Von ihrem Königreich

Ich las diese Nacht, und mein Finger folgte den Worten und Zeilen; meine

Gedanken waren woanders. Und draußen fiel ein schwarzer, schräger,

spitziger Regen. Und das Licht meiner Lampe leuchtete auf die kalte Asche

im Kamin. Und mein Mund war voll Geschmacks von Schmutz und gemeinem

Klatsch; denn die Welt schien mir dunkel, und meine Lichter waren

erloschen. Und dreimal rief ich mir zu:

-- Viel schlammiges Wasser möchte ich, um meinen Durst nach Schändlichkeit

zu löschen.

»Ich bin mit den Schändlichen: richtet Eure Finger auf mich!«

»Man muß sie mit Kot werfen, denn sie verachten mich nicht.«

»Und die sieben Becher voll Blut erwarten mich auf dem Tisch, und das

Gleißen einer goldnen Krone glimmt unter ihnen.«

Doch eine Stimme schlug mir zurück, die mir nicht fremd war, und das

Gesicht jener, die erschien, war mir nicht unbekannt. Und sie rief die

Worte:

-- Ein weißes Königreich! ein weißes Königreich! ich weiß ein weißes

Königreich. Und ich wandte mich um und sagte ganz ruhig:

-- Kleiner lügnerischer Kopf, kleiner Mund voll Lüge, es gibt nicht Könige

noch Königreiche mehr. Umsonst sehne ich mich nach einem roten Königreich:

denn die Zeit ist vorbei, Und dieses Reich hier ist schwarz und ist kein

Königreich; denn ein Volk von schwarzen Königen rührt hier seine Arme. Und

nirgends auf der Welt gibt es ein weißes Königreich, noch einen weißen

König.

Aber sie rief von neuem diese Worte:

-- Ein weißes Königreich! Ich weiß ein weißes Königreich!

Und ich wollte sie bei der Hand fassen; aber sie entschlüpfte mir.

-- Nicht durch Traurigkeit, sagte sie, nicht durch Gewalt. Und doch gibt es

ein weißes Königreich. Komm mit meinen Worten; horch.

Und sie schwieg, da erinnerte ich mich.

-- Nicht durch die Erinnerung, sagte sie. Komm mit meinen Worten; horch.

Und sie schwieg; und ich hörte mich denken.

-- Nicht durch das Denken, sagte sie. Komm mit meinen Worten; horch.

Und sie schwieg.

Da zerstörte ich in mir die Traurigkeit meiner Erinnerung und das Verlangen

nach meiner Gewalt, und all mein Denken verschwand. Und ich wartete.

-- Du wirst das Königreich sehen, sagte sie, aber ich weiß nicht, ob du

hineingehen wirst. Denn ich bin schwer zu verstehen, außer für jene, die

nicht verstehen; und ich bin schwer zu ergreifen, außer für jene, die nicht

mehr ergreifen; und schwer bin ich zu erkennen, außer für jene, die kein

Erinnern haben. In Wahrheit, du hast mich und du hast mich nicht mehr.

Horch;

Und ich horchte in meiner Erwartung.

Aber ich vernahm nichts. Und sie schüttelte den Kopf und sagte:

-- Du bedauerst deine Heftigkeit und dein Erinnern, und ihre Zerstörung ist

noch nicht vollbracht. Man muß zerstören, um das weiße Königreich zu

erlangen. Bekenne und du wirst befreit sein; gib in meine Hände deine

Heftigkeit und dein Erinnern, und ich will es zerstören; denn alles

Bekennen ist ein Zerstören.

Und ich rief aus:

-- Ich gebe dir alles, ja, ich gebe dir alles. Und du sollst es tragen und

selbst es vernichten, denn ich bin nicht mehr stark genug.

Ich habe nach einem roten Königreich verlangt. Es gab dort blutdürstige

Könige, die ihre Klingen schärften. Frauen mit geschwärzten Augen weinten

auf opiumbeladenen Dschunken. Viele Piraten vergruben im Inselsand schwere

goldgefüllte Koffer. Alle Prostituierten waren freigelassen. Die Diebe

lagen im Morgendämmer auf den Landstraßen. Viele junge Mädchen füllten sich

mit Leckerbissen und Wollust. Einbalsamiererinnen vergoldeten Kadaver in

der blauen Nacht. Die Kinder begehrten ferne Erregungen und unbekannte

Morde. Nackte Körper bedeckten die Steinfliesen der heißen Bäder. Alle

Dinge waren mit brennenden Kräutern eingerieben und von roten Kerzen

beleuchtet. Aber dieses Königreich hat sich unter die Erde gesenkt, und ich

erwachte inmitten der Finsternis.

Und da hatte ich ein schwarzes Königreich, das kein Königreich ist: denn es

ist voller Könige, die sich Könige glauben und die es verdunkeln mit ihren

Werken und ihren Befehlen. Und ein trüber Regen besudelt es Nacht und Tag.

Und ich irrte lange auf den Wegen, bis zu dem kleinen Leuchten einer

zitternden Lampe, die mir mitten in der Nacht erschien. Der Regen näßte

mein Haupt; aber ich lebte unter der kleinen Lampe. Die sie hielt, nannte

sich Monelle, und wir spielten zu zweit in diesem schwarzen Königreich.

Aber eines Abends verlosch die kleine Lampe, und Monelle verschwand. Und

ich suchte sie lange in dieser Finsternis: aber ich konnte sie nicht

wiederfinden. Und heute abend suchte ich sie in den Büchern; aber ich suche

sie vergeblich. Und ich bin verloren in dem schwarzen Königreich; und ich

kann das kleine Leuchten der Monelle nicht vergessen. Und ich habe im Munde

einen Geschmack von Gemeinheit.

Und sowie ich gesprochen hatte, fühlte ich die Zerstörung in mir geschehen,

und mein Warten erleuchtete sich mit einem Beben, ich hörte die Finsternis,

und ihre Stimme sprach:

-- Vergiß alles, und alles wird dir gegeben sein. Vergiß Monelle, und sie

wird dir wieder gegeben sein. So ist das neue Wort. Mach es dem jungen

Hunde nach, dessen Augen noch geschlossen sind und der sich tastend einen

Platz für seine kalte Schnauze sucht. Und die zu mir sprach, rief:

-- Ein weißes Königreich! ein weißes Königreich! Ich weiß ein weißes

Königreich!

Und ich ward übermannt vom Vergessen und meine Augen erstrahlten von

Reinheit.

Und die zu mir sprach rief:

-- Ein weißes Königreich! ein weißes Königreich! Ich kenne ein weißes

Königreich!

Und das Vergessen ergriff mich ganz und die Stelle, wo mein Wissen wohnte,

wurde rein und tiefklar.

Und die zu mir sprach, rief noch einmal:

-- Ein weißes Königreich! ein weißes Königreich! Ich weiß ein weißes

Königreich! Hier ist der Schlüssel: in dem roten Königreich ist ein

schwarzes Königreich: in dem schwarzen Königreich ist ein weißes

Königreich; in dem weißen Königreich . . .

-- Monelle, schrie ich, Monelle! In dem weißen Königreich ist Monelle!

Und das Königreich erschien; aber es war von einer Mauer strahlender Weiße

umgeben.

Da fragte ich:

-- Und wo ist der Schlüssel zum Königreich?

Aber die zu mir sprach, blieb ohne ein Wort.

Das Buch von Monelle · 第 28 / 29 题