«Wohnst du in London?» fragte Oliver.
«Ja, wenn ich zu Hause bin. Aber du weißt wohl nicht, wo du kommende
Nacht schlafen sollst?»
«Nein», antwortete Oliver. «Ich habe seit sieben Nächten unter keinem
Dache geschlafen.»
«Mach dir darum nur keine Sorgen. Ich gehe heute abend nach London und
kenne da 'nen respektablen alten Herrn, der dir Wohnung umsonst geben
und dir bald 'ne gute Stelle verschaffen wird -- das heißt, wenn dich ä
Schentleman einführt, den er kennt. Und ob er mich wohl kennt!» fügte
der junge Herr lächelnd hinzu.
Das unerwartete Anerbieten war zu lockend, als daß Oliver einen
Augenblick hätte anstehen sollen, es anzunehmen. Er wurde zutraulicher
und erfuhr nun auch, daß sein neuer Freund Jack Dawkins heiße und ein
besonderer Liebling des erwähnten alten Herrn sei. -- Jacks Äußeres
schien freilich den Lieblingen des alten Herrn nicht viele Vorteile zu
versprechen; allein da er ziemlich leichtfertig und großsprecherisch
redete und auch gestand, daß er unter seinen Bekannten allgemein den
Namen des «gepfefferten Baldowerers» (d. h. gewitzten Kundschafters)
führe, so schloß Oliver, er möge nicht eben viel taugen und die guten
Lehren seines Wohltäters in den Wind schlagen. Oliver nahm sich daher
in der Stille vor, sich so bald wie möglich die Gunst des alten Herrn
zu erwerben, und wenn er den Baldowerer unverbesserlich fände, die
Ehre der näheren Bekanntschaft mit ihm abzulehnen.
Da es Jack nicht genehm war, vor Abend in London einzutreffen, so wurde
es fast elf Uhr, bevor sie den Schlagbaum von Islington erreichten.
Der Baldowerer führte Oliver eiligen Schrittes durch ein Gewirr von
Straßen und Gassen, so daß sein Begleiter ihm kaum zu folgen vermochte.
Trotz dieser Eile konnte Oliver nicht umhin, beim Weitergehen ein paar
hastige Blicke nach beiden Seiten zu werfen. Eine schmutzigere oder
elendere Gegend hatte er noch nie gesehen. Die Straßen waren äußerst
eng und unsauber, und die Luft war mit üblen Gerüchen erfüllt. Es war
eine große Menge kleiner Läden vorhanden, aber der einzige Warenvorrat
schien in Haufen von Kindern zu bestehen, die selbst zu dieser späten
Nachtstunde innerhalb und außerhalb der Türen umherkrochen oder im
Innern der Häuser schrien. Bedeckte Wege und Höfe, die hier und da von
der Hauptstraße abbogen, führten zu kleinen Häusergruppen, vor denen
betrunkene Männer und Frauen sich tatsächlich im Schmutze wälzten,
und an verschiedenen Torwegen tauchten großgewachsene, verdächtig
aussehende Burschen auf, die allem Anschein nach nicht viel Gutes im
Schilde führten. Oliver überlegte schon, ob er nicht am besten täte,
davonzulaufen, als ihn sein Führer plötzlich beim Arm nahm, die Tür
eines Hauses unweit Fieldlane öffnete, ihn hineinzog und die Tür wieder
verschloß. Der Baldowerer pfiff und erwiderte auf den Ruf: «Wer da?»
-- «Grim und petacht!»[G] Unten auf dem Hausflur zeigte sich Licht,
und der Kopf eines Mannes tauchte auf der zur Küche hinunterführenden
Treppe empor.
[G] Gut und sicher.
«Es sind euer zwei -- wer ist der andere?»
«Ein neuer Chawwer», rief Jack, Oliver nachziehend, zurück.
«Woher kommt er?»
«Von Grünland. Ist Fagin oben?»
«Ja. Er sortiert die Schneichen[H]. Geh hinauf!»
[H] Seidene Tücher.
Das Licht wurde zurückgezogen, und der Kopf verschwand.
Jack führte Oliver eine finstere, sehr schadhafte Treppe hinauf, mit
der er jedoch sehr genau bekannt zu sein schien, öffnete die Tür eines
Hinterzimmers und zog Oliver nach.
Die Wände des Gemachs waren von Schmutz und Rauch geschwärzt, auf einem
elenden Tische stand ein in den Hals einer Bierflasche gestecktes Licht
und am Kamine die zusammengeschrumpfte Gestalt eines alten Juden mit
einem zurückstoßenden, spitzbübischen, satanischen Gesicht, das durch
dichte, klebrige, rote Haare verdunkelt wurde. Er steckte in einem
fettigen flanellenen Schlafrocke, trug den Hals bloß und schien seine
Aufmerksamkeit zwischen dem Feuer, an welchem er Brotschnitte röstete,
und dem Kleidergestell zu teilen, auf welchem eine große Anzahl
seidener Taschentücher hing. An dem Tische saßen vier oder fünf Knaben,
keiner älter als Jack, rauchten aus langen Tonpfeifen und tranken
Branntwein, ganz als wenn sie Erwachsene gewesen wären. Sie drängten
sich um den Baldowerer, als er dem Juden einige Worte zuflüsterte,
drehten sich darauf nach Oliver um, und sie und der Jude grinsten ihn
an.
«Fagin, das ist er, mein Freund Oliver Twist», sagte Jack Dawkins laut.
Der Jude grinste, machte Oliver eine tiefe Verbeugung, faßte seine
Hand und sagte, er hoffe, die Ehre seiner näheren Bekanntschaft zu
haben. Hierauf umringten ihn die jungen, rauchenden Gentlemen und
drückten ihm eifrig die Hände -- besonders die linke, in welcher er
sein kleines Bündel trug. Der eine von ihnen zeigte großen Eifer,
seine Kappe aufzuhängen, und ein anderer war so dienstfertig, in
seine Tasche zu greifen, um ihn der Mühe zu überheben, wenn er sich
niederlegte, sie auszuleeren; und alle diese Höflichkeiten würden kein
Ende gehabt haben, wenn der Jude die Köpfe und Schultern der gefälligen
jungen Herren nicht mit der Röstgabel, die er in der Hand hielt, zu
bearbeiten angefangen hätte.
«Wir sind alle sehr erfreut, dich kennen zu lernen, Oliver», sagte
der Jude. «Baldowerer, mache einen Platz für Oliver am Feuer frei.
Ah, du betrachtest verwundert die Taschentücher, mein Lieber? Nicht
wahr, es sind ihrer eine ganze Menge? Wir haben sie soeben zum Waschen
herausgehängt. Das ist alles, Oliver; das ist alles. Ha, ha, ha!»
Seine letzten Worte wurden von einem schallenden Gelächter all der
hoffnungsvollen Zöglinge des lustigen alten Herrn begrüßt, worauf sich
alle zu Tisch setzten.
Nachdem Oliver seinen Teil gegessen, mischte ihm der Jude ein Glas
heißen Genever mit Wasser und sagte ihm, er müsse sogleich austrinken,
weil noch jemand des Glases bedürfe. Oliver tat, was ihm geheißen
war, sein Freund Jack hob ihn auf, legte ihn auf ein aus alten Säcken
bereitetes Lager, und er versank sogleich in einen tiefen Schlummer.