Als der Ingenieur Erwin Vallotti wieder in das Maschinenhaus kam, schickte
er den Heizer, der ihn vertreten hatte, wieder weg und nahm sich den
Vildrac vor.
»Sie sind schon fünfzehn Jahre auf dem Werk, hörte ich!«
»Ja, Herr Ingenieur!«
»Was sagen _Sie_ denn zu dem Streik, he?«
»Ich . . . ich . . . meine, die Kerle haben keinen Grund. Sie haben doch
ihr Auskommen und acht Stunden den Tag -- das geht doch nicht. Da lungern
sie bloß in der Kneipe herum und vertrinken noch mehr. Es ist eine Schande,
Herr, wie die Kerle saufen!«
»Sie lesen viel in der Zeitung, Vildrac?«
»Ach, mehr in der heiligen Schrift. Die Zeitungen lügen ja so. Nur im
Kreisblatt steht manchmal Wahres. Da steht _auch_, daß der Streik nichts
wie Erpressung ist. Aber man weiß ja, die Kerle haben sich aufhetzen lassen
von denen, die oben stehen und berühmt werden wollen. Der Jean Paquet ist
übrigens auch so ein Hetzer. Was hat er als Maschinist mit den Grubenleuten
zu tun? Schon längst hätte er hier weg müssen. Der Hetzer!«
»Sind Sie nie in einer Versammlung gewesen?«
Vildrac richtete sich auf mit geröteten Augen. Sein sonst gelbes Gesicht
glich augenblicklich einem nebligen Herbstmond. Es war fast glutrot. Mit
schleimigen Gurgelstößen erwiderte er: »Soll ich auch etwa unter die
Hungerleider gehn, Herr Ingenieur? Ich habe fünf Kinder, Herr! Gegen meine
Überzeugung soll ich Front machen? Nein. Nie im Leben! Sie sehen ja, die
Geschichte führt ja doch zu nichts. Nächste Woche werden Leute aus Holland
kommen. Dann können die hier sich trollen. Und dann: Ist das ein Kampf?
Nichts als Mord. Mord!«
Da brauste der Ingenieur Erwin Vallotti auf: »Aber nun hören Sie mal. Gewiß
ist das ein Kampf. Ein Bazillenkampf. Ihre Brüder hungern. Ihre Brüder
finden das Hungern unbehaglich. Sie vereinigen sich, um sich das Brot, d.
h. die Produktion zu erkämpfen. Sie sagen Mord? Nun, wenn Kampf einmal im
Gange ist, hagelt es auch Hiebe. Und wenn Brotläden gestürmt werden, hol'
der Henker den, der umherfackelt und von den Lilien auf dem Felde faselt.
Es wird ja nicht nach Formen und Billigkeit gefragt, sondern nach Macht und
Konjunkturen. Rechtmäßig heißt jeder Streik, der gelingt. Und dieser Streik
wird und muß gelingen, weil er sozial und ein Kraftmesser ist.«
Vildrac spreizte die Hände. In seinen Mienen jagten sich Abwehr und Angst.
Keifte Unverständliches und kroch wie ein verprügelter Hund unter die
Riemen.
Der Ingenieur Erwin Vallotti hingegen stand mit geballten Fäusten. Ein
Verödendes lief über sein Denken. Er wurde fast irre in der Wut darüber,
daß jener, ein Vernarrter, da war und sein Haus beschrie. Einer da war, der
nicht fühlte, daß die große Quelle des Neuen draußen unter den Brüdern
herausgebrochen ist, die schon lebte in ihrer dem Tode abgekehrten Art.
Ihre Sache ist Zweck und ihre Seele Lust. Frei freute diese sich erst, wenn
keiner der Beteiligten mehr unentwickelt im Knäuel der primären Triebe
läge, wenn nicht mehr lebende Möglichkeiten von Menschen aus dem Meere des
Goldes hinausgeworfen wären auf den Strand der Not.
In diesen Gedankengängen kam der Ingenieur Erwin Vallotti dazu, ein Signal
zu geben. Und sein Wille konzentrierte sich vorerst auf die große Maschine,
die Ursache war, daß unter den Brüdern Unlust und Untätigkeit verheerend
kroch. Und eine Eingebung versetzte ihn in einen Zustand freudiger
Erregung.