Olivers Schicksal bleibt fortwährend günstig.
In jedem guten Melodrama, in dem viel von Hauen und Stechen die Rede
ist, wechseln auf der Bühne komische und tragische Szenen so regelmäßig
wie die roten und weißen Lagen eines Stücks durchwachsenen Specks.
Diese Abwechselungen erscheinen uns abgeschmackt, sind indes keineswegs
unnatürlich. Die Übergänge im wirklichen Leben von wohlbesetzten
Tischen zu Sterbebetten oder von Trauer- zu Festtagskleidern sind nicht
minder schroff oder gefühlverletzend -- wir aber sind beschäftigte
Mitspielende statt bloßer Zuschauer, was einen unermeßlichen
Unterschied bildet; den Schauspielern sind die plötzlichen Übergänge
nicht auffällig, sie haben sozusagen keine Augen für dieselben, die
von den Zuschauern verkehrt, unnatürlich, extravagant genannt werden.
Verdamme mich daher nicht zu voreilig, geneigter Leser, wenn du in
meinem Buche einen häufigen Wechsel des Schauplatzes und der Szenen
findest, sondern erzeige mir die Gunst, zu prüfen, ob ich recht oder
unrecht dabei gehabt habe. Meine Erzählung soll meiner Absicht nach
wahr sein und ohne unnötige Abschweifungen auf ihr Ziel lossteuern. Ich
bitte, folge mir für jetzt vertrauensvoll nach der Stadt, in welcher
mein kleiner Held das Licht der Welt erblickte.
Mr. Bumble trat eines Morgens früh aus dem Armenhause mit der
wichtigsten Miene heraus, und durchschritt die Straßen mit einer
Haltung und einem Wesen, daß man es ihm sogleich ansah, sein Inneres
war von Gedanken erfüllt, zu groß, um sie aussprechen zu können. Er
hielt sich nicht unterwegs auf, um sich mit den kleinen Krämern und
anderen, die ihn anredeten, in herablassender Weise zu unterhalten,
sondern erwiderte ihre Begrüßungen nur mit einer hoheitsvollen
Handbewegung, und hemmte seinen würdevollen Schritt erst, als er vor
der Anstalt stand, in der Mrs. Mann die Armenkinder mit parochialer
Sorgfalt pflegte.
«Dieser verwünschte Kirchspieldiener!» sagte Mrs. Mann zu sich selbst,
als sie das bekannte Rütteln an der Pforte hörte. «Ob er nicht schon in
aller Herrgottsfrühe herauskommt! Schau, Mr. Bumble, soeben habe ich an
Sie gedacht. Ja, verehrter Herr, es ist mir ein wirkliches Vergnügen,
Sie wieder einmal zu sehen! Treten Sie, bitte, näher.»
Der erste Satz war zu Susanne gesprochen worden, die Freudenbezeigungen
dagegen zu Mr. Bumble, als die gute Dame die Gartenpforte öffnete und
ihn mit großer Höflichkeit und Ehrerbietung ins Haus nötigte.
«Mrs. Mann,» sagte Mr. Bumble, indem er sich mit großer Feierlichkeit
und Würde auf einen Stuhl niederließ, «Mrs. Mann, Ma'am, ich biete
Ihnen einen guten Morgen.»
«Ich danke Ihnen und biete Ihnen auch meinerseits einen guten Morgen»,
erwiderte Mrs. Mann freundlich lächelnd; «ich hoffe, Sie befinden sich
wohl, Sir.»
«So -- so, Mrs. Mann,» antwortete der Kirchspieldiener; «man ist in der
Parochie nicht immer auf Rosen gebettet.»
«Ach ja, das ist man in der Tat nicht», versetzte die Dame, und alle
Armenkinder würden ihr laut beigepflichtet haben, falls sie ihre Worte
gehört hätten.
«Ein Leben im Dienste der Parochie», fuhr Mr. Bumble fort, «ist ein
Leben voller Mühseligkeiten und Plagen, Ma'am; aber alle öffentlichen
Charaktere, darf ich wohl sagen, müssen unter Verfolgungen leiden.»
Mrs. Mann, die nicht genau wußte, was der Kirchspieldiener meinte,
erhob ihre Hände mit einem Seufzer des Einverständnisses.
«Ach ja,» bemerkte Mr. Bumble, «Sie haben wohl ein Recht zu seufzen,
Ma'am.»
Da Mrs. Mann fand, sie habe richtig gehandelt, seufzte sie von neuem,
offenbar zur Befriedigung des «öffentlichen Charakters»; denn Mr.
Bumble sagte, ein wohlgefälliges Lächeln unterdrückend: «Mrs. Mann, ich
gehe nach London.»
«Was Sie sagen, Mr. Bumble!» erwiderte Mrs. Mann erstaunt.
«Nach London, Ma'am,» wiederholte der Kirchspieldiener
unerschütterlich, «und zwar in einer Postkutsche. Ich und zwei Arme,
Mrs. Mann.»
«Sie benutzen eine Postkutsche, Sir?» fragte Mrs. Mann. «Ich glaubte,
es wäre immer üblich, Arme auf offenen Karren zu verschicken.»
«Das geschieht, wenn sie krank sind», entgegnete der Kirchspieldiener;
«wir setzen die kranken Armen bei Regenwetter auf offene Karren, damit
sie sich nicht erkälten. Die Postkutsche nimmt diese beiden außerdem
um ein sehr Billiges mit, und wir finden, es kommt uns um zwei Pfund
wohlfeiler zu stehen, wenn wir sie in ein anderes Kirchspiel schaffen
können, als wenn wir sie hier begraben müssen. Hahaha! -- Aber wir
vergessen das Geschäft, Ma'am,» fuhr er ernst werdend fort; «hier ist
das Kostgeld für den Monat.»
Mr. Bumble holte eine kleine Rolle mit Silbergeld aus seiner
Brieftasche hervor und bat um eine Quittung; Mrs. Mann schrieb sie
sofort.
«Ich danke Ihnen recht sehr, Mr. Bumble; ich bin Ihnen in der Tat für
Ihre Liebenswürdigkeit sehr verbunden.»
Mr. Bumble nickte gnädig in Anerkennung der Höflichkeit Mrs. Manns, und
erkundigte sich sodann nach dem Befinden der Kinder.
«Gott segne ihre lieben kleinen Herzchen», erwiderte Mrs. Mann bewegt;
«sie befinden sich den Umständen angemessen wohl, die lieben Kleinen!
Natürlich bis auf die zwei, die vergangene Woche gestorben sind, und
den kleinen Dick.»
«Geht es mit dem Jungen immer noch nicht besser?» fragte Mr. Bumble.
Mrs. Mann schüttelte den Kopf.
«Er ist ein schlecht beanlagtes, lasterhaftes Parochialkind mit üblen
Angewohnheiten», sagte Mr. Bumble ärgerlich. «Wo ist er?»
«Ich werde ihn Ihnen in einer Minute herbringen, Sir», gab Mrs. Mann
zur Antwort.
Nach einigem Suchen wurde Dick entdeckt und nach gründlicher Säuberung
unter der Pumpe Mr. Bumble vorgeführt.
Das Kind war bleich und mager; seine Wangen waren eingesunken und seine
Augen groß und fieberisch glänzend. Die armselige Parochialkleidung,
die Livree seines Elends, hing schlotternd um seinen schwächlichen
Körper, und seine jungen Glieder waren welk wie die eines alten Mannes.
«Wie geht es dir?» fragte Mr. Bumble den Knaben, der zitternd dastand
und seine Augen nicht vom Fußboden zu erheben vermochte.
«Ich glaube, daß ich bald sterben muß,» erwiderte der kleine Patient,
«und ich freue mich auch recht darauf, denn ich habe ja keine Freude
hier. Sagen Sie doch Oliver Twist, wenn ich erst tot bin, ich hätte
ihn sehr lieb gehabt und tausendmal an ihn gedacht, wie er allein und
hilflos umherwandern müßte --»
Er hatte die Worte mit einer Art von Verzweiflung gesprochen, ohne
sich durch Frau Manns pantomimische Drohungen irren zu lassen; doch
erstickten endlich Tränen seine Stimme.
«Frau Mann,» bemerkte Bumble, «ich sehe wohl, der eine ist wie der
andere. Sie sind samt und sonders durch den Taugenichts Oliver Twist
verführt und verdorben worden. Ich werde dem Direktorium Anzeige von
dem Falle machen, damit strengere Maßregeln angeordnet werden. Lassen
Sie ihn sogleich wieder hinausbringen!»
Dick wurde in den Kohlenkeller gebracht, und Bumble begab sich wieder
zur Stadt zurück, wo er sich in kürzester Frist reisefertig machte
und mit den beiden nach London zu schaffenden Armen die bestellten
Außenplätze der Postkutsche einnahm. Die beiden Armen klagten viel
über Kälte; Bumble hüllte sich dicht in seinen Mantel, philosophierte
ziemlich mißvergnügt über den Undank und die unablässigen unzufriedenen
Klagen der Menschen und fühlte sich erst wieder recht behaglich, als er
in dem Gasthause, in welchem die Kutsche anhielt, sein gutes Abendessen
eingenommen, seinen Stuhl an den Kamin gestellt hatte, sich niederließ
und ein Zeitungsblatt zur Hand nahm. Wer beschreibt sein Erstaunen, als
er gleich darauf nachstehenden Artikel fand:
«*Fünf Guineen Belohnung*.
Am vergangenen Donnerstag abend hat sich ein Knabe namens Oliver
Twist aus seiner Wohnung in Pentonville entfernt und mit oder ohne
seine Schuld nichts wieder von sich hören lassen. Es werden hierdurch
demjenigen fünf Guineen geboten, der eine Mitteilung zu machen geneigt
und imstande ist, die zur Wiederauffindung des besagten Oliver Twist
führen kann, oder über denselben, seine Herkunft usw. genauere Auskunft
gibt.»
Diesem Anerbieten folgte eine genaue Beschreibung Olivers und Mr.
Brownlows Adresse. Bumble las dreimal mit großem Bedacht, faßte darauf
rasch seinen Entschluß und war nach wenigen Minuten auf dem Wege nach
Pentonville. Im Hause Mr. Brownlows angelangt, kündigte er sogleich
den Zweck seines Besuchs an. Frau Bedwin war außer sich vor Freude und
Rührung, erklärte, es immer gewußt und gesagt zu haben, daß Oliver bald
wiedergefunden werden würde, brach in Tränen aus, und die Magd eilte
zu Mr. Brownlow hinauf, der ihr gebot, den Angemeldeten augenblicklich
hereinzuführen.
Bumble trat ein, und Mr. Grimwig, der sich zufällig bei seinem
Freunde befand, faßte ihn scharf in das Auge und rief aus: «Ein
Kirchspieldiener -- so wahr ich lebe, ein Kirchspieldiener!»
«Ich bitte, lieber Freund, jetzt keine Unterbrechung», sagte Brownlow.
«Setzen Sie sich, Sir. -- Sie kommen zu mir infolge der Anzeige, die
ich in verschiedenen Blättern habe einrücken lassen?»
«Ja, Sir.»
«Sie sind ein Kirchspieldiener?»
«Ja, Sir», erwiderte Bumble stolz.
«Wissen Sie, wo sich das arme Kind gegenwärtig befindet?» fragte
Brownlow ziemlich ungeduldig.
«Nein, Sir.»
«Was wissen Sie denn aber von ihm? Reden Sie, wenn Sie etwas zu sagen
haben. Was wissen Sie von ihm?»
«Sie werden wohl eben nicht viel Gutes von ihm wissen!» fiel Grimwig
kaustisch ein, nachdem er Bumbles Mienen sorgfältig geprüft hatte.
Bumble erkannte sogleich mit großem Scharfsinn den Wunsch des Herrn,
Ungünstiges über Oliver zu vernehmen, und antwortete durch ein
feierlich-bedenkliches Kopfschütteln.
«Sehen Sie wohl?» sagte Grimwig zu Brownlow mit einem triumphierenden
Blicke.
Brownlow sah Bumble besorgt an, und forderte ihn auf, was er von
Oliver wüßte, in möglichst kurzen Worten mitzuteilen. Bumble räusperte
sich und begann. Er sprach mit umständlicher Weitschweifigkeit; der
kurze Sinn von allem, was er vorbrachte, war, Oliver sei ein armer
Kirchspielknabe von armen und lasterhaften Eltern, habe von seiner
Geburt an nur Falschheit, Bosheit und Undankbarkeit gezeigt und seiner
Gottlosigkeit dadurch die Krone aufgesetzt, daß er einen mörderischen
und feigherzigen Angriff auf einen harmlosen Knaben gemacht habe und
darauf seinem Lehrherrn entlaufen sei.
«Ich fürchte, daß Ihre Angaben nur zu wahr sind», sagte Brownlow
traurig; «hier sind die fünf Guineen. Ich würde Ihnen gern dreimal so
viel gegeben haben, wenn Sie mir etwas Vorteilhafteres über den Knaben
hätten sagen können.»
Hätte Brownlow das früher gesagt, so würde Bumble seinem Bericht
wahrscheinlich eine ganz andere Färbung gegeben haben. Es war jedoch zu
spät, er schüttelte daher mit bedeutsamer Miene den Kopf, steckte die
fünf Guineen ein und ging.
Mr. Brownlow war so niedergeschlagen, daß selbst Grimwig ihn nicht
noch mehr betrüben mochte. Er zog endlich heftig die Klingelschnur.
«Frau Bedwin,» sagte er, als die Haushälterin eintrat, «der Knabe, der
Oliver, war ein Betrüger.»
«Das kann nicht sein, Sir; kann nicht sein», entgegnete Frau Bedwin
nachdrücklich.
«Ich sage Ihnen aber, daß es so ist. Wir haben soeben einen genauen
Bericht über ihn angehört. Er ist von seiner ersten Kindheit an durch
und durch verderbt gewesen.»
«Und ich glaube es doch nicht, Sir -- nimmermehr, Sir», erwiderte Frau
Bedwin bestimmt.
«Ihr alten Weiber glaubt an nichts als an Quacksalber und
Lügengeschichten», fiel Grimwig mürrisch ein. «Ich hab's von Anfang an
gewußt. Warum hörten Sie nicht sogleich auf meine Meinung und meinen
Rat? Sie würden es sicher getan haben, wenn der kleine Schelm nicht am
Fieber krank gelegen hätte!»
«Er war kein Schelm,» entgegnete Frau Bedwin sehr unwillig, «sondern
ein sehr liebes, gutes Kind. Ich verstehe mich auf Kinder sehr wohl,
Sir, seit vierzehn Jahren, Sir; und wer nie Kinder gehabt hat, darf gar
nicht mitreden über sie -- das ist meine Meinung, Sir!»
Mr. Grimwig lächelte nur, und Frau Bedwin war im Begriff, fortzufahren,
allein Brownlow kam ihr zuvor.
«Schweigen Sie!» sagte er mit einer Entrüstung in Ton und Mienen, die
freilich seinen Gefühlen vollkommen fremd war. «Sie erwähnen den Knaben
nie wieder; ich habe geklingelt, um Ihnen das zu sagen. Hören Sie --
nie -- niemals, und unter keinerlei Vorwande. Sie können gehen -- und
wohl zu merken, ich habe im Ernst gesprochen!»
In Mr. Brownlows Hause waren betrübte Herzen an diesem Abende, und
Oliver zagte das Herz gleichfalls, als er seiner gütigen Beschützer und
Freunde gedachte. Es war indes gut für ihn, daß er nicht wußte, was sie
über ihn gehört; er hätte die Nacht vielleicht nicht überlebt.