(zum Könige.)
Er vergiftet ihn in seinem Garten, um Herr von seinem Vermögen zu
werden; sein Nam' ist Gonzago; die Historie davon ist im Druk, sie
ist im besten Toscanischen geschrieben. Sogleich werdet ihr sehen,
wie der Mörder auch die Liebe von Gonzago's Gemahlin gewinnt--
Ophelia.
Der König steht auf.
Hamlet.
Wie, von einem blinden Lermen erschrekt?
Königin.
Was fehlt meinem Gemahl?
Polonius.
Hört auf zu spielen!
König.
Gebt mir Licht. Weg! weg!
Alle.
Lichter, Lichter, Lichter!
(Sie gehen in Verwirrung ab.)
Siebende Scene.
(Hamlet und Horatio bleiben.)
Hamlet.
Laßt weinen den verwundten Hirsch,
Der unverlezte scherzt:
Denn billig wacht die Missethat
Indem die Unschuld schläft. Würde das, Herr, (wenn alles andre
fehlschlüge) und ein Wald von Federn auf dem Hut, und ein paar
ungeheure Rosen auf meinen gestreiften Schuhen, mir nicht einen
Plaz unter einen Kuppel von Comödianten verschaffen?
Horatio.
Ich mache mit, wenn's dazu kommt.
Hamlet.
O mein guter Horatio, ich wollte des Geists Wort für zehntausend
Thaler annehmen. Hast du's gesehen?
Horatio.
Nur gar zu wohl, Gnädiger Herr.
Hamlet.
Wie die Rede vom Vergiften war?
Horatio.
Ich hab' es sehr wol beobachtet. (Rosenkranz und Güldenstern
treten auf.)
Hamlet.
He! holla! kommt, spielt uns eins auf. Kommt, wo sind die
Flöten? Wenn die Comödie dem König nicht gefällt, nun, so gefällt
sie ihm eben nicht, und er muß wissen warum. Kommt, spielt auf,
sag ich.
Güldenstern.
Mein Gnädiger Prinz, erlaubet mir ein Wort mit euch zu reden--
Hamlet.
Eine ganze Historie, Herr.
Güldenstern.
Der König, mein Herr--
Hamlet.
So, mein Herr, was giebt's von ihm?
Güldenstern.
Hat sich in sein Cabinet verschlossen, und befindet sich
ausserordentlich übel--
Hamlet.
Vielleicht von zu vielem Wein?
Güldenstern.
Nein, Gnädiger Herr, von Galle--
Hamlet.
Eure gewöhnliche Weisheit hat euch nicht wohl gerathen, mein Herr,
da sie euch zu mir gewiesen hat; zum Doctor hättet ihr gehen sollen;
ich kan hier nichts; denn wenn ich ihm auch ein Purgier-Mittel
eingeben wollte, so möcht' es ihm leicht noch mehr Galle machen.
Güldenstern.
Gnädiger Herr, höret mich an, anstatt durch solche seltsame
Absprünge meinem Vortrag auszuweichen.
Hamlet.
Ich will stehen bleiben, Herr--Sprecht!
Güldenstern.
Die Königin, eure Frau Mutter, schikt mich in grössester Betrübniß
ihres Herzens zu euch.
Hamlet.
Ihr seyd willkommen.
Güldenstern.
Nein, Gnädiger Herr, dieses Compliment ist hier ausser seinem Plaz.
Wenn es euch beliebig ist, mir eine gesunde Antwort zu geben, so
will ich mich des Auftrags entledigen, den mir eure Mutter
aufgegeben hat; wo nicht, so werdet ihr mir verzeihen, wenn ich
gehe, und mein Geschäft für geendigt halte.
Hamlet.
Herr, das kan ich nicht--
Güldenstern.
Was, Gnädiger Herr?
Hamlet.
Euch eine gesunde Antwort geben; mein Wiz ist gar nicht wohl auf
Aber, Herr, so gut als ich eine Antwort geben kan, steht sie euch
zu Diensten; oder vielmehr wie ihr sagt, meiner Mutter--also nur
ohne fernern Umschweif zur Sache!--Meine Mutter, sagt ihr--
Rosenkranz.
Nun dann, das sagt sie; euer Betragen hat sie in das äusserste
Befremden und Erstaunen gesezt.
Hamlet.
O erstaunlicher Sohn, der seine Mutter so in Erstaunen sezen kan!
Aber stolpert nicht etwann eine Folge hinter dieser Erstaunung her?
Rosenkranz.
Sie wünscht, eh ihr zu Bette geht, in ihrem Cabinet mit euch zu
sprechen.
Hamlet.
Wir werden gehorchen, und wenn sie zehnmal unsre Mutter wäre. Habt
ihr noch weiter was mit uns zu handeln?
Rosenkranz.
Gnädiger Herr, ihr liebtet mich einst--
Hamlet.
Das thu ich noch--
Rosenkranz.
Nun, dann, liebster Prinz, um unsrer alten Freundschaft willen, was
ist die Ursache dieses euers seltsamen Humor's? Seyd versichert,
ihr sezt eure eigne Freyheit in Gefahr, wenn ihr euch länger
weigert, eure Beschwerden einem Freunde zu vertrauen.
Hamlet.
Mein Herr, ich möchte gern Befördrung.
Rosenkranz.
Wie kan das seyn, da ihr das Königliche Wort für eure Thronfolge in
Dännemark habt?
Hamlet.
Schon gut, aber, (weil das Gras wächßt)--Das Sprüchwort ist ein
wenig schmuzig. (Einer mit einer Flöte tritt auf.) O, die Flöten;
laßt mich eine sehen--Wir gehen mit einander, mein Herr--Wie, warum
geht ihr so um mich herum, mir den Wind abzugewinnen, als ob ihr
mich in ein Garn treiben wolltet?
Güldenstern.
O mein Gnädiger Prinz, wenn mich meine Pflicht zu kühn macht, so
zwingt mich meine Liebe so gar unhöflich zu seyn.
Hamlet.
Das versteh' ich nicht allzuwol. Wollt ihr auf dieser Flöte
spielen?
Güldenstern.
Ich kan nicht, Gnädiger Herr.
Hamlet.
Ich bitte euch.
Güldenstern.
Glaubt mir, auf mein Wort, ich kan nicht.
Hamlet.
Ich bitte recht sehr.
Güldenstern.
Ich kenne keinen Griff, Gnädiger Herr.
Hamlet.
Es ist eine so leichte Sache als Lügen; regiert die Windlöcher mit
euern Fingern und dem Daumen, blaßt mit euerm Mund darein, und es
wird die beredteste Musik von der Welt von sich geben. Seht ihr,
hier sind die Griff-Löcher.
Güldenstern.
Aber das ist eben der Fehler, daß ich sie nicht zu greiffen weiß,
damit eine Harmonie heraus komme; ich verstehe die Kunst nicht.
Hamlet.
So? seht ihr nun, was für ein armseliges Ding ihr aus mir machen
wollt; ihr möchtet gern auf mir spielen; ihr möchtet dafür
angesehen seyn, als ob ihr meine Griffe kennet; ihr möchtet mir
gern mein Geheimniß aus dem Herzen herausziehen; ihr wollt daß ich
euch von der untersten Note an bis zur höchsten angeben soll; das
wollt ihr; und es ist so viel Musik, ein so reizender Gesang in
diesem kleinen Stüke Holz, und doch könnt ihr sie nicht
herausbringen? Wie, bildet ihr euch ein, daß ich leichter zu
spielen bin als eine Pfeiffe? Nennt mich welches Instrument ihr
wollt, aber wenn ihr schon auf mir herumpfuschen könnt, so könnt
ihr doch nicht auf mir spielen--Grüß euch Gott, mein Herr--
Polonius (zu den Vorigen).
Gnädiger Herr, die Königin möchte gern mit euch sprechen, und das
sogleich.
Hamlet.
Seht ihr dort jene Wolke, die beynahe wie ein Camel aussieht?
Polonius.
Bey Sct. Veit, in der That, vollkommen wie ein Camel.
Hamlet.
Mich däucht, sie gleicht eher einer Amsel.
Polonius.
Sie ist schwarz wie eine Amsel.
Hamlet.
Oder einem Wallfisch?
Polonius.
Sie hat viele Ähnlichkeit mit einem Wallfisch, das ist wahr.
Hamlet.
Nun, so will ich gleich zu meiner Mutter kommen--
(vor sich.)
--Die Kerls werden mich noch toll machen--Ich will kommen,
augenbliklich.
Polonius.
Ich will es so sagen.
Hamlet.
Augenbliklich ist bald gesagt. Laßt mich allein, gute Freunde.
(Sie gehen ab.)
Es ist nun Mitternacht, die Zeit wo Zauberer und Unholden hinter
dem Vorhang der Finsterniß ihre abscheulichen Künste treiben; die
Zeit, wo Kirchhöfe ihre Todten auslassen, und die Hölle selbst
verpestete Seuchen in die Oberwelt aufdünstet. Nun könnt ich
heisses Blut trinken, Dinge thun, von deren Anblik der bessere Tag
zurükschauern würde. Stille! Nun zu meiner Mutter--O mein Herz,
verliehre deine Natur nicht! Laß nicht, o! nimmermehr! die Seele
des Nero in diesen entschlossenen Busen fahren; ich will grausam
seyn, nicht unnatürlich; ich will Dolche mit ihr reden, aber keinen
gebrauchen. Hierinn sollen meine Zunge und mein Herz nicht
zusammen stimmen. So unbarmherzig immer meine Worte mit ihr
verfahren werden, so fern sey es doch auf ewig von meiner Seele,
sie ins Werk zu sezen.
(Er geht ab.)
Achte Scene.
(Der König, Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)
König.
Er gefällt mir gar nicht, und es würde auch nicht sicher für uns
seyn, diese Tollheit so ungebunden fortschwärmen zu lassen. Macht
euch also reisefertig; ich will euch unverzüglich eure Instruction
aufsezen, und er soll mit euch nach England. Die Umstände
gestatten nicht, uns den Gefahren bloß zu stellen, welche stündlich
aus seinen Mondsüchtigen Launen entstehen können.
Güldenstern.
Wir wollen uns anschiken; es ist eine höchst gerechte und heilige
Furcht, für so vieler tausend Personen Sicherheit besorgt zu seyn,
die in Eu. Majestät leben.
Rosenkranz.
Es ist die Privat-Pflicht eines jeden Menschen, alle Kräfte seines
Verstands dazu anzustrengen, sich selbst vor Schaden zu bewahren:
Aber vielmehr ist es eine Pflicht deßjenigen Geists, der die Seele
des ganzen Staats-Körpers ist, und von dessen Wohl das Leben so
vieler andern abhängt. Der Tod eines Königs ist nicht der Tod
eines einzigen, sondern zieht, wie ein Strudel alles was ihm nahe
kommt, in sich. Er ist wie ein Rad, das von dem Gipfel des
höchsten Bergs herunter gewälzt, unter seinen ungeheuren Speichen
tausend kleinere Dinge die daran hangen zertrümmert. Ein König
seufzt nie allein; wenn er leidet, leiden alle.
König.
Rüstet euch, ich bitte euch, aufs eilfertigste zu dieser Reise; wir
müssen dieser Gefahr Fesseln anlegen, die bisher so frey herum
gegangen ist.
Beyde.
Wir wollen unser äusserstes thun.
(Sie gehen ab.)
(Polonius tritt auf.)
Polonius.
Gnädigster Herr, er ist im Begriff, in seiner Frau Mutter Cabinet
zu gehen; ich will mich hinter die Tapeten versteken, um zu hören,
wie sie ihm den Text lesen wird. Denn wie Euer Majestät sagte,
(und es war weislich gesagt) es ist nicht überflüssig, daß noch
jemand andrer als eine Mutter, (die das mütterliche Herz immer
partheyisch zu machen pflegt) mit anhöre, was er zu seiner
Verantwortung sagen wird. Lebet wohl, mein Gebieter, ich will euch
wieder aufwarten, eh ihr zu Bette geht, und euch erzählen, was ich
gehört haben werde.
(Er geht ab.)
König.
Ich danke euch, mein ehrlicher Polonius.
(allein.)
O! Mein Verbrechen ist stinkend; es riecht zum Himmel hinauf; es
ist mit dem ältesten Fluche beladen; ein Bruder-Mord--Beten kan ich
nicht--wie könnt' ich, da ich, in innerlichem Streit zwischen
meiner Neigung und meinem Vorsaz demjenigen gleich bin, der zwey
Geschäfte vor sich liegen hat, und unterm Zweifel, welches er
zuerst thun soll, beyde versäumt.--Wie, wenn diese verbrecherische
Hand diker als sie ist, mit Bruder-Blut überzogen wäre? Hat der
allgütige Himmel nicht Regen genug, sie schneeweiß zu waschen?
Wozu dient Barmherzigkeit, als dem Verschuldeten Gnade zu erweisen?
Hat nicht das Gebet diese doppelte Kraft, uns Unterstüzung zu
verschaffen, eh wir fallen, oder Vergebung, wenn wir gefallen sind?
So will ich dann aufschauen--Mein Verbrechen ist hinweg. Aber, o!
was für eine Formul von Gebet kan ich gebrauchen?--"Vergieb mir
meinen schändlichen Mord!"--Das kan nicht seyn, da ich noch immer
im Besiz der Vortheile bin, um derentwillen ich diesen Mord begieng--
meiner Krone, und meiner Königin? Wie kan ein Verbrecher
Vergebung hoffen, so lang er sich den Gewinn seiner Übelthat
vorbehält? Ja, nach dem verkehrten Lauf dieser Welt kan es seyn,
kan des Verbrechens übergüldete Hand das Auge der Gerechtigkeit
zuschliessen; hier, wo oft der Lohn der Ungerechtigkeit selbst das
Gesez auskauft; aber so ist es nicht dort oben: Dort gelten keine
Ausflüchte; dort liegt die That in ihrer natürlichen Blösse da, und
wir sind gezwungen, ihr Zeugniß wieder uns, im Angesicht unsrer
Sünden, zu bekräftigen. Wie dann? Was bleibt übrig?--Versuchen,
was Reue vermag: Was vermag sie nicht?--Aber was vermag blosse
unfruchtbare Reue?--O unseliger Zustand! O, im Schlamme versunkene
Seele! die du desto tiefer versinkst, je mehr du dich losarbeiten
willst. Helft mir, ihr Engel! helfet! Zur Erde, ihr
ungeschmeidigen Kniee! Und du, Herz mit Fibern von Stahl, enthärte
dich, und werde so weich wie die Sehnen eines neugebohrnen Kinds!--
Es kan noch alles gut werden.
(Er begiebt sich in den hintersten Theil der Scene und kniet nieder.)
Neunte Scene.
(Hamlet tritt auf.)
Hamlet.
Izt könnt' ich's am füglichsten thun, izt da er betet, und izt will
ich's thun--so fährt er doch gen Himmel--Und das sollte meine Rache
seyn? Das würde fein lauten!--Ein Bösewicht ermordet meinen Vater,
und davor schik ich sein einziger Sohn, diesen nemlichen Bösewicht
gen Himmel--O, das wäre Belohnung nicht Rache! Er überfiel meinen
Vater unversehens, bey vollem Magen, mit allen seinen in voller
Blüthe stehenden Sünden--und wie es nun um ihn steht, weiß allein
der Himmel--Unsern Begriffen nach übel genug. Wär ich also
gerochen, wenn ich ihm in dem Augenblik wegnähme, da sich seine
Seele ihrer Schulden entladen hat, da sie zu diesem Übergang
geschikt ist?--Hinein, mein Schwerdt; du bist zu einem
schreklichern Dienst bestimmt! Wenn er betrunken ist und schläft,
oder im Ausbruch des Zorns, oder mitten in den blutschänderischen
Freuden seines Bettes, wenn er spielt, flucht, oder sonst etwas
thut, das keine Hoffnung der Seligkeit übrig läßt, dann gieb ihm
einen Stoß, daß er seine Beine gen Himmel streke, indem seine
schwarze Seele zur Hölle fährt--Meine Mutter wartet auf mich--eine
Arzney, die zu nichts dient, als eine unheilbare Krankheit zu
verlängern.
(Er geht ab.)
(Der König steht auf, und tritt vorwärts.)
König.
Meine Worte fliegen auf, meine Gedanken bleiben zurük; und Worte
ohne Gedanken langen nie im Himmel an.
(Er geht ab.)
Zehnte Scene.
(Verwandelt sich in das Cabinet der Königin.)
(Die Königin und Polonius treten auf.)
Polonius.
Er wird sogleich da seyn; seht, daß ihr rund mit ihm zu Werke geht;
sagt ihm, die Streiche die er gespielt habe seyen zu grob, zum
Ausstehen; der König sey sehr ungehalten darüber, und wenn ihr
nicht seine Fürsprecherin gewesen wäret, so hätte es Folgen haben
können--Ich will mich hier verbergen; ich bitte euch, sagt ihm die
Meynung fein scharf.
Hamlet (hinter der Scene.)
Mutter! Mutter!--
Königin.
Seyd deßwegen ohne Sorge; verlaßt euch auf mich--Entfernt euch, ich
hör' ihn kommen.
(Polonius verbirgt sich hinter die Tapeten.)
(Hamlet tritt auf.)
Hamlet.
Nun, Mutter, was ist die Sache?
Königin.
Hamlet, du hast deinen Vater sehr beleidiget.
Hamlet.
Mutter, ihr habt (meinen) Vater sehr beleidiget.
Königin.
Kommt, kommt, ihr gebt mir eine verkehrte Antwort.
Hamlet.
Sie schikt sich auf eine boshafte Anrede.
Königin.
Wie, was soll das seyn, Hamlet?
Hamlet.
Was wollt ihr dann?
Königin.
Kennst du mich nicht mehr?
Hamlet.
Nein, beym Himmel, das nicht; ihr seyd die Königin, euers Gemahls
Bruders Weib, aber ich wollte, ihr wäret es nicht!--Ihr seyd meine
Mutter.
Königin.
Gut, wenn du aus diesem Ton anfängst, so will ich dir jemand
antworten lassen, der reden kan--
Hamlet.
Kommt, kommt, und sezt euch nieder; ihr sollt mir nicht von der
Stelle: Ich laß euch nicht gehen, bis ich euch einen Spiegel
vorgehalten habe, worinn ihr euch bis auf den Grund eurer Seele
sehen sollt.
Königin.
Was hast du im Sinn? Du wirst mich doch nicht ermorden wollen?
Hülfe! ho!
Polonius (hinter der Tapete.)
Wie? He, Hülfe!
Hamlet.
Was giebt's da? Eine Maus? Todt um einen Ducaten, todt.
(Er ersticht den Polonius.)
Polonius.
O, ich bin ein Mann des Todes.
Königin.
Weh mir! Was hast du gethan?
Hamlet.
In der That, ich weiß es nicht: Ist es der König?
Königin.
O, was für eine rasche und blutige That ist das!
Hamlet.
Eine blutige That; beynahe so schlimm, meine gute Mutter, als einen
König ermorden und seinen Bruder heyrathen.
Königin.
Einen König ermorden?
Hamlet.
Ja, Gnädige Frau, das war mein Wort.
(Zu Polonius.)
Du unglüklicher, unbesonnener, unzeitig-geschäftiger Thor, fahr du
wohl! Ich hielt dich für einen Grössern als du bist; habe nun, was
du dir zugezogen hast; du erfährst nun, daß es gefährlich ist, sich
gar zu viel zu thun zu machen--
(Zur Königin.)
Macht nicht so viel Hände-Ringens, still, sezt euch nieder, und
laßt mich euer Herz in die Presse nehmen; denn das will ich thun,
wenn es anders von lasterhafter Gewohnheit nicht so eisenhart
worden ist, daß es alles Gefühl verlohren hat.
Königin.
Was hab ich gethan, das dich vermessen genug macht, mich so rauh
anzulassen?
Hamlet.
Eine That, welche die keusche Röthe der Unschuld selbst verdächtig
macht, und die Tugend eine Heuchlerin nennt; die Rose von der
schönen Stirne einer rechtmäßigen Liebe wegreißt und eine Eyter-
Beule an ihre Stelle sezt; eine That, die den Ehgelübden nicht mehr
Glauben übrig läßt, als die Schwüre falscher Würfel-Spieler haben--
O! so eine That, die den ehrwürdigsten Verträgen die Seele
ausreißt, und die holde Religion in leeren Wörter-Schall verwandelt.
Des Himmels Angesicht sieht, seit dem diese That geschehen ist,
mit trübem Auge auf diesen Erdball herab; so düster und traurig,
wie beym Anbruch des Welt-Gerichts.
Königin.
Weh mir, was für eine That?
Hamlet.
Die so laut brüllt, daß sie bis in die Indien donnert--Seht hieher,
seht auf dieses Gemählde, und auf dieses, die Abbildungen zwoer
Brüder: seht, was für eine Würde saß auf dieser Stirne--Hyperions
Loken--die Stirne des Jupiters selbst--ein Auge, wie des Kriegs-
Gottes, zu schreken oder Befehle zu herrschen; eine Stellung, wie
des Herolds der Götter, der sich eben auf einen himmelküssenden
Hügel herabgeschwungen hat; eine Gestalt, auf welche jeder Gott
sein Siegel gesezt zu haben schien um der Welt zu urkunden, daß das
ein Mann sey. Das war euer Gemahl--Seht nun hieher; hier ist euer
Gemahl, er, der wie der Mihlthau eine gesunde Ähre, seinen Bruder
vergiftete. Habt ihr Augen? Konntet ihr die gute Weyde auf diesem
schönen Berge verlassen, um euch in diesem Morast zu wälzen? Ha!
habt ihr Augen? Ihr könnt es nicht Liebe heissen; denn, in euerm
Alter, ist das Blut zahm, und läßt sich von der Vernunft leiten;
und welche Vernunft würde von (diesem) zu (diesem) übergehen?
Sinnlichkeit habt ihr, das ist gewiß; sonst könntet ihr keine
Vorstellung haben; aber diese Sinnen sind vom Schlage getroffen:
Wahnwiz könnte sich nicht so sehr verirrt haben; so toll wird
niemand, daß ihm nicht noch immer so viel Unterscheidungs-Kraft
übrig bleibe, eine solche Verschiedenheit wahrzunehmen--Was für ein
Teufel hat euch denn die Augen verbunden, wie ihr diese Wahl
machtet? Augen ohne Gefühl, Gefühl ohne Augen, Ohren ohne Hände
oder Augen, oder nur ein kranker Rest eines einzigen unverblendeten
Sinn's hätte sich nicht so verfehlen können--O Schaam! wo ist
deine Röthe? Rebellische Hölle, wenn du in den Gebeinen einer
Matrone einen solchen Aufruhr machst, so laß immer die Keuschheit
der Jugend Wachs seyn, und in ihrem eignen Feuer wegschmelzen.
Ruft keine Schande aus, wenn der ungestüme Trieb der Jugend-Hize in
Ausschweiffung auflodert, da der Frost selbst eben so ungezähmt
brennt, und Vernunft die Kupplerin schnöder Lüste wird.
Königin.
O Hamlet, halte ein! Du drehst meine Augen in meine innerste Seele,
und da seh ich so schwarze, so häßliche Fleken, daß sie nimmermehr
ihre Farbe verliehren werden.
Hamlet.
Gewiß nicht, so lang ihr fähig seyd in dem stinkenden Schweiß eines
blutschändrischen Bettes zu leben, der Liebe in einem unflätigen
Schwein-Stalle zu pflegen--
Königin.
O höre auf; diese Reden dringen wie Dolche in meine Ohren--Nichts
mehr, lieber Hamlet.
Hamlet.
Ein Mörder, und ein schlechter Kerl oben drauf!--Ein Sclave, der
nicht der zwanzigste Theil eines Zehentheils von euerm ersten Herrn
ist, der Pikelhäring unter den Königen, ein feiger Schurke und
Gaudieb, der die Krone von einem Küssen wegstahl, und sie in seinen
Schnapsak stekte--
Königin.
Genug, genug--
(Der Geist läßt sich sehen.)
Hamlet.
Ein zusammengeflikter Lumpen-König--Himmel!
(Er starrt mit Entsezen auf.)
umschwebet mich mit euern Flügeln, ihr himmlischen Wächter!--Was
will deine ehrwürdige Erscheinung?
Königin.
O weh! er ist wahnsinnig--
Hamlet.
Kommt ihr nicht, euern trägen Sohn zu beschelten, der die Zeit in
unthätigem Gram verliehrend, das grosse Werk, das ihr ihm
anbefohlen habt, liegen läßt?
Geist.
Vergiß es nicht: Dieser Besuch hat sonst keine Absicht, als deinen
fast stumpfen Vorsaz zu wezen. Aber, siehe! Erstaunen ergreift
deine Mutter! O tritt zwischen sie und ihre kämpfende Seele: In
den schwächsten Körpern wirkt die Einbildung am stärksten. Rede
mit ihr, Hamlet.
Hamlet.
Wie steht es um euch, Gnädige Frau?
Königin.
O weh! wie steht es um dich? daß du deine Augen so auf einen Ort
ohne Gegenstand heftest, und mit der unkörperlichen Luft Gespräche
führst? Deine Geister schauen wild aus deinen Augen heraus, und
gleich schläfernden Soldaten bey einem plözlichen Alarm, starren
deine Haare, wie beseelt, empor, und stehen unbeweglich auf ihren
Enden--O mein lieber Sohn, sprize kalte Geduld auf das Feuer deiner
Leidenschaft--Was schauest du so an?
Hamlet.
Ihn! Ihn selbst!--Seht ihr den düstern Schein, den er von sich
giebt? Seine Gestalt und seine Sache zusammengenommen, könnten
Steine in Bewegung und Leidenschaft sezen--O sieh mich nicht an,
oder dieser traurige Blik verwandelt meinen frömmern Vorsaz in Wuth--
und macht hier Blut für Thränen fliessen.
Königin.
Mit wem redet ihr?
Hamlet.
Seht ihr denn nichts hier?
(Er zeigt mit dem Finger auf den Geist.)
Königin.
Nicht das geringste; und doch seh ich alles was ist.
Hamlet.
Hört ihr auch nichts?
Königin.
Nein, nichts als uns beyde.
Hamlet.
Wie, seht nur dorthin! Seht, wie es hinweg gleitet! Mein Vater in
seiner leibhaften Gestalt! Seht, eben izt geht es durch die Thüre
hinaus.
(Der Geist verschwinde.)
Königin.
Es ist ein blosses Gespenst euers Hirns, ein unwesentliches
Geschöpf der schwärmenden Phantasie.
Hamlet.
Was Phantasie? Mein Puls schlägt so regelmässig als der eurige--
Ich habe nicht in tollem Muth gesprochen; sezt mich auf die Probe;
ich will euch alles von Wort zu Wort wieder hersagen; das kan der
Wahnwiz nicht--Mutter, um des Himmels willen, legt diese
schmeichlerische Salbe nicht auf eure Seele, als ob nicht euer
Verbrechen, sondern meine Tollheit rede: Das würde nur den
eyternden Schaden mit einer Haut überziehen, indeß das fäulende
Gift inwendig um sich frässe und das Übel unheilbar machte.
Beichtet eure Sünde dem Himmel; bereuet, was geschehen ist, und
vermeidet, was noch geschehen kan--Leget keine Düngung auf Unkraut,
um es noch üppiger zu machen. Vergebet mir diese meine Tugend;
weil doch in dieser verdorbnen Zeit die Tugend das Laster um
Vergebung bitten, und sich noch büken und krümmen muß, um Erlaubniß
zu erhalten, ihm Gutes zu thun.
Königin.
O Hamlet! Du hast mir das Herz entzwey gebrochen.
Hamlet.
O werft den schadhaften Theil weg, und lebt desto gesünder mit der
andern Hälfte. Gute Nacht; aber geht nicht in meines Oheims Bette:
Zwingt euch zur Tugend, wenn ihr sie nicht in euerm Herzen findet.
Die Gewohnheit, dieses Ungeheuer, welches das Gefühl aller bösen
Fertigkeiten wegfrißt, ist doch darinn ein Engel, daß sie auch die
Ausübung schöner und guter Handlungen erleichtert: Thut euch diese
Nacht Gewalt an; das wird die folgende Enthaltung schon weniger
mühsam machen; die nächstfolgende wird schon leichter seyn: Denn
Übung im Guten kan sogar den Stempel der Natur auslöschen, ja den
Teufel selbst überwältigen und austreiben, so sehr er sich entgegen
sträubt. Noch einmal, gute Nacht! und wenn ihr selbst nach dem
himmlischen Segen begierig seyd, denn will ich euch um euern Segen
bitten--Was diesen ehrlichen Mann betrift,
(er zeigt auf die Leiche des Polonius)
so ist mir's leid; aber es hat nun dem Himmel so gefallen, einen
durch den andern zu straffen, und mich zur Geisel zu machen, um sie
zu züchtigen. Ich will für ihn sorgen, und für den Tod, den ich
ihm gab, soll sein Geist Genugthüung von mir haben; hiemit noch
einmal gute Nacht! Ich muß grausam seyn, um eine gute Absicht zu
erhalten--Der Anfang ist nun gemacht, aber das Schlimmste steht
noch bevor.
Königin (in Verlegenheit.)
Was soll ich thun?
Hamlet (entrüstet und spöttisch.)
Ja bey Leibe nichts von allem, warum ich euch gebeten habe--Euch
von euerm strozenden König wieder in sein Bette loken, in die Baken
zwiken, sein Mäuschen nennen lassen; um ein paar stinkende Küsse,
oder dafür, daß er euch mit seinen verdammten Fingern am Halse
herum krabbelt, euch den ganzen Inhalt unsrer Unterredung abtändeln
lassen, und daß ich nicht wirklich, sondern nur verstellter Weise
toll bin. Es wäre recht gut, wenn ihr ihn das wissen liesset.
Denn warum sollte auch eine so schöne, kluge, tugendsame Königin
Sachen von solcher Wichtigkeit vor einer Kröte, vor einer
Fledermaus, vor einer Meer-Kaze geheim halten? Wer wollte das
thun? Nein, troz der Vernunft und Verschwiegenheit! Zieht den
Nagel aus dem Korb auf dem Dach, laßt die Vögel ausfliegen, und
kriecht, wie der Affe in der Fabel, dafür in den Korb hinein, und
wenn ihr euern eignen Hals darüber brechen solltet.
Königin.
Sey du versichert, wenn Worte aus Athem, und Athem aus Leben
gemacht sind, so hab ich kein Leben, um zu athmen was du mir gesagt
hast.
Hamlet.
Ich muß nach England, das wißt ihr doch?
Königin.
Ach ja, das hatt' ich vergessen; so ist's beschlossen worden.
Hamlet.
Die Briefe sind schon gesiegelt, und meine zween Schul-Cameraden
(denen ich trauen will, wie ich einer Otter in meiner Hand trauen
wollte) tragen die Instruction; sie sollen mit mir reisen, und
meine Wegweiser in die Grube seyn, die mir gegraben ist: Wir wollen
sehen, was daraus wird--Denn das ist eben der Spaß, wenn der
Artillerist in seiner eignen Mine in die Luft gesprengt wird; und
es muß hart hergehen, wenn ich nicht eine Ruthe tiefer als sie
grabe und sie in den Mond hinein blase. O es ist ein Vergnügen,
wenn eine List in gerader Linie auf die andre stößt!--Diesen wakern
Mann hier will ich aufpaken--Er ist zu schwer; ich will den Wanst
in das nächste Zimmer schleppen; gute Nacht, Mutter--In der That,
dieser geheime Rath, der in seinem Leben ein alberner plauderhafter
Bube war, ist nun auf einmal gesezt, gravitätisch und verschwiegen
worden. Kommt, Sir, wir wollen euch an Ort und Stelle bringen--
Gute Nacht, Mutter.
(Hamlet geht ab, und schleppt den Polonius nach.)
Vierter Aufzug.
Erste Scene.
(Das Königliche Zimmer.)
(Der König, die Königin, Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)
Der König (zur Königin.)
Diese Seufzer sind von Inhalt schwer; es ist nöthig, daß wir ihre
Bedeutung verstehen. Wo ist euer Sohn?
Königin.
Laßt uns auf einen Augenblik allein.
(zu Rosenkranz und Güldenstern welche sich entfernen.)
König.
Was ist's, Gertrude? Was macht Hamlet?
Königin.
Er ist rasender als die See und der Wind, wenn beyde kämpfen,
welches das mächtigste sey; in einem solchen Anstoß von unbändiger
Wuth hört er etwas hinter den Tapeten sich rühren, zieht den Degen,
ruft, eine Maus! und ersticht in dieser Einbildung den ungesehenen
guten alten Mann.
König.
Himmel! welch ein Unfall--So würde es (uns) gegangen seyn, wenn
wir an des Alten Plaz gewesen wären: Seine Freyheit drohet
allgemeine Gefahr, euch selbst und jederman. Wehe uns! Wie werden
wir diese blutige That rechtfertigen können? Sie wird uns zur Last
gelegt werden, weil wir die Vorsicht hätten haben sollen, diesen
rasenden jungen Menschen eingesperrt zu halten. Aber so weit gieng
unsre Liebe zu ihm; wir verblendeten uns selbst gegen das was die
Klugheit erforderte, und glichen hierinn einem Menschen, der mit
einem bösen Schaden behaftet ist, und ihn aus Furcht daß er bekannt
werden möchte, so lange nährt, bis er das Mark seines Lebens
weggefressen hat. Wo ist er hingegangen?
Königin.
Den Leichnam des Ermordeten wegzuschaffen, bey dem er sich so
gebehrdet, daß man deutlich siehet, wie sein Wille keinen Theil an
dem Werk seiner Raserey habe. Er beweint, was er gethan hat.
König.
O Gertrude, kommt mit mir; die Sonne soll nicht bälder die Gebirge
berühren, als wir ihn von hier zu Schiffe senden wollen: Und was
diese böse That betrift, so werden wir alles unsers Ansehens und
unsrer Klugheit nöthig haben, um ihren Folgen vorzubauen--He!
Güldenstern! (Rosenkranz und Güldenstern kommen zurük.) Meine
Freunde, geht, und nehmet noch einige Leute mit euch; Hamlet hat in
einem Anfall von Raserey den Polonius erschlagen, und ihn aus
seiner Mutter Cabinet weggeschleppt; geht, sucht ihn auf, redet
freundlich mit ihm, und bringt den Leichnam in die Schloß-Capelle.
Ich bitte euch, säumt euch keinen Augenblik.
(Rosenkranz und Güldenstern gehen ab.)
Kommt, Gertrude, wir wollen die Klügste von unsern Freunden
zusammenberuffen lassen, und ihnen anzeigen, sowol was wir zu thun
vorhaben, als was Hamlet unglüklicher Weise gethan hat. Es ist nur
allzu besorglich, daß das Gerücht diese That in kurzem durch die
ganze Welt flüstern, und vielleicht unsern Namen durch heimliche
Anschuldungen vergiften wird--Kommt, kommt; mein Gemüth ist voller
Unruh und innerlichem Streit--
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Hamlet tritt auf.)
Hamlet.
Nun liegt er wo er hin gehört--
(Hinter der Scene: Hamlet! Prinz Hamlet!)
Hamlet.
Was für ein Lerm? Wer ruft Hamlet? Ha, da kommen sie angestochen--
(Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)
Rosenkranz.
Was habt ihr mit dem todten Körper angefangen, Gnädiger Herr?
Hamlet.
Ihn dem Staub gegeben, zu dem er ein Anverwandter ist.
Rosenkranz.
Sagt uns, wo er liegt, damit wir ihn abholen und in die Capelle
tragen können.
Hamlet.
Das bildet euch nicht ein--
Rosenkranz.
Was einbilden?
Hamlet.
Daß ich euer Geheimniß verschweigen könnte und mein eignes nicht.
Zudem, wenn der Fräger ein Erdschwamm ist, was für eine Antwort kan
der Sohn eines Königs geben?
Rosenkranz.
Seht ihr mich für einen Schwamm an, Gnädiger Herr?
Hamlet.
Ja Herr, für einen Schwamm, der des Königs Blike, Winke und Minen
aufsaugt; aber solche Diener thun einem König den besten Dienst
erst am Ende; wenn er dessen bedarf, was ihr eingeschlukt habt, so
drukt er euch aus, und ihr werdet wieder der trokne löchrichte
Schwamm, der ihr vorher waret.
Rosenkranz.
Ich weiß nicht was ihr damit sagen wollt, Gnädiger Herr?
Hamlet.
Das ist mir lieb; eine spizige Rede schläft in einem närrischen Ohr.
Rosenkranz.
Gnädiger Herr, ihr müßt uns sagen, wo der Leichnam ist, und mit uns
zum Könige gehen.
Hamlet.
Der Leichnam ist schon beym Könige, aber der König nicht bey dem
Leichnam. Der König ist ein Ding--
Güldenstern.
Ein Ding, Gnädiger Herr?
Hamlet.
Von--Nichts: fährt mich zu ihm; Verstek dich, Fuchs, und alle
hinten drein.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Der König tritt auf.)
König.
Ich habe Befehl gegeben, ihn zu mir führen, und den Leichnam
aufsuchen zu lassen; wie gefährlich es ist, diesen Menschen so frey
herumgehen zu lassen! Und doch dürfen wir ihn nicht nach der
Strenge des Gesezes behandeln; der Pöbel, der seine Neigungen nicht
nach seiner Vernunft, sondern nach seinen Augen abmißt; der Pöbel,
der ihn liebt, würde in seiner Bestraffung, nicht ihr Verhältniß
gegen sein Verbrechen, sondern nur die Härte der Straffe sehen.
Glüklicher Weise fügt es sich, daß dieser Vorfall zu seiner
plözlichen Verschikung einen Vorwand giebt. Gegen verzweifelt
gewordene Schäden muß man verzweifelte Mittel gebrauchen oder gar
keine. (Rosenkranz tritt auf.) Was giebts? Was ist vorgefallen?
Rosenkranz.
Gnädigster Herr, wir können nicht von ihm heraus bringen, wo der
Leichnam hingekommen ist.
König.
Wo ist dann er?
Rosenkranz.
Draussen, Gnädigster Herr, mit einer Wache, euern Befehl erwartend.
König.
Führt ihn herein.
Rosenkranz.
He! Güldenstern, fährt den Prinzen herein. (Hamlet und
Güldenstern treten auf.)
König.
Nun, Hamlet, wo ist Polonius?
Hamlet.
Beym Essen.
König.
Beym Essen? wo dann?
Hamlet.
Nicht wo (er) ißt, sondern wo er gegessen wird; eine gewisse
Versammlung von politischen Würmern ist wirklich an ihm. Wo es
aufs Schmausen ankommt, ist in der Welt nichts über einen Wurm.
Wir mästen alle Creaturen damit sie uns mästen sollen, und für wen
mästen wir uns als für Maden? Euer fetter König, und euer magrer
Bettler sind nur verschiedne Gerichte; zwey Schüsseln auf eine
Tafel; das ist das Ende vom Liede.
König.
O weh! o weh!
Hamlet.
Ein Mensch, kan mit dem Wurm der einen König gegessen hat, einen
Fisch angeln, und den Fisch essen, der diesen Wurm gegessen hat.
König.
Was willst du damit sagen?
Hamlet.
Nichts, als daß ich euch zeigen will, wie es mit einem König so
weit kommen kan, daß er eine Reise durch die Gedärme eines Bettlers
machen muß.
König.
Wo ist Polonius?
Hamlet.
Im Himmel, schikt nur hin, und laßt nach ihm fragen. Wenn ihn euer
Abgesandter dort nicht findt, so sucht ihn an dem andern Orte
selbst. Aber, im Ernst zu reden, wenn ihr ihn binnen diesem Monat
nicht findet, so werdet ihr ihn riechen, wenn ihr die Treppe in die
Galerie hinauf geht.
König.
Geht, sucht ihn dort.
Hamlet.
Er wird euch gewiß nicht davon lauffen.
König.
Hamlet, diese deine That macht zu deiner eignen Sicherheit (für
welche wir eben so sehr besorgt sind, als höchlich wir das was du
gethan hast, mißbilligen) nothwendig, daß du in feuriger Eile nach
England abgehest. Schike dich also dazu an; das Schiff liegt
fertig, der Wind ist günstig, deine Gefährten warten, und alles
kehrt sich schon nach England hin.
Hamlet.
Nach England?
König.
Ja, Hamlet.
Hamlet.
Gut.
König.
So ist es, wenn du unsre Absichten kennnest.
Hamlet.
Ich sehe einen Cherub, der sie sieht; aber kommt, nach England!
Lebet wohl, liebe Mutter.
König.
Dein liebender Vater, Hamlet.
Hamlet.
Meine Mutter; Vater und Mutter ist Mann und Weib; Mann und Weib ist
Ein Fleisch, und also seyd ihr meine Mutter--Kommt nach England!
(Er geht ab.)
König.
Folgt ihm auf dem Fusse; lokt ihn mit guten Worten an Bord; keinen
Aufschub! Ich will ihn noch in dieser Nacht fort haben. Hinweg,
es ist alles schon fertig und gesegelt, was sonst zur Sache gehört;
ich bitte euch, macht hurtig--
(Rosenkranz und Güldenstern gehen ab.)
Und, England, wenn du meine Freundschaft werth hältst, wie du in
Ansehung meiner Macht thun solltest, da die Narben noch so rauh und
roth aussehen, die das dänische Schwerdt dir gegraben hat: So magst
du dich hüten, unsern Auftrag, der nichts geringere als den
unfehlbaren Tod Hamlets zum Gegenstand hat, kaltsinnig auszuführen.
Thu es England; Denn er raßt in meinem Blut wie ein zehrendes
Fieber, und du must mich curieren. Bis ich weiß daß es geschehen
ist, werde ich, so groß mein Glüks-Stand ist, keines frohen
Augenbliks geniessen.
(Er geht ab.)
Vierte Scene.
(Ein Lager an den Grenzen von Dännemark.)
(Fortinbras zieht mit einem Kriegs-Heer auf.)
Fortinbras.
Geh Hauptmann, vermelde dem dänischen Könige meinen Gruß; sag ihm,
daß seiner Bewilligung gemäß, Fortinbras um den freyen Durchzug
durch sein Reich ansuche; und sag ihm, wofern seine Majestät uns zu
sehen verlange, so würden wir ihm persönlich unsre Aufwartung
machen.
Hauptmann.
Ich werde es ausrichten, Gnädiger Herr.
Fortinbras.
Marschiert weiter--
(Fortinbras geht mit der Armee wieder ab.)
(Hamlet, Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)
Hamlet.
Mein guter Herr, wessen Völker sind das?
Hauptmann.
Sie sind aus Norwegen, mein Herr.
Hamlet.
Was ist ihr Vorhaben, mein Herr, wenn ich bitten darf?
Hauptmann.
Gegen einen Theil von Pohlen.
Hamlet.
Wer commandiert sie, mein Herr?
Hauptmann.
Fortinbras, des alten Norwegen Neffe.
Hamlet.
Gilt es dem ganzen Pohlen, oder ist die Frage nur von einem
District an den Grenzen?
Hauptmann.
Wenn ich euch die runde Wahrheit sagen soll, so gehen wir um einen
kleinen Flek Landes einzunehmen, wovon der Name das einträglichste
ist--wenn er fünf Ducaten einträgt--Fünf? Ich möcht' es nicht
darum in Pacht nehmen, auch würde es weder den Norwegen noch den
Pohlen mehr abwerfen, wenn es versteigert werden sollte.
Hamlet.
Wenn das ist, so wird sich der Polak wenig bekümmern, es euch
streitig zu machen.
Hauptmann.
Allerdings; er hat es schon mit einer starken Mannschaft besezt.
Hamlet.
Zweytausend Seelen und zwanzigtausend Ducaten werden nicht
zureichend seyn, diesen Streit um einen Stroh-Halm auszumachen.
Das ist das Apostem von übermässiger Grösse und Ruhe, das inwendig
aufbricht, ohne von aussen eine Ursache zu zeigen, warum der Mann
sterben muß. Ich danke euch, mein Herr, für eure Nachrichten.
Hauptmann.
Gott behüte euch, mein Herr.
Rosenkranz.
Gefällt's euch weiter zu gehen, Gnädiger Herr?
Hamlet.
Ich will gleich wieder bey euch seyn; geht nur ein wenig voraus.
(Sie gehen ab.)
Hamlet (allein.)
Müssen nicht alle Gelegenheiten gegen mich auftreten, und meine
edle Saumseligkeit beschämen? Was ist ein Mann, wenn alles was er
mit seiner Zeit gewinnt, Essen und Schlaffen ist? Ein Thier,
nichts bessers. O gewiß, Er, der uns mit einer Denkungs-Kraft
erschuf, die in einem so weiten Umkreis zurük und vor sich sieht,
gab uns dieses Vermögen, diese Gott-ähnliche Vernunft nicht, sie
ungebraucht rosten zu lassen. Wie dann? Ist es thierische
Unachtsamkeit, oder sind es Bedenklichkeiten; ist es eine zu genaue
Erwegung des Ausgangs, (ein Gedanke, der, wenn er geviertheilet
wird, nur einen Theil Weisheit und drey Viertel von einer feigen
Memme in sich hat:) was die Ursache ist daß ich noch lebe, um von
diesen Dingen als von solchen zu reden, die erst noch geschehen
sollen? Da ich doch Ursache, Willen, Vermögen und Mittel habe, sie
auszuführen--Was für ein Beyspiel! Ein so zahlreiches Heer, von
einem zarten jungen Prinzen angeführt, dessen Geist, von göttlicher
Ruhm-Begierde geschwellt, einem unsichtbaren Ausgang Troz bietet,
und alles was sterblich und ungewiß ist, allem was Zufall, Gefahr
und Tod vermögen, aussezt, und das um eine Eyer-Schaale--Das ist
nicht ein grosses Herz, das nur durch grosse Gegenstände in
Bewegung gesezt werden kan; auf eine edle Art die Gelegenheit zu
Händeln in einem Stroh-Halm finden, wenn es die Ehre fodert--Das
nenn' ich groß. Was steh' ich dann, ich, der einen ermordeten
Vater, eine entehrte Mutter habe, (Betrachtungen, meine Vernunft
und mein Blut zugleich aufzureizen!) was steh ich, und laß alles
schlaffen? Indeß ich, zu meiner Schande, zusehe, wie der Tod über
zwanzigtausend Männern herabhängt, die um einer Grille, um eines
vermeynten Ehren-Punkts willen, so ruhig in ihr Grab wie in ihr
Bette gehen; für ein Stükchen Boden fechten, das nicht weit genug
zu einem Grab für die Erschlagnen wäre. O meine Seele! So seyen
dann, von diesem Augenblik an, deine Gedanken blutig, oder höre auf
zu denken!
(Geht ab.)
Fünfte Scene.
(Verwandelt sich in den Palast.)
(Die Königin, Horatio, und ein Hof-Bedienter.)
Königin.
Ich will sie nicht sprechen.
Hofbedienter
Sie ist ausser sich, in der That, nicht recht bey sich selbst; ihr
Zustand verdient Mitleiden.
Königin.
Was will sie dann?
Hofbedienter
Sie spricht immer von ihrem Vater; sagt, sie höre, es gehe alles
bunt über Ek in der Welt; ruft ach und oh, schlägt sich auf die
Brust; stößt einen Stroh-Halm unwillig vor sich her; sagt Dinge,
die nur einen halben Sinn haben--die an sich nichts sind, aber dem
Hörer Anlaß zu Schlüssen geben, und mit den Winken, dem Kopf-
Schütteln und andern Gebehrden, die sie dazu macht, zwar ihre wahre
Meynung nicht deutlich machen, aber gerade so viel zu verstehen
geben, daß man sie mißverstehen kan.
Horatio.
Es wäre gut, wenn man mit ihr redete, denn sie könnte in
übelgesinnten Gemüthern seltsame Muthmassungen erweken. Laßt sie
herein kommen--
Königin (vor sich.)
Meiner kranken Seele scheint jeder Kinder-Tand das Vorspiel irgend
einer tragischen Begebenheit--So ist die Natur der Sünde; so
verräth sie sich selbst durch ihre immerwährende Furcht verrathen
zu werden. (Ophelia tritt auf.)
Ophelia.
Wo ist die schöne Majestät von Dännemark?
Königin.
Was macht ihr, Ophelia?
Ophelia (singend.)
Woran erkenn ich deinen Freund, wenn ich ihn finden thu?
An seinem Muschel-Hut und Stab und seinem hölzern Schuh.
Königin.
Ach! das arme Mädchen! was willt du mit diesem Liede?
Ophelia.
Sagt ihr das? Nein, ich bitte euch, hört zu.
(singend.)
(Er ist todt, Fräulein, er ist todt und dahin,
Ein grüner Wasen dekt sein Haupt, und seinen Leib ein Stein.)
(Der König tritt auf.)
Königin.
Aber meine liebe Ophelia--
Ophelia.
Ich bitte euch, horcht auf--
(Weiß ist dein Hemd, wie frischer Schnee.)
Königin.
O weh! Seht hieher, mein Herr.
Ophelia. Mit Blumen rings umstekt;
Sie gehn mit ihm ins Grab, benezt
Mit treuer Liebe Thau.
König.
Wie steht's um euch, junges Fräulein?
Ophelia.
Wohl, Gott sey bey euch! Die Leute sagen, die Eule sey vorher eine
Bekers-Tochter gewesen. Herr Gott! wir wissen was wir sind, aber
wir wissen nicht, was wir werden können. Gott segne euch das
Mittag-Essen!
König.
Traurigkeit über ihren Vater--
Ophelia.
Ich bitte euch, nichts mehr von dieser Materie; wenn sie euch
fragen, was es bedeuten sollte, so sagt ihnen das:
(Auf Morgen ist Sant Valentins Tag, und früh vor Sonnenschein
Ich, Mädchen, komm ans Fenster zu dir, und will dein Valentin seyn.
Da stuhnd er auf, und zog sich an, und ließ sie in sein Haus;
Sie gieng als Mädchen ein zu ihm, doch nicht als Mädchen aus.)
König.
Holdselige Ophelia!
Ophelia.
In der That, und ohne einen Eid, das soll das lezte seyn:
Bey Kilian und Sanct Charitas,
Das garstige Geschlecht!
Sie thun's sobald der Anlaß kommt;
Beym Hahn, es ist nicht recht.
Sie sprach: Bevor ihr mich ertappt,
Verspracht ihr mir die Eh;
Bey jener Sonn', ich hätt's gethan,
Was gabst du dich umsonst?
König.
Wie lang ist sie schon in diesem Zustande?
Ophelia.
Ich hoffe, alles soll gut gehen. Wir müssen Geduld haben; und doch
kan ich nicht anders als weinen, wenn ich denke, daß sie ihn in den
kalten Boden hineinlegen sollen; mein Bruder soll es erfahren, und
hiemit dank' ich euch für euern guten Rath. Kommt, wo ist meine
Kutsche?--Gute Nacht, meine Damen; gute Nacht, schöne Damen; gute
Nacht, gute Nacht.
(Sie geht ab.)
König (zu Horatio.)
Folgt ihr, und laßt genau auf sie Acht geben, ich bitte euch--
(Horatio geht ab.)
Das ist der Gift eines tiefen Grams, eine Folge von ihres Vaters
Tod. O Gertrude, Gertrude, wenn Unglük kommt, so kommt es nicht
einzeln, wie Kundschafter, sondern Schaaren-weis. Erst der
gewaltsame Tod ihres Vaters--Dann die Entfernung euers Sohns, die
er sich durch jene Mordthat gerechtest zugezogen--Das Volk von
ungesunden Muthmassungen über den Tod des guten Polonius, die von
einem Ohr ins andre geflüstert werden, aufgebracht und zur Empörung
bereit--Es war unvorsichtig von uns gehandelt, daß wir ihn heimlich
bestatten liessen--Die arme Ophelia ihres schönen Verstandes
beraubt--und was noch das schlimmste ist, so ist ihr Bruder in
geheim aus Frankreich zurükgekommen, hält sich verborgen, zieht
Erkundigung ein, und wird Ohrenbläser genug finden, die ihn mit
giftigen Reden über die Ursache von seines Vaters Tod ansteken
werden--O meine liebste Gertrude, das ist mehr als nöthig ist, mich
das Schlimmste besorgen zu machen.
(Man hört ein Getöse hinter der Scene.)
Königin.
Himmel, was für ein Getöse ist das?
Sechste Scene.
(Ein Hof-Bedienter zu den Vorigen.)
König.
Wo sind meine Schweizer? Laßt sie die Thüre bewachen--Was willst
du?
Hofbedienter
Rettet euch, Gnädigster Herr. Der über seine Ufer schwellende
Ocean frißt nicht mit reissenderm Ungestüm die Furten und Sandbänke
weg, als der junge Laertes, an der Spize eines aufrührischen
Hauffens eure Wachen zu Boden wirft; das Lumpenvolk nennt ihn Lord,
und nicht anders als ob die Welt erst izt anfienge, und Geseze,
Gebrauch und alles was die Bande der Gesellschaft befestiget, auf
einmal vergessen wären, ruffen sie: Machen wir den Laertes zu
unserm König! Kappen, Hände und Zungen geben ihren Beyfall bis in
die Wolken; alles schreyt: "Laertes soll unser König seyn, Laertes
König."
Königin. (Man hört das Getümmel näher)
Wie sie schreyen! Mit welcher Wuth von Freude! O, das sind nur
Rechen-Pfenninge, ihr falschen Dänischen Hunde--
(Laertes tritt auf, mit einer Partey vor der Thüre.)
König.
Die Thüren sind erbrochen.
Laertes.
Wo ist dieser König?--Ihr Herren! Bleibt ihr alle draussen stehen.
Alle.
Nein, wir wollen auch hinein.
Laertes.
Ich bitte euch, laßt mich gewähren.
Alle.
Wir wollen, wir wollen.
(Sie gehen ab.)
Laertes.
Ich danke euch; bewachet die Thüre. O du schändlicher König,
schaffe mir meinen Vater her.
Königin.
Ruhiger, guter Laertes.
Laertes.
Der Tropfe Bluts, der ruhig in mir ist, ruft mich zum Bastart aus;
nennt meinen Vater einen Hahnreyh; und brennt die Hure hier, hier
mitten zwischen die keusche und unbeflekte Augbraunen meiner
ehrlichen Mutter.
König.
Was ist die Ursache, Laertes, daß deine Empörung sich dieses
Riesenmässige Ansehen giebt? Laßt ihn gehen, Gertrude; besorget
nichts für eure Person; es ist etwas so Göttliches um einen König
hergezäunt, daß Verrätherey zu dem was sie gerne wollte, durch die
Vergitterung nur hineinguken kan; ohne die Kraft zu haben ihren
Willen ins Werk zu sezen. Sagt mir, Laertes, warum seyd ihr so
aufgebracht? Laßt ihn gehen, Gertrude--Redet, Mann!
Laertes.
Wo ist mein Vater?
König.
Todt ist er.
Königin.
Aber nicht durch seine Schuld.
König.
Laßt ihn fragen, bis er genug hat.
Laertes.
Warum ist er todt? Wie gieng es zu, daß er todt ist? Ich werde
mich nicht durch Ausflüchte abweisen lassen! Zur Hölle, Lehens-
Pflicht! Zum schwärzesten Teufel, du Eyd, den ich schwur!
Gewissen und Religion selbst in den tiefsten Brunnen! Ich troze
der Verdammniß; auf dem Punkt wo ich stehe, sind beyde Welten
nichts in meinen Augen; laß kommen was kommt; ich will Rache haben,
Rache für meinen Vater, volle überfliessende Rache!
König.
Wer soll euch denn aufhalten?
Laertes.
Nicht die ganze Welt; und was mein Vermögen betrift, so will ich so
damit haushalten, daß ich mit wenigem weit kommen will.
König.
Mein lieber Laertes, wenn ihr von dem Schiksal euers Vaters gewisse
Nachricht einziehen wollt, ist es bey euch beschlossen, daß ihr
beydes Freund und Feind, ohne Unterschied, eurer Rache aufopfern
wollt?
Laertes.
Niemand als seine Feinde.
König.
Wollt ihr wissen wer sie sind?
Laertes.
Seinen Freunden will ich mit ofnen Armen entgegen eilen, und sie
gleich dem Pelican mit meinem eignen Blut erhalten.
König.
Nun, das heißt wie ein gutes Kind und wie ein Edelmann gesprochen.
Daß ich an euers Vaters Tod unschuldig bin, und daß ich aufs
empfindlichste dadurch betrübt worden, das soll euerm Verstand so
klar werden, als der Tag euerm Auge ist.
(Man hört hinter der Scene ein Geschrey: Laßt sie hinein.)
Laertes.
Nun, was giebt's, was für ein Lerm ist das?
Siebende Scene.
(Ophelia, auf eine phantastische Art mit Stroh und Blumen
geschmükt, tritt auf.)
Laertes.
O Hize, trokne mein Gehirn auf! Thränen, siebenmal gesalzen,
brennet die Empfindung und Sehens-Kraft meiner Augen aus! Beym
Himmel, diese Verfinsterung deiner Vernunft soll mir so vollwichtig
bezahlt werden, bis die Wagschale an den Balken stößt--O Rose des
Mayen! Holdes Mädchen, liebe Schwester, angenehmste Ophelia!--
Himmel! ists möglich daß der Verstand eines jungen Mädchens so
sterblich seyn soll, als das Leben eines alten Mannes? Die Natur
ist in Liebe verfallen, und sendet dem geliebten Gegenstand das
Kostbarste was sie hat zum Andenken nach.
Ophelia (singend.)
Sie senkten ihn in kalten Grund hinab,
Und manche Thräne blieb auf seinem Grab.
Fahr wohl, mein Täubchen!
Laertes.
Hättest du deinen Verstand, und strengtest ihn an, mich zur Rache
zu bereden, er könnte nicht halb so viel rühren--
Ophelia.
Ihr müßt singen--Hinab, hinab--Ihr wißt ja das Lied?--Es war der
ungetreue Hausmeister, der seines Herrn Tochter entführte--Hier ist
Rosmarin, es ist zum Angedenken; ich bitte dich, Liebe, denk' an
mich; und hier sind Vergiß nicht mein--Hier ist Fenchel für euch,
und Agley--Hier ist Raute für euch,
(sie theilt im Reden ihre Blumen aus.)
und hier ist welche für mich. Wir könnten sie Gnaden-Kraut oder
Sonntags-Kraut nennen; ihr dürft eure Raute wol mit einigem
Unterschied tragen. Hier ist eine Maaß-Liebe; ich wollte euch gern
einige Veylchen geben, aber sie verwelkten alle, da mein Vater
starb: Sie sagen, er hab' ein schönes Ende genommen:
(singend:)
(Denn der Hanserl ist doch mein einziges Leben.)
Laertes.
Wer könnte bey einem solchen Anblik geduldig bleiben!
Ophelia. Und kommt er dann nicht wieder zurük?
Und kommt er dann nicht wieder zurük?
Nein, nein, er ist todt, geh in dein Tod-Bett!
Er kommt nicht wieder zurük.
Sein Bart war so weiß als Schnee
Ganz Silber-farb sein Haupt;
Er ist weg, er ist weg, und wir seufzen umsonst;
Friede sey mit seiner Seele!
Und mit allen Christen-Seelen--Gott behüte euch.
(Sie geht ab.)
Laertes.
Seht ihr das, ihr Götter?
König.
Laertes, laßt mich euern Schmerz theilen, oder ihr versagt mir mein
Recht: Geht wenn ihr zweifelt, leset eure verständigsten Freunde
aus, sie sollen Richter zwischen mir und euch seyn: Finden sie daß
wir auf irgend eine Art, geradezu oder verdekter Weise, in diese
Sache eingeflochten sind--so soll unser Königreich, unsre Krone,
unser Leben, und alles was wir unser nennen, euch zur Genugthüung
verfallen seyn. Ist es aber nicht, so leihet uns eure Geduld, und
wir wollen gemeinschaftlich mit einander arbeiten, eure Rache zu
befriedigen.
Laertes.
Laßt es so seyn. Die Art seines Todes, seine heimliche Bestattung,
ohne Ehren-Zeichen, ohne einiges Gepränge, das seinem Stand gebührt
hatte, alle Umstände ruffen so laut, als ob sie von der Erde bis in
Himmel gehört werden wollten, daß ich sie in Untersuchung ziehen
solle.
König.
Das thut: und wo ihr die Beleidigung findet, dahin lasset die
Straffe fallen. Ich bitte euch, folget mir.
(Sie gehen ab.)
Achte Scene.
(Horatio mit einem Bedienten tritt auf.)
Horatio.
Wer sind diese Leute, die mit mir sprechen wollen?
Bedienter.
Matrosen, mein Herr; sie sagen, sie haben Briefe für euch.
Horatio.
Laß sie hereinkommen--Ich kan nicht begreiffen, aus welchem Theil
der Welt ich Briefe bekommen sollte, wenn sie nicht vom Prinzen
Hamlet sind. (Einige Matrosen treten auf.)
Matrosen.
Gott helfe euch, Herr.
Horatio.
Dir auch.
Matrosen.
Das wird er auch, wenn er will, Herr--Hier ist ein Brief an euch,
Herr--wenn ihr euch Horatio nennt, wie man mir gesagt hat; er kommt
von dem Abgesandten, der nach England geschikt wurde.
Horatio (überließt den Brief.)
Horatio, wenn du dieses überlesen haben wirst, so verschaffe diesen
Leuten Gelegenheit vor den König zu kommen; sie haben Briefe an ihn.
Eh wir noch zween Tage auf dem Meere waren, verfolgte uns ein See-
Räuber von sehr stattlichem Ansehen. Da wir uns von ihm übersegelt
sahen, entschlossen wir uns zur Gegenwehr, und währendem Handgemeng
sprang ich zu ihnen an Bord--Augenbliklich liessen sie unser Schiff
fahren, und so blieb ich ihr Gefangner. Sie haben mir begegnet,
wie Diebe die zu leben wissen; das macht, sie wußten warum, und sie
sollen mir's nicht umsonst gethan haben. Mache, daß der König
seinen Brief überkommt, und suche mich dann so eilfertig auf, als
ob du vor dem Tode lieffest. Ich habe dir Worte ins Ohr zu sagen,
die dich taub machen werden; und doch sind sie viel zu leicht für
ihren Inhalt. Diese guten Bursche werden dich zu mir bringen.
Rosenkranz und Güldenstern sezen ihren Lauf nach England fort. Ich
habe dir viel von ihnen zu erzählen. Lebe wohl. "Dein Hamlet."
Kommt, ich will für die Bestellung eurer Briefe sorgen; und desto
eilfertiger, damit ihr mich ohne Verzug zu demjenigen führen könnet,
der euch geschikt hat.
(Sie gehen ab.)
Neunte Scene.
(Der König und Laertes treten auf.)
König.
Nunmehr muß dann euer Gewissen selbst meine Freysprechung sigeln,
und ihr müsset überzeugt seyn, daß ich euer Freund bin, da ihr
gesehen habt, daß eben derjenige, von dessen Hand euer edler Vater
fiel, mir selbst nach dem Leben getrachtet hat.
Laertes.
Die Beweise reden. Aber erlaubet mir zu fragen, warum ihr gegen
Übelthaten von so ungeheurer Beschaffenheit nicht gerichtlich
procedirt habet; da doch eure eigne Sicherheit, Klugheit, und alles
in der Welt euch rathen mußte, den Thäter zur Rechenschaft zu
ziehen?
König.
Zwoo besondre Ursachen haben mich davon abgehalten, die in euren
Augen vielleicht weniger Stärke haben als in den meinigen. Die
Königin seine Mutter lebt, so zu sagen, fast von seinen Bliken, und
ich selbst (es mag nun eine Tugend oder eine Schwachheit seyn:)
liebe sie so zärtlich, daß ich ihren Wünschen nichts versagen kan.
Der andre Grund ist die allgemeine Zuneigung, welche das Volk zu
ihm trägt, und die so weit geht, daß sie seine Fehler selbst
übergülden und seine Verbrechen zu Tugenden machen würden: so daß
meine Pfeile, zu schwach befiedert für einen so starken Wind, auf
mich selbst zurük gefallen, und nicht dahin gekommen wären, wohin
ich gezielt hätte.
Laertes.
Und so muß ich einen edlen Vater verlohren haben, und eine
Schwester zu Grund gerichtet sehen, deren Vortreflichkeit unser
ganzes Zeitalter herausfoderte, ihres gleichen zu zeigen--Aber
meine Rache soll nicht ausbleiben.
König.
Laßt euch das nichts von euerm Schlafe nehmen. Ihr müßt mich nicht
für einen so phlegmatischen milchlebrichten Mann halten, der sich
den Bart mit Gewalt ausrauffen läßt, und es für Kurzweil aufnimmt.
Ihr sollt bald mehr hören. Ich liebte euern Vater, und liebe mich
selbst, und dieses, hoff ich, wird euch nicht zweifeln lassen--Was
giebts? Was Neues? (Ein Bote.)
Bote.
Briefe, Gnädigster Herr, vom Prinzen Hamlet. Diesen an Eu.
Majestät, und diesen, an die Königin.
König.
Von Hamlet? Wer brachte sie?
Bote.
Matrosen, sagt man; ich sah sie nicht; die Briefe wurden mir von
Claudio gegeben, der sie von ihnen empfieng.
König.
Laertes, ihr sollt sie hören--Verlaßt uns, ihr--
(Der Bote geht ab.)
"Durchlauchtiger und Großmächtiger! Dieses soll euch
benachrichtigen, daß ich nakend in euer Königreich ausgesezt worden
bin. Auf Morgen werd' ich mir die Erlaubniß ausbitten, eure
Königliche Augen zu sehen; wo ich dann (in Hoffnung Verzeihung
deßwegen zu erhalten) erzählen werde, was die Gelegenheit zu dieser
schleunigen Wiederkunft gegeben hat." Was soll dieses bedeuten?
Sind die andern auch zurükgekommen? Ist es ein Kunstgriff--oder
ist gar nichts an der Sache?
Laertes.
Kennt ihr die Hand?
König.
Es ist Hamlets Handschrift--Nakend, und hier sagt er in einem
Postscript, allein--Könnt ihr mir sagen, was ich davon denken soll?
Laertes.
Ich begreiffe nichts davon, Gnädigster Herr; aber laßt ihn kommen;
mein Herz lebt wieder auf von dem Gedanken, daß ich es erleben
werde, ihm in seine Zähne zu sagen, das thatest du--
König.
Wenn es so ist, Laertes--ob ich gleich eben so wenig begreiffe daß
es ist, als wie es anders seyn kan--wollt ihr euch von mir weisen
lassen?
Laertes.
Ja, nur nicht daß ich ruhig bleiben soll.
König.
Was ich vorhabe, wird dir zu deiner eignen Gemüths-Ruhe verhelfen;
Wenn er nun wieder gekommen ist, weil ihm die Reise nicht anständig
war, und er nicht gesinnt ist, sie von neuem zu unternehmen; so
habe ich so eben etwas ausgedacht, das ihn unfehlbar zu seinem Fall
befördern soll, ohne daß sein Tod den mindesten Vorwurf nach sich
ziehen, noch seine Mutter selbst den Kunstgriff merken, sondern ihn
dem blossen Zufall beymessen soll.
Laertes.
Ich will mich weisen lassen, und desto lieber, wenn ihr es so
einrichten könnet, daß ich das Werkzeug bin.
König.
Das ist auch meine Meynung: Es ist seitdem ihr auf Reisen seyd, und
zwar in Hamlets Gegenwart, oft von einer gewissen Geschiklichkeit
gesprochen worden, worinn ihr ausserordentlich groß seyn sollt:
Alle eure übrigen Gaben zusammengenommen, erwekten nicht so viel
Eifersucht in ihm als diese einzige, die in meinen Augen die
geringste unter allen ist.
Laertes.
Was kan das seyn, Gnädigster Herr?
König.
Eine blosse Feder auf dem Hute der Jugend, aber doch nöthig; denn
die Jugend hat in der leichten und nachlässigen Liverey die sie
trägt, nicht weniger Anstand als das gesezte Alter in seinen Pelzen
und langen Ceremonien-Kleidern--Es sind ungefehr zween Monate, daß
ein junger Cavalier aus der Normandie hier war; die Normänner
werden für gute Reiter gehalten; wie ich selbst gesehen habe, da
ich ehmals gegen die Franzosen diente; aber bey diesem jungen
Menschen dachte man, daß es nicht natürlich zugehe; er schien mit
seinem Pferd zusammengewachsen, und wie ein Centaur, halb Mensch
und halb Pferd zu seyn, so bewundernswürdig hatte er sich zum
Meister desselben gemacht. Er übertraf alles, was man sich davon
einbilden kan.
Laertes.
Es war ein Normann?
König.
Ein Normann.
Laertes.
So soll's mein Leben gelten, wenn es nicht Lamond war.
König.
Der war's.
Laertes.
Ich kenne ihn wohl; er ist in der That der Ausbund und die Zierde
der ganzen Nation.
König.
Dieser erzehlte uns von euch, und legte euch eine so bewunderns-
würdige Geschiklichkeit in der Vertheidigungs-Kunst, besonders mit
dem Rappier, bey, daß er behauptete, es würde ein Wunder seyn, wenn
sich jemand finden sollte, der es mit euch aufnehmen dürfte. Er
schwur die besten Fechter seiner Nation hätten weder Behendigkeit,
Auge noch Kunst, so bald sie es mit euch zu thun hätten--Mein Herr,
diese Erzählung vergiftete den Hamlet mit solchem Neid, daß er den
ganzen Tag nichts anders that als wünschen und beten, daß ihr bald
zurük kommen möchtet, um mit ihm zu fechten. Nun aus diesem--
Laertes.
Was wollt ihr aus diesem machen, Gnädigster Herr?
König.
Laertes, war euch euer Vater lieb? Oder seyd ihr nur ein Gemählde
von einem Traurenden, ein Gesicht ohne Herz?
Laertes.
Warum diese Fragen?
König.
Nicht als ob ich denke, ihr liebtet euern Vater nicht, sondern weil
ich weiß, daß die Liebe, wie alles andre, der Gewalt der Zeit
unterworfen ist, daß sie in ihrer Flamme selbst eine Art von Dacht
oder Wike hat, wovon sie endlich geschwächt und verdunkelt wird,
und kurz, daß sie, wenn sie zu ihrer Stärke angewachsen ist, an
ihrer eignen Vollblütigkeit sterben muß. Was wir thun wollen,
sollten wir sogleich thun, wann wir es wollen; denn dieses Wollen
ist veränderlich, und hat so viele Abfälle und Hindernisse als es
Zungen, Hände und Umstände giebt, welche uns, wenn die Gelegenheit
einmal versäumt ist, die Ausführung vielleicht so schwer machen,
daß wir auch den Willen verliehren, so vielen Schwierigkeiten troz
zu bieten. Doch, um das Geschwür aufzustechen--Hamlet kommt zurük;
was wäret ihr fähig zu unternehmen, um mehr durch Thaten als Worte
zu zeigen, daß ihr euers Vaters Sohn seyd?
Laertes.
Ihm die Gurgel in der Kirche abzuschneiden.
König.
In der That sollte kein Plaz einen Mörder schüzen, noch der Rache
Grenzen sezen; aber mein guter Laertes, wollt ihr das thun?
Schließt euch in euer Zimmer ein. Hamlet soll bey seiner
Wiederkunft hören, daß ihr nach Hause gekommen seyd: Wir wollen ihm
Leute zuschiken, welche ein so grosses Lob von eurer
Geschiklichkeit im Fechten machen, und so viel und so lange davon
reden sollen, biß er es auf eine Wette ankommen lassen wird. Da er
selbst edelmüthig, zuversichtlich, und von allen Kunstgriffen fern
ist, wird er nicht daran denken, die Rappiere genau zu besehen, so
daß ihr leicht durch ein bißchen Taschenspielerey einen Degen ohne
Knopf mit euerm Rappier verwechseln, und durch einen geschikten
Stoß euern Vater rächen könnt.
Laertes.
Ich will es thun, und zu diesem Gebrauch meinen Degen mit einem
Saft beschmieren, den ich von einem Marktschreyer gekauft habe; der
so tödtlich ist, daß wenn man ein Messer nur darein taucht, keine
Salbe, und wenn sie aus den heilsamsten Kräutern die unter dem Mond
sind, gezogen wäre, denjenigen vom Tod erretten kan, der nur damit
gerizt wird; mit diesem Gift will ich die Spize meines Degens nezen,
damit auch die leichteste Wunde, die ich ihm beybringe, Tod sey.
König.
Wir wollen diese Sache besser überlegen; Zeit und Umstände müssen
abgewogen werden; und auf den Fall, daß uns dieser Anschlag in der
Ausführung mißlingen sollte, müssen wir einen andern zum
Rükenhalter haben. Sachte--Laßt sehen--Es soll eine feyrliche
Wette über eure Geschiklichkeit angestellt werden--Nun hab' ichs--
wenn ihr euch unterm Kampf erhizt habt, und er zu trinken begehrt,
will ich einen Becher für ihn bereit halten; wovon er nur schlürfen
darf, um unsre Absicht zu erfüllen, wofern er euerm Rappier entgeht.
Zehnte Scene.
(Die Königin zu den Vorigen.)
König.
Was giebt's, meine liebste Königin?
Königin.
Ein Unglük tritt dem andern auf die Fersen, so schnell folgen sie
auf einander: Eure Schwester ist ertrunken, Laertes.
Laertes.
Ertrunken? Oh, wo?
Königin.
Es ist eine gewisse Weide, am Abhang eines Wald-Stroms gewachsen,
die ihr behaartes Laub in dem gläsernen Strom besieht. Hieher kam
sie mit phantastischen Kränzen von Hahnen-Füssen, Nesseln, Gänse-
Blümchen und diesen langen rothen Blumen, denen unsre ehrlichen
Schäfer einen natürlichen Namen geben, unsre kalten Mädchens aber
nennen sie Todten-Finger; wie sie nun an diesem Baum hinankletterte,
um ihre Grasblumen-Kränze an die herabhängende Zweige zu hängen,
glitschte der Boden mit ihr, und sie fiel mit ihren Kränzen in der
Hand ins Wasser; ihre weitausgebreiteten Kleider hielten sie eine
Zeit lang wie eine Wasser-Nymphe empor; und so lange das währte,
sang sie abgebrochene Stüke aus alten Balladen, als eine die keine
Empfindung ihres Unglüks hatte, oder als ob sie in diesem Element
gebohren wäre; aber länger konnte es nicht seyn, als bis ihre
Kleider so viel Wasser geschlukt hatten, daß sie durch ihre Schwere
die arme Unglükliche von ihrem Schwanen-Gesang in einen nassen Tod
hinabzogen.
Laertes.
O Gott! So ist sie ertrunken!
Königin.
Es ist allzuwahr.
Laertes.
--Lebet wohl, mein Gebieter--meine weibische Thränen erstiken eine
Rede von Feuer, welche eben auflodern wollte--
(Er geht ab.)
König.
Kommt mit mir, Gertrude--Wie viel hatte ich zu thun, seine Wuth zu
besänftigen! Nun besorg ich, dieser Umstand wird sie von neuem
anflammen--Wir wollen ihm folgen.
(Sie gehen ab.)
Fünfter Aufzug.
Erste Scene.
(Ein Kirch-Hof.)
(Zween Todtengräber mit Grabscheitern und Spaten treten auf.)
1. Todtengräber.
Kan sie denn in ein Christliches Begräbniß gelegt werden, wenn sie
eigenmächtig ihre (Salvation) gesucht hat?
2. Todtengräber.
Ich sage dir's ja, sie kan; mach also ihr Grab unverzüglich; die
Obrigkeit hat es durch einen Commissarius und Geschworne
untersuchen lassen, und gefunden, daß sie wie andre Christen
begraben werden soll.
1. Todtengräber.
Das kan nicht seyn, sie müßte sich denn zu ihrer
Selbstvertheidigung ertränkt haben?
2. Todtengräber.
So hat sich's eben befunden.
1. Todtengräber.
Es muß (se offendendo) geschehen seyn, anders ist's nicht möglich.
Denn da stekt der Knoten: Wenn ich mich selbst wissentlich ertränke,
so zeigt das einen (Actum) an; ein (Actus) aber hat drey Zweige:
Beginnen, thun und vollbringen; (ergel), ersäufte sie sich selbst
wissentlich.
2. Todtengräber.
Nein, hört mich nur an, Gevatter--
1. Todtengräber.
Mit Erlaubniß; seht einmal, hier liegt das Wasser, gut; hier steht
der Mann, gut: Wenn nun der Mann zu diesem Wasser geht und ertränkt
sich, so muß er eben, woll' er oder woll' er nicht, dran glauben;
gebt wol Acht auf das: Aber wenn das Wasser zu ihm kommt und
ertränkt ihn, so ertränkt er sich nicht selbst; (ergel), hat der,
der keine Schuld an seinem eignen Tode hat, sich das Leben nicht
selbst abgekürzt.
2. Todtengräber.
Aber sagt das Gesez das?
1. Todtengräber.
Sapperment, ja wohl, sagt es: Das müssen ja die Geschwornen
verstehen, die es untersucht haben--
2. Todtengräber.
Willt du wissen, wo der Hase im Pfeffer liegt? Wenn sie kein
Gnädiges Fräulein gewesen wäre, sie würde gewiß ihre Lebtage in
kein Christliches Grab gekommen seyn.
1. Todtengräber.
Wie, du magst mir wol recht haben. Aber desto schlimmer, daß die
vornehmen Leute in der Welt mehr Recht haben sollen, sich zu hängen
oder zu ersäuffen als ihre Neben-Christen! Komm, meine Spate, her!
es sind doch keine ältere Edelleute als Gärtner, und Todten-Gräber;
sie haben ihre Profession von Adam her.
2. Todtengräber.
War der ein Edelmann?
1. Todtengräber.
Der erste, der jemals armirt gewesen ist.
2. Todtengräber.
Wie so, das?
1. Todtengräber.
Wie, bist du denn ein Heid? Verstehst du die Schrift nicht? Die
Schrift sagt, Adam habe gegraben: Hätt' er graben können, wenn er
keine Arme gehabt hätte? Ich will dir noch eine Frage vorlegen;
wenn du mir die rechte Antwort darauf giebst, so bekenne--
2. Todtengräber.
Was ist's dann?
1. Todtengräber.
Wer ist der, der stärker baut als Maurer und Zimmermann?
2. Todtengräber.
Das ist der Galgen-Macher; denn dessen sein Gebäu überlebt tausend
Innhaber.
1. Todtengräber.
Dein Einfall gefällt mir nicht übel, in der That; der Galgen schikt
sich wol: Aber wie schikt er sich wol? Er schikt sich wol für
diejenigen die Übels thun; nun thust du übel zu sagen, der Galgen
sey stärker gebaut als die Kirche; (ergel), mag sich der Galgen wol
für dich schiken. Zur Sache, komm.
2. Todtengräber.
Wer stärker baue als Maurer und Zimmermann?
1. Todtengräber.
Ja, wenn du mir das sagen kanst, so will ich dich gelten lassen.
2. Todtengräber.
Beym Element, nun kan ich dir's sagen.
1. Todtengräber.
Nun, so sage--
2. Todtengräber.
Nein, Sakerlot, ich kan nicht. (Hamlet und Horatio treten in
einiger Entfernung von den Todtengräbern auf.)
1. Todtengräber.
Gieb's lieber auf, dein Esel wird doch nicht schneller gehen, du
magst ihn schlagen wie du willt; und wenn dich einer einmal wieder
fragt, so sage, der Todtengräber. Denn die Häuser, die er macht,
dauren bis zum jüngsten Tag: Geh einmal zum rothen Roß, und hol mir
ein Glas Brandtwein.
(Der 2te Todtengräber geht ab.)
(Der erste Todtengräber gräbt und singt ein Liedchen dazu.)
Hamlet.
Hat dieser Bursche kein Gefühl von seinem Geschäfte, daß er zum
Grabmachen singen kan?
Horatio.
Die Gewohnheit hat ihn so verhärtet, daß er bey einer solchen
Arbeit gutes Muths seyn kan.