Die erbliche Rückenmarksataxie ist ähnlich der bei Syphilis
vorkommenden, welche Tabes dorsalis genannt wird. Da nur ein
kleiner Teil der Syphilitischen diesem Leiden verfällt (1-3%) ist
es möglich, daß eine idiotypische Anfälligkeit dabei von Bedeutung
ist. Sicheres weiß man nicht.
Nicht klargestellt ist auch bisher, ob eine erbliche Anlage bei der
Entstehung der Syringomyelie, einer tödlich ausgehenden Krankheit,
welche auf Höhlenbildung im Rückenmark beruht, mitwirkt.
Ziemlich sicher ist dagegen die idiotypische Bedingtheit der
(seltenen) sogenannten ~Pseudosklerose~ oder ~diffusen Sklerose~,
welche der multiplen Sklerose, die durch besondere Kleinlebewesen
und zwar besondere Spirochaeten hervorgerufen wird, recht ähnlich
ist, sich aber durch das Fehlen erkennbarer Krankheitsherde im
Rückenmark unterscheidet. Da sie öfter bei zwei oder drei Kindern
gesunder Eltern beobachtet wurde, scheint es sich um ein rezessives
Leiden zu handeln.
Die ~Paralysis agitans~ oder Schüttellähmung ist ein nicht
seltenes Leiden, das im 5. oder 6. Jahrzehnt zu beginnen pflegt und
sich in eigentümlichen gleichförmigen unwillkürlichen Bewegungen
äußert, die nur im Schlafe aussetzen. Besonders die Hände sind dauernd
in einer Bewegung wie beim Münzenzählen. Weiter entwickelt sich eine
eigentümliche Muskelsteifheit, die dem Gesicht einen maskenartigen
Ausdruck verleiht und die Kranken zu einer nach vorn gebeugten Haltung
zwingt. ~Lundborg~ fand unter 7 Fällen 6 mal Blutsverwandtschaft
der Eltern. Demnach ist wohl rezessiver Erbgang zu vermuten. Fälle,
die schon im jüngeren Alter auftraten, hat man gelegentlich mehrfach
in einer Familie beobachtet. Den Ausbruch der erst im höheren Alter
einsetzenden gewöhnlichen Form dagegen erleben offenbar die dazu
Veranlagten oft nicht mehr.
Mit unwillkürlichen Bewegungen ganz anderer Art geht die ~erbliche
Chorea~ (erblicher Veitstanz, Huntingtonsche Krankheit) einher. Das
Leiden beginnt im 4. oder 5. Jahrzehnt mit zuckenden, oft eigentümlich
theatralischen Bewegungen der verschiedensten Körperteile. Im Verlaufe
des unheilbaren Leidens tritt auch fortschreitende Verblödung ein.
Der Erbgang ist einfach dominant. ~Davenport~ hat über 962 Fälle
aus vier Verwandtschaftskreisen berichtet. In den verschiedenen
Familien war das Bild ein etwas verschiedenes. Auch die erbliche Chorea
scheint also keine strenge idiotypische Einheit darzustellen. Von dem
dominanten Erbgang dagegen fand sich keine Ausnahme.
Der erblichen Chorea ist die Tickkrankheit ähnlich, welche sich
schon bei jugendlichen Personen unter dem Bilde verzerrter
Bewegungen äußert. Idiotypische Bedingtheit ist nicht
unwahrscheinlich; doch ist nichts Sicheres bekannt. Ebensowenig
ist es bekannt, ob bei der Entstehung der vorübergehenden
Chorea (Veitstanz), die sich öfter an Infektionskrankheiten wie
Gelenkrheumatismus anschließt, erbliche Einflüsse mitwirken.
Auf unwillkürlichen Muskelzuckungen beruht auch
die ~fortschreitende erbliche Myoklonie~ oder
~Myoklonusepilepsie~, bei der aber die einzelnen Zuckungen so
kurz sind, daß größere Bewegungen nicht zustandekommen. Zugleich
bestehen nächtliche epileptische Anfälle, und schließlich kommt es
zur Verblödung. ~Lundborg~ beobachtete 17 Fälle bei Kindern
blutsverwandter Eltern. Das von ihm gefundene Zahlenverhältnis
entspricht sehr gut dem rezessiven Erbgang, so daß dieser als
sichergestellt gelten kann.
Die ~erbliche Myotonie~ (Thomsensche Krankheit) stellt einen
Zustand dar, bei welchem alle Muskeln, die nach längerer Ruhe
angespannt werden, in einen Zustand angespannter Steifheit geraten,
der sich erst allmählich wieder löst. Die Anlage ist einfach
dominant.
Wenn die Muskelstarre nur in der Kälte auftritt, spricht man von
~Paramyotonie~. Diese wurde durch 6 Generationen einer Familie
beobachtet, ist also offenbar auch einfach dominant.
Dasselbe gilt von der ~paroxysmalen Lähmung~ oder Myoplegie,
die sich in eigentümlichen Anfällen schlaffer Lähmung fast der
ganzen willkürlichen Muskulatur äußert.
Als ~myotonische Dystrophie~ hat ~Fleischer~ ein
eigentümliches erbliches Leiden beschrieben, das er in einem
großen Verwandtschaftskreise verfolgen konnte und bei welchem
unter Krampfzuständen in einigen Muskelgruppen und Atrophie in
anderen die befallenen Personen schließlich an allgemeinem Verfall
zugrundegehen. Ein frühzeitiges Zeichen der Krankheit ist die
Trübung der Linse. Der Erbgang ist noch nicht ganz klargestellt.
~Erblicher Tremor~ (sog. Tatterich) kann sich schon bei
jugendlichen Personen äußern. Er kommt als Teilerscheinung
anderer Anomalien, z. B. der Basedowdiathese, aber auch auf Grund
besonderer dominanter Anlage vor.
[Illustration: Fig. L. 63.
Stammbaum einer Familie mit erblich bedingten unwillkürlichen Augen-
und Kopfbewegungen. Nach ~Radloff~ (gekürzt).]
Jenes eigentümliche ~Augenzittern~, das man Nystagmus nennt
und das z. B. bei Tagblindheit und bei Albinismus des Auges erwähnt
wurde, kommt auch ohne sonstige Augenleiden mit unwillkürlichen
Kopfbewegungen zusammen vor und zwar anscheinend dominant.
In dem Kapitel über Hautleiden wurden bereits einige erblich
bedingte Störungen der Gefäßnerven der Haut erwähnt, die man
auch als Nervenleiden ansehen kann. Verwandt mit jener Gruppe
ist auch wohl die anfallsweise auftretende Gelenkwassersucht
(Hydrops articulorum intermittens), welche vorzugsweise die Knie
befällt. Die Frage ihrer erblichen Bedingtheit ist noch nicht näher
untersucht. Dasselbe gilt von verschiedenen Ernährungsstörungen
der Haut und anderer Gewebe wie z. B. Sklerodermie und dem
umschriebenen Gesichtsschwund (Hemiatrophia faciei), bei dem ohne
erkennbare äußere Ursache die Haut, das Fettgewebe und z. T. auch
die Muskulatur einer Gesichtshälfte einschrumpft.
Als Äußerung einer Anomalie des Nervensystems muß man auch das
sogenannte ~Bettnässen~ (Enuresis nocturna) ansehen, ein sehr
lästiges und peinliches Leiden, das sich in unwillkürlicher Entleerung
des Harnes während des Schlafes äußert. Es beruht auf einem Mangel
des Gefühls für den Füllungszustand der Blase. Meistens tritt das
Bettnässen familienweise gehäuft auf und ist demgemäß offenbar
idiotypisch bedingt. Bettnässer sind verhältnismäßig oft schwachsinnig
oder epileptisch, auch sind sie öfter mit Mißbildungen des Rückenmarks
(Spina bifida occulta) behaftet.
Auf einer Anomalie des Zentralnervensystems beruht auch die
~Linkshändigkeit~. Da die normalerweise bevorzugte rechte
Körperseite von der linken Gehirnhälfte versorgt wird, ist bei der
Linkshändigkeit eine relative Funktionsschwäche der linken Gehirnhälfte
gegenüber der rechten anzunehmen. Linkshändigkeit stellt sicher
keine idiotypische Einheit dar, sondern diese Erscheinung kann
jedenfalls durch verschiedene Anomalien bedingt sein. Damit dürfte
es zusammenhängen, daß auch andere Störungen, die auf Anomalien des
Zentralnervensystems beruhen, bei Linksern oder ihren Verwandten
überdurchschnittlich häufig sind, z. B. Sprachstörungen, Epilepsie
und Schwachsinn. Im ganzen sind ungefähr 3-5% der mitteleuropäischen
Bevölkerung linkshändig; etwa die Hälfte aller Linkser hat auch unter
ihren Verwandten Linkser. Ein Teil jener Anomalien des Gehirns, auf
denen Linkshändigkeit beruhen kann, ist anscheinend dominant erblich,
der größere Teil aber wohl rezessiv.
Die häufigsten ~Sprachstörungen~, das ~Stottern~ und
~Stammeln~ sind ebenfalls zum großen Teil erblich bedingt. Beim
Stottern werden Konsonanten am Anfang eines Wortes wiederholt und
verlängert, und im Anschluß daran treten Unterbrechungen ein, so daß
das Sprechen vielfach unterbrochen und zerhackt ist. Als Stammeln wird
die Unfähigkeit, gewisse Laute richtig auszusprechen, bezeichnet. Auch
diesen Zuständen liegen Anomalien des Zentralnervensystems zugrunde.
Stottern findet sich bei etwa 1% unserer Bevölkerung. Mehr als 25%
aller Stotterer haben auch stotternde Verwandte. Die entscheidende
Bedeutung erblicher Anlagen ist besonders aus jenen Fällen zu erkennen,
wo Kinder von Stotterern, die von Geburt an von dem stotternden
Elter getrennt waren (z. B. durch dessen Tod), doch dieselbe
Sprachstörung bekamen. Auch werden von mehreren Geschwistern meist
nur einzelne zu Stotterern. Unter Stotterern hat man fast ein Viertel
Linkshänder gefunden, unter Linkshändern noch mehr Sprachgestörte. Bei
Stotterern und ihren Verwandten sind auch psychopathische Zustände
überdurchschnittlich häufig (Epilepsie, Hysterie, Schwachsinn).
Auch die sogenannte ~Hörstummheit~, wie man im Unterschiede
zur Taubstummheit den Zustand von Kindern nennt, die trotz
vorhandenen Gehörs nicht zur rechten Zeit zu sprechen beginnen,
ist meist idiotypisch bedingt. In mehr als einem Drittel der Fälle
hat man auch bei einem der Eltern verspätete oder unvollkommene
Entwicklung der Sprechfähigkeit gefunden.
Die Erblichkeit ist auch für das ~Lispeln~ (Sigmatismus)
von Bedeutung; es besteht im Anlegen der Zunge an die Zähne beim
Aussprechen von Zischlauten. ~Gutzmann~ fand bei Sigmatismus
lateralis (seitlichem Lispeln) in 38,5% dasselbe Sprachübel in
der Verwandtschaft. Zu einem eigenartigen leichten Lispeln neigen
besonders viele Juden; es scheint sich wohl um eine besondere
Anlage gewisser Rassenbestandteile unter den Juden zu handeln, die
man allerdings kaum als abnorm ansehen kann.
i) ~Erbliche Geisteskrankheiten und Psychopathien~.
Bei keiner anderen Gruppe von Krankheiten steht die Erblichkeit so
im Vordergrunde der Ursachen wie bei den Seelenstörungen; zugleich
aber begegnet die Erforschung des Erbganges im einzelnen bei keiner
anderen gleich großen Schwierigkeiten. Schon über die Abgrenzung und
Einteilung der erblichen Seelenstörungen herrscht bisher keine rechte
Übereinstimmung unter den Fachleuten. Kein Wunder daher, daß fast bei
keiner einzigen der Erbgang bisher ganz sichergestellt werden konnte.
Sicher ist nur, daß die Erblichkeit alle anderen Ursachen an Bedeutung
übertrifft.
An zweiter Stelle ist die Syphilis zu nennen, die nicht nur die
entscheidende Ursache der Paralyse oder sogen. Gehirnerweichung
ist, sondern die in ihrer angeborenen Form auch mancherlei Formen
von Schwachsinn und Epilepsie hervorrufen kann. Die dritte Stelle
nimmt der Alkoholismus ein, welcher einerseits bei den Trinkern
selbst Delirium tremens und Säuferwahnsinn, andererseits bei ihren
Kindern Schwachsinn und andere Seelenstörungen zur Folge haben
kann. Die vierte Stelle kommt jenen noch nicht näher bekannten
Einflüssen zu, welche den endemischen Kropf und Kretinismus
bedingen.
Man pflegt die Seelenstörungen aus praktischen Gründen in
eigentliche ~Geisteskrankheiten~ (Psychosen) und in
~Psychopathien~ einzuteilen und zwar nach dem Grade der
Anpassungsfähigkeit oder Erhaltungsmöglichkeit ihrer Träger im
praktischen Leben. Als geistig abnorm oder gestört überhaupt ist
ein Individuum anzusehen, das infolge seiner Seelenbeschaffenheit
an den Grenzen der Anpassungsmöglichkeit lebt. Wenn die Störungen
so hochgradig sind, daß der Kranke keinen Beruf ausüben kann, so
spricht man von Geisteskrankheit. Bei Störungen geringeren Grades,
die zwar mit der Ausübung von Berufsarbeit noch vereinbar sind, die
aber doch entweder dauernd oder gelegentlich eine Beeinträchtigung
der eigenen Erhaltung oder der Gesellschaft mit sich bringen,
spricht man von Psychopathie.
Dieser Einteilung, welche das praktische Leben erfordert,
entspricht nun sehr wenig jene, welche die Erblichkeitsforschung
anstreben muß. Das Ziel ist hier, die einzelnen krankhaften
Erbanlagen in ihren verschiedenen Äußerungsmöglichkeiten zu
erkennen und ihren Erbgang festzustellen. Es ist zu hoffen, daß
es mit Hilfe der Erblichkeitsforschung einmal gelingen wird, eine
wirkliche Wesenseinteilung der Seelenstörungen durchzuführen, was
auf Grund der klinischen Forschung bisher nur recht unvollkommen
gelungen ist. Von vornherein ist klar, daß es eine ganze Anzahl
verschiedener erblicher Seelenstörungen geben wird. Ebenso wie
bei jedem andern Organ gibt es natürlich auch zahlreiche erbliche
Anomalien des Gehirns, dessen Funktion ja die seelischen Vorgänge
entsprechen.
Da eine idiotypische Einteilung der Seelenstörungen heute noch nicht
möglich ist, ist es unvermeidlich, daß wir uns hier mit der Anordnung
nach dem klinischen Bilde begnügen. Im wesentlichen möge die Einteilung
~Kraepelins~ zugrundegelegt werden, welche wohl von allen bisher
die meiste Anerkennung gefunden hat.
Unter den Namen ~Schwachsinn~ und ~Idiotie~ faßt man eine
Reihe von Zuständen zusammen, bei denen es von vornherein nicht
zu einer normalen Verstandesentwicklung kommt. Wenn die Ausübung
eines selbständigen Berufes möglich ist, so pflegt man auch trotz
erheblicher Verstandesschwäche noch nicht von Schwachsinn zu sprechen.
Der ~Schwachsinn~ oder die ~Imbezillität~ beginnt vielmehr
erst jenseits dieser Grenze; doch könnnen Schwachsinnige noch zu
allerlei nützlicher Beschäftigung angehalten werden, während das bei
~Idiotie~ oder ~Blödsinn~ nicht mehr möglich ist. Idioten
erlernen nicht einmal das Sprechen. Es handelt sich bei dieser
Einteilung also nur um einen Gradunterschied, und auch jede dieser
beiden Gruppen umschließt mannigfache Grade der Geistesschwäche;
natürlich gibt es zwischen beiden auch allerlei Übergänge. Die
Geistesschwäche kann ein Zeichen sehr verschiedener krankhafter
Zustände sein, teils erblicher und teils durch äußere Ursachen
bedingter. Man kann daher nicht einfach von der Erblichkeit „des“
Schwachsinns oder „der“ Idiotie reden.
Ein nicht unbeträchtlicher Teil der geistigen Schwächezustände wird
durch angeborene Syphilis verursacht. Nach ~Kraepelin~ verdankt
mindestens ein Drittel der schweren Idiotieformen ihre Entstehung
der Syphilis. Eine vielleicht ebenso große Rolle soll der elterliche
Alkoholismus spielen. Ein weiterer großer Teil der Geistesschwäche
ist Teilerscheinung des Kretinismus. Nach Abzug aller jener Fälle,
welche durch äußere Schädlichkeiten bedingt sind, bleibt aber immer
noch ein großer, wie ich glaube, der größere Teil aller Fälle von
Geistesschwäche übrig, welcher im wesentlichen idiotypischer Natur
ist. Das braucht der Annahme, daß gerade die schwersten Fälle meist
durch äußere Ursachen bedingt sind, nicht zu widersprechen. Der
amerikanische Forscher ~Goddard~, welcher sich speziell mit der
Erforschung des Schwachsinns befaßt hat, ist zu dem Schlusse gekommen,
daß mindestens zwei Drittel aller Fälle von Schwachsinn erblich bedingt
seien. Diese Schätzung ist mit den bei uns gemachten Erfahrungen wohl
vereinbar, da in Amerika der Alkoholismus keine Rolle spielt und auch
Syphilis und Kretinismus seltener zu sein scheinen als bei uns. In
der von ~Goddard~ beschriebenen „Familie Kallikak“ gingen aus 40
Ehen zweier Schwachsinniger 220 schwachsinnige und nur 2 anscheinend
normale Kinder hervor. Aus Ehen Schwachsinniger mit Normalen gingen
etwa zur Hälfte schwachsinnige Kinder hervor. Auch konnte Schwachsinn
in ununterbrochener Reihe durch fünf Generationen verfolgt werden.
Demnach kommen jedenfalls einfach dominante Erbanlagen vor, welche
Schwachsinn bedingen. ~Davenport~ und ~Weeks~ hingegen sind
nach Erfahrungen an vielen Familienkreisen zu dem Schlusse gekommen,
daß es eine rezessive Anlage zu Schwachsinn gebe. Da Schwachsinnige
sehr oft untereinander heiraten, so könnte auch bei rezessivem
Erbgang ein ununterbrochener Erbgang durch die Generationen verfolgt
werden. Idiotie kann natürlich nicht auf einer einfach dominanten
Erbanlage beruhen, da die Idioten niemals zur Fortpflanzung kommen;
doch erscheint es möglich, daß gewisse krankhafte Erbanlagen bei
heterozygotem Vorhandensein Schwachsinn und bei homozygotem Idiotie
bedingen. Vermutlich gibt es sowohl dominante als auch rezessive
Erbanlagen, die Geistesschwäche bedingen.
Als ~amaurotische Idiotie~ wird eine schwere erblich bedingte
Erkrankung bezeichnet, die in einzelnen jüdischen Familien vorkommt
und die sich bei anscheinend normal geborenen Kindern im ersten
oder zweiten Lebensjahr in Verblödung, Lähmung der Gliedmassen und
Erblindung äußert. Die Anlage ist anscheinend einfach rezessiv.
Ähnlich der amaurotischen Idiotie sind einige seltene erbliche
Leiden, die sich erst in der späteren Kindheit entwickeln. So
gibt es Familien, in denen mehrere Kinder in der zweiten Hälfte
des ersten Jahrzehnts eine Abnahme der geistigen Fähigkeiten und
gleichzeitig des Sehvermögens zeigen, die im Laufe der Jahre bis
zur schwersten Verblödung geht (~Spielmeyer~sche Krankheit).
Diese andern, anscheinend ebenfalls einfach rezessiven Leiden, hat
man im Unterschied zu der amaurotischen Idiotie nicht in jüdischen
Familien beobachtet. Eine „Rassendisposition“ darf man darin
natürlich nicht sehen. Man muß vielmehr annehmen, daß jene Anlage
als Idiovariation zufällig einmal in einer jüdischen Familie
entstanden sei und sich dann überdeckt in der jüdischen Bevölkerung
ausgebreitet habe, bis durch zufälliges Zusammentreffen der Anlage
in einem Ehepaare homozygotes Auftreten ermöglicht wurde.
Eine der häufigsten Geisteskrankheiten, nächst der durch Syphilis
verursachten Paralyse wohl die wichtigste von allen, ist die
~Schizophrenie~ oder ~Dementia praecox~, mit einem nicht
ganz treffenden Namen auch wohl als „Jugendirresein“ bezeichnet. Das
Leiden setzt gewöhnlich im 2. oder 3. Jahrzehnt, öfter aber auch erst
später ein. Es kann sich in recht verschiedenen Formen darstellen;
allen gemeinsam ist aber eine weitgehende Zerstörung des Gefühls- bzw.
Willenslebens.
Die Kranken werden von sinnlosen Antrieben und sinnlosen Hemmungen
beherrscht. Regellose Bewegungsantriebe können zu unbezähmbarem
Toben führen, und andererseits können die Kranken lange Zeit in
eine ganz unzulängliche Starre und Willenssperrung verfallen, so
bei einer der schwersten Formen, der ~Katatonie~. Anderseits
kann das Leiden auch von vornherein unter dem Bilde einer einfachen
schleichenden Verblödung verlaufen: ~Dementia simplex~. Durch
eine besondere Zerfahrenheit des Denkens ist die ~Hebephrenie~
gekennzeichnet. In andern Fällen können Sinnestäuschungen und
systemlose Wahnbildungen das Bild beherrschen: ~Dementia
paranoides~. In den meisten Fällen verläuft die Schizophrenie
in Schüben mit ziemlich plötzlichen Verschlimmerungen, die
gelegentlich von Besserungen unterbrochen sein können, bis das
Leiden unter Verblödung schließlich zu einem Stillstand kommt.
Außer der erblichen Veranlagung kennt man bisher keine Ursachen der
Schizophrenie. ~Rüdin~, der als Erster die Erblichkeit der
Geisteskrankheiten mit wirklich moderner Fragestellung in Angriff
genommen hat, hat an einem Material von 701 Familien gefunden, daß die
Geschwister der Kranken in 4,5% ebenfalls an Schizophrenie erkrankten,
wenn beide Eltern gesund waren. War eines der Eltern erkrankt, so
betrug der Prozentsatz der kranken Geschwister 6,2 (34 Familien). Von
Stiefgeschwistern erkrankten nur 0,6%. Diese Befunde sprechen bis zu
einem gewissen Grade für rezessiven Erbgang der Anlage. Andererseits
fand ~Rüdin~ unter 700 Fällen nur 14mal, d. h. in 2% Vetternehe
der Eltern, was eher gegen rezessiven Erbgang spricht.
Schizophrene Zustandsbilder scheinen bei recht verschiedenen
Grundleiden vorkommen zu können. So kann das Bild der Katatonie
gelegentlich bei Personen vorkommen, die später keinerlei
Krankheitszeichen mehr zeigen, während in den meisten Fällen
Verblödung die Folge ist. Es muß daher vorläufig wohl als möglich
betrachtet werden, daß schizophrene Zustände Reaktionen auf
recht verschiedene Krankheitsursachen sein können, unter denen
möglicherweise auch paratypische sein mögen. Die schizophren
Veranlagten zeigen gewöhnlich auch schon vor dem Ausbruch einer
eigentlichen Geisteskrankheit leichtere Anomalien mit Abstumpfung
des Gefühls- und Willenslebens, und andererseits kommen in den
Familien Schizophrener in der Regel auch noch andere derartige
„schizoide“ Psychopathen vor, bei denen es aber zum Ausbruch einer
ausgesprochenen Geisteskrankheit nicht zu kommen braucht und meist
auch nicht kommt. Es ist bisher nicht auszuschließen, daß es auch
dominante Erbanlagen zu schizoider Psychopathie geben könne und
daß auf deren Boden durch irgendwelche bisher unbekannte Ursachen
gelegentlich Schübe schwerer schizophrener Geisteskrankheit
ausgelöst werden können. Andererseits ist es auch möglich, daß die
schizoiden Psychopathien schon Folgezustände leichterer Schübe
zerstörender Vorgänge seien.
Daß die Gruppe der Schizophrenien eine idiotypische Einheit darstelle,
ist nach allem, was wir über andere erblich bedingte Krankheiten,
z. B. die Muskelatrophien, wissen, ganz unwahrscheinlich. Auch wird
man die verschiedenen Bilder schwerlich nur aus dem wechselnden
Zusammenspiel mehrerer Erbeinheiten, von denen jede eine bestimmte
Gruppe von Krankheitserscheinungen bedinge, erklären können. Der
eigentümliche Verlauf in Schüben und der Umstand, daß diesen Schüben
Zerstörungsvorgänge in der Hirnrinde zugrundeliegen, legt vielmehr den
Vergleich mit Krankheiten wie der Sehnervatrophie oder dem Glaukom
nahe, die ja auch in mehr schleichenden und in mehr akuten Formen
vorkommen und die auch gewisse Altersklassen bevorzugen. Bisher wissen
wir leider nur, daß die Erblichkeit eine wesentliche Ursache der
Schizophrenie ist.
Unter dem Namen ~Epilepsie~ werden Zustände abnormer Anfälligkeit
der Hirnrinde zusammengefaßt, welche sich gewöhnlich in Anfällen von
Bewußtlosigkeit mit eigentümlichen Krämpfen äußern. Ein bedeutender
Bruchteil aller Epilepsiefälle wird durch Alkoholmißbrauch ausgelöst;
da aber bei den meisten Trinkern keine Epilepsie auftritt, ist
offenbar auch bei der „Alkoholepilepsie“ die Erbanlage von Bedeutung.
Aber auch infolge rein parakinetischer Ursachen wie Hirnverletzungen
oder infektiöser Gehirnerkrankungen im Kindesalter kann das Bild
der Epilepsie sich entwickeln. Als „genuine Epilepsie“ bezeichnet
man solche Formen, bei der äußere Anlässe nicht aufgefunden werden.
In schweren Fällen führt das Leiden meist zu Verblödung, die sich
anatomisch in gewissen Zerstörungen in der Hirnrinde darstellen
kann. Auch kann die Epilepsie sich unter dem Bilde anderer
Geistesstörung äußern, z. B. in Anfällen unbezähmbarer Unruhe oder in
Bewußtseinstrübungen ohne Krämpfe (sogen. Dämmerzuständen).
Etwa 10% aller Epileptiker stammen von einem epileptischen Elter ab.
Da ~Davenport~ und ~Weeks~ fast regelmäßig in den Familien
der Epileptiker auch Schwachsinn fanden und da die Epileptiker selber
oft schwachsinnig sind, so darf man wohl schließen, daß es gewisse
Erbanlagen gibt, die sich einerseits in Schwachsinn, andererseits in
solchen Reizzuständen der Hirnrinde, die epileptische Krämpfe machen,
äußern können. Man kann sich den Zusammenhang ähnlich dem bei der
Linkshändigkeit erwähnten denken. ~Steiner~ fand unter Epileptikern
etwa 20% Linkser und bei weiteren 70% Fälle von Linkshändigkeit in der
Familie. Das weist darauf hin, daß die Epilepsie in vielen Fällen auf
einer abnormen Anfälligkeit gerade der linken Gehirnhälfte, von der
ja die rechte Hand versorgt wird, beruhe. Die entscheidende Bedeutung
der Erblichkeit wird schlagend durch einen Fall belegt, wo sich bei
zwei eineiigen Zwillingen Epilepsie in völlig gleichartigen Anfällen
äußerte. ~Davenport~ und ~Weeks~ nehmen rezessiven Erbgang
für die Epilepsie an. Wahrscheinlich gibt es aber auch Anlagen von
anderem Erbgang, welche das Bild der Epilepsie bewirken können. Gegen
ausschließlich rezessiven Erbgang spricht das verhältnismäßig häufige
Auftreten bei Eltern und Kindern, auch der Umstand, daß bei den Eltern
der Epileptiker Blutverwandtschaft nicht außergewöhnlich häufig
gefunden wird.
Ein erheblicher Teil der Kinder von Epileptikern geht schon früh an
„Krämpfen“ zugrunde. Andererseits gibt es Epileptiker, bei welchen
nur ganz wenige oder nur ein einziger Anfall im Leben beobachtet
wird; und folglich dürfte es auch viele mit der Anlage Behaftete
geben, die nie im Leben einen Anfall haben. Das erschwert die
Feststellung des Erbganges natürlich sehr. Wohl sicher rezessiv ist
die ~Lundborg~sche Myoklonusepilepsie (s. S. 222), die ja auch
eine Art echter „genuiner Epilepsie“ darstellt. Auch die genuine
Epilepsie ist eben keine idiotypische Einheit. Der Umstand, daß
es unter den Epileptikern mehr als doppelt so viele männliche
als weibliche Personen gibt und zwar auch schon in den beiden
ersten Jahrzehnten, wo Alkohol und andere Schädlichkeiten diesen
Unterschied nicht erklären können, legt den Gedanken nahe, daß es
vielleicht auch geschlechtsgebunden-rezessive Anlagen zu Epilepsie
gebe.
Gewisse Ähnlichkeiten mit der Epilepsie hat die sogenannte ~Migräne~,
welche sich vor allem in plötzlich auftretenden heftigen halbseitigen
Kopfschmerzen äußert. Da das Leiden in manchen Familien durch eine
Reihe von Generationen verfolgt werden kann, scheint es sich gewöhnlich
um dominante Anlagen zu handeln; und da das weibliche Geschlecht
häufiger betroffen ist, wäre an geschlechtsgebunden-dominanten Erbgang
zu denken.
Auch doppelseitiger Kopfschmerz, der ohne andere seelische Störung
mehr oder weniger das ganze Leben hindurch besteht, scheint auf
erblicher Grundlage vorzukommen: „~Familiärer Kopfschmerz~“.
Von den eigentlichen Geisteskrankheiten tritt die Bedeutung
der erblichen Veranlagung am ausgesprochensten bei dem sogen.
~manisch-depressiven~ oder ~manisch-melancholischen Irresein~ in die
Erscheinung. Es handelt sich um eine Gruppe von Geistesstörungen,
die durch mehr oder weniger schwere Störungen der Stimmungslage
gekennzeichnet sind.
Dahin gehört die ~Melancholie~, welche sich in einer völligen
Hemmung des Seelenlebens durch tiefste traurige Verstimmung äußert,
weiter die ~Manie~, bei der das Seelenleben durch unbändige heitere
Erregung in Verwirrung gerät, das ~zirkuläre~ oder ~periodische
Irresein~, bei dem Zeiten von manischen, melancholischen und
normalen Zuständen abwechseln. Auch die Zustände einfacher
Melancholie oder Manie pflegen nach kürzerer oder längerer Zeit
wieder einer normalen oder annähernd normalen Seelenverfassung zu
weichen. Eine dauernde Zerstörung des Seelenlebens tritt also nicht
ein. In der Regel zeigen sich auch in den verhältnismäßig gesunden
Zeiten leichtere Anomalien der Veranlagung, die auch für sich
bestehen können, ohne daß es jemals zu schweren Geistesstörungen
zu kommen braucht. So unterscheidet man eine melancholische, eine
manische, eine kyklothyme und eine reizbare Veranlagung.
Wenn man die ganze Gruppe der manisch-melancholischen Seelenstörungen
mit einem einfachen Namen zusammenfassen wollte, so könnte man wohl von
~Parathymie~ (Störung der Stimmung) sprechen. In vielen Fällen
können parathymische Geistesstörungen durch mehrere Generationen
verfolgt werden. Man darf daher annehmen, daß wenigstens ein Teil der
Anlagen aus dieser Gruppe, die übrigens sicher nicht einfach mit
einzelnen der erwähnten klinischen Bilder zusammenfallen, dominant
erblich ist. In den Familien parathymischer Geisteskranker finden sich
gewöhnlich auch parathymische Psychopathen, die niemals in schwerere
Geistesstörung zu verfallen brauchen.
Es hat den Anschein, daß die Anlagen zu parathymischer Psychopathie
in der Regel sich dominant verhalten und daß gelegentlich bei damit
behafteten Personen Anfälle schweren parathymischen Irreseins durch
Ursachen, die noch nicht näher bekannt sind, ausgelöst werden
können. Der Umstand, daß etwa doppelt so viele Frauen als Männer
mit parathymischen Geistesstörungen beobachtet werden, spricht bis
zu einem gewissen Grade für geschlechtsgebunden-dominanten Erbgang
eines Teiles der Erbanlagen für parathymische Zustände. Damit würde
es auch zusammenstimmen, daß nach ~Reiss~ etwa 1-1/2 mal so
häufig gleichartige Störungen bei der Mutter als bei dem Vater des
Kranken gefunden werden.
Ein äußerst wichtiges, seelisch bedingtes Krankheitsbild, das auf
erblicher Grundlage erwächst, ist die ~Hysterie~. Hysterisch nennt
man in erster Linie gewisse scheinbar körperliche Krankheitszustände,
für die aber eine körperliche Grundlage nicht aufgefunden werden kann
und die plötzlich wieder spurlos verschwinden oder wechseln können.
So kommen hysterische Lähmungen von Gliedmassen vor, Gefühllosigkeit
umschriebener Körperstellen, allerhand Schmerzen, Blindheit,
Taubheit, Stummheit und eine bunte Reihe anderer Erscheinungen. Sehr
charakteristisch sind eigentümliche Krampfanfälle mit Bewußtlosigkeit,
die äußerlich epileptischen Anfällen recht ähnlich sein können. ~Ich
möchte die Hysterie definieren als eine mehr oder weniger unbewußte und
unwillkürliche Nachahmung von Krankheitsbildern.~
Es ist dabei nicht nötig, daß der Hysteriker das nachgeahmte
Krankheitsbild schon gesehen habe; er bietet vielmehr ein
solches Bild dar, wie er sich vorstellt, daß ein bestimmter
Krankheitszustand aussehen möge. Man kann die Hysterie der Mimikry
vergleichen; ein mimetisches Tier, welches durch Nachahmung eines
andern giftigen oder sonst gefährlichen Tieres Eindruck auf seine
Verfolger macht, weiß vermutlich auch nicht, daß es nachahmt.
Auch die Rebhuhnmutter, welche sich flügellahm stellt und so die
Aufmerksamkeit eines Feindes von den Jungen ablenkt, tut das
wahrscheinlich instinktiv und unbewußt. Ähnliches gilt von dem
„Sichtotstellen“ vieler Tiere, besonders Insekten.
Die Auslösung der einzelnen hysterischen Erscheinungen erfolgt
durch lebhaftes Verlangen nach einem Gegenstande oder Ziele, zu
dessen Erreichung der Hysteriker den dargebotenen Krankheitszustand
mehr oder weniger unbewußt als geeignetes Mittel empfindet. So
führte während des Krieges der Wunsch, dem feindlichen Feuer zu
entgehen und in die Heimat zu kommen, zu allerhand hysterischen
Krankheitserscheinungen, besonders oft zu hartnäckigen Zuständen
von Zittern und Zappeln. Bei der Rentenhysterie ist es der
Wunsch, eine Rente zu erlangen, welcher die zu diesem Zweck
als geeignet erscheinenden Krankheitsbilder hervorruft. Immer
aber ist die Verknüpfung mit dem Wunschziel dem Hysteriker mehr
oder weniger unbewußt; das unterscheidet die Hysterie von der
Simulation. Im gewöhnlichen Leben ist es oft der Wunsch, sich
unangenehmen Pflichten zu entziehen, oder Mitleid zu erregen,
oder sich interessant zu machen, oder jemanden ins Unrecht zu
setzen (er soll schuld an der Krankheit sein). Darum ist die
Nachahmung epileptischer Krämpfe, die erfahrungsgemäß auf den
Laien immer großen Eindruck machen, bei Hysterikern so beliebt.
Die Epilepsie wurde ja lange Zeit als „heilige Krankheit“ (morbus
sacer) angesehen. Wenn der Hysteriker in Krämpfen daliegt, so
verwandelt sich etwaiger Zorn gegen ihn, weil er seine Pflichten
vernachlässigt hat, gewöhnlich in Mitleid oder in abergläubische
Scheu. Auch das eindrucksvolle Bild der Chorea wird gern
nachgeahmt. Aber nicht nur körperliche, sondern auch seelische
Krankheitszustände sind der hysterischen Mimikry zugänglich;
durch melancholische Zustände wird Mitleid hervorzurufen, durch
Erregungszustände Einschüchterung versucht. Weil die Krankheit
Mittel zur Erreichung eines lebhaft begehrten Zieles ist, wird sie
in den Willen aufgenommen.
Während die Auslösung der hysterischen Krankheitserscheinungen durch
äußere Ereignisse, die zu lebhaften Wünschen Anlaß geben, geschieht,
ist die konstitutionelle Grundlage in einer erblich bedingten, abnorm
starken Bestimmbarkeit der Vorstellungen, Urteile, Gefühle und selbst
Empfindungen durch mehr oder weniger unbewußte Wünsche zu suchen. Diese
~abnorme Wunschbestimmbarkeit~ braucht sich durchaus nicht nur in
der Nachahmung von Krankheitsbildern zu äußern; viel öfter führt sie
einfach zur Verdrängung unangenehmer Vorstellungen oder Erinnerungen
aus dem Bewußtsein oder auch positiv zu allerlei Einbildungen oder
Wunschillusionen. So kommt es immer wieder vor, daß entsprechend
veranlagte Personen sich ohne Grund einbilden, daß eine bestimmte
Person des andern Geschlechts oder auch mehrere zugleich verliebt in
sie seien.
Da ich es für zweckmäßig halte, den Namen Hysterie auf die
unwillkürliche Nachahmung von Krankheitsbildern zu beschränken, wie es
auch dem medizinischen Sprachgebrauch am besten entspricht, so schlage
ich für die zugrundeliegende ~krankhafte Wunschbestimmbarkeit~,
welche sich auch in ganz anderer Weise äußern kann, den Namen
~Orgoristie~ vor.[D]
Natürlich ist nicht jede Wunschbestimmbarkeit als krankhaft
anzusehen. Auch der gesunde Mensch glaubt gern das, was er
wünscht; aber die Wahrnehmungen der Erfahrung und das logische
Denken setzen dieser Wunschbestimmbarkeit doch gewisse Grenzen.
Eine gewisse Wunschbestimmbarkeit der Seele ist offenbar
erhaltungsgemäß für den Einzelnen wie für die Gesamtheit. Sie
ist die Grundlage des Glaubens, der Liebe, der Hoffnung. Sie
ermöglicht es, daß Anschauungen und Willensrichtungen, welche im
Leben einer Gemeinschaft als erhaltungsgemäß erprobt sind, von
den einzelnen Mitgliedern in ihren Willen aufgenommen werden.
Sie ist daher auch eine physiologische Grundlage der Sitte, der
Moral und der Religion. Es mag auch sein, daß unter gewissen
Umständen sogar die unwillkürliche Nachahmung krankhafter
Zustände ohne erblich bedingte krankhafte Wunschbestimmbarkeit
vorkommen kann. Bei jenen Menschen, die ich im Auge habe, ist
die Wunschbestimmbarkeit dagegen so ausgeartet, daß dadurch die
eigene Erhaltung und die der Gesellschaft beeinträchtigt wird.
Und nur diese krankhaft gesteigerte Wunschbestimmbarkeit möchte
ich mit dem Namen Orgoristie bezeichnen. Die Erhaltungswidrigkeit
der ~Orgoristie~ tritt z. B. deutlich zutage, wenn, wie es
ganz gewöhnlich ist, orgoriste Personen die eigene Familie vor
fremden Leuten immer wieder ins Unrecht setzen, oder wenn sie im
politischen Leben den eigenen Staat und das eigene Volk auf jede
Weise schlecht zu machen suchen, anderseits auch darin, daß sie
sich selbst oder ihr Volk entgegen jeder vernünftigen Berechnung
in verhängnisvolle Unternehmungen stürzen, weil sie zwischen ihren
Wunschillusionen und den wirklichen Tatsachen oder Möglichkeiten
wenig oder gar nicht unterscheiden können. Sie stellen daher
die meisten Führer für politische, religiöse und antireligiöse
Ausschweifungen. Wegen dieses ungeheuren und meist verhängnisvollen
Einflusses der Orgoristie auf das Leben der Rasse rechtfertigt sich
ihre ausführlichere Besprechung.
Kein Zweifel kann bestehen, daß die ~Orgoristie~ im wesentlichen
in der Erbmasse begründet ist. Wahrscheinlich gibt es allerdings eine
ganze Anzahl verschiedener krankhafter Erbanlagen, welche abnorme
Wunschbestimmbarkeit bedingen. Nach meinen persönlichen Beobachtungen
scheinen sich derartige Anlagen in der Regel dominant zu verhalten.
Je nachdem eine Anlage zu Orgoristie mit anderen Charakteranlagen
zusammentrifft, kann allerdings ein recht verschiedenes Bild entstehen;
so sind manche ausgesprochen orgoriste Personen liebenswürdig und
harmlos, andere bösartig und gefährlich. Für die Hysterie wird
angegeben, daß die Mehrzahl der Kranken von psychopathischen Eltern
abstammt. Eigentlich hysterische Störungen, d. h. Nachahmungen anderer
Krankheitszustände dagegen scheinen bei den Eltern nicht regelmäßig
vorzukommen. Die orgoristische Veranlagung als solche wird von Laien in
der Regel natürlich nicht erkannt; in Wirklichkeit dürfte daher bei den
Eltern ihre Häufigkeit noch bedeutend größer sein, als die statistische
Nachfrage ergibt.
Gewöhnlich wird angegeben, daß die Hysterie mehrfach häufiger im
weiblichen Geschlecht als im männlichen sei, bis zu 10 mal. Man
darf daraus aber nicht auf eine ebensolche Verteilung der Anlage
schließen; für das männliche Geschlecht ist Krankheitsnachahmung
in ruhigen Zeiten eben meist kein geeignetes Mittel, den Willen
durchzusetzen. Die Erfahrungen des großen Krieges haben gezeigt,
daß die orgoriste Anlage auch bei Männern sehr viel häufiger ist
als man früher annahm; sie äußerte sich bei vielen Tausenden in
hysterischen Erscheinungen. ~Kraepelin~ hat an Material
psychitarischer Kliniken, wohin gewöhnlich nur besonders schwere
Fälle von Hysterie kommen, eine Verhältniszahl von nur 1:1,9 bis
1:2,3 zuungunsten des weiblichen Geschlechts gefunden. Wenn man
annimmt, daß gerade bei schwerer Hysterie die äußeren Anlässe im
Vergleich zur Erbanlage eine geringere Rolle spielen, und daß also
diese Zahlen dem Verhältnis der Veranlagung in beiden Geschlechtern
näher kämen als die sonstigen Zahlen, so müßte man an das Vorkommen
geschlechtsgebunden-dominanter Anlagen zur Orgoristie denken.
Nahe Beziehungen zur Orgoristie haben die ~paranoischen
Seelenstörungen~. Man spricht von ~Paranoia~ oder ~Verrücktheit~,
wenn sich langsam ein unerschütterliches Wahnsystem herausbildet ohne
besondere Störung der sonstigen Klarheit des Denkens. Es gibt allerlei
Übergänge zur Gesundheit. Die ~paranoiden Psychopathen~ zeichnen sich
durch eigentümliches Mißtrauen gegen ihre Umgebung aus, das mit mehr
oder weniger auffälliger Selbstüberschätzung einherzugehen pflegt. Sie
fühlen sich verkannt, angefeindet, beeinträchtigt, mißachtet. Auch
die ~Querulanten~, welche auf Grund vermeindlichen oder öfter auch
wirklichen Unrechts äußerst hartnäckige und langwierige Anstrengungen
zur Durchsetzung ihrer Rechtsansprüche machen, pflegen in diese Gruppe
gerechnet zu werden. Auf jeden Fall sind auch die verschiedenen Arten
paranoischer Psychopathie entscheidend erblich bedingt.
Ob sie von der orgoristischen Psychopathie deutlich getrennt werden
kann, ist fraglich; ihre Äußerungen sind zwar andauernder und
weniger wechselvoll, aber Wunschvorstellungen spielen unverkennbar
auch eine wesentliche Rolle. Bei orgoristischen Forschern z. B.
pflegt der brennende Wunsch, als bedeutender Mann dazustehen, über
kurz oder lang zu der Überzeugung zu führen, eine epochemachende
Entdeckung gemacht zu haben. Unter günstigen Bedingungen und
bei entsprechender sonstiger Veranlagung kann zwar wieder die
Einsicht Platz greifen, daß es doch nichts so Weltbewegendes
oder daß es gar ein Irrtum war. Dieses Spiel kann sich mehrfach
wiederholen. Bei willensstarken Naturen aber sieht man auch nicht
selten Dauerüberzeugungen daraus werden, zumal unter ungünstigen
Außenbedingungen, z. B. in autoritativer Stellung. Besonders in
der Verteidigung gegen Angriffe können sich orgoristische Forscher
mehr und mehr auf einen Satz festlegen, bis schließlich ihre
ganze wissenschaftliche Persönlichkeit mit ihrer vermeintlichen
oder öfter auch wirklichen Entdeckung steht und fällt. Von
ihren Kollegen werden diese gewöhnlich als paranoisch oder im
Falle öfteren Wechsels zwischen Entdeckung und Enttäuschung als
„manisch-depressiv“ angesehen.
Auch zu den parathymischen (manisch-melancholischen)
Seelenstörungen hat die Orgoristie Beziehungen. Wenn zu den
parathymischen Störungen nur solche gerechnet werden sollen,
bei denen Auslösung durch äußere Einflüsse keine Rolle spielt,
so dürften wenigstens von den leichteren Störungen, welche in
diese Gruppe gestellt zu werden pflegen, nicht viele übrig
bleiben. Oft werden bei parathymischen Störungen direkt
hysterische Erscheinungen beobachtet. Anderseits ist es bekannt,
daß bei Orgoristie („hysterischer Veranlagung“) oft abnorme
Stimmungsschwankungen vorkommen. Es ist daher wahrscheinlich,
daß es gewisse idiotypische Beziehungen zwischen den Gruppen
der parathymischen, der orgoristischen und der paranoischen
Seelenstörungen, die ja nur nach den Krankheitserscheinungen
unterschieden sind, gibt. Man muß daran denken, daß es krankhafte
Erbanlagen gibt, die sich je nach dem Zusammentreffen mit andern
und vielleicht auch je nach den äußeren Bedingungen als Bilder aus
einer der drei Formengruppen äußern können.
Die ~Neurasthenie~ oder ~Nervosität~ besteht in einer
abnorm starken seelischen Ermüdbarkeit und damit zusammenhängenden
abnorm starken Reizbarkeit. Da es sich um eine seelische Anomalie
handelt, wäre der Ausdruck ~Psychasthenie~ (nach ~Janet~)
eigentlich treffender. Im Gegensatz zu der als Schwachsinn bezeichneten
Geistesschwäche handelt es sich bei der Psychasthenie um eine seelische
Schwäche ganz anderer Art. Die geistige Regsamkeit ist im Durchschnitt
eher gesteigert, aber die Ausdauer ist gering. Gewöhnlich wird
zwischen einer konstitutionell bedingten Nervosität und einer durch
Überanstrengung erworbenen Neurasthenie unterschieden; in beiden Fällen
wirken aber sicher idiotypische und parakinetische Ursachen zusammen.
Wenn schon durch die gewöhnlichen Anstrengungen des Berufslebens
nervöse Erschöpfung ausgelöst wird, so ist freilich die erbliche
Anlage praktisch wichtiger, wenn dagegen erst durch außergewöhnlich
aufreibende Anstrengungen und Sorgen, diese äußeren Ursachen. Die
erblichen Anlagen zu Psychasthenie können sicher recht verschiedener
Art sein. So kann offenbar gerade eine ungewöhnlich starke geistige
Regsamkeit, ein zu ungehemmter Ablauf der Vorstellungen zu seelischer
Erschöpfung führen, am leichtesten bei schwächlichem Körperbau. Daher
zeigen Psychastheniker oft asthenische Konstitution; doch gibt es auch
Psychastheniker von robustem Körperbau.
Etwa ein Drittel der Neurastheniker stammt nachweislich von
psychopathischen Eltern ab. Wenn die seelische Beschaffenheit der
Eltern immer genau bekannt wäre, so würde man aber sicher zu viel
höheren Zahlen kommen. Ich habe den Eindruck, daß die Anlage zur
Psychasthenie in vielen Fällen dominant sei. Außerdem wird es freilich
auch noch Anlagen von anderm Erbgange geben.
Zwischen Psychasthenie und Orgoristie bestehen enge Beziehungen.
Beiden Anomalien ist eine große Labilität des Seelenlebens
gemeinsam. Oft kommen die Erscheinungen beider Zustände zusammen
vor. Unter den Neurasthenikern sind ungefähr doppelt so viele
Männer als Frauen. Die stärkeren Anforderungen, welche das Leben
an die geistige Leistungsfähigkeit des Mannes zu stellen pflegt,
lassen eine abnorme Ermüdbarkeit bei ihm offenbar häufiger in
die Erscheinung treten. Andererseits äußert sich vermutlich eine
Erbanlage, die im männlichen Geschlecht zu nervöser Erschöpfung
führt, im weiblichen oft in hysterischen Erscheinungen. Außerdem
sind mit der Psychasthenie noch mancherlei andere Psychopathien
verwandt, die aber alle nicht entfernt so häufig und daher nicht
so bedeutungsvoll sind wie die genannten Formen. Wir können von
einer näheren Erörterung dieser Psychopathien hier um so eher
absehen, als ihre idiotypische Sonderstellung oder andererseits
Zugehörigkeit zu den besprochenen Arten bisher keineswegs
klargestellt ist. Sicher ist nur, daß die entscheidende Ursache vor
allem in der Erbmasse liegt.
Nicht selten wird von einem besonderen „~Entartungsirresein~“
und seiner Erblichkeit geredet. Was als solches bezeichnet wird,
umfaßt in der Regel schwere Formen der Orgoristie („hysterischer
Charakter“), der paranoiden Psychopathie und verwandter Anomalien.
Weshalb aber z. B. die Schizophrenie oder die Epilepsie nicht
zur Entartung gehören sollen, ist nicht ersichtlich. Wir
verstehen unter dem Begriff der Entartung ganz allgemein die
Neuentstehung und die Ausbreitung krankhafter Erbanlagen. Ein
„Entartungsirresein“ als eine klinische oder biologische Einheit
können wir daher nicht anerkennen.
Auch das Wort „~moralisches Irresein~“ („moralischer
Schwachsinn“, „moral insanity“) ist zur Abgrenzung einer
besonderen Art von Seelenstörung nicht geeignet. Der Begriff des
„Moralischen“ ist kein naturwissenschaftlicher; und es sind denn
auch sehr verschiedene Krankheitszustände, welche in den Topf des
„moralischen Irreseins“ geworfen werden. Wenn man schon das Wort
nicht fallen lassen will, dann soll man es wenigstens für klar
abgegrenzte Anomalien gebrauchen. So gibt es Menschen, denen ohne
sonstige Geistesstörung eine grenzenlose Gemütsroheit eigen ist;
es sind „geborene Verbrecher“, und ihr Leben pflegt daher auch
von Verbrechen und Freiheitsstrafen mehr oder weniger ausgefüllt
zu werden. Selbstverständlich ist diese, übrigens nicht häufige,
schwere seelische Abnormität ganz überwiegend idiotypisch bedingt.
Häufiger kommen Individuen vor, die ohne eigentlich bösartig zu
sein, der sogenannten „Hemmungen“ entbehren, die hingegeben dem
unmittelbaren Sinneseindruck und ohne Vorstellung von den Folgen
einfach ihren jeweiligen Triebregungen folgen, die z. B. einfach
alles stehlen, was ihnen gerade begehrenswert erscheint, die
keinen Sinn für Wahrheit haben und die auch ihren geschlechtlichen
Regungen ohne Rücksicht auf die Folgen nachgehen. Auch diese
Anomalie ist im wesentlichen erblich bedingt; erziehbar sind solche
Individuen wenig oder gar nicht.
Zu den Psychopathien sind auch die Anomalien der geschlechtlichen
Triebe zu rechnen. Krankhafte Stärke des Begattungstriebes kommt
deutlich familienweise vor, andererseits auch abnorme Schwäche
oder völliges Fehlen. Bei einem großen Teil aller Frauen ist
ein eigentlicher Begattungstrieb nicht vorhanden, während die
mütterlichen Triebe sehr wohl erhalten sein können. Da die
Fortpflanzung beim Weibe dadurch nicht beeinträchtigt zu werden
braucht, kann man das Fehlen des Begattungstriebes wohl nur
im männlichen Geschlecht als eigentlich krankhaft ansehen.
Man hat wohl gesagt (z. B. ~Schallmayer~), daß der Mensch
einen eigentlichen Fortpflanzungstrieb überhaupt nicht habe,
weil die Fortpflanzung nur eine Folge sei, die bei Betätigung
des Geschlechtstriebes gewöhnlich gar nicht erstrebt werde. Es
scheint mir aber nicht zum Wesen eines Triebes zu gehören, daß
sein Ziel ~bewußt~ erstrebt werde. Die Tiere kennen sicher
die Ziele vieler ihrer Triebe nicht, und unbewußt ist ja auch der
Begattungstrieb auf Fortpflanzung gerichtet. Auch ist daran zu
erinnern, daß insbesondere das normale Weib ohne Kinder keine volle
Befriedigung zu finden pflegt. Man kann daher meines Erachtens auch
beim Menschen von einem Fortpflanzungstrieb reden, der eine Anzahl
von Einzeltrieben in sich schließt.
Die wichtigste Anomalie des Fortpflanzungstriebes ist die
sogenannte ~Homosexualität~, bei der sich die geschlechtlichen
Triebe auf Personen des gleichen Geschlechts richten. In einem
Teil der Fälle ist diese wohl als Äußerung geschlechtlicher
Zwischenstufen (vgl. S. 182) aufzufassen, da bei homosexuellen
Personen sich auch in der körperlichen Erscheinung häufiger als bei
andern Anklänge an das andere Geschlecht zeigen. Bei einem größeren
Teil ist aber gerade der Gegensatz zwischen der körperlichen
Ausstattung und der seelischen Triebrichtung auffallend.
Homosexuelle Neigungen kommen nicht selten bei mehreren Mitgliedern
einer Familie vor. Aber auch ohne besondere erbliche Anlage scheint
sich homosexuelles Empfinden entwickeln zu können, insbesondere auf
dem Boden der Orgoristie, bei der überhaupt die Triebe und Gefühle
leicht ablenkbar und durch Erlebnisse bestimmbar sind. Die erbliche
Veranlagung spielt also bei den einzelnen Fällen im Vergleich mit
den äußeren Einflüssen eine mehr oder weniger große Rolle. Auf
jeden Fall aber ist die Homosexualität nicht etwa eine normale
Variante, wie manche ihrer Verteidiger es hinzustellen pflegen,
sondern etwas ausgesprochen Krankhaftes, weil sie die Erhaltung in
hohem Maße beeinträchtigt.