß und war nach wenigen Minuten auf dem Wege nach

Pentonville. Im Hause Mr. Brownlows angelangt, kündigte er sogleich

den Zweck seines Besuchs an. Frau Bedwin war außer sich vor Freude und

Rührung, erklärte, es immer gewußt und gesagt zu haben, daß Oliver bald

wiedergefunden werden würde, brach in Tränen aus, und die Magd eilte

zu Mr. Brownlow hinauf, der ihr gebot, den Angemeldeten augenblicklich

hereinzuführen.

Bumble trat ein, und Mr. Grimwig, der sich zufällig bei seinem

Freunde befand, faßte ihn scharf in das Auge und rief aus: «Ein

Kirchspieldiener -- so wahr ich lebe, ein Kirchspieldiener!»

«Ich bitte, lieber Freund, jetzt keine Unterbrechung», sagte Brownlow.

«Setzen Sie sich, Sir. -- Sie kommen zu mir infolge der Anzeige, die

ich in verschiedenen Blättern habe einrücken lassen?»

«Ja, Sir.»

«Sie sind ein Kirchspieldiener?»

«Ja, Sir», erwiderte Bumble stolz.

«Wissen Sie, wo sich das arme Kind gegenwärtig befindet?» fragte

Brownlow ziemlich ungeduldig.

«Nein, Sir.»

«Was wissen Sie denn aber von ihm? Reden Sie, wenn Sie etwas zu sagen

haben. Was wissen Sie von ihm?»

«Sie werden wohl eben nicht viel Gutes von ihm wissen!» fiel Grimwig

kaustisch ein, nachdem er Bumbles Mienen sorgfältig geprüft hatte.

Bumble erkannte sogleich mit großem Scharfsinn den Wunsch des Herrn,

Ungünstiges über Oliver zu vernehmen, und antwortete durch ein

feierlich-bedenkliches Kopfschütteln.

«Sehen Sie wohl?» sagte Grimwig zu Brownlow mit einem triumphierenden

Blicke.

Brownlow sah Bumble besorgt an, und forderte ihn auf, was er von

Oliver wüßte, in möglichst kurzen Worten mitzuteilen. Bumble räusperte

sich und begann. Er sprach mit umständlicher Weitschweifigkeit; der

kurze Sinn von allem, was er vorbrachte, war, Oliver sei ein armer

Kirchspielknabe von armen und lasterhaften Eltern, habe von seiner

Geburt an nur Falschheit, Bosheit und Undankbarkeit gezeigt und seiner

Gottlosigkeit dadurch die Krone aufgesetzt, daß er einen mörderischen

und feigherzigen Angriff auf einen harmlosen Knaben gemacht habe und

darauf seinem Lehrherrn entlaufen sei.

«Ich fürchte, daß Ihre Angaben nur zu wahr sind», sagte Brownlow

traurig; «hier sind die fünf Guineen. Ich würde Ihnen gern dreimal so

viel gegeben haben, wenn Sie mir etwas Vorteilhafteres über den Knaben

hätten sagen können.»

Hätte Brownlow das früher gesagt, so würde Bumble seinem Bericht

wahrscheinlich eine ganz andere Färbung gegeben haben. Es war jedoch zu

spät, er schüttelte daher mit bedeutsamer Miene den Kopf, steckte die

fünf Guineen ein und ging.

Mr. Brownlow war so niedergeschlagen, daß selbst Grimwig ihn nicht

noch mehr betrüben mochte. Er zog endlich heftig die Klingelschnur.

«Frau Bedwin,» sagte er, als die Haushälterin eintrat, «der Knabe, der

Oliver, war ein Betrüger.»

«Das kann nicht sein, Sir; kann nicht sein», entgegnete Frau Bedwin

nachdrücklich.

«Ich sage Ihnen aber, daß es so ist. Wir haben soeben einen genauen

Bericht über ihn angehört. Er ist von seiner ersten Kindheit an durch

und durch verderbt gewesen.»

«Und ich glaube es doch nicht, Sir -- nimmermehr, Sir», erwiderte Frau

Bedwin bestimmt.

«Ihr alten Weiber glaubt an nichts als an Quacksalber und

Lügengeschichten», fiel Grimwig mürrisch ein. «Ich hab's von Anfang an

gewußt. Warum hörten Sie nicht sogleich auf meine Meinung und meinen

Rat? Sie würden es sicher getan haben, wenn der kleine Schelm nicht am

Fieber krank gelegen hätte!»

«Er war kein Schelm,» entgegnete Frau Bedwin sehr unwillig, «sondern

ein sehr liebes, gutes Kind. Ich verstehe mich auf Kinder sehr wohl,

Sir, seit vierzehn Jahren, Sir; und wer nie Kinder gehabt hat, darf gar

nicht mitreden über sie -- das ist meine Meinung, Sir!»

Mr. Grimwig lächelte nur, und Frau Bedwin war im Begriff, fortzufahren,

allein Brownlow kam ihr zuvor.

«Schweigen Sie!» sagte er mit einer Entrüstung in Ton und Mienen, die

freilich seinen Gefühlen vollkommen fremd war. «Sie erwähnen den Knaben

nie wieder; ich habe geklingelt, um Ihnen das zu sagen. Hören Sie --

nie -- niemals, und unter keinerlei Vorwande. Sie können gehen -- und

wohl zu merken, ich habe im Ernst gesprochen!»

In Mr. Brownlows Hause waren betrübte Herzen an diesem Abende, und

Oliver zagte das Herz gleichfalls, als er seiner gütigen Beschützer und

Freunde gedachte. Es war indes gut für ihn, daß er nicht wußte, was sie

über ihn gehört; er hätte die Nacht vielleicht nicht überlebt.

Oliver Twist(#56586) · 第 24 / 67 题