Und übergab den Jungen dem Schreiber und entfernte sich mit einem
gleichgültigen »Glück auf!«
Mit fünf anderen Burschen, die schon länger auf der Grube waren, wurde
Juppchen in den Förderkorb geschoben. Dann ging es hinunter. Dreihundert
Meter tief.
Juppchen fühlte, wie sich alles in seinem Leib im Kreisel drehte und nach
oben stieg. Sein Mund wässerte sauer, und seine Nase begann zu bluten.
Da hielt der Korb mit einem heftigen Stoß. Die Burschen zerrten Juppchen
heraus und stießen ihn durch den Querschacht zur Pferdehalle.
Warmer Stallgeruch kam aus dem niedrigen Saal. An fünfzig Pferde standen da
in Reih und Glied vor den langen Zementkrippen. Von der schwarzen,
glimmernden Decke baumelten lange Lichterreihen und der weiße
Strahlengischt schäumte in die entlegensten Ecken.
Ein Halbinvalide führte die Aufsicht über den Stall. Juppchen reichte ihm
den Schein, den er vom Schreiber erhalten hatte, und bekam darauf seinen
Platz zugewiesen. Ein älterer Bursche mußte ihn mit der Handhabung von
Striegel und Bürste bekanntmachen und das Füttern zeigen.
Juppchen paßte mit hellen Augen auf und begriff sehr schnell. Er fühlte
sich jetzt dem Willen des Vaters überlegen und triumphierte innerlich.
Als er nach Beendigung der Schicht wieder auffuhr, stand der Vater schon
fertig in der Kaue. Er machte ein böses Gesicht und fragte auch Juppchen
nicht, wie es ihm unten ergangen war. Wortlos machten sie sich auf den
Heimweg.
In der harten schneidenden Luft des Spätnachmittags fühlte Juppchen eine
schwere Müdigkeit in den Gliedern. Seine Knie drohten einzuknicken. Er
hielt sich aber tapfer bis zur Behausung.
»Da, hier hast du dein Pferdejuppchen, Mutter. Zu schwach ist er, um ins
Gedinge zu fahren. Einen ganzen Taler Löhnung weniger bekommt er. Kaum
genug, die Kost zu bezahlen!«
Die Mutter erwiderte nichts auf die ungewöhnlich harten Worte des Vaters,
der sich mißmutig auf den Stuhl warf. Sie strich Juppchen über das feuchte
Braunhaar und über die schmalen, sommersprossigen Backen.
Juppchen wollte der Mutter die Freude, daß er ganz unerwartet zu den
Pferden gekommen war, jubelnd mitteilen. Aber vor dem Vater wagte er es
nicht auszusprechen. Durch seinen Kopf rauschten die frischen Eindrücke
wirr durcheinander. Er schwankte zwischen Wollen und Nichtwollen eine lange
Weile. Dann legte sich das Fieber.
Nach und nach verschwand auch die Müdigkeit in den Gliedern, wenn er von
der Grube kam. Ganz heimisch war er dort unten schon geworden und stand mit
den sechs Pferden, die er zu besorgen hatte, auf Du und Du. Den einäugigen
Schimmel hatte er besonders lieb. Diese Liebe ging mit der Zeit so weit,
daß er die Haferration der anderen Pferde beschnitt und das Ergatterte dem
Schimmel zuführte.
Das merkte das so bevorzugte Pferd sehr bald, und es entspann sich eine
innige Freundschaft zwischen den Beiden. Jeden Abend, wenn Juppchen den
Stall verließ, drehte sich der Schimmel um, wippte mit dem Kopf und stieß
ein helles Gewieher aus. Und sobald am nächsten Morgen der Förderkorb in
die Sicherung schlug, vernahm Juppchen schon aus dem betäubenden Geräusch
den leise gewieherten Frühgruß.
Immer, wenn er das Tier für die Wagenfahrt zurecht machte, erzählte er ihm
alle Pläne, die er mit ihm noch vorhatte. Er würde sich Geld sparen. Jede
Löhnung eine Mark. Und wenn dann ein schönes Sümmchen zusammen war, würde
er den Schimmel dem Direktor abkaufen und mit ihm die Grube verlassen auf
Nimmerwiedersehen. Oben konnte man vielleicht billig einen Wagen erstehen
und für die Bahn Fuhrdienste tun. In der Sonne müßte es dem Schimmel doch
viel besser gefallen. Da gab es frischen Klee und langes, weiches Gras. Und
ein blankes Ledergeschirr mit Schellen am Joch sollte der Schimmel haben.
Eine weiße, gebogene Peitsche mit einem goldenen Griff würde er auch
kaufen. Aber nicht um den Schimmel zu schlagen. O nein, das tun nur die
rohen Sandkärrer, die ihre Tiere im Regen stehen lassen, derweil sie im
Wirtshaus sitzen und stundenlang Karten spielen.
Manchmal flocht Juppchen seinem Schimmel ein buntes Wollband, das er der
Mutter abgeluxt hatte, in die Mähne. Und den Fahrer bat er, nicht so rauh
mit dem Tiere umzugehen.
Doch der verlachte ihn und riß das bunte Band immer wieder aus der Mähne
heraus.
Eines Tages sagte Juppchen zum Schimmel: »Weißt Du, zwanzig Mark habe ich
schon zusammen. Das wird bald langen zum Kauf. Dem Vater will ich es nicht
eher sagen, bis es soweit ist. Dann räume ich den Kaninchenstall aus und
bau Dir eine Krippe hin. Daraus sollst Du ganz allein fressen. Das wird
viel schöner sein als mit den vielen zusammen. Und an den Wagen spanne ich
Dich auch allein. Kein anderer soll Dich führen.«
Der Schimmel senkte den Kopf und schnupperte mit den weiten Nüstern über
Juppchens Gesicht.
Während dieses Auftritts war der Inspektor mit dem Stallwärter in den
Verschlag getreten und machte sich an dem Schimmel zu schaffen. Juppchen
hätte aufweinen mögen, so rauh fuhr der Mann dem Tier über Rücken und
Gelenke.
Nach einer Weile des Prüfens sagte der Inspektor: »Na, den alten Bock
können wir ebenfalls ausrangieren. Zusammen mit dem lahmen Fuchs aus der
vordersten Coje. Die Tiere brauchen nicht mehr eingespannt zu werden. Um
zehn kommt der neue Transport.«
Der Wärter nickte und begleitete den Inspektor hinaus.
Juppchen, der den Sinn der Worte nur halb verstanden hatte, stand mit
offenem Munde da und sah bald den Schimmel an, bald die anderen Pferde.
»So«, sagte der Wärter, der wieder zurückgekommen war, »nun werden wir den
Klepper endlich los, Juppchen. Dafür bekommen wir ein ganz junges Tier!
Fein, was?«
Juppchen kroch tief in sich hinein. Seine Knie zitterten. Die Augen rollten
vor wie auf Stahlnadeln gespießt. Ein Weinen stieg von unten herauf und
würgte ihm in der Kehle. Und dann war es, als ob er sich mit ausgereckten
Armen an einen festen Gegenstand lehnen müßte. Die Schläfen klopften wie
Hämmer. Die Lippen brachen auf. Ein heller Schrei zerfetzte die Luft.
»Ich laß ihn nicht fort! Ich will ihn kaufen! Ich habe Geld! Wieviel willst
Du haben? Morgen bringe ich es Dir! Ein ganzes Beutelchen voll Geld habe
ich! Ich laß den Schimmel wirklich nicht fort!«
»Ach, was bist Du für ein kindischer Bengel! So ein Junge! Hat man so etwas
schon erlebt?«
Juppchen weinte lautlos und ganz gebrochen.
Da riß ihn der Wärter an der Schulter empor: »Marsch, die Kette los. Und
daß Du mir den Halfter ordentlich aufsetzt. Gleich kommt der Korb herab.«
Juppchen schritt an den Schimmel, strich ihm zärtlich das Fell und machte
langsam die Kette los.
Der Schimmel beugte den Kopf herab. Mit dem offenen weitsichtigen Auge
starrte er den Knaben an, als wüßte er, daß es ein Abschiednehmen für immer
war.
Juppchen fühlte, wie ein blutiger Tau sein heißes Herz überströmte. Er fuhr
sich über die Stirn und ließ die Hände schlaff herabfallen.
Plötzlich sprang er an den Verschlag, holte sein ganzes Brot und gab es
Stück für Stück dem Tier.
Noch ehe der Schimmel den letzten Happen verschluckt hatte, rief der
Wärter.
Juppchen warf dem Pferde den Halfter um und zerrte es hinaus. Er schritt
wie zu einem Begräbnis.
Der Wärter riß ihm die Zügel aus der Hand, versetzte dem Schimmel einen
Stoß in die Weichen und trieb ihn in den Förderkorb. Der Fuchs war schon
festgebunden an der Gitterstange und stand ruhig mit herabgesenktem Kopf.
Juppchens Schimmel kam vorn zu stehen. Der Seilschläger riß an, und
pfeifend fuhr der Korb in die Höhe.
Juppchen stand gerade unter der Schachtluke. Er schnalzte mit der Zunge,
und gleich darauf vernahm er in dem schwelenden Düster ein unterdrücktes
Gewieher. Und ganz deutlich sah er noch, daß der Schimmel den Kopf aus dem
Gitter herabbeugte.
Juppchen wollte die Hand heben und winken -- -- in demselben Augenblick
fiel etwas unendlich Schweres herab und traf ihn mitten in das erhobene
Gesicht, wie ein nasser Sack klatschte er breit hin und erhob sich nicht
wieder.
Ein kantiger Türrahmen bei dem ersten Füllschacht hatte den vorgelegten
Kopf des Tieres während der rasenden Fahrt glatt vom Halse getrennt.
Der Grubenarzt, der Juppchen den Totenschein ausschrieb, setzte trocken
hinzu: er wurde von einem in den Schacht herabfallenden Pferdekopf
erschlagen.