Eine Familie mit ~Alkaptonurie~. Nach ~Ebstein~.]

Nächst der Zuckerkrankheit ist die wichtigste erbliche

Stoffwechselkrankheit die ~Gicht~ (Arthritis uratica). Die Gichtiker

leiden unter äußerst schmerzhaften Anfällen von Gelenkentzündungen,

wobei es zu Ablagerungen von Harnsäure an den Gelenkknorpeln kommt.

Die Harnsäureablagerungen können zu großen Knoten anwachsen und die

Bewegungsfähigkeit sehr stark beeinträchtigen. Da die Harnsäure aus

den Nukleïnen der Kerne tierischer Zellen stammt, so äußert sich die

gichtische Diathese um so häufiger und schwerer in Schmerzanfällen

und Gelenkveränderungen, je mehr kernhaltige tierische Nahrungsmittel

aufgenommen werden. Auch Alkoholmißbrauch und Bleivergiftung können zur

Auslösung der Gicht beitragen. Die Gicht tritt am häufigsten erstmalig

im vierten Jahrzehnt auf; sie ist bei Männern mehrfach häufiger als bei

Frauen.

Die Anlage zu Gicht scheint sich in der Regel einfach dominant zu

verhalten. In manchen Familien kann die gichtische Diathese durch

viele Generationen hindurch verfolgt werden, in andern ist der Erbgang

anscheinend unterbrochen, was aber damit zusammenhängen kann, daß

äußere Einflüsse, besonders die Art der Ernährung für die Auslösung von

wesentlicher Bedeutung sind. Die Gicht ist im Gebiete der nordischen

Rasse besonders häufig (Küstenländer der Nord- und Ostsee).

Mit der Harnsäurediathese hängt auch die Anlage zu

~Nierensteinen~ zusammen. Aus Harnsäure bestehende Nieren- und

Blasensteine finden sich öfter bei Mitgliedern derselben Familie,

und daneben pflegt auch Gicht in diesen Familien vorzukommen.

Auch Nierensteine aus Oxalat sollen familienweise vorkommen. Von

den Zystinsteinen wurde dasselbe schon oben erwähnt.

Die dritte im Bunde der großen Stoffwechselanomalien ist die

~Fettsucht~ oder, wie sie in ihren geringeren Graden bezeichnet

wird, die ~Fettleibigkeit~ (Adipositas). Sie äußert sich in

abnorm starker Fettansammlung im Unterhautzellgewebe besonders am

Bauch, den Lenden, den Schenkeln u. a. Fettsüchtige können Gewichte

von 5-6 Zentnern und darüber erreichen. Natürlich spielt die

Ernährung eine große Rolle bei der Ausbildung der Fettleibigkeit; bei

chronischer Unterernährung kann sie nicht in die Erscheinung treten.

Andererseits aber kann bei Anlage zur Magerkeit nicht einfach durch

Überernährung Fettleibigkeit erzeugt werden. Es gibt also weder eine

reine Mastfettsucht noch eine reine Faulheitsfettsucht. Alle Arten

der Fettsucht gehen mit einer Störung innerer Sekretion einher. Bei

einem Teil der Fälle von Fettsucht ist die Tätigkeit der Schilddrüse

herabgesetzt, die ja die Schnelligkeit des Stoffwechsels regelt und

die man einem Blasebalg verglichen hat, der die Verbrennungsvorgänge

im Körper anzufachen hat. Viele Fälle von Fettsucht beruhen offenbar

auf einer mangelhaften Entwicklung der Keimdrüsen. Eine besondere Art

von Fettsucht wird durch mangelhafte Funktion der Hypophyse verursacht.

Im übrigen scheinen bei ausgesprochener Fettsucht gewöhnlich mehr oder

weniger alle inneren Drüsen mangelhaft zu funktionieren. Mehr als die

Hälfte der Fettsüchtigen stammt von fettsüchtigen Eltern ab, was dafür

spricht, daß es dominante Erbanlagen zur Fettsucht gibt, doch ist bei

der Vielgestaltigkeit des Bildes wohl anzunehmen, daß es auch Anlagen

von anderem Erbgange gibt.

Auf der Fortzüchtbarkeit der Anlage zu Fettansatz bei Tieren

beruht die Möglichkeit einer rationellen Schweinemast. In diesem

Falle wird die betreffende Erbanlage als eine „edle“ Rassenanlage

angesehen. Wildschweine lassen sich nicht ohne weiteres fett

machen.

Selbstverständlich ist auch die konstitutionelle Magerkeit erblich

bedingt. Der Nahrungsbedarf ist bei verschiedenen Menschen trotz

gleichen Körpergewichts und gleichen Verhaltens recht verschieden,

und diese Unterschiede sind im wesentlichen sicher idiotypisch

bedingt. Zu Fettsucht neigende Personen haben im allgemeinen einen

geringen Umsatz und Bedarf, zu Magerkeit neigende einen großen.

Die konstitutionelle Fettleibigkeit und die konstitutionelle

Magerkeit hat deutliche Beziehungen zu den Unterschieden der großen

Rassen. Jene findet sich unverkennbar häufiger bei Mongoliden

(Chinesen, Türken, Magyaren, Juden), diese bei der nordischen

Rasse und ihren Verwandten (Angelsachsen, Skandinaviern, Spaniern,

eigentlichen Semiten, im deutschen Adel).

Auch die sogenannte ~Lipomatosis~, bei der das Fett in

Form vieler rundlicher Klumpen auftritt, und die sogenannte

~Dercum~sche Krankheit, bei der sich schmerzhafte

Fettwucherungen entwickeln, sind offenbar idiotypisch bedingt.

Es wird öfter angegeben, daß die drei großen Stoffwechselleiden

Diabetes, Gicht und Fettsucht in den gleichen Familien zusammen

vorkommen. Man hat sich auch wohl vorgestellt, daß alle drei auf

derselben Erbanlage beruhen und sich im Erbgange gewissermaßen

vertreten könnten. Man sprach dann öfter von „ungleichartiger“

oder „polymorpher“ Vererbung. Gerade in Familien, wo man

Stoffwechselleiden in schwerer Form durch die Generationen

verfolgen kann, herrscht durchaus das Bild der „gleichartigen“

Vererbung vor. Andererseits kann man sich vorstellen, daß leichte

Krankheitsanlagen je nach ihrem Zusammentreffen mit anderen zu

verschiedenen Stoffwechselstörungen führen können. So tritt bei der

Anlage zu Fettsucht sehr leicht ein Zustand der Überfütterung, also

auch der Überladung mit Kohlenhydraten oder mit Nukleïnen ein, und

es ist leicht verständlich, daß auf diese Weise leichte Schwächen

des Kohlenhydrat- oder des Harnsäurestoffwechsels, die andernfalls

keine krankhaften Folgen gehabt haben würden, als Zuckerkrankheit

oder als Gicht in die Erscheinung treten können. Derartige

Beziehungen sind in mannigfacher Weise denkbar.

Auf ähnlichen Zusammenhängen beruht wahrscheinlich auch der

sogenannte ~Arthritismus~, welchen man in Frankreich

vielfach als die gemeinsame Grundlage von Diabetes, Gicht,

Fettsucht, Arteriosklerose, Schrumpfniere, Asthma, Psoriasis,

Muskelrheumatismus und mancherlei anderen Leiden betrachtet hat.

Bei Fettsucht werden an Herz und Arterien große Anforderungen

gestellt, und die starke Inanspruchnahme der Gefäße kann zu ihrer

vorzeitigen Abnützung, zu Arteriosklerose führen. Auch kann wohl

abnorme chemische Beschaffenheit des Blutes bei Stoffwechselleiden

die Entwicklung der Arteriosklerose befördern. Andererseits wieder

kann die Arteriosklerose durch Schädigung der Bauchspeicheldrüse

zum Diabetes führen usw. Obwohl also alle jene als Arthritismus

zusammengefaßten Leiden erblich mindestens mitbedingt sein dürften,

darf man eine „arthritische Diathese“ als idiotypische Einheit doch

nicht annehmen.

g) ~Andere innere Leiden~.

Den Stoffwechselkrankheiten stehen die Nierenleiden nahe, bei denen

infolge falscher Ausscheidung der ganze Stoffwechsel krankhaft

verändert ist. Es sind Familien bekannt geworden, in denen

~Nierenschrumpfung~ gehäuft vorkommt, ohne daß anderweitige

Krankheiten oder sonstige Schädlichkeiten als Ursache aufgefunden

werden können. Man muß wohl annehmen, daß es sich um eine idiotypische

Schwäche des Nierengewebes handelt, die ein vorzeitiges Altern der

Zellen bedingt.

Auch für die Entstehung von ~Nierenentzündungen~ ist die Bedeutung

idiotypischer Anlagen als sichergestellt anzusehen. So gibt es

Familien, in denen im Anschluß an Scharlach regelmäßig Nierenentzündung

beobachtet wurde, während diese sonst durchaus nicht eine regelmäßige

Folge des Scharlachs ist.

Auch ~konstitutionelle Albuminurie~, d. h. Eiweißausscheidung mit

dem Harn ohne nachweisbare Nierenschädigung ist in manchen Familien

gehäuft beobachtet worden. Auch kommen in denselben Familien öfter

infektiöse und andere Nierenleiden vor, was auf eine idiotypische

Schwäche des Organs hinweist.

Familiäres Auftreten ist auch von der ~konstitutionellen

Haematurie~ beschrieben worden; sie äußert sich in

gelegentlichem Blutharnen, das auf Nierenblutungen zurückgeht.

Eine idiotypische Konstitutionsanomalie scheint auch in jenen

Fällen von ~paroxysmaler Haemoglobinurie~, die nicht durch

äußere Schädlichkeiten wie Syphilis verursacht sind, vorzuliegen.

Das Leiden äußert sich in Ausscheidung von Blutfarbstoff

(Haemoglobin) mit dem Harn und es beruht darauf, daß sich

bei den betreffenden Personen nach öfter ganz geringfügigen

Kälteeinwirkungen viele Blutkörperchen auflösen.

Bei einer nicht seltenen Mißbildung der Nieren, der

~Zystenniere~, die in der Durchsetzung des Nierengewebes mit

vielen Hohlräumen besteht, ist ebenfalls mehrfach familienweises

Vorkommen berichtet worden. Da diese Mißbildung sich nur bei der

Sektion feststellen läßt, so stößt die Erforschung des Erbganges

natürlich auf große Schwierigkeiten.

Eine fortschreitende und unheilbare Art der Blutarmut, die

~perniziöse Anaemie~ wurde öfter bei mehreren Mitgliedern einer

Familie beobachtet. Bei jenen Fällen, die nicht durch äußere Ursachen

entstehen, scheint es sich um ein Versagen der Blutbildungsstätten

(Knochenmark) von innen heraus zu handeln, um ein vorzeitiges Altern

der blutbereitenden Organe infolge schwacher idiotypischer Anlage.

Regelmäßig versiegt zugleich die Absonderung des Magensaftes. Diese

„Achylia gastrica“ wurde öfter auch bei andern Mitgliedern derselben

Familien beobachtet, scheint also in idiotypischem Zusammenhang mit der

Anlage zum Versagen der Blutbildung zu stehen.

Auch jene harmloseste Art der Blutarmut, welche man als ~Chlorose~

oder ~Bleichsucht~ bezeichnet und welche ausschließlich bei jungen

Mädchen beobachtet wird, kommt in manchen Familien gehäuft vor. Die

~Chlorose~ läßt sich durch Verabreichung von Eisenpräparaten

leicht beeinflussen. Auch sonst zeigt die Erfahrung, daß auch äußere

Umstände bei ihrem Zustandekommen mitspielen. Sicher hängt sie mit

einer Störung der Eierstockstätigkeit zusammen.

Eine idiotypische Anfälligkeit scheint auch bei der Entstehung

von ~Leukämien~ mitspielen zu können. Diese verhängnisvollen

Blutkrankheiten beruhen auf einer schrankenlosen Vermehrung

weißer Blutkörperchen. Je nach den beiden großen Gruppen

weißer Blutkörperchen, den gelapptkernigen myeloischen und den

rundkernigen lymphatischen gibt es auch zweierlei Leukämien. Sowohl

bei der myeloischen als auch bei der lymphatischen Leukämie ist

familiäres Auftreten beobachtet worden. Wahrscheinlich sind aber

äußere Einflüsse von noch größerer Bedeutung, ähnlich wie bei den

bösartigen Geschwülsten, mit denen die Leukämien wesensverwandt

sind.

Am Herzen kommen sicher mancherlei angeborene Mißbildungen erblich

vor; da diese aber nicht offen zutage liegen, ist ihr Erbgang noch

ganz unbekannt. Der häufigste und meist harmlose Defekt am Herzen

ist ein Loch in der Scheidewand der beiden Vorhöfe (Bestehenbleiben

des fetalen Foramen ovale). Diese Hemmungsmißbildung, welche

fast bei jeder dritten Leiche gefunden wird, ist mit großer

Wahrscheinlichkeit idiotypisch bedingt. Ein Loch in der Scheidewand

der beiden Herzkammern wurde durch mehrere Generationen einer

Familie verfolgt. Eine abnorme Verbindung zwischen dem rechten

Herzen und der Hauptschlagader (Bestehenbleiben des fetalen

Ductus Botalli) wurde bei mehreren Geschwistern beobachtet.

Idioplasmatisch bedingt dürfte meistens auch jene ~abnorme Enge

der Lungenschlagader~ sein, welche eine schwere Hemmung des

Kreislaufs („Blausucht“) zur Folge hat (vgl. S. 202). Abnorme

Steilstellung und abnorme Kleinheit des Herzens kommt bei

asthenischer bzw. hypoplastischer Konstitution vor und ist mit

dieser erblich. Die sogenannten Herzneurosen sind in der Regel

wohl der Ausdruck allgemeiner Anomalien des Nervensystems, deren

Erblichkeit noch zu besprechen sein wird.

Auch für das Zustandekommen von ~Herzfehlern~, die sich an

~Herzklappenentzündungen~ anschließen, ist die idiotypische

Veranlagung sicher von Bedeutung. Herzklappenentzündung (Endokarditis)

tritt meistens im Gefolge von infektiösem Gelenkrheumatismus

(Polyarthritis) auf, wird aber nicht selten auch für sich allein

beobachtet. Gelenkrheumatismus wie Herzklappenentzündung und damit auch

Herzfehler werden sehr oft familienweise gehäuft beobachtet.

[Illustration: Fig. 56.

Stammbaum einer Familie mit Herzfehlern im Anschluß an

Herzklappenentzündung. Nach ~Strebel~ (gekürzt). Von der mit

Fragezeichen bezeichneten Frau ist es zweifelhaft, ob sie herzleidend

gewesen ist. Die schwarz bezeichneten Personen litten zugleich an

Verlagerung der Linse.]

Hinsichtlich der hier dargestellten Familie muß man an

geschlechtsgebunden-dominanten Erbgang denken. Im übrigen stellt

die Veranlagung zu Herzklappenentzündung sicher keine idiotypische

Einheit dar. Weiter oben wurde erwähnt, daß sie öfter mit der Anlage

zu Erythema exsudativum verbunden ist. In manchen Familien erkranken

so viele Mitglieder an Herzklappenentzündung, daß auch unter der

Voraussetzung dominanten Erbganges die Anlage fast in jedem Falle zur

Erkrankung zu führen scheint. Gelegenheit zur rheumatischen Infektion

scheint eben für alle dafür empfänglichen Personen hin und wieder

gegeben zu sein, und nicht empfängliche scheinen trotz vielfacher

Gelegenheit zur Infektion nicht zu erkranken.

Vorwiegend bei Frauen kommen auch Herzfehler vor, denen

Herzklappenentzündungen oder Gelenkrheumatismus nicht vorausgegangen

sind, und zwar sogenannte Mitralstenosen (Verengerung des Zugangs

vom linken Vorhof zur Herzkammer). Es scheint sich dabei um

angeborene Fehler zu handeln; und da Mitralstenosen bei Frauen etwa

doppelt so häufig als bei Männern sein sollen, so erscheint es

nicht ausgeschlossen, daß die meisten Mitralstenosen vielleicht auf

geschlechtsgebunden-dominanter Anlage beruhen. Da im übrigen angeborene

Herzfehler überwiegend bei männlichen Kindern gefunden werden, liegt

die Vermutung nahe, daß manche davon dem geschlechtsgebunden-rezessiven

Erbgang folgen. Jedenfalls erscheint das Geschlechtschromosom für die

Konstitution des Herzens eine besondere Rolle zu spielen.

Auch für die Entstehung von ~Magenleiden~ hat die idiotypische

Veranlagung große Bedeutung, vielleicht eine größere als unzweckmäßige

und übermäßige Ernährung. „Diätfehler“ führen fast nur bei Personen

mit „schwachem Magen“ zu ernsteren Störungen der Gesundheit.

~Muskelschwäche und Schlaffheit~ (Atonie) ~des Magens~ findet sich

besonders bei asthenischer Konstitution. Ebenso ist die ~mangelhafte

Absonderung von Magensaft~ (Achylie) zum großen Teil idiotypisch

bedingt. „Nervöse Magenleiden“ kommen als Teilerscheinung allgemeiner

Anomalien des Nervensystems vor. Übermäßige Salzsäureabsonderung

(Hyperchlorhydrie) kommt in manchen Familien gehäuft vor, meist

wohl als Erscheinung der Vagotonie (s. S. 192). Dahin gehört auch

der krampfhafte Verschluß des Magenausganges (Pylorospasmus), der

sich hauptsächlich im Kindesalter in immer wiederkehrendem quälendem

Erbrechen äußert. Die Hyperchlorhydrie begünstigt die Entstehung des

sogenannten ~Magengeschwürs~, das auf einer Selbstverdauung von Stücken

der Magenwand beruht und unter schweren Blutungen zu langwierigem

Krankenlager und selbst zum Tode führen kann. Familiäre Häufung des

Magengeschwürs ist öfter beobachtet worden.

Für die ~chronische Stuhlverstopfung~ (habituelle Obstipation) dürfte

die idiotypische Veranlagung ebenso von Bedeutung sein wie für

die (seltenere) Neigung zu Durchfällen, unter der manche Personen

zeitlebens zu leiden haben. Spastische (krampfige) Verstopfung ist

meist Teilerscheinung von Vagotonie, atonische (schlaffe) von Asthenie.

Die sogenannte ~Hirschsprungsche~ Krankheit, bei der es auf Grund

abnormer Weite des Dickdarms schon im ersten Kindesalter zu Anhäufung

großer Kotmassen im Dickdarm kommt, ist wahrscheinlich ebenfalls

idiotypisch bedingt.

~Leberschrumpfung~ (Leberzirrhose) pflegt zwar unter dem

Einfluß von Giftwirkungen (Alkohol, Syphilis, Malaria) zu

entstehen; da aber diese Schädlichkeiten auf zahllose Menschen

einwirken, ohne daß es zu Leberschrumpfung kommt, muß man wohl

an eine idiotypische Organschwäche denken, und in der Tat ist

das Leiden familienweise gehäuft beobachtet worden. Vorzeitiger

Aufbrauch infolge Schwäche der Anlage ist ja bei mehreren Organen

bekannt.

Über die erbliche Bedingtheit von ~Gallensteinleiden~

ist nichts Sicheres bekannt. Da äußere Schädlichkeiten (z. B.

Schnürfurche bei unzweckmäßiger weiblicher Kleidung) wesentlich

bei der Entstehung mitwirken, und da Gallensteine vielen ihrer

Träger keine besonderen Beschwerden machen, ist die Frage einer

erblichen Veranlagung dazu sehr schwer zu verfolgen.

Was die Krankheiten der Atemwege und der Lunge angeht, so kommt

chronischer ~Bronchialkatarrh~ und öfter damit zusammenhängend

~Emphysem~ oder Lungenblähung nicht selten ausgesprochen

familienweise gehäuft vor. Auch die oben erwähnte Anlage zu

~Asthma~ kann zu diesen Folgezuständen führen. Andererseits

scheint auch eine idiotypisch bedingte „starre Dilatation des

Thorax“, bei welcher der Brustkorb in einer Stellung wie auf der

Höhe der Einatmung steht, eine Ursache chronischen Emphysems und

Bronchialkatarrhs abgeben zu können.

Das weitaus wichtigste Lungenleiden ist die ~Lungentuberkulose~,

welche in früherer Zeit lange als eine erbliche Konstitutionskrankheit

und dann nach der Entdeckung des Tuberkulosebazillus als eine

rein paratypisch bedingte Krankheit angesehen wurde. Die Wahrheit

dürfte in der Mitte liegen. Ohne Infektion mit dem Erreger entsteht

selbstverständlich keine Tuberkulose, aber andererseits werden unter

den heutigen Lebensverhältnissen die allermeisten Menschen schon im

Kindesalter mit Tuberkulose infiziert, und doch verfällt nur ein

gewisser Bruchteil von diesen später der Lungenschwindsucht. Die

ausgesprochene familiäre Häufung der Tuberkulose kann jedenfalls

nicht nur durch die Ansteckung innerhalb der Familie erklärt werden.

Andererseits beruht sie auch sicher nicht nur auf gemeinsamer

erblicher Anfälligkeit. Äußere Einflüsse wie Unterernährung und

Berufsschädlichkeiten spielen ebenfalls eine wesentliche Rolle.

Und doch ist die Lungentuberkulose eine erblich mitbedingte Krankheit.

Wenn schon Eltern oder Geschwister eines Erkrankten an Schwindsucht

gestorben sind, so sind seine Heilungsaussichten erfahrungsgemäß

besonders ungünstig. In anderen Familien ist der Verlauf ein

übereinstimmend leichter. Wenn erbliche Unterschiede der Disposition

auch für die tuberkulöse Infektion keine Rolle spielen mögen, so tun

sie es doch für die Entwicklung der Schwindsucht um so mehr.

Die erbliche Anfälligkeit gegen Tuberkulose ist offenbar idiotypisch

nichts Einheitliches. Nur wenige von den krankhaften Anlagen, welche

dafür in Betracht kommen, sind einigermaßen sicher bekannt. Keinem

Zweifel kann es unterliegen, daß die asthenische Konstitution (s.

S. 189) eine erhöhte Anfälligkeit gegen Lungentuberkulose mit sich

bringt. Die Erfahrungen der Lebensversicherungen haben ergeben, daß

Personen, deren Brustumfang im Verhältnis zur Körperlänge zu gering

ist, in ungewöhnlich hohem Bruchteil der Schwindsucht verfallen.

Gegner einer erblichen Veranlagung zur Tuberkulose haben zwar

versucht, den asthenischen Habitus schon als eine Folge tuberkulöser

Infektion im Kindesalter hinzustellen; dagegen spricht aber die

Tatsache der ausgesprochenen Erblichkeit der Asthenie; auch gibt es

viele Astheniker, die niemals tuberkulös werden. Die Bedeutung der

Unterernährung für die Entstehung der Schwindsucht wird allgemein

zugegeben. Daraus folgt aber, daß auch alle jene erblichen Anlagen,

die zu Ernährungsstörungen und Blutarmut führen, indirekt auch eine

Anfälligkeit gegen Tuberkulose bedingen. Bei Zuckerkrankheit z. B.

entwickelt sich oft Schwindsucht, weil das zuckerhaltige Blut einen

besonders günstigen Nährboden für die Bazillen bietet. So ist also auch

die erbliche Anlage für Diabetes zugleich eine solche für Tuberkulose.

Es gibt also nicht ~eine~ erbliche Anlage zur Tuberkulose, sondern

~viele~.

Bis vor kurzer Zeit glaubte man die Frage einer „Erblichkeit“ der

Tuberkulose öfter mit dem Hinweis abtun zu können, daß eine erbliche

Übertragung von der Mutter auf die Frucht im Mutterleibe in der Regel

nicht vorkomme und eine solche von der väterlichen Samenzelle her sogar

sicher nicht. Das beruht natürlich auf einer völligen Verkennung des

Wesens der Erblichkeit. Mit unklaren Vorstellungen über Erblichkeit

hängt es auch zusammen, wenn man meint, daß bei direkter erblicher

Belastung bei allen Kindern eines Elternpaares die Veranlagung

gleichmäßig zu erwarten wäre. Auch wenn eine krankhafte Erbanlage, die

eine besondere Anfälligkeit gegen Tuberkulose mit sich bringt, sich

dominant verhält, so wird sie ja im Durchschnitt bei der Hälfte der

Kinder doch nicht in die Erscheinung treten, bei kleiner Kinderzahl

also oft gar nicht. Eine rezessiv erbliche Anfälligkeit dagegen wird

bei den Eltern sich in der Regel nicht äußern. Solche Befunde sprechen

also nicht gegen die Erblichkeit von Anlagen zur Tuberkulose. Daß die

Kinder schwindsüchtiger Eltern zum großen Teil wieder schwindsüchtig

werden, beweist für sich allein freilich nicht die Erblichkeit der

Veranlagung. Vielmehr ist gerade der Umstand, daß nicht wenige Kinder

von Schwindsüchtigen trotz aller Ansteckungsgelegenheit und trotz

aller Ungunst der Lebenslage niemals schwindsüchtig werden, ein viel

stärkerer Beweisgrund für die Bedeutung der Erblichkeit.

h) ~Erbliche Nervenleiden~.

Unter Nervenleiden sind hier nur solche Krankheiten des

Nervensystems verstanden, welche sich vorwiegend nur in

körperlichen Erscheinungen (z. B. Lähmungen) äußern. Jene Störungen

des Zentralnervensystems, die sich vorwiegend in seelischen

Anomalien äußern, sollen als solche besprochen werden, mögen

sie wie die Neurasthenie und Hysterie schönfärberisch auch als

„Nervenleiden“ bezeichnet werden. Einige Nervenleiden, die wie der

Sehnervschwund sich an ganz bestimmten Organen äußern, oder wie

die Basedowsche Krankheit, bei der die Störung des Nervensystems

nicht die eigentliche Grundlage bildet, wurden schon weiter oben

behandelt.

Besonders bedeutungsvoll ist eine Gruppe schwerer fortschreitender

Nervenleiden, welche auf dem vorzeitigen Zugrundegehen von Teilen jener

Leitungsbahnen beruhen, die vom Gehirn zu den willkürlichen Muskeln

führen und die den Muskeln die Bewegungsantriebe übermitteln. Dahin

gehören vor allem verschiedene Arten von ~erblichem Muskelschwund~

(Muskelatrophie).

Am häufigsten stellt sich erblicher Muskelschwund unter dem Bilde der

fortschreitenden ~pseudohypertrophischen Muskeldystrophie~ dar.

Gewisse Muskelgruppen werden allmählich schwächer und mehr und mehr

gelähmt, wobei sie aber äußerlich infolge gleichzeitiger Wucherung des

Fettgewebes scheinbar sogar an Umfang zunehmen können. Die Kranken

werden schließlich völlig hilflos, bis sie nach Jahren oder Jahrzehnten

dem Leiden erliegen. Obwohl die Nerven äußerlich unversehrt sind,

muß man wegen der eigenartigen Ausbreitung doch annehmen, daß im

Grunde nicht ein Muskel-, sondern eben ein Nervenleiden vorliegt.

Es handelt sich um einen Ausfall jener Funktion der Nerven, durch

die der richtige Ernährungszustand der zugehörigen Muskeln geregelt

wird. Es gibt sicher eine ganze Reihe idiotypisch verschiedener

Arten von Muskelschwund. In manchen Familien setzt das Leiden schon

in der Kindheit, in anderen im Jugendalter, wieder in anderen erst

im späteren Leben ein. Auch beginnt das Leiden in verschiedenen

Familien bei verschiedenen Muskelgruppen, z. B. an den Muskeln des

Beckengürtels oder des Schultergürtels oder des Gesichtes. Einige von

diesen verschiedenen Formen stellen scheinbar Übergänge zwischen andern

dar, so daß man wohl gemeint hat, daß es sich nur um verschiedene

Erscheinungsweisen einer und derselben Anlage handle. Stark dagegen

spricht aber der Umstand, daß das Leiden in derselben Familie

regelmäßig einen ganz ähnlichen Verlauf zu nehmen pflegt, sowie vor

allem, daß der Erbgang in verschiedenen Familien ganz verschieden sein

kann. Verhältnismäßig selten sind einfach dominante Formen; und zwar

zeigen diese in der Regel einen relativ leichten Verlauf; die schweren,

schnell fortschreitenden Formen würden sich bei dominantem Erbgange ja

überhaupt nicht halten können. So verlief auch in dem von ~Kehrer~

beschriebenen Stammbaum, der dominanten Erbgang zeigt und der hier

abgebildet ist, das Leiden außergewöhnlich leicht.

[Illustration: Fig. 57.

Eine Familie mit ~progressiver Muskeldystrophie~ (fortschreitendem

Muskelschwund) nach ~Kehrer~.]

In vorstehendem Stammbaum tritt der einfach dominante Erbgang

besonders dadurch schlagend in die Erscheinung, daß ein kranker

Mann nacheinander mit zwei gesunden Frauen neben gesunden auch

kranke Kinder erzeugt hat.

Häufiger sind rezessive Formen, wie sich z. B. aus einer

Sammelforschung von Prof. W. ~Weitz~ in Tübingen ergibt, der durch

moderne Fragestellung Licht in die Erblichkeit der Muskeldystrophien

gebracht hat. Dahin gehören wohl auch viele jener Fälle, die

nur vereinzelt in ihrer Familie beobachtet werden; unter 71

Beobachtungen waren 54 „isolierte“, 12 „familiäre“ und nur einer

mit „direkter Heredität“, wobei mehrere Fälle in derselben Familie

als eine Beobachtung gezählt wurden. Wenn die meisten Anlagen zur

Muskeldystrophie sich rezessiv verhalten, so entspricht eine derartige

tatsächliche Verteilung durchaus der theoretischen Erwartung.

[Illustration: Fig. 58.

Eine Familie, in der aus zwei Vetternehen Kinder, die später an

Muskeldystrophie erkrankten hervorgegangen sind. Nach ~Weitz~.]

Nicht ganz selten scheint auch geschlechtsgebunden-rezessiver Erbgang

vorzukommen; während in den meisten Familien Männer und Frauen in etwa

gleicher Zahl erkranken, sind in diesen regelmäßig nur Männer befallen.

Seltener als die pseudohypertrophische Muskeldystrophie ist die

sogenannte ~neurale progressive Muskelatrophie~, bei der der

Funktionsausfall der Nerven sich auch in erkennbarer Atrophie der

betreffenden Nerven äußert. Der Muskelschwund pflegt sich zuerst an

jenen Muskeln der Füße, die vom Nervus peronaeus versorgt werden, zu

äußern; später werden dann auch die Muskeln der Hände, der Arme und

Beine ergriffen. Im allgemeinen sollen etwa 5 mal so viele Männer als

Frauen befallen werden. Die Anlage ist offenbar mindestens in den

meisten Fällen geschlechtsgebunden-rezessiv.

[Illustration: Fig. 59.

Ausschnitt aus einem Stammbaum mit ~progressiver Muskelatrophie~

(fortschreitendem Muskelschwund). Nach ~Herringham~.]

Verwandt mit der neuralen ist die ~spinale Muskelatrophie~,

bei der jene Gruppen von Ganglienzellen, welche die sogenannten

Vorderhörner des Rückenmarks bilden, zugrundegehen und in der Folge die

davon ausgehenden Nervenfasern (Neuriten). Die spinale Muskelatrophie

beginnt gewöhnlich erst im 4. Jahrzehnt und zwar mit einem Schwunde

der Handmuskeln. In der Familie der Kranken sind meist keine weiteren

Fälle nachweisbar; immerhin ist aber das Leiden öfter bei Geschwistern

beobachtet worden. Das weist auf rezessiven Erbgang hin. Sicher

rezessiv ist wohl jene Art spinalen Muskelschwundes, der schon im

Säuglingsalter beginnt und öfter bei mehreren Kindern einer Familie

beobachtet wird.

In dieselbe Gruppe gehört auch die sogenannte

~Bulbärparalyse~, welche in einem Schwunde der Muskeln der

Zunge, des Mundes, des Rachens, des Kehlkopfes und der Speiseröhre

besteht und auf einem Zugrundegehen der Ganglienzellen in den

Kernen des verlängerten Markes beruht. Da bald weder Sprechen

noch Schlucken möglich ist, pflegt das Leiden nur wenige Jahre zu

dauern. Die Bulbärparalyse tritt gewöhnlich vereinzelt auf; doch

sind gelegentlich auch Fälle bei Geschwistern beobachtet worden.

Man darf daher in Analogie zu den andern Muskelatrophien wohl

vermuten, daß sie ebenfalls auf idiotypischer Grundlage entsteht;

und zwar kommt rezessiver Erbgang in Betracht.

Bei der ganzen Gruppe der Muskelatrophien handelt es sich gewissermaßen

um ein vorzeitiges Altern gewisser Organteile vergleichbar dem

vorzeitigen Ergrauen der Haare in manchen Familien und ebenso

auch mannigfachen anderen erblich bedingten Leiden wie Diabetes,

Linsentrübung im mittleren Alter, primärer (idiopathischer)

Nierenschrumpfung u. a.

Auf einem Zugrundegehen jenes Teiles der Leitungsbahn, der im

Rückenmark verläuft (Pyramidenseitenstrangbahnen), beruht die

~erbliche spastische Spinalparalyse~ (Rückenmarkslähmung).

Gewöhnlich im dritten Jahrzehnt beginnend tritt eine eigentümliche

steife (spastische) Lähmung der Beine auf, so daß selbständiges Gehen

nicht mehr möglich ist. Der Ausgang ist ebenso ungünstig wie bei

den vorher besprochenen Leiden, v. ~Pfaundler~ hat von einer

Familie berichtet, wo bei sämtlichen 6 Kindern eines blutsverwandten

Elternpaares sich spastische Spinalparalyse schon im Säuglingsalter

entwickelte.

Es wird angegeben, daß das Bild der spastischen Spinalparalyse auch

durch äußere Ursachen hervorgebracht werden könne. Man muß aber

bedenken, daß auch vereinzelt auftretende Fälle sehr wohl erblich

bedingt sein können, was man bisher meist übersehen hat.

Bei der sog. ~amyotrophischen Lateralsklerose~, die dem eben

besprochenen Leiden ähnlich ist, gehen zugleich auch Ganglienzellen

der Vorderhörner zugrunde, und demgemäß findet sich außer der

spastischen Lähmung auch Muskelschwund. Man könnte das Leiden daher

wohl zweckmäßiger als ~spastische Muskelatrophie~ bezeichnen.

Familiäres Auftreten wurde öfter beobachtet; äußere Ursachen

dagegen hat man nicht feststellen können.

Nicht sicher auszuschließen ist es bisher auch, ob nicht bei der

sogenannten Littleschen Krankheit, einem angeborenen Leiden, bei

dem die Kinder infolge spastischer Steifheit der Beine nicht

richtig gehen lernen, krankhafte Erbanlagen mitspielen können.

Zumeist scheint der Zustand allerdings durch Schädigungen des

Gehirns während der Geburt zustande zu kommen.

Sicher erblich dagegen ist die der Littleschen Krankheit

ähnliche ~fortschreitende spastische Paraplegie~ (Diplegie,

Beidseitenlähmung). Das Leiden, welches mit Augenzittern, Schielen,

Abnahme des Sehvermögens und zunehmender geistiger Schwäche einhergeht,

scheint rezessiv zu sein. Es sind mehrere Formen beschrieben worden.

Auch der Beginn des Leidens ist in verschiedenen Familien verschieden,

im Säuglings- oder im Kindesalter, sogar im späteren Jugendalter ist es

beobachtet worden.

Wenn ein derartiges erblich bedingtes Leiden schon vor der

Geburt beginnen würde, so würde es wohl als Littlesche Krankheit

beschrieben werden; daher ist der Gedanke nicht von der Hand zu

weisen, daß sich auch unter den mit diesem Namen zusammengefaßten

Zuständen erblich bedingte befinden mögen.

In die Gruppe der idiotypisch bedingten spastischen

Lähmungszustände gehört auch eine von ~Pelizaeus~

beschriebene und später von ~Merzbacher~ genauer erforschte

erbliche Krankheit, die aber meines Wissens bisher nur in einem

Verwandtschaftskreise beobachtet worden ist. Bei diesem Leiden

ist die weiße Substanz des Gehirns, welche im Unterschied von der

ganglienzellenhaltigen grauen Rinde fast nur aus Leitungsbahnen

besteht, ganz mangelhaft entwickelt, was auf einem Ausfall

der sogenannten Markscheiden der Nervenfasern beruht. Der

Zustand äußert sich schon bald nach der Geburt und pflegt gegen

Ende des zweiten Jahrzehnts zum Tode zu führen. Das Leiden,

welches wegen seiner Seltenheit ohne praktische Bedeutung ist,

ist gleichwohl von großem theoretischem Interesse, weil sein

geschlechtsgebundener Erbgang beweißt, daß gewisse Erbanlagen,

welche im Geschlechtschromosom liegen, bei der Entwicklung des

Gehirns entscheidend mitwirken.

[Illustration: Fig. 60.

Ausschnitt aus dem von ~Pelizaeus~ beschriebenen Stammbaum. Nach

~Merzbacher~.]

Da in einer Geschwisterreihe auch zwei kranke weibliche

Personen angegeben sind, so müßte man nach der Theorie des

geschlechtsgebunden-rezessiven Erbganges annehmen, daß auch der

Vater dieser Schwestern mit der Anlage behaftet gewesen sei,

während sonst die Befallenen nicht zur Fortpflanzung kamen. Leider

ist über den Vater nichts bekannt geworden.

Während bei den Muskelatrophien die Grundlage der Krankheit im

Zugrundegehen von Teilen jener Nervenbahnen, die vom Gehirn zu den

Muskeln führen, beruht, gibt es auch erbliche Nervenleiden, bei denen

Teile der zum Gehirn hinführenden Bahnen zugrundegehen. Dahin gehört

vor allem die ~erbliche spinale Ataxie~ (Rückenmarksataxie) oder

Friedreichsche Krankheit. Das Leiden beginnt im ersten oder zweiten

Jahrzehnt mit Bewegungsstörungen; beim Stehen schwanken die Kranken,

und bei geschlossenen Augen können sie sich überhaupt nicht aufrecht

erhalten, weil die Organempfindungen, mittels derer dauernd eine

unbewußte Kontrolle der Gliedmaßen erfolgt, ausfallen. Die erbliche

Rückenmarksataxie kommt öfter bei mehreren Kindern gesunder, besonders

blutsverwandter Eltern vor. Man darf daher wohl annehmen, daß sie

rezessiv erblich ist.

[Illustration: Fig. 61.

Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene (1/2) Menschliche Erblichkeitslehre · 第 57 / 64 题