Commendant. Ha, ha, ha! --

Duur. Ich glaubte nicht, daß die Ehrenbezeugungen mir gelten könnten; ich

bildete mir ein, man verwechsle mich.

Commendant. Ha, ha, ha, ha!

Duur. Ich wills mir nie wieder beikommen lassen, mich _Graf_ zu nennen.

Sechstes Kapitel.

Rosalia medisirt.

Die schöne Tochter des Commendanten konnt's unmöglich länger dulden, daß

der Fremde auf dem Divan wie geschmiedet sas. Sie mischte sich ins

Gespräch, wiegelte auch die andern Damen auf, und der ehrliche Commendant

mußte in dieser allgemeinen Revolution seinen aufmerksamen Schüler fahren

lassen.

Die Unterhaltung ward mit diesem Augenblick gemeinschaftlicher und

lebhafter; _Florentin_ mischte sich unter die lieben Schwätzerinnen, und

ohne daß er es wußte, drängte er sich _Rosalien_ näher.

»Um Verzeihung, mein Herr!« fing das _Fräulein_ an, mit einem ironischen

Lächeln, worin doch noch so viel Seelengüte wohnte:

»Sie sind wohl gar _Professor der Alterthumskunde_ auf einer Akademie?«

»Beinah errathen, mein Fräulein.«

»Wirklich? Sie sehn doch aber so jung? Ich dachte mir unter solchen

Alterthumsprofessoren wenigstens Graubärte von sechzig Jahren.«

»Sie wissen _mein_ Alter nicht.«

»Aber sagen Sie offenherzig, gehören Sie denn wirklich zu den sonderbaren

Leuten, die in der Vorwelt alles besser finden, als in der Iztwelt?«

»Wer könnte bei _Ihnen_ die _Vorwelt_ schöner finden?«

»Das kam nicht von Herzen.« --

»Gewiß. Darin war die Vorwelt besser, daß sie nicht halb so _mißtrauisch_

war.«

»O ja, sie war _gläubig -- leichtgläubig, abergläubig, übergläubig_, wie

Sie wollen, dafür ist sie bekannt.«

»Sie sind eine bittre Spötterin, und grade die _Damen_ sollten die Vorwelt

am meisten lieben, weil sie von ihr am meisten vergöttert wurden.«

»Sie haben recht; allein ich weiß nicht, ob unser Geschlecht Ursach hat,

auf solche Vergötterung stolz zu seyn. Ein Weib, das mit Schönheit und List

das schwache Gehirn unter einem fürstlichen Schädel in Gährung brachte,

konnte im Ueberfluß schwelgen, und würdige, verdienstvolle Männer mußten

unterdessen in Armuth darben und umkommen.«

»Man schäzte auch _damals_ schon das Verdienst.«

»O ja, aber immer zu _spät_, wie die Narren _gewöhnlich_ pflegen. Nach

_ihrem Tode_ erbaute man den braven Männern _Ehrensäulen_ und _Statüen_,

denen man, so lange sie lebten, kaum ein abgelegtes Kleid und ein Stück

Brod zuwarf.«

»Die Ehrensäulen waren nicht -- --«

»O ich weiß, was Sie sagen wollen, aber damit entwischen Sie nicht, Herr

Professor. -- Waren die Monumente und Statüen für die _Todten_? O Himmel,

wer konnte sich denn einbilden, daß sich die Schlummernden im Grabe über

diese kahlen Ehrenbezeugungen freun würden? Sie ruhn und wissen nicht, ob

über ihren Aschenhügel ein _Schandpfahl_, oder ein _Triumpfbogen_ errichtet

steht. Sie werden damit nicht mehr gereizt, nicht bestraft, nicht belohnt.

-- Oder sorgte man mit solchen Ehrenbezeugungen für die _Lebendigen_? Ach,

mein lieber Herr Professor, so sorgte man schlecht; die Lebendigen

verlangten gewiß nicht _Steine nach dem Tode_, sondern _Brod im Leben_; sie

rangen nicht nach jenem, sondern nach diesem, und mit _diesem_ hätte man

sie belohnen müssen. -- Was hilfts, wenn ich meinen Kanarienvogel, trotz

seinem süßen Gesang, verhungern und verdursten lasse, und ihm, wenn er tod

ist, von einem Gelegenheitsdichter lobpreisen lasse? Wäre das nicht

närrisch? Nun, mein Herr, was waren nun die dankbaren Menschen in Ihrem

beliebten Alterthum?«

»Ich würde besiegt seyn, wenn ich wider Sie hätte zu Felde ziehn wollen,

mein Fräulein. Ich bin Ihr treuer Bundesgenosse. Aber baut man nicht auch

in unsern Zeiten den Todten noch Ehrensäulen und Obelisken?«

»Gewiß, aber sie werden gebaut, nicht den Todten, sondern den Lebendigen

zur Nacheiferung; und heutiges Tages Verdienst ums Vaterland zu haben, ist

wahrlich der Mühe werther, als vor fünf, sechshundert Jahren.«

»Ständ es in meiner Macht, so sollte auch Ihnen ein Denkmal gesezt werden,

um recht viel so schöne Vertheidigerinnen dieses Zeitalters zu erwecken.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden; der Ruhm gehört Ihnen, weil Sie allenthalben

zur Vertheidigung Anlaß geben.«

So stritten Beide noch ein Weilchen hin, unter Scherz und Lachen. Die

Gesellschaft theilte sich in Partheien und söhnte sich erst mit Anbruch der

Mitternacht aus.

»Wir sehn uns doch wieder?« rief _Rosalia_ beim Abschiede, und der alte,

biederbe _Silberot_ drückte dem entzückten _Duur_ freundlich die Hand.

Siebentes Kapitel.

Die Spazierfahrt.

»O mein Oheim! mein guter, lieber Oheim, wenn Du izt lebtest -- wenn Du nun

so herrlich verwandelt sähest Deine Träume von der glücklichen Nachwelt in

Wirklichkeit!« rief der _ehmalige Graf_, als er nach Mitternacht in sein

Quartier ankam, wo ihn der treue Pudel nach so langer Trennung mit

freundlichem Gebell empfing.

_Matthias_ schlief süß und fest.

»Holder, was werd' ich Dir alles zu erzählen haben, was werd' ich noch

alles erleben! Ich war in meinem Jahrhundert keiner der unvollkommensten,

und gleiche in der neuen Welt einem unwissenden Schüler, der allenthalben

lernen muß. Ach, könnt' ich sie aus ihren Gräbern rufen, die begeisterten

Apologeten und Lobredner meines Zeitalters, könnten sie hören das Urtheil

der Nachwelt über unser _hochgepriesenes, aufgeklärtes Jahrhundert_!«

Mit solchen Apostrophen entschlief er, und erwachte er wieder.

Einige Juwelen von bedeutendem Werth wurden sogleich am andern Tage in die

Welt gesandt und in klingende Münze verwandelt. _Duur_ kleidete sich dem

damaligen Geschmack gemäs vom Kopf bis zu den Füßen neu; wer ihn izt sah,

hätte nicht vermuthet, daß dieser Elegant ein Sohn der frühern Vorwelt war.

_Rosalia_ sah ihn einige Tage später, und bemerkte mit einem gutmüthigen

Lächeln, daß der _Professor der Alterthumskunde_ schlechterdings für sein

antikes Fach nicht geschaffen sey.

»Wissen Sie was Neues, Freundchen?« rief ihm eins Morgens der Commendant

entgegen, welcher ihn hatte zu sich bitten lassen: »wir haben so viel von

Edelleuten gesprochen, aber noch haben Sie keinen gesehn. Hier in der Stadt

ist kein einziger -- aber drei Meilen von hier auf dem Lande wohnt ein

Edler; er ist mein guter Freund, wir wollen ihn besuchen. Der Wind ist

trefflich, in einer halben Stunde können wir da sehn.«

_Florentin_ war willig.

»Es ist ein simpler, schlichter Biedermann; Sie müssen ihm keine

Complimente machen. Vielleicht kennen Sie ihn schon, es ist der brave

_Gobby_.«

»Ich kenn' ihn nicht.«

»Als Gelehrter müßten Sie ihn doch kennen.«

»Ich versichre, er ist mir durchaus unbekannt.«

»Hm! nun seine Geschichte ist kürzlich folgende, denn die müssen Sie

wissen, um ihn schätzen zu können. Er ist der einzige Sohn und Erbe des

reichsten und filzigsten Bankiers; sein Vater starb und hinterließ ihm ein

ungeheures Vermögen, von welchem er gemächlich, wie ein Fürst leben konnte.

Statt das Gold in den Kisten und Kasten gefangen zu halten, wie sein Vater,

verschwendete ers auf die wohlthätigste Weise. In fünf deutschen Städten

legte er fünf gleich große Kapitalien nieder, von welchen der Arbeit

unfähige Greise, Krüppel, arme Wittwen, Waisen, Findelkinder und andre

Unglückliche, so lange sie der Unterstützung bedürftig sind, erhalten

werden sollten. Für sich selbst behielt er nur so viel, daß er ein mässiges

Auskommen hatte und eine Reise vollenden konnte, die schon längst

projectirt ward. -- Nämlich, er ging nach Amsterdam, kaufte ein batavisches

Schiff, warb auf eigne Unkosten Freiwillige und segelte nach den

_Sandwichsländern_. Von hier aus steuerte er dem Südpol zu, so weit er

konnte, versorgte sich mit Proviant und andern Bedürfnissen, und segelte

mit zwanzig Luftgondeln und fünf geschickten Matrosen über den unbekannten

Südpol, von welchem er uns die erste gute Karte geliefert hat. -- Seine

Reisebeschreibung läßt sich nicht ohne Schaudern lesen; drei von seinen

Gefährten erfroren am Pol, weil sie im Genuß des Feuergeistes zu nachlässig

waren.«

»Des _Feuergeistes_? was verstehn Sie darunter?«

»Was ich darunter verstehe? haben Sie noch keinen Feuergeist gesehn in den

Apotheken?« Der _Commendant_ klingelte, ein Bedienter erschien und brachte

nach einger Zeit auf dessen Befehl ein Fläschchen, welches, ins Dunkele

gehalten, phosphorisch schimmerte.

»Sehn Sie,« fuhr er fort: »dies chemische Produkt ist ausser dem gröbern

Feuer das einzige, welches die Wirkungen der Kälte besiegt. Es erhält das

Blut im warmen Kreislauf beim höchsten Grad der Kälte, und ein Tropfen

davon in einen Becher voll Wassers, bewahrt dieses mitten im Winter auf dem

höchsten Gebürge vor dem Frost.«

_Florentin_ starrte bald das Fläschchen, bald den Commendanten mit einer

Miene an, wie sie im achtzehnten Jahrhundert die Einwohner _Australiens_

hatten, als sie zum erstenmal der Explosion einer Flinte beiwohnten.

»Ist es möglich!« rief er.

»Kurz!« fuhr der _alte Silberot_ mit einem sanften Lächeln in seiner

Erzählung fort: »_Gobby_ kam glücklich mit seinen beiden Reisegefährten

zurück zu dem Schiffe. Ein Jahr nachher theilte er den Europäern seine

Entdeckungen mit. Ganz Europa zollte dem kühnen Mann den wärmsten Dank, und

daß man ihn unter die verdienstvollen _Edeln des Landes_ sezte, war

Schuldigkeit.«

_Rosalia_, heut schöner, als je, trat in diesem Augenblick mit einer ihrer

Freundinnen ins Zimmer. _Florentin_ hätte gern noch Stundenlang dem

gastfreundlichen Lehrer zugehört. Aber er mußte auch nur _so_ in seiner

Unterhaltung gestört werden, um freundlich zu bleiben.

»Es ist alles bereit!« rief _Rosalia_ ihrem Vater entgegen. Der

_Commendant_ nahm die fremde Dame und führte sie in den Hof hinunter;

_Rosalia_ bot lächelnd dem träumenden _Duur_ ihren Arm.

In einem geräumigen, mit Quadersteinen gepflasterten Hof standen zwei

Gondeln, mit Segeln von rosenfarbner Seide, und Fischbeinrudern von

Taffent, die viele Aehnlichkeit mit Flosfedern des Wallfisches hatten.

_Rosalia_ sprang in einen dieser Kähne, und winkte dem versteinerten

_Duur_, der nun wohl merkte, wohin es mit ihm sollte. -- Er betrachtete das

leichte, magische Gebäu mit einer sonderbaren Aengstlichkeit, und würde

alles darum gegeben haben, wenn man ihn mit dieser Promenade verschont

hätte.

»Kommen Sie, kommen Sie, lieber Duur!« rief _Rosalia_, und streckte die

Hand ihm entgegen. Ein leichter Schauer überlief ihn; zitternd faßte er des

Fräuleins Hand und -- hätte ein herzliches _ex profundis_ beten mögen --

und sezte sich. Der Gondelier stieg ein. Der Kahn schwoll auf allen Seiten

an. _Florentin_ sah sich verlegen nach allen Seiten um und preßte sich

dichter an _Rosalien_.

In diesem Augenblick sanken vor seinen erstaunten Augen die hohen, massiven

Mauern und Gebäude rechte und links neben ihm nieder, wie auf der Bühne

beim Klingeln des Soufleurs die gemalten Straßen; schon dampften, in

gleicher Richtung mit ihm, die Schornsteine; bald verloren sie sich unter

ihm, und die hohen Kuppeln der Kirchthürme näherten sich ihm vertraulich.

Der Kahn gaukelte izt noch um die funkelnde Spitze des Thurmgipfels, wie

ein Schmetterling um die Blume, und die aufgescheuchten Dohlen flatterten

mit ängstlichem Geschrei an den Wimpeln der Gondel vorüber. Aber bald

verloren sich auch die Thürme unter ihm hinab und wurden wie kleine Stäbe,

und die Dohlen darum wie Fliegen.

»Mein Gott!« rief _Duur_: »wohin mit uns?«

»In den Himmel!« antwortete _Rosalia_ mit einem schalkhaften Blick.

»Sie haben Recht, denn ich habe ja schon einen Engel an meiner Seite,«

erwiederte er und drückte _Rosaliens_ Hand fester an sich.

Ein falber Nebel umfing sie. Die Nebengondel, worin sich der Commendant mit

der Fremden befand, verschwand vor ihren Blicken. Sie schwebten allein über

der stillen, furchtbaren Tiefe im unendlichen Raum.

Plötzlich scholl aus den Nebeln herüber eine Stimme: »Rosalia, versieh

Deine Pflicht! Duur passirt die Linie zum erstenmal!« -- Es war die Stimme

des Commendanten.

»Hören Sie wohl, was mein Vater sagt? Sie befahren diese Gegenden zum

erstenmal; und wissen Sie wohl, was da Sitte ist?«

»Ich weiß wahrhaftig nichts.«

»Wenn ein Reisender zur See zum erstenmal die Linie passirt, wird er von

den Schiffern nach Schifferbrauch getauft -- das heißt, nur ein paarmal ins

kühle Meer untergetaucht.« --

»Das war schon vor alten Zeiten ein grausamer -- -- --«

»Kommen Sie mir schon wieder mit Ihren _alten Zeiten_? Ich will davon gar

nichts mehr wissen. -- Mit einem Worte, Sie müssen sich alles gefallen

lassen, was ich hier mit Ihnen vorzunehmen das Recht habe.«

»Nur -- Liebe -- _nur nicht tauchen_!«

»O Scherz, es ist noch dreimal ärger!«

»Noch dreimal ärger? Sie wollen mich doch nicht _hinauswerfen_? -- es ist

verdammt tief unten, und ich kann für meinen Hals nicht bürgen.«

»Alles Protestiren hilft Ihnen nichts. Sie müssens sich nun einmal

schlechterdings gefallen lassen -- -- --«

»Was denn?«

»Von mir -- --«

»Haben Sie Erbarmen!«

»_Drei -- Küsse_ anzunehmen.«

»Milder Genius dieses Jahrhunderts, ich erkenne Dich!« rief _Duur_, und

hing an _Rosaliens_ Lippen.

»Duur!« rief sie endlich halbböse: »wissen Sie nicht mehr, wie viel _drei_

ist? Oder bedeutete drei in Ihrem achtzehnten Jahrhundert _mehr_, wie _bei

uns_? -- Sie haben nun wohl zehnmal geküßt.«

»Ich bin im _Himmel_!« rief er: »und im Himmel soll ja Seligkeit seyn ohne

_Aufhören_!«

»So werden sich dereinst die zehntausend Jungfraun vor Ihnen in Acht zu

nehmen haben.«

»Nur _eine_, und die wären _Sie_!«

Sie wollte antworten, aber -- die Sylben erstarben in einem langen Kusse.

Die Gondel schwebte langsam über eine unabsehbare wellenförmigte Ebne

falben Dufts, und des Aethers reines Ultramarin wölbte sich oberwärts

herab.

_Duur_ wähnte sich in die Zauberwelt der Träume verirrt zu haben.

Majestätisch tauchte sich der Kahn wieder hinunter in die zerfliehenden

Wollen -- ha! und mit niegesehner Pracht zeigte sich in tiefer Ferne unten

ein Weltkörper, welchen _Duur_ nicht für die Erde anerkennen wollte.

»Wir sind nach dem Mond hin verschlagen!« jauchzte er an _Rosaliens_ Seite,

die den naiven Mann und sein anhaltendes Erstaunen mit stiller Freude

beobachtete.

Reglos, wie eine buntilluminirte Landcharte mit ihren Meeren und Provinzen,

lags unter ihm ausgespannt. Wald und Wiese, Gebürg und Bach schwammen

einförmig in einander verschmolzen in der Tiefe.

Mit jedem Augenblick aber dehnten sich die kleinen Gestalten immer weiter

und größer aus einander, wie unterm Vergrößerungsglase; aus grünen Flecken

entfalteten sich Wälder, das schimmernde Pünktchen rollte sich aus und ward

ein Landsee; der schwarze Stumpf verlängerte sich zum Dorfthurm und aus den

Maulwurfshügeln erstanden Häuser. --

Schon begrüßten die Vögel in der Luft die fremde Erscheinung in ihren

Revieren; schon rührte den Geruchssinn ein aromatischer Duft, welcher die

Nähe junger Blüten verrieth; schon rauschten seitwärts an den Gondelrudern

die Wipfel der Fichten und Eichen -- ein prächtiges, regelmäßiges

Landschloß stieg in der Mitte eines Gartens auf -- sie waren zur Stelle. --

Achtes Kapitel.

Gobby.

»Wie gefällts Ihnen im Himmel?« rief unserm Luftfahrer der alte

_Commendant_ mit herzlichem Lachen entgegen.

»Besser noch, als mirs die Bibel versprochen hat;« antwortete _Florentin_,

indem er auf _Rosalien_ hinblickte.

»O Väterchen!« sezte _diese_ hinzu: »unser Alterthumsprofessor sündigt

oben, wie unten. Schicken Sie ihn nur erst ins Fegefeuer.«

Bei diesen Worten öffneten sich die Pforten -- ein blasser, hagrer Mann,

mehr klein, als groß, einfach gekleidet, trat heraus. Hinter ihm zeigte

sich im festlichen Kleide, von Goldstickereien blitzend, der

wahrscheinliche Herr des Gebiets, mit einem ernsten, feierlichen Wesen.

_Florentin_ freute sich wirklich, den Umflieger und Bewandler des Südpols,

den Freund und Schutzgeist der leidenden Armuth kennen zu lernen, als er

bemerkte, daß der kleine, hagre Mann die Umarmung des _Commendanten_

verließ, um _Rosalien_ zu küssen.

»Dieser also?« lächelte _Florentin_, dem die Phantasie ihr gewöhnliches

Späschen gespielt hatte, die nur große Geister in großen Gestalten und

schöne Seelen in schönen Körpern sucht.

_Gobby_ -- er wars -- näherte sich endlich auch ihm, mit einem Blick voll

gastfreundlicher Liebe und Vertraulichkeit; -- der _Commendant_ war im

Begriff, seinen Gast zu präsentiren, als Gobby, wie mit Entsetzen, einen

Schritt zurückprallte.

»Herr _Duur_, ein neuer Bekannter und Freund!« rief der _Commendant_.

»Und unser ehrenfester Professor der Antiquitäten« -- sezte _Rosalia_

hinzu, und, indem sie _Florentinen_ argwöhnisch anlächelte: »unser --

Freund?«

»Sie sind mir bekannt, Herr _Duur_ -- -- wir haben uns irgendwo gesehn,

gesprochen -- ich weiß nicht wo? und nicht wie?« sagte _Gobby_: »seyn Sie

mir willkommen!«

Man trat in einen Saal, der vom Geschmack und Reichthum des Besitzers

zeugte.

Die Wände waren Spiegel, und jede Wand, wie ein einziger Guß, ohne Reifen

und Fugen; oben hingen sich an goldnen Stäben und Ringen Blumenguirlanden,

so täuschend, so frisch, als wären sie erst vor einem Augenblick den Beeten

geraubt. Ausser den nothwendigsten Meublen erblickte man vier Nischen in

den vier Wänden; in jeder einen Marmoraltar, worauf sich paarweise

_Gobby's_ Penaten befanden -- Bronzebüsten. Ein _Sokrates_- und

_Christus_kopf standen vertraulich beisammen, ein _Aristoteles_ und _Kant_,

ein _Friedrich der Große_ und ein Unbekannter, ein _Rousseau_ und ein

Unbekannter.

Es war schon mehrere Gesellschaft gegenwärtig; man mischte sich freundlich

durch einander und sprach von diesem und jenen -- _Gobby_ aber entfernte

sich mit dem _Commendanten_.

Am meisten unterhielt eine Note des verstorbnen Kaisers an seine

Unterthanen, welche wenige Monate vor seinem Tode ans Licht getreten war.

Man debattirte lange darüber, und schien sich nicht vereinigen zu können,

ob der Kaiser billig gedacht habe, oder nicht. _Florentin_ mischte sich in

die kleine Fehde, und, um richtig zu urtheilen, las man ihm die Note vor:

»An meine Unterthanen.«

»Da die vorliegenden nördlichen Provinzen durch den langen Krieg fast

gänzlich verwüstet sind, und ich, ohne Noth, Euch durch keine Auflagen

drücken wollte, um den Flor jener Provinzen wieder herzustellen: so

entschlos ich mich, die kostbaren Feierlichkeiten, Opern, Feuerwerke und

dergleichen an meinem Hofe einzustellen, auch die Gehalte der Prinzen und

Prinzessinnen um die Hälfte zu verringern, bis die verwüsteten Dörfer und

Städte wieder erbauet und die verarmten Familien gerettet seyn werden. Es

war dies von meiner Seite ein freiwilliger Beitrag zur Linderung der

allgemeinen Noth -- Aber daß man mich wegen meiner erfüllten Pflicht so

unaufhörlich mit öffentlichen Lobreden und Lobgedichten heimsucht, find'

ich von meinen Unterthanen nicht schön, weil damit nichts gesagt zu seyn

scheint, als: es ist sehr ungewöhnlich, daß Fürsten auch Menschenpflichten

erfüllen! -- Wie viel Elogen und Hymnen hätt' ich auf diejenigen von meinen

Unterthanen zu verfertigen, die so viel nach Verhältniß ihrer Kräfte

thaten, als ich?« --

»Nun sagen Sie Ihre Meinung!« rief man, nach Durchlesung der Note, dem

bestürzten _Florentin_ zu.

»Ist es nicht hart, wenn der Vater seiner Kinder Dank nicht hören will?«

riefen einige.

»Ist es nicht billig und vernünftig vom Kaiser?« schrie die Gegenfaction.

_Florentin_ las das Blatt noch einmal und wollte seinen Augen nicht trauen.

»Meine Herrn und Damen,« sagte, er endlich: »ich muß gestehn, _solche

Denkart_ eines Fürsten, _solche_ Aeusserung des feinsten moralischen

Gefühls ist nur allein dem drei und zwanzigsten Jahrhundert eigen.«

»Dies Urtheil konnt' ich voraussehn!« sagte _Rosalia_ lachend: »der Herr

wird uns so gleich mit einen Beispiel vom Gegentheil aus der Vorwelt

aufwarten.«

»Mit mehr, als einem!« erwiederte _Duur_: »ich erstaune izt weder über die

Billigkeit noch Härte des kaiserlichen Wunsches, sondern darüber, daß Sie

noch getheilte Meinungen hegen können.«

»Bravo!« rief eine Parthei.

»Welch ein edler Ton herrscht in der Sprache. Schon daß er von allen

Curialwust abläßt, und seine Person mit dem simpeln _Ich_ bezeichnet,

schildert den Kaiser« -- -- --

Ein verworrnes Gelächter unterbrach ihn. »Wie soll er denn von sich anders

reden?«

»Es wird Ihnen bekannt seyn, daß sonst große und kleine Fürsten nie anders

ihre Vielheit bezeichneten, als durch ein großes _Wir_.«

»O!« rief einer aus der Gesellschaft lachend: »das war in dem finstern

Zeitalter guter Ton, als die Fürsten noch böse wurden, wenn man sie nicht

die allergnädigsten, großmächtigsten, unüberwindlichsten nannte. Seitdem

aber diese _unüberwindlichsten_ Herrn mehr als einmal _überwunden_ wurden,

und die _allergnädigsten_ sich mehr als einmal sehr _ungnädig_ fanden:

waren sie selbst so billig, ihre Titel in mildere zu verwandeln, um die

Suppliken der Unterthanen für keine Satyre zu halten.«

»Erlauben Sie,« fiel dem Redner ein andrer ins Wort: »ich weiß nicht, ob

die itzigen Titel: -- unser guter, _menschenfreundlicher König_, oder

_Kaiser_, oder _Fürst_ und _Herr_ -- nicht weit _schmeichelnder_ sind, als

die vorzeiten gebräuchlichen, welche man noch in alten Chroniken und

Urkundensammlungen findet: denn unsre bestimmen den fürstlichen Charakter

sehr deutlich, zwar nicht immer als das, was er ist, sondern als das, was

er eigentlich _seyn sollte_; allein die alten waren oft ganz

unverständlich, wobei sich weder der Unterthan, welcher sie schrieb, noch

der Fürst, welcher sie las, etwas denken konnte -- zum Beispiel, wenn es

hieß: _allerdurchlauchtigster_ -- -- --«

»Dagegen bemerk ich« erwiederte der _Gegner_: »daß es die _Alten_

verstanden, aber _wir_ freilich nicht, da unsre Sprache sich unterdessen

sehr verändert hat.«

»Ich bitte um Verzeihung, daß ich Ihnen widersprechen muß,« entgegnete

_Duur_: »auch die Alten wußten von solchen Ausdrücken keinen Sinn -- schon

im achtzehnten Jahrhundert nicht.«

»Und dieser Herr« rief _Rosalia_, indem sie muthwillig auf _Florentinen_

deutete: »hat Autorität; er ist in der Vorwelt zu Hause, wie bei uns.«

»Ich geb es zu,« antwortete der _Widerlegte_: »allein dann wär es ja

wunderlich gewesen von unsern Ur-Großvätern, wenn sie sich Redensarten

bedient hätten, welche weder _die_ verstanden, so sie gaben, noch _die_,

welche sie nahmen?«

»Was erwiedern Sie _darauf_, lieber Professor?« fragte _Rosalia_?

_Duur_ wischte sich leise über die Stirn.

Neuntes Kapitel.

Der Kupferstich.

»Eine Rarität, meine Herrn!« rief der edle _Gobby_, welcher mit einem

Quartanten unterm Arm in Gesellschaft des alten _Silberot_ hereintrat.

Neugierig wandte sich jedes Auge auf den achtungswürdigen Mann hin, von

welchem man, selbst wenn er scherzte, nichts ganz Gewöhnliches zu hoffen

hatte. Die Versammlung schloß einen Kreis um ihn.

»Wers erräth _sit mihi magnus Apollo_!« sagte er mit einem bedeutenden

Lächeln.

»Den Nachsatz erbitten wir Ungelehrte deutsch!« rief eine Dame.

»_Der_ oder _die_ soll heut König oder Königin unsers Cirkels seyn und von

jedem Anwesenden einen Kuß empfangen!«

»Da ists der Mühe werth, zu rathen.«

»Der lezte Theil Ihrer Reise zum Südpol!« rief ein Gelehrter.

»Eine neue Ausgabe!« ein andrer.

»Das Buch vom Stein der Weisen!« ein dritter. Und so riethen sie alle und

_Gobby_ schüttelte zu allem den Kopf.

_Rosalia_ lächelte ihren Reisegefährten an: »Merkwürdige Rathen, Thaten und

Faten aus dem achtzehnten oder neunzehnten Seculum für Lehrer der

Alterthumskunde!«

»Getroffen!« rief _Gobby_ und schlug das Buch von einander: »Eine äußerst

seltsame Erscheinung muß ich Ihnen bekannt machen, die freilich nur für

diese Versammlung ein anziehendes Intresse hat; Dies Buch enthält eine

Kupferstichsammlung; unter derselben befindet sich auch ein gewisser

_Florentin von Duur_ -- -- --«

_Florentin_ wurde feuerroth; das Blut pickte laut in allen Pulsen und

Fingerspitzen.

»Und dieser Herr« fuhr _Gobby_ fort, indem er auf _Florentinen_ zeigte:

»trägt denselben Namen. Er heißt _Florentin Duur_. Vor ohngefähr vier bis

fünfhundert Jahren warf sich _jener_ Florentin von Duur in _Kanella_ auf,

und bewirkte eine sehr schlau eingefädelte Revolution wider den damaligen

Beherrscher Kanella's. Das Volk nahm eine republikanische Verfassung von

seiner Hand an, aber diese Regierungsform war von kurzer Dauer; das Reich

ward in sich selbst uneins; ehrsüchtige und gelddürstige Egoisten schwangen

sich wechselnd empor, zerrütteten das Land, welches endlich wieder

zertheilt unter den Zepter der benachbarten Monarchen kam. _Florentin von

Duur_ ward von den Geschichtschreibern in die Gesellschaft der

_Masaniello's_, _Kosciuskos_, _Fayette's_ und _Mirabeau's_ gesezt.«

»Ich selbst habe neulich noch in einem Traktate seiner gedacht,« sagte

hierauf ein _Gelehrter_: »worin ich unter andern die Meinungen derjenigen

Scribenten mit neuen Gründen unterstüzte, welche sehr wahrscheinlich

behaupten, daß er nur den Namen hergeliehen habe zu der Revolution, deren

Plan und Vollendung eigentlich dem versteckt gebliebenen, und mit ihm

verbundnen _Badner_ angehörte. Der berühmte _Ocellius_ in seiner

Dissertation _de Badnero vindicato_ bezieht sich allein auf die Statüe des

_Badner_, und leitet von ihr seine Gründe her.«

_Duur_ spizte die Ohren mächtig; ein Wort von ihm wäre hinreichend gewesen,

die gelehrten historischen Hypothesen der äußerst schlauen

_Geschichtsklitterer_ dieses Zeitalters zu zerstören[A], wenn er nur irgend

hätte Hoffnung hegen können, mit seinem fünfhundertjährigen Schlummer

Glauben zu finden.

»In der Geschichte darf nicht philosophirt, sondern nur Datum an Datum

gekettet werden, wenn sie uns mehr als Roman seyn soll;« sagte er, um den

Mann doch einigermaßen zu widerlegen, und sein kleiner Ehrgeiz erwachte

unter jener Beleidigung.

»So wird uns die Geschichte nicht mehr, als Zahlen, Namen und dürre

Begebenheiten, ohne Zusammenhang, wie Glieder einer zerrissenen Kette,

liefern;« erwiederte der _Gelehrte_.

»Es ist die Frage: ob die Geschichte mehr zu leisten berechtigt sey?«

antwortete _Duur_.

Der edle _Gobby_ unterbrach den beginnenden Streit. »Zur Sache. Der

Kanellesische Revolutionair hat nicht nur mit unserm Freunde hier gleichen

Namen, sondern -- sehen Sie her, meine Herrn und Damen! -- sondern auch

dasselbe Gesicht gemein!«

[Fußnote A: Die Geschichtsklitterer des drei und zwanzigsten Seculums

hatten auf diese Weise noch viel Aehnlichkeit mit ihren Brüdern des

achtzehnten Jahrhunderts.]

Ein tiefes Erstaunen ergriff die ganze Versammlung; man gaffte den

Kupferstich bald, und bald dessen lebendiges Ebenbild an; das Spiel des

Zufalls war hier mehr, als seltsam.

_Duur_ stellte sich nicht weniger betroffen; er konnte ein anhaltendes

Erröthen nicht verbergen, und wagte es nicht, das Stillschweigen zuerst zu

unterbrechen.

»Das ist wunderbares Zusammentreffen der Umstände!« rief endlich einer.

»Etwas Unerhörtes, Niegesehnes!« ein andrer.

»Und scheint wahrhaftig mehr, denn absichtslose Tändelei der Natur zu

seyn!« ein dritter.

Jeder gab endlich seine Meinung darüber, und _Gobby_ machte das Ganze

zulezt zum Scherz. »Sie könnten,« sagte er zum bestürzten _Florentin_: »Sie

könnten nach Kanella gehn, und dort mit Glück den _Pseudo-Duur_ spielen.

Wenn die Kanelleser noch den Enthusiasmus der Vorältern für die Revolution

haben: so wird es Ihnen leicht seyn, aus dem unbekannten Privatmann ein

bedeutender Diktator zu werden, um Kanella zu erobern.«

»Würden Sie das?« fragte Rosalia.

»Wenn Sie Kanella wären -- gewiß.« antwortete _Duur_.

Zehntes Kapitel.

Der Salomonismus.

_Gobby's_ Einsiedelei war so anmuthig, sein Ton so herzlich und einladend,

die Gesellschaft, welche er um sich versammelt hatte, so intressant, der

Wind zum Zurückschiffen den Luftgondeln so wenig günstig, daß der

Commendant mit seinen Gefährten sich sehr bald entschloß, mehrere Tage bei

dem wackern _Gobby_ zu verweilen.

_Florentinen_ war diese Verzögerung nichts weniger, als ungelegen. -- Er

blieb gern, denn fast alles, was ein Herz, wie das seinige, zu fesseln im

Stande war, fesselt es in Gobbys lieblichen Bezirk. -- Der Abentheurer des

achtzehnten Jahrhunderts schwamm in einer niegefühlten Seligkeit -- er sah

die Nachwelt, sah die weissagenden Träume von ihr erfüllt, und sich unter

den glückseligen Bewohnern einer gebildeten Welt.

Noch hatt' er nirgends einem melancholischen Gesicht begegnet, worauf Gram

und Verzweiflung, Hunger und Bettlersorgen ihren Empfehlungsbrief

geschrieben; noch hatt' er keiner weinenden Unschuld Thränen gesehn, noch

keines Unterthanen Flüche gehört unter den Druck eiserner Gesetze -- aber

noch hatt' er auch nur wenige Menschen erblickt, und wenige beobachtet.

Hier in _Gobby's_ fröhlichem Cirkel, wo man Unzufriedenheit und Kummer

zulezt gesucht hatte, erblickte _Duur_ den ersten Mann des glücklichen

Zeitalters, der unglücklich, und wie es sich anließ, durch sein Zeitalter

unglücklich zu seyn schien. -- _Josselin_ war sein Name, und die

Erscheinung viel zu fremdartig, als daß sie nicht von unserm

philosophischen Kundschafter aufs genauste hätte beobachtet werden sollen.

_Josselin_ war ein junger Mann von fünf und zwanzig Jahren, der, wenn er

sich gleich keiner apollonischen Schönheit rühmen konnte, doch durch

gewisse, intressante Züge seines Gesichts, den vielsagenden Blick seines

Auges, das Angenehme seines Betragens und das Geistvolle seiner

Unterhaltung allen Kennerinnen das Geständniß ablockte, er sey ein

liebenswürdiger Mann. Der auffallendste Beweis seiner Gewalt über daß

weibliche Herz war für _Florentinen_ dieser, daß _Rosalia_ von ihm

bezaubert wurde, ehe sie es selbst wußte, so daß ihr ganzes Wesen an jedem

Tage deutlicher von gewissen Empfindungen predigte, die ganz verschieden

von denen waren, welche sie bisher für _Florentinen_ hatte.

_Josselin_ wurde geliebt von allen Weibern, geliebt von allen Männern, und

nur er schien es nicht zu wissen, sondern stand ernst und melancholisch da,

wie ein Verbannter aus dem Lande des Glücks.

_Florentin_ konnte bei diesem Anblick sich nicht einer unwillkührlichen

Erinnrung an Holder, den Jüngling im achtzehnten Jahrhunderte erwehren. Er

drängte sich näher an den Schwermüthigen; _Josselin_ selbst kam ihm immer

entgegen -- beide sympathisirten, ehe sie sich kannten.

»Aber wer ist Josselin?« fragte _Duur_ den edeln _Gobby_ in einer

vertraulichen Stunde.

»Er war Lehrer der Weltweisheit an einer Akademie, hatte einen

ausserordentlichen Anhang und Beifall, näherte sich aber endlich dem

Salomonismus und legte eben deswegen sein Amt nieder.«

»Und er scheint sehr unglücklich.«

»Haben Sie je einen Salomonisten gesehn, der sich ganz glücklich fühlte?«

»Sie sprechen immer von Salomonisten und Salomonismus -- -- -- verzeihn

Sie, wenn ich meine Unwissenheit gestehe -- was soll ich mir darunter

denken?«

»Sind Sie in der Geschichte der Philosophie so unbewandert?«

»Ich reiche, wie Sie schon wissen, nicht weiter mit meinen Kenntnissen

herunter, als zum achtzehnten Jahrhundert. Damals ward die kritische Schule

von _Kant_ gestiftet, und die größten Denker jener Zeit gingen aus ihr

hervor. Hat die Welt seitdem einen neuen _Kant_ gehabt?«

»Ich bekenn' es Ihnen frei, daß ich selbst nur Dilettant in der Philosophie

und ihrer Geschichte bin. Ich wag es also auch nicht über _Kants_ Geist zu

urtheilen, und ob die Welt schon wieder einen Mann seines Gleichen gehabt.

Aber dies weiß ich Ihnen zu sagen, daß _Kant_ einer der merkwürdigsten

Reformatoren in der Geisterwelt gewesen, der zwar selbst zu der großen

Reformation nichts mehr, als das _erste Signal_ gab, aber durch seine

_Schüler_ auf das _kultivirte Europa_ und _Amerika_ einen seltnen Einfluß

gewann. Selbst die Wissenschaften, welche außer dem Gebiet der eigentlichen

Philosophie gelegen sind, empfingen neues Licht und eine gewisse

Vollendung, die ihnen vorher mangelte; die _edeln Künste_ wurden erhabnern

Zielen entgegengeführt.«

»Deutschland hatte schon glänzende Fortschritte auf der Bahn gemacht,

welche _Kants_ Genie vorzeichnete, als man außer seinem Namen im Auslande

noch wenig von ihm wußte, und von seiner ehrenvollen Revolution. Erst im

neunzehnten Jahrhundert breiteten sich die Grundsätze der kritischen Schule

in England und bald darauf in der Republik Frankreich aus. Früher zwar als

in beiden Staaten war der Kantianismus unter den Dänen aufgenommen, aber

wenig gepflegt worden.«

»Erhielt sich die kritische Schule lange in ihrer Oberherrschaft?« fragte

_Duur_.

»Ein Paar Jahrhunderte;« antwortete _Gobby_: »sie verdrängte allmählig alle

übrige Schulen und Systeme, so heftig man sie auch, bald mit den Waffen des

Dogmatismus, bald mit denen des Skepticismus bekriegte. In England ward der

spekulative, in Frankreich besondere der praktische Theil der Philosophie

nach Kantischen Grundsätzen bearbeitet. -- Deutschland blieb inzwischen

immer die Mutterschule der kritischen Philosophie, bis diese endlich

allmählig von ihrem gefährlichsten Feinde, dem Salomonismus, größtentheils

zerstört ward.«

»Sie machen mich neugierig! Im achtzehnten Jahrhundert glaubte man durch

die Kantische Philosophie das _Nonplusultra_ aller menschlichen Weisheit

erreicht zu haben. Wär es möglich, daß auch _Kant_ seinen Ueberwinder

gefunden?«

»Sehn Sie nur, dies nahm einen sehr natürlichen Gang. Die Verbreitung der

kritischen Philosophie regte bald allenthalben einen allgemeinen

Skepticismus auf, der zulezt so weit um sich griff, daß die Sekte der

Skeptiker im zwei und zwanzigsten Jahrhundert mächtiger, als jemals auf

Erden war. Aus den Skeptikern entwickelte sich zu Ende des vorigen Seculums

eine neue Parthei, welche allen übrigen den Krieg ankündigte, und wirklich

nicht ohne Glück kämpfte; spottweise nannte man diese Schule die

Salomonische, welchen Namen die Sekte zulezt, als ihr Eigenthum,

beibehielt. Herr _Josselin_ könnte Sie mit den Grundsätzen der Salomonisten

vertrauter machen, inzwischen, da wir einmal im Gespräch sind, geb' ich

Ihnen soviel, als ich selbst habe. Es kann Ihnen dies um so willkommner

seyn, weil Sie dadurch Gelegenheit erhalten, selbst _Josselins_ Charakter

näher zu kennen.«

»Dies wäre mir sehr lieb, denn ich läugne es nicht, daß mir der

liebenswürdige Mann seit meiner ersten Unterhaltung mit ihm das Herz

abgenommen habe. Es ist mein Vorsatz, mich dichter an ihn zu schließen,

wenn er mich anders nicht zurückstoßen wird.«

»Seyn Sie ruhig. Er liebt Sie -- er hats mir gestanden. Doch, lassen Sie

uns mit einander in die Laube drüben am Kanal treten. Die Sonne ist heut

brennend; wir wollen im Schatten weiter philosophiren.«

Sie wanderten Arm in Arm mit einander durch den Garten, der Laube entgegen.

Die Hitze war drückend; kein Lüftchen kühlte den Wandrer und das Laub hing

welk und schmachtend von Zweigen und Blumen und Stauden.

»Ich wollte Ihnen einen ohngefähren Begriff von dem Lehrgebäude der

Salomonisten geben,« -- hub der sanfte _Gobby_ an: »nehmen Sie also mit

meinen kleinen Notizen vorlieb, wie sie mir beifallen. Das System dieser

neuen, herrschendwerdenden philosophischen Parthei ist ein sonderbares

Gewebe von Dogmatismus und Skepticismus, daß man glauben sollte, es könne

unmöglich von Festigkeit seyn; und doch ist dies nicht nur der Fall,

sondern, wie mirs scheint, auch die Ursach an dem wunderbar schnellen

Wachsthum der Sekte, indem Dogmatiker und Skeptiker zu ihr übertreten, weil

sie zwischen beiden Faktionen mitten inne liegt.«

»Die Salomonisten behaupten, wiewohl es nützlich seyn könne, im gemeinen

Leben Wahrscheinlichkeiten, Hypothesen, Meinungen, Glauben und dergl. mehr

zu hegen: so müßten diese doch gänzlich aus dem Gebiet der Philosophie

verwiesen werden, und man dürfe und könne, als vernünftiges Wesen, durchaus

nichts anders glauben, als was für uns den Stämpel der apodiktischen

Gewißheit trüge -- oder Wahrheit.« --

»Das Gebiet der Wahrheit, sagen sie, ist sehr klein und in sich selbst

unsicher, weil das, was der Mensch für Wahrheit halten muß, nur eine

nothwendige Folge seiner ihm eigenthümlichen feinern Nervenorganisation,

oder Produkt seiner Gemüthseinrichtung ist. Dazu kömmt noch, daß die

Kenntniß dieser wenigen Wahrheiten nicht einmal etwas zu seiner

Glückseligkeit beiträgt.«

»Der Mensch kennt die Aussenwelt an sich nicht, er weiß nichts von dem da

draussen, und die Erscheinungen, welche ihm durch den Kanal der Sinne

zugeführt werden, beweisen von der Beschaffenheit der Aussenwelt nichts,

weil sie nur Zeugungen der Sinne, berührt durch äussere Gegenstände, seyn

können. Eine andre Construktion der Sinnorgane würde eine andre Welt vors

Gemüth führen.«

»Der Mensch kennt sich nicht. Die Lehren vom Materialismus und

Immaterialismus, Substanz, Kraft, Einfachheit u. s. f. sind lächerliche

Hirngespinnste. Wir kennen die sogenannte Materie nicht und das

Immaterielle gar nicht.«

»Die Vernunft lebt mit sich selber in einem unaufhörlichen Widerstreit,

besonders wo sie sich auf das Praktische bezieht. So lange z. B. die Lehren

von der Freiheit, von Gott, der Seelenunsterblichkeit und der moralischen

Welteinrichtung zu einem Moralsystem nothwendig sind, werden wir nie die

Moral zu einem _festen System_ erheben, denn wir wissen nicht, ob wirklich

so etwas existirt, als wir uns unter Gott, Unsterblichkeit und moralischer

Welteinrichtung vorträumen.«

»Die Philosophie stößt alles, was Religion heißt, von sich aus, betrachtet

aber Religion und Moral als ein nothwendiges Gängelband für die Menschheit,

damit sie unter einander in Frieden beisammen lebe.«

»Was von Vervollkommnerung des Menschen und der Menschheit gelehrt wird,

ist nichts als eine liebliche Schwärmerei. Der erleuchtete Philosoph spielt

im achtzigsten Jahre wiederum kindisch mit seinen Windeln; die

aufgeklärtesten Nationen morden sich wechselsweise um leere Chimären, die

nichts zur Seligkeit des Einzelnen und des Ganzen beitragen.«

»Mit einem Worte: es ist alles eitel unterm Monde! wie _Salomo_ bei den

Juden sagte. Wir wissen nichts von der Aussenwelt, noch weniger von uns

selbst. Wir wissen nicht, was wir sind, noch _warum_ wir sind, noch

seitwann wir _waren_, noch wie lange wir _seyn werden_; ob wir als Zwecke,

oder als Mittel hier umherirren in der räthselhaften Dämmerung. -- Der

Mensch bildet sich aber ein, _mehr zu seyn_, als er wirklich ist; er läßt

die Welt _für sich_ geschaffen, und einen Gott _für sich_ gekreuzigt seyn.

Der Mensch bildet sich ein, _mehr zu wissen_, als er _weiß_, und zu den

bisherigen Systemen der Philosophie hat die Phantasie mehr Materialien

geliefert, als die Vernunft. Weil die Menschheit aber sich in den

kindischen Träumereien von ihrer Hoheit glücklich fühlt so lasse man ihr

den seligmachenden Eigendünkel.«

»Das ist ein gefährliches System!« tief _Duur_: »Religion und Moral,

bürgerliche Glückseligkeit, Ruhe der Seelen -- alles wird von diesem

Ungeheuer verschlungen. Wird der Salomonismus geduldet vom Staate?«

»Er wird geduldet, weil er wirklich keinen offenbaren Schaden stiftet und

immer nur das Eigenthum der hellsten und scharfsinnigsten Köpfe ist. Zudem

ist er noch nicht _widerlegt_; ja man hat die Beispiele erlebt, daß zwei

der berühmtesten Philosophen und eifrigsten Antisalomonisten, durch das

Gefühl ihrer Ohnmacht beim Widerlegen bewogen, zur Gegenparthei

übergegangen sind.«

»Die Sekte lehrt an sich wenig neues; einzelne Sätze sind längst schon

behauptet worden -- nur daß hier alles in einer so fürchterlichen

Verbindung zusammengedrängt ist. Es ist eine Philosophie, die zur

Verzweiflung führt.«

»Das ist sie, sagen die Salomonisten, so lange man noch nicht von der

Ammenmilch der bisherigen Phantasiephilosophie entwöhnt ist.«

»Aber man fühlt sich glücklicher bei dieser Ammenmilch.«

»Dies gestehn die Philosophen selber ein, und erklären auch _dies_ für

einen der vielen unauflöslichen Widersprüche in unsrer Natur, daß wir den

drängenden Trieb in uns fühlen, so weit, als möglich, vorwärts zu eilen,

und dann doch dreimal elender, als vorher, werden.«

Eilftes Kapitel.

Josselin.

Ein muthwilliger Schwarm junger Damen umringte mit lautem Gelächter die

heimliche Laube und führte den sanften _Gobby_ und _Duur_ gefangen, wie im

Triumphe zum Schlosse zurück, wo die übrigen versammelten Männer dasselbe

Schicksal erfahren hatten.

Auch _Josselin_ war unter den Gefangnen. Er schien nur für die frohsten

Scherze in der Welt zu seyn; er war die Seele der Gesellschaft; alle Weiber

horchten auf ihn und die Männer bewunderten lächelnd seine Gewandtheit,

sich als Gefangner mitten unter den Weibern aus der Sklaverei zur

Souverainetät über dieselben zu heben.

Der Abend nahte sich mit lieblicher Kühlung; man floh die Zimmer, um sich

im Freien unterm blauen Himmel zu belustigen; Gesellschaftliche Spiele von

allerlei Art wurden angegeben und ausgeführt -- keine Kinderspiele des

achtzehnten Jahrhunderts!

_Duur_ hatte anfangs im Sinn, auch ein Spielchen aus seinem Zeitalter

vorzuschlagen -- etwa ein unterhaltendes _Pfandspiel_, wo zulezt Küsse,

gegeben und geraubt, die Würze der Unterhaltung seyn mußten. Aber beschämt

zog er sich zurück, als er wahrnahm, wie auch in gesellschaftlichen

Vergnügungen der gebildete Geist dieses Jahrhunderts webte.

Man entlehnte Süjets aus der Geschichte der Vorwelt, und gab sie aus dem

Stegreif in dramatischen Darstellungen wieder, oder drückte in Pantomimen

und charakteristischen Tänzen eine liebliche Reihe von Empfindungen aus.

Ermüdet von der schönen Arbeit ruhten dann die Spieler, und das Chor der

Zuschauer bezahlte das genossne Vergnügen mit Absingung einiger Hymnen auf

die großen Männer des Alterthums. Barmherzigkeit und Liebe, Großmuth,

heldenmüthige Selbstaufopferung, und andre bewundernswürdige Tugenden waren

der Gesänge Inhalt. Dann wurden extemporirte Melodramen aufgetischt --

_Rosalia_ entwickelte die Empfindungen der _Charlotte Corday_ unter dem

reifenden Entschluß, _Marats_ Ermordung zu wagen für das Vaterland.

_Rosalia's_ Deklamation war Gesang; in den Pausen phantasirte _Josselin_

auf einer Art von Harfe durch Moll und Dur in reizenden Tönen den

Empfindungen _Rosaliens_ nach.

Gesang und Freude stimmten alle Seelen zu einem zärtlichen Verein.

_Josselin_ ergriff einen vollen Becher Weins, mit lebendigen Rosen

umkränzt, eilte _Florentinen_ entgegen und rief: »_Freundschaft!

Freundschaft!_« Er trank den Becher zur Hälfte leer. Begierig nahm _Duur_

ihn von Josselins Hand und trank und rief mit einem unnennbaren Entzücken:

»_Freundschaft! Freundschaft!_«

Beide sanken einander in die Arme. _Duur_ fühlte eine Thräne in seinem Auge

zittern und _Josselin_ küsste ihn. »O laß uns einen Gott glauben! es ist so

schön!« schrie _Josselin_ in einer begeistrungsvollen Ekstase.

»Laß uns einen Gott glauben!« rief der liebenswürdige _Gobby_, indem er

sich, einen Becher Weins in der emporgehobnen Hand, den beiden Freunden

näherte und sie beide küßte.

»O!« entgegnete _Josselin_ schluchzend: »könnt' ich mich ewig so vertiefen

in den schönen Rausch der Sinnlichkeit -- könnt' ich einen Schleier ziehn

vor den unseligen Offenbarungen der vorwitzigen Vernunft -- könnt' ich

werden wieder ein Kind und arglos spielen im Schoos meiner Mutter Natur!«

Die Gesellschaft sah, schweigend um diese Gruppe versammelt, dem Spiele

dieses Auftrittes zu, und, wie von _einem_ Geist ergriffen, von _einem_

Gefühl gerührt, ertönte plötzlich von allen Lippen der Gesang eines uralten

deutschen Volksliedes: »Freude schöner Götterfunken!«

Eine liebliche Schwärmerei verbreitete sich über die Versammelten. -- »Den

heiligen Manen des alten Dichters dieses Glas!« rief _Gobby_: »ihm, der

nach Jahrhunderten noch erfreut und tröstet!«

»Schiller!« rief _Duur_. Alles rief ihm den Namen nach -- eine große Thräne

stürzte aus _Florentins_ Augen.

Zwölftes Kapitel

Brüderschaft.

_Duur_ bemerkte am folgenden Tage eine sonderbare Veränderung in _Gobbys_

und _Josselins_ Mienen. Es schien, als drücke irgend ein schönes Geheimniß

ihr Herz; auch der brave Commendant, stimmte in den wunderlichen Ton jener

Beiden ein.

Demungeachtet war diese Verwandlung so auffallend nicht, daß _Duur_ mit

guter Art nach den Ursachen derselben kundschaften konnte. Er wars

zufrieden, daß man ihn nicht nur nicht kälter oder fremder, sondern weit

liebkosender behandelte, denn sonst. _Gobby_ trat zuweilen schweigend vor

ihm hin, starrte ihn mit einem Blick voller Liebe und Bewunderung an und

schloß ihn in seine Arme. -- _Josselin_ drückte ihm öfter die Hand, und

küßte ihn öfter. _Silberot_ lächelte, so oft er ihn erblickte.

Am Nachmittage fuhren einige Karossen vor -- die Gesellschaft wollte einen

benachbarten Freund des edeln _Gobbys_ besuchen. Nur _Josselin_ schloß sich

aus, unter dem Vorwand einer Unpäßlichkeit, und ersuchte _Florentinen_ ihm

zur Gesellschaft ebenfalls zurück zu bleiben.

Wer willigte lieber in _Josselins_ Wunsch ein, als _Duur_, der diesem

einnehmenden Mann unmöglich etwas abschlagen konnte.

»Laß uns Bruderschaft trinken, du Lieber!« rief _Josselin_ am Abend dieses

Tages, als sich Beide in einer schönen Jelängerjelieberlaube befanden,

wohin ein Diener zwei Flaschen Weins brachte.

»Ach, es ist doch so schön, sich in dem Feenarm der Sinnlichkeit zu wiegen

und zu entsagen dem Hinblick auf die schauerlichen Wüsteneien, welche die

Vernunft entschleiert! Was haben wir vom Leben, wenn wir nicht pflücken die

sparsam blühnden Rosen, und in dem Götterrausche der Lieb' oder

Freundschaft vergessen, welche erbärmliche, elende Wesen wir sind!«

_Josselin_ schwang bei diesen Worten den Becher seinem Freunde entgegen.

Sie tranken. Das Abendroth schimmerte durch die Fugen der Laube über ihre

Wangen; ein kühles Lüftchen flüsterte unter den Blumen herüber, und im

benachbarten Gesträuch schlug eine Nachtigall.

»Wenn der Mensch auf Erden elend ist, so klag' er nicht den Himmel, sondern

sich selber an!« rief _Duur_: »Wohlauf! Brüderschaft, Josselin -- verdammt

sey die schwarze Philosophie des Salomonismus, es leben die schönen Träume

der Phantasie!«

Josselin. (düster.) Wohl dem, ders rufen kann vom Herzen.

Duur. Jede Blume hat hienieden ihren Honig, jede ihren Gift -- ich nenne,

den weise, welcher nur vom Honig zu naschen weiß.

Josselin. Hast recht!

Duur. O Josselin, Du bist so unglücklich -- Du, und Du ein Bürger des drei

und zwanzigsten Jahrhunderts?

Josselin. Eben darum, _Duur_! hätt' ich gelebt in der barbarischen Vorwelt,

als die Wissenschaften kaum noch der Wiege entschlüpft waren, so wär' ich

glücklicher. Die Wissenschaften ziehn den Menschen ab von der Welt und auf

sich zurück -- ach, und je mehr er abläßt von jener, je enger er mit sich

vertraut wird, je elender er wird; denn er erkennt dann, daß die Gottheit

seines Wesens ein disharmonisches Nervenspiel, sein Himmel ein eitler Traum

sey. Glaube nicht, Duur, daß die Menschheit vollkommner werde, je länger

sie auf dem Stern dieser Erde lebet und webet. Sie bleibt ewig, die sie von

Anbeginn war. Ihre Gränzen sind unabänderlich festgesezt von der strengen

Hand der Nothwendigkeit. Sie kann ihr Gebiet nicht erweitern, Seligkeit und

Elend liegen ihr immer auf beiden Seiten; sie gewinnt nie ohne Verlust,

verliert nie ohne Gewinnst. Wir vertauschen nur die Namen und Moden, aber

behalten die Sache.

Duur. Du salomonisirst!

Josselin. Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit ist eine elende

Flickerei, lieber Duur -- und doch flickt und bessert man immer so gern

daran. Sieh Dich um, Duur, und Du wirst allenthalben mit Entsetzen die

Spuren des Elendes finden, wo Du es am wenigsten suchest. -- Doch ich will

Deine frohen Einbildungen Dir nicht zerstören -- sey, wer Du willst,

glaube, was Du willst -- nur hüte Dich vor dem Einfall, die Hoheit und

Seligkeit der menschlichen Natur zu anatomiren. -- Trink!

Duur. Ich glaube Dir nicht, Josselin. So weit ich die Welt izt gesehn habe,

hab' ich auch allenthalben die herrlichen Fortschritte der Menschheit

bemerkt.

Josselin. Du hast die Welt nur eine kleine Weile gesehn.

Duur. Die Sterblichen haben sich ihrer thierischen Natur mit Glück

entwunden -- Gefühle und Empfindungen sind gereinigter, sind verfeinerter

-- -- --

Josselin. Ist damit gewonnen?

Duur. Die dichterischen Träume vom schönen grichischen Sinn und Geist

verwandeln sich in Wirklichkeit.

Josselin. Es ist wahr, das Empfindungsvermögen ist zärter, und durch den

Fleiß der edeln Künste verfeinerter; die groben Belustigungen der Vorwelt

sind uns ein Greuel; wir schwelgen izt da in Seligkeiten, wo man vorzeiten

kaum ihr Daseyn ahndetet. Aber eben diese gebildetere Empfindsamkeit läßt

uns auch doppelt fühlen jedes Leiden; wir empfinden izt da einen namenlosen

Schmerz, wo die Männer der Vorwelt nicht einmal die Möglichkeit eines

Uebels vermuthen konnten. Wo man sonst lächelte, in glücklicher Taubheit

der Sinne, da weint man izt; wo man sonst weinte, verzweifelt man heutiges

Tages.

Duur. Dafür hat aber auch die Vernunft an Stärke und Bildung gewonnen --

sie giebt dem duldenden Wandrer izt einen sichern Eisenstab, worauf er sich

lehnen kann im Ungewitter des Lebens; die schändlichen Ketten der

Priesterherrschaft und des Aberglaubens sind zerbrochen, in welchen der

größte Theil der Sterblichen noch vor einem halben Jahrtausend keuchte.

Josselin. Freund, Du redest wie ein Mann, der die Welt nur aus Romanen

kennt. Wo ist der Eisenstab der Vernunft? welchen Stab kann die Vernunft

gewähren? Wenn sie sich selber nur aufrecht erhalten will, muß sie sich

demüthig auf ihren verkrüppelten Bruder, den _Glauben_, stützen. -- Geh

hin, und wo Du die Vernunft am gebildetsten findest, siehst Du trostlose

Atheisten, die nicht wissen, warum sie sich in dieser Welt herumplagen

sollen, die verzweiflungsvoll hinausstarren in die Gegend jenseits des

Grabes, wo es nur immer dunkler wird, je länger ihr Auge dort verweilt.

(Indem er die Gläser füllt) Trink, die Flaschen müssen leer werden! die

Sonne geht unter -- einst, Bruder, wir, wie sie!

Duur. Du bist sehr verstimmt.

Josselin. Nein, Lieber, wohlgestimmt bin ich, wie ichs lange nicht war. --

Man hat viel darüber gefochten, wie weit in der Kultur und Aufklärung der

Nationen gegangen werden müsse. Einige behaupteten, hier dürfe, keine

Gränze bestimmt werden; man könne ein Volk nie genug aufklären, nie genug

kultiviren; man müsse nie still stehn, sondern unermüdet vorwärts eilen. --

Andre stritten für das Gegentheil, meinten, daß Aufklärung und Kultur

zulezt der Glückseligkeit des Ganzen Gift werde, daß Religionen und

Staatsverfassungen an diesen Klippen nothwendig scheitern müßten und jeder

Reformator daher als ein Friedensstörer anzusehn sey. -- Beide Partheien

hatten recht und unrecht, aber wie überall in der empyrischen Welt, wo die

Vernunft _a priori_ durchaus nichts zu sagen hat, mußte auch hier die

Erfahrung die beste Schiedsrichterin seyn.

Duur. Und wie hat sie entschieden?

Josselin. Der Mensch ohne Kultur ist ein erbärmliches, freudenloses

Geschöpf, und immer um einen halben Grad elender, wie das vernunftlose

Thier. Die Menschheit konnte sich, der ihr beiwohnenden, ewig regen Triebe

willen, nicht lange in der Finsterniß erhalten -- sie strebte nach einem

Ausgang, nach Licht. -- Allzuweitgetriebne Verfeinerung, höchste Kultur der

Vernunft, besonders im speculativen Gebrauch, bewirkt aber einen

furchtbaren Indifferentismus, Erschlaffung der wichtigsten Triebfedern zum

moralischen Handeln, Verleihung der süssesten Lebensfreuden, allzufrühen

Ueberdruß und Ekel der Welt -- oder stürzte den Menschen wieder hinab zum

Hang nach gröberer Sinnenlust und thierischen Dumpfheit. -- Dies lehrt die

Erfahrung. Betrachte die Menschen, und Du wirst entweder hypochondrische

Gerippe erblicken, welche mit der Naturnothwendigkeit wegen ihres Daseyns

hadern möchten, oder -- Thierseelen in Menschenhaut.

Nein, Duur, es ist und bleibt gewißlich wahr, der Mensch ward nicht geboren

für die Nacht der blinden Sinnlichkeit, nicht für das blendende Licht der

Vernunft, durch welches wir uns in einer schrecklichen Lage zwischen

Abgründen und Felsenmauern gewahren -- sondern für eine wohlthätige, sanfte

Dämmerung, zusammengeschmolzen aus den Schatten der Sinnlichkeit und den

Lichtstrahlen der Vernunft, wo wir mehr ahnden, als sehn, mehr hoffen, als

besitzen, mehr träumen, als wissen.

_Duur_ versank in ein tiefes Schweigen; _Josselin_ lächelte -- er füllte

die Gläser von neuem und trank auf das Wohl der _glücklichen Nachwelt_!

»Immer der _glücklichen Nachwelt_, und _immer_ der Nachwelt!« rief _Duur_

mit einem Seufzer und erinnerte sich seines längstverwesten Oheims und

seiner Favoritgrille.

Es ward still um sie her. Sie plauderten noch vieles, und verloren sich in

schwermüthige Betrachtungen.

_Duur_ schwieg. _Josselin_ klagte über Schläfrigkeit, und _Florentin_ hatte

schon längst mit einer unnatürlichen Müdigkeit gekämpft. Es ward immer

stiller, immer dunkler. Sie sanken Arm in Arm auf eine Rasenbank nieder, um

sich dem Schlummer zu überlassen und dann mit einander in Gesellschaft eine

schöne Sommernacht zu durchwachen.

Dreizehntes Kapitel.

Erscheinungen.

Der _Exgraf_ erwachte erst spät -- es war schon so hell rings herum; die

schönste Sommernacht, war ungenossen verschlafen. Er wollte nach _Josselin_

greifen, als er bemerkte, daß man ihn, um ihn nicht der kühlen, feuchten

Nachtluft preiß zu geben, in ein Zimmer und Bett gebracht habe.

Aber welches Zimmer? welches Bette? er erinnerte sich nie, ein solches

Zimmer im _Gobbyschen_ Pallaste gesehn zu haben. -- Er sprang lächelnd und

bestürzt vom Bett' auf, fand sich noch vollkommen angekleidet, nur daß sein

Ueberrock auf eine Ottomanne hingeworfen lag.

Er trat in die Schuhe, hüllte sich in den Ueberrock. -- Der Nebel seiner

Schlaftrunkenheit verlor sich immer mehr, und seine Verwunderung wuchs mit

jedem Augenblick. Es war nicht Tageslicht, was ihn so hell umleuchtete,

sondern der Schimmer einger Krystallsonnen oben an der Decke des Zimmers.

Mit dieser Entdeckung eilte er zu den Fenstern, riß die Gardinen zurück und

sah hinaus. Es war Nacht -- der Vollmond schwebte in freundlicher Majestät

durchs Gewölk -- die Sterne funkelten am dunkeln Gewölbe des Himmels -- und

die ganze Gegend unten, vom Mond verklärt, war still und fremd.

Ein kleiner See dehnte sich zwischen einigen Hügeln aus, und spielte mit

den Schatten überhangender Maien und dem Silberglanz des Mondes -- und

überall, zur Rechten und zur Linken, dichter, hoher Wald, dann und wann

aufbrausend durch die feierliche Stille.

_Florentin_ stand bestürzt da, wie in ein Feenland bezaubert. Er begriff

die Wahrnehmungen seiner Sinne nicht -- er hätte sich gern eingebildet, in

einem Traum zu leben, wenn ihn nicht jede Kleinigkeit laut und

unwiderstehlich von seinem Wachen überredet hätte.

»Josselin! Josselin! treibst Du Gaukelspielerei mit Deinem Freunde?« tief

der Graf verdrüßlich, und fühlte sich immer muntrer und überzeugter, daß

man sich mit ihm einen Scherz vorgenommen haben müsse.

Er stand lange an, welchen Entschluß zu ergreifen izt am schicklichsten

wäre, ob er Lärmen machen, oder den anbrechenden Morgen erwarten solle?

In diesen Ueberlegungen machte er einige Gänge durchs Zimmer. Mit

verbissnen Lippen, gerunzelter Stirn, verschränkten Armen blieb er endlich

in der Nähe eines Spiegels stehn -- er sah sich selbst, und erschrak, ohne

zu wissen warum? -- Er machte eine Wendung, um sich vom Spiegel abzudrehn,

als er in eben dem Augenblick unter demselben das Bildniß eines

Frauenzimmers erblickte. Sein Auge haftete unveränderlich an dem Gemälde;

er fand gewisse Aehnlichleiten -- bekannte Züge -- überraschende Spuren von

-- -- --

Er trat näher -- immer näher -- es war _Louisens_ Bild! -- er streckte die

Hände nach dem kostbaren Bilde und blieb unwillkührlich eine Weile in

dieser Stellung. Sein Herz schlug lauter; seine Arme zitterten; sein Blick

verdunkelte sich.

»Schönes Gespenst!« -- sprach er leise bei sich: »schönes Gespenst,

verfolgst Du mich allenthalben durch die Irrgänge meines verworrnen

Schicksals? -- Sind es fünf Jahrhunderte, die sich zwischen dieser und der

Götternacht im Dosanischen Garten lagern, wie kommst Du dann hieher? --

_Louise_! _Imada_! -- es wird mir immer unerträglicher dieses Blendwerk.

Länger darfs nicht anhalten. O Josselin! Josselin! -- aber ich hab' ihm ja

nie von einer _Imada_ erzählt; nur der alte _Silberot_ weiß darum -- er ist

ausser _mir_ und _Matthias_ hier der _Einzige_!« --

Er nahm das Gemälde von der Wand und betrachtete es genauer mit scharfem

Blick; alle Freuden der seligen Vergangenheit wachten mit diesem Blicke von

neuem in seinem Busen auf. _Louise_ an _Adolfs_ Hofe -- wie das erste bange

Gefühl der Liebe in ihm aufkeimte -- wie er einstmals zu ihren Füßen sas im

Schloßgarten, und die reizende Fürstin auf der alten, hölzernen Bank; unter

seinen Füßen das stille Thal, zur Rechten die Eremitage mit dem

schimmernden Kreuze im Mondschein -- über ihm der Himmel, und mehr, als

Himmel, in _Louisens_ schönen, liebereichen Augen; -- wie er sie sah, sie

hörte im Walde von Riedelsheim, einer Erscheinung ähnlich aus der Oberwelt;

-- wie er sie wiederfand im romantischen Paradiese von Dosa, und dann --

dann wieder im Haine in der Nachbarschaft von _Idalla's_ Insel! -- das

alles gaukelte izt vor seinem Geiste in verschöntem Farbenspiele -- er fing

an seinen Verstand zu bezweifeln, zu fürchten, er rase in einem lieblichen

Wahnsinn.

Unter dem Spiegel stand auf einem Tischchen eine silberne Klingel. Er hob

sie auf -- klingelte. Zur Rechten eröffnete sich eine Thür; ein Mensch

erschien, dem mans an der demüthigen Stellung ansah, daß er zur Bedienung

geschaffen sey.

Florentin gaffte ihn einige Augenblicke mit Verlegenheit an. Er erinnerte

sich nicht, auch dieses Menschen Angesicht je gesehn zu haben.

»Befehlen Sie etwas?« fragte der Diener.

»Wo ist Herr Josselin?«

»Herr Josselin? -- Wen meinen Sie?«

»Kennest Du ihn nicht?«

»Der Name ist mir unbekannt. Erklären Sie sich nur deutlicher.«

»Wie soll ich mich deutlicher machen? -- Wer hat mich in dies Zimmer

bringen lassen?«

»Unser Herr. Sie lagen im Garten und schliefen; wir fürchteten, Sie würden

sich erkälten.«

»Nun ja, und wo ist Josselin geblieben?«

»Ich habe schon gesagt, ich kenne keinen Josselin.«

_Duur_ sah den Menschen mit einem Blick voll unaussprechlicher Verwirrung

an.

»Nun was ist denn das? wo bin ich? wer ist Dein Herr?«

»Der Graf von Gabonne.«

»_Der Graf von Gabonne?_« schrie _Duur_, und fing izt wirklich an, entweder

sich, oder seinen Gegner für unsinnig zu halten.

»Bist Du auch gesund, Bursche?« sagte _Florentin_, indem er dem bestürzten

Diener näher trat und dessen Puls berührte.

»Wie Sie;« antwortete jener.

»Nun wo bin ich denn? Ich bitte Dich, antworte mit ehrlich -- ich bin

erkenntlich. Wo bin ich?«

»Das sollten Sie nicht wissen? Sind Sie nicht schon seit eingen Tagen bei

uns? Sehn Sie sich doch um!«

»Wo bin ich? frag ich!« tief _Florentin_ etwas aufgebracht.

»Sie befinden sich nicht wohl. Der Hausarzt ist noch wach in seinem

Zimmer.«

»Mensch, ich flehe Dich an, um Gotteswillen, quäle mich nicht -- antworte,

wie ich frage, oder ich werde im ganzen Hause Lärmen machen.«

»Ei nun -- Sie sind im Schlosse des _Grafen von Gabonne_, einen Spaziergang

weit von _Mont-Rousseau_.«

»Wie bin ich hieher gekommen?«

Der Diener lächelte ihn schweigend mit einem verdachtvollen Blick an, ging

endlich auf ihn zu, und sagte mit vertraulichem Tone:

»Gedulden Sie sich nur ein Augenblickchen, mein Herr, nur ein

Augenblickchen. Ich bin sogleich wieder hier.«

»Wo willst Du hin?«

»Ich will den Herrn Charly herbeiholen.«

»Wer ist der Herr Charly?«

»Der Hausarzt. Er wacht noch. Ich habs Licht an seinem Fenster gesehn.«

»Mensch, ich bitte Dich, willst Du mich mit Gewalt um meine Geduld bringen,

mich überreden, ich habe meinen Verstand eingebüßt! -- Steh und rede, wie

bin ich hieher gekommen?«

»In dies Zimmer?«

»Freilich.«

»Sie schliefen unten in der Jelängerjelieberlaube am Teiche -- die

Abendluft ist ungesund. Der Herr Graf befahl, Sie auf Ihr Zimmer zu

tragen.«

_Duur_ hörte dies und brach in ein lautes Gelächter aus. Montrousseau war

von Gobbys Gute sechzig und etliche Meilen entfernt -- dies wußte er:

»Josselin, willst Du Scherz mit mir treiben: so mußt Du wenigstens das

Gesetz des Wahrscheinlichen beobachten!« dachte er bei sich, und sah das

Portrait an, welches er noch immer in der Hand trug.

»Kennst Du dies Gemälde? weißt Du, wer dies seyn soll?« fragte er.

»Sie ist zum Sprechen getroffen -- das Fräulein _Imada_, des Grafen

Nichte.«

»Wie hoch ists an der Zeit?«

»Ein Uhr mag es seyn.«

»Das ist mit unbegreiflich! -- ich unten in der Jelängerjelieberlaube

geschlafen, und wäre nicht bei Gobby, sondern in Mont-Rousseau gewesen --

ich mögte die Laube sehn -- -- Höre, hast Du selber mich aus der Laube

tragen helfen?«

»Freilich.«

»Was befand sich außer Mir drinnen?«

»Nichts. Auf dem Tische standen zwei Weinflaschen und zwei Becher.«

»Du lügst. -- Es ist mir draussen alles fremd. -- Hast Du das Herz, mich

hinunter zu führen in den Garten und zur Laube?«

»Warum nicht?«

»Da wär' ich neugierig!« sagte _Duur_ und drehte sich um, seinen Hut zu

holen, der auf dem Stuhle lag.

In eben dem Augenblick wards stockfinster um ihn herum. Die Krystallsonnen

an der Zimmerdecke waren verschwunden; Geräusch ließ sich rechts und links

um ihn hören. Er rief dem Diener, aber ohne Antwort zu erhalten.

Vierzehntes Kapitel.

Traumwunder.

In allem Ernst hätte unser Abentheurer izt böse werden mögen, wenn er nur

irgend gewußt, sich damit aus seinen Verwirrungen zu retten. Offenbar

trieb, wie er glaubte, _Josselin_ sein Spiel mit ihm; er gedachte izt des

sonderbaten, räthselhaften Betragens, welches _Gobby_ und der biedre

_Silberot_ am vorigen Tage gegen ihn so unwillkührlich annahmen, und er

zweifelte keineswegs daran, daß nicht auch sie ihren gewissen Antheil an

diesen Spiegelfechtereien hätten, von welchen sich nur kein Zweck einsehn

ließ.

Das Geräusch um ihn her verlor sich. Er tappte durch die Dunkelheit, um ans

Fenster zu treten, und sich wenigstens durch den Mond einige Erleuchtung zu

verschaffen. Aber sein Erstaunen vermehrte sich, als er die Fenster von

dieser Seite verschwunden, und auf der ganz entgegenliegenden Seite des

Zimmers erschienen sah. Es ging alles mit ihm im Ringe herum; alles war ihm

verdreht.

Plötzlich gossen die Krystallsonnen ihr blendendes Licht wieder herab -- er

erkannte wieder alles um sich her -- aber das war nicht mehr dasselbe

Zimmer, worin er sich vor eingen Minuten befand, und doch hatte er kaum ein

Paar Schritt von seiner Stelle gethan.

Dies Kabinet war beinah um die Hälfte größer, als das vorige; das vorige

war dunkelroth, dieses blaßgelb; Spiegel und Fenster ließen sich in einer

ganz andern Gegend sehn -- der Diener war verschwunden.

Unmöglich konnte er sich bei dieser Zauberei des Lächelns erwehren. Er

drehte sich rings herum und erblickte hinter sich -- hinter sich -- o, izt

hätt' er zu Boden sinken mögen; es flirrten alle sieben Farben des

Regenbogens um seine Augen; sein Odem stockte; seine Knien zitterten; seine

ganze Besinnung verlor sich; er sah nichts, als hinter sich -- _Imada_, wie

sie leibte und lebte.

»Mein Gott!« -- mehr konnte er nicht stammeln.

Wie eine Ueberirrdische schwebte das Phantom seines Herzens, der Abgott

seiner Träume, ihm entgegen, in der emporgehobnen Hand eine Schaale

dampfenden Weines tragend.

»Was ist aus mir geworden?« lallte er in halber Ohnmacht.

»Trinken Sie!« lispelte der weibliche Engel mit einem unbeschreiblich süßen

Ton.

»Wo bin ich?«

»Wohl aufgehoben!«

»O gewiß! -- ist hier nicht Elysium? Ich möchte izt an die Wunder

berauschter Dichter, an die Fabelwelt Griechenlands glauben lernen.«

»Glauben Sie!«

»Ich wandre in Plutons schönsten Hallen, und _Imada_ ist die Unsterbliche,

welche mir den Lethebecher bringt.«

_Imada_ lächelte des Schwärmers. Er nahm zitternd die Schaale aus ihrer

schönen Hand, sein Auge verlor sich trunken in ihren Blick.

»Geben Sie mir _Vergessenheit_? -- Vergessenheit für all die tausend

Jammerstunden meines elenden Lebens; Vergessenheit für meine tausend

Seufzer und Thränen?«

»Wünschen Sie Vergessenheit? Es ist Ihr Ernst nicht.«

»Gewiß! gewiß! -- wen freut das Ueberlebte noch, wenn man _Imada_ sieht?«

»Trinken Sie! die Schaale giebt Vergessenheit -- zur Strafe soll nun alles

Gut und Böse von Ihres Gedächtnisses Tafel gewischt werden -- auch die

Erinnrung an _Louisen_!«

»An _Louisen_?« lallte _Duur_ mit starrer Verwunderung, von _Imada's_

Lippen _diesen_ Namen zu hören. »_Welche_ Louise?«

Imada. (lächelnd.) Die Sie zum leztenmal in Dosa sahn.

Florentin. (sie anstarrend.) Sagen Sie -- ich bitte Sie, -- glauben Sie,

daß ein Gott sey -- um _Gotteswillen_ bitt' ich, beschwör' ich Sie: wie

kommen Sie darauf? -- wie wissen Sie -- -- --? Wo bin ich?

Imada. In Mont-Rousseau.

Florentin. Soll ich von Sinnen kommen?

Imada. Gefällt es Ihnen nicht bei uns?

Florentin. Imada -- nein, izt ist der Scherz zu weit getrieben -- ach, und

daß auch Sie, _auch Sie_ Vergnügen daran finden, mich zu quälen.

Imada. Behüte Gott -- Vergnügen, Sie zu quälen? -- O, wenn Sie mich

kennten!

Florentin. Ach, daß -- ich sie kenne! wohler wäre mir, ich hätte solche

reizende Gestalt -- ein solch Gesicht nie wieder gesehn.

Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3 · 第 6 / 17 题