Von ihrer Auferstehung

Louvette führte mich durch ein grünes Gefilde bis an den Saum des Feldes.

Weithin hob sich das Land, und am Horizont schnitt eine braune Linie den

Himmel. Schon senkten sich die brennenden Wolken im Westen. Im unsichern

Schimmer des Abends unterschied ich kleine irrende Schatten.

-- Gleich, sagte sie, werden die Feuer brennen. Und morgen wird das viel

weiter sein. Denn sie bleiben nirgends. Und brennen nur einmal das Feuer,

einmal an jedem Ort.

-- Wer sind sie? fragte ich Louvette.

-- Man weiß es nicht. Es sind weißgekleidete Kinder. Es sind welche aus

unsern Dörfern darunter. Und andere kommen von weit und sind schon lange

unterwegs.

Wir sahen auf der Höhe eine kleine Flamme aufleuchten.

-- Da ist ihr Feuer, sagte Louvette. Jetzt können wir sie finden. Denn sie

rasten die Nacht, wo sie ihr Zelt aufgeschlagen haben, und am nächsten Tag

verlassen sie die Gegend.

* * *

Und als wir auf die Hügelhöhe kamen, wo die Flamme brannte, sahen wir viele

weiße Kinder um das Feuer.

Und unter ihnen erkannte ich, sie schien zu ihnen zu sprechen und sie zu

führen, die kleine Lampenhändlerin, die ich einmal in der schwarzen

regnerischen Stadt getroffen hatte.

* * *

Und sie erhob sich unter den Kindern und sagte mir:

-- Ich verkaufe keine kleinen lügnerischen Lampen mehr, die im trüben Regen

verlöschen.

Denn die Zeit ist gekommen, da die Lüge den Platz der Wahrheit eingenommen

hat und die elende Arbeit zugrundgegangen ist.

Wir haben im Haus der Monelle gespielt; aber die Lampen sind Spielzeug

gewesen und das Haus ein Asyl.

Monelle ist tot; ich bin dieselbe Monelle; und ich erhob mich in der Nacht,

und die Kleinen sind mit mir gekommen, und wir gehen durch die Welt.

Sie wandte sich zu Louvette:

-- Komm mit uns, sagte sie, und sei glücklich in der Lüge. Und Louvette

lief unter die Kinder und war weiß gekleidet wie sie.

* * *

-- Wir gehen, begann die wieder, die uns führte, und wir belügen jeden, der

kommt, um ihm Freude zu geben.

Unser Spielzeug war Lüge, und jetzt sind die Dinge unser Spielzeug.

Bei uns leidet niemand, und niemand stirbt bei uns: wir sagen, daß die sich

entkräften, die die traurige Wahrheit erkennen wollen, die es nirgends

gibt. Die die Wahrheit erkennen wollen, trennen sich von uns und verlassen

uns.

Wir dagegen haben gar keinen Glauben in die Wahrheiten der Welt; denn sie

führen zur Traurigkeit.

Und wir wollen unsere Kinder zur Freude führen.

Nun können die Großen zu uns kommen, und wir lehren sie die Unwissenheit

und die Täuschung.

Wir zeigen ihnen die kleinen Blumen des Feldes, die sie nie so gesehen

haben; denn jede ist eine neue.

Und wir staunen über jedes Land, das wir sehen; denn jedes Land ist ein

neues.

Es gibt keine Ähnlichkeiten in dieser Welt, und es gibt für uns kein

Erinnern.

Alles ändert sich ohne Unterlaß, und wir haben uns gewöhnt an die Änderung.

Darum brennen wir an jedem Abend an einem andern Ort ein Feuer; und am

Feuer erfinden wir für das Vergnügen des Augenblickes die Geschichten von

Zwergen und lebenden Puppen.

Und wenn das Feuer erloschen ist, faßt uns eine andere Lüge; und wir sind

voll Freude und staunen.

Und am Morgen erkennen wir nicht mehr unsere Gesichter: vielleicht daß die

einen nach der Kenntnis der Wahrheit verlangt haben, die andern sich nur

noch an die Lüge vom Vortag erinnern. So ziehen wir durch die Lande, und

man kommt in Scharen zu uns, und die uns folgen, werden glücklich.

Als wir noch in der Stadt lebten, zwang man uns zur ewig selben Arbeit und

wir liebten die ewig selben Menschen; und die gleiche Arbeit machte uns

müde, und wir waren untröstlich, die, die wir liebten, leiden und sterben

zu sehen.

Und unser Irrtum war, so im Leben stehenzubleiben und unbeweglich alles

rollen und sich bewegen zu sehen, oder zu versuchen, das Leben festzuhalten

und uns eine ewige Bleibe in fallenden Ruinen einzurichten.

Aber die kleinen lügnerischen Lampen haben uns auf den Weg des Glückes

geleuchtet.

Die Menschen suchen ihr Glück in der Erinnerung und widerstehen dem Leben

und berauschen sich an der Wahrheit der Welt, die nicht mehr wahr ist, da

sie Wahrheit geworden.

Sie betrüben sich über den Tod, der nichts sonst ist als das Bild ihres

Wissens und ihrer unumstößlichen Gesetze; sie beklagen sich, daß sie

schlecht in der Zukunft gewählt haben, die sie nach vergangenen Wahrheiten

berechnet haben, oder sie wählen vergangene Wünsche.

Für uns ist jedes Verlangen ein neues, und wir verlangen nichts sonst als

den lügnerischen Augenblick; alles Erinnern ist wahr, und wir haben uns von

der Wahrheit losgesagt.

Und wir sehen die Arbeit an als verderblich, weil sie unser Leben festhält

und es sich selber ähnlich macht.

Und wir sehen in jeder Gewöhnung etwas Verderbliches; denn sie hindert uns

daran, daß wir uns neuen Lügen völlig hingeben.

* * *

Das waren die Worte derer, die uns führte.

Und ich bat Louvette, mit mir zu ihren Eltern zurückzukommen; aber ich sah

in ihren Augen, daß sie mich nicht mehr wiedererkannte.

* * *

Die ganze Nacht lebte ich in einer Welt von Träumen und Lügen und versuchte

die Unwissenheit zu lernen und die Täuschung und das Staunen des

neugeborenen Kindes.

Die kleinen tanzenden Flammen sanken zusammen.

Da sah ich in der traurigen Nacht aufrichtige Kinder, die weinten, weil sie

die Erinnerung noch nicht verloren hatten.

Und andere erfaßte plötzlich die Wut der Arbeit, und sie schnitten das Korn

und banden es im Schatten zu Garben.

Und andere, die die Wahrheit kennen wollten, wandten ihr bleiches Gesicht

der kalten Asche zu und starben erschauernd in ihren weißen Kleidern.

Aber da der rosa Himmel zuckte, erhob sich die, die uns führte, und

erinnerte sich nicht an uns und nicht an die, welche die Wahrheit suchten,

und schritt dahin und viele weiße Kinder folgten ihr. Und alle waren voll

Lustigkeit und lachten leicht über alle Dinge.

Und als der Abend kam, machten sie wieder ihr Strohfeuer.

Und wieder sanken die Flammen zusammen und wurde die Asche kalt um

Mitternacht.

Da erinnerte sich Louvette, und sie mochte lieber lieben und leiden, und

kam zu mir in ihrem weißen Kleid, und wir eilten zu zweit fort über das

Land.

Das Buch von Monelle · 第 29 / 29 题