Das Vorgesicht

(1912)

I

Einmal geschah es, daß Séverin Roubaud den erkrankten Steiger Poulein

plötzlich vertreten mußte, weil er der Älteste auf der Sohle war.

Séverin aber betrachtete den Auftrag, einen verlodderten Flöz wieder

berggerecht zu schaffen, sozusagen als Prüfungsaufgabe für den

Hilfssteiger-Posten, der zu vergeben war.

Er spannte, von brutalem Ehrgeiz getreten, Hirn und Muskeln an. Trieb die

fünf Kameraden wie Ochsen und fluchte bei der Einfahrt wie der

Berginspektor selber.

Jaques, der fünfte von den Kerlen, lockerte im ersten Zorn schon das

Messer.

Der verwahrloste Schacht stundete bereits ein paar Jahre und war schlüpfrig

wie ein Sumpf.

Die sechs Männer hatten schwere Arbeit mit dem hervorgequetschten Gebirge,

das sich über zehn Fuß Mächtigkeit hinstreckte.

Sie sackten jeden Schritt breit, den sie herausschlugen, sofort zu. Keile

und Bolzen saßen fest im Aufhieb. Und aus Pram und Sohl rieselte kaum noch

Staub.

Nur im vordersten Gang, wo Séverin allein schaffte, stand das Feuer in

geduckten Funken und schrie nach der Wettermühle.

Aber Séverin hatte einen harten Schnapsschädel und bohrte fort, trotzdem

die Bläser aus dem gerissenen Bruch schon explodierten und ein Heulen wie

von gereizten Löwen war.

Dicht hinter den anderen stürzten die Ladungen wie Lawinen von Staub.

Benahmen ihnen allen den Atem und saßen faustdick auf dem Gestänge.

Jaques murrte und warnte Séverin: den Bruch doch erst ausschwelen zu

lassen.

Séverin aber stemmte die Eisen, als säße hinter ihm einer mit Keulen.

Da fingen auch die anderen um Jaques an, unruhig zu werden. »Man sollte den

Obersteiger anklingeln,« schrie der rote Jean.

Zwei Weiber, die ganz hinten die Wagen andrückten und in Rufnähe waren,

pfiff man heran.

Sie mußten die Wettermühle holen.

Séverin schlug weiter. Schlug, daß die ausgeklüfteten Felsen dröhnten.

In den Hölzern knackte es, als bohrten tausend Würmer darin, und aus den

Nebengebirgen scholl dumpfes Grollen herüber.

Man deckte das Kappholz und rammte die Buchenpfähle Schlag auf Schlag.

Widerliche Schwüle kam aus den Gängen, trotzdem die Mühle ungeheuer mit den

Flügeln aus den Saugern schlug.

Der rote Jean, der aus dem Vlämischen stammte, warf die Eisen einfach fort

und verkroch sich hinter das Gestänge. Ein schweres Grauen war über ihn

gekommen, denn er hatte in der verflossenen Nacht einen bösen Traum gehabt.

Er hatte seinen Vater rot und groß gesehen. Seinen Vater, der vom

Förderseil aufgerissen wurde, vor Jahren, im Leichenkittel über die Halde

tanzen sehen.

»Du Séverin!« heulte er auf und wischte sich den Schmutz von den dünnen

Lippen.

Séverin blickte nicht auf von der Arbeit. Er lag auf den Knien und

arbeitete, daß ihm die Zunge breit aus dem Halse hing.

Hin und wieder tat er ein paar Fehlschläge. Dann rann ihm das Blut aus

großen Wunden von den Händen. Aber er zuckte nicht. Er fühlte sich wie ein

Teil dieses Gebirges, das den anderen wie ein massiver Haufen aus dicker,

ansteckender Finsternis erschien, in die sie ohnmächtig hineinbellten.

Endlich hatte er ein riesiges Loch geschlagen. Das Geröll quatschte auf

seine Lenden wie lauter feuchte Sandsäcke.

Er beugte sich vor, tastete klirrend herum, ergriff die Flasche vom Rücken

und goß sie ganz in sein inflammiertes Inwendige.

Als ihm der letzte Tropfen des Fusels durch den Schlund gefahren war,

fühlte er wieder, was er vorhatte und schleuderte die Flasche zurück.

Der Hammer sprang wie geölt von seinen Schultern herab.

Rings war es ganz still geworden von den Fäustelschlägen der anderen.

Jean stand mitten im Gang und schrie noch einmal: »Du . . . du . . .

Séverin . . . du . . . Mörder!«

Sein Gesicht war kreidig verzerrt.

Und die Augen zerrissen die Finsternis. Und plötzlich öffnete sich da im

innersten Innern ihrer Pupillen eine Luke. Kohlschwarze Sammetpforten

wurden tief drinnen aufgeschoben. Und es stiebte eine schwarze Glut heraus.

Ein knitternder Schatten von Feuer. Eine Flamme . . .

Sein Atem hielt mit einem Seufzer inne.

Er fühlte sich sengend heiß.

Die Lippen brannten.

Mein Gott!

Mutter Maria!

Joseph . . .

Der Vater . . . !

Und da . . . da . . . da . . . wie von unten mit riesigem Nacken wütend

emporgedrückt, brach die ganze Arbeit zusammen.

Splitterte. Riß. Knallte und rollte empor.

Die Kolbenwuchten steilten sich wie Dämme. Berg und Gehölz verschwanden in

Rauch und Steinhagel. Ein Geheul wie nicht mehr aus menschlichen Kehlen

donnerte auf.

Aber die wahnsinnigen Rufe starben hin in dem Lärm von herabstürzenden

Brocken und Wasser, das wie ein Bergstrom einbrach und den Staub

verschlammte.

Séverin schnaubte durch den verstopften Mund wie ein wilder Hengst. Stürzte

in das Dunkel vor, wo er die Kameraden vermutete.

Da brach es noch einmal los und es war, als barst die ganze Erde zusammen.

Bis zur Brust war er festgekeilt und griff mit den Händen wie in Mehlberge.

Und immer neues Wasser ergoß sich und verschlang die Staubwolken.

Von einem geknickten Pfahl herunter blinkte gelbes Licht.

Das war Jeans Lampe.

Er griff danach und hob sie hoch.

Seine Augen zersägten das Dunkel.

Da hörte er ein Jammern tief unter sich wie aus einem ungeheueren Keller

herauf.

Seine Augen begannen zu hüpfen.

Blut siedete auf den zackigen Felsstücken. Fleischteile lagen dampfend auf

den zerschmetterten Hölzern.

Er bekam endlich eine warme Hand zu fassen und versuchte sie mit aller

Macht emporzuziehen.

Tastete hinunter und griff nasses Gestein.

Die Hand ging verloren.

Er kratzte überall herum und konnte sie nicht wiederfinden.

Er versuchte, sich aus dem Bruch herauszuwinden. Aber je heftiger er sich

abmühte, um so nachgiebiger rollte neues Gestein herab.

Seine Kraft erlahmte. Seine Augen brannten weh aus der Schwärze und suchten

nach der Hand. Sie wurden gejagt von einem furchtbaren Wahnwitz. Jeder Nerv

war aufgespannt.

Und da sah er sie wieder.

Die Hand . . .

Mit fünf Fingern . . .

Die bewegten sich. Zitterten. Krallten sich zusammen.

Séverin ächzte und drehte sich aus der Umklammerung in unsinnigen

Verrenkungen.

Die dicke Luft machte seinen Atem kurz.

An den Geröllklumpen hämmerte sein Arm sich lahm.

Und dort unten war noch immer die Hand . . .

Finger, die krampfhaft verzerrt um Hilfe zuckten.

Sich wieder schlossen.

Ein mörderisch geballter Fluch, diese Faust.

Und sie wuchs heraus aus dem Gestein.

Ungeheuer groß heraus.

Séverin schüttelte sich wild.

Frost klirrte über sein Gesicht.

Tausend Räder brausten durch sein Gehirn.

Brausten und rissen die Augen mit, die nun nichts mehr sahen. Nur eine

furchtbare Nähe geisterhaft fühlten.

Die krummgeballte Faust des Satans.

Und Brausen und Stampfen des Weltgerichts.

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Der schwarze Baal: Novellen · 第 18 / 30 题