Er schüttelt den Kopf. »Es wären zu viele -- es wäre überall.«

Aber er wendet sich nicht dem Pfarrhaus zu. Er geht nach der

entgegengesetzten Seite, hinein zwischen die rauschenden Tannen, und

führt sie ins Tal Josaphat, zu der blumigen Felsenspalte tief im Wald.

All die bunten Blüten stehen unbeweglich und duften in nächtlich

verschleiertem Glanz. Und es ist, als weine das Bächlein im Schlaf.

»Hier,« sagt er, »hier hab ich gedacht, daß du sitzen würdest. In der

Mittagssonne zwischen all den Blumen -- und daß ich die Arme um dich

und sie legte.«

Sie pflückt ein paar von den Blumen und befestigt sie an ihrer Brust.

Dann gehen sie weiter.

Ein feiner, plätschernder Wasserstrahl rieselt aus einer Felsenspalte,

gleitet hinab über den harten Stein, wo er eine dünne grünliche

Spur hinterläßt, und verschwindet unter kleinen Farnkräutern und

Renntiermoos am Fuß des Felsens.

»Hier hab ich gedacht, daß du versuchen würdest, von dem Wasserstrahl

zu trinken, daß du von den Tropfen ganz bespritzt würdest und -- lachen

würdest. Und daß ich alle Tropfen von deinem Gesicht trinken wollte.

Ich bin immer durstig an diesem Wasser vorübergegangen ...«

Sie hält die hohle Hand unter den Strahl und hebt sie an seinen Mund.

Er trinkt einen oder zwei der kühlen Tropfen.

Aber indem er ihre Hand losläßt, umfaßt er ihr Gesicht.

»Ich habe gedürstet -- gedürstet,« sagt er.

Und er küßt sie.

Da schlingt sie die Arme um seinen Hals.

»Halfdan -- Halfdan!«

Es war, als mache sich ihr Herz frei in einem erlösenden Schrei.

Einen Augenblick scheint er am Zusammenbrechen zu sein. Dann richtet er

sich jäh auf.

»Komm!« sagt er. »Wir müssen höher hinauf.«

Sie steigen, steigen. Den schmalen Pfad geht es hinauf, der sich am

Felsen hinzieht, bis er auf einem großen flachen Felsblock endet, der

sich über den dunklen Tannenwald und den glänzenden See zu ihren Füßen

hinauslehnt.

»Hier --« sagt er und setzt sich auf eine kleine Bank an der Felswand.

Sie setzt sich neben ihn, und er erfaßt ihre beiden Hände.

»Hier oben --« sagt er, hält aber wieder inne und betrachtet ihre Hände.

»Was ich jetzt sage,« beginnt er kurz nachher, »muß so verstanden

werden, als sei es in meinem Innern gesprochen.«

»Ja, ja.«

»Hier oben lernte ich -- in einer bitteren Nacht, als die Wahrheit mich

dazu zwang -- von der Höhe aus auf das hinab zu sehen, was zwischen uns

gewesen war. Und es konnte nicht bestehen, -- nein, nicht ~ganz~.«

Sie macht eine Bewegung. Und mit stärkerer Stimme fährt er fort: »Es

war nicht, weil ich zweifelte, daß du die Rechte, die Einzige für mich

seiest, die, die mit ganzer Liebe zu besitzen ich volles Recht hatte.

Dessen war ich ganz sicher.

»Auch nicht, weil dies Verhältnis noch Mängel und Schwachheiten

zeigte. Das hat so wenig zu bedeuten. Es muß immer so sein zwischen

unvollkommenen Menschen.«

Er hält inne. Und sie drückt seine Hände.

»Sondern weil ich außerhalb stand, nicht wahr?« fragt sie leise.

»Deshalb wurde ich ein Hindernis für dich. -- Sag es nur!«

»Nein, nein. -- Ich will dir nicht die Schuld beimessen. Hättest du

anders gestanden, wäre es wohl nicht so gekommen. Aber die Schuld war

mein -- mein allein.

»Denn das war es, daß ich -- dich außerhalb meines Verhältnisses zu

Gott hatte. Ich wollte dich haben wie einen Raub. Ich wollte dich mit

Gewalt hinreißen, aber zu mir -- zu mir allein, dich ausschließlich

so in meinen Besitz bringen, -- daß nicht allein alle andern

ausgeschlossen waren, sondern daß auch der Zugang nach oben verriegelt

war. Denn es war -- nun spreche ich aus der tiefsten Tiefe meines

Gewissens -- es war, als fürchtete ich, es könnte für meine Liebe etwas

verloren gehen, wenn du unter eine höhere Macht kämest als die meinige.

»Ich war ein Heide in diesem Stück. Ich wollte dich nur für mein

eigenes Glück und für nichts anderes im Himmel und auf der Erde.

»Ich wußte es selbst nicht. Aber als ich in die Einsamkeit hier herauf

kam, da erkannte ich es. Da sah ich, wie tief in der Ebene ich gewesen

war, obgleich ich davon gesprochen hatte, daß ich auf der Höhe stehe.

Es gibt nur einen Weg nach der Höhe über sich selbst hinaus -- zu Gott.

Aber ich war unten -- tief drunten in mir selbst.

»Da begriff ich, warum dieses Zusammensein aufgehoben werden mußte. Da

konnte ich es auf mich nehmen, nicht das, was mir getan worden war,

sondern das, was ich dadurch lernen sollte, -- ich sollte durch den

unnatürlichen Schmerz lernen, ohne dich zu sein. Da konnte ich mich

darunter beugen, ja -- ihn ~wollen~.

»Und erst da wurde mein Verhältnis zu Gott vollkommen. Denn da ging ich

ganz darin auf. Ich übergab meinen Willen bis zum letzten Punkt, -- bis

zu dem Punkt, wo man bis aufs Blut kämpft, um das Eigene behalten zu

dürfen. Da wurde ich zum Pfarrer geweiht, dem Herrn geheiligt.«

Sie beugt sich vor und küßt seine Hände. »Hochlandspfarrer«, flüstert

sie.

Er wendet ihr das Gesicht zu.

»Aber da fühlte ich mich fast als deinen Schuldner, verstehst du. Und

es nagte an mir, wie wenig ich dir geholfen hatte auf dem Weg nach

oben. Da wünschte ich, das Leben einzusetzen, um dich zu rufen. Nicht

zu mir, nein, nicht zu mir, -- zu dem Verhältnis, wozu du dich mehr als

sonst jemand, den ich kenne, eignest. Und ich habe es getan -- täglich.

Und nicht am meisten da, wo der Ruf hinausging in die Welt.

»Hier wollte ich ausharren, bis du kamst. Kamst du, dann wußte ich, daß

ich dich ruhig aufnehmen konnte. Denn dann warst du eins mit mir im

Höchsten. Und wurdest mir aufs neue gegeben. Von oben ...

»Und nun -- -- nur das will ich noch sagen, was du tatest, kann nicht

verteidigt werden, -- nicht entschuldigt. Es soll es auch nicht.

Aber es besteht nicht mehr, wenn du da bist. Und für mich ist es gut

geworden. Es zog mich hinauf.«

Sie sitzt eine Weile unbeweglich. Dann sagt sie: »Halfdan -- ich

habe das alles gewußt. Ich habe es aus jedem Wort, das du schriebst,

herausgelesen. Und ich habe es an mir selbst gefühlt, wie weit du

gekommen warst. Deshalb wagte ich auch zu kommen.«

Er streichelt ihr zärtlich übers Haar. »Wagtest du es früher nicht?

Wagtest du es nicht immer, zu mir zu kommen? Was hätte ich nicht

ausgelöscht, wenn du gekommen wärest. Auch ehe ich so weit gekommen

war!«

Er steht auf.

»Komm!« sagt er. »Ich habe ein Nachtlager für dich. Und bald ... bald

ein Heim!«

Sie zögert noch auf der Bank. »Halfdan, bist du sicher, daß du auch

morgen noch ebenso sprechen wirst?«

»Warum nicht? Was meinst du?«

»Ich meine, -- wenn du mich beim hellen Tage siehst, dann -- o Halfdan!«

Sie verbirgt plötzlich ihr Gesicht in den Händen.

»Ach, so meinst du es? Laß mich einmal sehen!« Er richtet ihren Kopf

auf. »Bist du sehr verändert?«

»Ein wenig schon -- ich meine natürlich ...«

»In einem Punkt bist du unverändert,« sagt er ruhig. »Du bist noch

ebenso töricht wie damals. Du solltest wissen, daß ich auf so etwas

nicht antworte.«

»Ach Halfdan! Aber dann -- es tut nichts, wenn du mich wieder töricht

findest -- ich will es dir gegenüber so gern sein, -- aber dann gib

mir den Namen, der sagt, was ich dir sein soll, -- ich muß das jetzt

hören, verstehst du. Und niemand kann ihn mir geben, als du allein.«

Sie erhebt sich, läßt den langen dunklen Mantel fallen und steht vor

ihm im weißen Gewand.

Er stößt einen Freudenruf aus und breitet die Arme aus.

Sie aber sinkt zu Boden und bricht in Tränen aus.

Er zieht sie in seine Arme.

»Durch Gottes Gnade -- mein Weib,« sagt er. »Fleisch von meinem

Fleische, Seele von meiner Seele, ich liebe dich.«

* * * * *

Sie wenden sich dem Pfarrhaus zu. Da bleibt sie stehen.

»Ist deine Kirche offen?«

»Nein, aber ich habe den Schlüssel bei mir. Willst du hineingehen?«

»Ja, einen Augenblick. Mit dir.«

Er öffnet die Tür des Kirchleins. Die helle Nacht gleitet weißlich

zu den Bogenfenstern herein und füllt den Raum mit ihrer lautlosen

Erwartung. Das große Kreuz auf dem Altar leuchtet wie der erste goldene

Streifen des Sonnenaufgangs.

Er legt den Arm um sie, und sie gehen langsam darauf zu. Sie knien

zusammen auf dem Kissen vor dem Altar nieder.

Ohne Worte. Denn das ist der Augenblick, wo alle Worte und Gedanken

verstummen, -- machtlos. Wo die unaussprechlichen Seufzer die Seele wie

mit einem letzten Wogenschlag ins Heiligtum hineintragen ...

Ihr ist es, als zittere die Luft um sie her von heimlichem

Glockengeläute.

»+Sursum corda+ ... +sursum corda+ ...«

Und der Herzschlag selbst gibt Antwort:

»+Habemus ad dominum!+«

-- Kurz nachher stehen sie vor dem Pfarrhaus. Sie schaut sich nach

allen Seiten um.

»Wie fandest du den Weg?« fragt er, seine Hand an ihre weiche Wange

legend.

Sie sieht ihn an, lächelt dann zum erstenmal und antwortet mit Solveigs

Worten:

»Ich wanderte lang, oft fragt' man mich aus,

Doch immer nur sagt' ich: Ich gehe nach Haus.«

Da lächelt auch er.

Er will sie ins Haus hineinführen, aber sie legt ihre Hand auf seinen

Arm und sagt:

»Halfdan!«

»Ja.«

»Ich muß dir etwas sagen, ehe ich hineingehe ... Ich meine nicht,

wie ich hinüberkam. Das kannst du später hören, alles von den langen

Jahren, -- bis ich sicher war, daß ich nun kommen durfte ... Es ist

etwas anderes ... Ich hätte gewiß nicht den Mut, es zu sagen, wenn du

nicht so gesprochen hättest, wie vorhin -- und -- --«

»Was ist es denn?«

Sie steigt auf einen großen Stein, der vor der Haustür liegt.

»Nun sollst du das größte Geheimnis erfahren. Du darfst mir aber kein

Wort erwidern -- -- hörst du! Und niemals später auf das Gesagte

zurückkommen. Denn ich weiß, daß sich vieles dagegen sagen ließe ...

Und ich könnte nicht ertragen, wenn du es tätest ... Und ich kann doch

von keinem Menschen ein Urteil darüber annehmen ... Ich weiß nur, daß

es ganz von innen herauskam -- von da, wo die Wahrheit in mir ist ...

Und daß ich -- -- ja, ich würde es gerade wieder so machen, wenn es

sein müßte.«

Er tritt ganz nahe zu ihr.

»Was hast du getan? -- Was ist es? Laß es mich hören!«

Sie umschlingt sein dunkles Haupt und zieht es an ihr Herz.

»Halfdan -- du weißt, daß nichts in mir war. Ich war ganz leer und

ferne.«

Er richtet den Kopf auf, um zu sprechen. Sie aber zieht ihn inniger an

sich.

»Nur -- nur dein tiefstes, innerstes Verhältnis -- -- das fühlte ich,

das liebte ich, an das glaubte ich, -- auch -- --«

Sie zögert einen Augenblick. -- »Ja, auch wenn ich es nicht sah, wenn

anderes dich in Anspruch nahm, -- nicht tiefer, aber stärker ... Dies

klingt vielleicht sonderbar, aber ich glaube, ich hätte mein Leben

hingeben können um dein Verhältnis zu Gott. Denn ich wußte, daß du da

~dein Leben~ hattest.

»Und dann, -- dann merkte ich, -- dann wurde es mir klar, -- dann bekam

ich Todesangst, daß -- nein, nein, -- nun muß ich flüstern, und du

darfst es nicht gehört haben ...«

Sie legt ihre Lippen an sein Ohr. Und er vernimmt ihre leisen, bebenden

Worte und mit ihnen den starken schnellen Schlag ihres Herzens.

Plötzlich hebt er heftig den Kopf.

»Du? -- du? --«

Sie legt ihre Hand auf seine Lippen und flüstert wieder -- leise und

eindringlich.

Dann ist sie fertig. Vor ihm auf dem Stein steht sie, bebend -- und

weiß wie ihr weißes Gewand.

Eine Weile steht er stumm und unbeweglich und schaut weit hinaus in die

helle Nacht. Findet deren friedliche Klarheit wohl jetzt den Weg zu dem

dunkelsten Punkt der Vergangenheit?

Endlich sagt er leise: »Ich kann nicht darauf antworten, -- ich soll

ja auch nicht. Und das ist gut ... Denn niemals könnte ich mich damit

einverstanden erklären, daß dies die rechte Weise war. Ich könnte nie

einräumen, daß -- nein, nein, ich will nichts sagen -- das muß zwischen

dir und einem Größeren bleiben, bis zu dem Tag, der alles klar machen

wird.«

Er richtet seinen Blick auf sie, wie sie vor ihm steht -- weiß in ihrem

weißen Gewand.

In dem Blick lag sein ganzes Herz.

»Eins, nur eins mußt du hören! Was auch dagegen gesagt werden könnte --

ich glaube doch, der -- ~Hochlandspfarrer~, der über sich selbst

hinausgelangte und eine andere Seele in die Tiefe seines Verhältnisses

zu Gott mit hineinzog -- --« Er beugt sich nieder und führt den Saum

ihres weißen Gewandes an seine Lippen -- »~Der warst du -- du, du~

...«

[Illustration]

Ingeborg Maria Sick's Schriften.

Der Hochlandspfarrer · 第 14 / 16 题