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Unter den Wilden:
Entdeckungen und Abenteuer
Von
Dr. Adolf Heilborn
Mit 5 bunten Beilagen und
36 Textbildern von _Erich Sturtevant_
BONGS
JUGENDBÜCHEREI
VERLAG VON RICH. BONG IN BERLIN
Alle Rechte, auch das der Übersetzung
in andere Sprachen, vorbehalten.
Copyright 1921 by Verlag von Rich. Bong in Berlin.
Druck von Metzger & Wittig in Leipzig.
Inhalt
Seite
Vorwort 5
Die Entdeckung und Eroberung von Tahiti. Von Kapitän
_Samuel Wallis_ 9
Ein Südsee-Idyll. Von Kapitän _James Cook_ 57
Kapitän Cooks Ermordung auf den Sandwichinseln. Von Kapitän
_James King_ 133
Eine Unglücksreise nach der Nordwestküste Amerikas. Von Kapitän
_John Meares_ 205
Reise nach Guinea und Gründung von Groß-Friedrichsburg. Von
Major _Otto Friedrich v. d. Groeben_ 245
Geschichtliches und Geographisches zu den Berichten der
Entdecker 287
Vorwort
In jedem gesunden Kinde steckt ein gut Stück Robinsonsehnsucht. Sie
ist der letzte, kulturgezähmte Rest uralter Wanderlust, uralten
Abenteuerdranges der Menschheit. Wie wir uns immer wieder in Pfeil
und Bogen uralte Waffen verfertigen, im Spiele Hütten bauen oder
Höhlen als Schlupfwinkel wählen, wie es uns immer wieder zum Tiere
zieht, es zu liebkosen und uns gefügig zu machen, so überfällt uns
eines Tages quälende Robinsonsehnsucht, und mit blanken Augen und
roten Wangen verschlingen wir dann alles, was sie zu stillen uns
verheißt. Unsterblicher Robinson, unsterblicher Lederstrumpf, roter
Freibeuter, Peter Simpel und wie ihr euch sonst noch nennt, die ihr
alle etwas von einem Don Quichotte habt und Väter einer so langen
und manchmal auch recht langweiligen Reihe von Nachtretern geworden
seid ... wie jedes echte Kind hab ich euch immer von neuem gelesen,
bis ich euch fast auswendig konnte, und bis ich eines Tages in meines
lieben Vaters Bücherschrank auf andre Helden und andre Abenteuer
traf, Helden von Fleisch und Blut, wirkliche Menschen, nicht nur
am Schreibtisch erdachte Gestalten, und Abenteuer, die wirklich
erlebt, in Not und Tod, nicht nur zur Spannung naiver Leser ersonnen.
Da standen in großmächtigen, altertümlichen Lederbänden mit roten
und schwarzen Schildern auf dem goldgepreßten, dicken Rücken die
Entdeckungsreisen des Kapitän Cook, sechs stattliche Bände, daneben
die Reisen von Wallis, von Byron, von Carteret, von Meares, Portlock
... Reisen und Abenteuer in der Südsee, an den unwirtlichen Küsten
Nordamerikas, unter braunen, nackten Wilden und Indianern. Ein Buch
immer spannender als das andere, immer schöner, immer seltsamer. Was
waren das für unvergeßliche Stunden des Lesens und Träumens. Das
blaue Südmeer lag vor meinen Blicken, von weißer Brandung umgischt
tauchten Koralleninseln daraus empor, mit rauschenden Palmenhainen voll
seltsam bunter Vögel. Von Eiland zu Eiland zogen in flinken Kanus mit
Mattensegeln die braunen Kanaken und kämpften in Panzern und Helmen
mit Haifischzahnspeeren und sangen melodisch und sprangen zur Trommel
...
Sie sind Zauberer, diese großen Entdecker, voran, allen weit
voran James Cook, der einem ganzen Zeitalter den Stempel seines
Naturempfindens aufprägte. Eine Weltanschauung ward aus diesen
Entdeckungsfahrten geboren, eine Naturphilosophie, die in Seumes Worten
»Seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen« gipfelte, die in Rousseaus
Werken ihr »Zurück zur Natur« predigte. Auch unsre Zeit, durch soviel
Blut und Grauen gegangen, hat diese Sehnsucht wieder, hat nach all
der Übersättigung mit raffinierter Kultur diesen gesunden Hunger nach
natürlicheren Verhältnissen. Darum gerade wird ihr die Kost, die hier
geboten, besonders munden, werden diese uns überlieferten Erzählungen
der Entdecker wie ein erfrischender Trunk nach ermüdender Wanderung
wirken. Zumal die Jugend wird sie, des bin ich gewiß, mit Jubel
begrüßen: ist doch der Robinson und all das andre in ihnen gleichsam
beschlossen. Aus diesen Reisen und Abenteuern sind jene ersonnenen
Geschichten ja erst geboren.
Aber nicht nur dem angenehmen Zeitvertreib müßiger Stunden vermögen sie
zu dienen: es läßt sich aus ihnen auch unendlich viel lernen -- nicht
nur Erd- und Völkerkunde, auch Kulturgeschichte. Kein Geringerer als
Schiller schrieb unter ihrem Eindruck die weithin weisenden Worte: »Die
Entdeckungen, welche unsere europäischen Seefahrer in fernen Meeren und
auf entlegenen Küsten gemacht haben, geben uns ein ebenso lehrreiches
als unterhaltendes Schauspiel. Sie zeigen uns Völkerschaften, die auf
den mannigfaltigsten Stufen der Bildung um uns herum gelagert sind,
wie Kinder verschiedenen Alters um einen Erwachsenen herumstehen und
durch ihr Beispiel ihm in Erinnerung bringen, was er selbst vormals
gewesen, und wovon er ausgegangen ist. Eine weise Hand scheint uns
diese rohen Völkerstämme bis auf den Zeitpunkt aufgespart zu haben,
wo wir in unserer eigenen Kultur weit genug würden fortgeschritten
sein, um von dieser Entdeckung eine nützliche Anwendung auf uns selbst
zu machen und den verlorenen Anfang unseres Geschlechts aus diesem
Spiegel wiederherzustellen.« Ich möchte mir wohl wünschen, daß meine
jungen Leser bei wiederholter Lektüre auch auf solche Dinge ein wenig
achtgäben.
In noch frischem Erinnern aus doch schon so fernen Jugendtagen
habe ich gemeint, den Erzählungen jenen eigenen Reiz, jenen
Schmetterlingsflügelstaub belassen zu sollen, der in der bisweilen
etwas altmodischen Sprache der zeitgenössischen Übersetzer liegt --
u. a. eines Georg Forster, dessen »Ansichten vom Niederrhein« mit Recht
ja noch heute als klassische Prosa gelten -- und nur nach heutigem
Sprachgebrauch völlig Veraltetes geändert. Und freilich das köstlich
barocke Deutsch Groebens, dessen »Guineische Reisebeschreibung« vor
rund 20 Jahren wieder entdeckt zu haben ich mich rühmen darf, habe
ich wohl oder übel in die Sprache unsrer Tage übertragen müssen; aber
auch so dürfte dieses in seiner humorvollen Eigenart einzig dastehende
Reisewerk der Wirkung gewiß sein. Gestrichen habe ich nur weniges, das,
was mir für den erwünschten Leserkreis zu langweilig oder sonstwie
ungeeignet erschien: astronomische, nautische Berechnungen und dgl.
Ich will mir schließlich noch wünschen, daß meine jungen Leser an dem
von Sturtevants Künstlerhand dem Buche beigegebenen Bilderschmuck
so viel Freude haben, wie ich sie empfinde. Der Künstler hat
mit bewunderungswürdigem Geschick hier malerische Wirkung mit
wissenschaftlicher Genauigkeit zu paaren verstanden. Alle Völkertypen,
alle Gerätschaften sind nach Originalaufnahmen und Gegenständen des
Berliner Völkerkundemuseums und meiner eigenen Sammlungen gezeichnet,
und so dürfte dieser Bilderschmuck in seiner Art etwas Besonderes
darstellen.
Dr. _Adolf Heilborn_.
[Illustration]
[Illustration]
Die Entdeckung und Eroberung von Tahiti
Von Kapitän _Samuel Wallis_
Am 18. Juni 1767, etwa 2 Uhr nachmittags, -- wir waren kaum eine
halbe Stunde lang unter Segel -- entdeckten wir ein sehr hohes Land
im Westsüdwesten. Da das Wetter trübe war und wir zugleich heftige
Windstöße auszustehen hatten, ließ ich den »Delphin« beilegen und
gedachte, die Nacht über, oder wenigstens bis der Nebel sich zerteilen
würde, zu treiben. Um 2 Uhr des Morgens wurde es ganz klar, und wir
gingen daher wieder unter Segel. Bei Tagesanbruch sahen wir das Land in
einer Entfernung von ungefähr fünf Seemeilen weit vor uns und steuerten
gerade darauf hin; als wir uns um 8 Uhr ihm näherten, mußten wir des
einsetzenden Nebels wegen wieder beilegen. Endlich zerteilte er sich
wieder, und wir wunderten uns nicht wenig, als wir uns von einigen
hundert Kanus umringt sahen, die sich uns unbemerkt genähert hatten.
Sie waren von verschiedener Größe und faßten bald mehr, bald weniger
Leute, eines bis zu zehn Mann. Auf allen mochten meiner Schätzung nach
nicht weniger als 800 Mann beisammen sein.
Nachdem sie sich dem Schiffe bis auf einen Pistolenschuß genähert
hatten, hielten sie stille, betrachteten und bestaunten uns und
besprachen sich untereinander. Mittlerweile zeigten wir ihnen allerlei
Spielsachen und luden sie ein, an Bord zu kommen. Es währte nicht
lange, so vereinigten sie sich und hielten eine Art Versammlung, um
unter sich eins zu werden, was zu tun sei; endlich ruderten sie um
unser Schiff herum und machten uns Freundschaftskundgebungen. Einer
von ihnen hielt den Zweig einer Banane empor und beehrte uns mit einer
Anrede, die ungefähr eine viertel Stunde dauerte, und bei deren Schluß
er den Zweig ins Meer warf. Wir fuhren noch immer fort, sie einzuladen,
zu uns an Bord zu kommen.
Endlich ließ sich ein ansehnlicher, starker, munterer junger Mann dazu
bewegen. Er kam an der Besanleiter am Hinterdeck herauf und sprang von
der hohen Bordwand auf das über dem Verdeck ausgespannte Segeltuch
herab. Wir winkten ihm, daß er auf das Verdeck herabkommen möchte,
und reichten ihm einige Kleinigkeiten hinauf. Er sah vergnügt aus,
wollte aber nichts annehmen, bis einige von seinen Landsleuten, die
sich ganz nahe an das Schiff gewagt hatten, nach dem Herleiern vieler
Worte etliche Bananenzweige uns an Bord zuwarfen. Als er dies sah, nahm
er unsere Geschenke an, und gleich nachher kamen einige andere dieser
Eingeborenen, der eine von hier, der andere von dort her ins Schiff;
denn keiner von ihnen wußte den rechten Zugang.
Einer von den Insulanern, die eben an Bord gekommen waren, stand auf
der linken Seite des Verdecks nahe am Gange, als es einer von unsern
Ziegen plötzlich einfiel, ihn von hinten mit ihren Hörnern gegen die
Hüften zu stoßen. Er erschrak über diesen Stoß, wandte sich eilfertig
um und sah die Ziege auf ihren Hinterfüßen aufgerichtet und in
Bereitschaft stehen, ihm noch eins zu versetzen. Der Anblick dieses
Tieres, das von allen, die er je gesehen, ganz verschieden sein
mochte, jagte ihm einen solchen Schreck ein, daß er augenblicklich über
Bord sprang, und alle seine Landsleute, die diesen Vorgang mitangesehen
hatten, folgten ihm mit größter Eile nach. Doch währte es nicht lange,
so erholten sie sich wieder von ihrer Bestürzung und kehrten an Bord
zurück.
[Illustration: Einer der Eingeborenen hielt den Zweig einer Banane
empor.]
Nachdem ich sie ein wenig an den Anblick unsrer Ziegen und Schafe
gewöhnt hatte, zeigte ich ihnen unsre Schweine und unser Federvieh.
Sie deuteten mir durch Zeichen an, daß sie solche Tiere wie diese
selbst hätten. Ich teilte hierauf Nägel und Kleinigkeiten unter sie
aus und gab ihnen durch Zeichen zu verstehen, sie möchten gehen und
uns einige von ihren Schweinen samt etwas Federvieh und Früchten an
Bord bringen; es schien aber, als ob sie meine Aufforderung nicht
verstehen könnten. Sie lauerten dagegen fleißig auf jede Gelegenheit,
irgend etwas zu stehlen, was ihnen eben in die Hand kam. Wir
ertappten sie aber gewöhnlich über der Tat. Endlich kam einer von den
Schiffsunteroffizieren, der von ungefähr einen neubetreßten Hut auf
dem Kopfe hatte, an die Stelle, wo sie standen, und fing an, sich mit
einem von ihnen durch Zeichen zu verständigen. Während er sich also
unterhielt, kam ein Eingeborener, riß ihm von hinten her plötzlich den
Hut vom Kopfe, sprang damit über das Heckbord in die See und schwamm
davon.
Weil wir nun an der Stelle, wo wir eben lagen, keinen rechten
Ankergrund hatten, steuerten wir längs der Küste hin und schickten zu
gleicher Zeit die Boote aus, näher an die Küste heranzufühlen. Die
Insulaner versuchten es, in ihren Kanus dem Schiffe zu folgen; da sie
aber keine Segel aufzuspannen hatten, blieben sie weit zurück und
ruderten daher bald wieder nach der Küste zu.
Das Land bietet den anmutigsten und romantischsten Anblick, der sich
erdenken läßt. Gegen die See hin ist es flach und mit Fruchtbäumen von
allerlei Arten, insbesondere mit Kokospalmen bewachsen; dazwischen
liegen die Häuser der Eingeborenen, die bloß aus einem Dache auf
Pfählen bestehen und von weitem einer langen Scheune nicht unähnlich
sind. Innerhalb des Eilandes und ungefähr drei Kilometer weit von der
See hört das flache Land auf und grenzt an hohe Berge, die mit Gehölz
bewachsen sind, und von deren obersten, sehr steilen Gipfeln große
Wasserfälle sich mit lautem Getöse ins Meer herabstürzen. Hier sahen
wir keine Sandbänke, dagegen war die Insel mit einer Reihe von Felsen
umgeben, zwischen denen jedoch oft die Einfahrt möglich ist.
[Illustration: Der Anblick dieses Tieres jagte ihnen Schrecken ein.]
Um 3 Uhr befanden wir uns einem großen Meerbusen gegenüber, und da
wir deshalb Ankergrund vermuteten, legten wir bei. Die Boote wurden
auch gleich zur Prüfung abgeschickt. Während ihrer Beschäftigung sah
ich, wie eine große Anzahl von Kanus sich um sie her versammelte.
Ich befürchtete, daß die Insulaner willens sein möchten, unsere Leute
anzugreifen. Da ich nun gern allem Unheil vorbeugen wollte, so gab
ich den Booten ein Zeichen, an Bord zurückzukommen, und feuerte, um
den Eingeborenen ein wenig Ehrfurcht einzuflößen, zu gleicher Zeit
eine neunpfündige Kugel über ihre Köpfe hinweg. Das Boot ruderte nun
dem Schiffe zu. Der Donner des Neunpfünders hatte zwar die Insulaner
erschreckt, doch ließen sie sich dadurch nicht abhalten, unseren
Booten nachzurudern, und als sie diese nach dem Schiff zurückkehren
sahen, suchten sie, einem von ihnen den Weg abzuschneiden. Da aber
dieses Boot schneller segeln konnte, als die Kanus ruderten, ließ es
die es umschwärmenden Eingeborenen bald hinter sich zurück. Inzwischen
lauerten ihm verschiedene andere, die mit Insulanern gefüllt waren,
unterwegs auf und warfen mit Steinen nach der Mannschaft, wodurch auch
wirklich einige Bootsleute verwundet wurden. Der Offizier im Boot
feuerte hierauf eine mit Schrot geladene Flinte auf den Mann, der
den ersten Stein geworfen hatte, und verwundete ihn an der Schulter.
Sobald die übrigen Kanuinsassen die Verwundung ihres Kameraden sahen,
sprangen sie ins Meer, und die anderen Eingeborenen ruderten äußerst
bestürzt und erschrocken hinweg. Nachdem unsere Boote wieder am Schiffe
beigelegt hatten, ließ ich sie an Bord nehmen, und gerade wollten wir
wieder weitersegeln, als wir ein großes Kanu uns nachsetzen sahen.
Da ich vermutete, daß sich in ihm vielleicht irgendeiner von den
Anführern dieser Leute oder sonst jemand befinden könnte, der
abgeschickt wäre, um mir eine Botschaft vom Oberhaupte zu bringen,
hielt ich für gut, es zu erwarten. Es segelte sehr schnell und war
bald an dem Schiffe, wir konnten aber unter allen Insassen keinen
unterscheiden, der etwas mehr als der andere vorgestellt hätte. Jedoch
stand endlich einer von ihnen auf, hielt eine Anrede, die ungefähr
5 Minuten dauerte, und warf alsdann einen Bananenzweig an Bord.
Dies hielten wir für ein Friedenszeichen und erwiderten es, indem
wir einen von den Zweigen, die von den vorigen Insulanern im Schiff
zurückgelassen waren, dem Redner über Bord reichten. Mit diesem und
einigen Kleinigkeiten, die wir ihm nachher schenkten, schien er sehr
vergnügt zu sein und ruderte bald darauf mit seinem Kanu wieder weg.
Die Offiziere, die mit den Booten ausgeschickt worden waren,
berichteten mir, daß sie hart an der Klippenreihe gelotet und hier
ebenso tiefes Wasser wie an den andern Inseln gefunden hätten. Da ich
aber auf der Seite der Insel war, die gegen den Wind hin lag, so konnte
ich mit einiger Wahrscheinlichkeit erwarten, daß ich Ankergrund finden
würde, wenn ich _unter_ dem Winde hinsegelte. Ich steuerte also in
dieser Richtung, fand aber, daß am südlichen Ende eine Menge Klippen
sehr weit in See hinausliefen; ich faßte also den Wind näher und fuhr
die ganze Nacht über fort, gegen den Wind zu steuern, um auf solche
Weise längs der Ostseite der Insel hinlaufen zu können.
Um 5 Uhr morgens gingen wir wieder unter Segel. Eine merkwürdige
Spitze, die einem Zuckerhute ähnlich sah, lag in Nordnordosten.
Wir waren in dieser Lage ungefähr zwei Seemeilen weit vom Lande;
dieses hatte hier ein sehr anmutiges Äußere und war mit Häusern der
Eingeborenen weithin besät. Nahe an der Küste sahen wir verschiedene
große Kanus unter Segel, sie steuerten aber nicht auf uns zu. Um Mittag
waren wir zwei bis drei Kilometer von der Insel entfernt. Wir setzten
unsern Lauf immer längs der Küste fort, bald kamen wir ihr auf eine
halbe Seemeile nahe, bald hielten wir uns vier bis fünf Meilen von
ihr entfernt, nirgends aber hatten wir bisher Ankergrund gefunden. Um
6 Uhr abends befanden wir uns einem schönen Flusse gegenüber, und da
die Küste hier ein besseres Aussehen hatte, als an irgendeiner andern
Stelle, beschloß ich, die ganze Nacht hindurch auf und ab zu steuern
und am Morgen zu versuchen, Grund zu finden. Sobald es finster war,
sahen wir sehr viele Lichter längs der ganzen Küste.
Bei Tagesanbruch schickten wir die Boote zur Prüfung aus, und bald
nachher gaben sie uns durch Zeichen zu verstehen, daß sie einen
35 Meter tiefen Ankergrund gefunden hätten. Dies verursachte eine
allgemeine und unbeschreiblich große Freude; wir liefen augenblicklich
gegen den Strand hin und kamen in 30 Meter auf einem reinen Sandgrunde
vor Anker. Wir lagen ungefähr eine Seemeile weit von der Küste und
einem schönen Flusse gegenüber.
Sobald wir das Schiff gesichert hatten, schickte ich die Boote aus,
um längs der Küste hin zu fahren und zugleich die Stelle, an der wir
die Flußmündung sahen, in Augenschein zu nehmen. Um diese Zeit kam
eine beträchtliche Anzahl von Kanus vom Lande her ans Schiff; sie
brachten Schweine, Federvieh und Früchte in großer Menge mit sich und
überließen uns alles gegen kleine Spielsachen und Nägel. Wir bemerkten,
daß, sobald unsre Boote gegen die Küste hinruderten, die Kanus, von
denen die meisten doppelt und sehr groß waren, ihnen nachsegelten.
Solange sie noch in der Nähe unsres Schiffes waren, blieben die Kanus
in achtungsvoller Entfernung; sobald aber die Boote von uns weg gegen
die Küste liefen, wurden die Wilden kühner, und endlich rannten gar
drei von ihren größten Kanus gegen eins von unsern Booten, stießen
dessen Verdeck ein und rissen seine Ausleger hinweg. Die Insulaner
machten sogar Miene, mit Keulen und Rudern unser Boot zu entern. Da
meine Leute derart sehr ins Gedränge kamen, sahen sie sich genötigt,
Feuer zu geben. Einer von den Angreifern wurde durch die Salve getötet,
ein anderer schwer verwundet. Beide fielen gleich, wie sie getroffen
waren, über Bord; augenblicklich sprangen ihnen alle ihre Landsleute,
die in demselben Kanu gesessen waren, in die See nach, die andern
beiden Kanus aber zogen sich zurück, so daß unsere Boote von nun an
ungehindert weitersegelten. Sobald die in See gesprungenen Eingeborenen
sahen, daß unsere Boote sich entfernten, ohne ihnen weiter Schaden zu
tun, schwammen sie ihrem Kanu nach, schwangen sich hinein und hoben
ihre verwundeten Landsleute an Bord. Sie stellten sie aufrecht in das
Kanu, um zu sehen, ob sie stehen könnten; da aber die armen Verwundeten
sich nicht aufrecht halten konnten, versuchten sie zu sitzen. Einer
von ihnen war stark genug dazu und wurde in dieser Lage unterstützt;
als sie jedoch hernach den andern völlig tot fanden, legten sie seinen
Leichnam der Länge nach ausgestreckt in das Boot. Hierauf ruderten
einige Kanus ans Land, kehrten aber wieder an das Schiff zurück, um
mit uns zu handeln. Man sah also wohl, daß sie aus unserm Betragen
unsre Friedfertigkeit erkannt hatten, und daß sie nichts zu befürchten
hätten, solange sie uns ehrlich nahten, und sie mußten sich auch wohl
bewußt sein, daß sie alle Schuld an dem Vorgefallenen einzig sich
allein beizumessen hatten.
[Illustration: Nahe an der Küste sahen wir verschiedene große Kanus
unter Segel.]
Die Boote beschäftigten sich indessen bis Mittag vor der Küste und
kamen alsdann mit dem Berichte zurück, daß der Grund sehr rein sei, daß
die Küste ungefähr eine viertel Meile von der See weit etwa 9 Meter
tief sei, daß aber an dem Orte, wo wir den Fluß gesehen hatten, sehr
hohe Brandung an den Strand schlage. Die Offiziere sagten mir, daß es
an der Küste von Eingeborenen wimmle, und daß viele von ihnen an das
Boot geschwommen wären und ihnen einige Früchte und auch etwas frisches
Wasser gebracht hätten; dieses Wasser hatten sie in Bambusgefäßen
aufbewahrt. Unsere Leute berichteten auch, die Insulaner hätten sie
recht bestürmt, mit ihnen an Land zu gehen.
Des Nachmittags schickte ich die Boote wiederum an Land. Ich gab ihnen
etliche kleine Fäßchen mit, die oben gefüllt werden und einen Handgriff
haben, an dem man sie trägt. Ich befahl ihnen, sie sollten sich Mühe
geben, ein wenig frisches Wasser zu bekommen, weil wir bereits damals
anfingen, Wassermangel zu leiden. Unterdessen blieben noch immer viele
Kanus um unser Schiff herum, weiter ließ ich sie jedoch nicht kommen;
denn die Insulaner hatten mich schon so oft und so vielfältig betrogen
und bestohlen, daß ich mir vornahm, zunächst keinen mehr an Bord zu
lassen.
Um 5 Uhr nachmittags kehrten die Boote zurück, sie brachten aber nicht
mehr als zwei Fäßchen Wassers mit. Diese beiden Fässer hatten die
Eingeborenen für sie gefüllt, für ihre Mühe aber hatten sie sich ohne
weiteres mit den übrigen Gefäßen bezahlt gemacht. Unsere Leute wollten
sich nicht an Land wagen, damit das Boot nicht unbesetzt bliebe; sie
ließen indes vom Boote aus kein Mittel unversucht, um die Insulaner zu
bewegen, die Wassergefäße wieder zurückzugeben. Doch da war alle Mühe
umsonst. Die Eingeborenen legten ihrerseits unseren Leuten dringend
ans Herz, zu landen; diese folgten jedoch dem Gebote der Klugheit und
lehnten ab. Als unsere Boote wegruderten, befanden sich ihrer Aussage
nach viele Tausende von Eingeborenen beiderlei Geschlechts und eine
große Anzahl Kinder am Strande.
Am folgenden Morgen schickte ich die Boote von neuem an Land, Wasser zu
holen. Ich ließ sie Nägel, Beile und mehr dergleichen Dinge mitnehmen,
durch die sie meiner Ansicht nach die Freundschaft der Eingeborenen
am leichtesten erlangen könnten. Mittlerweile kam vom Lande her
eine große Anzahl von Kanus an das Schiff; die Leute brachten uns
Brotfrucht, Bananen, eine Frucht, die einem Apfel ähnlich sah, aber
ungleich wohlschmeckender war als dieser, auch Federvieh und Schweine.
Alle diese Eßwaren überließen sie uns gegen einige Glasperlen, für
Nägel, Messer und dergleichen mehr, und wir bekamen gleich dieses Mal
Schweinefleisch genug, daß unsere ganze Schiffsmannschaft zwei Tage
lang damit gespeist werden konnte und jeder Mann ein Pfund davon bekam.
Als die Boote zurückkamen, brachten sie uns nur einige wenige
Kalebassen Wassers mit; mehr hatten sie nicht bekommen können, weil
die Anzahl der Leute auf dem Strande so groß war, daß sie es nicht
wagen wollten, an Land zu gehen. Die Eingeborenen suchten alles
hervor, um unsere Leute zum Landen zu reizen: sie brachten Früchte
und Lebensmittel allerlei Art, legten diese am Strande nieder und
luden unsere Leute durch Zeichen ein, ihnen diese Vorräte verzehren zu
helfen. Nichtsdestoweniger blieben diese fest; sie zeigten von ihrem
Boote aus den Insulanern die Wasserfäßchen und forderten sie auf, die
gestern verlorengegangenen wieder zurückzubringen. Dagegen blieben die
Eingeborenen ebenfalls taub; unsere Leute lichteten also ihre Anker,
sondierten in der ganzen Gegend herum, um zu sehen, ob das Schiff nicht
näher gegen die Küste landen könnte, daß es die Wasserholer hätte
beschützen können, und hätten sich in diesem Falle nicht gescheut,
der ganzen Insel zum Trotz an Land zu gehen. Als sie mit dieser
Untersuchung fertig waren und sich alsdann vom Ufer entfernten, warfen
die Weiber mit Äpfeln und Bananen hinter ihnen drein, lachten sie
tüchtig aus und ließen alle ersinnlichen Merkmale von Verachtung und
Hohn gegen sie blicken. Meine Leute meldeten mir, daß 400 Meter weit
von der Küste der Grund sandig und das Wasser 7 Meter tief sei, daß es
noch einige Kabeltaulängen weiter vom Strande 9 Meter Tiefe gäbe, und
daß also das Schiff an einer dieser beiden Stellen gut vor Anker liegen
könnte. Der Wind blies hier gerade längs der Küste und verursachte eine
hohe Brandung sowohl gegen das Schiff als gegen den Strand hin.
Den folgenden Morgen lichteten wir also bei Tagesanbruch wiederum
die Anker, in der Absicht, den »Delphin« nahe an der Wasserstelle
festzulegen. Als wir aber zu diesem Zweck weiter gegen den Wind
hinsegelten, entdeckten wir vom Mastkorbe aus über das Land hinweg
einen Meerbusen, der ungefähr 6-8 Kilometer weit unter dem Winde von
uns liegen mochte. Wir steuerten sogleich darauf zu und schickten die
Boote mit dem Senkblei voran. Um 9 Uhr gaben die Boote das Zeichen, daß
sie in einer Tiefe von 21 Meter Grund gefunden hätten; diese Gegend war
von einer Reihe von Klippen umgeben, um die wir herumlaufen mußten,
ehe wir an den Ort hinsteuern konnten, wo die Boote lagen. Als wir
nicht mehr weit von ihnen und gleichsam mitten zwischen beiden waren,
stieß das Schiff auf Grund. Das Vorderteil saß unbeweglich fest, das
Hinterteil hingegen war frei; wir warfen augenblicklich das Senkblei
aus und fanden, daß die Tiefe des Wassers auf den Klippen oder auf der
Untiefe von 31 auf 6 Meter abnahm. Wir beschlugen also in größter
Eile alle Segel und warfen alles alte Geräte, das damals an Bord war,
in die See. Zu gleicher Zeit setzten wir das lange Boot auf Wasser,
legten den Strom- und den kleinen Anker mit allem dazugehörigen Tauwerk
hinein und ließen das Boot über die Untiefe hinauslaufen. Hier sollte
die Mannschaft die Anker fallen lassen, und wenn diese nur Grund gefaßt
hätten, hoffte ich, der »Delphin« würde mit Hilfe der Schiffswinde von
den Klippen abgebracht werden können. Allein zum Unglück fand sich
über die Untiefe hinaus kein Grund. Unser Zustand war in dieser Lage
ziemlich gefährlich zu nennen. Das Schiff schlug noch immer sehr heftig
gegen die Felsen, und wir waren von vielen hundert Kanus umringt, die
alle vollbesetzt waren. Ihrer Menge ungeachtet versuchten sie indessen
doch nicht, sich an Bord zu wagen, sondern es schien, als wollten
sie ruhig unser Scheitern erwarten. Eine ganze Stunde lang brachten
wir in dieser Gefahr voller Schreck und Angst zu, ohne daß wir zur
Befreiung des Schiffs viel unternehmen konnten. Endlich erhob sich zum
Glück ein günstiger Wind vom Lande her, und durch dessen Beihilfe kam
das Vorderteil des Schiffes wieder los. Nun ließen wir sogleich alle
Segel fallen, und es währte auch nicht lange, so geriet das Schiff in
Bewegung, und in kurzer Zeit befanden wir uns wieder in tieferem Wasser.
Darauf entfernten wir uns schleunigst von dieser gefährlichen Stelle
und schickten die Boote unter dem Winde hin, um die Untiefe gehörig
untersuchen zu lassen. Sie fanden, daß der Klippenzug sich ungefähr
anderthalb Kilometer weit gen Westen in die See erstreckte, und daß
zwischen Land und Klippenzug ein sehr guter Hafen lag. Der Bootsmann
ließ also eines unsrer Boote am Ende der Klippen stillegen und
einen Anker nebst kleinen Kabeltauen und eine tüchtige Wache an Bord
des langen Bootes bringen, um es gegen alle Angriffe der Insulaner
verteidigen zu können. Nachdem er damit fertig war, kam er selbst an
Bord zurück und führte das Schiff um die Reihe von Klippen herum in den
Hafen, wo wir um 12 Uhr in 30 Meter Tiefe auf einem guten Grunde von
schwarzem Sand endlich vor Anker kamen.
Bei genauer Untersuchung fand sich, daß an der Stelle, wo das Schiff
auf die Klippen geraten war, sich eine Reihe schroffer Korallenfelsen
erhob, und daß das Wasser innerhalb dieser Riffe sehr ungleich von 10
zu 3½ Meter tief war. Zu unserm Unglück lag diese Stelle gerade
zwischen den beiden Booten, die wir vorausgeschickt hatten, um uns die
Hafeneinfahrt zu weisen. Die Leute in den Booten vermuteten indessen
nicht, daß zwischen ihren Standplätzen eine solche Gefahr drohen könne;
denn das eine Boot gegen den Wind hin befand sich in einer Tiefe von
21 und das andere unter dem Wind in einer Tiefe von 16 Meter Wasser.
Kaum waren wir von diesen Felsenklippen losgekommen, als der Wind
stärker zu wehen anfing, und obgleich er sich bald wieder legte, ging
doch die Brandung so hoch und brach sich so ungestüm am Felsen, daß,
wenn das Schiff eine halbe Stunde länger darauf festsitzen geblieben
wäre, es unvermeidlich hätte zerschellen müssen. Wir untersuchten nun
den Kiel, konnten aber keinen andern Schaden daran entdecken, als daß
ein kleines Stück am Vorderteil des Steuerruders fehlte und vermutlich
abgebrochen sein mußte. Es schien nicht, als ob wir ein Leck bekommen
hätten. Unsere Boote büßten auf der Klippenreihe ihre kleinen Anker
ein; da wir indessen hoffen durften, daß das Schiff selbst keinen
Schaden gelitten hätte, ließen wir uns diesen Verlust nicht sehr zu
Herzen gehen. Sobald der »Delphin« gehörig gesichert war, ließ ich alle
unsere Boote bewaffnen und bemannen und schickte sie mit dem Bootsmann
aus, um den oberen Teil des Meerbusens zu untersuchen, damit wir, wenn
wir dort einen guten Ankerplatz fänden, das Schiff vermittels seiner
Anker- und Kabeltaue innerhalb des Klippenzuges weiter hinaufziehen und
alsdann sicher vor Anker legen könnten. Auf dem Klippenzuge lag eine
große Anzahl von Kanus, und die Küste wimmelte von Leuten. Das Wetter
war endlich wieder sehr angenehm geworden.
Um 4 Uhr nachmittags kam der Bootsmann mit dem Berichte zurück, daß
es in dieser Gegend überall guten Ankergrund gäbe. Ich entschloß mich
daher, am folgenden Morgen den »Delphin« die Bucht hinaufziehen zu
lassen, und teilte unterdessen die Mannschaft in vier Wachen, wovon
allezeit eine unter Gewehr bleiben mußte. Die Kanonen ließ ich alle
laden und Pulver auf die Zündlöcher streuen; in die Boote ließ ich
Musketen bringen und befestigen und befahl dem Rest der Mannschaft, der
nicht auf Wache war, daß sich ein jeder auf dem angewiesenen Platze
einfinden sollte, sobald es befohlen würde. Längs der Küste schwärmte
eine große Anzahl von Kanus umher; einige von ihnen waren sehr groß und
stark bemannt, andere, die viel kleiner waren, kamen mit Schweinen,
Federvieh und Früchten beladen zu uns ans Schiff. Wir handelten ihnen
diese Lebensmittel immer dergestalt ab, daß wir und sie mit dem Handel
zufrieden sein konnten. Bei Sonnenuntergang ruderten alle Kanus an Land
zurück.
Am folgenden Morgen um 6 Uhr fingen wir an, das Schiff in den Hafen
hinaufzuziehen, und bald darauf stellte sich eine große Menge von Kanus
am Heck des »Delphins« ein. Da ich sah, daß sie Schweine, Federvieh
und Früchte an Bord hatten, befahl ich den Offizieren, diese Vorräte
gegen Messer, Nägel, Glasperlen und andere Kleinigkeiten einzutauschen,
und ordnete zu gleicher Zeit an, daß außer den hierzu ernannten
Personen niemand im ganzen Schiff sich auf den Handel einlassen dürfe.
Um 8 Uhr hatte sich die Anzahl der Kanus sehr vermehrt, und die zuletzt
herangekommenen waren große Kanus mit 12-15 Mann Besatzung. Ich sah
zu meinem größten Mißvergnügen, daß sie eher zum Krieg als zum Handel
ausgerüstet waren, indem sie fast nichts als runde Kieselsteine an
Bord hatten. Da mein erster Leutnant noch immer sehr krank war, so
ließ ich Leutnant Fourneaux holen und trug ihm auf, die zur vierten
Wache beorderten Matrosen beständig unter Gewehr zu halten, indessen
ich durch den Rest der Mannschaft das Schiff in den Hafen weiter
hinaufziehen lassen würde. Mittlerweile kamen von der Küste her
unaufhörlich neue Kanus heran, die eine ganz andere Art von Ladung an
Bord hatten, nämlich eine Anzahl von Frauen. Unterdessen zogen sich
die mit Kieselsteinen bewaffneten Kanus immer näher um unser Schiff
zusammen; einige der Insassen sangen mit rauher Stimme, andere bliesen
auf großen Muscheln, andere auf Flöten. Es währte nicht lange, so gab
ein auf einer Art von Traghimmel auf einem der größten Doppelkanus
sitzender Mann ein Zeichen, daß er neben unserm Schiff anlegen wolle.
Ich ließ meine Einwilligung erkennen, und als er hierauf dicht an das
Schiff kam, reichte er einem von unsern Matrosen ein Bündel von roten
und gelben Federn und verlangte durch Zeichen, ich solle das Geschenk
annehmen. Ich nahm es auch unter vielen Freundschaftsbezeigungen zu
mir und hieß sogleich einige Kleinigkeiten herbeibringen, um ihm
diese anzubieten. Allein zu meiner großen Verwunderung hatte er sich
während dieser Zeit schon wieder vom Schiffe entfernt und warf den
Zweig eines Kokosbaumes in die Luft. Dies war, wie ich sogleich erfuhr,
das Zeichen zum Angriff; denn auf allen Kanus erhob sich plötzlich ein
allgemeines Jauchzen. Sie ruderten schnell gegen das Schiff an und
ließen von allen Seiten her einen Hagel von Steinen hineinprasseln. Da
sie uns auf solche Weise förmlich angegriffen hatten und nichts als
unsere Waffen uns gegen eine solche Menge schützen konnte, befahl ich
der Wache zu feuern. Zwei von den auf Verdeck befindlichen Kanonen, die
ich mit Kugeln hatte laden lassen, wurden ebenfalls fast zu gleicher
Zeit abgefeuert, und die Eingeborenen gerieten dadurch in nicht geringe
Bestürzung. Doch in einigen Minuten hatten sie sich wieder erholt und
griffen uns zum zweiten Male an. Mittlerweile hatte sich ein jeder
von uns auf seinem angewiesenen Platze eingefunden; ich befahl zudem,
daß die großen Kanonen abgefeuert und einige davon stets auf einen
gewissen Punkt an der Küste gerichtet werden sollten, wo eine große
Menge von Kanus noch immer frische Mannschaft einnahm und in der
größten Geschwindigkeit gegen das Schiff heransegelte. Als das schwere
Geschütz anfing zu spielen, waren gewiß nicht weniger als 300 Kanus,
die zusammen wohl an 2000 Mann an Bord haben mochten, um den »Delphin«.
Viele Tausende waren noch an der Küste, und eine Menge anderer Kanus
kam außerdem von allen Seiten auf uns los.
Das Feuer trieb endlich die Kanus, die nahe dem Schiff hielten, hinweg
und schreckte auch die andern ab, näher zu kommen. Sobald ich sah, daß
sie sich zurückzogen und die andern sich ruhig verhielten, ließ ich
augenblicklich das Feuern einstellen in der Hoffnung, daß sie jetzt
hinlänglich überzeugt wären, wie sehr wir ihnen überlegen, und daß
sie daher das Gefecht nicht weiter fortsetzen würden. Hierin irrte
ich mich aber zum Unglück; eine große Anzahl von Kanus, die zerstreut
worden waren, stießen wieder zusammen, lagen eine kleine Zeit über
stille und beobachteten das Schiff in einer Entfernung von ungefähr
einer viertel Meile, steckten alsdann weiße Wimpel auf, ruderten
gegen das Hinterteil des Schiffes zu und fingen wie zuvor an, aus
beträchtlicher Entfernung mit großer Stärke und Geschicklichkeit Steine
hineinzuschleudern. Jeder von diesen Steinen wog ungefähr zwei Pfund,
und viele von unseren Leuten an Bord wurden durch sie verwundet; ohne
Zweifel hätten wir noch mehr Schaden gelitten, wenn nicht ein Segeltuch
zum Schutz gegen die Sonne über das ganze Verdeck aufgespannt und die
Hängematten mitten im Schiff in Netzen wären aufgehängt gewesen. Zu
gleicher Zeit näherten sich verschiedene, stark bemannte Kanus dem
Bug des Schiffes, vermutlich weil sie bemerkt hatten, daß von diesem
Teile noch kein Schuß war abgefeuert worden. Ich ließ daher einige
Kanonen nach vorn bringen, genau richten und auf diese Kanus feuern.
Zu gleicher Zeit ließ ich zwei Kanonen am Hinterteil herausführen und
diese hauptsächlich auf die Angreifenden richten.
Unter den Kanus, die gegen den Bug angriffen, befand sich eines, das
irgendeinen von ihren Anführern an Bord haben mußte, weil von diesem
Kanu aus das Zeichen gegeben worden war, auf das sich die andern
zurückgezogen hatten. Es traf sich, daß ein von den andern Kanonen
abgefeuerter Schuß eben dieses Kanu so genau traf, daß er es mitten
durchriß. Sobald die übrigen dies sahen, hielten sie nicht länger
stand, sondern zerstreuten sich so geschwind, daß binnen einer halben
Stunde kein einziges Kanu mehr zu sehen war. Das Volk, das sich vorher
an den Strand begeben hatte, floh ebenfalls in größter Eile über das
Gebirge.
Da wir nun keine begründete Besorgnis mehr zu haben brauchten, von
neuem gehindert zu werden, zogen wir das Schiff vollends in den
Hafen hinein, und um Mittag befanden wir uns kaum mehr eine halbe
Seemeile weit von dem oberen Teile des Meerbusens, nicht ganz zwei
Kabeltaulängen von einem schönen Flusse und ungefähr 90 Meter weit von
der verborgenen Klippenreihe. Wir hatten auf diesem Fleck 16 Meter
Wassertiefe, hart an der Küste waren es 9 Meter, so daß wir hier Anker
werfen konnten. Wir brachten auch die 8 Kanonen, die ich vordem in
den Schiffsraum hatte hinabschaffen lassen, wieder hinauf und an ihre
Plätze. Sobald das geschehen war, schickte ich die Boote aus, daß sie
ringsherum sondieren sollten, befahl ihnen auch, daß, wenn sich jemand
von den Eingeborenen an der Küste sollte blicken lassen, sie so gut wie
möglich die Gegend daselbst untersuchen möchten, um festzustellen, ob
wir etwa einen neuen Angriff von den Eingeborenen zu befürchten hätten.
Der ganze Nachmittag und ein Teil des folgenden Morgens wurden mit
diesen Arbeiten zugebracht. Um Mittag kam der Bootsmann mit einer
ungefähren Karte des Meerbusens zurück. Er meldete mir, daß sich
kein Kanu habe blicken lassen und daß die Landung überall bequem zu
bewerkstelligen sei. Kurz nachdem mir der Bootsmann diesen Bericht
abgestattet hatte, ließ ich alle unsere Boote bemannen und bewaffnen
und schickte damit Herrn Fourneaux nebst einer Abteilung Seesoldaten
mit dem Auftrag ab, dem Ankerplatz des Schiffes gegenüber zu landen und
unter der Bedeckung der Boote und des »Delphins« an einem vorteilhaften
Punkt Stellung zu beziehen.
[Illustration: Als er ans Land stieg, kroch er auf Händen und Füßen
heran.]
Um 2 Uhr landeten die Boote ohne den geringsten Widerstand. Herr
Fourneaux richtete alsbald einen Mast auf, ließ den Wimpel flattern,
ein Stück Rasen umgraben und nahm damit von der Insel im Namen Seiner
Majestät Besitz, zu deren Ehren er sie »König Georgs des Dritten Insel«
nannte. Hierauf ging er an den Fluß und kostete das Wasser, das er
von vortrefflichem Geschmack fand; er ließ also etwas davon schöpfen,
goß ein wenig Rum dazu, und seine Leute tranken eine Runde auf die
Gesundheit Seiner Majestät.
An dem Flusse, der 12 Meter breit und so seicht war, daß man
hindurchwaten konnte, erblickte er jenseits zwei alte Männer, die,
sobald sie sich entdeckt sahen, eine flehende Stellung annahmen und
dabei sehr bestürzt und erschrocken zu sein schienen. Herr Fourneaux
winkte ihnen, daß sie über den Fluß kommen sollten, was auch der eine
tat. Als er diesseits ans Land stieg, kroch er auf Händen und Füßen zu
Herrn Fourneaux heran. Dieser hob ihn aber sogleich auf und zeigte ihm,
als er zitternd dastand, einige der ins Schiff geworfenen Steine, wobei
er ihm zu verstehen gab, daß wir unsrerseits den Eingeborenen keinen
Schaden tun würden, wenn sie nicht selbst versuchten, uns anzugreifen.
Er ließ zwei von den Wasserfässern füllen, um zu zeigen, daß wir Wasser
verlangten, und wies ihm einige Beile und andere Dinge, zum Zeichen,
daß wir Lebensmittel dagegen eintauschen wollten. Während dieser
pantomimischen Unterredung faßte der alte Mann wieder einigen Mut, und
Herr Fourneaux schenkte ihm zur Bestätigung seiner Freundschaft ein
Beil, etliche Nägel, Glasperlen und andere Kleinigkeiten. Hierauf stieg
er mit seinen Leuten wieder in die Boote und ließ den Wimpel wehend am
Strande zurück.
Sobald die Boote vom Lande abgestoßen waren, ging der Greis zu
dem Wimpel hin und tanzte eine geraume Zeit lang um ihn herum;
dann entfernte er sich, kam aber bald nachher mit einigen grünen
Zweigen zurück, die er hinwarf, um sich alsbald zum zweiten Male
hinwegzubegeben. Doch währte es nicht lange, so kam er in Begleitung
von zwölf andern wieder zum Vorschein; alle nahmen eine demütige
Haltung ein und näherten sich langsam und ehrfurchtsvoll dem Wimpel.
Weil er aber zufällig im Winde stark flatterte, als sie ihm nahe
kamen, flohen sie in größter Bestürzung. Nachdem sie eine kleine
Zeitlang von ferne gestanden, gingen sie plötzlich davon und brachten
dann zwei lebendige Schweine zurück, die sie am Fuße des Wimpelmastes
niederlegten. Endlich faßten sie Mut und fingen an zu tanzen. Als diese
Zeremonie beendet war, brachten sie die Schweine an den Strand hinab,
stießen ein Kanu ins Wasser und legten die Schweine hinein. Der Greis,
der einen langen weißen Bart hatte, setzte sich sodann ganz allein zu
diesen Tieren und brachte sie ans Schiff. Als er neben dem »Delphin«
anlegte, reichte er uns einige grüne Bananenblätter nacheinander
herein und sprach bei jedem in einem feierlichen, langsamen Tone ein
paar Worte. Nachdem er endlich damit fertig war und auch die Schweine
hereingereicht hatte, drehte er sich um und wies auf das Land. Ich
befahl, ihm einige Geschenke zu geben, die er aber nicht annahm. Kurz
darauf stieß er sein Kanu vom Schiffe ab und fuhr ans Land zurück.
Bald nachdem es finster geworden war, hörten wir das Lärmen vieler
Trommeln, großer Muscheltrompeten und anderer Blasinstrumente. Wir
sahen auch eine Menge Lichter längs der ganzen Küste sich bewegen.
Um 6 Uhr des Morgens, als wir keinen von den Eingeborenen an der Küste
erblickten, dagegen aber den Wimpel entfernt sahen -- den die Insulaner
vermutlich, wie in der Fabel die Frösche ihren königlichen Klotz,
hatten verachten lernen --, befahl ich dem Leutnant, eine Wache mit
an Land zu nehmen und, wenn alles ruhig wäre, es uns zu melden, damit
wir mit der Füllung unserer Wasserfässer beginnen könnten. Bald darauf
ließ er mir zu meiner Freude melden, daß er bereits eine Anzahl von
Wasserfässern habe an Land bringen lassen; um 3 Uhr hatten wir schon
4 Tonnen voll an Bord. Während unsere Leute mit dem Füllen beschäftigt
waren, erschienen einige von den Eingeborenen am jenseitigen Ufer unter
Anführung des Greises, den der Offizier am Tage vorher gesehen hatte.
Bald kam der alte Mann herüber und brachte einige Früchte und etwas
Federvieh mit, das uns dann an Bord geschickt wurde.
Ich war um diese Zeit schon seit ungefähr 14 Tagen sehr krank und
befand mich eben damals so schwach, daß ich kaum herumkriechen
konnte. Da ich nun nicht selbst an Land gehen konnte, gebrauchte ich
mein Fernglas, um vom Schiffe aus zu sehen, was an Land vorging. Um
9 Uhr kam eine Menge von Eingeborenen über den Berg marschiert, der
ungefähr eine Meile weit von dem Strome ab liegen mochte. Zu gleicher
Zeit entdeckte ich eine große Anzahl von Kanus, die um die westliche
Landspitze herumliefen und längs der Küste sich näherten. Ich blickte
hierauf nach der Wasserstelle und bemerkte dahinter, wo die Aussicht
freilag, eine zahlreiche Schar von Eingeborenen, die unter den
Gebüschen hinschlichen. Zugleich entdeckte ich eine unzählbare Menge
Wilder, die in den Wäldern gegen die Wasserstelle anrückten, und noch
mehrere Kanus, die sehr schnell um die andere Landspitze der Bucht
gegen Osten herkamen.
Ich erschrak über diese Anstalten und fertigte sogleich ein Boot ab, um
dem Offizier am Lande hinterbringen zu lassen, was ich gesehen hatte,
und ihm zu befehlen, augenblicklich mit seiner Mannschaft wieder an
Bord zurückzukommen, ja, im Notfall die Fässer zurückzulassen. Jedoch
er hatte bereits die ihm drohende Gefahr selbst entdeckt und war
ungeheißen an Bord seines Bootes gegangen, noch ehe meine Botschaft ihn
erreichte. Sobald er inne ward, daß die Eingeborenen sich den Schatten
des Waldes zunutze machten, um heimlich gegen ihn heranzuschleichen,
schickte er sogleich den Greis an sie ab und gab ihnen durch Zeichen zu
verstehen, daß sie in einer gewissen Entfernung bleiben sollten, und
daß er nichts als Wasser verlange. Als sie merkten, daß sie entdeckt
waren, fingen sie an, zu rufen, und rückten noch geschwinder gegen
ihn an. Der Offizier zog sich augenblicklich mit seiner Mannschaft
in die Boote zurück. Während seines Rückzuges waren die Eingeborenen
über den Fluß gegangen und hatten unter lautem Freudengeschrei Besitz
von den Wasserfässern genommen. Ihre Kanus fuhren nun aufs schnellste
längs der Küste zum Wasserplatze, und alles Volk lief ebendahin. Eine
Menge von Frauen und Kindern aber rannte auf einen Berg, von wo aus
sie den Meerbusen und den Strand übersehen konnten, und ließ sich hier
nieder. Sobald die Kanus von beiden Landspitzen der Bucht her in die
Gegend kamen, wo unser Schiff vor Anker lag, stießen sie an Land und
nahmen noch immer mehr Leute auf, die große Säcke trugen. Diese waren,
wie sich später herausstellte, mit Steinen gefüllt. Nunmehr näherten
sich alle Kanus unserem Schiffe. Ich durfte also wohl nicht mehr
länger daran zweifeln, daß die Eingeborenen ihr Kriegsglück in einem
neuen Angriff zu versuchen trachteten. Da nun meiner Meinung nach das
sicherste Mittel zur Verminderung des Unheils war, den Kampf möglichst
kurz zu gestalten, beschloß ich, ein für alle Male den Feindseligkeiten
ein entschiedenes Ende zu machen.
Ich befahl daher meinen Leuten, die alle die ihnen angewiesenen
Plätze eingenommen hatten, zunächst auf die Kanus zu feuern, welche
schon in hellen Haufen auf dem Plan erschienen. Dies geschah auch
augenblicklich mit solchem Nachdruck, daß alle Kanus im Westen der
Bucht in voller Hast an den Strand eilten, während die im Osten
alsbald um die Klippenreihe herumruderten, um sich der Wirkung unserer
Kanonen zu entziehen. Darauf richtete ich das Feuer nach verschiedenen
Gegenden des Waldes, so daß die Eingeborenen bald daraus vertrieben
wurden und den Berg hinaufrannten, wo die Frauen und Kinder sich
niedergesetzt hatten, um der Schlacht zuzusehen. Auf diesem Berge
befanden sich nunmehr viele Tausende, die sich hier für vollkommen
sicher hielten. Um sie aber vom Gegenteil zu überzeugen, befahl ich,
vier Schüsse gegen sie abzufeuern. Ich dachte, wenn die Eingeborenen
unsere Kugeln ungleich weiter fliegen sähen, als sie erwarteten, würden
sie befürchten, wir könnten so weit schießen, wie wir überhaupt nur
wollten. Zwei von den Kugeln fielen hart an einem Baume nieder, unter
dem eine große Menge versammelt saß, und jagten dieser einen solchen
Schrecken ein, daß nach 2 Minuten keine Seele mehr zu sehen war.
Als ich nun die Küste völlig gesäubert hatte, bemannte und bewaffnete
ich die Boote, schickte unter großer Bedeckung meine Zimmerleute
mit ihren Äxten ab und befahl ihnen, alle zurückgelassenen Kanus zu
zerstören. Noch vor Mittag war diese Arbeit vollendet, und mehr als
50 Kanus, von denen viele wohl gegen 20 Meter lang, 1 Meter breit und
zu je zweien durch Balken miteinander verbunden waren, lagen zerstückt
am Strande. Man fand in ihnen nichts als Steine und Schleudern, nur an
Bord zweier viel kleinerer Kanus waren einige wenige Früchte, etwas
Federvieh und einige Schweine.