Venusmärchen.
Geschichten aus einer andern Welt.
Von
Edna Fern.
[Illustration]
Zürich 1899.
Verlags-Magazin J. Schabelitz.
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von J. Schabelitz in Zürich.
Was ich als Kind einst von der alten Muhme
In märchengrauer Dämmerstund' erlauscht,
Was sonnenhell mir Wind und Wald gerauscht,
Was mir geduftet hat die stille Blume,
Das wuchs in mir zu einem Heiligtume. --
Da kam das Leben, wichtig aufgebauscht,
Und hätt' vernünftig thuend gern vertauscht
Das Märchen mir -- zu ernstem Wissens-Ruhme.
Doch lächelnd ging das Flüchtige vor mir her
Und zeigte mir den Weg aus Tages Enge
Und hob empor mich aus der Welt Gedränge --
Der Märchen-Weisheit ewige Wiederkehr,
Die lehrt' es mich. -- Nun nimmt es seinen Lauf
Mild siegend weiter: Nehmt es bei euch auf! --
Inhalt.
Seite
Venus und Madonna 1
Der kleine Finger der Venus von Medici 5
Der gefesselte Cupido 18
Psyche 24
Unser Frühling 37
Frostiger Frühling 43
Das Märchen, das gar nicht kommen wollte 50
Klein Hildegard 58
Das Märchen, das verloren gegangen war 70
In der Gosse 81
Sonniger Winter 91
Ein Weihnachtsmärchen 99
Schneeflocken 108
Das Märchen von der weißen Stadt 120
Weltausstellung im Walde 130
Das Märchen von Einem, der auszog, ein Sonntagskind zu werden 141
Rauch 151
Venus und Madonna.
Dunkel wölbt sich der Himmel über der Erde, und die Sterne grüßen
einander und winken -- das ist das Flimmern -- fassen einander bei den
Händen und tanzen einen feierlichen Reigen über die unermeßlichen
Himmelsbahnen, und »Seht, wie klar die Milchstraße heute Abend ist!«
sagen sie auf der Erde. --
Da löst sich ein großer, glänzender Stern vom Firmament, der hat
funkelnd im kalten Norden gestanden, zieht seine leuchtende Bahn über den
dunkeln Nachthimmel hinweg und fällt zur Erde nieder. --
Da löst sich ein anderer, ein flimmernder, unruhiger Stern vom Firmament,
der hat blitzend im Süden gestanden, zieht seine schimmernde Bahn über
den dunkeln Nachthimmel und fällt zur Erde nieder. --
Und die beiden schönen Sterne fallen auf die große, weite Erde, in einen
Wald voll mächtiger Bäume, süß duftender Blumen, singender Vögelein,
spielender Tiere. -- Und siehe! da stehen die ersten Menschen, ein Mann
und ein Weib, sie blicken einander an, reichen sich die Hände und küssen
sich. Die beiden vom Himmel gefallenen, Mensch gewordenen Sterne -- sie
sind der Glaube, der Glaube an das Schöne, und die Sehnsucht. --
Und wieder und wieder flimmern, zittern, funkeln die Sterne am Himmel. Im
Walde der Ewigkeit ruht das Weib in den Armen des Mannes; und sie gebiert
ihm die Liebe -- das Kind der Sehnsucht und des Glaubens.
Da aber das schöne Menschenpaar ganz allein im großen, weiten Walde
wohnt, und nichts weiß von dem Gewimmel des Zwergengeschlechtes weit
draußen in der Welt, so wissen sie auch nicht, wen sie wohl zu Gevatter
bitten sollen, als sie ihr Kind, die holde Liebe, mit Himmelstau zu taufen
gedenken. Schon beginnen die Maiglöckchen ein wunderlieblich Geläut,
die Vöglein konzertieren und singen und flöten, und einherziehen
gravitätisch die Tiere des Waldes.
Das anmutige Reh äugt mit klugen Augen, das Häslein putzt sich, das
Eichhörnchen tanzt, der Dachs lugt hervor aus seinem Versteck, die
Eidechsen und Käfer huschen und jagen, die Schmetterlinge gaukeln um die
Blätterwiege, in der die Liebe ruht -- --, aber niemand ist da, der
das Kindlein tauft, und keine Gevatterin, die Liebe über die Taufe zu
halten. --
»Ich,« spricht der Fuchs und kommt geschlichen und streckt sein spitzes
Näschen zur Wiege des Kindes empor, »ich versteh's, das Taufen, bin bei
den Jesuiten in die Lehre gegangen, bin gut katholisch und sehr schlau.«
»Krah, krah!« krächzt ein großer, schwarzer Kolkrabe, »hier, nehmt
mich! Strengorthodox, schwarz, düster, wie meine Religion.«
»Vielleicht alttestamentarisch?« fragt höflich ein Eidechslein,
glitzernd von Gold, und dreht und windet sich immer wieder heran.
»Oder gar freisinnig?« klappert der Storch, spießt nach dem Eidechslein,
kröpft sich und schlägt sehr stolz und freisinnig mit den Flügeln.
Vater Glaube und Mutter Sehnsucht schütteln die schönen Häupter und
blicken ratlos um sich -- doch sieh! Licht, Sonnenschein überall um sie
her, flutet über Blumen und Vöglein und Tiere hin, und
»Ich,« spricht der Sonnenstrahl, »will die Liebe taufen. Ich dringe ihr
ins Herz hinein, ich wohne in ihren Augen. In jedem Lächeln ihres Mundes
zittere Sonnenschein, in jeder Bewegung ihrer Glieder herrsche Anmut,
Freude, Wärme.« Und
»Wir,« klingen sanfte und wunderbar eindringliche Stimmen, »wir wollen
Paten sein.« Zwei Frauengestalten neigen sich zu jeder Seite der Wiege,
in der die Liebe schlummert, so schön, so überirdisch schön, daß Glaube
und Sehnsucht demütig niederknieen. Die wissen nicht, ist es ein und
dieselbe, die zwei Gestalten angenommen hat, oder sind es zwei hehre
Frauen, die da niedergestiegen sind aus den Wolken, die Liebe zu
segnen. Wunderbar ähnlich sind sich die Schwestern, nur trägt die eine
langwallende Gewänder, und sie hält ein lieblich Kindlein fest an
ihr Herz gedrückt, und mild und rein ist das Lächeln ihres Mundes.
Unverhüllt glänzen der andern herrliche Glieder, süß berauschend wirkt
ihre Nähe, und heiße Glut entströmt den Augen.
Die beugt sich nieder zur Blätterwiege und küßt das schlummernd Kindlein
auf die unschuldigen Lippen, und spricht:
»Deinen Körper gib hin, o Liebe, und all deine Sinne und jede Fiber
deines Herzens!«
Da legt die Erste segnend die Hand auf des Kindes Haupt:
»Deine Seele gib,« hauchte sie, »und Mutterliebe sei dein Glück!« --
Und siehe! Aus dem Kinde ist plötzlich ein Weib geworden, himmlisch
schön, wie das Schwesterpaar -- es steht allein in all seiner Pracht auf
der weiten, sonnigen Erde. So zieht die Liebe in die Welt hinaus, das Kind
der Sehnsucht und des Glaubens, keusch wie Madonna, wonnig wie Venus -- und
das Zwergengeschlecht wendet sich ab von ihr, denn es kennt sie nicht. --
Weiche Lüfte aber wehen und tragen das Elternpaar, das der Welt die Liebe
geboren hat, hinan zum Himmel. Dort, zwischen den Sternen, wohnen nun
wieder die Sehnsucht nach dem Glück und der Glaube an das Schöne. --
Der kleine Finger der Venus von Medici.
Es war einmal ein Sonntagskind, das wanderte in der Welt umher und suchte
-- es wußte selber nicht was. Aber es blieb nicht auf dem schönen,
trockenen, breiten Wege, den schon so viele andere vor ihm gewandelt waren,
sondern mit der, den Kindern eigenen Passion für das Unbequeme, lief
es quer über die Straße, kletterte mühsam über einen großen Stein,
tappste in eine Pfütze, wie es ja deren so viele in der Welt gibt, und als
es erschrocken seine schönen, reinen Füßchen zurückzog, geriet es in
den Straßenkot; da eilte es entsetzt weiter, stolperte auf der anderen
Seite über einen noch größeren Stein und rannte mit dem Magen gegen
eines der eisernen Gitter, die überall in der Welt herumstehen. Nun
hatte vorläufig seine Reise ein Ende. Verdutzt sah es ein Weilchen das
häßliche Gitter an, dann um sich und nun über sich, und es erblickte
eine große, dunkle Wolke, die ballte sich zusammen aus all dem Dampf, der
aus den Häusern, den Fabrikschornsteinen, den Lokomotiven aufstieg,
und zog wie ein Heer Gespenster über den lieben Abendhimmel. Der schien
seltsam bunt drunter hervor -- glührot und rosenfarben und lichtgrau und
blau und zartes Grün -- wie als ob er dem schwarzen Gespensterheer mit
seinen Lichtelfen Trotz zu bieten gedächte. Aber die finstere Riesenwolke
ballt sich immer drohender und trotziger zusammen, und da wird es dem
Sonntagskinde ganz beklommen und bange ums Herz, und es stürzt davon,
durch die Straßen, so schnell es seine Füße tragen können, und über
ihm zieht die Wolke. Da aber verschwindet sie plötzlich, wie fortgeweht,
und das Kind hält inne in seinem tollen Lauf, denn es steht vor einem
goldenen Gitter, hinter dem hohe Bäume herüberwinken und ein süßer,
feiner Duft emporzieht.
»Ach,« denkt das Sonntagskind, »da drinnen muß es gut sein, ich möchte
ausruhen, denn ich bin sehr müde -- ob ich wohl hineinschlüpfen dürfte?
-- Ich will auch ganz leise sein.«
Kaum hat es das gedacht, so öffnet sich die goldene Thür, sanft, wie
von Feenhand, und das Sonntagskind schleicht vorsichtig hinein, sich noch
einmal bang nach der schwarzen Wolke umschauend. -- Richtig, ganz in weiter
Ferne hängt sie und blickt drohend herüber.
Nun ist das Sonntagskind drinnen in einem herrlichen Garten. Weg ist seine
Müdigkeit; mit weitgeöffneten, glänzenden Augen wandelt es auf weichen
Wegen unter hohen, ernsthaften Bäumen; mit zitternden Lippen saugt es
süße, berauschende Düfte ein, es lauscht mit Herzklopfen den wonnevollen
Tönen, von denen die Luft ringsum erfüllt ist. Wie tausend Nachtigallen
Gesang klingt es, aber es sind nicht allein die kleinen Vöglein in
den Zweigen, die so liebliche Melodieen erschallen lassen. Nein,
jedes Blättlein, jede Blüte ist wie ein Echo und trägt die weichen,
sehnsüchtigen Nachtigallentöne vieltausendfach weiter. Und all die Blumen
-- die Hyacinthen läuten mit ihren Glöckchen »Klingling! Ach, wie wonnig
ist's hier!« und »Dingdang, dingdang!« antwortet die blaue Glockenblume,
»ich läute zur Abendmette der Natur!« --
Die hohen, schneeigen Lilien senden ihre schweren, süßen Düfte nach
oben, der sentimentale Jasmin, die neckische Syringe; und die schwermütige
Narcisse wendet ihr weißes Blumengesicht sehnsüchtig dem Monde zu. Denn
Nacht ist's geworden: Millionen blitzender Sterne sehen mit funkelnden
Augen vom Himmel hernieder, und der Mond gleitet mit ruhigem Schein über
den Garten hinweg, so hell und klar, daß das Sonntagskind die vielen
zierlichen Gestalten sehen kann, kleine Elfen und Kobolde, die sich im
Gras zwischen den Blumen tummeln, und die Nixen und Wasserelfen -- auf den
großen, grünen Blättern der Wasserrosen im See kauern sie und lassen
sich schaukelnd hin und her treiben und greifen jauchzend nach dem
glitzernden Sprühregen, den Tritonen im mächtigen Strahl gen Himmel
senden und der, leuchtend wie Diamanten im Mondesglanz, zu ihnen
niederfällt.
In den lauschigen Ecken und Winkeln der Gebüsche stehen weiße Gestalten
-- sind's Menschen? Sie sind nackt, kaum mit einem leichten Flor bekleidet.
-- Sie sind schön, himmlisch schön, und das Sonntagskind tritt näher und
faßt Mut, weil sie so gar lieb und gut blicken, und es berührt sie ganz
vorsichtig und leise mit der Hand, streichelt die schönen, nackten Füße
und -- fährt erschrocken zurück, denn eiseskalt sind sie und tot.
Doch sieh -- bewegen sie sich nicht? Und horch -- hörst Du nicht leises
Kichern, Flüstern, neckisches Lachen -- ach, und klagendes Schluchzen? --
Die Hand des Sonntagskindes hat sie berührt -- sie leben, die schönen,
marmornen Menschenbilder, das rote, warme Blut rollt durch ihre Adern,
sie lächeln, es bebt ihr Fuß zum Weiterschreiten. Da neigen sie sich vor
ihrer Königin -- die steht in ihrer Mitte, ein wonnevoll Weib, zierlich
treten ihre schlanken Füße den Boden, die linke Hand deckt schamhaft den
Schoß, die rechte den schneeigen Busen, zur Seite geneigt hält sie das
liebliche Haupt, die holde Venus von Medici -- und nun fassen sie sich bei
den Händen, die herrlichen Göttergestalten und die Elfen und Nixen mit
ihrer weichen, eidechsenhaften Schmiegsamkeit und die komischen Kobolde mit
ihren langen Bärten und listigen Aeuglein und drolligen Bewegungen; sie
tanzen einen zierlichen, wunderlichen Reigen um das Sonntagskind im Kreise,
und sie singen:
»Bleib' bei uns -- o hier ist's gut sein! Hier ist Schönheit, hier ist
Liebe -- zu süßer Freude wandelt die Lust sich, zu mildem Frieden Angst
und Unruh' -- -- Ach, und der Schmerz, der wild durchtobt des Menschen
Herz -- er löst sich auf in sanftes Klagen, die Sorge wird hier zu Grab'
getragen, und aller Kummer lind gestillt. --
»Hörst Du der Nachtigall Gesang? -- So singt die Sehnsucht in Deinem
Herzen.
»Hörst Du der Blumen Geläut? -- So läuten sie Deine bange Seele zur
Ruh.«
Und horch! Welch wunderlieblich Geklinge und Gesinge, wie Glockentöne in
weiter Ferne! Näher kommt's -- immer näher -- husch! der lustige
Kreis stiebt auseinander, blitzschnell, wie er gekommen, und vor dem
Sonntagskinde steht eine hehre, schöne Frau, deren zarten Leib umgibt
ein Kleid von Rosenblättern, auf dem wonnesamen Haupt strahlt eine
Sternenkrone, die Flügel des Königsfalters trägt sie an den Schultern,
und ihre Füße wandeln auf Blumen.
Sie lächelt -- da zittert die Luft vor Freude -- Sie spricht -- da
lauschen Mond und Sterne. -- »Haben sie Dich erschreckt da draußen in der
Welt, Du Menschenkind?« sagt sie, »hat die große, schwere Wolke Dir das
Herz beklemmt und Dir den Atem genommen? Und bist Du zu mir geflüchtet, in
den Garten der Wonne, in mein Königreich, das Reich der Phantasie? -- Ich
wußte es wohl, Ihr Menschenkinder könnt ohne mich nicht bestehen. Da geht
ein lautes Gerede, ein wildes Geschrei durch die Welt: sie brauchen mich
nicht, _nur_ Natur wollen sie, und nur im groben Alltagskleid, nicht
im glänzenden Schmuck, im schimmernden Geschmeid, womit ich sie
überschütte. -- Aber siehst Du, Du Sonntagskind, kommst doch geflüchtet
zu Deiner Trösterin, ohne die Du die Natur nicht ertragen, ohne die Du
nicht leben kannst. -- Und wenn Du wieder hinausziehst, dann sag' es ihnen
draußen in der Welt, was Du geschaut in meinem Reich. -- Ach, gerade
jetzt sollten sie es wissen, wo die dunkle Wolke schwer über den Völkern
schwebt und sie darnieder drückt.
»_Weißt_ Du, warum gerade jetzt? _Willst_ Du es wissen?«
Sie blickt um sich und klatscht in die Hände. Und siehe -- ein
wunderlicher Geselle kommt gehüpft, getollt, gesprungen: nackt ist er und
zart von Gliedern, mit schelmischem Mund und ernsthaften Augen, einen Bogen
trägt er in der Hand und einen Köcher mit Pfeilen an der Hüfte. --
Sah ihn das Sonntagskind nicht dort im Syringengebüsch auf einer Säule
stehen?
Doch nun -- einen Purzelbaum schlägt er auf dem weichen Gras und ist zum
eisgrauen Männlein geworden, das lustig mit den Aeuglein zwinkert und
allerlei Kapriolen macht, und plötzlich schwebt er in der Luft, so
fein und zart, als sei er aus Mondenschein gewebt, als sei er auf Blumen
geboren, als sei er mit Tautropfen genährt. Und nun wieder trottelt er
daher wie ein kleiner Brummbär und schlägt mit einer Keule um sich, daß
die Nixchen und Elflein entsetzt zur Seite weichen.
»O, laß die Possen, Du närrischer Kauz,« lächelt Frau Phantasie,
»nimm Deine wahre Gestalt an, mein Gesell« -- da klingelt's wie von
silbernen Glöckchen, die trägt das wunderliche Kerlchen an seiner
Schellenkappe auf dem Haupte, und legt sein Gesicht in ernsthaft-drollige
Falten, hängt seinen Bogen über den Rücken, als gebrauche er ihn nicht
mehr, und schreitet umher mit gravitätischen Schritten.
»Ist das Deine wahre Gestalt?« Frau Phantasie schüttelt das schöne
Haupt ... »nun, sei es drum. Sieh',« sagt sie zum Sonntagskind gewandt,
»den Mittler zwischen mir und den Menschen. Nenne ihn Amor, Puck, Geist,
wie Du willst; kannst ihn auch Humor heißen, das hört er am liebsten.
Geh' mit ihm -- die Welt soll er Dir zeigen, wie sie uns Göttern
erscheint. An seiner Hand wird es Dich weniger schmerzen.«
Sie gleitet dahin wie der Mondesstrahl, die hehre Königin, und ihr
nach durch Busch und Zweig, über Blumen und Moos huscht das lose Volk,
Leuchtkäfern gleich, die in Abendluft baden, und in der Ferne tönt
neckisch Gelache. --
»Komm',« sagt der närrische Geselle, und schüttelt seine Kappe, daß
die Glöckchen klingen, »reich' mir Deine Hand, armes Sonntagskind. Hab
Dich schon gesehen draußen in der Welt, wie Du über Steine gestolpert
bist und in Pfützen getreten hast. Ja, es ist immer sicherer, auf den
hübsch ausgetretenen Pfaden der Alltäglichkeit zu wandeln, als seinen
eigenen Weg gehen zu wollen. Hast Dich zur rechten Zeit in meiner Mutter
Phantasie Garten gerettet, sonst hättest Du Dir sicher noch einmal an
irgend einem Weltgitter Kopf und Herz eingerannt, Du dummes Sonntagskind,
Du. -- Also ich soll Dir zeigen, wie es in der Welt eigentlich aussieht.
Wohl kann ich Dir's erklären, denn ich treibe mich viel draußen herum.
Einige in der Welt schwärmen für mich, andere sagen, ich sei ein wahrer
Teufel. Wenn ich mit der Schellenkappe klingele, verstehen mich die
Wenigsten; da muß ich oft schon mit der Plumpkeule dreinschlagen, und dann
schreien sie und sagen, ich hätte ihnen weh gethan. -- Komisches Volk,
diese Menschen!«
Jetzt sind sie am Ende des Gartens angelangt. Eine hohe Mauer scheidet ihn
von der Außenwelt; an der ranken sich wilder Wein und Epheu, und blaue
Clematis hängen hernieder und rote Trompetenblumen, so dicht, daß man von
den rauhen Steinen nichts gewahr wird, wie nur die runden Glasfensterchen,
die hie und da in die Quadern eingefügt sind.
»Sieh,« sagt der närrische Sohn der Phantasie und reicht dem
Sonntagskind eine große Trompetenblume als Fernrohr, »die ganze Welt
zieht wie die Bilder eines Guckkastens an unsern Fensterchen vorüber.
Mußt aber nicht durch dieses hier sehen, das ist die rosenfarbene Brille,
durch das schauen nur die Faulen, die ihre Gedanken nicht anstrengen mögen
-- ~nota bene~, wenn sie welche haben -- und jenes Fenster dort ist gelb
wie der Neid und dieses rot wie Blut, als ob die Welt in Feuer stünde.
Nein, schau hierher -- Clematis und Weinranken haben ein schönes, kleines
Guckloch gebildet, ein Vöglein, das früh morgens zur Sonne singt, hat
sich drüber ein Nestlein gebaut -- _das_ Glas ist klar und wahr wie meiner
Mutter Augen. Komm, Du Sonntagskind, laß mich über Deine Schulter lehnen
und Dir sehen helfen.«
»Nein, wie ist die Welt klein!« ruft das Sonntagskind verwundert.
»Nicht wahr?« antwortet der Geselle, »und Du hast sie immer für so
riesengroß und wichtig gehalten.«
»Und die Menschen -- wie Zwerge! Sieh' nur das Gewimmel!« lacht das
Sonntagskind.
»Ja, das macht Spaß, die Welt übersehen zu können,« nickt der Geselle
und die Glöckchen an seiner Schellenkappe klingeln dazu.
Da draußen in der Welt krabbelt's, prustet's, keucht's und läuft und
schiebt und stößt -- die Großen drängen die Kleinen zur Seite, die
Starken schlagen die Schwachen tot, und die Armen wehklagen gen Himmel. --
»Wie eilig sie es alle haben!« wundert sich das Sonntagskind.
»O sieh' nur, sieh' -- den alten Mann, einen Kahlkopf hat er und unterm
Kinn einen grauen Ziegenbart, und die Augenbrauen stehen wie Borsten in die
Höhe und die Augen glitzern gierig darunter hervor. -- Sieh', wie er an
dem Sack zerrt, wie Gold schimmert es durch die Löcher -- er kann ihn kaum
regieren und Angst und Zornesthränen rinnen aus seinen Augen.«
»Ja, und er trägt rot und weiß gestreifte Hosen und einen blauen Rock,«
sagt Puck, »und er kaut Tabak, und er flucht englisch, wenn die andern
seinem Geldsack zu nahe kommen.«
»Ach, und jener dort -- mit großen Sprüngen, mit ellenlangen Schritten
setzt er dem kleinen Irrlicht nach, das über Berg und Thal, durch Sumpf
und Morast vor ihm herhüpft, und sieh' nur, wie seine Frau sich anstrengt,
mitzukommen.«
»Sieh, sie hebt ihre schönen, seidenen Kleider auf, daß sie nicht
schmutzig werden, und patsch! springt sie mit beiden Füßen in die
Wasserlache -- nachher läßt sie die Kleider wieder drüber hängen --
dann sieht man ihre beschmutzten Füße nicht -- und guck! das Irrlicht
sieht aus wie ein Ordensbändchen.«
»O, aber hier, wie schrecklich -- sie bücken sich tief zur Erde, damit
andere auf ihre Rücken treten können und weiter schreiten dort hinauf, wo
es so glitzert und gleißt wie von Prunk und Geschmeide. -- Und dort läßt
sich einer schlagen -- ach, geduldig und wehrt sich nicht!«
»Liebes Kind,« sagt der Gesell, »die sind aus dem Land, wo die Bedienten
gut geraten.«
»Lieber Gesell -- o siehst Du den Mann dort in der Ferne -- mit bleichen
Lippen, mit rollenden Augen? Siehst Du, wie er mordet und zittert und
flucht und betet, wie er angstvoll sich windet --«
»Liebes Kind -- der sitzt auf einem Thron, der wackelt hin und her, und er
trägt den Wahnsinn als Krone und als Scepter eine blutrote Brandfackel --
wenn er die von sich schleudert, dann bebt die Erde von Kanonendonner
und Menschengestöhn -- und ›Väterchen‹ nennt sich der Mann, liebes
Sonntagskind.«
»Ach, mein Geselle, wo wollen die vielen Menschen hin, die dort mit den
feinen, kostbaren Kleidern angethan, die ein mit Silber beschlagenes Buch
und einen Geldbeutel in den Händen tragen, die, mit den frommen, ergebenen
Gesichtern --«
»In die Kirche, Du dummes Sonntagskind, auf daß der Prediger ihnen in
tönenden, salbungsvollen Worten die Angst vom Herzen rede. Dann thun sie,
als ob sie's glauben, was er sagt, und gehen neugestärkt nach Hause und --
leben weiter.«
»Und siehst Du jene Schar dort, mein Geselle, Ballettänzer scheinen sie
zu sein. Hei! was sie für Sprünge machen! -- Schau, die wunderlichen
Gesten, und wie elegant sie zu posieren verstehen -- dem Publikum eine
rechte Augenweide. Aber doch -- ich glaube sie thun nur so, es ist ihnen
nicht wohl ums Herz -- sie schauen bleich aus, trotz Schminke und Puder. --
Sag, mir, was sind's für Leute?«
»Liebes Kind -- Litteraten sind's, moderne aus dem neunzehnten
Jahrhundert, und die barocken Sprünge und eleganten Posen machen sie aus
Angst, um sich und das Publikum d'rüber hinwegzutäuschen.«
»Und, mein Geselle, sieh' den Mann dort hinter dem Ofen, in Schlafrock
und Pantoffeln, mit langer Pfeife und dem Bierseidel in der Hand. -- Recht
unzufrieden scheint er mir zu sein, er rückt unruhig hin und her -- horch!
er schilt und gebraucht böse Worte.«
»Ja, liebes Kind -- das Bier schmeckt nicht, und die Kartoffeln sind
mißraten, und die Pfeife qualmt und durch die Schlafrockärmel pfeift
der Wind, und die Pantoffeln sind unbequem. Da hadert er mit seinem
langmütigen Herrgott im Himmel droben, mit dem Brauersknecht, dem Nigger,
dem Schuster und am meisten mit seiner lieben Frau -- und es ist doch nur
die Angst, die ihn in seiner eigenen Haut sich nicht wohl fühlen läßt.
-- Ja, und ›Philister‹ nennt man den Mann, liebes Sonntagskind.«
»Ach, und, mein Geselle, dort jene Hungernden, Darbenden, Elenden, jene
Neidischen, Unzufriedenen, Hassenden, auf was warten sie finstern Auges,
trotziger Stirn, rachsüchtigen Herzens? Und dort jene Ballgeschmückten,
die im Reigen sich drehen! Was ziehen sie in ihren Masken und Flittern
einher, als wollten sie die Freude zu Grabe tragen?«
Da faßt der Geselle das Sonntagskind bei den Schultern und wendet es ein
wenig zur Seite:
»Schau dort hinüber, liebes Kind,« sagt er, »sieh' weithin über die
Welt!«
Da steht auf einem Berge, hoch über dem Gewirr, Gewimmel, Gehast, ein
großes, starkes Weib, das schwingt mit grimmigem Lächeln, mit finsterem
Angesicht eine Peitsche in ihren Händen, deren vielteilige, zackige
Enden zischend über die ganze Welt hinsausen -- und hohnlachend sieht das
Riesenweib, wie die Menschen angstvoll zusammenfahren und bei jedem Schlage
noch verwirrter durcheinander rennen.
»Die Wolke, die große Wolke!« ruft das Sonntagskind entsetzt, »siehst
Du, wie sie über die Welt hinfährt? Hörst Du sie zischen und brausen?
Das ist sie, die mich so erschreckt!«
»Ja,« antwortet der neben ihm und richtet sich auf zu voller Höhe und
seine Augen blitzen.
»Das ist die Wolke -- das ist die große Angst, die schwer auf der Welt
liegt, die Angst der Völker vor etwas Entsetzlichem, etwas Furchtbarem,
das über sie kommen wird, wie der Blitz durch die Wolken fährt. -- Wird
es sie vernichten? Wird es die Welt zerschmettern, zu nichts zertrümmern
-- oder wird aus dem Chaos ein Neues entstehen, ein Herrliches, wie der
Vogel Phönix aus der Asche! Sie wissen's nicht und beben vor Furcht und
wagen kaum, tief Atem zu holen.«
»Gibt es denn gar kein Mittel, um die Welt von dieser wahnsinnigen Angst
zu befreien, auf daß sie ihr kühn entgegenblicke und ihre ganzen Kräfte
anstrenge, dem Schrecklichen mit Vernunft entgegen zu arbeiten?« fragt das
Sonntagskind schüchtern.
»Ach, liebes Sonntagskind,« lächelt der Geselle und schüttelt seine
Glöckchen, »das Mittel ist schon da und die Menschen kennen's auch, nur
haben sie es vergessen. -- -- All die große, schwere Angst der Völker
würde sich in nichts verflüchtigen, wenn sie nur ein klein wenig mehr an
-- den kleinen Finger der Venus von Medici denken wollten.«
»An den kleinen Finger der Venus von Medici?« fragt das Sonntagskind mit
großen, verwunderten Augen.
»Komm,« sagt der närrische Geselle, und schweigend wandern sie durch die
Nacht tief in den Garten hinein. Da stehen sie vor einem dichten Gebüsch,
von lauter seltsamen Sträuchern gebildet; Pinien wiegen ihre schlanken
Wipfel und dunkler Lorbeer schmiegt seine Zweige ineinander. Aber des
Mondes Strahl dringt doch hindurch -- oder ist es das schöne Weib dort,
das den wundersamen Glanz ausstrahlt? Da steht sie in ihrer schimmernden,
weißen Nacktheit inmitten all dem Grünen -- zierlich treten ihre
schlanken Füße den Boden, die linke Hand deckt schamhaft den Schoß,
die rechte den schneeigen Busen, und der wunderbare kleine Finger dieser
rechten Hand spreizt sich ein wenig von den andern ab, zur Seite geneigt
hält sie das schöne Haupt -- lauscht sie? --
Betäubt von all ihrer Schönheit sinkt das Sonntagskind in die Knie. Der
Geselle aber tritt bescheiden hin vor das wonnevolle Weib, schleudert seine
Narrenkappe zur Seite und faltet bittend die Hände:
»Hehre Göttin, süße Königin, Dein Knecht, dem Du stets Dich huldvoll
geneigt hast, dem Du so manchesmal aus der Not geholfen, in die ihn sein
Uebermut gestürzt hat -- Dein dankbarer Liebling naht sich Dir mit einer
demütigen Bitte: Gib diesem Menschenkinde, das zu uns in seinem Kummer
geflüchtet ist, einen Trost auf seinen Weg, den es der Welt verkünden
kann. Laß es die Macht Deines vornehmen kleinen Fingers ahnen -- zeig'
ihm, warum Du ihn so entzückend neckisch gespreizt hältst.«
Da lächelt Venus: »Nun, wozu sollte er denn sonst wohl gut sein,«
sagt sie schelmisch, erhebt die rechte Hand, läßt sanft den kleinen
gespreizten Finger in die zierliche Ohrmuschel gleiten und schüttelt ihn
ein wenig -- dann lauscht sie lächelnd freudig in die Ferne.
»Ich höre wieder die bebenden Laute der Liebe und des Erbarmens --
himmlisch wohllautend dringen sie in mein Ohr!«
»Sieh', kleines Sonntagskind,« sagt der ernsthafte Geselle, »wie die
Venus mit ihrem kleinen Finger die Spinnenweben der Lüge und Heuchelei
und Hartherzigkeit aus ihrem Ohr hinaus schüttelt, so sollten es auch die
Völker thun, dann würde die große, schwere Angst von ihnen weichen und
die bebenden Laute der Liebe und des Erbarmens auch an ihr Ohr dringen.
»Pah,« lacht er dann, nimmt seine Schellenkappe auf und wirft sie in die
Luft, daß die silbernen Glöckchen klingeln, »armes Sonntagskind -- die
Welt wird Dich steinigen, wirst Du ihnen das verkünden. Lache über sie,
so wie ich, das ist das Einzige, was sie fürchtet.«
Und mit immer länger werdenden Schritten, riesengroß anwachsend, ist er
im Mondenlicht verschwunden.
Dem Sonntagskinde aber hat die Venus gelächelt -- tiefer Friede deckt
seine schweren Augenlider.
Hell scheint die Sonne ihm ins Angesicht, es steht auf, schaut verwundert
um sich -- dann erhebt es seine rechte Hand und schüttelt mit dem kleinen
Finger ein wenig im Ohr -- es lauscht -- eine Lerche steigt jubelnd gen
Himmel -- und in ganz weiter, weiter Ferne hängt ein dunkles Wölkchen am
Horizont.
Der gefesselte Cupido.
Eines Tages saß Cupido -- ich meine nicht den patentierten,
konzessionierten Heiratsvermittler und Rechenmeister des neunzehnten
Jahrhunderts, sondern das liebe, mutwillige Bübchen, von dem Anacreon
erzählt und Goethe in seiner »Brautnacht« --, der saß eines Tages im
Olymp und langweilte sich. Er hatte zwar eben erst allerlei Schabernack
verübt, hatte sogar dem Vater Zeus einen Brand-Pfeil ins Herz gesandt,
so daß er nicht wußte, nach welcher hübschen Erdentochter er zuerst
schmachten sollte, hatte versucht, die lange Artemis anzuschießen, aber
vergebens, ebenso die Athene; und aus Rache dafür, daß sie ihm ihren
kolossalen Minervaschild vorhielt, zupfte er ihre Eulen, die sie just
fütterte, am Schwanz, so daß sie entrüstet »Huhu« sagten. Tante
Juno hatte ihm sehr energisch auf die Finger geklopft, als er den Nymphen
allerlei süße Dummheiten ins Ohr flüsterte und schließlich sogar den
Dienerinnen der Vesta nachstellte; da war er zu seiner holdseligen Mutter
Aphrodite geflüchtet, und sie breitete ihm sehnsüchtig die Arme entgegen,
und schwirr, da flog der Pfeil und stak ihr im Herzen. Der böse, liebe
Junge -- aber Aphrodite lächelte -- sie war's ja gewohnt! -- Nun saß
Cupido auf einer Wolke und bammelte mit den Beinchen und guckte zur Erde
hinab und langweilte sich. Da kam Hermes daher geflogen, der hatte irgend
einer Schönen im Auftrage des Vaters Zeus eine Düte Ambrosia gebracht
und dafür ein Stelldichein verabredet. Er mochte den Cupido gut leiden und
hockte sich ein wenig zum Ausruhen neben ihn.
»Du -- weißt Du, was sie da unten mit Dir gemacht haben?« fragte er ihn.
»Nee -- was denn?«
»Erst 'mal haben sie Dich riesig elegant angezogen, im schwarzen Frack
und Cylinder, und sie sagen, Du hießest gar nicht Amor, sondern Puck; und
außerdem wäre es unanständig, wenn man nackt ginge. Und dann haben sie
Dir eine große Brille aufgesetzt, weil Du blind wärest, sagten sie und
haben Dir Deinen Köcher mit Goldstücken statt mit Pfeilen gefüllt, das
zöge besser, sagten sie, und haben Dir statt eines Bogens ein Tintenfaß
in die Hand gegeben und Dir eine Feder hinters Ohr gesteckt, damit Du
gleich die Ehekontrakte ausschreiben könntest, sagten sie, und wenn Du
doch 'mal ganz splitterfadennackt, ganz natürlich, ohne alle Zuthaten zu
ihnen kommen wolltest -- sie möchten Dich eigentlich ganz gern so, sagten
sie -- dann müßtest Du aber durchs Hinterthürchen schlüpfen, damit dich
ja auch keiner sähe, denn sonst genierten sie sich, sagten sie.«
»Beim heiligen Kriegsungewitter!« fluchte Cupido -- »das ist ja eine
ganz urweltliche Bande!«
»Hör' nur weiter -- es kommt noch besser. Da hat sich einer -- so'n ganz
vertrocknetes Kerlchen mit einer Brille auf der Nase, auf einen hohen
Stuhl gesetzt, und hat mit dem Finger -- weißt Du, mit so einem langen
knöcherigen -- auf den Tisch geklopft und hat gesagt: Es gäbe Dich
gar nicht, Du wärest eine Mythe, und die Liebe, das wäre eine
Nervenaufregung, die leicht in Irrsinn übergehen könnte, und deshalb
hätten die weisen Männer Gesetze gemacht, nach denen die Gefühle
geregelt würden.«
Da sprang aber Cupido in die Höhe:
»Heilige Mutter Aphrodite! Gesetze? Für mich? -- Na -- das möchte ich
mal sehen. -- Liebster, bester Hermes, geh' -- sattle mir schnell den
blanken Stern da, ich will hinunterreiten, das muß ich mir aus nächster
Nähe betrachten!«
Und da saß er schon auf seinem glänzenden Stern und fuhr hinab, und auf
der Erde sagten sie: Da fällt eine Sternschnuppe.
Es kam aber dem Cupido furchtbar kalt vor im neunzehnten Jahrhundert,
obwohl es im August war, wo die meisten Sternschnuppen fallen, und bei
Sonnenaufgang fror es ihn ganz erbärmlich, trotz des Umschlagetuches, das
ihm das alte Hökerweib geschenkt hatte. Die saß schon am ganz frühen
Morgen mit ihren Körben auf dem Markte, und wie sie den nackten, kleinen
Gesellen daherkommen sah, da wurde es ihr so weich und sehnsüchtig ums
Herz, sie meinte, es wäre Mitleid -- es war aber die Erinnerung: sie
sah sich wieder jung und hübsch, sie war beim Tanz unter der Linde, der
schönste Bursche schwang sie im Reigen -- heißa! -- hoch in die Luft,
daß die Röcke flogen, und dann küßte er sie. Und da machte sie die
Augen auf, und vor ihr stand wieder der drollige kleine Junge. Der nahm
das Höckerweib frischweg beim Kopf und gab ihr einen Kuß für das
Umschlagetüchelchen, das sie ihm gegen die Kälte geschenkt, und die Alte
faltete die Hände und träumte von ihrer Jugend. -- -- Den Cupido fror es
aber doch an den nackten Beinchen, und er dachte: »Ich will doch sehen, ob
ich nicht irgendwo hineinschlüpfen kann und mich wärmen.«
Doch da kam er schön an.
»Was willst Du hier?« fuhren sie ihn im ersten Hause an -- »Du bist so
unbequem -- mach', daß Du fortkommst!« Im zweiten öffneten ihm zwei alte
Jungfern die Thür, liefen kreischend davon und schrieen:
»Hülfe -- ein Sansculotte -- er hat nichts an!« Und der dicke Mops saß
auf dem Sofa und bellte ihm nach. Im dritten Hause fragten sie höflich
verwundert: »Was wollen Sie hier? Wir sind ja verheiratet.«
Im vierten hielten sie ihm einen Ehekontrakt unter die Nase, und im
fünften sprachen sie von Gesetzen und -- da wurde Cupido böse und sagte:
»Wartet, ich will Euch! Ihr wollt mich hier verleugnen? Bei unserer lieben
Frau von Milo -- Ihr sollt es büßen!« Er schwang sich in die Lüfte,
spannte den Bogen, und -- huidi! -- da schwirrten die Pfeile! Er schoß
blindlings drauf los, ganz einerlei, ob nach Grundsatz oder Gesetz -- aber
sie trafen. Und nun gab es eine heillose Verwirrung unter den Menschen; sie
hatten geglaubt, den Liebesgott hinwegspotten und -klügeln zu können,
und da war er plötzlich mitten unter ihnen und sie duckten sich, bange,
wehklagend und nach Hülfe wimmernd. -- Da ist ein Mägdlein gekommen. Wie
Cupido das erblickte, verschwand der Zorn aus seinem Angesicht, lächelnd
sah er es an -- und wählte seinen allerschönsten Pfeil, mit dem er
schon einmal seine holde Mutter geritzt hatte. -- Es war aber ein trotzig
Mägdelein. Keck schauten die Augen in die Welt hinein und sein roter Mund
sagte:
»Was frag' ich nach Liebe?
Mir liegt's nicht im Sinn!
Wohl hab' ich ein Herzel --
Doch pocht es nicht drinn!
Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt:
Es hat mich noch keiner, noch keiner geküßt!
Zwar hab' ich ein Mündlein
Und seht nur -- wie rot!
Und ach -- wie kann's lachen --
Das macht Euch viel Not!
Doch daß Ihr's nur wißt, doch daß Ihr's nur wißt:
Es hat mich noch keiner, noch keiner geküßt!«
Horch! -- da schwirrt es und singt und klingt! Und sieh' -- da steckt der
Pfeil in der schönen, weißen Mädchenbrust --
Das trotzige Mägdelein hat mit der Hand ans Herze gegriffen, ist glührot
geworden, ist scheu davon geschlichen. Aus der Ferne tönt es:
»Nun frag' ich nach Liebe --
Nun trag' ich's im Sinn!
Nun fühl' ich mein Herze! --
Es pocht so darin!«
Und Cupido lauscht, biegt sich vor und lächelt, blinkt mit den
Schelmenaugen, hebt deutend das weiße Fingerchen, und spitzbübisch singt
er ihr nach:
»Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt:
Just hat sie der Liebste, der Liebste geküßt!« --
* * * * *
Gerade da kam ein Mann des Weges gegangen, der war ein Sonntagskind, der
konnte schauen, was andern verborgen war -- der hat den kleinen, herzigen
Schlingel stehen sehen, wie er dem trotzigen Mägdelein nachgehöhnt hat.
»So sollst du ewig sein!« sagte er.
Cupido aber ist ihm entgegengehüpft, denn der Mann war ein Künstler, und
die Künstler stehen auf gar vertrautem Fuße mit all dem lustigen,
alten Göttergesindel -- er ist geduldig mit ihm gegangen und hat sich in
marmorne Fesseln schlagen lassen. Und so steht er da in der ganzen Pracht
seiner Schönheit, ein wenig nach vorn geneigt, das süße Schelmengesicht
voll Sonnenschein, das Fingerchen erhoben und deutet auf euch, die er
euch eben mitten ins Herz getroffen hat -- und lachend klingt's von seinen
Schelmenlippen:
»Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt:
Nun wird die Liebste vom Liebsten geküßt!«
Psyche.
»~Ich saz ûf eime steine,
und dahte bein mit beine:
dar ûf sazt ich den ellenbogen:
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange~,«
sagt Walter von der Vogelweide. So sitze ich im Gips-Museum und träume vor
mich hin und lasse mir von Antinous verliebte Blicke zuwerfen.
O, Du Abbild erster, toller, süßer Liebe!
Erste Liebe -- wo man liebt, ich möchte sagen, um zu lieben, um sein eigen
Herz einmal pochen zu hören, um voll Seligkeit zu verzweifeln, und weinend
zu jubeln -- wo ein liebes Auge, eine schöne Gestalt, ein lustig-gutes
Lachen, einem vollauf Grund genug zum Lieben scheint.
Später freilich, dann, meine ich, wenn die wahre, einzige, ewige Liebe
über einen kommt, wenn man mit vollem Verstande, mit ganzer Ueberlegung,
mit festem Willen liebt, dann -- ja, dann verlangt man freilich mehr, wie
Du, schöner Antinous, bieten kannst.
Sieh', der letzte, warme Sonnenstrahl hängt aufleuchtend, zögernd an
seinem holden Antlitze.
Er lächelt. -- --
Der Faun da hinter ihm guckt schelmisch um die Ecke: »Reizender Bengel!
Nicht wahr?« grinst er vergnügt, und die zwölf Apostel am Sarge des
heiligen Sebald schüttelten vorwurfsvoll ihre bärtigen Häupter. Warum,
o meine hochverehrten Herren, begaben Sie sich auch in diese
heidnisch-vergnügte Gesellschaft? Wird es Ihnen nicht ganz sonderbar zu
Mute?
Es geht ein wunderlich Flüstern durch den Saal und ein Beben durch die
nackten, weißen Götter-Menschenleiber. Mir schwimmt es vor den Augen und
mein Herz klopft. Soll ich fliehen? Schnell zur Türe!
Ah, die ist geschlossen! Sie haben mich vergessen in meiner Ecke hinter den
zwölf Aposteln, und ich bin allein im ganzen Haus -- allein, und doch
in der allerbesten Gesellschaft. Mir ahnt, jetzt wird sich etwas begeben,
etwas wunderlich Liebliches, himmlisch Schönes. Ein seltsames Leben
und Weben zittert in der ganzen Luft, und ich verstecke mich still und
neugierig und warte -- worauf? Ich weiß es selber nicht.
Doch -- was ist das? Träume ich? Wache ich? Ein zitternder Laut, halb
Seufzer, halb Jubel. -- Woher kommt er? Aus den Herzen der toten Gestalten?
-- Sieh' -- sie leben! Sie heben die Arme, sie bewegen sich -- das Blut
rinnt durch die Adern, sie atmen, und doch sind's keine Menschen. Denn
durchsichtig werden die Glieder von Gips, sie schimmern und glänzen,
geisterhaft, geheimnisvoll -- das ist Ewigkeit, die von den weißen Stirnen
leuchtet, und sieghaft strahlen die klaren Augen. -- Ach, und demütig
beuge ich mein Knie.
Lautlose Stille. -- Da ertönt mächtig, wie Donnerrollen, gewaltig, wie
Schlachtenruf, eine Stimme, die schallt durch den ganzen Saal: »Ist es
fort, das elende Gesindel, das sich Menschen nennt, und sich so unendlich
viel dünkt, daß es sich herausnimmt, uns stundenlang anzustarren und
unsere Götterleiber zu kritisieren? -- Sind wir allein? -- Gebt Antwort!«
Apollo ist's, von Belvedere, er tritt hervor in Herrlichkeit und Majestät,
und zu ihm gesellt sich Mars, der da mit aller Arroganz auftritt, deren nur
ein Kürassier-Lieutenant fähig ist, sei es auch ein olympischer; und er
gähnt herzhaft und schüttelt die prächtigen Glieder, und die Venus von
Milo sieht ihn holdselig an. Er aber fährt sich mit der Hand durch die
krausen Locken, die Erinnerung an selige Stunden überkommt ihn, und
schmunzelnd nickt er ihr herablassend liebevoll zu:
»Venuschen, kleiner Schatz, bist Du immer noch in meiner Nähe? Geh',
frage doch einmal Deinen niedlichen Schlingel von Jungen, ob die Luft ganz
rein ist, ob wir uns endlich ein bischen gehen lassen können, nachdem wir
den ganzen Tag so ehrbar dagesessen haben! Der kleine neugierige Bengel
hockt natürlich da, wo es am meisten zu gucken gibt.«
Und wunderbar! Die hochmütige, vornehme Dame von Milo nimmt diese etwas
familiäre Anrede gar nicht übel, ja, ein Lächeln spielt sogar um
den stolzen Mund, der so oft verächtlich auf die Besucher des Museums
herunterblicken kann.
»Mamachen, Mamachen,« ruft eine piepsige Stimme, und der pauspackige,
kleine Gesell, das Kind Amor, springt von seiner Marmorsäule herunter,
stellt sich dicht vor mich hin und nickt mir zu.
»Mamachen, hier sitzt noch eine in der Ecke; aber sie sagt nichts. Ein
ganz kleines Mädchen ist es, und sie macht große, verwunderte Augen, und
ihre Stirn leuchtet eben so weiß, wie Deine!«
»Hinaus mit ihr! Hier werden keine Sterblichen geduldet! Wir wollen keine
Lauscher,« sagt die lange Diana von Versailles mit ihrer scharfen Stimme,
»hetzt die Hunde auf die Unberufene.«
»Willst Du hier das große Wort führen?« lächelt unsere liebe Frau von
Milo etwas höhnisch, »alte Jungfern sind freilich flink mit der Zunge,
aber ich denke, wir, die wir unsere Aufgabe im Leben -- Lieben und
Geliebtwerden -- erfüllt haben, wir gelten mehr hier im Reich der
Freude!«
Diana zuckt die schlanken Schultern und hüllt sich keusch in vornehmes
Schweigen.
»Geh', Amorchen,« schmeichelt die tanzende Bacchantin -- war sie nicht
eben noch kopflos? Jetzt trägt sie ein lieblich-übermütiges Haupt auf
dem zierlichen Hälschen. --
»Frag' sie einmal: Hast Du Jemanden lieb? Recht von Herzen, recht freudig?
Und wenn sie ›Ja‹ sagt, dann laßt sie nur immer hier. Denkt wohl, ich
sei ein dummes, kleines Ding, aber Amorchen, Du weißt, ich verstehe mich
auf solche Sachen!«
Und sie dreht sich im Tanz und schüttelt die anmutigen Glieder, daß der
musikalische Faun neben ihr schnell ein lustiges »Klingkling« hören
läßt. -- Da erhebt sich eine Stimme, sanft, wie Windessäuseln, stark,
wie Sturmeswehen und ernst, wie das Grab: Hermes spricht. Majestätisch
ragt sein wunderbares Haupt über die andern hinweg, und seine armen
zertrümmerten Glieder umgibt Würde und Hoheit.
Götterbote! Glück und Freude, Schmerz und Tod trugst Du hin über alle
Welt! Ich möchte niederknieen vor Dir und Deine ewige Schönheit anbeten
und über Deine verstümmelten Glieder meine armseligen Thränen weinen!
»Laßt sie gewähren, Ihr Götter,« sprichst Du, und Deine Augen sehen
mich an, milde, verheißend -- »denn ich kenne sie. An ihrer Wiege stand
ich und brachte ihr das Geschenk des himmlischen Vaters, beugte mich über
sie, hauchte es in ihre Stirn, legte die Hand ihr auf's Herz, und da zog es
ein -- und küßte ihren Mund, und da lernte sie lächeln und -- lieben.«
Leise nickt er, und ich möchte weinen. --
Horch! Das seltsame Geräusch! Rollend, rasselnd, im Takt sich wiederholend
-- dazwischen ein melodisches Pfeifen, ein kunstvoller Schnörkel am
Ausgang des tiefen, rollenden Tones, behaglich einschläfernd klingt's in
seinem rhythmischen Taktfall, seiner ruhigen Gleichmäßigkeit.
Alle stehen und lauschen -- --
Da balanciert der alte, bärtige Silen das Bacchuskindlein geschickt auf
dem einen Arm und deutet mit dem andern lächelnd über die Schulter auf
den Faun hinter ihm, welcher, trunken von Wein und Freude, seine kolossalen
Glieder im tiefen Schlafe dehnt. -- Die kleine Bacchantin bricht in ein
schallendes Gelächter aus: »Der Faun schnarcht! Denkt Euch, er schnarcht!
Zuviel des feurigen Griechenweines hast Du getrunken, Du liederlicher,
großer Gesell Du!« schilt sie und kitzelt ihm neckisch die Fußsohlen.
Der Faun murmelt unverständliche Worte und bewegt die mächtigen Glieder
und versucht den Arm zu erheben. Aber schwer sinkt die Hand auf den
Felsen zurück, auf dem er ruht, und bald tönt wieder sein musikalisches
Schnarchen mit dem lustigen Endschnörkel durch den Saal. --
»Heraus aus den Schluchten, aus Klüften und Thälern, kommt hervor
aus den Quellen, huscht flink aus den Bäumen, ihr Nymphen, Dryaden, ihr
schelmischen Mädchen, ihr lustiges Volk! Tanzt, lacht und singt, und
hüpfet und springt! Weckt den faulen Schläfer dort und bittet Bacchos,
den süßen Wein Euch zu reichen!«
Eine klangvolle, frische Stimme schallt von der Thür her. Diana ist es,
aber nicht die lange Versaillerin: eine liebliche, mädchenhafte Diana,
mit kurzem Röckchen, noch nicht ganz fertig mit der Toilette -- und sie
klatscht in die schlanken Hände, und unsere liebe Frau von Milo lächelt
ihr holdselig zu.
Nun wird es lebendig um mich her; allüberall aus den Winkeln und Ecken,
die Treppen hinauf, hinunter kommt's gehuscht, geflogen, gekichert. Nackte,
liebliche Mädchengestalten, üppige Weiber, bockshörnige Faune, tapfere
Krieger, die vor Troja gefochten, ernstblickende Römer -- alles wirbelt
lustig durcheinander und sie umtanzen den schlafenden Faun, sie kitzeln
ihm die Seiten und zausen ihm die Haare, sie halten ihm den würzigen
Griechenwein unter die Nase und lachen ihm ein lustig Lachen in die Ohren,
bis er die sehnigen Glieder reckt und streckt -- da steht er mitten unter
ihnen und dreht sich im wilden Reigen. Wie der Jubel sie alle begeistert,
wie die tolle Lust sie hinzieht in ihr Freudenreich! Sieh' den alten
Sokrates -- mühsam kriecht er aus der Verzierung des römischen Sarkophags
heraus, umgeben von den lieblichen Musen; Terpsichore tanzt Ballett, und
da stehen Seneca und Demosthenes und Pindar und Cäsar und viele alte
Kahlköpfe und sehen zu. Mit mächtigem Satz springt der borghesische
Fechter in die Tanzenden hinein, eine weichhäutige Nymphe hoch in die
Lüfte schwingend, die Ringkämpfer lassen ihren Zorn und stimmen in das
fröhliche Gelächter ein; die beiden schlanken Discus-Werfer schleudern
ihre Metallscheibe geschickt über die Köpfe der neun Musen hinweg,
daß die alten Herren entsetzt von ihnen zurückweichen, und mein
schwermütiger, holder Antinous küßt die schwellenden Lippen der
liebetrunkenen, kleinen Bacchantin.
Majestätisch ernst sehen die drei Parzen vom Parthenon in das Getümmel
und Helios lächelt siegreich von seinem Sonnenwagen hernieder. Frau Venus
steht als Sonnenkönigin mitten unter den Jubelnden in aller Pracht und
lächelt ihrem Volke voll Huld.
Und die Dichterin Sappho öffnet ihren liederreichen, holdseligen Mund und
flüstert schmachtend:
»Die Du thronst auf Blumen, o Schaumgeborene,
Tochter Zeus, listsinnende, höre mich rufen!«
Und da, ach, siehe da -- die kokett verhüllte Göttin der Schamhaftigkeit
sinkt sehnsuchtsvoll in die geöffneten Arme eines kräftigen,
schöngestalteten Fauns. -- Dacht' ich's doch! --
Ja, sogar die Tiere stimmen ein in die allgemeine Fröhlichkeit: die
Schlangen des Laokoon lassen ab von ihren Opfern -- des Vaters Stirn
blickt heiter nun, und die sanften Knaben fürchten sich nicht mehr --
und unterhalten sich mit der Eidechse des schönen Appollo, des
Eidechsentöters, dessen Körper etwas von der Geschmeidigkeit der Lacerte
an sich hat -- und der Panter des Bacchos (der Riesenkater) lauscht
grimmig-herablassend dem Gespräch.
Doch, was ist das? Fürwahr, eine seltsame Prozession: langsam ziehen sie
einher, im ehrbaren Reigen sich schwingend, gravitätisch-lüstern
die Blicke um sich werfend, und jeder am Arme ein sittsam Dämchen mit
unendlich vielen Kleidern -- zimperlich geschürzt mit geübter Rechten.
Wahrhaftig, die zwölf Apostel sind's an der St. Sebalds-Kirche und irgend
welche heilige Damen, die hoch oben im Christenhimmel thronen, haben sie
sich zum Heidentanz engagiert.
So ist's recht! Hebt die Füße, streckt die Arme, hierhin, dorthin, auf
und ab!
Tanzt lustig den Reigen und dreht Euch im Kreise. --
Mitten im zierlichen Tanz stehen die heiligen Weiblein bewundernd vor dem
schönen, nackten Leib des Antinous, dem offenbarenden Mund des
heiligen Johannes entströmen Worte der Begeisterung über die Wunder
der Weibesschönheit, der heilige Paulus seufzt: »Hieße ich
doch noch Saulus!«, und der heilige Petrus rasselt mit den
Himmelsschlüssel-Castagnetten dazu. Und sie schwingen sich im Kreise, daß
die heiligen Gewänder fliegen, die heiligen Bärte wehen und der heilige
Schweiß von den heiligen Stirnen rieselt. --
Bim, bim -- bim, bim! Horch! Ein Glöcklein! Das Vesperglöcklein der
St. Sebalds-Kirche.
Schlaff sinkt der heiligen Schar der Arm, es stockt der Fuß -- starren
Auges schauen sie zur Thür. Da steht eine hagere Mönchsgestalt in brauner
Kutte und winkt mit langem, dürrem Finger und bim, bim, -- bim, bim,
tönt's Glöcklein wieder. Stark wie Riesenarme ist die Macht der
Gewohnheit! Dahin stürzen sie, die lieben Heiligen alle, in atemloser Hast
sich überstürzend, überkugelnd. --
»Zur Vesper, zur Vesper!«
Und der heilige Paulus-Saulus wendet sein bärtig Antlitz:
»Ueber ein Weilchen werdet Ihr uns nicht mehr sehen, und über ein
Weilchen werdet Ihr uns wiedersehen, wenn -- wir die Vesper gesungen!«
Ein lustig schallendes »Evoe!« antwortet ihm und -- bim, bim -- bim, bim
tönt's Glöcklein von der St. Sebalds-Kirche. -- --
Banges Stöhnen, sanftes Klagen, todesmüde Laute dringen an mein Ohr:
»Tod, was eilest Du? Nimmer begehr' ich Dein!« dringt's über die
bleichen Lippen des sterbenden Sklaven Michel Angelos, und bang sinken
seine schönen Glieder ineinander.