«Daß ich mich schönstens hüten werde; also gebt Euch nur weiter keine
Mühe, Fagin.»
«Wie soll ich das nehmen?» fiel Sikes grollend ein.
«Just wie ich's gesagt habe, Bill», entgegnete die Dame sehr ruhig.
«Du bist aber eben die rechte Person dazu; es kennt dich hier herum
niemand.»
«Und es tut auch gar nicht not, daß mich jemand kennen lernt, was ganz
gegen meinen Wunsch wäre.»
«Sie geht, Fagin», sagte Sikes.
«Nein, sie läßt's wohl bleiben», eiferte Nancy.
«Ja, ja, sie geht doch», wiederholte Sikes.
Und er hatte recht. Nancy ließ sich endlich durch Geschenke,
Versprechungen und Drohungen bewegen, den Auftrag zu übernehmen. Auch
hatte sie in der Tat weniger als ihre Freundin zu besorgen, mit einem
ihrer zahlreichen Bekannten zusammenzutreffen, da sie erst seit ganz
kurzer Zeit die entlegene, sehr anständige Vorstadt Ratcliffe mit
der Gegend von Fieldlane vertauscht hatte. Der Jude staffierte sie
aus seinen unerschöpflichen Vorräten so aus, wie es dem Zwecke am
angemessensten erschien, und gab ihr einen Korb und einen Hausschlüssel
in die Hand.
«Ach, mein Bruder! mein armer, lieber, kleiner Bruder», begann Nancy
mit überströmenden Tränen und händeringend zu wehklagen. «Ach, was
ist aus meinem Bruder geworden -- wo soll ich ihn finden? O haben Sie
Erbarmen, liebe Herren, und sagen Sie mir, was aus ihm geworden ist!»
Ihre Zuhörer waren entzückt; sie hielt inne, blinzelte lächelnd und
bedeutungsvoll und verschwand.
«Die Nancy ist 'ne gescheite Dirne», sagte der Jude mit feierlichem,
nachdenklichem Kopfnicken zu seinen beiden jungen Freunden, als wenn er
sie mahnen wollte, das eben geschaute glänzende Beispiel nachzuahmen.
«Sie ist 'ne Zierde ihres Geschlechts», stimmte Sikes, sein Glas
füllend und nachdrücklich auf den Tisch schlagend, ein. «Sie lebe hoch,
und möchten ihr alle gleich werden!»
Die Vielgepriesene eilte unterdes nach dem Polizeiamte, wo sie bald,
trotz ein wenig natürlicher Schüchternheit, allein und ohne Beschützer
die Straßen zu durchwandern, glücklich und ohne Gefährde anlangte. Nach
einigen mißlungenen Versuchen wendete sie sich weinend und wehklagend
an den Gefängniswärter, von welchem sie in Erfahrung brachte, daß
Olivers Unschuld ans Licht gekommen und daß er von dem beraubten Herrn
mit fortgenommen worden sei, der in der Gegend von Pentonville wohne,
wohin zu fahren er den Kutscher angewiesen habe. Mit dieser Auskunft
kehrte sie zum Juden zurück.
Sobald sie ihren Bericht erstattet hatte, rief Bill Sikes hastig seinen
Hund, stülpte den Hut auf den Kopf und entfernte sich, ohne sich Zeit
zu der Formalität zu nehmen, der Gesellschaft einen guten Morgen zu
wünschen.
«Wir müssen ihn ausfindig machen; wir müssen wissen, wo er steckt»,
sagte der Jude in großer Aufregung. «Charley, geh auf die Lauer, bis du
etwas von ihm siehst oder hörst. Beste Nancy, ich muß ihn wiederhaben
-- ich verlasse mich ganz auf dich und den Baldowerer. Da, da habt ihr
Geld. Ich entferne mich heut' abend von hier -- ihr wißt, wo ich zu
finden bin. Macht, daß ihr fortkommt -- ihr dürft keinen Augenblick
länger hierbleiben.»
Er stieß alle hinaus, verschloß die Tür hinter ihnen und steckte seine
Kostbarkeiten zu sich. «Er hat nichts ausgeschwatzt auf der Polizei»,
murmelte er; «tut er's aber gegen die Leute, bei denen er sich jetzt
aufhält -- wir werden ihn wiederbekommen und wollen ihm schon stopfen
den Mund.»