Oliver geht nach London und trifft mit einem absonderlichen jungen
Gentleman zusammen.
Oliver lief ohne Rast und Ruhe, bis er um die Mittagsstunde bei einem
Meilensteine stillstand, auf dem die Entfernung Londons angegeben
war. Dort konnte man ihn nicht finden, er hatte oft sagen hören, daß
die unermeßliche Stadt zahllose Mittel zum Fortkommen darböte, sein
Entschluß war gefaßt; er machte sich bald wieder auf den Weg und
gedachte nun erst der Schwierigkeiten, die er zu überwinden haben
würde, um an sein Ziel zu gelangen. Er hatte ein grobes Hemd, zwei
Paar Strümpfe, eine Brotrinde und einen Penny in seinem Bündel -- ein
Geschenk Mr. Sowerberrys nach einem Begräbnisse, bei welchem er sich
dessen ungewöhnliche Zufriedenheit verdient hatte. Er sann vergeblich
darüber nach, wie er mit so geringen Mitteln London erreichen solle --
und trabte weiter.
Nachdem er zwanzig Meilen zurückgelegt hatte, lenkte er auf eine Wiese
ein und legte sich in einem Heuhaufen zur Ruhe nieder. Er machte am
zweiten Tage abermals zwölf Meilen, verwendete seinen Penny für Brot,
übernachtete auf ähnliche Weise und erhob sich am dritten Morgen fast
erfroren und mit erstarrten Gliedern, so daß er sich kaum von der
Stelle bewegen konnte.
Die Straße wand sich hier einen ziemlich steilen Hügel hinauf, und er
flehte die Außenpassagiere einer Postkutsche um eine Gabe an. Nur einer
beachtete ihn, rief ihm zu, er möge warten, bis man oben angelangt
wäre, und begehrte darauf zu erfahren, wie weit er um einen halben
Penny mitlaufen könne. Oliver mußte nach der größten Anstrengung doch
bald zurückbleiben, und der Mildtätige steckte sein Geldstück wieder
in die Tasche und erklärte ihn für einen faulen Schlingel, der keine
Freigebigkeit verdiene. Dahin rollte die Postkutsche und ließ nur eine
Staubwolke zurück.
In manchen Dörfern waren Pfosten mit Tafeln errichtet, auf welchen
scharfe Drohungen gegen alle Bettler zu lesen waren, und Oliver eilte
furchtsam weiter; in anderen, wenn er etwa vor einem Gasthause mit
sehnsüchtigen Blicken stillstand, hieß man ihn sich davonmachen, wenn
er nicht als ein Dieb eingesperrt werden wollte. Aus vielen Häusern
vertrieb ihn die Drohung, daß man die Hunde loslassen werde, wenn er
sich nicht sofort entferne.
Es würde ihm ohne Zweifel ergangen sein, wie seiner unglücklichen
Mutter, wenn sich nicht ein menschenfreundlicher Schlagbaumwärter und
eine gutherzige Frau seiner angenommen hätten. Jener erquickte ihn
durch ein, wenn auch nur aus Brot und Käse bestehendes Mittagsmahl;
und diese, die einen schiffbrüchigen, sie wußte nicht wo umherirrenden
Großsohn hatte, gab ihm, was ihre Armut vermochte, und obendrein,
was mehr war für Oliver und ihn alle seine Leiden auf eine Zeitlang
vergessen ließ, freundliche Worte und mitleidige Zähren.
Am siebenten Morgen nach Sonnenaufgang erreichte er mit wunden Füßen
die kleine Stadt Varnet. Die Fensterläden waren geschlossen, die
Straßen waren leer; nicht eine einzige Seele hatte sich schon zu den
Geschäften des Tages erhoben. Die Sonne ging in all ihrer strahlenden
Schönheit auf; aber ihr Licht diente nur dazu, dem Knaben seine
Verlassenheit so recht zu Gemüte zu führen, als er mit blutenden Füßen
und staubbedeckt auf einer Türschwelle saß.
Allmählich wurden die Läden geöffnet und die Rouleaus in die Höhe
gezogen, und die Leute begannen auf und ab zu gehen. Einige blieben
stehen, um Oliver ein paar Augenblicke zu betrachten, oder wandten
sich im Vorbeieilen um, um einen Blick auf ihn zu werfen; aber niemand
kümmerte sich um ihn oder fragte, wie er dorthin käme. Er hatte nicht
den Mut, jemand um eine Gabe anzusprechen. Nach einiger Zeit ging ein
Knabe an ihm vorüber, sah sich nach ihm um, ging weiter, sah sich noch
einmal um, stand still, kehrte zurück und redete ihn an.
Er mochte ungefähr so alt sein wie Oliver selbst, der nie einen so
absonderlichen Kauz gesehen. Er hatte eine Stumpfnase und eine
platte Stirn, sah höchst ordinär und schmutzig aus, und seine ganze
Haltung und sein Benehmen war wie das eines Mannes. Er war klein für
sein Alter, hatte Dachsbeine und kleine, scharfe, häßliche Augen.
Der Hut saß ihm so lose auf dem Kopfe, als wenn er jeden Augenblick
herunterfallen müßte, und er würde auch heruntergefallen sein, wenn er
nicht durch häufige rasche Kopfbewegungen seines Besitzers immer wieder
zurechtgerückt oder befestigt worden wäre. Die Kleidung des Kleinen war
gleichfalls nichts weniger als knabenhaft, und die ganze Figur stellte
das vollkommene Bild eines renommierenden, prahlhaften kleinen Helden
von vier Fuß Höhe dar.
«Was fehlt dir, Bursch? Was scheft dermehr?»[B] redete er Oliver an.
[B] Was gibt's?
«Ich bin sehr hungrig und müde», erwiderte Oliver, mit Tränen in den
Augen. «Ich komme weit her und bin seit sieben Tagen auf der Wanderung
gewesen.»
«Weit her -- hm! -- seit sieben Tagen auf der Wanderung gewesen? --
Ah -- sehe schon -- auf Oberschenkels Befehl -- he? Doch,» fügte er
hinzu, als er Olivers verwunderte Miene gewahrte, «du scheinst nicht zu
wissen, was ä Oberschenkel ist, mein guter Kochemer[C].»
[C] Spitzbubenkamerad.
Oliver erwiderte schüchtern, er wisse allerdings sehr wohl, daß man
unter einem Oberschenkel den oberen Teil eines Beines verstehe.
«Ha, ha, ha! Wie grün!» rief der junge Gentleman aus. «Ä Oberschenkel
ist ä Friedensrichter, wer auf 'nes Oberschenkels Befehl geht, kommt
nicht vorwärts, sondern geht immer 'nauf, ohne wieder 'runter zu
kommen. Noch nicht in der Mühle gewesen?»
«In was für einer Mühle?» fragte Oliver.
«Ei, in der, die in ä Doves[D] Platz hat. Doch du bist butterich[E];
ich hab' freilich auch nicht eben zu viel Massumme[F], aber so weit's
zureicht, will ich rausrücken und blechen. Steh auf -- komm!»
[D] Gefängnis.
[E] Hungrig.
[F] Geld.
Der junge Gentleman half Oliver aufstehen und nahm ihn mit sich in sein
Gasthaus, wo er Brot und Schinken bringen ließ und ihn sehr aufmerksam
beim Essen beobachtete. Als sich Oliver endlich gesättigt, warf er die
Frage hin: «Nach London?»
«Ja.»
«Hast du eine Wohnung?»
«Nein.»
«Geld?»
«Nein.»