Lebe wohl und schreibe doch einmal wieder

Deinem treuen Edmund.

*VII.*

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

Wien, den 12. August 1875.

Mein verehrter Freund!

Dir schreiben, was ich vorhabe, fällt mir schwer. Es wird Dich empören,

es wird Dir weh tun. Wenn Dich dieser Brief findet, mitten in einer

fesselnden Arbeit, dann lege ihn weg und lies ihn erst am Abend, vor dem

Einschlafen. Das ist der rechte Moment. Da bist Du in der unendlich

wohlwollenden und versöhnlichen Stimmung, die jeden guten Menschen

ergreift, wenn er sich, zufrieden mit seinem Tagewerk, auf das Lager

streckt und die angenehme Müdigkeit seiner Glieder, die köstlichste

Abgespanntheit seiner Nerven ihm eine vortreffliche Nacht verheißen ...

Dann nimm dieses Blatt zur Hand. So sanft wie die Traumseligkeit, die

Dich umfängt, wird Dein Urteil sein; Du wirst denken: Sieh doch, seinem

Verhängnis entgeht keiner ... Ei, ei! -- Nun, Gott mit ihm. Nach

Nowidworo denn ...

Ja, nach Nowidworo, das ist das Ende vom Liede.

Ich will hintreten vor meinen alten Hans und will ihm sagen: Alles war

vergeblich, die Flucht, die Trennung, der lange Kampf. Ich komme wieder

als derselbe, der ich gegangen, nur daß ich erprobt habe, daß meine

Liebe unüberwindlich ist. Habe ich nicht getan, was ich konnte? Habe ich

nicht sogar heiraten wollen? Danke ich's nicht ganz allein der

Seelengröße Madeleines, daß der lügenhafte Bund nicht geschlossen wurde?

Mache mit mir, was Du willst, wirf mich hinaus, schieß mich tot, ich

verlange nur Eins: bevor Du es tust, frage Deine Frau, ob ihr damit ein

Gefallen geschieht ... Man muß doch auch an sie denken. -- Haben wir

einmal Phantasie, stellen wir uns vor, daß ich um ein Jahr früher nach

Fiume gekommen wäre, sie kennen gelernt und heimgeführt hätte ...

Verzeih, verzeih, lieber Hans! Du bist ein Engel, und ich bin nur ein

gewöhnlicher Sterblicher -- aber Elsbeth wäre vielleicht mit mir

glücklicher geworden als mit Dir ... Nicht wegen des geringeren

Unterschieds im Alter, -- was sind die Jahre! Im Gemüte wirst Du immer

ein Jüngling bleiben. Wie oft kam ich mir, mit Dir verglichen, wie ein

Greis vor.

Aber Du kennst die Frauen nicht, hast Dich nie mit ihnen befaßt, Du bist

mit der Deinen wie der beste Vater ... Ich, mein teurer, treuer Hans,

ich würde wahrscheinlich trotz aller Anbetung weniger zart mit ihr

umgehen als Du, ich würde sie mit Eifersucht quälen, aber es gäbe

nichts, was mich je von dem Gedanken an sie ablenken könnte. Immer hätte

ich in ihrer Gegenwart die Empfindung eines reicheren, erhöhten Lebens,

immer sie in der meinen das Bewußtsein, eines andern Menschen

köstlichstes Gut, sein Um und Auf, sein Schicksal zu sein.

Ich würde sie nicht tage- und wochenlang allein lassen, und nachmittags,

wenn ich noch so müde aus der Wirtschaft nach Hause gekommen wäre, würde

ich nicht einschlafen ... und wenn ich mit ihr im Walde spazieren ginge,

würde ich noch Sinn für andres haben, als für die Anzahl Raummeter, die

der Holzschlag ergeben wird, und für den wahrscheinlichen Ertrag der

Eichelmast.

Hans, mein väterlicher Freund, werfen wir einmal alles über Bord:

Vorurteil, die sogenannten Gesetze der Ehre, und fragen wir uns, ob Du

Dich nicht ebenso zufrieden fühlen würdest wie jetzt, wenn Du ... nun,

das ist wirklich schwer auszusprechen ... wenn -- sagen wir, Elsbeth und

ich Deine Kinder wären, Deine dankbaren, in Dir den Schöpfer ihres

Glückes verehrenden Kinder ...

Lieber Hans, was ist die Aufgabe des Menschenfreundes? Nach den

schwachen Kräften, die ihm als einzelnen gegeben sind, die Summe des

auf Erden vorhandenen Leids zu vermindern, die des Glückes zu erhöhen.

-- Mathematisch, um mit Dir zu sprechen: Ich besitze etwas, das mir

Freude macht = 6; doch kenne ich einen, dem dieses selbe etwas Freude

machen würde = 100.000. -- Was tue ich, der Menschenfreund? Ich schenke

ihm den bewußten Gegenstand und erhöhe damit die Summe der Weltfreude um

99.994!

Ähnliches, liebster Professor, habe ich einmal getan. Ich hatte ein

Bild, das jeden Kenner entzückte. Einen mir befreundeten Maler machte

der Wunsch, es zu besitzen, halb verrückt. Er sann und träumte nichts

andres; er meinte, es sein nennen zu dürfen, würde ihn beseligen und

läutern und jede in seiner Künstlerseele noch schlummernde Kraft zur

höchsten Entfaltung bringen.

Ich erwog das Glück, das ich diesem Menschen bereiten konnte, machte die

bewußte Rechnung und -- schenkte ihm das Bild.

O Freund, es handelte sich um eine bemalte Leinwand, die nichts davon

wußte, ob der begeisterungstrunkene Blick eines Künstlers auf ihr ruhte,

ob der meine es streifte mit flüchtigem Wohlgefallen.

Sie aber lebt, und, ich glaube es wenigstens, ist mir gut. Eigentümlich,

daß sich meiner, je näher der Augenblick des Wiedersehens kommt, Zweifel

bemächtigen, vielleicht begründete?

Nein doch, nein! -- ich brauche mich nur der Nachmittage unter den

Linden auf der Terrasse zu erinnern ... Ich las vor -- »Faust« von

Turgenjew ... Wie sie da horchte, mit welcher Spannung, wie sie mich

ansah ... Am selben Abend entstand ein Gedicht, das natürlich verbrannt

wurde, und das ich vergessen habe, bis auf die eine Strophe:

Zu mir erhebt mit stummem Fragen

Dein dunkles Aug sich unbewußt,

Dieselbe tiefe Sehnsucht tragen

Wir beide in verschwiegner Brust ...

So war es. Aber freilich, zu wem hätte sie auch die Augen erheben

sollen? Mein Hans, ihr Hans, ich will sagen: unser Hans schlief oder

schlummerte wenigstens ...

In zwei Tagen werde ich viel mehr wissen als heute. Ich schreibe Dir

gleich, noch unter dem ersten Eindruck. Was steht mir bevor?

Dein Edmund.

*VIII.*

Professor Erhard an Freiherrn Hans v. B.

Korin, den 12. September 1875.

Euer Hochwohlgeboren!

Hochverehrter Herr Freiherr!

Für die Belästigung auf das Höflichste um gnädige Nachsicht bittend,

wage ich es, Euer Hochwohlgeboren um eine Kunde von meinem lieben Grafen

zu bitten. Derselbe äußerte in seinem letzten Schreiben die Absicht, die

Gegend von Fiume zu besuchen, und dürfte es bei dieser Gelegenheit

schwerlich verabsäumt haben, Euer Hochwohlgeboren seine Aufwartung zu

machen. Auf die Annahme dieses Falles hin darf ich vermuten, daß es Euer

freiherrlichen Gnaden bekannt sein dürfte, wohin unser teurer Reisender

seine Schritte gelenkt, und dieser Vermutung wieder entspringt das oben

gestellte flehentliche Ersuchen.

Genehmigen Euer Hochwohlgeboren den Ausdruck der unbegrenzten

Hochverehrung, mit welcher zeichnet

Euer Hochwohlgeboren

untertänigster Diener

P. Erhard.

*IX.*

Hans v. B. an Professor Erhard.

Nowidworo, den 14. September 1875.

Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte · 第 15 / 23 题