Der Pfarrer von Li

[Illustration]

In dem Pfarrhof am Ufer, das jäh aus dem großen Wasserspiegel

aufsteigt, wohnt der Pfarrer. Allein -- ganz allein. Die Zimmer in dem

langen, hellangestrichenen Holzgebäude hallen von seinen Fußtritten

wider. So hat er es selbst gewollt, als er, ein noch junger Mann von

etwas über dreißig Jahren, hierherkam. Und so ist es noch immer.

Hier, wie an allen solchen abgelegenen Orten, pflegen die Pfarrer nicht

lange zu bleiben; in der Regel nur fünf Jahre.

Aber als diese Zeit verflossen war, meldete sich dieser Pfarrer nicht

weg. Ruhig blieb er, bis noch weitere fünf Jahre zu den ersten gekommen

waren. Und seither ist wieder ein Jahr vergangen, und noch eines, und

er ist schon in der Mitte des dritten, also dem dreizehnten, seit er

herauf kam.

So lange ist vor ihm noch nie einer dagewesen. Die Frau des vorigen

Pfarrers sagte, daß die Stelle am besten nur für junge Leute passe, die

jedes Jahr ein Kind bekämen. Denn wenn man nicht dafür sorgte, den Ort

zu bevölkern, so könnte man vor Einsamkeit verrückt werden.

Er wurde nicht verrückt. Aber man hätte glauben können, daß er es

gewesen sei, als er hier herauf kam, so sonderbar richtete er sich ein.

Und so düster und schwermütig, wie er ausgesehen hatte!

In dem Haus rechts von dem Hauptgebäude wohnen die Pächtersleute mit

dem Küster, die einzigen andern Menschen, die sich an dem Ort befinden.

Der Pfarrer übertrug der Pächtersfrau sogleich seine ganze Haushaltung.

Sie, Kari, konnte diese leicht mit übernehmen. Den Verhältnissen

angemessen ist sie hier nicht sehr umständlich.

Milch, Sahne und Eier hat man genug; sein Brot backt man sich selbst.

Seine Waren werden einem einmal im Jahr zugeschickt. Fische, herrliche

Forellen erhält man im Sommer aus dem See; selbstverständlich lebt

man viel von gesalzenem und geräuchertem Fleisch, aber dazwischen

schlachtet man auch, so daß man frisches Fleisch hat; um die

Weihnachtszeit einen Ochsen, der in dem rotangestrichenen Vorratshaus

aufgehängt wird, wo er sogleich gefriert, so daß man bis weit in den

Mai hinein frisches Fleisch essen kann. Wildbret bietet zuzeiten auch

manchen Hochgenuß; Schneehühner, Haselhühner und Auerhahn gibt es in

Menge; Bärenfleisch und Rentierbraten gehören nicht zu den

Seltenheiten.

Die Pächtersleute hielten einen Knecht und eine Magd und hatten

selbst zwei Töchterchen mit runden, sonnverbrannten, von weißlichem

an der Sonne gebleichtem Haar umgebenen Gesichtern, die allmählich

heranwuchsen und der Mutter flinke Hände zum Mitangreifen bekamen.

Von ihrem vierzehnten Jahr an konnte Sigrid, die älteste von ihnen,

beinahe ausschließlich die Bedienung des Pfarrers übernehmen.

Durch die Küche und das Waschhaus haben die Pächtersleute eine

Verbindung mit der Wohnung des Pfarrers, und das Essen wird ihm

hinübergebracht. Er sitzt am Tisch in der großen Eßstube. Allein ...

Nur im Hochsommer, wo Freunde und Verwandte ab und zu einen

Ferienausflug herauf machen, hat er Tischgenossen. Aber die Gäste

übernachten im Pächterhaus, wo Platz genug ist. Es ist so am

einfachsten wegen der Bedienung.

Im Pfarrhaus selbst findet sich nur ein Bett außer dem des Pfarrers.

Dies aber ist immer bereit in der Kammer neben seinem Schlafzimmer.

Er sagt, wenn eine wandernde, vielleicht verirrte Seele einmal

in der Nacht anklopfe, so solle das Lager ihrer warten, ohne daß

die Pächtersfamilie aufgescheucht werden müsse, um einer fremden,

vielleicht zweifelhaften Persönlichkeit Obdach zu gewähren.

Aber die umherstreifende Seele ist in all diesen Jahren in keiner Nacht

gekommen. Und wo sollte sie wohl auch herkommen? -- Hier herauf! -- --

Die Zimmer des Pfarrhauses sind groß, und es sind ihrer nicht wenige.

Am Platz ist nicht gespart worden. Sie liegen alle in einer Reihe; die

Fenster gehen auf die große, silberhelle Wasserfläche hinaus mit der

Aussicht auf all die tannenbestandenen, unbewohnten Höhenzüge ringsum.

Die Zimmer sind spärlich und sehr einfach ausgestattet. Von

einem Pfarrer zum andern bleiben die Möbel stehen, so daß die

neuvermählten Paare, die meistens um diese Stelle einkommen, sich alle

Widerwärtigkeiten mit der Aussteuer sparen können, bis sie wieder

südwärts ziehen.

Nur sein schönes Harmonium hatte der Pfarrer mitgebracht, -- nicht ohne

große Schwierigkeiten. Aber einen mußte er doch wohl haben, um sich mit

ihm zu unterhalten. Etwas mußte er um sich haben, das die Luft in den

öden Zimmern in eine tönende Bewegung versetzen könnte.

Er singt oft zu seinem Spiel, aber er spielt doch noch öfters --

manchmal bis tief in die Nacht hinein. Da vertraut er wohl dem

Instrument einige von den Gedanken an, die er mit niemand teilen kann,

und die das Instrument dann in Harmonien ausspricht. -- --

Der Morgen nach unserer nächtlichen Ankunft auf dem Pfarrhof wird mit

Glockentönen begonnen, -- mit schwingenden Glockentönen, die einen auf-

und abschaukeln in einem seligen, halbbewußten Traumzustand, wobei man

ohne eine bestimmte Vorstellung von Zeit und Ort ein unaussprechliches

Gefühl hat von den »Glocken des Himmelreichs, die da läuten für mich«.

Dann klopft es an der Tür. Die Pächtersfrau tritt ein, und damit nimmt

das Dasein festere Formen an. Sie hat uns sehr lange schlafen lassen,

will aber nun melden, daß der Frühstückstisch bereit stehe, daß die

Kirchenbesucher sich auf dem Wasser gezeigt haben, und daß es zum

erstenmal geläutet habe.

Obgleich sie sagt, wir müßten uns beeilen mit dem Aufstehen, bleibt

sie doch noch eine Weile stehen und erzählt uns von dem Ort und dem

Pfarrer, das meiste von dem, was eben hier mitgeteilt worden ist.

In großer Eile ziehen wir uns an, frühstücken auch in demselben Tempo.

Dann geht es hinaus.

Der Hofplatz ist breit und geräumig, von vier Gebäuden im Viereck

eingeschlossen. Das Haus nach dem See ist das Hauptgebäude. Von dem

Flur vor dem Eßzimmer führt eine Tür mit großen Renntiergeweihen

darüber nach dem Hof.

Draußen senkt sich die grüne Küste zum See hinab, und hinter dem

Pfarrhof steigt sie in die Höhe -- hoch und steil.

Aber eine Gruppe kleiner dunkler Holzhäuser, deren Dächer mit

Rasenstücken bedeckt sind, -- die wir gestern abend nicht sahen,

weil sie sich in der nächtlichen Dämmerung nicht von der Felswand

unterschieden -- drückt sich dicht bei dem Pfarrhof zusammen.

Also doch ein Dorf im kleinen, -- Menschen als Unterbrechung der großen

Einsamkeit?

Nein, -- es sind keine bewohnten Heimstätten, nur Sonntagshäuser, von

den Kirchenbesuchern errichtet. Denn die Kirchengäste kommen weit her,

die meisten wenigstens; von dem Gebirge herab, über Moore, über das

Wasser. Früh am Morgen, um fünf oder sechs Uhr, müssen verschiedene von

ihnen zu Hause aufbrechen, um zu rechter Zeit zur Liturgie um elf Uhr

in der Kirche zu sein.

Wenn nun zwei Feiertage nach einander kommen, wenn schlechtes Wetter

eintrifft, oder wenn es dunkle Winterzeit ist, dann wird in den

kleinen Hütten übernachtet. Es sind da Bänke an den Wänden, und Felle

liegen darauf, um sich damit zuzudecken.

In der hellen Sommerzeit aber wird nur der ganze Sonntag da zugebracht.

In jedem der Häuschen ist ein Pejs (offene Feuerstelle). -- Da wird

Feuer angemacht, Kaffee und Kartoffeln gekocht und die mitgebrachten

Speisen verzehrt. Man macht sich gegenseitig Besuche. Die Männer stehen

vor den Häusern und besprechen die Begebenheiten der Woche.

Verhältnismäßig ist es den ganzen Tag hindurch bevölkert und lebendig.

Gegen Abend ziehen alle wieder fort, um in der hellen Nacht noch nach

Hause zu kommen, und das Dörfchen ist die ganze Woche hindurch wieder

ausgestorben.

Bisweilen verhindert das Wetter oder die Jahreszeit die Kirchenbesucher

ganz am Kommen. Besonders in der dunkeln, stürmischen Herbstzeit, ehe

die weißen Winterwege die Verbindung erleichtern, und während des

Tauens im Frühjahr geschieht dies oft eine ganze Reihe von Sonntagen

hindurch.

Dann schweigen die Glocken, und die Kirchentüren öffnen sich nicht.

In der Stube des Pfarrers versammeln sich die Pächtersleute und der

Küster, und da wird der Gottesdienst gehalten.

Wenn aber der spähende Blick, von einem der Fenster aus, den ersten

schwarzen Schimmer von Menschen auf der gefrorenen, schneeweißen

Fläche entdeckt, oder das erste Boot auf dem Wasser, dann öffnet der

Schullehrer die Kirchentüren, der Pächter, der zugleich auch Glöckner

ist, geht in den Turm, um die Glocke zu läuten, und der Pfarrer zieht

den Talar an. -- -- --

Geradeso geht es auch heute. Die hohe schwarze Gestalt steht schon vor

dem Pfarrhaus, um die Kirchleute zu begrüßen, die sich nun versammeln

und drunten am Wasser Grüße auswechseln, und dann in Scharen das Ufer

ersteigen.

Der Pfarrer drückt jedem die Hand; alle sagen »du« zu ihm. Dann steigt

er, die Bibel in der Hand, an ihrer Spitze den steilen aber kurzen Weg

zur Kirche hinauf.

Wir schließen uns ihnen an. Die Kirche ist nicht sehr groß, aber so

hell, daß es einen festlichen Eindruck macht. Und über dem Altar

strahlt ein riesengroßes, glattes, goldenes Kreuz anstatt der

friedenstörenden Altarbilder, deren wir uns von den letzten Kirchen,

die wir drunten gesehen haben, noch erinnern.

Der Kantor singt vor, aber des Pfarrers orgeltiefe Stimme trägt den

ganzen Gesang:

»Seit jenem Tag, Erlöser mein,

Da du vom Tod erstanden,

Strahlt' eines neuen Tages Schein

Hell über allen Landen.

Und als mit: »Friede sei mit euch!«

Du grüßtest die voll Sorgen,

Der heil'ge Geist sank nieder gleich

Am frohsten Sonntagsmorgen.«

Wie hier oben gepredigt wird? Kräftig, aber so einfach als möglich. Mit

Bildern aus dem Leben, das alle hier kennen.

Er, der Pfarrer, hat gesagt: »Ich kam hier herauf, um den Seelen, --

und sei es auch nur einer einzigen, -- zu einem Verhältnis zu Gott zu

verhelfen. Nicht in erster Linie zu einem Gott, denn einen Gott haben

doch die meisten. Sondern zu dem lebendigen Gott, zu der unbedingten

Gemeinschaft mit ihm.«

Und dieser Gedanke ist der Grundton aller seiner Verkündigung. Wir

hören ihn mehreremal predigen -- in der Kirche und bei Versammlungen

in seiner Stube, -- aber die Erinnerung an das, was er gesagt hat,

vereinigt sich gleichsam zu dem einen: »Sie haben doch einen Gott, die

meisten Menschen.«

Manche haben ihn freilich nur in der Natur. Da haben sie ihn

hingesetzt, um zu regieren und zu leiten. Sie meinen wohl auch, er

besorge es bisweilen schlecht. Aber sie haben eben keinen andern,

dem sie die Leitung übertragen könnten. Und dann halten sie ihn doch

außerhalb ihrer Türen.

Andere -- die meisten vielleicht -- haben ihn in der Kirche. Sie nehmen

ihn am Sonntag mit dem Gesangbuch hervor, wickeln ihn mit diesem ins

Taschentuch hinein wie einen Verstorbenen, sie schenken ihm ein etwas

schweres Gehör und einen schläfrigen Gesang, und haben sonst nur wenig

mit ihm zu schaffen die ganze Woche hindurch.

Andere haben ihn in ihrem Kummer, in ihrer Not und Gefahr. Da steht

er drohend vor ihnen. Er erhält einige Klagen, erschrockene Rufe und

Gebete und wenig oder gar keinen Dank. Das gibst du wohl auch zu, daß

er es war, der »Ola, den Sonnenstrahl dein« genommen hat, oder der, der

die Lawine an deinem Hause vorübergehen ließ, in jener Frühlingsnacht,

als du zu ihm riefst.

Aber, ob du es glaubst, daß er es war, oder ob du meinst, daß es von

selber so kam, das macht keinen so großen Unterschied. Denn in all

diesem ist kein Verhältnis, kein Verhältnis zu Gott.

Das Verhältnis zu ihm, du, -- das ist es, worauf es ankommt.

Das Verhältnis ist da. Du kannst durchaus nicht darum herumkommen. Du

bist dazu geboren. Du bist hineingetauft worden ...... Aber du mußt es

selbst aufnehmen, sonst wird es zu einem Nichts für dich. Und nicht nur

zu einem Nichts, sondern zu dem, was schlimmer ist, zum Gericht.

Das Verhältnis zu Gott wird auf dieselbe Weise aufgenommen, wie alle

persönlichen Lebensverhältnisse -- du begibst dich hinein. Nur geht

dies tiefer als das tiefste menschliche Verhältnis, in dem du stehst.

Und viel völliger mußt du dich dazu hergeben.

In einem halben Gottesverhältnis kannst du nicht stehen. Denn Gott der

Herr selbst hat sich ganz und ohne Vorbehalt in ein Verhältnis zu dir

begeben. Da war einer, der sich hier unten zur Welt kommen ließ, sich

in Fleisch und Blut kleidete, dir ähnlich wurde, damit du ihn ergreifen

könnest, damit er dein werden könnte. Einer, der starb, um seine

Gemeinschaft zu dir zu vollenden ...

Und ganz will er dich haben, denn er liebt dich. Wäre er nicht die

Liebe -- auch für dich, dann könnte er sich wohl mit weniger begnügen,

mit einem Teil von dir. Aber nun will er kein Atom von dir missen, denn

er liebt dich ganz, will dich ganz retten.

Dich selbst -- was ist denn das?

Ja, das ist nicht nur deine Überzeugung, wie viele meinen. Es sind

nicht nur deine Gedanken, deine Worte, deine Gebete, die Gott verlangt.

Es sind nicht deine Sünden, obgleich du sicherlich ihm diese Bürde zu

tragen geben mußt! Wer sonst könnte, wer wollte sie tragen? Es ist auch

nicht nur deine Liebe, obgleich -- wem solltest du sie sonst geben als

ihm?

Nein, -- dein tiefster ~Wille~ ist es, um den es sich handelt.

Denn in dem Willen sitzest du selbst. Weißt du das? Ja, du weißt es.

Deshalb bist du so langsam, das Verhältnis instand zu setzen. Über

seinen Willen möchte man selbst herrschen ...

Nein, gerade ihn sollst du bringen, ihn übergeben, vollständig und

ganz, ohne Vorbehalt, ohne Bedingungen.

Dann bist du selbst in das Verhältnis hineingegeben und kannst es dir

ganz zueignen.

Denn, wer sich selbst hat hingegeben,

Erst der erhält das volle Leben.

* * * * *

Der Gottesdienst ist lang. Doch nicht, weil die Predigt es ist, aber es

sind mehrere Kinder da, die getauft werden sollen.

Darnach geht der Pfarrer nach Hause, um zu Mittag zu essen, während

die Kirchgänger sich in die Häuschen begeben, aus deren Schornsteinen

allmählich dünne, bläuliche Rauchsäulen aufsteigen.

Zwischen zwei und drei Uhr kommen die Kinder ins Pfarrhaus. Es kommen

sowohl die kleinen, die während des ganzen Gottesdienstes am Morgen

ihre Köpfchen an die Schulter der Mutter gedrückt oder in deren Schoß

ruhig geschlummert haben, als auch die großen, die in dem Bewußtsein,

eine höhere Stufe der Entwicklung erreicht zu haben, mit starren,

runden, verständnislosen Augen dagesessen hatten.

Der Pfarrer singt zuerst mit ihnen: Liederverse, die sie verstehen

können, oder noch öfters kleine Lieder, die er selbst zu bekannten

Melodien gedichtet hat. Er gibt genau acht, daß richtig gesungen wird.

Treuherzige, klanglose, aber taktfeste und ganz reine Stimmchen singen

in der Pfarrstube:

»Den Todesschlaf ein Mägdlein schlief,

Vom Leichentuch behangen.

»Sie ist nicht tot,« der Heiland rief,

»Vom Schlafe nur befangen.«

Den Todesschlaf ein Mägdlein schlief

In fernen Morgenlanden.

»Erwache!« Jesu Stimme rief -- --

Und sie ist auferstanden.

Es brach des starren Todes Band,

Sie hob die Augenlider --

Stand auf und ging an Jesu Hand

Gesund und fröhlich wieder.

O Herr, wenn ich einst liege tot

Wie jenes Kind, das bleiche,

So ruf mich aus des Grabes Not

Zu deinem Himmelreiche!

Da löst sich jedes Todesband,

Und während Engel singen,

Wirst du an deiner lieben Hand

Ins Paradies mich bringen!«

Und dann erzählt er ihnen von dem kleinen Mädchen, das zwölf Jahre

alt war -- gerade wie Aslaug und Karen -- und das im Sonnenschein

umhersprang, wie diese auch. Aber dann wurde es krank und starb.

Das können sich die Kinder alle vorstellen. Das eine hatte die »Guri«,

das andere den »Peter« im Sarg liegen sehen, mit geschlossenen

Augen und bleichen starren Gesichtern, die, so oft das Tuch vom

Sarg aufgehoben wurde, mit jedem Tag bis zum Begräbnis bleicher und

eingefallener geworden waren. Sie kennen besser als andere, was es

heißt, eine Leiche zu Hause zu haben, diese Kinder der einsamen, fernen

Berge.

Und sie verstehen auch alle, wie lieb man den haben müsse, der den

ganzen langen, steilen Weg heraufkommen wollte, der »auf einmal« an der

Tür stehen könnte und sagen: »Das Kind ist nicht gestorben, sondern es

schläft.«

Und der dann hintreten könnte zu dem schwarzen Sarge, der das kalte

Händchen in seine Hand nehmen, das rote Blut auf die wachsbleichen

Wangen zurückrufen und die kleine zusammengesunkene Gestalt wieder

aufrichten könnte, frisch und lebendig, so daß Vater und Mutter nicht

mehr weinen würden, so oft sie das Tuch aufheben ... Das ist es auch,

was der Pfarrer von ihnen haben möchte. »Das können Kinder verstehen,«

sagt er. »Es kommt ihnen ganz natürlich vor ... Und damit ist der erste

Schritt getan hinein in das Verhältnis, das später ihr ganzes Leben

einnehmen soll.«

Die Kinder hängen alle an ihm und freuen sich über die Sonntagsschule

bei ihm. Er ist so freundlich gegen sie. Unter den Erwachsenen gibt es

allerdings solche, die ihn streng finden, unter den Kindern aber kein

einziges. Wenn sie krank werden, verlangen sie immer nach ihm. So war

es bei Guri auch gewesen.

Guri, die sonst immer lustig war und wie ein Kätzchen auf den Felsen

umhersprang, -- aber sich so sehr vor dem Sterben fürchtete, als sie

krank wurde -- -- und dagelegen hatte, und immerfort nach der Tür

gestarrt mit großen, vor Angst und Fieber glänzenden Augen, als ob es

von dorther kommen müsse, -- -- sie war ganz ruhig geworden, sobald er

nur in die Stube getreten war.

Wenn er an ihrem Bett saß, ihr das Haar zurückstrich und sie fragte,

ob sie glauben könne, daß der ~Eine~, der sie am allermeisten

liebe -- mehr als Vater und Mutter -- sie in seinen Arm nehmen werde,

so lange ihr so bange vor dem Sterben sei, -- da fühlte sie sich ganz

sicher und verstand gar nicht mehr, daß sie so große Angst gehabt

hatte.

Er war dann auch bei ihr gewesen in ihrer letzten Stunde. Er kam

in einem Wetter, daß man sich bekreuzen mußte, weil er die Fahrt

gewagt hatte, um ihre kalten Hände zu halten, bis sie in den seinen

erstarrten. --

Wenn die Kinder gegangen sind, bleibt der Pfarrer den ganzen Nachmittag

in seiner Stube, um bald den einen, bald den andern der Sonntagsgäste

zu empfangen, die ihm mitteilen wollen, wie alles daheim steht, ihn

bitten, wenn es ihm möglich sei, einmal zu ihnen zu kommen, um nach

einem Kranken, einem Altersschwachen, einer angefochtenen Seele zu

sehen -- oder auch nur, damit sie ihm von ihren eigenen Zweifeln und

Sorgen erzählen könnten.

Am Abend -- gegen sechs oder sieben Uhr -- versammeln sich dann alle,

die noch nicht abgereist sind, in dem Eßzimmer des Pfarrhauses. Da

spricht der Pfarrer wieder zu ihnen, betet und singt mit ihnen, während

die Kinder draußen auf dem großen Hofplatz spielen dürfen.

Dann gibt es Kaffee, den Kari gekocht hat, und Kuchen -- Waffeln, »Arme

Ritter« und »Fladen« -- die sie im Lauf der Woche gebacken hat.

So hat der Pfarrer es verlangt, obgleich Kari meint, das gehe sehr

weit, so viele zu bewirten. Aber er sagt, daß er sich diese Ausgabe

erlauben könne, er, der nur für sich selbst zu sorgen habe. Er geht

herum und sieht nach, daß die Kinder vom Hof hereingerufen werden und

auch ihren Teil von den Kuchen bekommen.

Dann begeben sich die Kirchgänger nach dem See hinunter. Und nun muß

der Pfarrer müde sein. Aber er sagt, Arbeit ermüde nicht, sie erhalte

einen frisch.

Er setzt sich ans Harmonium in seinem Zimmer, dessen Fenster nach dem

See hinausgehen. Und während die Boote vom Ufer abstoßen, spielt er ein

Lied, in das die Kirchenleute drunten einstimmen. Die Stimmen erheben

sich im Chor und vereinigen sich mit der seinigen:

»Wer sind die vor Gottes Throne?

Was ist das für eine Schar?

Träget jeder eine Krone,

Glänzen wie die Sterne klar,

Halleluja singen all,

Loben Gott mit hohem Schall.«

Ein Boot nach dem andern gleitet hinaus; über die helle, glänzende

Wasserfläche hin tönt es kräftig durch den stillen Abend:

»Es sind die, so wohl gerungen

Für des großen Gottes Ehr',

Haben Welt und Tod bezwungen,

Folgend nicht dem Sünderheer,

Die erlanget in dem Krieg

Durch des Herren Arm den Sieg.«

Allmählich verlieren sich die Stimmen zwischen den Ruderschlägen in der

Ferne. Schwächer und schwächer -- schließlich hinsterbend -- klingt es

zu uns herauf:

»Daß mein Teil sei bei den Frommen,

Welche, Herr, dir ähnlich sind,

Und auch ich, der Not entnommen,

Als ein treues Gotteskind

Dann, genahet zu dem Thron,

Nehme den verheißnen Lohn.«

Viel mehr Ruhe gönnt sich der Pfarrer auch am Werktag nicht.

Eher ist dieser in gewisser Beziehung noch anstrengender für ihn; denn

da reist er weit umher.

Sein Boot fährt rasch auf dem Wasser dahin, und sein gelbes

Nordlandpferdchen trabt mit ihm über Felsen und Moore. Oftmals kehrt er

erst sehr spät in der Nacht zurück. Seine entfernte, weit verstreute

Gemeinde muß er aufsuchen.

An diesen abgelegenen Orten, wo der Bezirksarzt sich nur einmal im

Jahr zeigt -- in Gesellschaft des Landrichters und des Vogts, die im

Hochsommer heraufkommen, um drei Tage lang Thing zu halten und dann

wieder aus dem Bereich der Bewohner zu verschwinden, müsse der, der

dableibe, für alle zu erreichen sein, sagt er.

Und er muß auch Rat wissen für Seele und Leib zugleich. Denn sie

kommen ja zu ihm in allen möglichen Angelegenheiten. Und sie sagen, er

habe gewißlich mehr Doktorbücher studiert, als man zum Praktizieren

notwendig habe, und er habe ihnen mit seinem Arzneikasten und seiner

Verbandtasche verschiedentlich mehr geholfen, als es irgend ein Arzt

hätte tun können.

Es ist unbegreiflich, welchem Wind und welchen Wegen er selbst in der

strengen Jahreszeit trotzt, um bei den Menschen herumzukommen.

Oftmals hat man ihm wohlgemeinte Warnungen zukommen lassen, sich doch

nicht hinauszuwagen, mit der Begründung, die sonst für entscheidend

gilt, daß er sein Leben dabei einbüßen könne.

Hierauf aber antwortet er nur: »Ja, das soll ja eines der echten

Kennzeichen eines Hirten sein; nach der Bibel wenigstens.«

Ein Pfarrer, der nur der Vollstrecker der gottesdienstlichen Zeremonien

sei, werde seiner Meinung nach »ein tönendes Erz oder eine klingende

Schelle«.

Der Beruf umfasse viel mehr, sagt er. Die Seelsorge sei der wichtigste

Teil. Die Seelen müßten aufgesucht werden.

Jeder Mensch habe doch seine Seele; auch hier oben. Tief versteckt

könne sie sein -- und manchmal an den schlechtesten Orten. Der eine

könne sie in seinem alten, schmierigen, ledernen Geldbeutel haben, --

der andere in der Flasche. Und selbst viele von den Christen, denen die

Glocken zur Kirche läuteten, schienen eine merkwürdige Übung darin zu

haben, ihre Seelen während des Gottesdienstes fern zu halten.

»Aber irgendwo ist sie,« sagt der Pfarrer, »und wer jahraus jahrein in

die Häuser kommt, wird sie schließlich auch finden, -- ohne zu fragen.

Denn niemals soll man sich einer Seele durch Fragen nähern wollen. Wer

fragt, wird gar leicht von Neugierde oder von der Tadelsucht getrieben,

vor denen der Mensch ganz natürlicherweise die Tür verschließt. Wer von

wirklicher Liebe getrieben wird, wird es verstehen, sich zu einer Seele

hindurchzufühlen, die sich im tiefsten Innern immer darnach sehnt,

gefunden zu werden.«

Und so sitzt der Pfarrer jenseits des Wassers bei Peter Fossegaarden,

dessen ganzer Stolz seine Schweine sind, und ist vollständig überzeugt,

daß nie ein Schinken so gut schmeckt, wie gerade hier. Oder er klettert

zu Jens Bakken hinauf, der ein Holzschneider ist, und will genau

wissen, wie man das macht. Nicht um die Kunst von ihm zu erlernen, tut

es der Pfarrer, sondern um die Arbeit zu verstehen und wertschätzen

zu können. Oder er sitzt bei Karen, die zweimal im Jahr Fladenbrot im

Pfarrhaus backt, und will dem Backen zusehen, -- oder bei der alten

Gunhild, die halbblind ist, aber noch immer seine Socken strickt, und

sagt zu ihr, er könne sich gar nicht denken, daß sie nicht hundert

Jahre alt werde, denn es könne niemals jemand so für ihn stricken wie

sie.

Und der Pfarrer meint, was er sagt. Er hat ein menschliches Interesse

für alle menschliche Arbeit im großen wie im kleinen.

Aber gleichzeitig sucht er nach der Stelle, wo ein Zugang zur Seele

ist, wo diese ihre scheuen und oft so hilflosen Augen zu ihm aufschlägt

-- um sich ihrer mit warmer und fester Freundeshand anzunehmen.

In der strengsten Jahreszeit gibt es Wochen und Monate, wo der Pfarrer

gezwungen ist, daheim zu bleiben. Den langen, langen schneeweißen

Winter hindurch -- wie vertreibt er sich da die Zeit? Wenn die Lampe um

zwei oder drei Uhr angezündet wird, -- und bei trübem Wetter brennt sie

fast den ganzen Tag hindurch -- womit füllt er da die Einsamkeit all

der nächtlichen Stunden aus? Ja, da spielt er Harmonium, er liest, --

oder er denkt ...

Er hat alle seine Bücher mit heraufgebracht, und seine Briefe und

Zeitungen holt er sich alle acht Tage, wenn das Wetter es erlaubt, auf

der kleinen Poststation, die drüben über dem See, hinter der Landzunge

gegen Westen verborgen liegt. Volle zwölf Tage braucht die Post, um von

Trondheim heraufzugelangen; so viele Seitensprünge hat sie zu machen.

Seine Reisen nach den Filialen unternimmt er auch im Winter so

regelmäßig wie möglich; einmal im Monat nach Sörli und dreimal im

Jahre nach der Trunsjöer Kapelle, -- über Felsen und Seen und Moore,

-- wie es am besten vorwärts geht, denn zu keinem der genannten Orte

führt eine Straße. Es kommt vor, daß er auf halbem Wege wieder umkehren

oder im voraus schon die Reise aufgeben muß; aber da muß es schon sehr

schlimm sein.

In der Zeit von Weihnachten bis Ostern gibt er den

Konfirmanden-Unterricht. Die Konfirmanden kommen ins Pfarrhaus, --

nicht auf zwei Stunden, sondern gleich auf vierzehn Tage, und da

gibt er ihnen jeden Morgen Unterricht. Die meisten von ihnen werden

bei Kari einquartiert, und die, die das Pächterhaus nicht aufnehmen

kann, übernachten in der Küsterwohnung, von wo sie aber durch die

Schneemassen hindurch nicht immer bis zum Pfarrhaus gelangen können.

So geht das Leben seinen Gang, -- einen Winter nach dem andern in der

aufreibenden Einförmigkeit, die so endlos zu durchleben sein kann, und

die doch so merkwürdig kurz ist, wenn man darauf zurückschaut, weil die

Jahre in einander fließen, lautlos und ohne Farbe, wie lauter Stunden

einer einzigen Nachtwache.

Noch eins hat er, um die langen, einsamen Tage auszufüllen. Er

~schreibt~. Er begann nicht gleich damit, denn er wollte sich

zuerst ganz in seinem Beruf hier oben einleben. Der Beruf sollte ihn

ungeteilt haben.

Aber in den zweiten fünf Jahren, -- nachdem er gleichsam alle in seine

Gedanken und in sein Herz aufgenommen hatte, -- da begann er die Bücher

zu schreiben, die den »Hochlandspfarrer« -- dieses Pseudonym hatte er

gewählt -- zu einem wohlbekannten Gast in vielen Heimstätten machte.

Dann entstand auch sein größtes Werk, die »Briefe an die eine Seele«,

das in Heften herauskam, die beständig vermehrt wurden, bis es einen

Brief für jeden Tag im Jahre gab. Es waren längere oder ganz kurze

Briefe, immer mit einer Bibelstelle als Ausgangspunkt, und alle mit dem

einen Zweck: zu ziehen, zu locken, zu ~nötigen~ -- könnte man wohl

sagen -- die ~eine~ Seele in ein Verhältnis zu Gott hinein, hin

auf den Weg zur Vollendung ...

Er hat gleichsam die Bedenken und Einwendungen dieser Seele erlauscht,

hat ihre Zweifel, ihren Widerstand erraten und gefühlt, welche Saiten

den tiefsten Widerhall bei ihr erwecken würden.

Er schneidet die Nebenwege ab, versperrt den Rückzug, hält aber

bisweilen in einer ganz friedlichen Betrachtung plötzlich still, wie um

der Seele Ruhe zu gönnen -- eine Ruhepause.

Er ist wie ein Führer im Gebirge, der mit einem andern an der Hand

hinaufsteigt, und der zwar den Gipfel, der erreicht werden soll, nicht

niedriger machen kann, aber die Schwierigkeiten des Aufstiegs zu

erleichtern und zu überwinden sucht.

Dies ist der Ton, der durch seine Verkündigung geht, nur ist er

gleichsam noch persönlicher.

* * * * *

»Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen!« Matth. 22, 37.

Die Hand aufs Herz -- tust du das?

Nein, wirst du sagen, dein Herz sei zu arm, leer und kalt. Das ist wohl

wahr, aber das gilt hier nicht als Entschuldigung. Denn es wird danach

gefragt, ob du so liebest, wie dein Herz es vermag, -- sonst nach

nichts.

Und kann denn dein Herz gar nicht lieben? Gibt es nicht den oder jenen,

-- deinen ~Nächsten~ -- den es umfaßt, feurig stark, den es fester

hält als selbst das Leben? Doch, es gibt jemand ... Das läßt du dir

nicht nehmen.

Ist es denn dann so, daß dein irdisches Herz nur abwärts lieben kann

-- zur Erde, auf der Erde -- nicht aufwärts? Ja, du selbst kannst kein

Gefühl in deinem Herzen hervorbringen. Aber die Liebe, die du zu einem

andern hast, die kannst du hinaufreichen. Das Herz, das einen andern

umfaßt, das kannst du in die Hände geben, die das erste Recht daran

haben.

Du wirst einwenden, das hieße das Gebot umgehen. Nein, das heißt zu ihm

aufsteigen.

»+Sursum corda+« -- die Herzen in die Höhe! -- hat es seit den

ältesten Zeiten in der Kirche geklungen.

Und die Gemeinde antwortet: »+Habemus ad Dominum+« -- wir erheben

sie zum Herrn.

Wenn du dein Herz hinaufgibst mit der großen Liebe, von der es erfüllt

ist, dann wirst du das erreichen, was dein tiefstes, unaussprechliches

Geheimnis werden wird -- das, daß deine Liebe verwandelt wird.

* * * * *

»Wer zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater und seine Mutter und

sein Weib und seine Kinder und dazu auch sein eigen Leben, der kann

nicht mein Jünger sein.« Luk. 14, 26.

Ich nehme das stärkste Wort, das ich finden kann und erkläre es nicht.

Ich lasse es dich so buchstäblich verstehen, wie -- es nicht einmal

verstanden werden soll.

Und ich behaupte, das Wort, das bei denen, die draußen stehen, Anstoß

erregt und von vielen Christen übersprungen wird, das ist eines von

denen, die ~dich~ am stärksten ergreifen, denn niemals wirst du

dich mit einem Verhältnis zu Gott begnügen, das nicht unbedingt ist.

In der irdischen Liebe würden es die meisten nicht können. Das wird

ohne Einwendung begriffen, und je mehr man liebt, desto mehr will man

das andere besitzen, ganz und ungeteilt.

Aber die Forderung, die die Menschen ganz von selbst aneinander

stellen, -- an der nehmen sie Anstoß, sobald sie von oben kommt.

So sei es nicht bei dir. Wo du dich hingeben sollst -- auch seelisch

--, wirst du verlangt werden, ganz und ungeteilt.

Denn du wirst begreifen, daß wer alles zu verlangen wagt, auch alles zu

geben hat.

* * * * *

»Petrus trat aus dem Schiff und ging auf dem Wasser.« Matth. 14, 29.

Aber es war nicht das Wasser, das ihn trug. Auf ~Wogen~ kann man

nicht treten. Trotzdem -- die Menschen sind nicht von dieser Einbildung

wegzubringen. Hast du sie nicht auch geteilt?

Was anders hat die Welt dir wohl geboten, um darauf zu treten -- was

anderes als Wogen? Was anders hat dein eigenes schwankendes, kraftloses

Herz dir geboten? Und auch du hast wie die andern gedacht, daß sie dich

tragen würden. Ist es nicht so?

Petrus ging im ~Glauben~ vorwärts. Der Glaube ist Felsengrund

unter den Füßen; der einzige, der sich findet. Als er diesen verläßt,

da »beginnt er zu sinken«. Denn es gibt nur das eine von diesen beiden;

entweder du lebst im Glauben -- dann stehst du auf Felsengrund, -- oder

dein Leben ist ein fortgesetztes Hinausgleiten in die Wogen, -- die dir

schließlich über dem Kopf zusammenschlagen.

Aber merk dir eines: es sieht aus, als sei es gerade ~umgekehrt~;

als ob dieses »im Glauben Vorwärtsgehen« so viel sei, als ein Loslassen

des Festen und Sicheren, ein Hinaustreten aus dem Schiff -- und mit

geschlossenen Augen den Sprung wagen in die unendliche Tiefe.

So wird es immer gefühlt werden, und aus diesem Gefühl heraus muß es

getan werden.

Aber in Wirklichkeit setzt man da erst seinen Fuß auf den Felsen, den

das Weltmeer nicht erschüttern kann, und den die schwarzen, trüben

Wasser des Todes nicht zu überfluten vermögen.

* * * * *

»Die, so in den Schranken laufen, die laufen alle, aber ~einer~

erlangt das Kleinod.« 1. Kor. 9, 24.

Der eine, der das Kleinod erlangt, der sollst du sein.

Ja, wirst du sagen -- aber die andern dann? Ist es nicht schrecklich,

daß ich auf ihre Kosten gewinnen soll?

Mein Freund, -- laß dich dadurch nicht aufhalten!

In der Sache deiner Seligkeit handelt es sich niemals um einen Wettlauf

mit andern. Ihr seid nur zu zweit auf der Bahn, du und noch einer, den

du ganz genau kennst, nämlich dein »alter Mensch«, -- wie wir ihn zu

nennen gelehrt worden sind.

Der Einsatz ist das Leben; nur einer gewinnt es. Der andere muß sterben

... Von diesen beiden lebt immer einer auf Kosten des anderen.

Und dein alter Mensch läuft furchtbar schnell. Er gönnt sich Tag und

Nacht keine Ruhe.

Läufst du so, daß du gewinnen kannst? O stehe eines Tages da -- der

andere sterbend zu deinen Füßen -- mit dem Kleinod in der Hand!

* * * * *

Merkwürdig ist es doch mit ~der einen Seele~, die er noch immer

sucht, für die er noch immer arbeitet, um sie in das Geheimnis der

Gemeinschaft mit Gott hineinzuführen! War sie denn hier oben nicht

zu finden? Es scheint fast unmöglich, daß von einer so eifrigen, so

aufopfernden Wirksamkeit keine Früchte nachzuweisen sein sollten!

Doch darüber erfahren wir nichts, wenigstens nichts von ihm selbst.

Und die andern Leute wohnen zu zerstreut, als daß wir da nachfragen

könnten. Nur das sehen wir allerdings, daß die Leute in verhältnismäßig

großen Scharen zur Kirche kommen und daß sie den Pfarrer zu ihren

Kranken und Sterbenden holen lassen, sobald die Verhältnisse es nur

erlauben.

Aber die eine Seele ist vielleicht noch weiter entfernt, als nur

»jenseits der drei Wasser«, weiter entfernt, als hinter dem endlosen

Moor, -- tief drunten in der Welt, die so merkwürdig fern liegt.

Hat er wohl jemand da drunten, den er rufen möchte?

* * * * *

Da ist ein Punkt, über den wir gern etwas wissen möchten. Der Pfarrer

ist in all den Jahren, seit er hier herauf zog, nie wieder drunten

gewesen. Und schon ehe wir ins Pfarrhaus kamen, hörten wir, daß er

sich nach einer großen und bitteren Enttäuschung, die er erlebt hatte,

für alle Zeiten von der Welt losgesagt habe.

Kari weiß etwas davon, daß es ein »Weltkind« gewesen war, das einmal

seine Netze ausgeworfen hatte, um ihn zu fangen, und daß es ihm -- dem

Weltkind -- eigentlich auch geglückt war, daß es ihn dann jedoch selbst

wieder verlassen hatte. Wie die Sache aber eigentlich zusammenhängt,

das kann sie uns doch nicht sagen. Sie hat nur so viel verstanden, daß

es gut war, »daß er ~sie~ los wurde«.

Sigrid freilich, die könnte mehr davon erzählen, wenn sie nur wollte.

Sigrid ist die älteste der Pächterstöchter, die, sobald sie halb

erwachsen war, die Bedienung des Pfarrers besorgt hatte. Es war ihm

lieb, ihre sanftmütige Erscheinung um sich zu haben, sie kommen und

gehen zu sehen, mit ihren langen hellen flachsblonden Zöpfen, ihrem

kindlich runden Gesicht und den blauen, schwermütigen Augen, deren

Ausdruck in so merkwürdigem Gegensatz mit ihrem taghellen Farbenglanz

stand.

Sigrid erriet, wie er es in allem haben wollte. Sie fühlte es

gleichsam an sich selbst, wenn er müde oder betrübt war, wenn er allein

sein wollte, oder wenn sie kommen durfte. Und sie fragte nie. Deshalb

sprach er auch mit ihr mehr, als mit irgend einer der andern.

Dann kam der neue, ganz junge Kantor herauf.

Er stammte aus der Gegend und hatte als Kind mit Sigrid gespielt, wenn

er Sonntags mit seinen Eltern zur Kirche kam. Er hatte sie schon damals

lieb gehabt, das wortkarge Mädchen mit den aschblonden Zöpfen und den

schüchternen, niedergeschlagenen Augen. Und nun mußte er ja baldigst

eine Frau haben, die seine einsame kleine Kantorwohnung mit ihm teilen

sollte, -- dort droben auf dem Gipfel des Tannenhügels, etwas rechts

vom Pfarrhof.

Als die Eltern Sigrid fragten, ob sie ihn »möge«, antwortete sie, daß

sie es nicht recht wisse. Und dies war ja so vielversprechend, daß man

gut sogleich mit den Vorbereitungen zur Hochzeit beginnen konnte.

Der Pfarrer wollte nur ungern Sigrid verlieren und sie durch Gudveig

ersetzt haben, die zwar ganz dasselbe Gesicht und Haar wie die

Schwester hatte, sich aber immer mit Geräusch anmeldete und so froh und

gleichgültig aus ihren blauen Augen schaute. Er meinte auch, Sigrid sei

zu gut für den kleinen, redseligen Kantor.

Aber als ihm Kari zu verstehen gab, daß es für Sigrid selbst am besten

wäre, wenn sie wo anders hinkäme, da sprach er mit dieser nur noch

davon, wie gut sie es in dem hübschen, kleinen Häuschen bekommen werde.

Aber Sigrid weinte viel, als sie dorthin gekommen war. Sie sehe auch

immer nach dem Pfarrhof, sagte ihr Mann, der glaubte, sie habe Heimweh

nach den Eltern. Und des Nachts, wenn es schlecht Wetter sei, dann

liege sie mit großen, offenen Augen da -- wie jemand, der hinaushorcht.

Oder sie fahre vom Schlaf auf und frage, ob das des Pfarrers Tür sei,

die aufgemacht werde, und ob er wieder heimgekommen sei. -- Aber viele

haben es ja auch so in ~der~ Zeit.

Jetzt im Frühling bekam sie ein Kind, ein kleines »helles Mägdlein«,

mit dem sie sich abgeben konnte. Und da kam sie zur Ruhe im Küsterhaus.

Sigrid wußte wahrscheinlich mehr von den Ereignissen aus des Pfarrers

Jugend, als irgend sonst jemand.

Und einmal hatte sie ein Bild gesehen -- von einer, die »so schön, so

wunderschön« gewesen war, daß es einem mitten durchs Herz ging.

Aber Sigrid ist ja nun nicht mehr daheim. Und die wenigen Male, wo wir

sie in der Kirche oder auf einen kleinen Besuch zu den Eltern kommen

sehen, die hellen, schwermütigen Augen unbeweglich niedergeschlagen, da

bekommen wir den Eindruck, daß sie zu denen gehört, wo es gar nichts

nützt, wenn man fragt.

Außer uns ist zurzeit noch eine Schwester des Pfarrers in der

Pächterwohnung. Sie ist eine schöne feine Gestalt, einige Jahre älter

als er, -- die wohnte bei ihm, ehe er hier herauf zog, wohin sie

ihm aus Gesundheitsrücksichten nicht folgen konnte. Nur während der

heißesten Sommerzeit besucht sie ihn auf einige Monate.

Auf ihre gebildete Weise ist sie ganz ebenso verschlossen wie die

blonde Sigrid. Als sie daher eines Tages ganz leicht den Punkt

berührte, der uns interessiert, geschah es nur, weil es ihr sehr

schwer wird, über das ganz zu schweigen, wodurch die Hochachtung vor

dem Bruder bei andern vermehrt werden könnte, -- was ihre größte,

vielleicht ihre einzige Schwäche ist.

Eines Morgens führt sie uns nach dem »Tal Josaphat«, wie der Pfarrer

eine breite Felsenschlucht tief im Walde genannt hat, wo die Sonne so

warm und golden eingefangen wird, daß wie ein leuchtender Abglanz der

Sonne selbst eine wirre und farbenprächtige Blumenfülle -- gelb, weiß,

lila, rot, besonders rot -- auf langen wogenden Stielen aus der Erde

hervorbricht. Tief unten rieselt ein klares Bächlein, das leise mit

sich selber plaudert, so daß man dessen Dasein ganz vergessen kann, --

bis man plötzlich mit dem Fuß hineintritt.

Hier nun sagte sie mit einer Anspielung auf jenes Jugenderlebnis des

Pfarrers: »Ich schaue in diesem Punkt zu meinem Bruder auf. Niemand von

uns rührt je daran -- selbstverständlich. Seit er hier herauf gezogen

ist, hat er nur ein einziges Mal darauf angespielt. Damals sagte er:

›Ich bin dieser Person großen Dank schuldig. Niemals wäre ich ›alles

für alle‹ geworden, wenn ich nicht mit einem Schlag von jeder Rücksicht

auf mich selbst frei geworden wäre -- von all meinem Eigenen!‹ -- Und

das ist sicher, ein dauerndes Verhältnis zu dieser Person, über die

ich mir kein Urteil erlaube, hätte dem Leben, das sich über sich selbst

ganz zu Gott erhebt, und in das er jetzt so tief eingedrungen ist, den

Weg versperrt. Aber ihr gar zu danken, dahin können wir andern nicht

gelangen! Was damals war, vor dreizehn Jahren, möchte ich am liebsten

ganz aus meiner Erinnerung auslöschen.« --

Sie ist ein ausgezeichnetes Wesen, die Schwester des Pfarrers. Wir

zweifeln nicht daran, daß sie richtig sieht. Und doch -- -- an sie, die

»so wunderschön war, daß es einem mitten durchs Herz geht«, und von der

los zu kommen ein Glück für ihn war, -- -- wir können es nicht lassen,

wir müssen viel an sie denken.

Die Pächtersfrau vertraut uns an demselben Tag an, daß sie, Alette,

diesmal nicht so lange hier bleiben werde wie sonst, sondern bald

nachdem wir abgereist seien, auch wieder südwärts ziehe. Sie wird

nämlich heiraten, -- sie! Einen ausgezeichneten Pfarrer in Christiania,

der früher Missionar und mit einer Freundin von ihr verheiratet gewesen

war. Er hat ein paar erwachsene Kinder und einige unerwachsene dazu,

so daß sie eine schöne und ernste Aufgabe bekommt. Sie kam hierher, um

mit dem Pfarrer darüber zu reden. Und er freut sich nur darüber.

Sie will durchaus, er soll im August hinunterkommen und sie trauen

-- er soll der sein, der ihr neues Leben einsegnet -- und sich dann

zugleich nach einer Stelle da drunten umsehen. Auf das erste hat er

noch nicht bestimmt geantwortet, aber zum zweiten sagt er, -- wie

immer, wenn jemand wünscht, daß er sich wegmelde --: »Ich muß erst hier

fertig sein.«

Wir begreifen nicht recht, woher Kari all dies weiß. Wahrscheinlich

gibt es hier im Winter so wenig zu hören, daß sie im Sommer ihre Ohren

doppelt gebrauchen muß.

* * * * *

Unser kurzer Aufenthalt ist bald zu Ende. Der letzte Abend ist

gekommen.

Nach Sonnenuntergang ist es immer kühl hier oben. Wenn der glühende

Sonnenball versunken ist und ein Silberglanz vom Wasser aufsteigt, dann

überkommt einen selbst in der heißen Jahreszeit ein eigenes

Kältegefühl.

Am letzten Abend, den wir hier zubringen, wo es auch schon den Tag

über kühl gewesen ist, sinkt die Temperatur auf einen solch niederen

Grad der Sonnenwärme herab, daß der Pfarrer uns vorschlägt, auf der

Feuerstelle in seinem Zimmer ein Feuer anzuzünden.

Kari trägt trockenes Brennmaterial herbei, Tannenzweige und

Tannenzapfen. Und bald knistern und sprühen die Feuerflammen ermunternd

und erwärmend in dem offenen Kamin.

Die Studierstube ist uns am liebsten. Hier sind die meisten seiner

eigenen Sachen, die sich in dem flackernden Schein des Feuers ganz

märchenhaft ausnehmen.

Ein goldener Schimmer spielt auf den weißlichen Renntierfellen des

Sofas. Und das große Bild über dem Schreibtisch, die Madonna von

Murillo aus dem Palazzo Pitti, strahlt in so warmem Glanz, als ob das

junge lebendige Gesicht wirklich aus Fleisch und Blut wäre.

Das große Kruzifix in der Ecke über dem Harmonium ist nicht beleuchtet.

Aber auf dem Bild, das darunter hängt, -- das Abendmahl in Emmaus von

Tizian, -- liegt eine Glut, wie von dem Sonnenuntergang des Ostertags

selbst.

Nicht weit von diesem Bild entfernt geht Napoleon mit erhobenem Banner

über die Brücke von Arcole. Glühender Eifer flammt in seinen bleichen

Wangen auf.

Und plötzlich fällt es uns auf, daß der Pfarrer, wie er dasitzt und

das Feuer schürt, diesem Bilde gleicht, -- mit dem wallenden schwarzen

Haar, dem feingeschnittenen Gesicht und dem Ernst, der mit dem Feuer

verwandt ist, in seinen dunklen Augen.

Die Schwester des Pfarrers steht am Tisch, legt kleine Kuchen auf einen

Teller und bereitet zur Feier des Abends Glühwein.

Wir hätten nicht gedacht, daß der Pfarrer Wein trinken würde. Es

geschieht auch nur sehr selten, aber er hat nichts dagegen, daß seinen

Gästen Wein angeboten wird.

So oft neue Tannenzweige auf das Feuer geworfen werden, zischt und

knistert es am stärksten, die Flammen schlagen hoch auf, und die roten

Tannennadeln fliegen wie glühende Leuchtkäfer umher.

Eines von uns verwundert sich darüber, daß der Pfarrer so wenig von den

Früchten seiner Arbeit zu erzählen wisse.

»Das könnte er leichter als sonst einer,« sagt die Schwester vom Tisch

her.

Er aber erwidert: »Ich bin hier, um die Seelen zu rufen, nicht aber,

um ihre Bekehrung festzustellen. Außerdem -- sein Verhältnis zu Gott,

das ist immer eines Menschen tiefstes Geheimnis. -- Es hat auch

seine äußeren Seiten, selbstverständlich muß es sie haben, wie jedes

persönliche Verhältnis. Es gibt Tatsachen, auf die man deuten kann.

Aber das ist nicht die Hauptsache. Ob die volle Hingabe stattgefunden

hat, im tiefsten Innern, das weiß nur der eine, der in die Seele

hineinsieht.«

Er schaut eine Weile schweigend in die Flammen. Dann sagt er: »Ich

habe mich wirklich hier oben oft beschämt gefühlt. Wie treuherzig und

einfältig können diese Menschen in ihrem Gedankengang sein! Wie zum

Beispiel Guttorm, weißt du?«

»Der mit dem Haus?« fragt die Schwester.

»Ja, der mit seinem Haus, das er nie ›vergoldet‹ und fein genug

bekommen konnte. Zu dessen Ausschmückung er jede freie Stunde verwandte

-- schnitzte, malte, firnißte -- und das er sein Kind nannte. Nur still

dasitzen und sich in der Stube umsehen, eine größere Freude kannte

er nicht. Und oft kam es vor, daß er gerade am Sonntag die Gicht in

seinem Bein spürte, so daß er zu Hause bleiben mußte, -- und sich dann

nur den alten Knud holte, um ihm zu zeigen, was es seit dem letztenmal

Neues in der Stube gab. Ich sagte zu ihm: ›Hüte dich, Guttorm, daß du

dein Herz nicht zu sehr an dein Haus hängst, du kommst doch nicht wie

eine Schnecke mit ihm auf dem Rücken in den Himmel hinein!‹ Er aber

lachte und sagte, da sei keine Gefahr.

Dann mußte er einmal ins Gebirge mit seiner Frau. Sie waren zwei bis

drei Tage abwesend. Und als er den großen Schlüssel im Schloß umdrehte,

betete er: ›Herr, mein Gott, beschütze mein Haus, so lange ich weg

bin.‹

Als er zurückkam, hatte der Blitz hineingeschlagen, und es war bis auf

den Grund niedergebrannt.

Eine Weile betrachtete er schweigend die schwarze rauchende

Brandstätte. Die Frau jammerte und weinte, aber Guttorm faltete seine

Hände und betete: ›Mein Herr, ich danke dir. Ich sehe, daß du mich

selbst beschützt hast.‹

Ja, könnten wir wohl sprechen wie er? Sogleich, in demselben

Augenblick, wo wir das verloren hätten, woran unser Herz am meisten

hing?«

»Niemals wäre er so weit gekommen, so sprechen zu können, wenn du nicht

mit ihm geredet hättest -- so oft und so viel,« sagt die Schwester.

Aber der Pfarrer hört nicht darauf. Schweigend, wie in tiefe Gedanken

versunken, starrt er in die Flammen. Dann sagt er, ein wenig zögernd:

»Bisweilen habe ich gedacht, ob sich hier oben nur ein einziger Mensch

findet, der sein Verhältnis zu Gott verwirklicht hat, -- einer, der

sich danach gesehnt hatte, es zu verwirklichen, weil er wußte, wie

mangelhaft dies Verhältnis -- in Wirklichkeit gewesen war -- -- -- Aber

das war dann jedenfalls nicht mein Tun.«

Er wirft wieder ein Bündel Tannenzweige auf die Glut. Es knistert und

flammt, und eine Feuergarbe von roten Leuchtkäfern schwirrt sprühend

auf. Unten, zwischen den großen Holzscheitern, liegen ein paar

Tannenzapfen, die mit ruhigen blauen Flammen brennen.

Dann bittet eines der Anwesenden den Pfarrer um ein Märchen; denn das

gehöre dazu. »Am liebsten eine Spukgeschichte,« ist ein anderes so

keck, hinzuzufügen.

Seine Schwester schüttelt den Kopf. »Das kann mein Bruder nicht. Er hat

an anderes zu denken gehabt.«

Aber der Pfarrer antwortet: »Warum denn nicht? Vielleicht könnte ich

etwas erzählen, was einem hier passiert ist, hier oben. Wenn ich den

Namen nicht nenne ....«

Er schaut eine Weile in die Flammen; dann erzählt er: »Ein Bursche ging

am Moor entlang, als es von Multeblüten ganz weiß war. Während er so

dahin ging, sah er jemand auf dem Moor stehen. Es kam ihm vor, als sei

es Ingrid Koppen. Sie pflückte Blumen.

Er rief ihr zu, warum sie denn die Blumen pflücke; dann gebe es ja

weniger Multebeeren. Ob sie denn daran nicht gedacht habe?

Da trat sie zu ihm und reichte ihm die Blüten über einen schmalen Bach

hinüber, der sie vom Wege trennte.

Der Hochlandspfarrer · 第 5 / 16 题