Hamlet. (Indem der Todtengräber immer singend einen Schedel aufgräbt.)

Dieser Schedel hatte einst eine Zunge, und konnte singen--wie ihn

der Schurke in den Boden hinein schlägt, als ob es Cains des ersten

Mörders Kinnbaken wäre! und doch war der Schedel mit dem dieser

Esel izt so übermüthig zu Werke geht, vielleicht der Hirnkasten

eines Staatsmanns, eines von diesen Herren, die unserm Herrn Gott

selbst einen Nebel vormachen möchten; nicht so?

Horatio.

Es ist möglich, Gnädiger Herr--

Hamlet.

Oder eines Höflings, der sagen konnte: Guten Morgen, mein liebster

Lord; wie befindet sich Euer Herrlichkeit? Es kan Milord der und

der gewesen seyn, der Milord dessen seinem Pferd eine Lobrede

halten konnte, wenn er's ihm gerne abgebettelt hätte; nicht so?

Horatio.

Ja, Gnädiger Herr.

Hamlet.

Nicht anders; und nun ist Milady Wurm von allen ihren Anbetern

verlassen, und muß sich von eines Todtengräbers Spate aus dem Boden

herausschlagen lassen. Hier ist eine hübsche Revolution, wenn wir

den Verstand hätten sie zu sehen--Hier ist ein andrer: Kan das

nicht der Schedel eines Rechtsgelehrten gewesen seyn? Wo sind nun

seine Quidditäten und Qualitäten? Seine (Casus?) Seine Tituls?

Seine Ränke? Warum leidet er, daß ihn dieser grobe Geselle mit

seiner kothigen Schaufel aus seiner Retirade herausklopfen darf,

ohne eine Action gegen ihn anzustellen?--* Ich muß mit diesem

Burschen reden. Wessen Grab ist das, Bursche?

{ed.-* Hamlet sezt im Original diese kühlen Betrachtungen noch länger

fort, indem er sich vorstellt, daß es der Schädel eines reichen

Landsässen gewesen sey; man hat es aber unmöglich gefunden, diese

Stelle, deren gröster Nachdruk in etlichen Wortspielen besteht, zu

übersezen; und man würde diese ganze Scene eben sogern ausgelassen

haben, wenn man dem Leser nicht eine Idee von der berüchtigten

Todtengräber-Scene hätte geben wollen.}

Todtengräber.

Meines, Herr--

(er fängt wieder an zu singen.)

Hamlet.

Ich denk' es ist dein, denn du lügst darinn.

Todtengräber.

Und ihr lügt daraus, Herr, und also ist es nicht euers--

(Hier folgen noch etliche elende Reden, wovon das sinnreiche in dem

Wortspiel mit lie, welches Liegen und Lügen bedeutet, liegt.)

Hamlet.

Ich frage, wie der Mann heißt, für den du das Grab machst?

Todtengräber.

Ich mach es für keinen Mann, Herr.

Hamlet.

Für was für eine Frau dann?

Todtengräber.

Auch für keine Frau.

Hamlet.

Wer soll dann darinn begraben werden?

Todtengräber.

Eine die in ihrem Leben ein Weibsbild war, aber, Gott tröst ihre

Seele! nun ist sie todt.

Hamlet.

Was für ein determinierter Schurke das ist! In was für einer

Sprache müssen wir mit ihm reden, daß er uns nicht mit

Zweydeutigkeiten stumm mache? Bey Gott, Horatio, ich habe diese

drey Jahre her beobachtet, daß die Welt so spizfündig worden ist,

daß der Bauer seinen plumpen Wiz eben so hoch springen und so

seltsame Gambaden machen läßt, als der wizigste von unsern

Hofschranzen--Wie lange bist du schon ein Todtengräber?

Todtengräber.

Unter allen Tagen im Jahr kam ich an dem Tag dazu, da unser

verstorbner König Hamlet über den Fortinbras Meister wurde.

Hamlet.

Wie lang ist das?

Todtengräber.

Könnt ihr das nicht sagen? Das kan ein jeder Narr sagen: Es war

auf den nemlichen Tag, da der junge Hamlet auf die Welt kam, der

närrisch wurde, und nach England geschikt worden ist.

Hamlet.

Was, zum Henker! und warum wurde er nach England geschikt?

Todtengräber.

Warum? weil er närrisch worden ist; er soll dort seine fünf Sinnen

wieder kriegen; oder wenn er sie nicht wieder kriegt, so hat es

dort nicht viel zu bedeuten.

Hamlet.

Warum das?

Todtengräber.

Man wird es nicht an ihm gewahr werden; denn dort sind die Leute

eben so närrisch als er.

Hamlet.

Wie wurde er dann närrisch?

Todtengräber.

Auf eine gar seltsame Art, sagt man.

Hamlet.

Wie so, seltsam?

Todtengräber.

Sapperment, er wurde eben ein Narr, weil er seinen Verstand verlohr.

Hamlet.

Aus was für einem Grund?

Todtengräber.

Wie, hier, in Dännemark. Ich bin hier Todtengräber gewesen, von

meinen jungen Jahren an bis izt, diese dreissig Jahre.

Hamlet.

Wie lange kan wol ein Mensch in der Erde liegen, bis er verfault?

Todtengräber.

Wenn er nicht schon faul ist, eh er stirbt (wie wir denn heut zu

Tag manche Leichen haben, die kaum so lange halten, bis sie unterm

Boden sind) so kan er euch acht bis neun Jahre dauren; ein Loh-

Gerber dauert euch seine neun Jahre.

Hamlet.

Warum ein Loh-Gerber länger als andre Leute?

Todtengräber.

Warum, Herr? weil seine Haut von seiner Profession so gegerbt ist,

daß sie das Wasser länger aushält. Denn es ist nichts das einem

todten Körper eher den Garaus macht als Wasser. Hier ist ein

Schedel, der nun bereits drey und zwanzig Jahre im Boden liegt.

Hamlet.

Wessen war er?

Todtengräber.

Es war ein vertrakter Bursche, dem er gehörte; wer denkt ihr daß es

war?

Hamlet.

Ich weiß es nicht.

Todtengräber.

Daß die Pestilenz den Schurken! Er goß mir einmal eine Flasche mit

Rheinwein über den Kopf. Dieser nemliche Schedel, Herr, war Yoriks

Schedel, des Königlichen Hofnarrens.

Hamlet.

Dieser?

Todtengräber.

Dieser nemliche.

Hamlet.

Ach der arme Yorik. Ich kannte ihn, Horatio, es war der

kurzweiligste Kerl von der Welt; von einer unvergleichlichen

Einbildungs-Kraft: Er hat mich viel hundertmal auf seinem Rüken

getragen: Und nun, was für ein grausenhafter Anblik! Mein Magen

kehrt sich davon um. Hier hiengen diese Lippen, die ich wer weiß

wie oft küßte. Wo sind nun deine Scherze? Deine Sprünge? Deine

Liedchen? Wo sind die schnakischen Einfälle, welche die Tafel mit

brüllendem Gelächter zu erschüttern pflegten? Ist dir nicht ein

einziger übrig geblieben, um über dein eignes Grinsen zu spotten?

Nun geh mir einer in Mylady's Schlaf-Zimmer, und sag ihr; und wenn

sie sich einen Daumen dik übermahle, so müß' es doch zulezt (dazu)

mit ihr kommen--Ich bitte dich, Horatio, antworte mir nur auf Eine

Frage--

Horatio.

Was ist es, Gnädiger Herr?

Hamlet.

Denkst du, Alexander habe auch so im Boden ausgesehen?

Horatio.

Eben so.

Hamlet.

Und so gerochen? Fy!

(Er riecht an dem Schedel.)

Horatio.

Ja, Gnädiger Herr.

Hamlet.

Zu was für einer unedeln Bestimmung können wir endlich herabsinken,

Horatio! Können wir nicht in unsrer Einbildung Alexanders edlem

Staube folgen, bis wir ihn an einem Ort finden, wo er ein Spund-

Loch stoppt?

Horatio.

Eine solche Betrachtung wäre gar zu spizfündig.

Hamlet.

Nein, gar nicht, im geringsten nicht: Die Betrachtung ist ganz

natürlich: Alexander starb, Alexander wurde begraben, Alexander

wurde zu Staub; der Staub ist Erde; aus der Erde machen wir Laim;

und konnte mit diesem Laim, worein er verwandelt wurde, nicht eine

Bier-Tonne gestoppt werden? Und so kan der Welt-Bezwinger Cäsar

eine Spalte in einer Mauer gegen den Wind gestoppt haben. Aber

sachte! Sachte eine Weile--da kommt der König--

Zweyte Scene.

(Der König, die Königin, Laertes, und ein Sarg mit einem Trauer-

Gefolge von Hofleuten, Priestern, u.s.w.)

Hamlet.

Die Königin--ein Gefolge von Hofleuten--Was ist das, was sie

begleiten? und warum mit so wenig Ceremonien? Das zeigt, daß die

Leiche, so sie begleiten von jemand ist, der gewaltthätige Hand an

sich selbst gelegt hat--Es muß eine Person von Stande gewesen seyn--

wir wollen uns ein wenig entfernt halten und acht geben.

Laertes.

Die übrigen Ceremonien?

Hamlet.

Das ist Laertes, ein sehr edler junger Mann: gieb acht--

Laertes.

Die übrigen Ceremonien?

Priester.

Ihre Obsequien sind so weit ausgedehnt worden, als wir ermächtigst

sind; ihr Tod war zweifelhaft; und hätte der Königliche Befehl die

Ordnung nicht übermocht, so sollte sie in einem ungeweihten Boden

bis zum Schall der lezten Trompete ihr Lager gehabt haben; statt

mildherziger Fürbitten sollten Scherben, und Kieselsteine auf sie

geworfen worden seyn; nun wird sie mit jungfräulichen Ehrenzeichen,

unter Gesang und Gloken-Geläut bestattet.

Laertes.

Und ist das alles was gethan werden soll?

Priester.

Es ist alles was gethan werden kan; es würde Entheiligung seyn, ihr

ein (requiem) zu singen und ihr die lezte Ehre die nur Seelen die

im Frieden abgeschieden sind, gebührt, zu erstatten.

Laertes.

Legt sie in die Erde; und aus ihrem schönen und unbeflekten Fleisch

mögen Violen hervorkeimen! Ich sage dir, hartherziger Priester,

meine Schwester wird ein Engel des himmlischen Thrones seyn, wenn

du heulend im Abgrund liegst.

Hamlet.

Wie? die schöne Ophelia?

Königin.

Das lezte lebe wohl, angenehme Schöne! Ich hoffte, du solltest

meines Hamlets Weib werden; ich dachte einst dein Braut-Bette zu

deken, holdes Mädchen, nicht dein Grab mit Blumen zu bestreuen.

Laertes.

O dreyfaches Weh falle zehnfältig dreymal über das verfluchte Haupt,

dessen gottlose That dich deiner schönen Vernunft beraubte.

Haltet noch ein, bis ich sie noch einmal in meine Arme geschlossen

habe.

(Er springt in das Grab.)

Nun werft euern Staub über den Lebenden und Todten, bis ihr aus

dieser Ebne ein Gebürge gemacht habt, das den alten Pelion und den

Himmelberührenden Olimpus übergipfle.

Hamlet, (der sich zu erkennen giebt.)

Wer ist der, dessen Schmerz sich so emphatisch ausdrukt? Dessen

Trauer-Töne die irrenden Sterne beschwören und sie zwingen, von

Erstaunen gefesselt, stille zu stehn und zu horchen? Der bin ich,

Hamlet, der Dähne.

(Er springt in das Grab.)

Laertes.

Der Teufel hole deine Seele!

(Er ringt mit ihm.)

Hamlet.

Du betest nicht schön. Ich bitte dich, deine Finger von meiner

Gurgel weg!--Wenn ich gleich nicht splenetisch und jähzornig bin,

so hab ich doch etwas gefährliches in mir, wovor du dich hüten

magst, wenn du klug bist. Deine Hand zurük.

König.

Reißt sie von einander--

Königin.

Hamlet, Hamlet--

Horatio.

Mein gnädigster Prinz, halltet euch zurük--

(Die Umstehenden machen sie von einander loß.)

Hamlet.

Was, ich will über diese Materie mit ihm fechten, bis meine

Auglider nicht länger niken können.

Königin.

O mein Sohn! was für eine Materie?

Hamlet.

Ich liebte Ophelien; vierzigtausend Brüder könnten mit aller ihrer

Liebe zusammen genommen die Summe der meinigen nicht aufbringen.

Was willt du für sie thun?

König.

O er ist rasend, Laertes--

Königin.

Um Gottes willen, habt Geduld mit ihm.

Hamlet.

Komm, zeig mir, was du thun willt. Willt du weinen? Willt du

fechten? Willt du fasten? Dich selbst zerfezen? Willt du Wein-

Essig trinken, ein Crocodil verschlingen? Ich will es thun--Kamst

du nur hieher, zu weinen? Vor meinen Augen in ihr Grab zu

springen? Laß dich lebendig mit ihr begraben; ich will es auch;

und wenn du von Bergen schwazest, so laß sie Millionen Jaucharten

auf uns werfen, bis die auf uns liegende Erde, den Ossa zu einem

Maulwurfs-Hauffen macht! Wahrhaftig! Wenn du großsprechen willt,

so kan ich das Maul so voll nehmen wie du.

Königin.

Er spricht in tollem Muth, und so wird der Paroxismus eine Weile

auf ihn würken; aber auf einmal wird, so geduldig als die weibliche

Daube, eh ihre goldbehaarten Jungen ausgekrochen sind, sein

Stillschweigen brütend sizen.

Hamlet.

Hört ihr, Herr--was ist die Ursache, daß ihr mir so begegnet? Ich

liebte euch allezeit: Aber es hat nichts zu sagen. Laßt den

Hercules selbst thun was er kan, die Kaze muß mauen und der Hund

seinen Lauf haben--

(Er geht ab.)

König.

Ich bitte euch, guter Horatio, habet acht auf ihn.

(Horatio geht ab.) (zu Laertes.)

Stärket eure Geduld durch unsre lezte Abrede. Wir wollen uns

nicht länger säumen, die Hand an die Ausführung zu legen--Liebe

Gertrude, gebet eurem Sohn einige Hüter zu--Dieses Grab soll ein

würdiges Denkmal bekommen--Und nun wollen wir unsrer Ruhe eine

Stunde schenken.

(Sie gehen ab.)

Dritte Scene.

(Verwandelt sich in eine Halle im Palast.)

(Hamlet und Horatio treten auf.)

(Hamlet erzehlt seinem Vertrauten,auf was Weise er den Inhalt der

königlichen Commission, womitRosenkranz und Güldenstern beladen

waren, entdekt und vereitelthabe. Da diese ganze Scene nur zur

Benachrichtigung der Zuhörerdient, so wären zwey Worte hinlänglich

gewesen, ihnen zu sagen wassie ohnehin leicht erraten könnten.

Hamlet hatte Ursache einMißtrauen in die Absichten des Königs bey

seiner Versendung nachEngland zu sezen. Er schlich sich also

während daß die beydenGesandten schliefen, in ihre Cajute, fingerte

ihr Pakett weg, zogsich damit in sein eigenes Zimmer zurük, erbrach

das königlicheSigel und fand einen gemeßnen Befehl an den

Englischen König,vermöge dessen dem Hamlet sobald er angelangt seyn

würde, der Kopfabgeschlagen werden sollte--Er stekte dieses Papier

zu sich, undsezte sich hin, eine andre Commission zu schreiben,

worinn derKönig aufs ernstlichste beschwohren wurde, so lieb ihm

dieFreundschaft Dännemarks (von welchem England damals abhängig

war)sey, die Überbringer dieses Schreibens unverzüglich aus dem

Wegeräumen zu lassen. Zu gutem Glüke hatte er seines Vater Signet

inder Tasche; und zu noch grösserm Glük war es dem grossen

dähnischenSigel vollkommen gleich; er faltete also dieses Schreiben

eben sowie das erste, unterschrieb und sigelte es, und legte es

sogeschikt an die Stelle des andern, daß Rosenkranz und

Güldensterndie Verwechslung nicht gewahr wurden, und also bey ihrer

Ankunft inEngland wie Bellerophon, ihr eigenes Todesurtheil

überlieferten.Horatio findet hiebey bedenklich, daß dieser

mißlungene Ausgang desKöniglichen Bubenstüks nicht lange verborgen

bleiben könne. Hamletberuhigst sich hierüber daß doch die Zwischen-

Zeit sein sey, undnicht mehr als ein Augenblik erfordert werde, dem

Leben einesMenschen ein Ende zu machen. Indessen bedaurt er, daß

er sichdurch den Affect habe hinreissen lassen, den Laertes zu

beleidigen,und nimmt sich vor, daß er sich bemühen wolle, seine

Freundschaftwieder zu erlangen.)*

{ed.-* Man kan hieraus schliessen, daß HamletAbsichten gegen den

König gehabt habe; es war aber doch nichtsbestimmtes, kein Entwurf,

wobey er sich seiner eignen Sicherheitund eines glüklichen Ausgangs

hätte versichert halten können--Hamlet soll und will seinen Vater

rächen--Dieser Wille beherrschtihn vom ersten Actus des Stüks bis

zum Ende, ohne daß er jemalsselbst weiß, oder nur daran denkt wie

er dabey zu Werke gehen wolle--Allein wir haben längst gesehen, daß

die Anlegung der Fabel, dieVerwiklung und die Entwiklung derselben

gerade die Stüke sind,worinn unser Poet schwerlich jemand unter

sich hat. Indessengefällt doch dem Englischen Parterre kein Stük

ihres Shakespearsmehr als dieses. Man sollte sagen, es

simpathisiere mit ihnen.Der Humor des Hamlet (Denn das was ihn in

dem ganzen Lauf des Stüksbeherrscht, ist viel weniger Leidenschaft

als Laune,) diese kalte,raisonnirende oder richtiger zu reden,

phantasirende Melancholie,die nur dann und wann in plözliche und

eben so schnell wiedersinkende Wind-Stösse von Leidenschaft

ausbricht, dieseGleichgültigkeit gegen sein eigens Leben, welche

das grosseVorhaben der Rache, wovon seine Seele geschwellt ist,

demungefehren Zufall überlaßt, und es nicht der Mühe werth hält

einenPlan anzulegen oder Präcautionen zu nehmen, um nicht selbst in

denFall seines Feindes verwikelt zu werden--Alles dieses sind Züge,

worinn Engländer ihr eignes Bild zu sehr erkennen, um nicht

weitstärker davon interessiert zu werden, als durch die

idealischenCharakters und die starken soutenierten Leidenschaften

der Heldendes Corneille. Shakespears Helden, zumal seine Lieblings-

Helden,sind alle (Humoristen), und vermuthlich ist dieses eine

Haupt-Ursache, warum ungeachtet Sprache, Sitten und Geschmak sich

seitseiner Zeit so sehr verändert haben, dieser Autor doch für

seineLandsleute immer neu bleibt, und etwas weit anzügelichers für

siehat, als alle die neuern, welche nach französischen

Modellengearbeitet haben.}

Vierte Scene.

(Oßrik des Königs Hofnarr, kommt dem Hamlet zu melden, der König

habe eine Wette mit Laertes angestellt, daß ihm Hamlet im Fechten

überlegen sey. Diese Scene ist mit der unübersezlichen Art von Wiz,

Wortspielen und Fopperey angefüllt, worinn unser Autor seine

damaligen Rivalen eben so weit als an Genie und an wahren

Schönheiten hinter sich ließ. Nach einem langen Ball-Spiel mit Wiz,

unter welchen einige Satyrische Züge gegen die gezwungene und)

precieuse(Hof-Sprache der damaligen Zeit mit einlauffen, fertigt

Hamlet den Narren mit der Antwort an den König ab, daß er auf der

Stelle bereit sey, den Wett-Kampf mit Laertes zu unternehmen. Bald

darauf tritt ein Herr vom Hofe auf, und kündigt an, daß der König,

die Königin, und der ganze Hof im Begriff seyen zu kommen und dem

Wett-Kampf beyzuwohnen. Er sezt hinzu: Die Königin ersuche den

Prinzen, vor Anfang des Gefechts sich eine Weile mit Laertes auf

einen freundschaftlichen Fuß zu unterhalten. Hamlet verspricht es

zu thun, und der Höfling geht ab.)

Horatio.

Ich besorge ihr verliehret die Wette Gnädiger Herr.

Hamlet.

Ich glaub es nicht; ich bin, seit dem er nach Frankreich gieng, in

beständiger Übung gewesen, ich halte mich des Siegs gewiß. Aber

du kanst dir nicht vorstellen, wie übel mir allenthalben hier ums

Herz ist--Allein das hat nichts zu bedeuten.

Horatio.

Ich denke nicht so, mein liebster Prinz.

Hamlet.

Es ist nichts, blosse Kinderey; und doch wär es vielleicht genug,

um ein Weibsbild unruhig zu machen.

Horatio.

Wenn euch euer Herz eine geheime Warnung giebt, so folgt ihm. Ich

will ihnen entgegen gehen, und sagen, ihr seyd izo nicht disponiert.

Hamlet.

Nein, nein, ich halte nichts auf Ahnungen; die Vorsehung erstrekt

sich bis über den Fall eines Sperlings. Ist es izt, so ist es

nicht ein andermal; ist es nicht ein andermal, so ist es izt; und

ist es nicht izt, so wird es ein andermal seyn--Alles kommt darauf

an, daß man bereit sey.

Fünfte Scene.

(Der König, die Königin, Laertes und eine Anzahl Herren vom Hofe,

Oßrik und einige Bedienten mit Rappieren und Fecht-Handschuhen.

Ein Tisch und Flaschen mit Wein darauf.)

König.

Kommt, Hamlet, kommt, und nemmt diese Hand von mir.

(Er giebt ihm des Laertes Hand.)

Hamlet.

Ich bitte um eure Vergebung, mein Herr, ich habe euch bleidiget;

aber vergebet mirs und versichert mich dessen als ein Edelmann.

Alle Gegenwärtigen wissen, und ihr müßt es gehört haben, mit was

für einer unglüklichen Gemüths-Krankheit ich gestraft bin. Was ich

gethan habe, das in euch Natur, Ehre und Rache gegen mich aufreizen

möchte, hat, ich erklär' es hier öffentlich, meine Raserey gethan;

Es war nicht Hamlet der euch beleidigte--Hamlet war nicht er selbst,

da er es that, er verabscheut die That seiner Raserey; sie ist der

Beleidiger, er auf der Seite der Beleidigten; seine Raserey ist des

armen Hamlets Feind. Laßt also meine feyerliche Erklärung daß ich

keinen Vorsaz hatte, übels zu thun, mich so fern in euern

edelmüthigen Gedanken frey sprechen, als ob ich meinen Pfeil über

ein Haus geschossen, und meinen Bruder verwundet hätte.

Laertes.

Ich bin befriedigt, in so fern ich Sohn und Bruder bin, Namen, die

in diesem Fall mich am meisten zur Rache auffordern; Aber als ein

Edelmann, kan und will ich keine Versöhnung eingehen, bis ich von

einigen ältern und bewährten Richtern dessen was die Ehre fodert,

die Versicherung erhalten habe, daß ich es ohne meinen Namen zu

entehren thun könne. Inzwischen nehme ich, bis dahin, eure

angebotene Freundschaft als Freundschaft an, und will sie nicht

mißbrauchen.

Hamlet.

Ich bin zufrieden, und auf diesen Fuß bin ich bereit, diesen

freundschaftlichen Wett-Kampf zuversichtlich zu bestehen. Gebt uns

die Rappiere.

Laertes.

Kommt, eins für mich.

Hamlet.

Ich werde eure Folie seyn, Laertes; eure Kunst wird aus meiner

Unwissenheit desto feuriger hervorstralen, wie ein Stern aus der

Finsterniß der Nacht; in der That.

Laertes.

Ihr scherzet, mein Herr.

Hamlet.

Nein, bey dieser Hand.

König.

Gebt ihnen Rappiere, Oßrik. Hamlet, ihr wisset, worauf ich

gewettet habe?

Hamlet.

Ich weiß es, Gnädigster Herr; Eure Majestät hat sich in Gefahr

gesezt, zu verliehren.

König.

Ich besorge nichts; ich habe euch beyde fechten gesehen, weil er

aber indessen stärker worden ist, so haben wir das Gewette

angestellt.

Laertes.

Dieses Rappier ist zu schwer, laßt mich ein anders sehen.

Hamlet.

Das meine ist mir ganz recht; diese Rappiere haben alle die rechte

Länge.

König.

Füllt mir diese Dekel-Gläser mit Wein! Wenn Hamlet den ersten oder

zweyten Stoß beybringt, oder bis zum dritten sogleich erwiedert, so

laßt alle Canonen loßfeuren; der König wird auf Hamlets bessern

Athem trinken, und in den Becher soll eine Perle geworfen werden,

reicher als die kostbarste die jemals ein dänischer König in seiner

Crone getragen hat. Gebt mir die Becher: Und laßt es die Kessel-

Pauken den Trompeten kundmachen, die Trompeten den Canonieren

draussen, die Canonen dem Himmel, die Himmel der Erde, daß der

König auf Hamlets Gesundheit trinke--Komt, fangt an, und ihr Herren

Richter, habt gute Acht.

Hamlet.

Kommt dann, mein Herr.

Laertes.

Wohlan, Gnädiger Herr--

(Sie fechten.)

Hamlet.

Einer--

Laertes.

Nein--

Hamlet.

Thut den Ausspruch--

Oßrik.

Ein Stoß, und das ein ziemlich fühlbarer.

Laertes.

Gut--Noch einmal--

König.

Haltet ein--zu trinken! Hamlet, diese Perle ist dein--Auf deine

Gesundheit!--Gebt ihm den Becher--

(Trompeten und Pauken und mit Salve von Geschüz.)

Hamlet.

Ich will diesen Gang erst ausfechten--Sezt ihn indessen hin--

(sie fechten)

--Wohlan--wieder einen Stoß--was sagt ihr?

Laertes.

Gestreift, gestreift, ich gesteh' es.

König.

Unser Sohn wird gewinnen.

Königin.

Er ist zu fett und von zu kurzem Athem. Hier Hamlet, nimm mein

Schnupftuch und wische dir die Stirne--Die Königin trinkt dirs zu,

Hamlet, auf dein gutes Glük! --

(Sie trinkt aus dem Becher, der für Hamlet bestimmt war.)

Hamlet.

Gütige Mutter--

König.

Gertrude trinkt nicht--

Königin.

Ich will, mein Herr; ich bitte euch um Vergebung.

König (vor sich.)

Es ist der vergiftete Becher; nun ist's zu spät--

Hamlet.

Ich darf noch nicht trinken, Gnädige Frau; eine kleine Geduld--

Königin.

Komm, laß mich dein Gesicht abwischen.

Laertes.

Diesesmal will ich ihm gewiß eins anbringen.

König.

Ich glaub es nicht.

Laertes (bey Seite.)

Und doch ist es fast gegen mein Gewissen.

Hamlet.

Kommt, den dritten Gang, Laertes; ihr tändelt nur; ich bitte euch,

gebraucht euch eurer äussersten Stärke; ich sorge ihr wollt mich

nur zu sicher machen.

Laertes.

Sagt ihr das? Wohlan dann.

(Sie fechten.)

Oßrik.

Es hat noch keiner nichts--

Laertes.

Da habt es dann--

(Laertes verwundet Hamleten; hernach verwechseln sie in der Hize

des Gefechts die Rappiere, und Hamlet verwundet den Laertes.)

König.

Trennet sie, sie gerathen in Hize.

Hamlet.

Nein, noch einmal--

Oßrik.

Seht zu der Königin hier, ho!

Horatio.

Sie bluten beyde--Wie geht's euch, Gnädigster Herr?

Oßrik.

Wie steht's um euch, Laertes?

Laertes.

Wie eine Schneppe in meiner eignen Schlinge, Ossrik; billig sterb'

ich durch das Werkzeug meiner schnöden Verrätherey.

Hamlet.

Was macht die Königin--

König.

Es ist nur eine Ohnmacht, weil sie Blut gesehen hat.

Königin.

Nein, nein, der Trank, der Trank--O mein theurer Hamlet! der Trank,

der Trank--Ich bin vergiftet--

(Die Königin stirbt.)

Hamlet.

O Abscheulichkeit! he! laßt die Thüren verrigelt werden:

Verrätherey! wer ist der Thäter--

Laertes.

Hier ist er; Hamlet, du bist des Todes, kein Arzneymittel in der

Welt kan dich retten. Du hast für keine halbe Stunde mehr Leben in

dir, das verräthrische Werkzeug ist in deiner Hand, ohne Knopf und

vergiftet; der schändliche Kunstgriff ist mein eignes Verderben

worden. Sieh, hier lieg ich, um nicht mehr aufzustehen; deine

Mutter ist vergiftet; ich kan nicht mehr--Der König, der König hat

die Schuld.

Hamlet.

Und diß Rappier auch vergiftet? Nun, Gift, so thu was du kanst--

(Er ersticht den König.)

Alle.

Verrätherey! Verrätherey!

König.

O helft, meine Freunde, vertheidiget mich, ich bin nur verwundet--

Hamlet.

Hier, du blutschändrischer, mördrischer, verdammter Dähne, trink

diesen Becher aus--ist die Perle hier? Folge meiner Mutter--

(Der König stirbt.)

Laertes.

Er hat empfangen was er verdient hat. Er selbst mischete das Gift.

Laß uns einander verzeihen, edler Hamlet; mein und meines Vaters

Tod komme nicht über dich, noch deiner über mich!

(Er stirbt.)

Hamlet.

Der Himmel mög' ihn dir nicht zurechnen! Ich bin des Todes,

Horatio--Unglükliche Königin, Adieu!--Ihr, die ihr mit erblaßten

Gesichtern umhersteht, und vor Entsezen über diesen Vorfall zittert;

ihr, die ihr nur die stummen Personen oder die Zuhörer bey diesem

Trauerspiel seyd--hätte ich nur Zeit--aber der Tod liegt zu hart

auf mir--oh, ich könnte euch Dinge sagen--laß es seyn!--Horatio,

ich sterbe; du lebst, dir überlaß ich meine Ehre und meine

Rechtfertigung bey den Unberichteten.

Horatio.

Das glaubt nicht, daß ich leben werde--Ich bin mehr ein alter Römer

als ein Dähne--Hier ist noch von dem Trank übrig.

Hamlet.

Wenn du ein Mann bist, so gieb mir den Becher; laß gehen; beym

Himmel, ich will ihn haben. O mein redlicher Horatio, was für

einen verwundeten Namen, werd' ich bey diesen Umständen hinter mir

lassen! Wenn du mich jemals in deinem Herzen getragen hast, so

verbanne dich selbst noch eine Weile von der Glükseligkeit, und

schleppe dich noch so lange in dieser mühseligen Welt, bis du mein

Andenken gerechtfertiget hast.

(Man hört einen Marsch und bald darauf ein Salve hinter der Scene.)

Was für ein kriegrisches Getöse ist das?

Sechste Scene.

(Oßrik tritt auf.)

Oßrik.

Der junge Fortinbras, welcher siegreich von Pohlen zurük kommt,

beehrt die Abgesandten von England mit diesem kriegerischen Gruß.

Hamlet.

O ich sterbe, Horatio; die Stärke des Gifts überwältigt meinen

Geist: Ich kan nicht so lange leben, die Nachrichten aus England zu

hören. Aber ich sehe vorher, daß die Wahl auf Fortinbras fallen

wird; er hat meine sterbende Stimme: Das sag ihm mit allen den

Umständen, die diesen Ausgang--Es ist vorbey--

(Er stirbt.)

Horatio.

Nun bricht ein edles Herz; gute Nacht, liebster Prinz, und Engels-

Schwingen mögen dich zu deiner Ruhe tragen!--Wie, die Trummeln

kommen näher? (Fortinbras und die Englischen Gesandten, mit

Trummeln, Fahnen, und Gefolge treten auf.)

Fortinbras.

Was für ein Anblik ist das?

Horatio.

Der kläglichste und ausserordentlichste, den eure Augen jemals

sehen werden.

Fortinbras.

Vier fürstliche Leichen, todt und in ihrem Blut liegend--O stolzer

Tod, was für ein Gastmal giebst du in deiner höllischen Grotte, daß

du so viele Prinzen mit einem Streich geschlachtet hast.

Abgesandten.

Der Anblik ist entsezlich, und unsre Commission aus England kommt

zu späte. Die Ohren sind fühlloß, die uns Audienz geben sollten.

Wir sollten ihm melden, daß sein Befehl an Rosenkranz und

Güldenstern vollzogen worden: Von wem werden wir nun unsern Dank

erhalten?

Horatio.

Nicht von diesem Munde (des Königs), hätte er noch das Vermögen zu

reden: Denn er gab niemals keinenBefehl daß sie sterben sollten.

Allein, nachdem es sich nungefüget hat, daß ihr beyderseits so

schiklich, ihr von demPolnischen Krieg und ihr von England, zu

dieser blutigen Sceneangekommen seyd; so gebet Befehl, daß diese

Leichen auf einemerhöheten Gerüste ausgesezt werden, damit ich der

Welt, für welchealles noch ein Geheimniß ist, sagen könne, wie

diese Dinge sichzugetragen haben. Ihr werdet dann von grausamen,

blutigen undunnatürlichen Thaten hören, wie einige durch

verrätherische Ränke,andre durch den blossen Zufall, und wie am

Ende die mißlungenenAnschläge auf ihrer Erfinder eignen Kopf

gefallen sind. Von allemdiesem kan ich umständliche und echte

Nachricht geben.

Fortinbras.

Mich verlangt es zu hören--Die Anstalten sollen gemacht, und der

Adel zusammen beruffen werden. Was mich betrift so umarme ich mein

Glük mit traurigem Herzen; ich habe einiges Recht an dieses

Königreich, welches ich durch diese Zufälle nun geltend zu machen

veranlaßt bin.

Horatio.

Auch hievon hab ich zu reden, und aus einem Munde, dessen Stimme

manche andre nach sich ziehen wird: Aber lasset die Anstalten

unverzüglich gemacht werden, izt, da die Gemüther noch bestürzt und

unfähig sind Entwürfe zu machen, die zu neuen Verwirrungen Anlaß

geben könnten. (Fortinbras giebt Befehl, daß Hamlets Leiche unter

kriegerischer Musik, von vier Hauptmännern auf das Gerüste getragen

werde--(Sie marschieren ab, und das Stük hört mit einem abermaligen

Salve aus dem kleinen Geschüz auf.)

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Hamlet, Prinz von Dännemark,

von William Shakespeare (Übersetzt von Christoph Martin Wieland).

Hamlet, Prinz von Dännemark · 第 6 / 7 题