Es war halb 12 Uhr, als ich an Bord der »Discovery« anlangte, wo

man über unsere künftigen Maßnahmen noch keinen Rat gehalten hatte.

Wir beschlossen, auf alle Fälle darauf zu bestehen, daß unser Boot

zurückgegeben und der Leichnam Kapitän Cooks ausgeliefert werden solle,

und ich selbst stimmte noch dafür, daß im Notfall einige entschlossene

Schritte unternommen werden müßten. Obgleich man sich vorstellen kann,

daß mein Schmerz über den Tod des geliebten, geehrten Freundes großen

Anteil an diesem Entschlusse hatte, so waren doch auch viele andere

wichtige Gründe dafür vorhanden. Der Übermut, den der Fall unsers

Befehlshabers bei den Eingeborenen erregt, und der kleine Vorteil,

den sie am Tage vorher über uns erhalten hatten, mußte sie ermuntern,

noch weitere Versuche zu wagen, besonders da ihnen die bisherigen

Vorfälle noch keine rechte Furcht vor unsern Feuerwaffen hatten

einflößen können, und da deren Wirkung überdies, ganz gegen unsre

Erwartung, nicht das mindeste Erstaunen bei ihnen hervorgerufen hatte.

Auf der anderen Seite war unsere Lage so gefährlich, die Schiffe in

so schlechtem Verteidigungszustande, die Manneszucht an Bord so übel

beschaffen, daß wir unmöglich für die Folgen hätten einstehen können,

wenn man uns in der Nacht angegriffen hätte. In dieser Besorgnis waren

die meisten Offiziere derselben Meinung wie ich. Und in der Tat konnte

nichts den Eingeborenen mehr Mut zu einem Angriff geben als unsre

anscheinende Neigung zu einem Vergleich, die sie sich nur aus unserer

Furcht oder Schwäche hätten erklären können.

Zur Empfehlung friedlicher Maßregeln ward hingegen mit Recht angeführt,

das Unglück sei nun einmal unwiderruflich geschehen, und die vorige

Freundschaft und Güte der Eingeborenen gäbe ihnen ein Anrecht auf

unsere Achtung, besonders da der letzte traurige Vorfall kein

vorbedachtes Unternehmen schiene, und da Terriobus Bereitwilligkeit,

Kapitän Cook an Bord zu folgen, als seine Knaben sich wirklich schon

im Boot befanden, ihn ganz von dem Verdachte befreien müsse, selbst

um den Diebstahl gewußt zu haben. Das Betragen seiner Frau und der

Häuptlinge lasse sich leicht der Furcht zuschreiben, die der Anblick

der bewaffneten Soldaten des Kapitäns und der kriegerischen Zurüstungen

in der Bucht bei ihnen verursacht haben müsse. Diese letzteren wären

dem freundschaftlichen, vertraulichen Umgange, der bisher zwischen

beiden Teilen stattgehabt hätte, so wenig angemessen gewesen, daß die

Eingeborenen dem Anscheine nach begründetes Recht haben konnten, sich

der Entführung ihres Königs zu widersetzen -- wie man von einem Volke,

das seinen Herrschern so tief ergeben sei, leicht habe erwarten dürfen.

Außer diesen menschlichen Gründen führte man noch andre an, die die

Klugheit an die Hand gab. Wir litten Mangel an Wasser und anderen

Erfrischungen, und an dem Vordermast müsse man noch eine ganze Woche

arbeiten, ehe er aufgerichtet werden könne. Der Frühling nähere sich

nun allmählich, und wir dürften die Fortsetzung unserer Unternehmungen

am Nordpol nicht aus den Augen verlieren. Ein rachsüchtiger Streit

könne uns nicht allein den Vorwurf der Grausamkeit zuziehen, sondern

auch eine unvermeidliche Verzögerung in der Ausrüstung der Schiffe

veranlassen.

Kapitän Clerke vertrat diese letzte Ansicht, und obgleich ich überzeugt

war, daß unserm Empfinden durch einen unmittelbaren, nachdrücklichen

Beweis unsers Unwillens besser Genüge geschehen wäre, war ich doch

nicht unzufrieden, daß mein Rat verworfen wurde.

Indes wir unsern Plan besprachen, blieb eine außerordentliche Menge

Eingeborener am Strande versammelt, und einige von ihnen waren so kühn,

sich den Schiffen bis auf Pistolenschußweite zu nähern und uns durch

verschiedene verächtliche und herausfordernde Gebärden zu beschimpfen.

Die Matrosen konnten nur mit großer Mühe abgehalten werden, ihre

Waffen zu gebrauchen. Da wir uns aber einmal zu friedlichen Maßregeln

entschlossen hatten, ließen wir die Kanus unangefochten zurückkehren.

Unserm Entschluß gemäß erhielt ich vor versammelter Mannschaft und in

bestimmtesten Ausdrücken den Befehl, mit allen Booten beider Schiffe,

die gut bewaffnet und bemannt sein sollten, an Land zu rudern, um

die Eingeborenen zu einer Unterredung zu bewegen und womöglich eine

Zusammenkunft mit den Häuptlingen durchzusetzen. Gelänge dies, so

sollte ich sie auffordern, die Leichname unserer Landsleute, vor allem

aber den unseres Kapitäns, uns auszuliefern. Im Fall ihrer Weigerung

sollte ich ihnen mit unserer Rache drohen, aber nicht eher feuern, als

bis wir angegriffen würden, und unter keinen Umständen landen.

Ich verließ die Schiffe um 4 Uhr nachmittags. Indem wir uns dem

Strande näherten, bemerkte ich schon aus allen Anzeichen, daß wir

feindlich empfangen werden würden. Alle Eingeborenen waren in Bewegung,

die Frauen und Kinder zogen sich zurück, die Männer legten ihre

Mattenpanzer an und bewaffneten sich mit langen Speeren und Dolchen.

Wir wurden auch gewahr, daß sie seit diesem Morgen an dem Platze,

wo Kapitän Cook gelandet war, Brustwehren von Steinen aufgeworfen

hatten, vermutlich weil sie fürchteten, wir möchten sie von dieser

Seite angreifen. Sobald sie uns erreichen konnten, fingen sie an,

Steine auf uns zu werfen, die uns indes keinen Schaden taten. Da ich

nunmehr einsah, daß alle Versuche, sie zu einer Unterredung zu bringen,

fruchtlos seien, wenn ich ihnen nicht zuerst eine Veranlassung zu

gegenseitigem Vertrauen gäbe, so ließ ich die bewaffneten Boote halten

und näherte mich allein mit einer weißen Fahne in der Hand. Diese

ward, wie mir zu meiner großen Zufriedenheit das Freudengeheul der

Eingeborenen anzeigte, als Friedenszeichen erkannt. Die Frauen kehrten

sogleich von der Berglehne zurück, wohin sie sich geflüchtet hatten.

Die Männer warfen ihre Panzer ab, und alle setzten sich am Wasser

nieder und luden mich mit ausgebreiteten Armen ein, ans Ufer zu kommen.

[Illustration: Kapitän King näherte sich mit einer weißen Fahne in der

Hand.]

Obschon dieses Betragen sehr freundschaftliche Gesinnungen auszudrücken

schien, hegte ich dennoch einigen Verdacht. Als ich indes sah, daß

Koah unbegreiflich kühn und zuversichtlich mit einer weißen Fahne in

der Hand mir entgegenschwamm, hielt ich es für nötig, dieses Zeichen

des Zutrauens zu erwidern, und nahm ihn in mein Boot auf. Zwar war er

bewaffnet, was mein Mißtrauen nicht gerade verringern konnte. Schon

lange hatte ich nicht die vorteilhafteste Meinung von ihm gehabt.

Die Priester sagten uns immer, er sei boshaft und uns nicht gewogen.

Wiederholte Entdeckungen seiner hinterlistigen und betrügerischen

Anschläge hatten ihre Aussage bestätigt. Das alles nebst dem empörenden

Auftritt an diesem Morgen, bei dem er eine große Rolle gespielt hatte,

erregten in mir, als ich ihm so nahe saß, den größten Abscheu gegen

ihn. Und als er mit erheuchelten Tränen zu mir kam, um mich zu umarmen,

hatte ich einen so starken Verdacht gegen seine Absicht, daß ich mich

nicht abhalten ließ, die Spitze seines »Pahua« oder Dolches, den er in

der Hand hielt, zu ergreifen und von mir abzuwenden. Ich sagte ihm,

ich sei gekommen, des Kapitäns Cook Leichnam zu fordern und Krieg zu

erklären, wenn er nicht sogleich ausgeliefert würde. Er versicherte

mir, es werde sobald als möglich geschehen, und er selbst wolle sich

darum bemühen. Hierauf bat er mich so zuversichtlich, als ob nichts

vorgefallen sei, um ein Stückchen Eisen, sprang in die See und rief,

indem er ans Ufer schwamm, seinen Landsleuten zu, wir wären wieder gute

Freunde.

Wir erwarteten beinahe eine Stunde lang mit der größten Unruhe Koahs

Rückkehr. Während dieser Zeit waren die übrigen Boote dem Ufer so

nahe gekommen, daß sie sich in einiger Entfernung von uns mit einem

Teil der Eingeborenen in ein Gespräch hatten einlassen können, wobei

wir erfuhren, der Leichnam sei in Stücke geschnitten und landeinwärts

geschleppt worden.

Als ich nunmehr anfing, meine Ungeduld über Koahs Verzögerung

durchblicken zu lassen, drangen die Häuptlinge in mich, ich möchte

ans Ufer kommen, und versicherten mir zugleich, der Körper solle uns

unverzüglich ausgeliefert werden, wenn ich selbst zu Terriobu gehen

wollte. Als sie sahen, daß ich mich durchaus nicht bereden ließ,

an Land zu kommen, suchten sie unter dem Vorwande, wir würden uns

so bequemer unterhalten können, das Boot zwischen einige Felsen zu

ziehen, wo sie es von den übrigen hätten abschneiden können. Diese

List ließ sich leicht durchschauen, und ich war schon im Begriff, die

Verhandlungen für immer abzubrechen, als ein Vornehmer zu uns kam,

der ein besonderer Freund des Kapitäns Clerke und der Offiziere des

»Discovery« war und auf diesem Schiffe, als wir das letztemal die Bucht

verlassen hatten, nach Mauwi hatte gehen wollen. Dieser sagte mir,

Terriobu habe ihn geschickt, um uns zu benachrichtigen, man habe den

Leichnam weiter ins Land geschafft, werde ihn uns aber am folgenden

Morgen zuschicken. Sein Betragen schien aufrichtig zu sein, und als

wir ihn befragten, ob er die Wahrheit rede, verschränkte er die beiden

Zeigefinger ineinander, was bei den Bewohnern dieser Insel ein Zeichen

von Wahrhaftigkeit ist, in dessen Verwendung sie sehr gewissenhaft sind.

Da ich nun nicht wußte, was hier weiter zu tun wäre, schickte

ich einen Leutnant zu Kapitän Clerke, um ihm Nachricht von allen

Vorfällen zu geben und ihm sagen zu lassen, daß ich sehr zweifelte,

ob die Eingeborenen ihr Wort halten würden, da sie, anstatt über das

Vergangene betrübt zu sein, vielmehr voll Mut und Zuversicht wegen

ihres letzten Vorteils wären und augenscheinlich nur Zeit zu gewinnen

suchten, uns durch List in ihre Netze zu ziehen. Der Leutnant brachte

uns den Befehl, an Bord zurückzukehren und vorher den Einwohnern

bekanntzugeben, daß der Ort zerstört werden würde, wofern der Leichnam

am nächsten Morgen nicht ausgeliefert würde.

Als sie merkten, daß wir umkehren wollten, suchten sie uns durch die

beschimpfendsten und verächtlichsten Gebärden zu reizen. Einige von

unseren Leuten sagten auch, sie könnten verschiedene Eingeborene in den

Kleidern unserer unglücklichen Gefährten umhergehen sehen. Unter anderm

bemerkte man auch, daß einer von ihren Häuptlingen den Hirschfänger

unseres ermordeten Kapitäns schwenkte, und daß eine Frau die Scheide

der Waffe hoch hielt. Allerdings mußte ihnen unser Betragen eine

schlechte Vorstellung von unserer Macht und Tapferkeit geben; denn sie

konnten wohl nur wenig Sinn für die Beweggründe der Menschlichkeit

haben, die unser Betragen bestimmten.

Zufolge des Berichts, den ich Kapitän Clerke von den gegenwärtigen

Gesinnungen der Eingeborenen abstattete, wurden die wirksamsten

Maßregeln getroffen, das Schiff vor einem nächtlichen Überfall zu

schützen. Die Boote wurden an Ketten festgemacht, die Schiffswachen

verdoppelt und Wachtboote ausgesetzt, die rundumher rudern und

die Eingeborenen abhalten sollten, wenn sie etwa die Ankertaue zu

zerschneiden versuchten. In der Nacht sahen wir eine Menge Lichter

auf den Bergen und wurden dadurch zu der Annahme veranlaßt, daß die

Eingeborenen aus Furcht vor unseren Drohungen ihre Güter weiter ins

Land schickten. Ich bin aber geneigt zu glauben, daß sie wegen des

ihrer Vermutung nach bevorstehenden Krieges Opfer gebracht haben.

Und noch wahrscheinlicher ist es, daß man damals die Leichname

unserer Landsleute verbrannt hat. Als wir später an der Insel Molokai

vorbeisegelten, sahen wir ebensolche Feuer, und einige von den

Eingeborenen sagten uns, man habe sie wegen des Krieges angezündet,

der einer benachbarten Insel erklärt worden sei. Das stimmt auch

mit unseren Erfahrungen auf den Freundschaftsinseln überein, wo die

Häuptlinge bei einem bevorstehenden Angriff des Feindes den Mut des

Volkes immer durch nächtliche Feste anzufeuern und zu beleben suchten.

Wir blieben die ganze Nacht ungestört und hörten nur Geheul und Klagen

vom Ufer her schallen. Früh am Morgen kam Koah und bat um Erlaubnis,

mir etwas von dem Zeug und ein kleines Ferkel zum Geschenk anbieten

zu dürfen. Daß er gerade nach mir fragte, läßt sich leicht erklären.

Wie ich schon gesagt habe, hielten mich die Eingeborenen für Kapitän

Cooks Sohn. Und da Cook sie bei seinen Lebzeiten immer in diesem

Irrtum beharren ließ, dachten sie wahrscheinlich, nun, da er tot sei,

hätte ich den Befehl übernommen. Sobald ich auf das Verdeck trat,

fragte ich Koah nach dem Leichnam unseres Kapitäns. Da er mir nur mit

Ausflüchten Rede stand, wies ich seine Geschenke zurück und würde

ihn mit deutlichen Äußerungen von Zorn und Unmut fortgeschickt haben,

wenn nicht Kapitän Clerke es für alle Fälle besser befunden hätte, die

anscheinende Freundschaft zu erhalten und ihm mit der gewöhnlichen

Achtung zu begegnen.

Der verräterische Koah kam im Laufe des Vormittags noch oft mit seinen

nichtssagenden Geschenken zurück. Da er jederzeit alle Teile des

Schiffes mit großer Aufmerksamkeit betrachtete, machte ich ihn darauf

aufmerksam, daß wir zur Verteidigung bereit seien. Er war äußerst

zudringlich in seiner Bitte, daß Kapitän Clerke und ich ans Ufer kommen

sollten, und schob die Verzögerung der Auslieferung der Leichname

ganz auf die anderen Häuptlinge. Doch versicherte er uns, alles würde

nach unseren Wünschen geschehen, wenn wir uns zu einer mündlichen

Unterredung mit Terriobu bewegen ließen. Allein, seine Aufführung war

zu verdächtig, als daß wir bei ruhiger Überlegung in seine Bitte hätten

willigen können. Auch erfuhren wir nachher wirklich einen Umstand, aus

dem wir seine Lügenhaftigkeit erkannten. Man sagte uns nämlich, der

alte König habe sich unmittelbar nach dem Handgemenge, in dem Kapitän

Cook sein Leben verlor, nach den steilen Gebirgen hinter der Bucht zu

einer Höhle begeben, in die man nur durch Seile hinabkönne. Hier ist

er, nach der Aussage der Eingeborenen, verschiedene Tage geblieben,

während welcher man ihm seine Nahrung an Stricken hinuntergelassen habe.

Als Koah vom Schiffe zurückkehrte, drängten sich seine Leute, die sich

vor Tagesanbruch in großen Haufen am Ufer versammelt hatten, lebhaft

um ihn her, als ob sie aus seinen Nachrichten vernehmen wollten, was

weiter zu tun sei. Wahrscheinlich erwarteten sie die Erfüllung unserer

Drohung und schienen dabei völlig entschlossen, uns die Spitze zu

bieten. Den ganzen Morgen über hörten wir in verschiedenen Gegenden

der Küste in die Trompetenschnecke blasen und sahen große Haufen

von Eingeborenen über die Hügel kommen. Kurz, aller Anschein war so

beunruhigend, daß wir einen Stromanker auswarfen, um im Falle eines

Angriffs die Breitseite des Schiffs gegen das Dorf richten zu können.

Auch stellten wir der Nordspitze der Bucht gegenüber Boote aus, um

einen Überfall von dieser Seite zu verhüten.

Da die Eingeborenen ihr Versprechen, die Leichname der Erschlagenen

auszuliefern, nicht gehalten hatten und lauter kriegerische Anstalten

machten, hielten wir neue Beratungen ab, was für Maßregeln wir nunmehr

ergreifen sollten. Endlich ward beschlossen, die Ausbesserung des

Mastes nebst den übrigen Anstalten zu unserer Abreise durch nichts

stören zu lassen, dessenungeachtet aber die Verhandlungen wegen

Rückgabe der Leichname fortzusetzen.

Den größten Teil des Tages brachten wir damit zu, den Vordermast auf

dem Verdeck in eine solche Lage zu bringen, daß die Zimmerleute daran

arbeiten konnten. Außerdem mußten die nötigen Veränderungen in den

Offiziersstellen vorgenommen werden. Das Oberkommando der Unternehmung

fiel nunmehr Kapitän Clerke zu, der sich an Bord der »Resolution« begab

und den rangältesten Leutnant zum Kapitän der »Discovery« ernannte.

Die Eingeborenen ließen uns ungestört. Als die Nacht anbrach, wurde

die Barkasse wieder angekettet und, wie in der Nacht vorher, sandten

wir Wachtboote aus. Gegen 8 Uhr, als es schon sehr dunkel war, hörten

wir ein Kanu an das Schiff heranrudern. Sobald die Wachen es erkennen

konnten, feuerten sie darauf. Es waren zwei Männer darin, die sogleich

»Tinni« riefen; denn so sprach man hierzulande meinen Namen King aus.

Sie wären Freunde, sagten sie, und brächten mir etwas, das dem Kapitän

Cook gehöre. Als sie an Bord kamen, warfen sie sich uns zu Füßen und

schienen äußerst erschrocken. Glücklicherweise war keiner verwundet;

die beiden Kugeln waren nur durch das Kanu hindurchgegangen. Der

eine von ihnen war ebenderselbe, den ich zuvor unter dem Namen des

Tabumannes erwähnt habe, und der Kapitän Cook bei den geschilderten

Feierlichkeiten beständig begleitet hatte und sich, obgleich er auf

seiner Insel ein Mann von Stande war, dennoch kaum hatte abhalten

lassen, ihm die niedrigsten Handreichungen eines ganz gewöhnlichen

Bedienten zu leisten. Er beklagte erst mit vielen Tränen den Verlust

des »Orono« und sagte dann, er bringe einen Teil seines Körpers.

Zugleich reichte er uns ein kleines, in Zeug gewickeltes Bündel

dar, das er unter seinem Arm hielt. Unmöglich kann ich das Grausen

ausdrücken, das uns ergriff, als wir darin ein Stück Menschenfleisch

von 9-10 Pfund Gewicht erblickten. Dieses sagte er, sei alles, was von

dem Körper noch übrig sei. Das übrige habe man in Stücke zerschnitten

und verbrannt. Terriobu und die anderen Häuptlinge besäßen aber den

Kopf und alle Knochen, ausgenommen die Rumpfknochen. Was wir jetzt

sähen, sei dem Oberpriester Ka-u zugeteilt worden, um sich dessen bei

gewissen Religionsfeierlichkeiten zu bedienen. Allein, er schicke es

uns als ein Zeichen seiner Unschuld und Treue.

[Illustration: Unmöglich kann ich das Grausen ausdrücken, als wir ein

Stück Menschenfleisch erblickten.]

Dieser Vorfall gab uns Gelegenheit, nachzuforschen, ob die Hawaiier

Menschenfleisch verzehrten. Zuerst versuchten wir durch verschiedene

unbestimmte Fragen, die einem jeden von ihnen besonders vorgelegt

wurden, zu erfahren, was man mit den übrigen Leichen gemacht habe.

Sie blieben aber immer bei derselben Aussage: man habe das Fleisch

von den Knochen gelöst und es verbrannt. Als wir endlich offenheraus

fragten, ob sie nichts davon gegessen hätten, bezeigten sie sogleich

bei dem bloßen Gedanken ebensolchen Abscheu, wie ihn nur irgendein

Europäer hätte fühlen können, und erkundigten sich sehr traurig, ob

das unter uns Sitte sei. Nachher verlangten sie mit vielem Ernst und

anscheinender Furcht zu wissen, wann der »Orono« wiederkommen, und wie

er sie bei seiner Rückkehr behandeln werde. Auch andere taten später

oftmals diese Frage, und der Glaube, daß Kapitän Cook wiederkommen

werde, stimmt vollkommen mit ihrem Betragen gegen ihn überein, das

immer bewies, daß sie ihn für ein höheres Wesen hielten.

Wir drangen umsonst in unsere freundschaftlichen Gäste, bis am Morgen

an Bord zu bleiben. Sie sagten, wenn dieser Besuch dem König oder den

Häuptlingen zu Ohren käme, könnte er die traurigsten Folgen für die

ganze Priesterschaft haben. Um dieses zu verhindern, wären sie genötigt

gewesen, in der Finsternis zu uns zu kommen, und müßten aus demselben

Grunde auch bei Nacht noch ans Ufer zurückkehren. Sie entdeckten uns

auch, daß die Häuptlinge damit umgingen, den Tod ihrer Landsleute zu

rächen, und warnten uns besonders vor Koah, der unser unversöhnlichster

Feind sei und nebst den übrigen eifrig eine Gelegenheit wünsche, gegen

uns zu fechten, wozu das Blasen der Schneckentrompeten, das wir diesen

Morgen vernommen, das Volk aufgefordert habe. Ferner erfuhren wir von

ihnen, daß bei dem ersten Gefecht in Kauraua 17 von ihren Landsleuten,

darunter 5 Befehlshaber, gefallen wären. Zu unserm großen Leidwesen

waren dabei auch Kanina und sein Bruder, unsere ganz besonderen

Freunde, ums Leben gekommen. Acht hatten wir bei der Sternwarte

getötet, darunter drei Männer ebenfalls von hohem Rang.

Gegen 11 Uhr verließen uns unsere beiden Freunde und waren so

vorsichtig, daß sie baten, unser Wachtboot möchte sie bis jenseits

der »Discovery« begleiten, damit man nicht wieder auf sie feuere

und ihre Landsleute am Ufer aufschrecke, weil sie dadurch in Gefahr

geraten könnten, entdeckt zu werden. Wir gewährten ihnen ihre Bitte

und erfuhren zu unserer Freude, daß sie sicher und unentdeckt ans

Land gekommen wären. Den Rest dieser Nacht hörten wir so wie in der

vorigen lautes Klagegeheul am Lande, und früh am Morgen besuchte uns

Koah abermals. Da die unwidersprechlichsten Beweise und die Äußerungen

unserer Freunde, der Priester, seine Treulosigkeit bezeugten, ärgerte

es mich, daß es ihm erlaubt sein solle, dieses Possenspiel noch weiter

fortzuführen, weil er zuletzt glauben konnte, wir ließen uns wirklich

von seinen Scheinheiligkeiten betrügen.

Unsere Lage war sehr ungünstig und unbequem geworden. Von den

Absichten, um derentwillen wir bis jetzt ein so friedliches Betragen

fortgesetzt hatten, war nicht eine einzige erreicht worden, und auf

unsre Forderungen hatte man uns in keiner Weise befriedigende Antwort

gegeben. Zu einem Vergleich mit den Eingeborenen war noch gar kein

Anschein vorhanden; denn sie hielten sich immer in so großer Menge am

Strande auf, als wollten sie jeden Landungsversuch zurückschlagen. Und

dennoch war diese Landung unausbleiblich notwendig geworden, da wir es

nicht länger verschieben durften, unsern Wasservorrat zu ergänzen.

Gleichwohl muß ich zu Kapitän Clerkes Rechtfertigung bemerken, daß ein

Angriff für uns nicht ohne Gefahr gewesen wäre. Dies ließ die große

Zahl der Eingeborenen und die Entschlossenheit vermuten, womit sie uns

erwarteten. Andrerseits würde es uns mit Hinsicht auf die Fortsetzung

unsrer Reise äußerst empfindlich gewesen sein, wenn wir auch nur einige

Leute verloren hätten. Wenn wir hingegen unsre Drohungen erst später

erfüllten, hatten wir, abgesehen von der Geringschätzung des Mutes,

die ein solches Zögern den Insulanern einflößen mußte, den Vorteil,

daß sie sich zerstreuten. Schon heute gingen, als sie uns in unserer

Untätigkeit verharren sahen, große Haufen von ihnen über die Berge

zurück, nachdem sie vorher auf ihren Schnecken geblasen und uns auf

alle Art herausgefordert hatten. Diejenigen, die zurückblieben, waren

aber deswegen nicht weniger verwegen und unverschämt. Einer von ihnen

hatte sogar die Frechheit, sich dem Schiffe bis auf einen Büchsenschuß

zu nähern, einige Steine nach uns zu schleudern und Kapitän Cooks

Hut über seinem Kopf zu schwenken, indes seine Landsleute am Ufer

über seine Kühnheit jauchzten und ihn aufmunterten. Unser Schiffsvolk

raste bei dieser Beschimpfung vor Wut. Und die ganze Mannschaft kam

auf das Achterdeck, um zu bitten, daß man sie nicht länger zwingen

möchte, diese wiederholten Beleidigungen zu dulden. Sie wandten sich

insbesondere an mich, damit ich ihnen von Kapitän Clerke die Erlaubnis

auswirken möchte, bei der ersten vorteilhaften Gelegenheit den Tod

Cooks rächen zu können. Als ich dem Kapitän dieses meldete, befahl

er mir, einige Kanonenschüsse auf die Eingeborenen am Ufer feuern zu

lassen, und versprach der Mannschaft, wenn sie am folgenden Morgen in

ihrer Beschäftigung am Wasserplatze gestört würde, solle sie völlige

Freiheit haben, die Feinde zu züchtigen.

Es ist sonderbar, daß die Eingeborenen, noch ehe wir unsere Kanonen

richten konnten, vermutlich aus der Geschäftigkeit, die sie auf dem

Schiffe wahrnahmen, unsere Absicht erraten und sich hinter ihre Häuser

und Mauern zurückgezogen hatten. Wir mußten also einigermaßen aufs

blinde Ungefähr schießen. Indes tat das Feuer dennoch alle davon

erhoffte Wirkung. Denn kurz nachher ruderte Koah sehr eilig zu uns

und sagte, daß einige Personen, darunter Maiha-Maiha, ein vornehmer

Häuptling und Blutsfreund des Königs, getötet worden wären.

Unter den Wilden: Entdeckungen und Abenteuer · 第 12 / 20 段